Kapitel 17: Was uns prägt (Teil 1)
Als Paige wieder feste Gestalt angenommen hatte, musste sie überrascht feststellen, dass sie sich im Halliwell Manor in Phoebes Zimmer befand. Aber die Einrichtung war anders und trotz des, durch schwere Vorhänge gedämpften Lichts konnte die Hexe erkennen, dass die Gestalt, die dort im Bett lag, sicher nicht ihre Schwester war.
Ein dunkelhaariger Junge von vielleicht acht oder neun Jahren schlief unruhig unter seinen mindestens zwei Decken und Paige konnte trotz des Halbdunkelns in dem sie sich befanden erkennen, dass es ihm nicht gut ging. Gerade wollte sie zu ihm hinüber ans Bett gehen, als eine Stimme hinter ihr sie innehalten ließ.
„Mach dir keine Sorgen, es ist nur die Grippe. In ein paar Tagen wird's mir wieder besser gehen."
Paige hatte Chris, der in einer der dunklen Ecken des Zimmers stand noch nicht bemerkt gehabt, und drehte sich nun erschrocken zu ihm um.
„Chris!" Sie brauchte einen Moment um sich von dem Schock zu erholen, dann deutete sie auf den Jungen im Bett hinter ihr um das Offensichtliche zu bestätigen.
„Also bist du das?" Ihr Neffe nickte lediglich zur Antwort.
„Und warum sind wir hier? Ich meine, es sieht nicht danach aus als ob wir alle deine Erinnerungen noch einmal durchleben, oder? Ich schätze also, dass hier etwas Wichtiges passieren wird?" Paige sah Chris durchdringend an, aber der junge Mann wich ihrem Blick beharrlich aus.
„Na ja. Wichtig ist relativ…" Er hatte vielleicht noch etwas sagen wollen, wurde aber nun unterbrochen, als die Tür vorsichtig geöffnet wurde und Piper den Raum betrat.
Sie war um einige Jahre älter, aber immer noch ganz die fürsorgliche Mutter, als die Paige sie schon mit Wyatt kennen gelernt hatte. In den Händen trug sie ein Tablett, auf dem eine dampfende Schale Suppe, ein Glas Wasser, Saft und ein feuchtes Tuch lagen. Mit letzterem fuhr sie ihrem Sohn liebevoll über die Stirn, nachdem sie das Tablett auf dem Nachttisch abgestellt und die Nachttischlampe angeschaltet hatte.
„Mum… wie spät ist es?" Der kleine Junge sah verschlafen zu seiner Mutter, die sich auf die Bettkante gesetzt hatte, während er sich langsam aufsetzte. Piper strich ihm sanft über den Kopf und gab ihm einen Kuss auf den Haaransatz, bevor sie seine Frage beantwortete.
„Es ist fast drei Uhr. Warum fragst du?" Der Junge sah sie schockiert an, bevor er zu Pipers großer Überraschung versuchte an ihr vorbei aus dem Bett zu steigen. Sie hielt ihren Sohn jedoch am Arm fest und sah ihn fragend an.
„Dürfte ich erfahren, wo du so eilig hin willst?" Chris versuchte sie abzuschütteln, musste aber schließlich einsehen, dass es schneller gehen würde, wenn er seiner Mutter einfach antwortete.
„Dad wollte doch heute mit Wyatt und mir in den Zoo gehen." Und bevor Piper etwas sagen konnte, fügte er hastig hinzu: „Mir geht es auch schon wieder ganz gut. Wirklich! Kann ich gehen? Bitte!"
Paige konnte sehen, wie ihre Schwester betrübt zu Boden sah, bevor sie nach etwas auf dem Tablett griff, das sie mitgebracht hatte. Es war ein weißer Briefumschlag, den die Hexe einige Augenblicke lang unschlüssig in der Hand hielt, bevor sie ihn mit einem traurigen Lächeln ihrem Sohn gab.
„Dein Dad war vorhin hier, als du geschlafen hast. Ich weiß, du hast dich darauf gefreut ihn zu sehen, aber Wyatt wollte unbedingt gehen, und…" Paige merkte, wie sehr Piper darum bemüht war, die Fassung zu bewahren, und es daher auch vermied ihrem Sohn in die Augen zu sehen.
Sie selbst konnte allerdings nur allzu gut erkennen, wie sehr ihn diese Nachricht mitnahm. Als sie sich jedoch zu dem erwachsenen Wächter des Lichts umdrehte, konnte sie in seinem Gesicht nicht die geringste Emotion feststellen. Sein Ausdruck war wie versteinert, während er die Situation vor ihnen beobachtete. Da Piper nun wieder zu sprechen begann, wandte sich auch Paige erneut in ihre Richtung.
„Den hat Leo für dich da gelassen." Chris nahm den Umschlag entgegen und hielt den Blick starr darauf fixiert, während Piper aufstand, ihn an die Suppe, die sie ihm gebracht hatte, erinnerte und den Raum leise verließ.
Wie seine Mutter zuvor, hielt auch Chris den Brief nun für einige Zeit ungeöffnet in den Händen, wobei er zu überlegen schien, ob er ihn nicht einfach wieder zur Seite legen sollte. Schließlich entschied er sich jedoch dagegen, öffnete den Umschlag und holte das inliegende Blatt Papier hervor.
Der Junge las die Zeilen, die darauf geschrieben waren, sorgfältig, und erst nach einer gefühlten Ewigkeit legte er das Blatt noch auseinandergefaltet wieder auf den Nachttisch. Für eine Sekunde konnte Paige sehen, dass er Tränen in den Augen hatte, aber schon im nächsten Moment legte er sich wieder hin und zog die Decke über den Kopf.
Die Hexe zögerte kurz und warf dann einen fragenden Blick über ihre Schulter zu ihrem erwachsenen Neffen, aber dieser zeigte immer noch keine Reaktion. Also ging sie schließlich selbst zum Bett hinüber und wollte eigentlich den Brief vom Nachttisch nehmen, musste dabei aber feststellen, dass ihre Hand durch das Papier hindurch glitt. Offensichtlich konnte sie, da es sich hierbei nur um Erinnerungen handelte, nichts berühren. Da das Licht auf dem Nachttisch allerdings immer noch brannte, und der Brief nicht zusammen gefaltet worden war, hatte Paige keine größeren Probleme Leos Handschrift zu entziffern.
Es tut mir Leid, dass du nicht mitkommen konntest,
aber Wyatt hatte sich schon so auf den Zoo gefreut,
da wollte ich ihn nicht enttäuschen. Ich bin sicher, du verstehst das.
Bis dann.
Dad
Sprachlos starrte Paige auf das Blatt Papier von ihr, während ihr gleichzeitig allerlei unfreundliche Dinge einfielen, die sie im Moment gerne zu Leo sagen würde. Wie konnte er mit Wyatt in den Zoo gehen, während Chris krank im Bett lag und diesen dann auch noch mit so einem lächerlich kurzen Brief abspeisen? Hoffentlich hatte ihm Piper dafür wenigstens ordentlich in den Hintern getreten.
Die Hexe stand immer noch wie versteinert an Ort und Stelle, als sie plötzlich hinter sich die Stimme ihres Neffen hörte. Er klang genauso emotionslos, wie sein Gesichtsausdruck es bisher gewesen war.
„Das war nur der erste von vielen Briefen, die Leo mir im Lauf der Jahre hinterlassen hat, um zu erklären, warum er keine Zeit hatte oder mich nicht mitnehmen konnte. Seltsamer Weise hat Wyatt nie einen bekommen. Für ihn war Leo immer sofort persönlich zur Stelle, egal was los war."
Paige erwiderte Chris' Blick niedergeschlagen, wobei sie nach den richtigen Worten suchte, um ihren Neffen aufzumuntern. Schließlich rang sie sich zu einem halbherzigen Lächeln durch.
„Immerhin wundert es mich jetzt nicht mehr, dass du ihn nach Valhalla geschickt hast." Der junge Wächter des Lichts sah seine Tante verblüfft an, bevor er erwiderte:
„Du hast es gewusst?" Paige zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Sagen wir, ich habe es vermutet."
Chris hatte noch etwas antworten wollen, als es urplötzlich so hell wurde, dass er die Augen vor Schmerzen schließen musste. Das Licht dauerte zwar nur wenige Sekunden an, aber als er und Paige wieder etwas erkennen konnten, waren sie nicht länger in Chris' Zimmer, sondern befanden sich im Freien, nur wenige Meter von der Eingangstür des Hauses und ihren beiden Pendants, die davor standen entfernt.
Der Chris aus dieser Erinnerung war älter als der von gerade eben, eindeutig im Teenager Alter und auch Paige war um einiges reifer. Allerdings bestand sie den kritischen Blick ihrer jüngeren Ausgabe.
„Wie alt bist du hier, Chris, fünfzehn? Also ich finde, ich sehe nicht aus wie sechzehn Jahre älter. Vielleicht acht. Oder neun."
„Vierzehn."
„Was?" Paige hatte sich entrüstet zu ihrem Neffen umgedreht, der allerdings entschuldigend die Hände hob.
„Ich meinte mich. Ich bin vierzehn, nicht fünfzehn." Er sah betroffen zu Boden, bevor er weiter sprach.
„Heute ist mein…" Er kam allerdings nicht dazu auszureden, da die Paige aus seiner Erinnerung ihn plötzlich unterbrach. Sie hatte sich zu ihrem Neffen umgedreht, der trotz seines geringen Alters schon beinahe an ihre Größe heran reichte.
„Versprich mir bitte, so zu tun, als wärst du überrascht. Deine Mutter bringt mich um, wenn sie erfährt, dass ich die Überraschung verdorben habe." Der Junge lachte, legte dann aber feierlich eine Hand aufs Herz und sah seine Tante ernst an.
„Ich verspreche hoch und heilig, dass ich kein Wort sage. Mum macht sich immer so eine Mühe bei unseren Geburtstagsfeiern, da will ich ihr die Freude nicht verderben. Aber sind wir auch nicht zu früh dran.", gab er mit einem Blick auf seine Armbanduhr zu bedenken. Paige sah ebenfalls nach der Zeit, schüttelte dann aber nachdenklich den Kopf.
„Nein, ich denke, dass sie jetzt sowohl hier als auch im P3 alles vorbereitet hat, also können wir reingehen."
„Im P3? Werden wir etwa heute Abend dort feiern?" Paige sah ihren Neffen erschrocken mit großen Augen an, und schlug sich dann mit der Hand gegen die Stirn.
„Ich sollte wirklich lernen, meinen Mund zu halten. Ich benehme mich ja schon wie Phoebe." Sie blickte Chris verschwörerisch in die Augen, bevor sie fort fuhr. „Also, davon weißt du auch noch nichts, verstanden? Und jetzt lass uns rein gehen, bevor ich dir noch all deine Geschenke verrate."
Sie und Chris betraten daraufhin das Haus, und die jüngere Paige wollte ihnen folgen, musste aber feststellen, dass „ihr" Neffe wie angewurzelt stehen geblieben war. Verwirrt sah sie ihn an, und konnte dabei erkennen, dass sein Gesichtsausdruck das krasse Gegenteil zu seiner vorherigen Emotionslosigkeit darstellte. Viele verschiedene Gefühle spiegelten sich in seinem Gesicht wider, aber am deutlichsten so etwas wie Panik, als er nun, an Paige vorbei, auf die sich schließenden Haustür starrte.
„Wir können da nicht reingehen!" Und nach einer kurzen Pause bekräftigte er noch einmal, „Ich kann da nicht reingehen!" Paige sah ihrem Neffen mitfühlend in die Augen und legte sanft eine Hand auf seine Schulter.
„Chris, was ist los? Was wird hier passieren?" Der Angesprochene wandte allerdings den Blick ab und sah starr zu Boden. Er konnte es einfach nicht aussprechen. Konnte nicht sagen, was für ein grauenhaftes Schicksal seine Familie heute ereilen würde. Und das alles nur, weil sie sich versammelt hatten, um seinen Geburtstag zu feiern.
Paige ließ allerdings nicht locker.
„Chris, das hier sind deine Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir überhaupt draußen bleiben können." Und wie um ihre Worte zu bestätigen, wurde die Welt abermals in gleißendes Licht getaucht, aber dieses Mal nur für den Bruchteil einer Sekunde, und die beiden fanden sich in einer Ecke des Wohnzimmers wieder.
Ein riesiger ‚Happy Birthday'-Schriftzug hing von der Decke, überall waren bunte Ballons verstreut und als Krönung des ganzen stand auf dem Wohnzimmertisch eine zweistöckige Geburtstagstorte, die Piper sicherlich Stunden gekostet hatte.
Diese umarmte gerade das Geburtstagskind, bevor sie den anderen anwesenden Verwandten Platz machte, und Paige musste überrascht feststellen, dass dem erwachsenen Chris die Tränen in die Augen stiegen. Nach seiner Reaktion zu schließen, musste hier bald etwas Furchtbares geschehen, aber sie konnte nicht anders als fasziniert die versammelten Personen zu beobachten.
Der Mann, zu dem ihr älteres Ich soeben hinüberging, und den sie liebevoll küsste, war ohne jeden Zweifel Richard und sie bemerkte auch, dass zwei der anwesenden Kinder frappierende Ähnlichkeit zu ihnen beiden aufwiesen. Sie lächelte glücklich; also war es doch die richtige Entscheidung gewesen, ihrer Liebe noch eine Chance zu geben.
Paiges Blick wanderte weiter über die anderen Gäste, und sie war bereit, jede Wette einzugehen, dass die vier verblieben Kinder, alles Mädchen, zu Phoebe und dem gut aussehenden Mann an ihrer Seite gehörten. Zwar hatte die Hexe ihren zukünftigen Schwager noch nie gesehen, aber seine freundliche Art und der liebevolle Blick, mit dem er Phoebe ansah, überzeugten sie augenblicklich davon, dass ihre Schwester den richtigen gefunden hatte.
„Wer ist das?", fragte sie, immer noch völlig von der Situation gefangen.
„Onkel Coop." Chris beobachtete, genau wie seine Tante, das Geschehen, aber im Gegensatz zu ihr verspürte er nicht die geringste Faszination, sondern vielmehr eine niederschmetternde Trauer über den Verlust, den seine Familie erlitten hatte, und Panik davor, es nun noch einmal durchleben zu müssen. Als er jedoch bemerkte, wie freudig Paige die nächste Generation von Hexen bestaunte, faste er einen Entschluss und ergriff den Arm seiner Tante.
„Du solltest von hier verschwinden." Diese erwiderte seinen durchdringenden Blick jedoch nur verwundert.
„Was? Wieso?" Aber Chris zog es vor, ihre Frage nach einer Begründung zu ignorieren.
„Du musst dich einfach darauf konzentrieren, wieder in die reale Welt zurückzukehren. Ich will nicht, dass du das siehst." Die junge Frau musterte ihren Neffen kritisch, wobei sie erkannte, wie sehr ihn diese Situation mitnahm. Es kam also überhaupt nicht in Frage, dass sie ihn nun alleine ließ.
„Chris, egal was hier gleich geschieht, ich werde schon damit fertig. Aber ich will nicht, dass du das allein durchstehen musst. Ich bleibe also hier!"
Chris verdrehte genervt die Augen; eigentlich hätte er es ja besser wissen müssen, schließlich waren alle Halliwells geborene Sturköpfe. Bevor er allerdings etwas erwidern konnte, zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen, als er plötzlich die fröhliche Stimme seiner Mutter hörte.
„Und nun die Geschenke!" Piper hatte ein großes Paket mitsamt Schleife aus dem Nebenzimmer geholt und ging damit freudestrahlend auf ihren Sohn zu. Bevor sie es ihm allerdings überreichen konnte, tauchte plötzlich aus dem Nichts eine dunkle Gestalt hinter ihr auf.
Der junge Chris und alle übrigen Anwesenden, bis auf Piper, sahen ihn sofort, aber bevor jemand reagieren konnte, hatte der Dämon sein Schwert erhoben und es der unvorbereiteten Hexe in den Rücken gestoßen. Nicht mehr als ein überraschtes Keuchen entrang sich ihrer Kehle, während sie unverwandt ihren Sohn anstarrte, der ihren Blick wie versteinert erwiderte, auch als eine Sekunde später die reinste Hölle ausbrach.
Überall tauchten Dämonen auf, und während sich die Geburtstagsfeier in ein Blutbad zu verwandeln begann, konnte Paige die Panik ihres Neffen allmählich nur allzu gut nachvollziehen. Bereits als der erste Dämon erschienen war, hatte sie nach Chris' Arm gegriffen und nun verkrampften sich ihre Finger immer mehr, aber der junge Mann schien den Schmerz kein Bisschen zu bemerken.
Blut tropfte von der Spitze der Klinge, die aus Pipers Brust ragte, und erst als diese mit einem kräftigen Ruck wieder aus ihrem Körper gerissen wurde, lockerte sich der Griff der Hexe und das Geschenk fiel aus ihren Händen auf den Boden, wobei man deutlich etwas zerbrechen hören konnte. Ihr Blick folgte dem Packet und sie flüsterte traurig „Oh nein.", bevor sie ebenfalls zu Boden ging.
Der gerade erst vierzehn Jahre alt gewordene Chris Halliwell fiel vor seiner leblosen Mutter auf die Knie, sich scheinbar überhaupt nicht bewusst, was sonst noch im Haus vor sich ging. Er bemerkte weder, wie Richard seine Frau zu Seite stieß, nur um daraufhin selbst tödlich von einem Feuerball getroffen zu werden, noch wie Phoebe ihre zwei Jüngsten, die gerade bei ihr gestanden hatten in die Arme ihres Vaters schob und diesen dann aufforderte, mit ihnen zu verschwinden.
Coop erwiderte ihren verzweifelten Blick und nickte schließlich, obwohl im deutlich anzusehen war, dass er eigentlich nicht von ihrer Seite weichen wollte.
Nachdem Phoebe die drei in Sicherheit wusste, wollte sie auch noch den Rest ihrer Familie retten, aber als sie sich umdrehte erblickte sie zu ihrem Horror den toten Körper ihrer ältesten Tochter zu Füßen eines der Dämonen.
„Nein!" Ihr Schrei übertönte den Lärm des Kampfes, aber als sich Paiges Sohn unwillkürlich nach seiner Tante umdrehte, bezahlte er diese Unaufmerksamkeit mit dem Leben. Er fiel neben seine Schwester, die soeben ihre letzten Atemzüge tat, es aber noch schaffte seine Hand zu ergreifen und ihm ein Lächeln zu schenken, bevor ihr Herz endgültig stehen blieb.
Außer sich vor Zorn vernichtete Paige einen der Dämonen nach dem anderen, aber einer von ihnen erwische sie vor seinem eigenen Tod mit seinem Schwert und obwohl die Hexe versuchte gegen den Schmerz anzukämpfen, ging sie kurz darauf ebenfalls zu Boden.
Nur Phoebe und ihre zweitälteste Tochter standen noch, aber bevor sie noch etwas ausrichten konnten, hatte einer der Dämonen das Mädchen am Hals gepackt und ihr mit einer einzigen Handbewegung das Genick gebrochen.
Phoebe stand wie versteinert, und versuchte nicht einmal auszuweichen, als sie sah, wie ihr Gegenüber einen Feuerball erschuf und diesen auf sie schleuderte. Sie spürte die Hitze und die Wucht des Aufpralls, aber sie war tot, noch bevor sie auf dem Boden aufschlug.
Lediglich Chris war noch übrig. Er hatte die ganze Zeit an der Seite seiner Mutter gekniet und in ihre toten Augen gestarrt, und genau wie seiner Tante zuvor, war auch ihm sein eigenes Überleben in diesem Moment völlig egal.
Der Anführer der Dämonen, derjenige der Piper getötet hatte, schritt nun triumphierend auf ihn zu, stoppte allerdings, als der Junge ihm keinerlei Beachtung schenkte. Zornig trat er mit dem Fuß nach Chris und hob dann sein Schwert zum finalen Schlag, als dieser endlich zu ihm aufsah. Bevor die Klinge allerdings ihr Ziel erreichte, löste sich dieses plötzlich in hunderte funkelnder Lichter auf, die durch die Decke verschwanden.
Paige, der die Tränen frei über die Wangen liefen, sah im letzten Moment, bevor sie selbst das Gefühl hatte zu beamen, wie ihr verletztes Gegenstück einen Arm in Richtung ihres Neffen streckte und diesen somit in Sicherheit beamte.
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Als Paige ihre Umgebung wieder klar erkennen konnte, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass sie sich in der Zauberschule befanden. Zwar hatte sie diesen Raum noch nie gesehen, aber das Design war unverkennbar.
Ein hohes Deckengewölbe erstreckte sich über einem achteckigen Saal, an dessen Wänden Holzbänke wie in einem Hörsaal in die Höhe stiegen. Großzügig verteilt saßen dort momentan etwa ein Dutzend Personen, die meisten von ihnen anhand ihrer Kleidung leicht als Lehrer der Schule zu erkennen. Aber etwas am Rand befand sich Leo, in den typischen weiß-goldenen Gewändern eines Ältesten, der soeben aufgesprungen war, als sein jüngerer Sohn plötzlich unerwartet in der Mitte des Raums erschienen war. Ein blonder, groß gewachsener Junge stand neben ihm und beäugte sein Aussehen kritisch.
„Was ist das hier?", fragte Paige, noch immer mit Tränen erstickter Stimme, während sie ihren Griff um Chris' Arm allmählich lockerte.
„Das ist der Saal für die praktischen Prüfungen in der Zauberschule. Und das da,", er zeigte auf den blonden Jungen neben seinem jüngeren Ich, „ist Wyatt. Er hat gerade eine Prüfung abgelegt und Leo war hier, um ihn zu unterstützen."
Er brach ab, zu sehr mitgenommen, von dem, was sie gerade gesehen hatten, als Leo auch schon die Treppen hinunter gestürzt kam und zu seinen Söhnen lief. Noch im Laufen fragte er aufgebracht:
„Ist das Blut auf deiner Kleidung? Was ist passiert?" Aber Chris war zu geschockt, um sofort zu antworten. Wyatt wollte allerdings nicht länger warten und packte ihn unsanft am Arm.
„Sag schon, was ist los?" Am ganzen Leib zitternd erwiderte Chris den Blick seines Bruders und gab sich Mühe, zu sprechen.
„Mum… Tante Phoebe, Tante Paige… alle sind…" Sowohl Wyatt als auch Leo begannen zu ahnen, was geschehen war, also fragten sie nicht groß nach Einzelheiten, da jede Sekunde zählen konnte.
„Wo?", war die einzige Frage, die Leo noch stellte.
„Zuhause." Wyatt ließ seinen Bruder los und sah ihren Vater auffordernd an. Dieser nickte und daraufhin beamten sich beide zum Halliwell Manor ohne Chris auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen.
Die Lehrer und ein oder zwei anwesenden Elternteile hatten sich nun auch von ihren Sitzen erhoben und beobachteten schockiert den dunkelhaarigen Jungen, der zitternd mit gesenktem Kopf in der Mitte des Bodenmosaiks kniete und von dessen Wangen lautlose Tränen zu Boden fielen.
tbc
