Kapitel 13: Desperate Times, Desperate…
Gideon lief zielstrebig durch die Gänge der Zauberschule in Richtung seines Büros. Ein zuversichtliches Lächeln spielte auf seinen Lippen, während er in Gedanken die nächsten Schritte in seinem Plan zur Beseitigung des halliwellschen Nachwuchses durchging.
Wissend, dass Chris in diese Zeit gekommen war, um zu verhindern, dass Wyatt zu einer Bedrohung wurde, hatte er bereits mit dem Gedanken gespielt, den jungen Mann zu einer Schachfigur in seinem Spiel zu machen. Seit er jedoch wusste, dass die beiden Brüder waren, schien jede Hoffnung, den Wächter des Lichts der Mächtigen Drei dazu zu bringen Wyatt zu töten, vergebens. Denn selbst wenn er ihn davon hätte überzeugen können, dass für seinen Bruder keine Chance mehr bestand auf der Seite des Guten zu bleiben, bezweifelte der Älteste, dass der junge Mann in der Lage gewesen wäre diesen kaltblütig zu ermorden. Schließlich wusste Gideon nur allzu gut, wie stark die familiären Bande zwischen den Halliwells waren.
Jetzt schien sich allerdings das Blatt gewendet zu haben. Wenn Chris tatsächlich nicht mehr wusste, dass er ein Halliwell war, so ließ er sich, mit dem richtigen Maß an Feingefühl, sicherlich davon überzeugen, dass es keinen anderen Weg gab Wyatt aufzuhalten, als ihn ein für allemal zu erledigen. Und sollte er doch scheitern, vielleicht sogar von den Schwestern im Eifer des Gefechts getötet werden – ein Problem weniger, das der Älteste zu lösen hatte. So oder so, er konnte also nur gewinnen.
Jetzt galt es also nur noch einen Weg zu finden, Chris einen Stoß in die richtige Richtung zu geben, ohne dass das Ganze auf ihn zurückfallen konnte. Als Gideon jedoch die Tür seines Büros hinter sich schloss, kam ihm bereits ein Gedanke. Vielleicht war es an der Zeit für eine etwas ungewöhnlichere Zusammenarbeit…
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Als Paige sich wieder materialisierte fand sie sich mitten auf dem Dachboden des Halliwell Manors wieder. Völlig überrascht sah sie immer noch zu Wyatt, den sie im Arm hielt, und der sie beide ohne ihre Einwilligung hierher befördert hatte, aber einen Augenblick später wurde ihre Aufmerksamkeit auch schon von den Geschehnissen um sie herum beansprucht.
Das erste was sie sah, als sie ihre Umgebung wieder klar erkennen konnte war, wie Piper einen in arabische Gewänder gekleideten Dämon in die Luft sprengte, der gerade in einen Kampf mit Chris verwickelt war, obwohl ihre Hilfe nicht einmal wirklich nötig gewesen war, da sich der junge Mann offensichtlich auch gut alleine verteidigen konnte.
Aber nach dem Zustand des Dachbodens zu urteilen, war deutlich, dass dieser Dämon wohl kaum der einzige Angreifer gewesen war. Kerzen, die zuvor offensichtlich in einem ordentlichen Kreis gestanden hatten, waren überall auf dem Boden verstreut und Brandspuren auf dem Teppich verrieten, wo bereits einige andere Dämonen ihr Ende gefunden hatten.
„Seid ihr in Ordnung?", fragte Paige daher erschrocken, während sie die wenigen Meter zwischen sich und ihrer Schwester und ihrem Neffen zurücklegte. Die beiden wirkten zwar unverletzt, aber möglicherweise waren ihre Wunden nur nicht so leicht zu entdecken.
„Ich wollte Wyatt gerade in der Zauberschule unterbringen, als er uns plötzlich hierher zurück gebracht hat. Ich weiß du wolltest ihn nicht hier haben, Piper, bitte entschuldige."
Die älteste der Mächtigen Drei kam ihr entgegen und nahm ihr den kleinen Jungen ab, ihr Gesichtsausdruck deutlich ernster als Paige es erwartet hätte. Sobald sie Wyatt sicher auf dem Arm hatte, ergriff Piper sanft eine Hand ihrer jüngeren Schwester und sah ihr betroffen und angespannt in die Augen. Ihre Stimme klang seltsam leer und traurig, als sie schließlich sprach.
„Ist schon okay. Chris und ich sind in Ordnung, aber…" Ihr Blick wanderte vom Gesicht ihrer Schwester zu einem Punkt auf dem Boden einige Meter hinter dieser und plötzlich konnte Piper nicht mehr weiter sprechen. Zu viel Leid hatte es in der letzten Zeit in dieser Familie gegeben, und sie wusste, sobald Paige sich umdrehte, würde ihr das Herz brechen.
Die junge Frau sah ihre große Schwester für einen Augenblick irritiert an, bevor sich eine schreckliche Vorahnung in ihrem Innern ausbreitete und ihr die Luft zum atmen nahm. Sie wusste genau, was sie hinter sich erwarten würde und mit dem Gefühl, dass jede ihrer Bewegungen endlos andauerte, folgte sie Pipers Blick und drehte sich langsam um.
Nicht einmal einen Meter hinter der Stelle an der sie erst vor wenigen Sekunden erschienen war, lag eine schwarz gekleidete Gestalt mit dem Rücken zu ihr bewegungslos am Boden. Richard, der Mann der für sie die Welt bedeutete lag dort, eine große Blutlache unter seinem Körper, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit noch weiter ausdehnte.
Paige befreite sich aus dem Griff ihrer Schwester und eilte an die Seite ihres Freundes. Nachdem ihr gerade für einen Moment alles wie in Zeitlupe vorgekommen war, schien die Welt die verlorene Zeit nun wieder aufholen zu wollen, indem sich auf einmal alle Geschehnisse in doppelter Geschwindigkeit abzuspielen schienen.
Bevor sie so richtig wusste, was geschah, kniete Paige hinter Richard auf dem Boden und strich mit dem Rücken ihrer rechten Hand sanft über seine blasse Wange. Tränen liefen ihr übers Gesicht und ließen ihre Sicht verschwimmen, während ein herzzerreißendes Schluchzen nach dem anderen ihren Körper erzittern ließ.
Die Halb-Wächterin des Lichts konnte spüren, wie sich Piper zögerlich neben sie sinken ließ und ihre Hände in einer tröstenden Geste auf ihre Schultern legte, aber sie schüttelte sie sofort wieder ab; sie konnte die Berührung in diesem Moment einfach nicht ertragen.
Das konnte nicht wahr sein. Es durfte nicht. Wie konnte Richard tot sein, wenn sie doch vor zehn Minuten noch mit ihm gesprochen hatte? Aber vielleicht gab es noch Hoffnung, vielleicht lebte er ja doch noch.
Paige lehnte sich über ihn und tastete mit zitternden Fingern an seinem Hals nach einem Puls. Sie war jetzt ganz still, wagte es nicht zu atmen, während sie verzweifelt auf ein Zeichen wartete, dass noch etwas Leben im Körper ihres Freundes war.
Da! Schwach und kaum zu spüren, aber sie war sich sicher, dass sie seinen Puls gefühlt hatte. Ohne groß darüber nachzudenken, ließ sie ihre Hände einige Zentimeter über seiner Wunde schweben, und versuchte sich darauf zu konzentrieren zu heilen. Sicher, sie war noch nie dazu in der Lage gewesen, aber sie war schließlich die Tochter eines Wächters des Lichts. Irgendwo in ihrem Innern musste diese Fähigkeit doch verborgen sein. Aber nichts geschah. Kein Glühen. Kein gar nichts.
„Paige… du kannst nicht…", hörte sie die mitleidigen Worte ihrer Schwester, aber es lag kein Trost darin.
„Ich weiß!", antwortete sie daher nur, ihre Stimme halb erstickt in einem weiteren Schluchzen, bevor sie Richard an sich zog, so dass sein Oberkörper auf ihrem Schoß ruhte. Die junge Frau schlang ihre Arme um seine Brust und senkte ihren Kopf, so dass ihre Stirn auf seiner lag und ihre Tränen in seinem Haar verschwanden.
Sie hörte kaum, wie Piper immer wieder nach ihrem Ehemann rief um Richard vielleicht doch noch heilen zu können, sondern ließ sich ganz von ihrer Trauer überwältigen, nur einen Gedanken im Kopf, den sie nun leise immer und immer wieder mit erstickter Stimme aufsagte, wie ein Mantra, so als könnte es etwas an dem ändern, was geschehen war.
„Ich liebe dich…Ich liebe dich…Ich liebe dich…"
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Chris stand bewegungslos hinter den beiden Hexen und beobachtete mitleidig, wie Paige versuchte Richards Leben zu retten. Die junge Frau war so verzweifelt, dass sie versuchte ihn selbst zu heilen, obwohl sie doch wissen musste, dass dies nicht in ihrer Macht lag. Und wie erwartet geschah nichts, so dass auch Piper ihrer Schwester schließlich die traurige Wahrheit ins Gedächtnis rufen wollte, aber diese antwortete lediglich mit einem erstickten ‚Ich weiß!', bevor sie ihren Geliebten an sich zog und über seinem leblosen Körper völlig zusammen brach.
Während Piper den Blick von ihrer Schwester losriss und begann nach Leo zu rufen, konnte Chris hören, wie Paige Richard immer wieder leise versicherte, dass sie ihn liebte, und obwohl er wusste, dass er noch nie einen geliebten Menschen verloren hatte, wurde er das Gefühl nicht los, ihre Trauer nur allzu gut nachvollziehen zu können. Woher allerdings dieses Gefühl kam, blieb keine Zeit heraus zu finden, da die Geschehnisse vor ihm plötzlich wieder seine volle Aufmerksamkeit beanspruchen.
Da Piper direkt hinter ihrer Schwester saß, und ihre Sicht auf Richard somit durch Paiges Rücken blockiert war, war Chris der erste, dem die plötzliche Veränderung auffiel. Nicht einmal die rothaarige junge Frau selbst schien es zu bemerken, als von ihren Händen plötzlich ein schwaches Leuchten ausging, das jedoch mit jedem Wort, das sie sprach heller erstrahlte.
Chris reagierte augenblicklich, legte Piper eine Hand auf die Schulter und flüsterte leise „Warte." Sofort hörte sie auf nach Leo zu rufen und sah ihren Sohn verwirrt an, folgte dann aber seinem Blick und schließlich sah sie es auch, das Licht, mit dem Paiges Hände erleuchtet waren. Es breitete sich immer weiter aus, überdeckte Richards Wunde und langsam aber sicher verschwand das Blut, mit dem seine Kleidung und der Boden getränkt waren.
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„Paige." Geschockt schlug die Angesprochene die Augen auf, hob ihren Kopf einige Zentimeter und erstarrte schließlich, als sich ihr Blick unverhofft mit Richards traf. Einige Sekunden lang sah sie ihn einfach nur fassungslos an, konnte nicht glauben, dass er noch bei ihr war, während ihr die Tränen immer noch übers Gesicht rannen.
Ihr Unglaube verflüchtigte sich erst, als Richard sie anlächelte und mit seiner Hand sanft über ihre Wange strich. Er hielt ihren Blick mit seinem gefangen und ganz allmählich erstrahlte auch Paiges Gesicht mit einem Lächeln. Augenblicklich ergriff sie seine Hand und hielt sie an ihre Wange gedrückt, während sich ein weiteres Schluchzen aus ihrer Kehle löste, aber diesmal vor Freude.
Er lebte. Er war nicht tot. Und in diesem Moment spielte es keine Rolle, wer oder was ihn gerettet hatte, Hauptsache, er war nicht fort.
Überglücklich beugte sich die Hexe zu Richard herunter und küsste ihn, lang und leidenschaftlich, völlig vergessend, was um sie herum vorging.
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Genie-Phoebe lief im Innern ihrer Flasche auf und ab, und langsam aber sicher wurde sie panisch. Draußen ging etwas vor, ihre Schwestern brauchten Hilfe, aber seit Piper sie zurück hier herein geschickt hatte, hatte niemand mehr mit ihr gesprochen, geschweige denn, sie heraus gelassen.
Bis gerade eben noch waren Stimmen und Geräusche eines Kampfes zu hören gewesen, aber nun war es beängstigend still, und Phoebe befürchtete schon das Schlimmste. Sie wollte noch ein weiteres Mal nach ihren Schwestern rufen, aber sie wurde von einer äußerst herrisch klingenden Stimme unterbrochen, und als sie nach oben sah, konnte die Genie undeutlich das Gesicht der letzten Bewohnerin dieser Flasche erkennen.
„Ich hoffe, du magst rosa, denn du wirst für eine sehr lange Zeit da drin bleiben." Die Dämonin schien für einen Moment zu überlegen, dann breitete sich auf ihrem Gesicht ein eisiges Lächeln aus.
„Kommen wir nun zu meinem ersten Wunsch. Bereite dich schon mal darauf von, ein Einzelkind zu werden." Starr vor Angst sah Phoebe zu ihrer neuen Meisterin auf. Sie konnte nichts tun, um diesen Wunsch zu verhindern, rein gar nichts. Sie würde ihre eigenen Schwestern töten müssen.
Panisch überlegte die junge Frau, was sie sagen konnte, um Jinny von ihrem Plan abzubringen. Aber wie sollte sie einer Dämonin ausreden diese einmalige Chance zu nutzen, zwei der Mächtigen Drei ein für alle mal auszuschalten? Phoebe überlegte noch, als die Besitzerin ihrer Flasche auch schon ihren Wunsch begann, wobei sie auch noch ungemein triumphierend klang.
„Genie, ich wünsche…!" Weiter kam sie allerdings nicht, da in diesem Moment die aufgeregte Stimme eines ihrer Untergebenen zu hören war. Der Mann schien gerannt zu sein, denn er stockte mehrfach um Luft zu holen.
„Herrin… Herrin! Wir… haben… wir haben es gefunden! Zanbar!"
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Aus einer der vielen dunklen Höhlen der Unterwelt waren laute, verzweifelte Schrei zu hören. Im Prinzip war dies nichts Ungewöhnliches, aber in diesem Fall hätte sich ein unbeteiligter Beobachter sicher gefragt, wovor sich der Dämon, von dem diese Schreie stammten, eigentlich fürchtete. Denn es gab keinen offensichtlichen Auslöser dafür, dass die Kreatur mit vors Gesicht gehaltenen Armen zurückwich, und dabei vor Angst kaum definierbare Laute von sich gab.
Erst als er mit dem Rücken an eine Wand stieß, gefror der Ausdruck des Horrors auf seinem Gesicht und er fiel zu Boden, tot. Aber schon nach wenigen Sekunden barsten aus seinem Körper, wie für einen Dämon üblich, Flammen und nichts als Asche blieb von seinem Leichnam übrig.
„Hhm. Es ist einfach nicht dasselbe." Diese Worte stammten von einem Mann, ganz in schwarz gekleidet, mit kurzen, ergrauten Haaren, der in diesem Moment hinter einer der Felsformationen der Höhle hervortrat. Sein Gesicht zeigte einen enttäuscht und gelangweilt wirkenden Ausdruck, während er die Überreste des schwächlichen Dämons betrachtete, den er gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode geängstigt hatte.
Es war wirklich nicht das Selbe. Früher hatte er Hexen ihre schlimmsten Ängste erleben lassen und sie damit getötet, und nun beschränkte er sich darauf ab und zu zum Zeitvertreib ein paar kleine Dämonen zu quälen. Was war nur aus ihm geworden?
Aber er wusste genau, wenn er die Unterwelt verlassen und wieder Hexen erledigen würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Mächtigen Drei von seiner Rückkehr aus dem Reich der Toten erfahren und ihn wieder jagen würden. Und darauf konnte er getrost verzichten.
Und schließlich waren sie immer noch sterblich. Sie würden nicht ewig leben. Früher oder später würde eine von ihnen das Zeitliche segnen, und dann war seine Zeit gekommen. Alles was er brauchte war etwas Geduld, auch wenn das bedeutete, dass er in den nächsten fünfzig Jahren nur ein paar jämmerliche Dämonen töten konnte. Immer noch besser, als selbst getötet zu werden.
Der Dämon seufzte schwer und wollte die Höhle gerade verlassen, als ihn eine Stimme hinter sich herumfahren ließ.
„Was ist das Problem? Ist das Töten der eigenen Leute etwa nicht so erfreulich, wie das Quälen Unschuldiger?" Barbas sah sich misstrauisch um, aber niemand war zu sehen, obwohl sich der Sprecher definitiv nur wenige Meter vor ihm befinden musste. Und er hatte das Wort ‚Unschuldiger' gebraucht, ein Begriff, den niemand so gern benutzte, wie die ‚da oben'.
„Nun, zum Einen halte ich solche schwächlichen Kreaturen wie das da," er zeigte mit dem rechten Daumen über seine Schulter auf die Überreste des Dämons, „wohl kaum für meinesgleichen, noch glaube ich, dass es in der Welt der Menschen jemanden gibt, der wirklich unschuldig ist. Und zum Anderen bist du hier in meiner Welt und ich denke nicht, dass du hier unten irgendetwas zu sagen hast. Also verschwinde besser, bevor ich dir in deinen unsichtbaren Hintern trete."
Damit glaubte der Dämon, wäre alles gesagt, aber sein geheimnisvoller Besucher war nicht gewillt unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.
„Es gibt keinen Grund für soviel Zorn, Barbas. Ich bin nur hier, um dir eine Art Handel anzubieten, von dem wir beide profitieren werden." Der Angesprochene warf einen verächtlichen Blick in die Richtung, in der er sein Gegenüber vermutete und schnaubte gereizt.
„Wenn du glaubst, ich verhandle hier über was auch immer mit einer bloßen Stimme, dann hast du dich getäuscht. Zeig dich, oder verschwinde!"
„Nur, wenn ich dein Wort habe, dass du dir anhörst, was ich zu sagen habe." Barbas zögerte kurz, nickte aber schließlich, wenn auch eher widerwillig.
„In Ordnung." Der Dämon der Angst staunte nicht schlecht, als er den Mann in dem schwarzen Umhang erkannte, der nun vor ihm erschien. Er war ohne Zweifel ein Ältester, und nicht nur das. Seinem Gewand nach zu urteilen war er der Leiter der Zauberschule, Gideon, hier unten, um mit einem Dämon zu paktieren. Nun, vielleicht würde die nächste Zeit doch nicht so langweilig und ereignislos werden wie erwartet.
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„Immer noch nichts?" Piper verdrehte genervt die Augen, als ihre Schwester, die im Moment nervös auf und ab lief, sie das nun zum vierten Mal innerhalb der letzten fünf Minuten fragte, ließ aber weiterhin ihr Pendel über der Weltkarte kreisen.
„Nein Paige, immer noch nicht. Und wenn du mich noch einmal fragst…" Die Hexe ließ diesen Satz drohend in der Luft hängen, was Paige dazu veranlasste, sich mit wütend in die Hüften gestemmten Armen zu ihr umzudrehen.
„Oh, entschuldige bitte vielmals, wenn ich mir Sorgen darüber mache, dass eine Dämonin, die uns vermutlich nur allzu gerne tot sehen würde, unsere Wünsche erfüllende Schwester entführt hat. Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber ich bin schon etwas verwundert, dass wir überhaupt noch am Leben sind. Nicht, dass ich sie dazu ermutigen möchte, aber warum wünscht Jinny sich nicht einfach, dass wir alle sterben? Sie hat doch jetzt die Macht dazu?"
Ratlos sah sie von Piper zu Richard und Chris, die ebenfalls neben dem Tisch mit der Karte standen und darauf warteten, dass Piper Phoebe ausfindig machte. Der junge Wächter des Lichts zuckte unschlüssig mit den Achseln, bevor er der Hexe antwortete.
„Vielleicht will sie ihre Wünsche einfach für etwas anderes aufsparen und denkt nicht, dass ihr ihr noch gefährlich werden könnt." In genau diesem Moment sauste der Kristall des Pendels mit einem befreienden ‚Klack' auf die Weltkarte und wies eindeutig auf einen wüstenartigen Bereich irgendwo in Syrien. Triumphierend hob Piper ihren Blick von der Karte und sah in die Runde.
„Nun, in dem Fall denke ich, wird es Zeit, dass wir ihr das Gegenteil beweisen." Entschlossen ging sie zu einem der Regale hinüber, auf dem noch einige Vernichtungselixiere standen und steckte diese ein, dann drehte sie sich zu ihrem Sohn und Richard um.
„Jemand muss auf Wyatt aufpassen, während Paige und ich Phoebe zurückholen. Es würde zu viele Zeit kosten ihn wieder in die Zauberschule zu bringen, und wer weiß ob er sich nicht ohnehin sofort wieder hierher teleportieren würde." Und dann an ihre Schwester gewandt fügte sie noch hinzu, „Und wir sollten sofort gehen, denn du hast Recht, Jinny hat die Möglichkeit uns jederzeit zu töten, und ich will unser Glück nicht unnötig überstrapazieren."
Chris hob eines der Schwerter auf, das einem der toten Angreifer gehört hatte und stellte sich demonstrativ neben Paige.
„Vermutlich hat Jinny, spätestens jetzt, eine ganze Armee von Dämonen, die für sie kämpfen werden. Ihr braucht also jede Hilfe, die ihr kriegen könnt." Und dann lächelte er siegessicher und sogar mit einer gewissen Vorfreude auf den Kampf. „Schließlich bin ich euer Wächter des Lichts, also ist es meine Aufgabe, auf euch aufzupassen."
Paige sah den jungen Mann neben ihr argwöhnisch mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„In Ordnung, Mr., wenn du so versessen darauf bist, einer Horde angriffslustiger Dämonen entgegenzutreten." Dann ging sie zu Richard hinüber und ergriff sanft seine Hände.
„Ist das in Ordnung, wenn du hier bleibst? Ich weiß, du magst es nicht, untätig rum zu sitzen." Aber der Hexer löste lediglich eine seiner Hände aus ihrem Griff und fuhr der jungen Frau sanft über die Wange.
„Natürlich ist das in Ordnung. Jemand muss schließlich auf Wyatt achten, und ich habe dir ja versprochen möglichst keine Magie mehr einzusetzen." Dann küsste er sie zärtlich. „Pass einfach nur auf dich auf, schließlich wirken deine neu entdeckten Heilkräfte nicht bei dir selbst, oder?"
Die Halb-Wächterin der Lichts musste unwillkürlich lächeln, als sie an ihre neuste Fähigkeit dachte, die ihrem Freund vor nicht einmal einer halben Stunde das Leben gerettet hatte. Nachdem sie es so oft erfolglos versucht hatte, war ihr Erbe zum Glück in dem Moment, als sie es am dringendsten gebraucht hatte schließlich doch noch zum Vorschein gekommen. Sie konnte gar nicht sagen, wie dankbar sie dafür war.
„Ich bin vorsichtig, versprochen." Und damit wandte sie sich von Richard ab und ging zurück zu Piper und Chris, die bereits auf sie warteten. Paige ergriff die Hand ihrer Schwester und teleportierte sich mit ihr in Richtung Mittlerer Osten, Chris direkt hinter ihnen.
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Die drei Dämonen, die sich in der Höhle aufhielten, in der sich die drei Halliwells kurze Zeit später materialisierten, sahen den Angriff nicht einmal kommen. Bevor sie sich auch nur umdrehen konnten, hatte Piper sie bereits gesprengt, aber unglücklicherweise kam ausgerechnet in diesem Moment ein weiterer von Jinnys Kämpfern aus einem der Tunneleingänge. Auch er segnete nur Sekunden darauf, durch eines der Vernichtungselixiere, das Zeitliche, aber davor gelang es ihm gerade noch Alarm auszulösen, was das gesamte Höhlensystem aufschreckte.
Mit einem Schwung seines Arms schleuderte Chris die ersten beiden der rund drei dutzend Dämonen, die daraufhin in die Höhle strömten zu Boden, so dass sie auch noch einige ihrer Artgenossen mit sich rissen. Die übrigen stürmten jedoch einfach an ihnen vorbei auf die anwesenden Hexen zu.
„Schwert!" Mit diesem Ruf entwaffnete Paige ihren ersten Angreifer und ließ ihn schon kurz darauf seine eigene Klinge spüren, aber noch bevor dieser Dämon in Flammen aufging hatte schon der nächste seinen Platz eingenommen. Ihre Überzahl war enorm, jedoch war keiner von ihnen auch nur annähernd stark genug es vor allem mit Pipers Kräften aufzunehmen. Bevor die meisten von ihnen wussten wie ihnen geschah, waren sie bereits nichts mehr als ein Häufchen Asche auf dem Boden.
Aber während die Hexe damit beschäftigt war, immer einzelne oder kleinere Gruppen von Dämonen zu sprengen, was mit der Zeit auch für sie recht anstrengend wurde, bekam sie nicht mit, wir es drei von Jinnys Kriegern gelang, ihren Sohn soweit zurückzudrängen, dass er buchstäblich mit dem Rücken zur Wand stand. Er kämpfte noch immer mit dem Schwert, dass er zuvor einem getöteten Dämon abgenommen hatte, und zunächst gelang es ihm auch ziemlich gut sich zu verteidigen. Aber schon bald traf ihn die Klinge seines Gegners ausgerechnet an seinem Schwertarm, so dass es mit der Zeit immer schwieriger wurde, dieses zu halten, geschweige denn, damit Angriffe abzuwehren.
Chris spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, während der Kampf immer mühseliger wurde. Und er musste alleine damit klar kommen, denn aus dem Augenwinkel hatte er bereits gesehen, dass sowohl Paige als auch Piper momentan selbst genug zu kämpfen hatten und ihm wohl kaum allzu bald zu Hilfe eilen würden.
Also biss er die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz in seinem rechten Unterarm und seiner linken Schulter, wo ihn seine Gegner verletzt hatten und kämpfte weiter. Und schon nach relativ kurzer Zeit machte endlich einer der Dämonen einen Fehler, den Chris ausnutzten konnte, um diesen augenblicklich niederzustrecken.
Aber als er sein Schwert ruckartig wieder aus dem sterbenden Körper herauszog, und im gleichen Moment einen weiteren Schlag parieren musste, brachte ihn dies so sehr aus dem Gleichgewicht, dass ein zusätzlicher Stoß des dritten Angreifers ihn endgültig zu Boden gehen ließ.
Scheppernd fiel sein Schwert zu Boden und rutschte weit außerhalb seiner Reichweite und bevor Chris auch nur daran denken konnte, es mittels seiner telekinetischen Kräfte zurückzuholen, sah er bereits den todbringenden Schwerthieb seines Gegners auf sich hinabsausen.
Unwillkürlich schloss er die Augen, bevor die Klinge ihn treffen konnte und erwartete den Schmerz, aber zu seiner großen Verwunderung und Erleichterung kam dieser nie. Stattdessen hörte er Pipers zornige Stimme durch die Höhle donnern.
„Wag' es bloß nicht!" Als Chris daraufhin wieder die Augen öffnete um zu sehen, was geschehen war, fluchte er kurz und schloss sie sofort wieder, da ihn ein feiner Ascheregen umgab und unter seinen Lidern brannte. Mit einer Hand an die Wand gestützt richtete er sich auf, während er mit der anderen immer wieder über sein Gesicht fuhr, um die verbrannten Reste toter Dämonen daraus zu entfernen. Denn es war offensichtlich, dass Piper seine Gegner gesprengt hatte.
Als er aber wieder die Augen öffnete und sich bei ihr bedanken wollte, blieb ihm vor Überraschung für einen Moment der Mund offen stehen als er sich umsah. Denn die Höhle, in der sich nur Sekunden zuvor noch mindestens zehn Dämonen befunden hatten, war nun, abgesehen von den Halliwells, absolut leer. Nur an einigen Stellen war noch zu sehen, wie die verkohlten Reste ihrer Angreifer langsam zu Boden rieselten.
Mit einem anerkennenden Pfiff ging Chris zu den beiden Hexen hinüber, wobei er sich noch einmal sorgfältig umsah um sich zu vergewissern, dass auch wirklich alle Dämonen tot waren. Aber außer ihnen dreien war hier niemand mehr am Leben und so verließen sie die Höhle durch den Tunnel, aus dem ihre Angereifer gekommen waren um sich weiter auf die Suche nach Jinny und Phoebe zu machen.
tbc
