Kapitel 16: Das Buch der Schatten
In der Bibliothek der Zauberschule waren für gewöhnlich immer Schüler anzutreffen, die etwas für den Unterricht recherchieren wollten, oder einfach nur aus Interesse lasen, aber heute machten sie alle einen großen Bogen um den Saal, denn der Leiter der Zauberschule lief dort mit nervösen Schritten auf und ab und ließ seine schlechte Laune an allen aus, die so leichtsinnig waren, seinen Weg zu kreuzen. Gideon wartete auf eine Nachricht von Barbas oder ein Zeichen von den Mächtigen Drei, um zu erfahren, ob sein Plan Erfolg gehabt hatte, und was im Hause der Halliwells vorgefallen war.
War Wyatt bereits tot? Hatte Chris seinen Bruder ermordet und danach möglicherweise selbst den Tod gefunden, auf welche Art auch immer? Oder hatte der Dämon der Angst versagt, und den Schwestern vor seiner Vernichtung vielleicht sogar seinen Auftraggeber verraten?
All diese Fragen brachten den Ältesten beinahe zur Verzweiflung, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als weiterhin ungeduldig auf eine Benachrichtigung zu warten.
Erneut schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als plötzlich blaue Lichter in den Raum schwebten und sich zu Piper Halliwell manifestierten. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt, aber Gideon erkannte sie sofort, und konnte es kaum erwarten zu erfahren, warum genau sie hier war. Bemüht, einen ehrlich besorgten Eindruck zu vermitteln, sprach er die Hexe an, die seine Gegenwart noch nicht bemerkt zu haben schien.
„Piper, ist alles in Ordnung? Was kann ich für dich tun?" Der Leiter der Zauberschule musste all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um seine Bestürzung nicht offen zu zeigen, als die älteste der Mächtigen Drei sich nun umdrehte, und er Wyatt auf ihrem Arm entdeckte. Sein Plan war also offensichtlich gescheitert, aber das erklärte nicht, warum Piper nun ohne die Begleitung ihrer Schwestern hier auftauchte.
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Piper Halliwell war wie erstarrt gewesen, als ihre Schwester plötzlich beschlossen hatte, sie und Wyatt ohne ihr Einverständnis vom Dachboden in die Zauberschule in Sicherheit zu beamen. Daher war sie im ersten Moment noch wie versteinert, als sie sich und ihren kleinen Sohn in der ihr nur allzu vertrauten Bibliothek wieder fand, obwohl sie doch gerade noch hatte mit ansehen müssen, wie Chris dabei war sich für seinen Bruder zu opfern. Sie hatte alles versucht, ihm zu helfen, aber Jinny war einfach zu stark gewesen, als dass ihre Kräfte ihr etwas hatten anhaben können.
Die Hexe erschrak, als sie plötzlich eine besorgt klingende Stimme hinter sich hörte, die sie dazu veranlasste, sich umzudrehen. Gideon stand dort und betrachtete sie und Wyatt mit einem Gesichtsausdruck, den Piper nicht so ganz deuten konnte. Allerdings schenkte sie dem nicht weiter Beachtung; sie hatte jetzt ganz andere Sorgen.
„Schicken Sie mich wieder zurück!" Überrascht von Pipers aufgebrachter Forderung, so ganz ohne jegliche Erklärung, sah der Älteste die Hexe für einen Moment lang nur sprachlos an, nicht einmal sicher, wohin er sie denn zurückschicken sollte, als Piper ihm auch schon Wyatt in die Arme drückte und einen Schritt zurücktrat. Dabei gestikulierte sie auffordernd mit den Händen und hatte einen fast schon flehenden Ausdruck im Gesicht.
„Bitte, sonst wird mein Sohn sterben!" Verzweifelt fuhr sich Piper mit einer Hand übers Gesicht, während sie versuchte die aufkommenden Tränen zu unterdrücken. Normalerweise konnte sie kein noch so starker Gegner in Panik versetzen, aber jetzt wusste einfach nicht mehr, was sie noch tun konnte. Und vielleicht war Chris sogar schon tot…
„Schicken Sie mich wieder zurück nach Hause auf den Dachboden. Ich muss versuchen, etwas gegen Jinny zu unternehmen, oder sie wird Chris töten!" Gideon fasste sich allmählich wieder und versuchte nun, die aufgewühlte Hexe zu beruhigen, denn er musste einfach wissen, was im Haus der Halliwells vorgefallen war, und warum sein Plan offenbar gescheitert war.
„Piper, beruhige dich bitte. Berichte mir zuerst in Ruhe, was geschehen ist, und wie du hierher gekommen bist. Dann werde ich sicherlich in der Lage sein, dir zu helfen" Und mit einem Blick auf das Kind auf seinem Arm fügte er hinzu, „Hat Wyatt euch beide hierher in Sicherheit gebeamt?" Piper verdrehte ungeduldig die Augen, bevor sie dem Ältesten antwortete.
„Nein, das war Paige. Sie hat allem Anschein nach vergessen, wer von uns die ältere ist, und meinte wohl, mich beschützen zu müssen." Die Hexe atmete tief durch, um sich zu beruhigen, und fuhr dann entschlossen fort. „Aber ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, vielen Dank, und da Wyatt ja jetzt hier bei Ihnen in Sicherheit ist, sprich nichts dagegen, mich augenblicklich zurück zu schicken. Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät." Fügte sie hoffnungsvoll hinzu.
Gideon betrachtete die Hexe für einige Augenblicke unschlüssig. Wer immer diese Jinny auch war, sie musste eine mächtige Dämonin sein, sonst hätte Paige es sicher nicht für nötig befunden, ihre Schwester und ihren Neffen in Sicherheit zu bringen. Vielleicht sollte er einfach auf das Urteilsvermögen der Wächterin des Lichts vertrauen und Pipers Forderung nicht erfüllen; schließlich hatte Paige es alleine viel leichter zu entkommen, als wenn sie auch noch auf ihre Schwester achten musste. Möglicherweise versuchte sie ja nur noch Chris zu retten, bevor sie selbst aus dem Haus floh; und wenn seine Lage tatsächlich so aussichtslos war, wie Pipers Verhalten erahnen ließ, hatte er, Gideon bald ein Problem weniger, um das er sich sorgen musste. Allerdings würde er sich damit sicherlich dem Zorn der erbosten Hexe aussetzen, sollte er sich weigern, sie zurück auf den Dachboden zu teleportieren. Aber er konnte nicht riskieren, Piper, und damit vielleicht auch Paige, in zusätzliche Gefahr zu bringen, also würde die Hexe einsehen müssen, dass er nur zu ihrem Besten handelte.
„Piper, ich bin nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee wäre. Womöglich könnte deine unvermutete Rückkehr die Situation für deine Schwester und Chris nur noch weiter verschlechtern. Ich weiß, du…" Aber Piper war zu aufgebracht, um den Ältesten aussprechen zu lassen.
„Sie wissen gar nichts! Es geht hier schließlich um meine Familie. Ich muss ihnen helfen, ich…" Aber die Hexe brach abrupt ab, als sie hinter sich plötzlich das vertraute klingelnde Geräusch des Beamens hörte. Ihr Atem stockte, und für einen Moment wagte sie nicht, sich umzudrehen, aus Angst, dass nur Paige alleine dort stehen würde. Aber schließlich tat sie es dennoch, und ohne dass sie es bemerkte, begannen der Hexe Tränen über die Wangen zu rinnen, als sie ein Stück neben Paige und Richard ihren Sohn entdeckte.
Er war scheinbar noch etwas angeschlagen von Jinnys Angriff auf ihn und hatte einen Arm schützend um seinen Oberkörper geschlungen, aber er stand aufrecht und war offensichtlich aus eigener Kraft hierher gekommen, also musste es ihm verhältnismäßig gut gehen. Die Hexe eilte zu Chris hinüber und umarmte ihn erleichtert, schreckte aber sofort wieder zurück, als sie spürte, wie er unter ihrer Berührung zusammenzuckte.
„Bist du verletzt? Ist alles okay?" Piper war ein Stück zurück gewichen und musterte ihren Sohn nun mit einem besorgten Gesichtsausdruck. Ihr Blick wanderte über seinen Körper, auf der Suche nach Verletzungen; aber scheinbar hatte Jinnys Zauber keine sichtbaren Spuren hinterlassen, denn sie konnte nicht einen Kratzer entdecken.
„Es tut noch etwas weh, aber es geht schon." Chris drückte vorsichtig mit der Handfläche auf seinen Brustkorb und verzog leicht das Gesicht vor Schmerz, als er die Nachwirkungen von Jinnys Attacke spürte. Als er jedoch die Sorge in Pipers Blick bemerkte, ließ er die Hand wieder sinken und gab sich große Mühe, sein Unwohlsein nicht zu zeigen. „Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung." Aber Piper ließ sich keinesfalls so einfach täuschen.
„Nichts da! Paige wird sich das mal ansehen, schließlich hätte dich Jinny beinahe getötet." Sie stutzte kurz, und wandte sich dann mit einem fragenden Gesichtsausdruck an ihre Schwester. „Wo wir gerade davon sprechen. Wie habt ihr es eigentlich geschafft zu entkommen?"
„Ähm. Nun ja." Die jüngere Hexe grinste verlegen, bevor sie beschämt das Buch der Schatten hochhob, das sie immer noch in den Händen hielt, so dass Piper es richtig sehen konnte. „Jedenfalls nicht ganz ohne Opfer."
„Oh, mein Gott." Die Älteste der Mächtigen Drei erstarrte, als sie den Zustand sah, in dem sich ihr wohl wertvollster Besitz befand. Die Vorderseite des Einbands und die ersten Seiten waren fast vollständig zerstört, und auch der Rest des Buches wies so deutliche Brandspuren auf, dass es fast wie ein Wunder schien, dass es noch nicht auseinander gefallen war. Nur das Triquetra vorne auf dem Umschlag war völlig unbeschädigt, und Piper hatte sogar das Gefühl, dass seine Farbe noch intensiver wirkte als sonst.
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„Wenn diese Dämonin jetzt tatsächlich im Besitz der Macht von Zanbar ist, dann haben wir ein äußerst ernstes Problem." Gideon hatte wieder damit begonnen in der Bibliothek der Zauberschule auf und ab zu gehen, aber dieses Mal dachte er darüber nach, was er soeben von den Halliwells und Paiges Freund erfahren hatte. Zuerst hatten die beiden Halb-Wächter des Lichts berichtet, wie sie der Dämonin hatten entkommen können.
Es war gut zu wissen, dass ihre Gegnerin ihre enormen neuen Kräfte noch nicht völlig kontrollieren konnte, aber bei einer weiteren Konfrontation würden sie sich nicht darauf verlassen können. Außerdem hatte sie immer noch Phoebe in ihrer Gewalt, so dass, abgesehen von der Tatsache, dass sie somit eine Jeanny kontrollierte, auch noch die Macht der Drei unvollständig war.
„Aber das Buch hat sie doch aufgehalten. Bedeutet das nicht, dass sie gar nicht so mächtig ist, wie wir befürchtet hatten?", meldete sich jetzt Paige zu Wort. Der Leiter der Zauberschule verdrehte die Augen und wurde uncharakteristisch aufbrausend, als er der Hexe antwortete.
„Konntet ihr ihr etwa etwas anhaben? Nein?" Er blickte für einen Moment fragend in die Runde, aber die Anwesenden waren zu verblüfft über seine Reaktion, um sofort zu antworten. „Das Buch der Schatten beinhaltet nicht nur die Macht der Drei, sondern steht auch unter dem Schutz von Generationen von Halliwells. Und so sieht es aus, nachdem Jinny es nur für den Bruchteil einer Sekunde berührt hat." Dabei deutete er auf die verkohlten Überreste dessen, was bis vor kurzem das bestgeschützte Familienerbstück der Schwestern gewesen war. „Nein, ich denke die Einschätzung, dass sie kaum aufzuhalten sein wird, war völlig zutreffend."
Richard war dem Ältesten zwar noch nie zuvor begegnet, aber selbst er hatte den Eindruck, dass Gideon völlig überzogen auf Paiges Frage reagierte, und er bemerkte, wie sich die Schwestern und Chris verwunderte Blicke zuwarfen. In der Tat war es für den sonst so ausgeglichen Leiter der Zauberschule mehr als ungewöhnlich, sich so aufzuregen, aber er erhielt ja auch nicht jeden Tag so viele schlechte Nachrichten auf einmal.
Die Schwestern und Chris hatten von ihrem Zusammentreffen mit Barbas und dessen Plan berichtet, und wie schließlich Wyatt in der Lage gewesen war, ihn zu vernichten. Gideon hatte somit einen wichtigen Verbündeten in seinem Bestreben, die Gefahr, die von Pipers Söhnen ausging, ein für alle Mal zu eliminieren, verloren. Das einzig Gute daran war nur, dass der Dämon vor seinem Tod offensichtlich nicht verraten hatte, wer ihn geschickt hatte. Sonst würde er sicherlich nicht mehr hier stehen.
Außerdem hatten sie ihn auch noch über alle anderen wichtigen Vorgänge in Kenntnis gesetzt, die sich seit seinem letzten Besuch im Halliwell Manor ereignet hatten. Die Entdeckung von Chris' wahrer Identität, Phoebes Verwandlung in eine Jeanny, Pipers missglückten Wunsch, Paiges neue Kraft und schließlich den beinahe fatal verlaufenen Angriff der neusten Anwärterin auf den Thron der Unterwelt.
Die Dämonin Jinny hatte also die untergegangene Stadt Zanbar wieder aus den Tiefen der Wüste empor steigen lassen. Und obwohl Paiges Freund Richard die Hexen anscheinend über die Tragweite dieses Ereignisses aufgeklärt hatte, schienen diese den Ernst der Lage noch nicht richtig zu begreifen.
Der Älteste atmete tief durch und beschloss, seine Pläne für Wyatt und Chris fürs erste ruhen zu lassen. Es war nun am wichtigsten, diese Dämonin aufzuhalten, denn sonst würde das Gute keine Zukunft haben, die Pipers Söhne gefährden konnten. Allerdings würden sie dieses Problem nicht alleine bewältigen können…
„Mit der Wiederauferstehung Zanbars könnte Jinny eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Magie wieder aufgeschlagen haben. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass der Ältestenrat über dieses Ereignis in Kenntnis gesetzt wird."
Er hielt kurz inne und betrachtete die kleine Gruppe vor sich. Sie saßen um einen der Tische in der Bibliothek herum, Piper mit Wyatt auf dem Schoß neben Chris, Paige und Richard auf der anderen Seite und zwischen ihnen die Überreste des Buchs der Schatten. Und ihnen allen, selbst dem kleinen Wyatt, war anzusehen, wie sehr sie die Geschehnisse der letzten Stunden mitgenommen hatten. Und es war noch lange nicht vorbei.
„Jemand von euch sollte mich allerdings begleiten, da ihr bereits Zeuge ihrer Macht geworden seid." Gideon sah auffordernd zu den Schwestern, die daraufhin durch einen kurzen Blickkontakt entschieden, wer den Ältesten begleiten sollte. Paige's Begegnung mit Jinny war zwar etwas länger gewesen, aber sie konnte in Pipers Augen deutlich deren Wunsch erkennen, ihren Mann bei dieser Gelegenheit wieder zu sehen. Also beschloss sie, mit ihren beiden Neffen und Richard hier in der Zauberschule zurück zu bleiben.
„Geh du, Piper. Und wer weiß, vielleicht fällt denen da oben ja zur Abwechslung mal tatsächlich etwas ein, das uns helfen könnte." Daraufhin warf sie dem anwesenden Ältesten einen entschuldigenden Blick zu. „Nichts für ungut, Gideon." Dieser nickte ungeduldig und wandte sich dann augenblicklich Piper zu.
„Schon gut, Paige. Bist du dann soweit, Piper? Wir haben keine Zeit zu verlieren."
„Ja, in Ordnung." Aber bevor sie aufstand drehte sie sich noch kurz zu Chris um, um ihm Wyatt auf den Schoß zu setzen, wobei sie beunruhigt feststellen musste, dass der junge Mann ihrem Blick auswich.
„Was ist los, Chris?" Es dauerte ein paar Sekunden, bis er auf ihre Frage antwortete. Dabei biss er sich nervös auf die Unterlippe und vermied es, den Augenkontakt zu seiner Mutter zu erwidern.
„Wirst du es ihm sagen?" Und auf ihren verwirrten Gesichtsausdruck hin, fügte er noch hinzu: „Leo, meine ich."
Piper zögerte. Als sie erfahren hatte, dass Chris ihr Sohn war, hatte sie nicht damit gerechnet, Leo allzu bald wieder zu sehen. Und obwohl sie wusste, dass er ein Recht hatte es zu erfahren, hatte sie seine Sicherheit nicht gefährden wollen, indem sie ihn zu sich rief. Aber nun würde sie ihm wieder gegenüber stehen, und sie wusste nicht, ob sie ihm die Wahrheit verschweigen konnte, selbst wenn sie es wollte. Nicht nach dem, was gestern zwischen ihnen vorgefallen war.
„Willst du, dass ich es nicht tue?" Chris zog die Augenbrauen hoch, scheinbar überrascht, dass seine Mutter etwas doch so offensichtliches fragte.
„Huh, ja! Ich habe ja selbst im Moment kaum Erinnerungen an ihn als meinen Vater. Gib mir etwas Zeit, mich an diese ganze… Familien-Sache zu gewöhnen. Ich kann mich jetzt nicht auch noch mit Leo auseinandersetzen." Piper sah ihren Sohn für einen Augenblick nachdenklich an, nickte aber schließlich, wenn auch eher widerstrebend.
„In Ordnung." Dann stand sie auf und begab sich an Gideons Seite. „Bis später." Und damit lösten sich die Hexe und der Älteste in weiß-blaue Lichter auf und verschwanden.
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Paige ging langsam die Gänge der Zauberschule entlang, vom Kindergarten, wo sie soeben Wyatt untergebracht hatte zurück zur Bibliothek, wo Richard und Chris mit Sigmunds Hilfe weitere Informationen über Zanbar zu finden versuchten. Zumindest hatte sie gedacht, dass sich ihr Neffe auch dort aufhielt, wurde aber nun eines besseren belehrt, als dieser aus einem Seitengang auf sie zukam.
Der junge Wächter des Lichts wirkte irgendwie bedrückt, aber auch sehr entschlossen, als er nun ein Stück vor seiner Tante stehen blieb und sie ansprach.
„Paige, ich wollte dich um einen Gefallen bitten." Die Sache schien ihm sehr ernst zu sein, und er wartete, bis die Hexe zustimmend nickte.
„Natürlich. Schieß los." Chris zögerte kurz und sah den Gang entlang, als befürchtete er, dass jemand ihr Gespräch belauschen würde.
„Ich möchte, dass du den Zauber sprichst, um mir meine Erinnerungen zurück zu geben, bevor mum wieder da ist. Ich weiß nicht, was mich dabei erwarten wird, und es wäre mir lieber, wenn sie nicht anwesend ist." Er grinste verlegen, bevor er weiter sprach. „Ich könnte es sicher auch alleine tun, aber nachdem was das letzte Mal passiert ist…" Paige zog die Augenbrauen hoch und nickte zustimmend, als sie daran erinnert wurde, dass sie ihrem Neffen erst heute früh seine Sehkraft zurückgegeben hatten. Unfassbar, was seit dem alles passiert war…
„In Ordnung, ich helfe dir."
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Paige stand vor dem Buch der Schatten und blätterte vorsichtig die Seiten um, immer darauf bedacht, nicht mehr Schaden anzurichten, als ohnehin schon vorhanden war. Sie und Chris hatten sich in einen leeren Klassenraum zurückgezogen, um hier den Erinnerungszauber durchzuführen. Der junge Mann lief nervös vor dem Pult, auf dem das Buch lag auf und ab, und sah dabei immer wieder ungeduldig zu seiner Tante.
„Chris, beruhige dich. Auch wenn du hier eine Vertiefung in den Boden läufst, geht es dadurch nicht schneller. Du machst mich nur ganz verrückt damit." Und mehr zu sich selbst fügte sie noch hinzu, während sie sich wieder ins Buch der Schatten vertiefte: „Das hast du ganz eindeutig von deinem Vater." Daraufhin blieb Chris schlagartig stehen und sah die Hexe verblüfft an.
„Was?" Paige sah auf und zeichnete mit ihrem Zeigefinger den Weg nach, den ihr Neffe zuvor immer wieder gegangen war.
„Na ja, dieses Hin- und Her- Gelaufe. Leo macht das auch ständig, wenn er nervös ist. Er macht Piper damit wahnsinnig." Obwohl er nicht einmal so richtig wusste, warum, musste Chris bei der Vorstellung lächeln, diese und vielleicht noch andere Eigenschaften von seinem Vater geerbt zu haben. Er hatte bereits einige Erinnerungen an Piper und die Schwestern zurückerlangt, aber von Leo wusste er immer noch nichts, und er war froh über jede Kleinigkeit, die ihn mit dem Ältesten verband.
Mittlerweile konnte der junge Mann es nicht erwarten, wieder alles aus seiner Vergangenheit zu wissen. In seinem Leben war sicherlich nicht immer alles positiv verlaufen, sonst wäre er ja nicht hier, um die Zukunft zu retten, aber der Gedanke an eine richtige Familie hatte all seine Zweifel zunichte gemacht. Daher war er auch erleichtert, als Paige endlich die richtige Seite gefunden hatte.
„Na gut, es kann losgehen.", verkündete die junge Frau zufrieden. Sie sah ihrem Neffen noch einmal in die Augen, und wollte dann loslegen, aber wie schon beim letzten Versuch auf dem Dachboden, wurden die Seiten des Buchs der Schatten wieder wie von Geisterhand umgeschlagen, bis der Spruch für die Reise in die Gedankenwelt erschien. Chris verdrehte genervt die Augen, als Paige ihn verlegen angrinste.
„Oh nein, das kannst du vergessen. Schlag wieder den anderen Spruch auf und lass uns keine Zeit mit diesem Unsinn verlieren!"
„Aber das Buch scheint darauf… na ja, zu bestehen." Paige konnte seinen Widerwillen wirklich nur allzu gut nachvollziehen, aber wenn sie so einen eindeutigen Hinweis bekamen…
„Dann halt eben die Seiten fest. Es ist doch immerhin nur ein Buch!" Dafür erntete der junge Mann einen schockierten Blick von seiner Tante und einen spielerischen Klaps auf den Arm.
„Also, Chris! Du weißt genau so gut wie ich, dass das nicht nur ein Buch ist. Es besitzt gewisse magische Fähigkeiten, und wenn es der Meinung ist, dass dieser Spruch jetzt der richtige ist, dann sollten wir einfach darauf vertrauen." Die Hexe starrte ihren Neffen durchdringend an, so als könnte sie ihn damit dazu bringen, ihre Meinung anzunehmen.
Chris hatte sich von ihr abgewandt und fuhr sich mit der Hand über die Augen, während er über die Alternativen nachdachte. Er wollte Paige eigentlich unter keinen Umständen in seinen Gedanken haben, aber er musste ihr im Stillen Recht geben. Das Buch der Schatten diente ihrer Familie schon seit Generationen als Quelle des Wissens und Ratgeber, und auch, wenn er sich nicht mehr wirklich an seine eigenen Erfahrungen damit erinnern konnte, hatte er das Gefühl ihm absolut vertrauen zu können.
Er seufzte schwer, als er schließlich eine Entscheidung getroffen hatte.
„Na schön, in Ordnung." Er hob ergeben die Arme und gab Paige zu verstehen, dass sie fortfahren sollte.
„Vielleicht solltest du dich dabei hinsetzen, wer weiß, ob du das Bewusstsein verlierst.", gab die Hexe zu bedenken. Chris nickte und zog sich einen der Stühle nach vorne vors Pult und ließ sich darauf sinken.
Paige blätterte derweil wieder im Buch, auf der Suche nach dem Erinnerungszauber, wobei sie mit der anderen Hand den bereits aufgeschlagenen Spruch festhielt.
„Okay, ich werde beide Sprüche direkt hintereinander sprechen. Bist du soweit?" Chris nickte ungeduldig und gab seiner Tante mit der Hand ein Zeichen, sich zu beeilen.
„Leg einfach los, bevor ich es mir noch anders überlege." Er atmete noch einmal tief durch und versuchte es sich auf dem Stuhl bequem zu machen, als Paige auch schon mit dem Erinnerungszauber begann.
„Gut.
Die Wahrheit trete zu Tage,
Chris' Leben sich offenbare.
Erinnerungen erwachen
auch wenn sie keine Freude machen."
Die Halb-Wächterin des Lichts konnte beobachten, wie Chris' Stirn kurzzeitig zu glühen begann, und der junge Mann bewusstlos tiefer in den Stuhl sackte. Zum Glück hatte sie ihn daran erinnert, sich hinzusetzen.
Dann straffte sie sich erneut und begann den Spruch aufzusagen, um in die Gedankenwelt ihres Neffen zu gelangen.
„Sein zu Sein, Mitten im Geist,
sie mögen vereinen sich zu meist,
es verschmelzen die Seelen für die Reise,
sie schlagen zu seinen Gedanken die Schneise."
Paiges ganzer Körper begann zu glühen und bereits nach wenigen Sekunden löste sich die junge Frau in leuchtende Energie auf, die sich ihren Weg in Chris Kopf bahnte.
tbc
