Kapitel 12: Geisterbeschwörung
„Du hast WAS?" Schockiert starrte Paige ihre große Schwester an. War sie nicht diejenige gewesen, die immer wieder betont hatte, wie wichtig es doch war, sich unter keinen Umständen etwas von einer Genie zu wünschen?
„Es war ein Versehen, okay?"
„Na, dann mach es rückgängig. Jetzt hast du dir eh schon etwas gewünscht, da kannst du Phoebe den Wunsch auch noch umkehren lassen. Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Sei nur vorsichtig, dass du es richtig formulierst." Piper zögerte kurz, wohl wissend, dass ihre Schwester vermutlich nicht mögen würde, was sie zu sagen hatte.
„Nein!"
„Was?" Sie konnte ihre Schwester unmöglich richtig verstanden haben. „Piper, spinnst du? Du kannst doch nicht einfach so Chris' Gedächtnis löschen und es dann auch noch so lassen wollen. Dazu hast du kein Recht."
„Lass es mich einfach erklären, Paige. Du hast Chris vorhin nicht gehört, als er Phoebe von seiner Kindheit erzählt hat. Er hat noch nie mit uns darüber gesprochen und er klang dabei so… verletzt. Ich will nicht, dass er diesen Schmerz weiterhin erleiden muss und wenn das nur dadurch möglich ist, dass er vergisst, dass er ein Teil unserer Familie ist, dann muss es eben so sein."
Paige zögerte. Zuerst war sie überzeugt gewesen, ihre Schwester wäre verrückt geworden, aber so langsam begann sie zu verstehen, warum sie sich so entschieden hatte. Den eigenen Sohn leiden zu sehen musste für Piper einfach unerträglich gewesen sein, und Paige musste zugeben, dass der junge Mann auch auf sie niemals einen wirklich glücklichen Eindruck gemacht hatte.
Aber sie hatte gesehen, wie viel es Chris bedeutet hatte, sich endlich wieder wie ein vollwertiges Mitglied dieser Familie fühlen zu können und von ihnen allen akzeptiert zu werden. Denn auch, wenn er in der letzten Zeit für sie alle zu weit mehr geworden war, als nur ein neurotischer Wächter des Lichts aus der Zukunft, so hatte sie doch die Entdeckung seiner wahren Identität sich noch ein ganzes Stück näher kommen lassen.
Und auch wenn Chris mit seiner Familie in der Zukunft tatsächlich zum Teil schmerzhafte Erinnerungen verband, so zweifelte Paige doch keine Sekunde daran, dass er lieber diese in Kauf nahm, als sich gar nicht mehr an sie zu erinnern.
Sie selbst hatte der Tod ihrer Pflegeeltern damals schwer getroffen, aber die Vorstellung, die Zeit mit ihnen zu vergessen, nur um dem Schmerz ihres Verlusts zu entgehen war einfach undenkbar. Und sie war sich sicher, dass auch Chris so empfand; zumindest als er noch wusste, dass er überhaupt eine Familie hatte.
Bevor sie allerdings auch nur damit anfangen konnte, Piper dies klar zu machen, wurde sie vom Läuten der Türklingel unterbrochen. Genervt verdrehte Paige die Augen. Sie hatten im Moment schon genug um die Ohren, da konnten sie Besuch nun wirklich nicht gebrauchen.
Piper nutzte die Unterbrechung um in die Küche zurückzukehren, um sich wieder um ihr Dämonenproblem zu kümmern, was Paige übrig ließ, um nachzusehen, wer ihr unerwarteter Besuch war. Innerlich legte sie sich schon eine Entschuldigung parat, um, um wen auch immer es sich handelte, wieder wegzuschicken, aber als sie die Tür öffnete, war sie für den Augenblick sprachlos.
Ein riesiger Strauß roter Rosen, getragen von jemandem nur allzu Vertrautem, wartete vor der Türschwelle auf sie, und bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte, um etwas zu sagen, hob ihr Gegenüber vorsorglich seine freie Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.
„Paige, ich weiß, dass du immer noch wütend auf mich bist – und du hast auch jedes Recht dazu -", fügte er hastig hinzu, als er bemerkte, dass sie etwas dazu sagen wollte, „und ich weiß auch, dass du gesagt hast, wir sollten uns eine Weile nicht sehen, aber ich bin hier, um mich zu entschuldigen."
„Richard, ich…" Aber weiter kam sie nicht, da er sie sofort wieder unterbrach, einen schon beinahe verzweifelten Ausdruck im Gesicht.
„Bitte Paige, lass mich ausreden." Er zögerte kurz, als würde er nach den richtigen Worten suchen, um sie von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen, bis er schließlich fort fuhr.
„Ich habe lange über das nachgedacht, was du gesagt hast, und vermutlich hast du wirklich Recht. Wahrscheinlich benutze ich die Magie wirklich zu oft, sogar bei Problemen, die sich leicht ohne sie lösen lassen würden; aber du musst verstehen, dass Zauberei früher einfach ein so normaler Teil meines Lebens war, dass es immer das Naheliegendste scheint, sie zu benutzen." Mit einem schiefen Grinsen fügte er noch hinzu:
„Und du musst zugeben, dass es viele Dinge einfacher macht." Auch wenn Paige sich Mühe gab, einen ernsten Gesichtsausdruck beizubehalten, nach all den Streitereien, die sie mit ihrem Freund wegen seines exzessiven Magiegebrauchs hatte, musste sie bei dieser Bemerkung unwillkürlich lächeln. Schließlich hatte auch sie nicht nur einmal bedauert, nicht öfter in ihrem normalen Leben zaubern zu dürfen.
Aber kurz darauf wurde ihr Blick wieder ernst, denn Richard hatte in letzter Zeit die Grenze der tolerierbaren Magieanwendung deutlich überschritten, und das ganze war nun kein Spaß mehr. Er schien ihren Stimmungsumschwung zu bemerken, denn als er weiter sprach, war sein Tonfall wieder völlig ernsthaft.
„Aber ich denke, ich kann wieder lernen, Magie nur in Ausnahmefällen einzusetzen, schließlich schaffen du und deine Schwestern das auch. Ich werde wieder verantwortungsbewusst damit umgehen, und wenn nicht, dann…" er atmete tief durch, bevor er weiter redete, „dann möchte ich, dass du meine Kräfte bindest."
Überrascht sah Paige ihren Gegenüber an. Das hatte sie nun absolut nicht erwartet. Sie hatte zwar bereits daran gedacht, ihm seine Kräfte als letzte Alternative zu nehmen, aber sie hätte nie geglaubt, dass er das von sich aus vorschlagen würde. War es ihm wirklich ernst damit? Würde er tatsächlich freiwillig auf seine Macht verzichten?
Richard schien der Hexe ihre Zweifel anzusehen, denn er kam vorsichtig näher und ergriff sanft ihre Hand.
„Ich gebe lieber die Zauberkräfte, die Bücher und all das, was mir meine Familie hinterlassen hat auf, als zu riskieren dich zu verlieren. Ich liebe dich, Paige."
Vielleicht hatte er vorgehabt, sie daraufhin zu küssen, aber die junge Frau wollte nicht warten, um es herauszufinden. Innerhalb eines Herzschlages hatte sie ihre Arme um Richards Hals geschlungen und zog ihn an sich, wobei sie ihre Lippen leidenschaftlich auf seine presste. All die Spannungen zwischen ihnen der vergangenen Wochen waren auf einen Schlag verflogen und Paige spürte wieder nur allzu deutlich, warum sie sich in ihn verliebt hatte.
Allerdings versuchte der Hexer seltsamer Weise von ihr zurückzuweichen und, leicht irritiert, konnte sie zwischen ihren Küssen undeutlich die Worte „die Rosen" verstehen. Es dauerte eine Sekunde, bis sie begriff, was er damit sagen wollte, aber dann löste sie sich von ihm, einen halb amüsierten, halb schuldbewussten Ausdruck im Gesicht.
„Oh." Das war alles, was die Hexe hervor brachte, als sie auf das ziemlich zerdrückte Bündel aus dornenbesetzten Stielen und roten Blütenblättern sah, das Richard immer noch vor sich hielt. Sie hatte die Blumen im Eifer des Gefechts völlig vergessen und sie so zwischen ihren beiden Körpern eingeklemmt, so dass sie nun entsprechend geplättet wirkten.
Lachend ergriff sie Richards Hand und zog ihn hinter sich ins Haus, in Richtung Küche, wo sie eine Vase für die Rosen suchen wollte, froh, für den Moment eine Ablenkung von dem Chaos zu haben, das um sie herum herrschte. Nach dem zu urteilen, was in den letzten Minuten in diesem Haus vor sich gegangen war, schien Paige mittlerweile die einzig noch klar denkende Person hier zu sein.
Chris, der sie all die Monate über seine wahre Identität belogen hatte, konnte sich nun selbst nicht mehr daran erinnern, Phoebe war momentan eine Genie, so dass man immer vorsichtig mit dem sein musste, was man in ihrer Gegenwart sagte und Piper… Nun, Piper war ein Thema für sich.
Sicher hatte sie nur gute Absichten gehabt, als sie beschloss ihren unabsichtlich geäußerten Wunsch nicht rückgängig zu machen, aber sobald sie einen ruhigen Moment fand, würde sie ihrer Schwester mal ordentlich den Kopf waschen und ihr klar machen, was für eine idiotische Idee das gewesen war.
Aber für den Moment ignorierte Paige die dunkelhaarige Hexe, die am Küchentisch über einem Block Papier brütete, offensichtlich bemüht den Spruch fertig zu stellen um Jinny herbeizurufen, wie sie es zuvor besprochen hatten. Sie hörte sie und Richard eine kurze Begrüßung austauschen, während sie in den Schränken nach einer geeigneten Vase für die Blumen suchte, wobei es wieder völlig still im Raum wurde.
Richard blickte abwechselnd auf die beiden Schwestern, die ihm den Rücken zugewandt hatten, vertieft in ihre momentanen Aufgaben. Obwohl er keine eindeutigen Anzeichen dafür erkennen konnte, hatte er das starke Gefühl, dass momentan mehr im Haus der Halliwells vor sich ging, als nur eine routinemäßige Dämonenjagd.
Vor allem Piper erschien ihm noch distanzierter als gewöhnlich, so als würde sie etwas in Gedanken sehr beschäftigen, aber er hatte keine Idee was es sein könnte. Da seit ihrem Streit vor einigen Tage zwischen ihm und Paige Funkstille geherrscht hatte, hatte er auch nicht die blasseste Ahnung, ob etwas wichtiges vorgefallen war oder nicht.
Allerdings deutete die angespannte Atmosphäre auch zwischen den beiden Schwestern darauf hin.
Während Paige immer noch einen Schrank nach dem andern durchsuchte, auf der Suche nach einem passenden Gefäß, fiel Richards Blick unverhofft auf etwas ziemlich Ähnliches, auch wenn es den Ansprüchen vermutlich nicht ganz genügen würde. Daher lag auch eine deutliche Spur Sarkasmus in seiner Stimme, als er die Vase, oder was immer es war, hochhob und sie in Paiges Richtung hielt.
„Wenn die Farbe nicht so furchtbar kitschig wäre, könnten wir das hier ja für die Blumen nehmen." Er hatte mit einer Reaktion von Paige oder vielleicht sogar von Piper gerechnet, aber der Hexer hätte vor Schreck beinahe die Flache fallengelassen, als eine Antwort direkt aus dem Innern eben dieser kam.
„Wag es ja nicht! Wenn du auch nur daran denkst, hier Wasser reinzufüllen, kriegst du's mit mir zu tun, ist das klar, Mister?" Geschockt starrte Richard auf den Gegenstand in seiner Hand, den er nun vorsichtshalber so weit wie möglich von sich weg hielt, nicht sicher, ob von ihm eine Gefahr ausging oder nicht. Allerdings war die Stimme verstummt und auch ansonsten rührte sich nichts im Innern dessen, was er, offensichtlich irrtümlich, für eine Vase gehalten hatte.
„Was zum…? Was ist das?" Das Lachen der beiden anwesenden Hexe im Raum war es, was Richard aus seiner Starre löste, und er sah gerade rechtzeitig auf, um Piper auf sich zukommen zu sehen, bevor sie ihm, immer noch sichtlich erheitert, die Flasche aus der Hand nahm und diese wieder auf den Tisch stellte.
„Oh, das ist nur Phoebe. Ignorier sie einfach." Immer noch ziemlich perplex, sah der junge Mann von einer Schwester zur anderen, auf der Suche nach einer etwas besseren Erklärung, aber bevor Paige ihm antworten konnte, meldete sich schon wieder die Genie aus dem Innern der Flasche.
„Na, vielen Dank. Da versucht er mich zu ertränken und das einzige was du dazu sagst, ist, dass er mich ignorieren soll? Hab' ich nicht vielleicht etwas mehr Schwesternliebe verdient?" Anstatt auf diese Anschuldigung einzugehen, verdrehte Piper allerdings nur die Augen und setzte sich wieder an ihre Arbeit mit dem Zauberspruch, was Paige endlich die Möglichkeit gab, zu erklären.
„Wir hatten einige Probleme mit einer Genie, die sich dann allerdings als Dämonin herausstellte und um zu verhindern, dass ihre Flasche einem anderen Dämon in die Hände fiel, hat Phoebe sie freundlicherweise frei gewünscht. Der Haken an der Sache war nur, dass sie dafür ihren Platz einnehmen musste und so haben wir nun eine gefährliche Dämonin auf der Flucht und eine Schwester, die gleich jeden Wunsch den man aus Versehen ausspricht wörtlich nimmt." Und mit einem Seitenblick auf die am Tisch sitzende Hexe fügte sie noch hinzu.
„Nicht wahr, Piper?" Diese antwortete ihr allerdings nur mit einem warnenden Blick und wandte sich daraufhin wieder dem Vernichtungsspruch für Jinny zu.
Richard blickte verwirrt über diesen stillen Austausch von einer zur anderen Hexe, unsicher, ob er fragen durfte was los war, oder ob dies ein schwesterninterner Konflikt war, in den er sich besser nicht einmischte. Paige nahm ihm diese Entscheidung jedoch ab, als sie von sich aus auf seine unausgesprochene Frage antwortete.
„Piper hat nämlich durch einen unbedachten Wunsch das Gedächtnis ihres Sohnes teilweise gelöscht und weigert sich jetzt es rückgängig zu machen." Bei diesen Worten hatte die halb-Wächterin des Lichts die Arme vor der Brust verschränkt und sah vorwurfsvoll zu ihrer Schwester, die sie allerdings einfach zu ignorieren schien.
„Was?" Meldete sich nun wieder Richard zu Wort. „Wieso sollte Piper denn Wyatts Gedächtnis löschen wollen?" Dafür erntete er jedoch nur ein Augenrollen von Paige, die ihn verständnislos ansah.
„Nicht Wyatts, Chris'!" Und wieder an ihre Schwester gewandt fügte sie noch hinzu. „Und warum sie ihn in diesem Zustand lassen will kann ich auch nicht verstehen." Doch diesen Teil schien Richard schon gar nicht mehr mitbekommen zu haben. Geschockt starrte er erst Paige, dann Piper an, nicht sicher, ob er seine Freundin tatsächlich richtig verstanden hatte.
„Chris… Chris ist dein Sohn?", fragte er nun an Piper gewandt. Diese Frage war es schließlich, was die dunkelhaarige Frau aus ihrer vorgetäuschten Teilnahmslosigkeit riss, und so fixierte sie Richard nun mit einem durchdringenden Blick, so dass dieser beinahe einen Schritt zurückgewichen wäre.
„Ja, aber er weiß es nicht mehr, also wirst du es ihm gegenüber auch nicht erwähnen, verstanden?" Der junge Mann nickte nur abwesend und ließ sich dabei auf einen der Küchenstühle sinken.
Er war es ja durchaus gewohnt, dass im Haus der Halliwells immer irgendetwas los war, aber mit dieser neuen Entwicklung hatte er sicher nicht gerechnet. Er wusste zwar, dass der junge Wächter des Lichts aus der Zukunft gekommen war, aber dass er ein so enges Familienmitglied der Schwestern war, hätte er niemals vermutet.
Aber andererseits war es nicht ungefährlich hierher durch die Zeit zurückzureisen um Wyatt vor dem Einfluss des Bösen zu retten, und so machte es durchaus Sinn, dass es ein Verwandter war, der dieses Risiko einging.
Was allerdings keinerlei Sinn zu machen schien, war Pipers Verhalten. Warum sollte sie wollen, dass Chris nicht mehr wusste, dass er ihr Sohn war?
Auch wenn die Hexe durchaus ihre Probleme mit dem jungen Mann gehabt hatte, und Richard erinnerte sich daran, dass sie ihn sogar aus dem Haus hatte werfen wollen, so schien sich ihr Verhältnis in den letzten Wochen doch extrem gebessert zu haben. Als er das letzte Mal hier gewesen war, hatte sie definitiv den Eindruck erweckt ihn wirklich zu mögen. Oder hatte er sich etwa so sehr geirrt?
Aber was immer es auch war, das die Hexe davon abhielt ihren Wunsch rückgängig zu machen, es würde bis später warten müssen, denn in diesem Augenblick erhob sich Piper entschlossen von ihrem Platz, den Block mit dem Zauberspruch fest in ihrer Hand, und wandte sich an ihre Schwester.
„Der Spruch ist fertig. Aber bevor wir Jinny herbeirufen, müssen wir noch einen kooperativen Geist beschwören, irgendwelche Ideen?" Paige zuckte lediglich mit den Achseln, während sie in Gedanken die Liste derjenigen durchging, die in Betracht kamen.
„Wie wär's denn mit Grams? Sie hat sicher nichts gegen ein wenig Action." Piper überlegte kurz, nickte dann jedoch zustimmend.
„Ja, ich denke, dass ist die beste Möglichkeit. Sie wird nicht viele Fragen stellen und uns schnell helfen können."
„Wofür braucht ihr denn einen Geist?" Schaltete sich jetzt Richard ein.
„Da derjenige, der Phoebe frei wünscht, auch den Platz mit ihr tauschen muss, wird Jinny es bestimmt nicht freiwillig tun. Also muss ein Geist, in diesem Fall Grams, von ihr Besitz ergreifen und ein wenig nachhelfen.", erklärte Paige. Sie wollte wohl noch etwas sagen, wurde jedoch von Piper unterbrochen.
„Es könnte aber immer etwas schief gehen. Ich will Wyatt nicht im Haus haben, wenn wir einen so mächtigen Dämon wie Jinny hier her rufen. Könntest du ihn in die Zauberschule bringen, Paige, während ich hier alles vorbereite?"
„Sicher, kein Problem." Sie wollte schon die Küche verlassen, drehte sich aber vorher noch einmal zu Richard um. Und auch, wenn sie sich Mühe gab, ihre Stimme neutral zu halten, war doch offensichtlich, dass sie hoffte, er würde ihre nächste Frage bejahen.
„Wartest du hier?" Der junge Mann lächelte, schließlich hatte er, jetzt da sie sich wieder versöhnt hatten, nicht vor Paige allzu bald wieder zu verlassen.
„Natürlich. Außerdem habt ihr momentan nicht die Macht der Drei, also könntet ihr meine Hilfe vielleicht brauchen." Die Hexe erwiderte sein Lächeln, antwortete noch mit „Gut" und machte sich dann auf den Weg nach oben, dorthin wo sich ihre beiden Neffen momentan aufhielten.
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Paige hatte sich vor wenigen Augenblicken aus dem Haus teleportiert, als Piper und Richard die Treppe zum Dachboden hinaufstiegen. Der Hexer hatte sich bereit erklärt bei den Vorbereitungen für die Beschwörung zu helfen und wollte daher direkt zu dem Schrank mit den Kerzen hinübergehen als sie den Raum betraten, blieb jedoch stattdessen neben Piper in der Tür stehen, als sie überraschend feststellten, dass sie nicht alleine waren.
Chris stand vor dem Buch der Schatten und studierte es, sah nun aber auf, als er die beiden Neuankömmlinge bemerkte. Sein Blick wanderte von Piper zu Richard und wieder zurück zu dem Zettel und der Flasche in Pipers Hand und er bekam einen Verdacht, warum die beiden hier hoch gekommen waren. Nach einem kurzen „Hi" zu Richard wandte er sich daher wieder an die Hexe.
„Habt ihr einen Weg gefunden, Phoebe wieder zurückzuverwandeln?" Die Angesprochene nickte kurz und sah dann auf den Zettel mit dem Zauberspruch, möglichst bemüht direkten Blickkontakt mit ihrem Sohn zu vermeiden. Jetzt da sie wusste wer er war, und nach all dem, was in der letzten Nacht vorgefallen war, war es nicht einfach ihn wieder wie einen beinahe Fremden zu behandeln. Aber sie hatte sich so entschieden und würde es jetzt auch durchziehen. Schließlich war es so besser für ihn.
„Ja, wir werden Grams beschwören damit sie Besitz von Jinny ergreifen und sie dazu zwingen kann Phoebe frei zu wünschen. Wir warten nur noch, bis Paige aus der Zauberschule zurück ist, um die Dämonin herbeizurufen."
Chris nickte in Anerkennung ihres Plans und nach einigen Minuten standen sie vor einem Ring aus Kerzen, bereit die Großmutter der Mächtigen Drei ein weiteres Mal zurück in diese Welt zu rufen.
Piper hatte das Gefühl, sie täte dies zum hundertsten Male, als sie die mittlerweile vertrauten Worte auswendig aufsagte.
„Hör die Worte, hör mein Flehen,
musst mich heute wieder sehn.
Überquere die große Schwelle, komm…"
Dutzende helle Lichter tanzten in dem Kreis, den die Kerzen markierten, aber als Piper die Beschwörung abbrach, verblassten sie wieder und verschwanden schließlich völlig. Die Hexe hatte dies aber nicht freiwillig getan, sondern das Auftauchen einiger, in arabische Gewänder gekleideter, Dämonen und die Notwendigkeit ihren Schwertangriffen auszuweichen hatte sie dazu gezwungen.
In den nächsten Sekunden passierte alles unglaublich schnell und Piper wusste später nur noch, dass Chris sie zur Seite gestoßen hatte, als einer der Dämonen sie von hinten überraschen wollte. Dem jungen Mann gelang es, den Hieb seines Gegners mit Hilfe einer in der Nähe stehenden Lampe abzuwehren, aber er bekam dadurch nicht mit, wie sich die Dämonin Jinny höchstpersönlich auf dem Dachboden materialisierte und auf die Flasche mit Phoebe zusteuerte.
Richard hingegen bemerkte sie noch rechtzeitig und konnte sie mit einem Schwenk seiner Hand gegen die Wand schleudern. Er hätte sie sicher auch noch weiter in Schach halten können, hätte sich nicht einer der Dämonen in diesem Moment unbemerkt von der Seite genähert und den Hexer mit einem gezielten Stich in den Rücken zu Boden geschickt.
Richard schrie auf, als sich die Klinge in sein Fleisch bohrte, aber schon kurz darauf ließ ihn der Schmerz das Bewusstsein verlieren. Sein Gegner vermutete vielleicht, er sei tot, jedenfalls machte er sich nicht die Mühe sicherzugehen, sondern näherte sich stattdessen Piper, die durch Chris' Stoß zu Boden gefallen war. Allerdings kam er nicht sehr weit, denn die Hexe hob augenblicklich die Hände und ließ ihn an Ort und Stelle explodieren.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum wandern, über Chris, der es momentan mit zwei Dämonen gleichzeitig aufnahm, Richard, der offensichtlich schwer verletzt war, und schließlich Jinny, bei deren Anblick sich Pipers Magen augenblicklich verkrampfte.
Die Dämonin stand etwas abseits vom Kampfgetümmel, einen triumphierenden Ausdruck im Gesicht und in ihrer Hand die rosa Flasche mit Phoebe darin. Bevor Piper jedoch etwas tun konnte um sie aufzuhalten, lächelte Jinny noch einmal hämisch und verschwand dann so schnell und leise wie sie gekommen war.
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Blaues Leuchten in einem der Gänge der Zauberschule kündigte Paiges Ankunft dort an und nachdem sie mit Wyatt auf dem Arm schließlich vollständig materialisiert war, machte sie sich sofort auf den direkten Weg zum hiesigen Kindergarten. Sie würde den Kleinen schleunigst hier abgeben und dann nach Hause zurückkehren, um endlich Phoebe wieder in ihren Normalzustand zurückzubringen.
Und dann würden sie beide in Ruhe mit Piper reden und sie dazu bringen, einzusehen, was für einen Fehler sie gerade dabei war zu begehen. Auf ihre beiden Schwestern musste sie einfach hören.
Kurz bevor die junge Frau jedoch ihren Zielort erreicht hatte, wurde sie zurückgehalten, als jemand ihren Namen rief.
„Paige! Was machst du hier. Ist etwas vorgefallen?" Gideon stand einige Meter hinter ihr und sah sie und den kleinen Jungen auf ihrem Arm erstaunt an.
„Ach, nein, es ist nur, dass wir zuhause eine Dämonin herbeirufen wollen und Piper möchte sicher gehen, dass Wyatt in Sicherheit ist, also werd' ich ihn eine Weile hier lassen." Und mit einen Seufzen fügte sie noch hinzu, „Sie ist momentan einfach etwas überfürsorglich, was ihre Söhne angeht." Gideons Augenbrauen stiegen in die Höhe, als er Paiges Worte hörte. Also wussten die Schwestern Bescheid…
„Ihre Söhne?", fragte er jedoch noch vorsichtig nach, nur um sicherzugehen. Erschrocken und verlegen zugleich schlug sich die Hexe eine Hand vor den Mund, und sah den Ältesten dabei entschuldigend an.
„Oh. Uhm… also, das hätte ich jetzt wahrscheinlich nicht sagen sollen, gerade da Leo noch nichts davon weiß. Vergessen sie am besten einfach, was ich gesagt habe, okay?" Ein wissendes Lächeln legte sich auf die Lippen des Direktors der Zauberschule, als er der jungen Frau vor sich antwortete.
„Du meinst, dass Chris Pipers und Leos Sohn ist? Sollte ich etwa das wieder vergessen?" Sprachlos starrte Paige ihr Gegenüber für einige Augenblicke an, bevor sie ihre Stimme wiedererlangte.
„Was? Woher wissen sie…? Hat Chris es ihnen etwa erzählt?" Die Worte klangen größtenteils überrascht, aber so ganz konnte die Hexe nicht verbergen, dass sie auch etwas verletzt war. Hatte Chris etwa Gideon, jemandem den er kaum kannte, sein Geheimnis anvertraut, aber nicht seiner eigenen Familie? Der Älteste schien zu erahnen was sie dachte, denn er beeilte sich zu erklären, warum er davon wusste.
„Nein, erzählt hat er es mir nicht, nur bestätigt. Er sagte ja bereits, dass er etwa zwanzig Jahre aus der Zukunft kommt, und nachdem ich erfahren hatte, dass er nicht nur Wächter des Lichts, sondern auch zur Hälfte Hexe ist, erschien es mir recht offensichtlich, wenn man sein Alter und seine Verbundenheit mit euch in Betracht zog. Ich war mir nur nicht sicher, ob er dein Sohn ist, oder Pipers und er war so freundlich und bestätigte mir letzteres."
Paige sah Gideon ein weiteres Mal stumm an, wobei sie das Gefühl hatte, ein absoluter Idiot zu sein. So wie er jetzt die Hinweise auf Chris' Identität aufzählte, schien es tatsächlich die logischste Schlussfolgerung überhaupt zu sein, dass der junge Mann mit ihnen verwandt war. Wie hatte sie das nur nicht sehen können? Ihre Gedankengänge wurden jedoch jäh unterbrochen, als der Älteste etwas aufgriff, was sie soeben gesagt hatte.
„Was meintest du damit, Piper sei ‚überfürsorglich'? Ist es nicht normal, dass eine Mutter ihre Kinder beschützen will?"
„Ja, doch, natürlich. Aber die Dämonin, die wir gleich herbeirufen wollen, war bis vor kurzem noch eine Genie, bis Phoebe aus Versehen ihren Platz eingenommen hat. Und da Chris wohl in seiner Vergangenheit viele schlimme Dinge erlebt hat, hat Piper sich gewünscht, dass er diese vergisst, und jetzt weiß er nicht mehr, dass er ihr Sohn ist. Er hat überhaupt völlig vergessen, dass er ein Teil unserer Familie ist. Und da Piper die verrückte Idee hat, es wäre so besser für ihn, weigert sie sich den Wunsch rückgängig zu machen."
Als sie Gideons überraschten Gesichtsausdruck sah, machte die Hexe lediglich eine wegwerfende Geste, um zu signalisieren, er brauche sich keine Sorgen zu machen.
„Ach, machen Sie sich keine Gedanken darüber. Sobald Phoebe wieder sie selbst ist, werden wir Piper schon wieder zur Vernunft bringen."
Sie hielt inne, als ihr einfiel, dass sie sich eigentlich hatte beeilen wollen und schenkte dem Ältesten noch einen entschuldigenden Blick, bevor sie sich verabschiedete.
„Entschuldigen Sie, Gideon, aber ich muss jetzt wirklich Wyatt wegbringen und zurück zu meinen Schwestern. Sie warten sicher schon auf mich."
„Oh, aber natürlich. Und viel Glück mit dem Dämon."
„Danke." Gerade als Paige jedoch wieder in Richtung des Kindergartens gehen wollte, spürte sie zu ihrer Überraschung jedoch ein Kribbeln in ihrem ganzen Körper, so wie jedes Mal wenn sie sich teleportierte. Allerdings war nicht sie selbst es, die dies ausgelöst hatte, sondern Wyatt hatte beschlossen sie beide augenblicklich ins Halliwell Manor zurückzubringen, ohne dass Paige eine Ahnung hatte, was sie dort erwarten würde.
tbc
