Kapitel 15: Strategischer Rückzug
Phoebe verschnaufte kurz, bevor sie ein weiteres Mal Anlauf nahm und sich gegen die Wand ihres Gefängnisses warf. Die rosa Flasche schwankte zwar schon bedenklich, aber noch blieb sie, sehr zum Verdruss ihrer Bewohnerin, stehen.
Nachdem Jinny von der Entdeckung Zanbars erfahren hatte, waren sie und ihre Gefolgsmänner sofort zu dem Ort geeilt, wo man soeben die Skelette zweier Wachhunde der Stadt entdeckt hatte, und dort hatte Genie-Phoebe ihrer derzeitigen Meisterin auch schon ihren ersten Wunsch erfüllen müssen.
Nur ein Kopfnicken war nötig gewesen, und schon waren die goldenen Türme Zanbars auf magische Weise aus dem Boden gewachsen, während Tonnen von Sand zur Seite gewichen waren und die uralte Stadt wieder freigegeben hatten, die sie vor so langer Zeit verschlungen hatten. Die Dämonen waren ehrfurchtsvoll vor den gewaltigen weißen Mauern stehen geblieben, die die Stadt umgaben, bis ihre jüngst ernannte Königin triumphierend auf das Tor zuschritten war.
Zu ihrem großen Ärger hatte Phoebe im Innern ihrer Flasche jedoch kaum etwas von all diesen Geschehnissen mitbekommen, und so war sie momentan nur sicher, dass sie sich irgendwo innerhalb der Stadt befinden musste. Jinny hatte die Flasche schon vor einiger Zeit abgestellt, und seitdem hatte sich ihr niemand mehr auch nur genähert, so dass die Genie keine Ahnung hatte, was um sie herum vorging. Allerdings war sie gerade dabei, das zu ändern.
Mit einem letzen energischen Stoß fiel die Flasche zur Seite und rollte ein Stück auf dem Tisch, auf dem sie lag, während hellblauer Rauch aus ihrer Öffnung quoll. Nachdem Phoebe, die zuerst unsanft auf dem Boden gelandet war, sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie sich neugierig in ihrer Umgebung um, und musste zu ihrer Überraschung feststellen, dass sie sich völlig allein in einem kleinen Raum befand, der vermutlich einmal als Lagerraum gedient hatte. Allerdings waren die wenigen Regale an den Wänden und die Schatullen und Behälter darauf mit einer zentimeterdicken Staubschicht und Spinnenweben bedeckt, und selbst die Verzierungen an den Wänden waren kaum noch zu erkennen. Alles wäre grau in grau gewesen, wäre da nicht ein verheißungsvolles bläuliches Licht durch die etwas offen stehende Tür gefallen. Das Licht bewegte sich und warf schimmernde Muster an die Wand, als würde es von Wasser reflektiert werden, aber als Phoebe sich dem Türspalt näherte, um hindurch zusehen, konnte sie in dem Raum vor sich kein Wasser entdecken.
Aber sie sah sofort die Quelle des Lichts; eine fast vier Meter hohe Säule, die aus flüssiger Energie zu bestehen schien, entsprang am anderen Ende des tempelartigen Saals aus dem Boden und erhob sich fast bis an die Decke, wo ein pyramidenförmiger Stein mit der Spitze nach unten angebracht war.
Phoebe war wie erstarrt, während sie die pulsierende Macht spürte, die von dem Licht ausging – hier hätte sie selbst ein normaler Mensch gespürt – und die sich ständig bewegenden Muster im Innern der Säule beobachtete.
Erst als eine schwarze Silluette zwischen sie und das Licht trat, konnte sie ihre Augen davon losreißen, und geschockt musste sie feststellen, dass es niemand anders als Jinny war, die nun an die Säule herantrat.
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„Was?" Piper sah ihren Sohn schockiert an, nicht sicher, ob sie wirklich wissen wollte, was genau seine Worte bedeuteten.
„Was meinst du damit, ‚Wie Wyatt'?" Sie wusste zwar, dass Wyatt in der Zukunft böse war, aber genau hatte Chris nie gesagt – und sie hatte auch nicht danach gefragt – was er alles getan hatte. Aber so, wie ihr Jüngster bisher von seiner Zeit gesprochen hatte, musste dort etwas Furchtbares geschehen sein, denn sonst hätte er sicherlich auch nicht das Risiko einer Zeitreise auf sich genommen.
„Ich meine damit, dass Wyatt, nachdem er Herrscher über die Unterwelt geworden war, auch angefangen hat, Menschen zu terrorisieren." Betrübt brach er den Blickkontakt mit Piper, und sah zu Boden, bevor er weiter sprach. „Und zu töten."
Obwohl es sie schmerzte, solche Dinge über ihren Sohn zu hören, nickte Piper lediglich gefasst bei diesen Worten. Chris hatte ja schon einmal erwähnt, dass sein Bruder gemordet hatte, auch wenn sie es damals nicht hatte glauben wollen.
„Die Geheimhaltung der Magie hat ihn nicht mehr gekümmert, und als die Cleaner ihn aufhalten wollten, hat er sie vernichtet. Alle auf einen Schlag." Sprachlos starrten alle Anwesenden den jungen Mann an. Sie hatten zwar gewusst, dass Wyatt unglaublich mächtig werden würde, es ja sogar jetzt schon war, aber die Cleaner zu vernichten? Das hätte ihm wohl kaum einer von ihnen zugetraut und Piper konnte nicht umhin, den kleinen Jungen auf ihrem Arm skeptisch zu betrachten, als versuche sie, schon jetzt in seinem unschuldigen Gesicht etwas von seiner zukünftigen Macht und Grausamkeit erkennen zu können.
Paige sah ihren Neffen aus der Zukunft nachdenklich an, bevor sie endlich die Frage stellte, die sie schon beschäftigt hatte, seit sie den wahren Grund für sein hier sein kannte, obwohl sie, genau wie Piper zuvor, die Antwort fürchtete.
„Und wo waren wir? Ich meine, warum haben Piper, Phoebe und ich nichts unternommen um Wyatt aufzuhalten?" Chris zögerte. Er wollte seiner Tante eigentlich mit seiner gewöhnlichen Begründung antworten, dass er nicht zu viel von der Zukunft verraten dürfe, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er ihr die Wahrheit nicht sagen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Denn Tatsache war, dass er es nicht wusste.
Die gleichen Kopfschmerzen wie zuvor setzten wieder ein, als der junge Mann angestrengt versuchte sich an etwas aus seiner Vergangenheit, betreffend seiner Familie zu erinnern, aber seine Bemühungen blieben vergeblich. Daher schüttelte er nur unschlüssig den Kopf, bevor er seiner Tante antwortete.
„Ich weiß es ehrlich nicht. Tut mir Leid, aber in meinem Kopf herrscht noch immer ein ganz schönes Durcheinander. Ich kann mich an Dinge erinnern, die… nie passiert sind und das, was wirklich geschehen ist, ist noch ziemlich verschwommen."
Schuldbewusst sah Piper zu Chris hinüber, während das schlechte Gewissen in ihr immer größer wurde. Offensichtlich hatte ihr Wunsch nicht nur seine wahre Identität gelöscht, sondern ihm auch noch falsche Erinnerungen gegeben, damit er seinen Verlust nicht bemerkte. Er musste das Gefühl haben, dass sie ihn hatte verstoßen wollen, und was ihr zuvor noch wie eine gute Idee erschienen war, wirkte nun feige und kaltherzig. Wieso hatte sie nur nicht sofort auf ihre Schwestern gehört und ihren Fehler augenblicklich wieder rückgängig gemacht?
Die Hexe seufzte schwer, wobei sie überlegte, wie sie ihrem Sohn helfen konnte, aber noch bevor sie zu einer Entscheidung kommen konnte, wurde sie von Paige unterbrochen, die zu ihrem Neffen hinüber ging, und ihm tröstlich die Hand auf die Schulter legte.
„Dann versuch nicht, es zu erzwingen. Ich bin sicher, deine Erinnerungen werden bald zurückkehren." Chris nickte lediglich zustimmend mit einem etwas unsicheren Lächeln im Gesicht, aber Piper schüttelte entschieden den Kopf und ging zum Buch der Schatten hinüber, wobei sie Wyatt in Paiges Arme schob.
„Nein. Solange werden wir nicht warten. Da draußen treibt sich irgendwo eine, vielleicht schon übermächtige Dämonin herum, die uns töten will, da möchte ich nicht, dass mein Sohn ausgerechnet jetzt eine Identitätskrise hat." Paige zog gespielt überrascht eine Augenbraue in die Höhe fragte in sarkastischem Tonfall,
„Ach, jetzt auf einmal?" Piper warf ihr einen eisigen Blick zu, bevor sie sich wieder dem Buch zuwandte, ohne weiter auf den Einwand ihrer Schwester einzugehen.
„Außerdem, wer weiß, ob er nicht irgendwelche Informationen aus der Zukunft besitzt, die uns vielleicht helfen könnten." Paige musste ihrer Schwester in diesem Punkt im Stillen Recht geben, wobei ihr plötzlich ein Gedanke kam, und sie sich mit einem fragenden Blick zu ihrem Freund umwandte.
„Was Informationen angeht; woher weißt du eigentlich soviel über Zanbar? Noch nicht einmal im Buch der Schatten steht etwas darüber." Richard machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er antwortete. Er wusste schließlich, was Paige von dem magischen Erbe seiner Familie hielt.
„Nun ja, meine Familie ist schon seit Generationen im Besitz einiger wirklich sehr alter Bücher, in denen die Stadt erwähnt wird. Soweit ich weiß, ist es schon beinahe zweitausend Jahre her, dass sie in der Wüste versenkt wurde, da hätte es mich auch gewundert, wenn eure Vorfahren etwas darüber in das Buch der Schatten geschrieben hätten." Und nach kurzem Zögern fügte er noch hinzu, „Ich kann sie herbringen, wenn ihr wollt, aber es wäre sicher das Beste, wenn wir Jinny aufhalten, bevor sie Zanbar findet und wieder auferstehen lässt."
Die anderen nickten zustimmend, aber Piper sprach aus, was jeder von ihnen befürchtete.
„Das sicherlich, aber wie groß sind die Chancen dafür, jetzt, wo sie mit Phoebe eine Genie kontrolliert?" Richard konnte ihr nicht widersprechen, und so verabschiedete er sich nur kurz, bevor er, mit dem Versprechen nicht lange zu brauchen, in Richtung seines Hauses verschwand. Paige war nicht gerade glücklich darüber, dass er wieder Magie anwendete, aber dies was eindeutig ein Notfall und so hatte sie ihm zustimmend zugenickt, direkt bevor er verschwunden war.
Piper blätterte entschlossen im Buch der Schatten, auf der Suche nach einem Zauber um Chris' Gedächtnis wieder herzustellen, wobei dieser seine Mutter mit einem unguten Gefühl im Magen beobachtete.
Sie hatte gesagt, sie hätte ihm seine Erinnerungen genommen, weil sie dachte, er wäre so glücklicher; was für schreckliche Ereignisse erwarteten ihn nun also in seiner eigenen Vergangenheit? Er wusste, es würde sicher nicht leicht werden die Wahrheit zu erfahren, aber er musste es einfach wissen. Er musste wissen, wer er war, und welche Erlebnisse ihn hierher geführt hatten, auch wenn er sich dafür der Tatsache stellen musste, dass das Böse, das er bekämpfte, sein eigener Bruder war.
Nach einer Weile schien Piper gefunden zu haben, was sie suchte, denn sie bat Paige, sich zu ihr zu stellen und sah Chris danach mit einem fragenden Blick an.
„Bist du soweit?" Dieser zuckte unschlüssig die Schultern, bevor er mit einem schiefen Grinsen antwortete.
„Nein, aber das werde ich wohl nie sein, also bringen wir es einfach hinter uns." Piper nickte, und sie und Paige wollten daraufhin gerade beginnen, den Spruch aufzusagen, als die Seiten des Buchs der Schatten plötzlich von einem magischen Windstoß erfasst wurden. Einige Sekunden lang erfüllte das Geräusch der umblätternden Seiten den Raum, bis das Buch schließlich wieder zur Ruhe kam. Die beiden Hexen blickten überrascht auf die aufgeschlagene Seite, bis Paige schließlich, in skeptischem Tonfall, wiedergab, was sie dort sah.
„Der Zauberspruch, um in die Gedankenwelt eines anderen zu reisen? Was sollen wir denn damit?" Verwirrt sah sie zu Chris, der ihr gegenüber auf der anderen Seite des Buches stand, aber der junge Mann schien auch nicht mehr als sie darüber zu wissen. Schließlich begann Piper zu sprechen, wobei sie den Eindruck erweckte, tief in Gedanken zu sein.
„Diesen Spruch haben Phoebe und du, Paige, doch damals benutzt um in meine Gedanken zu gelangen, als ich von den Dämonen manipuliert wurde." Paige nickte zustimmend und es folgte eine kurze Pause, bevor Piper weiter sprach. Ihr fiel nur ein Grund ein, warum dieser Spruch genau jetzt aufgeschlagen worden war, aber sie war sich nicht sicher, ob sie damit richtig lag. Chris würde diese Schlussfolgerung jedenfalls nicht gefallen.
„Mir scheint, dass wir diesen Zauber anwenden sollen, um in deine Erinnerungen zu reisen, wenn du sie zurück hast. Auf diese Weise erfahren auch wir, was du aus deiner Vergangenheit vergessen hast." Chris starrte seine Mutter einige Augenblicke lag sprachlos an, bevor er ihr antwortete.
„Bist du verrückt? Das kommt überhaupt nicht in Frage." Er hob die Hände um seine Worte zu unterstreichen und fuhr fort. „Es wird schon seinen Grund haben, dass ich euch so gut wie nichts von der Zukunft erzählt habe; es könnte schließlich unvorstellbare Konsequenzen haben, wenn ihr erfahrt, was alles geschehen wird." Und dann, mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck, fügte er noch hinzu, „Ich lasse nicht zu, dass ihr diesen Zauber benutzt. Gebt mir einfach meine Erinnerungen zurück, und dann können wir uns wieder wichtigeren Problemen zuwenden, wie z.B. einer fast unbesiegbaren Dämonin die uns alle umbringe will."
Paige sah ihren Neffen verständnisvoll an, während sie ihre Situation noch einmal durchdachte. Sie konnte gut verstehen, warum er nicht wollte, dass sie in seinen Erinnerungen herumstöberten, aber andererseits hatte sie auch gelernt dem Buch der Schatten zu vertrauen. Wenn es ihnen einen so deutlichen Hinweis darauf gab, was sie als nächstes tun sollten, dann war es ihrer Meinung nach das Beste, diesem Hinweis auch zu folgen. Bis jetzt hatte sich das noch nie als Fehler erwiesen.
„Chris, ich verstehe wirklich nur allzu gut, warum du das nicht willst, aber wenn das Buch…" Die Hexe brach überrascht mitten im Satz ab, als plötzlich, ohne Vorwarnung, der Boden unter ihren Füssen zu beben begann. Gläser und Fläschchen mit allen möglichen Zutaten fielen aus den Regalen und sogar das Buch der Schatten drohte von seinem Podest zu fallen, hätte Piper es nicht im letzten Moment festgehalten.
Die vier Halliwells wurden für einige Sekunden ordentlich durchgeschüttelt, und Wyatt begann in Paiges Armen zu schreien, aber bevor sie auch nur daran denken konnten, sich wegzubeamen, beruhigte sich allmählich alles wieder. Piper ließ das Buch wieder los, nahm ihren Sohn aus den Armen seiner Tante und versuchte ihn zu beruhigen, während sie sich skeptisch im Raum umsah.
„War das wirklich nur ein Erdbeben?", fragte sie mehr sich selbst als die anderen Anwesenden. Auch Paige schien einen Moment lang besorgt, aber dann hellte sich ihre Miene wieder auf, und sie wollte den Vorfall schon mit einer wegwerfenden Handbewegung abtun.
„Na sicher. Das hier ist schließlich San Francisco." Sie wollte wohl noch mehr sagen, als ein merkwürdiges Geräusch bei der Tür plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Chris und Piper hatten es offensichtlich auch gehört, denn sie drehten sich nun, genau wie Paige dorthin um, nur um bei dem Anblick, der sich ihnen dort bot zu erstarren.
Die Dachbodentür war geschlossen und lag im Halbschatten, aber in ihrer Mitte war deutlich ein seltsam glühender Kreis zu erkennen. Das Glühen wurde immer intensiver und allmählich begannen sich vom Zentrum des Kreises aus dünne Linien, wie Risse in einer Glasscheibe über die gesamte Tür auszubreiten. Es war ein merkwürdig faszinierender Anblick, der die Anwesenden für einige Augenblicke so sehr fesselte, dass sie die Gefahr, in der sie offensichtlich schwebten zu spät erkannten.
Gerade als Chris ein Stück zurückweichen wollte, explodierte die Tür mit einem ohrenbetäubenden Lärm und einer Druckwelle, die sämtliche Halliwells gegen die gegenüberliegende Wand schleuderte. Wyatt hatte seinen Schutzschild nicht rechtzeitig errichtet, um sie vor der Wucht der Explosion zu schützen, aber wenigstens dämpfte er ihren Aufprall und bewahrte sie vor den Holzsplittern der Tür, die mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum geschossen wurden.
Sobald der junge Wächter des Lichts sich von dem Aufprall erholt hatte, sah er sich als erstes nach seiner Familie um. Wyatt war noch immer sicher in Pipers Armen. Sein Kraftfeld war noch aufgebaut und schützte sie alle, und er sah mit großen Augen in die Richtung, in der bis gerade eben die Tür gewesen war. Piper und Paige schien es ebenfalls einigermaßen gut zu gehen, sie lagen ein Stück abseits von Chris und begannen nun genau wie er, sich vom Boden aufzurappeln.
Schließlich folgte der junge Mann dem Blick seines Bruders und sah hinüber zum Ursprung der Explosion, wo ihm allerdings dichte Rauchschwaden die Sicht versperrten. Erst als er und die anderen wieder standen, zeichnete sich allmählich eine Silhouette vor dem Türrahmen ab, die langsam auf sie zu schritt.
Chris erstarrte, als er, noch bevor er sehen konnte, wer dort stand, die Macht spürte, die von dieser Person ausging. Es war eine Energie, die alles in den Schatten stellte, was er jemals zuvor gespürt hatte, nicht einmal Wyatt auf dem Höhepunkt seiner Macht wäre ihr gewachsen gewesen. Die Schwestern schienen es ebenfalls zu spüren, denn offensichtlich hatten sie nicht vor, länger hier zu bleiben, um Bekanntschaft mit ihrem mysteriösen Besucher zu machen.
„Buch!" Mit diesem Wort rief Paige das Buch der Schatten in ihre Arme und griff dann nach Pipers Schulter, um sie beide und Wyatt in Sicherheit zu bringen. An Chris gewandt flüsterte sie leise „In die Zauberschule" und wollte gerade verschwinden, als eine nur allzu bekannte Stimme über den Dachboden schallte und in ihren Ohren widerhallte.
„Wollt ihr etwa schon gehen?" Es war ohne jeden Zweifel Jinny, die diese Worte gesprochen hatte, und ihr Anblick, als sie endlich aus den Rauchschwaden hervortrat, bestätigte dies, aber diese Frau schien nicht mehr viel mit der Dämonin, der sie zuvor begegnet waren, gemein zu haben. Geschweige denn, mit der rosa gekleideten Genie, die Phoebe befreit hatte.
Ihre Stimme, ihre Haltung, ihre Aura, all das strahlte eine Autorität aus, die der mittelklassigen Dämonin völlig fremd gewesen war. Ihre Augen waren schwarz, wie die der Quelle und sie war in elegante schwarze Gewänder gehüllt, die vereinzelt mit silbernen Verzierungen geschmückt waren. Ein ebenfalls schwarzer Umhang fiel über ihre schmalen Schultern und komplettierte den erhabenen Eindruck, den die neue Herrscherin von Zanbar vermittelte.
Sowohl Paige, als auch Chris versuchten zu beamen, mussten aber bald einsehen, dass es ihnen nicht gelingen würde, solange Jinny es verhindern wollte. Die drei erwachsenen Halliwells warfen sich besorgte Blicke zu, bevor Piper einen Schritt vortrat, und ihrem ungebetenen Gast trotzig die Stirn bot.
„Wir haben uns schon gefragt, ob du Zanbar bereits gefunden hast. Ich schätze mal, die Antwort lautet ‚Ja'." Jinny lächelte über die Unerschrockenheit der ihr gegenüberstehenden Hexe. Sie beide wussten, dass eine einzige Handbewegung ihrerseits ausreichte, um hier alles dem Erdboden gleichzumachen, und doch zeigte Piper keine Angst. In gewisser Hinsicht imponierte das der Dämonin. Jedoch sicher nicht genug, um auch nur einen der hier Anwesenden zu verschonen.
„Richtig. Und wie du siehst, habe ich die Stadt nicht nur gefunden, sondern mir auch noch ihre Macht einverleibt. Was immer ihr also auch versucht, ihr habt keine Chance gegen mich. Ihr werdet zu Grunde gehen." Sie genoss den Moment ihres Triumphs sichtlich und ließ den Blick langsam über die Anwesenden gleiten, bis sie schließlich bei Wyatt innehielt. Ihre Augen glitzerten bedrohlich, als sie sich langsam dem kleinen Jungen auf Pipers Armen näherte.
„So, du bist also der berühmte Sohn einer der Mächtigen Drei. Das zweifach gesegnete Kind." Wyatts Kraftfeld kollabierte, als die Dämonin es berührte, und ohne auch nur geringfügig in ihrer Bewegung gestoppt zu werden, ging sie zielstrebig weiter. Bevor Piper jedoch auch nur versuchen konnte, ihren Sohn vor Jinny zu schützen, oder zurückzuweichen, war es zur Überraschung aller Chris, der vor seinen Bruder und seine Mutter trat, und die Dämonin herausfordernd ansah.
„Wag es ja nicht, ihn auch nur anzufassen." Presste er wütend hervor, obwohl er genau wusste, dass er Jinny nicht wirklich daran hindern konnte. Aber dennoch würde er nicht zurückweichen. Schließlich war er hier um seine Familie und besonders seinen Bruder zu beschützen, und genau das hatte er jetzt auch vor.
Die Dämonin blieb überrascht stehen, als der junge Mann sich vor ihr aufbaute und schaute ihn mit einer Mischung aus Skepsis und Hochmut an.
„Du weißt doch, dass du mich nicht aufhalten kannst, oder? Willst du etwa unbedingt als erster sterben?" Sie betrachtete den Wächter des Lichts eingehend, bevor sie wissend lächelte. „Du bist zur Hälfte Hexe, nicht wahr? Ich kann das jetzt sehen." Sie deutete auf ihre schwarzen Augen um ihre Worte zu unterstreichen, und fuhr dann in kühlem Ton fort. „Ich sehe großes Potential in dir. Zu schade, dass du es nie ausschöpfen wirst."
Hinter sich konnte Chris die flehende Stimme seiner Mutter hören, die ihn bat zur Seite zu treten, aber das hatte er gewiss nicht vor. Er würde hier stehen bleiben und alles in Kauf nehmen, was die Dämonin für ihn bereithielt. Vielleicht konnte sein Opfer den Schwestern und Wyatt ja die Möglichkeit zur Flucht verschaffen. Bevor er jedoch weiter darüber nachdenken konnte, bemerkte er, wie sich Jinnys Blick immer stärker auf ihn konzentrierte, während sie damit begann, Worte auf einer fremden Sprache zu murmeln.
Im ersten Augenblick war Chris nur verwirrt, was sie vorhatte, aber dann explodierte plötzlich ein Schmerz in seiner Brust, der ihn alles um sich herum vergessen ließ. Jinnys Stimme war immer noch nicht lauter geworden, als ein leises Flüstern, aber in Chris' Ohren übertönte sie alles andere und er bemerkte, wie er, obwohl er dagegen anzukämpfen versuchte, in die Knie ging.
Piper sah mit Entsetzen die Schmerzen ihres Sohnes und voller Verzweiflung versuchte sie Jinny zu sprengen, aber diese schien den Angriff nicht einmal wahrzunehmen. Sie konzentrierte sich voll uns ganz auf Chris, und Paige konnte spüren, wie der magische Griff, der sie vom beamen abgehalten hatte, schwächer wurde. In einigen Augenblicken würde sie mit ihrer Schwester und Wyatt von hier verschwinden können, aber sie konnten unter keinen Umständen Chris zurücklassen. Panik überkam sie, während sie nach einem Ausweg suchte, aber ihr fiel nichts ein, wie sie Jinny auch nur für einen Moment außer Gefecht setzen konnte. Ihr Blick fiel auch auf das Buch der Schatten in ihren Armen, aber nicht einmal darin konnte sie noch Hoffnung sehen, und so fasste die Hexe schließlich einen Entschluss.
Sie streckte einen Arm in Richtung Piper aus, die noch immer versuchte, Jinny abwechseln erstarren oder explodieren zu lassen und rief leise aber deutlich, „Zauberschule". Geschockte sah Piper für den Bruchteil einer Sekunde in die entschlossenen Augen ihrer Schwester, bevor sie und Wyatt in einem Wirbel aus blauem Licht verschwanden.
Jinny verstummte augenblicklich und ließ von Chris ab, der sich schon nach wenigen Sekunden langsam, wenn auch noch schwer atmend, wieder erhob. Er sah von der Dämonin, die mit zornig verzerrtem Gesicht vor ihm stand, hinüber zu Paige, und bemerkte, dass Piper und Wyatt verschwunden waren. Für einen Moment fragte er sich, wie sie hatten entkommen können, erhielt aber schon in der nächsten Sekunde die Antwort.
„Wieso konntest du sie fortbeamen? Ich habe euch doch daran gehindert." Energieblitze begannen um die Hand der Dämonin zu zucken, während sie immer wütender wurde, aber Paige ließ sich davon nicht einschüchtern. Sie zuckte lediglich mit den Schultern, und antwortete mit unschuldiger Stimme,
„Na ja, vielleicht bist du einfach doch nicht so mächtig, wie du gedacht hast. Ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung, würde ich sagen."
Jinny schäumte regelrecht vor Wut, und sowohl Paige, als auch Chris konnten spüren, wie die Kontrolle, die sie nach ihrem Ablassen von Chris wieder über sie erlangt hatte, erneut zu schwinden begann. Die beiden Halb-Wächter des Lichts warfen sich einen wissenden Blick zu, als sie ihre Chance zur Flucht erkannten. Jetzt hieß es nur noch, Jinny weiterhin zu verärgern, ohne dabei getötet zu werden.
Diese schien ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen, denn sie schritt nun bedrohlich auf Paige zu, während sich um ihre Hand immer mehr Energieblitze bildeten.
Die junge Frau wich erschrocken ein Stück zurück, das Buch der Schatten noch immer in ihren Händen, wobei ihr allmählich der Gedanke kam, dass sie den Bogen vielleicht doch etwas überspannt hatte. Bevor die Dämonin ihr jedoch zu nahe kommen konnte, erschien plötzlich Richard nur wenige Schritte von ihnen entfernt, mehrere Bücher in den Händen und blickte geschockt von Jinny zu Paige und wieder zurück. Die Dämonin hob überrascht eine Augenbraue, als sie den jungen Mann bemerkte.
„Du lebst ja immer noch." Sie zögerte kurz, bevor sie sich dann wieder Paige zuwandte, obwohl ihre Worte weiterhin an Richard gerichtet waren.
„Na, dann bist du gerade rechtzeitig gekommen, um deine Freundin sterben zu sehen." Mit diesem Satz hob sie ihren Arm, legte das letzte Stück zwischen sich und der Hexe zurück und wollte dieser daraufhin ihre Energie geladene Hand gegen die Brust rammen, als Paige im letzten Moment das Buch der Schatten reflexartig hoch riss. Die Handfläche der Dämonin traf auf das Buch, und es gab eine Explosion, die sowohl Jinny, als auch Paige zurückschleuderte. Da die Hexe jedoch schon fast an der Wand gestanden hatte, konnte sie sich auf den Beinen halten, das Buch noch immer in ihren Händen, im Gegensatz zu Jinny, die zu Boden ging.
Die Dämonin war zwar nach wenigen Sekunden wieder auf den Beinen, aber die Anwesenden hatten nicht vor, noch länger zu bleiben. Paige ergriff Richards Hand, vergewisserte sich, dass auch Chris bereit war, zu verschwinden, und nachdem er ihr zugenickt hatte, lösten sich alle drei in hellblaue Lichter auf und verschwanden durch die Decke, bevor Jinny sie aufhalten konnte.
Die Dämonin stand für einige Augenblicke still in der Mitte des Dachbodens, während ihr klar wurde, dass ihr die Hexen trotz ihrer neuen Macht entkommen waren. Aber sie schwor sich, dass sie sich nicht lange würden verstecken können.
Jinny breitete die Arme aus, warf den Kopf in den Nacken und schrie ihre Wut hinaus, bis die Grundfesten des Gebäudes buchstäblich erbebten. Zuerst gingen nur Fensterscheiben zu Bruch, aber dann bildeten sich auch immer mehr Risse in den Mauern und Decken und schließlich begann das Halliwell Manor einzustürzen. Es dauerte nur etwa dreißig Sekunden, bis von dem viktorianischen Anwesen nur noch ein Haufen Schutt übrig geblieben war. Einige Nachbarn, die ans Fenster, oder aus ihren Häusern gekommen waren meinten, für einige Sekunden eine Frau über dem zerstörtem Haus schweben gesehen zu haben, aber das war natürlich nicht möglich, und so erwähnte es kaum jemand, als die Polizei nach der vermutlichen Gasexplosion ermittelte.
Tbc
