Kapitel 14: Schuld und Sühne
Chris folgte den beiden Hexen mit einigen Metern Abstand, um sicher zu gehen, dass sie nicht von hinten überrascht werden konnten. Aber anstatt sich auf mögliche Verfolger zu konzentrieren, wanderte sein Blick immer wieder zu seinem rechten Arm, den Paige kurz zuvor geheilt hatte. Die junge Frau besaß ihre magischen Kräfte erst seit ein paar Jahren und doch hatte sie nun die Macht zu heilen in sich entdeckt. Und auch, wenn er sie auf Grund seiner meist gnadenlosen Natur kaum einsetzte, besaß auch Wyatt sie bereits seit er ein Kind war.
Nur er, Chris Perry, hatte sie nicht, obwohl er genau wie die beiden zur Hälfte ein Wächter des Lichts war. Er war nicht in der Lage auch nur die allerkleinste Schramme zu heilen, so oft er es auch schon versucht hatte.
Wütend über seine eigenen geringen Kräfte starrte er auf seine Hände, während er darüber nachdachte wie haushoch überlegen ihm Wyatt in der Zukunft gewesen war. Ohne die Reise in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der die Kräfte seines Feindes wenigstens noch einigermaßen begrenzt waren, wären er und der Rest des Widerstands sicher bald ausgelöscht worden.
Chris stoppte abrupt, als ihm plötzlich ein erschreckender Gedanke durch den Kopf ging. Was, wenn es schon fast zu spät ist? Nein, er hatte sicher noch Zeit, versuchte er sich selbst zu überzeugen. Kein Dämon schien momentan allzu großes Interesse an Wyatt zu haben. Aber die Zweifel blieben hartnäckig.
Jinny kontrolliert immerhin einen Flaschengeist. Wer weiß schon, was sie, oder ein anderer Dämon, dem die Flasche in die Hände fallen könnte, sich alles wünscht? Unschlüssig fuhr sich der junge Mann mit beiden Händen übers Gesicht, während er spürte, wie sich Angst in ihm ausbreitete. Jinny konnte sich wirklich jeden Moment etwas wünschen, dass Wyatts Verwänderung auslösen könnte, und er hatte keine Chance das zu verhindern. Was sollte er nur tun?
Ich muss ihn aufhalten. Ein für alle mal, bevor es zu spät ist. Der Gedanke lag ihm schwer im Magen, aber gleichzeitig spürte Chris die Gewissheit in sich wachsen, dass dies tatsächlich die einzige Möglichkeit war, die Zukunft, seine Welt zu retten.
Er schluckte schwer und sah mit ausdruckslosem Blick geradeaus zu Piper und Paige, die stehen geblieben waren, um festzustellen, wo er so lange blieb.
„Es tut mir Leid, aber ich muss ihn aufhalten." Mit diesen Worten verließ Chris den Tunnel in einem Wirbel aus blauem Licht und teleportierte sich zurück ins Halliwell Manor.
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Chris' emotionslos gesprochene Worte schienen noch in der Luft zu hängen, während sich die beiden Schwestern verwirrt ansahen. Paige öffnete den Mund um etwas zu sagen, als Piper auch schon das aussprach, was der jüngeren Hexe soeben durch den Kopf gegangen war.
„Was zum Teufel…?" Paige zuckte lediglich mit den Schultern und sah zurück zu der Stelle, an der ihr Neffe noch vor wenigen Sekunden gestanden hatte. Was konnte er nur gemeint haben? Warum war er so plötzlich verschwunden? Sie stellte diese Fragen auch ihrer Schwester, aber Piper war genauso ratlos wie sie selbst.
Die Mutter des jungen Mannes drehte sich von einer Seite zur anderen, während sie abwechselnd in die Richtung sah, aus der sie gekommen waren und in das Dunkel des Tunnels vor ihnen. Sie war sich nicht sicher, was nun zu tun war. Einerseits durften sie keine Zeit verlieren, Jinny und Phoebe zu finden, aber andererseits war sie über Chris' seltsames Benehmen äußerst besorgt.
Noch einmal sah sie in die Richtung, in der sie ihre verlorene Schwester vermutete, bevor sie sich schließlich Paige zuwandte.
„Ich hab ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wir könnten Phoebe auch alleine suchen, aber ich mache mir Sorgen um Chris." Paige nickte zustimmend und griff augenblicklich nach der Hand ihrer Schwester.
„Ich bring uns zurück nach Hause. Wenn er dort nicht ist, können wir ihn wenigstens auspendeln."
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Als die beiden Hexen auf dem Dachboden erschienen, war auf den ersten Blick alles so, wie sie es verlassen hatten. Allerdings nur, bis sie sich umdrehten.
„Oh, mein Gott.", entfuhr es Paige, noch bevor sie die Hand ausstreckte, um ihre Teleportationskräfte einzusetzen. Piper hingegen stand für einen Moment völlig still, denn ihr Verstand weigerte sich beharrlich das Bild anzuerkennen, das ihr ihre Augen zeigten.
Hinter einem bläulich schimmernden Kraftfeld befanden sich ihre beiden Söhne; Wyatt saß auf dem Boden mit einem Stofftier im Arm, während Chris vor ihm kniete, eine Athame mit beiden Händen über den Kopf haltend. Der kleine Junge sah seinen ‚großen' Bruder unschuldig an, sein Kraftfeld war nicht aktiviert, so als bestünde keinerlei Gefahr.
„Athame!" Paiges Panik erfüllte Stimme hallte über den Dachboden, blieb jedoch beinahe wirkungslos. Sie konnte den Wächter des Lichts durch das magische Feld, das ihn schützte nicht entwaffnen, bewirkte lediglich, dass er sich zu ihr umdrehte.
Chris' Gesicht wirkte traurig, aber auch entschlossen, als er zu den beiden Frauen hinüber sah.
„Es tut mir Leid, aber mir bleibt keine andere Wahl." Und nach einem kurzen Zögern, bei dem er die Augen schloss, als würde er auf etwas hören, das nur er wahrnehmen konnte, fügte er noch hinzu:
„Ich muss ihn jetzt aufhalten, solange ich noch die Chance dazu habe, oder viele andere müssen seinetwegen sterben." Er hob die Athame, die er während des Sprechens ein wenig hatte sinken lassen, wieder an um endlich seine Aufgabe zu Ende zu bringen.
Allerdings wurde er dieses Mal von Piper unterbrochen, die auf ihn zustürzte, bis auf wenige Zentimeter an das Kraftfeld heran, und ihn mit Tränen in den Augen und zitternder Stimme anflehte.
„Du darfst das nicht tun. Wir sind eine Familie, was auch immer in deiner Zeit mit Wyatt geschehen ist, wir können es verhindern. Das verspreche ich." Und während sie langsam zu Boden sank, fügte sie noch kaum hörbar hinzu:
„Du darfst deinen Bruder nicht töten!" Allerdings hatte Chris es gehört und so drehte er ungläubig den Kopf, um die verzweifelte Hexe anzusehen.
„Was? Was hast du gesagt?" Er musste sich verhört haben, Piper konnte unmöglich gesagt haben, dass Wyatt sein Bruder war. Er wusste, dass er Waise war, bei Pflegeeltern aufgewachsen; aber jetzt, da er versuchte, sich an etwas aus seiner Kindheit zu erinnern, fingen die Erinnerungen an zu verschwimmen. Fast alles, was nicht mit seiner Zeit hier bei den Halliwells zu tun hatte, wurde undeutlich und wirkte irgendwie… falsch oder zumindest unvollständig.
Chris ließ die Waffe sinken und presste beide Hände gegen die Schläfen, um das Durcheinander in seinem Kopf zu beruhigen, aber es half nichts. Bis sich schließlich ein Gedanke über alles andere legte und das Tosen der Erinnerungen zum Stillstand brachte.
Das ist nur ein Trick. Sie benutzen einen Verwirrungszauber um mich aufzuhalten, aber es wird ihnen nicht gelingen.
„Genau, nur ein Trick!" Flüsternd wiederholte er den Gedanken und wandte sich schließlich Piper zu, die sein seltsames Verhalten, immer noch entsetzt, beobachtet hatte.
„Ich weiß, dass du mich aufhalten willst, aber bleib aus meinem Kopf raus! Und deine Lügen kannst du dir sparen!"
Danach sah er wieder zu dem kleinen Jungen vor sich, der es offensichtlich immer noch nicht für nötig hielt sich zu verteidigen, sondern weiterhin vertrauensvoll zu ihm aufblickte. Aber sosehr Chris es auch versuchte, er konnte Pipers tränenerstickte Stimme nicht ausblenden, als diese wieder zu sprechen begann.
„Du erinnerst dich nicht und das ist meine Schuld. Ich hab es mir gewünscht." Piper schluckte, aber der Kloß in ihrer Kehle wurde nur noch größer, mit jedem Wort, das sie sprach. „Es war keine Absicht, aber dennoch. Ich dachte, …wenn du so glücklicher bist… Du bist mein Sohn und ich liebe dich. …Bitte!" Bei diesen Worten versagte ihr die Stimme, und sie schluchzte nur noch unkontrolliert, während sie ihre rechte Hand wie an eine Glasscheibe an das Kraftfeld legte, so nah, dass sich ihr von der Energie die Nackenhaare aufstellten.
Erschüttert über Pipers emotionale Worte starrte Chris sie an, während er unbewusst wieder die Athame sinken ließ. Konnte sie vielleicht doch die Wahrheit sagen? War sie seine Mutter und Wyatt, der größte Tyrann seiner Zeit, sein eigener Bruder? Nun, das wäre zumindest ein Grund dafür, warum er ohne diese Erinnerungen glücklicher sein sollte.
Verwirrt sah er zu dem blonden Jungen hinab und versuchte irgendeine Ähnlichkeit zwischen ihm und sich selbst festzustellen, aber weder als Kind noch als erwachsener Mann schien Wyatt ihm auch nur im Entferntesten zu ähneln. Piper hingegen…
Nein, sie lügt! Fall nicht darauf hinein! Wieder diese Gedanken, dieses Mal mit einer Intensität, die ihm Kopfschmerzen verursachte. Denk an all das Leid, das Wyatt verursacht hat. Kann das dein Bruder sein? Piper ist seine Mutter, sie würde alles sagen um ihn zu beschützen.
Wieder hatte Chris eine Hand an die Schläfe gepresst, während er flüsternd wiederholte, was gerade in seinem Kopf vor sich ging.
„Das ist nicht wahr. Wyatt kann nicht mein Bruder sein, aber du würdest alles sagen, um ihn zu beschützen." Paige, die das Geschehen bisher nur beobachtet hatte, trat nun neben ihre Schwester und sah ihren Neffen eindringlich an.
„Chris, ich weiß, dass du Angst vor dem hast, was geschieht, wenn du mit deiner Mission scheiterst, aber…" Die junge Frau hielt inne, als ihr plötzlich ein einerseits beruhigender, andererseits aber auch erschreckender Gedanke kam. „Angst", flüsterte sie leise, während sie innerlich noch einmal die ganze Situation durchging.
Die Art, wie Chris sich an den Kopf gegriffen hatte, wie er etwas zu hören schien, das nur er hören konnte und wie er jedes Mal, wenn Piper fast zu ihm durchgedrungen war, wieder abblockte…
Pipers Beispiel folgend, legte auch Paige ihre Hände an das Kraftfeld, während sie beschwörend auf ihren Neffen einredete.
„Chris, hör mir zu! Ist da eine Stimme in deinen Gedanken, jemand oder etwas, das dir sagt, dass du uns nicht vertrauen kannst? Das deine Ängste immer weiter schürt?" Unschlüssig blickte der junge Mann zu der Hexe auf, nicht sicher, worauf sie hinauswollte, als sich plötzlich Worte, so eindringlich wie ein Blitzschlag, in seinem Verstand formten.
TÖTE IHN! JETZT! BEVOR SIE DICH AUFHALTEN KÖNNEN! Und ohne es wirklich zu wollen, merkte Chris, wie er die Athame wieder hob, den Blick fest auf Wyatt fixiert. Wie von weit entfernt konnte er immer noch Paiges Stimme hören, die allerdings immer leiser wurde.
„Es ist Barbas! Du musst gegen ihn ankämpfen. Er will, dass du deinen eigenen Bruder tötest!"
HÖR NICHT AUF DIESE VERRÄTERISCHEN HEXEN! DU HAST HIER KEINE FAMILE, DU HAST NIEMANDEN UND ALLE DIE DIR JE ETWAS BEDEUTEN WERDEN WIRD WYATT TÖTEN WENN DU IHN NICHT AUFHÄLTST!
Aber Pipers Stimme ließ ihn erneut innehalten, und auch wenn sie ihn noch leiser erreichte als die von Paige, war sie um ein Vielfaches eindringlicher.
„Chris, du kannst ihn besiegen, denn ich weiß, du bist stark. Du musstest in deinem Leben schon so viel kämpfen und du lässt dich sicher nicht von deinen Ängsten kontrollieren. Du… Aah!"
Die Hexe brach abrupt ab, als sie aus Versehen mit der Hand an das Kraftfeld stieß und durch die Energieentladung einige Meter nach hinten geschleudert wurde. Allerdings war sie im Nachhinein froh darüber, denn ihr Aufschrei riss Chris endlich aus seinem tranceähnlichen Zustand und geschockt ließ er die Athame fallen und drehte sich in Pipers Richtung.
„Mum! Alles in Ordnung?" Aber noch bevor er eine Antwort erhalten konnte, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich, und dieses Mal konnten sie auch die Anderen hören.
„Ach, wenn man es nicht selbst erledigt…" Chris drehte sich um, aber bevor er mehr erkennen konnte, als das schwarze Gewand des Neuankömmlings, hatte ihn dieser auch schon an der Kehle gepackt und auf die Beine gezogen. Er hatte Barbas zwar noch nie persönlich gesehen, aber dieser Dämon hier entsprach haargenau dem Bild im Buch der Schatten.
„Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst ihn einfach töten? War das denn wirklich zu viel verlangt?" Mit einer Hand ließ er Chris los, wobei sich sein Griff dadurch nur unwesentlich lockerte, und fuhr mit dem Handrücken vor dem Gesicht des jungen Mannes durch die Luft.
„Ich kenne deine Ängste und ich weiß genau, wie sehr du fürchtest, dass Wyatt aufwächst und wieder genauso wird, wie du ihn kennen gelernt hast. Und trotzdem hast du mir nicht gehorcht. Wieso nicht?" Bevor Chris allerdings antworten konnte, übernahm Paige dies, die nun, zusammen mit Piper, die sie leicht stützte, wieder neben dem Kraftfeld stand.
„Weil er, im Gegensatz zu dir, kein Mörder ist!" Barbas bedachte die junge Frau lediglich mit einem verächtlichen Blick, bevor er sich wieder Chris zuwandte.
„Du solltest dich aus Dingen raushalten, von denen du keine Ahnung hast, Hexe." Und dann, halb zu sich selbst murmelte er:
„Aber vielleicht hat er sich einfach geirrt, und die Verbindung zwischen dir und deinem Bruder war immer noch zu stark, selbst, als du dich nicht mehr an eure Verwandtschaft erinnern konntest."
„Er?", harkte Chris neugierig nach, aber der Dämon schüttelte nur den Kopf.
„Meine Quellen gehen dich nichts an. Und nun… sag ‚Gute Nacht'." Mit diesen Worten schleuderte er Chris mit dem Rücken in das Kraftfeld, wobei dieser durch den Energieschlag sofort das Bewusstsein verlor und bewegungslos zu Boden fiel. Barbas hatte danach die Athame nehmen und den Job zu Ende bringen wollen, aber dazu kam er niemals.
Wyatt hatte zunächst nur zugesehen, was der seltsame Mann tat, sicher, dass er für ihn keine ernsthafte Bedrohung darstellte, aber als Chris verletzt zu Boden ging, aktivierte er sein eigenes Kraftfeld, das er um seinen Bruder erweiterte und das sich, soweit es ging, innerhalb des bereits bestehenden Feldes ausbreitete.
Das Energie geladene Quadrat, das Chris zuvor mit Hilfe von vier magischen Steinen in den inneren Ecken errichtet hatte, verhinderte ein Hindurchkommen sowohl von außen, als auch von innen, so dass Barbas, der nun von Wyatts Schild zurückgeschleudert wurde, keine Möglichkeit besaß zu entkommen, sondern zwischen den beiden Kraftfeldern eingeklemmt wurde.
Der Dämon der Angst schrie vor Qualen, als die geballte Energie durch seinen Körper floss, aber es dauerte nicht einmal zehn Sekunden, bis er von Flammen erfasst wurde und zu Grunde ging. Piper und Paige beobachteten erleichtert, wie er zu Staub zerfiel, und während er sich auflöste begann auch das äußere Kraftfeld zu flackern und versagte schließlich völlig. Gleichzeitig ließ auch Wyatt seinen Schild sinken und am Ende hinderte nichts Piper mehr daran sich zwischen ihre beiden Söhne fallen zu lassen, Chris' Zustand zu überprüfen, und, als sie sicher war, dass er noch lebte, Wyatt weinend in ihre Arme zu schließen.
Paige kniete sich neben den auf der Seite liegenden Wächter des Lichts und ließ ihre Hände über seinen Körper schweben und konzentrierte sich. Sofort begannen ihre Handflächen zu leuchten und schon nach wenigen Augenblicken drehte sich Chris stöhnend auf den Rücken und öffnete die Augen.
Noch etwas durcheinander blieb der junge Wächter des Lichts zunächst regungslos liegen, während er versuchte sich zu erinnern, warum er hier auf dem Boden lag. Als sein Blick jedoch auf Pipers verheultes Gesicht und auf Wyatt in ihrem Arm fiel, traf ihn mit einem Schlag die gesamte Wucht dessen, was soeben geschehen war.
Er hatte versucht ein kleines Kind zu ermorden, seinen eigenen Bruder. Schwer atmend setzte er sich auf und drehte sich zur Seite, da er für einen Moment das Gefühl hatte sich übergeben zu müssen. Allerdings geschah nichts weiter als dass sich sein Magen und seine Kehle schmerzhaft zusammenzogen.
Chris wagte nicht sich wieder umzudrehen und seiner Mutter ins Gesicht zu sehen, also ließ er den Kopf sinken und harrte fürs erste in dieser Position aus. Erst als sich eine Hand beruhigend auf seinen Rücken legte zuckte er leicht zusammen und hob den Blick.
Paige kniete neben ihm, einen seltsam angespannten Ausdruck im Gesicht.
„Chris, wo ist Richard?" Die Hexe fragte nicht, was geschehen war, denn sie wusste, dass Chris nicht allein für sein Handeln verantwortlich war, aber unterschwellig glaubte dieser die Frage gehört zuhaben, was genau er ihrem Geliebten angetan hatte. Der junge Mann schluckte schwer und sah wieder zu Boden, bevor er antwortete.
„Er ist in Wyatts Zimmer." Ohne ein weiteres Wort verließ Paige den Dachboden und lief die Treppe hinunter um nach ihrem Freund zu sehen, den Chris, nachdem er hierher zurückgekehrt war, mit einer Vase niedergeschlagen hatte.
So blieben nur Piper, Wyatt und Chris zurück, aber der junge Mann vermied es weiterhin sich zu seiner Mutter umzudrehen. Und auch als er ihre noch ziemlich mitgenommen klingende, aber doch sehr sanfte Stimme hörte, weigerte er sich zunächst ihrer Aufforderung nachzukommen.
„Chris, sieh mich an. Bitte." Erst bei ihren nächsten Worten war er so überrascht, dass er seine anfängliche Zurückhaltung sofort aufgab.
„Es tut mir Leid, was geschehen ist. Ich…" Aber die Hexe hielt inne, als sie in die ungläubigen Augen ihres Sohnes blickte.
„Dir tut es Leid? Ich hätte um ein Haar Wyatt getötet und dir tut es Leid? Ich weiß, ich bin dein Sohn, aber… du müsstest mich dafür hassen." Schuldbewusst senkte Chris wieder den Kopf, während er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Dadurch sah er nur aus den Augenwinkeln, wie Piper Wyatt vorsichtig auf den Boden setzte, bevor sie die kurze Distanz zwischen sich und ihrem ‚Jüngsten' hinter sich brachte und ihn weinend in ihre Arme schloss.
Sie lockerte ihre Umarmung nicht für einen Moment, während sie beruhigend auf Chris einredete.
„Es war meine Schuld, dass du nicht mehr wusstest, wer du bist. Hättest du geahnt, dass Wyatt dein Bruder ist, hätte dich Barbas niemals dazu bringen können ihm etwas anzutun." Sie wich ein Stück von Chris zurück, um ihm in die Augen zu sehen und fügte mit entschlossener Stimme hinzu: „Und das hast du auch nicht."
Nach kurzem Zögern nickte der junge Mann, auch wenn er von seiner Unschuld nicht so überzeugt war, wie Piper es offensichtlich war. Er hatte erst wenige Bruchstücke seiner Erinnerung zurück, aber wenn er an all das Leid in seiner Zeit zurückdachte, das Wyatt verursacht hatte, konnte er nicht hundertprozentig ausschließen, jemals in Betracht gezogen zu haben seinen Bruder zu töten. Aber als er jetzt zu dem kleinen Jungen sah, der ihn und ihre Mutter mit großen Augen betrachtete, war er sich plötzlich sicher, diesen Plan vor seinem Gedächtnisverlust längst verworfen zu haben. Jedenfalls hoffte er das.
Chris nahm Wyatt auf den Arm und half Piper beim Aufstehen, bevor er sich bei dem kleinen Jungen entschuldigte.
„Es tut mir Leid, was passiert ist. Ich hoffe nur, du wirst mir das später nicht ständig vorhalten." Piper musste unwillkürlich lächeln, als sie ihre beiden Söhne so zusammen sah und auch Chris schien deutlich weniger bedrückt, als zuvor. Als jedoch im nächsten Moment Paige mit Richard zurück auf den Dachboden kam, spürte Chris, wie das Schuldgefühl in ihm wieder größer wurde.
Richard hatte nicht den geringsten Verdacht gegen ihn geschöpft, als er wieder im Haus erschienen war, und es war leicht gewesen ihn in einem unaufmerksamen Moment mit einer Vase aus dem Flur niederzuschlagen. Und in dem Moment war es dem jungen Mann auch völlig egal gewesen, ob er seinen zukünftigen Onkel damit nicht auch hätte töten können.
Umso erleichterter war Chris daher nun, als er sah, dass es Richard wieder gut ging, nachdem Paige seine Verletzung offensichtlich geheilt hatte. Er wollte gerade den Mund öffnen, um sich zu entschuldigen, als der andere Mann seine Hand hob um ihn zum Schweigen zu bringen.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Paige hat mir erzählt, was passiert ist. Du warst nicht du selbst, also vergiss es einfach." Wieder nickte Chris nach kurzem Zögern, wenn auch eher widerwillig.
Alle waren sie so schnell bereit ihm zu verzeihen, was er getan, oder zumindest versucht hatte zu tun. Dabei war er, da er Barbas' Stimme als Teil seiner eigenen Gedanken wahrgenommen hatte, nicht einmal wirklich sicher, wo dessen Einfluss begonnen und sein eigenes Denken geendet hatte. Wie weit hatte der Dämon ihn wirklich stoßen müssen, um aus ihm einen versuchten Kindesmörder zu machen und wie weit war er von sich aus gegangen?
Vermutlich würde er es niemals genau sagen können, also begnügte er sich fürs erste damit, seine Zweifel zur Seite zu schieben, denn es gab momentan Wichtigeres, wie ihm auch Piper kurz darauf ins Gedächtnis zurückrief, während sie Wyatt aus seinen Armen nahm.
„Wir müssen immer noch Phoebe finden. Wir sollten keine Zeit verlieren, bevor sich Jinny doch noch unseren Tod wünscht oder dieses ‚Zanbar' findet, oder wovon sie noch mal gesprochen hatte." Nach diesen Worten wollte die Hexe eigentlich mit ihrem kleinen Sohn aus dem Raum und die Treppe hinunter gehen, stoppte aber, da Richard in ihrem Weg stand, und sie, statt zur Seite zu gehen, nur geschockt anstarrte. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
„Hast du gerade ‚Zanbar' gesagt?"
„Ja." Piper sah verwirrt zu Paige hinüber, ob sie etwas mit der Reaktion ihres Freundes anfangen konnte, aber diese wirkte genau so überrascht wie sie selbst. „Was ist damit?"
Richard seufzte schwer und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht, als würde er nach den richtigen Worten suchen um eine schlechte Nachricht zu überbringen. Schließlich fragte er besorgt:
„Was hat sie euch darüber erzählt?" Piper zuckte unschlüssig mit den Schultern, bevor sie antwortete.
„Dass es eine magische Stadt in der Wüste ist, früher mal Hauptstadt eines mächtigen Reichs des Bösen." Aber sie verstand immer noch nicht genau, was daran so furchtbar gefährlich war.
„Aber die Stadt ist doch verlassen und von der Wüste verschlungen worden. Was für eine Gefahr kann denn schon noch davon ausgehen?"
„Zanbar ist ein unglaublich starkes magisches Zentrum, das von einem Nexus gespeist wird, der weitaus mächtiger ist als der unter diesem Haus. Die Quelle war Jahrhunderte lang Herrscher der Stadt, bevor diese aus unbekannten Gründen von der Wüste begraben wurde. Es heißt, er hätte dadurch einen Großteil seiner Macht verloren und trotzdem war er danach immer noch so stark, wie ihr ihn vor ein paar Jahren kennen gelernt habt."
Allmählich begann den Hexen klar zu werden, was für eine Gefahr hier drohte und nun überraschte es auch nicht weiter, dass Jinny offensichtlich keinen Wert mehr darauf legte, sich ihren Tod zu wünschen. Mit dieser Macht würde sie sie selbst mit Leichtigkeit erledigen können.
„Soll das etwa heißen, Jinny könnte die neue Quelle werden?", fragte Paige zögerlich nach.
„Viel schlimmer. Sie könnte die Cleaner vernichten und einfach alles beherrschen. Nicht nur die Unterwelt, sondern den ganzen Planeten." Eine unheimliche Stille legte sich über den Dachboden, während allen Anwesenden diese erschreckenden Aussichten durch den Kopf gingen. Erst Chris' tonlos gesprochene Worte zerrissen die Anspannung und lenkten die Blicke aller auf den jungen Mann.
„Wie Wyatt."
Tbc
