A/N: Prue und Patricia sind Phoebes und Coops älteste Töchter, die ja das letzte Kapitel leider nicht überlebt haben. Ich weiß nicht mehr, ob sie in der letzten Folge der achten Staffel überhaupt Namen bekommen haben, aber ich könnte mir auf jeden Fall gut vorstellen, dass Phoebe sie so nennt.
So, jetzt aber weiter im Text…
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Kapitel 18: Was uns prägt (Teil 2)
Sekunden zogen sich wie eine Ewigkeit hin, während im ganzen Saal entsetztes Schweigen herrschte. Erst als eine der Lehrerinnen, eine etwas ältere Hexe, die Treppe hinunter zu dem weinenden Jungen lief, erwachten auch die anderen Anwesenden wieder zum Leben. Das galt auch für die beiden, mehr oder weniger, unfreiwilligen Beobachter, die soeben die Auslöschung ihrer halben Familie hatten erleben müssen.
Paige war, wenn überhaupt möglich, noch blasser als sonst und sah mit verheulten Augen abwechselnd von einem Chris zum anderen.
Die Lehrerin hatte sich mittlerweile zu dem Jungen auf den Boden gekniet und gab sich Mühe ihn zu beruhigen, aber er schreckte zurück als sie versuchte ihn zu umarmen. Für einen kurzen Moment sah sie ihn mitleidig an, bevor sie den anderen Lehrern Anweisungen gab, den Schülern mitzuteilen, dass die Prüfungen bis auf weiteres ausgesetzt werden würden. Dabei blieb sie die ganze Zeit über bei Chris auf dem Boden knien und begann schließlich, ihm sanft über den Rücken zu streichen, um ihn so zumindest etwas zu beruhigen. Er ließ ihre Berührung zu, wandte sich aber weiterhin von ihr ab, so dass sein Gesichtsausdruck verborgen blieb. Jedoch ließ sein Zittern nach einiger Zeit etwas nach.
Währenddessen blickte Paige, die sich wieder einigermaßen gefangen hatte, zu ihrem erwachsenen Neffen auf, auf der Suche nach etwas, was sie in dieser Situation sagen konnte. Schließlich zuckte sie resignierend mit den Schultern, ihre Stimme immer noch tränenerstickt als sie fragte,
„Wie hast du das durchgestanden?" Chris überlegte ernsthaft, wobei er sein damaliges Ich betrachtete und die furchtbare Verfassung, in der er gewesen war.
„Zuerst hab ich mir gewünscht ich wäre auch tot." Er hielt inne, sprach dann nach einer kurzen Pause aber doch noch weiter. „Aber mit der Zeit und mit Grandpas Hilfe… ging das Leben irgendwann weiter." Paige schien noch auf mehr zu warten, aber als Chris nichts hinzuzufügen hatte, fragte sie erwartungsvoll:
„Und dein Dad? Und Wyatt?" Chris' Lippen verzogen sich zu einer harten Linie, bevor er antwortete.
„Du hast ja schon gesehen, Leo und ich waren uns auch vorher nie sehr nah, aber jetzt, nach Mums Tod wurde es… eisig. Und was Wyatt angeht.." Bevor er den Satz jedoch zu Ende bringen konnte, wurde er unterbrochen, als außerhalb des Raums plötzlich aufgebrachte Stimmen zu hören waren, und kurz darauf die schweren Eichentüren aufgestoßen wurden.
„Es ist mir egal, ob gerade Prüfungen sind, oder nicht! Ich muss mit Leo und Wyatt sprechen!" Eine recht zierlich wirkende Hexe, die scheinbar noch nicht mitbekommen hatte, was vorgefallen war, versuchte vehement den unnachgiebigen Besucher zurückzuhalten, konnte allerdings nicht verhindern, dass dieser in den Prüfungssaal stürmte.
„Onkel Coop?" Der Angesprochene blieb plötzlich wie versteinert stehen, als er Chris' ungläubige Stimme hörte und den Jungen in der Mitte des Raumes entdeckte. Auf das Schlimmste gefasst, schob er die Hexe, die ihn zuvor hatte aufhalten wollen, zur Seite und ging auf seinen Neffen zu.
„Chris, was..?" Aber weiter kam er nicht, da der Junge in diesem Moment seine Arme um ihn schlang und bitterlich zu weinen begann. Der Cupido zögerte kurz, die Angst um seine Frau und seine beiden, im Halliwell Manor zurückgebliebenen, Töchter deutlich in seinem Gesicht zu erkennen, erwiderte dann jedoch die Umarmung seines Neffen, da er offenbar spürte, wie verzweifelt dieser war.
Für einige Sekunden verharrten sie in dieser Position, wobei der jungen Wächter des Lichts sich an seinem Onkel festklammerte als ob es um sein Leben ginge, bis er schließlich sein Schweigen brach und unter Tränen zu sprechen begann.
„Es tut mir so Leid. Ich hätte etwas tun müssen. Das hätte nicht passieren dürfen, ich… ich hab sie alle einfach sterben lassen… Ich hab sie umgebracht!" Chris lehnte sich immer stärker gegen die Brust seines Onkels, bis dieser ihn unvermittelt ein Stück von sich weg schob, so dass er ihm in die Augen sehen konnte, die reinste Angst deutlich in seinem Gesicht geschrieben.
„Chris, was ist passiert? Was ist mit Phoebe und Prue und Patricia?" Es war nur allzu offensichtlich, wie sehr er wollte, dass sein Neffe sagte, sie hätten es geschafft, dass sie in Sicherheit waren, aber tief im Innern wusste Coop sicherlich, dass er ihm diesen Gefallen nicht tun konnte.
Chris fiel es schwer, den verzweifelten Ausdruck in den Augen seines Onkels zu ertragen, aber er konnte den Blick auch nicht abwenden, und so schloss er die Augen, bevor er leise antwortete.
„Sie sind tot. Außer mir war nur noch Tante Paige am Leben, aber sie war schwer verletzt, als sie mich hierher gebeamt hat. Und dann haben die Dämonen sie sicher getötet, genau wie die anderen. Wie Mum." Tränen rannen noch immer über das Gesicht des Jungen als er nun seinen Onkel wieder ansah, wobei er ihn mit den Augen um Verzeihung anzuflehen schien. Aber Coop war bei der Nachricht vom Tod seiner Frau und seiner Kinder ein Stück von Chris zurückgewichen und hatte sich von seinem Neffen abgewandt, während er versuchte das alles irgendwie zu begreifen.
„Es ging alles so schnell und ich war… ich war wie gelähmt. Ich hab nur noch Mum gesehen. Es tut mir Leid. Es war meine Schuld. Es war alles meine Schuld." Bei den letzten Worten sackte Chris wieder auf die Knie, aber bevor er wieder in seinen vorherigen Schockzustand zurückfallen konnte, war Coop bei ihm am Boden und sah ihm intensiv in die Augen.
„Chris, sag' das nicht! Jeder reagiert anders in so einer Situation und du standest unter Schock, nachdem, was… was dieser Dämon Piper angetan hat. Dafür kannst du nichts, das ist nicht deine Schuld! Verstanden?" Der junge Wächter des Lichts erwiderte seinen Blick eher unschlüssig, nickte aber schließlich, woraufhin er von seinem Onkel erneut in eine feste Umarmung gezogen wurde.
Paige und Chris, die die Geschehnisse die ganze Zeit über beobachtet hatten, standen immer noch etwas abseits und hatten in den letzten Minuten, obwohl sie niemand wahrnehmen konnte, kein Geräusch von sich gegeben, ja kaum geatmet, bis Paige plötzlich lautstark die Nase hochzog. Mitleidig, aber auch mit einem Anflug neu entdeckter Bewunderung sah sie zu ihrem erwachsenen Neffen auf, wobei sie versuchte, sich die Tränen aus den Augen zu wischen.
„Ich weiß nicht, ob ich es geschafft hätte, zurückzukommen."
„Aber ich wusste doch gar nicht, was mich in meinen Erinnerungen erwarten würde." Aber Paige schüttelte nur den Kopf, bevor sie ihre vorherige Aussage anders formulierte.
„Nein, ich meine zu uns, in unsere Zeit. Du musstest doch wissen, dass deine Mission länger dauern könnte und du uns oft sehen würdest. Du bist ja schließlich unser Wächter des Lichts geworden, hast fast schon bei uns gelebt, bei deiner Familie, ohne, dass wir wussten wer du bist, und das nach allem was du erlebt hast. Ich hätte das nicht gekonnt." Und obwohl die Hexe gerade noch so vehement gegen die Tränen gekämpft hatte, liefen sie ihr jetzt wieder frei über die Wangen.
Chris überlegte ernsthaft, was er seiner Tante darauf antworten sollte, wobei er allerdings feststellen musste, dass alle Erinnerungen, die von hier aus in der Zukunft lagen, noch immer äußerst schemenhaft waren. Aber über eines war er sich völlig sicher.
„Es war es wert. Ich würde alles tun, was nötig ist, wenn ich Wyatt damit vor dem Bösen bewahren kann. Und außerdem," und dabei lächelte er, obwohl er immer noch Tränen in den Augen hatte, „konnte ich so wenigstens noch einmal bei euch sein. Und wir können uns verabschieden, wenn ich wieder in meine Zeit zurückkehre."
Paige nickte verstehend. Nach dem plötzlichen Tod ihrer Adoptiveltern hätte sie alles dafür gegeben, ihnen Lebewohl sagen zu können. Aber sie hatte die Chance nie bekommen, und es musste für Chris wenigstens ein kleiner Trost sein, sich nun zumindest in der Vergangenheit von seiner Familie verabschieden zu können.
Der Wächter des Lichts sah noch einmal zu seinem jüngeren Ich, bevor ihm und Paige erneut ein gleißendes Licht die Sicht nahm. Wieder dauerte es nur wenige Sekunden, bis sie sich an einem neuen Ort befanden, und im ersten Moment war Chris sich nicht sicher, was sie hier erwarten würde.
Sie befanden sich in einem, durch Fackeln schwach erleuchteten Tunnel, dessen steinerne Wände sich in beide Richtungen absolut eintönig fortsetzten. Der junge Mann überlegte noch, wann er schon einmal hier gewesen war, als sich plötzlich Chris und Wyatt aus dieser Zeit vor ihnen materialisierten. Die beiden Brüder waren noch genauso alt, wie bei der letzten Erinnerung; höchstens ein paar Monate waren seither verstrichen, und mit einem Mal wurde Chris schlagartig bewusst, was gleich geschehen würde. Er atmete tief durch, bevor er zu seiner Tante hinüber sah.
„Ich will, dass du jetzt gehst, Paige. Du hast schon viel zuviel über die Zukunft erfahren, und es gibt Dinge, die solltest du besser nicht sehen." Die junge Frau sah Chris daraufhin kritisch an, wandte sich dann aber wieder ihren beiden jüngeren Neffen zu, bevor sie ihm antwortete.
„Kannst du mich zwingen wieder in die Zauberschule zurückzukehren?" Der Wächter des Lichts überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf.
„Nein, ich denke nicht." Aus dem Augenwinkel warf Paige ihm einen triumphierenden Blick zu, bevor sie entschlossen fort fuhr.
„Dann vergiss es! Du hast all das schon viel zu lange mit dir herumgetragen, und was immer auch noch geschieht," und dabei ergriff sie fest seine Hand, „du bist jetzt nicht mehr allein." Ungeachtet der schrecklichen Umstände, unter denen sie sich gerade befanden, konnte Chris nicht anders, als bei den Worten seiner Tante zu lächeln. Er hatte schon seit Jahren mit seinem Verlust gelebt, aber sie hatte gerade erst von dem frühzeitigen Tod ihrer Familie erfahren, und trotzdem war Paige noch in der Lage ihm in dieser Situation Trost zu spenden. Dafür war er ihr unendlich dankbar.
Mit einem Mal wurde seine Aufmerksamkeit allerdings wieder auf sein jüngeres Ich gelenkt, der in diesem Moment zu sprechen begann, nachdem er sich sorgfältig im Tunnel umgesehen hatte.
„Bist du sicher, dass wir sie hier finden werden? Wir haben schließlich bereits die halbe Unterwelt auf den Kopf gestellt." Der 14-jährige Chris sah unschlüssig zu seinem großen Bruder, der momentan die Augen geschlossen hatte, als würde er sich auf etwas jenseits des Sichtbaren konzentrieren. Er verharrte einige Sekunden in dieser Position, bevor er schließlich antwortete.
„Ja, ich bin mir sicher. Die meisten Dämonen sind in einer großen Höhle in dieser Richtung." Dabei zeigte er nach rechts, den düsteren Tunnel hinunter. „Und Tante Paige… da entlang." Dieses Mal deutete er in die entgegen gesetzte Richtung. Die soeben Genannte schnappte erschrocken nach Luft, während sie geschockt zu ihrem Neffen empor sah.
„Ich lebe also noch? Ich dachte, ich wäre bei dem Angriff im Haus getötet worden." Bevor Chris ihr jedoch antworten konnte, wurde er von seinem jüngeren Pendant unterbrochen, der soeben den Tunnel nach links entlang gehen wollte.
„Also, dann lass uns keine Zeit verlieren! Wir müssen sie endlich hier raus holen."
„Nein! Zuerst werden wir die Dämonen vernichten!" Der dunkelhaarige Junge blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich dann schockiert zu seinem Bruder um.
„Was? Das ist nicht dein Ernst, oder? Tante Paige wird hier seit fast vier Monaten gefangen gehalten, wir müssen sie so schnell wie möglich befreien!" Wyatt blieb jedoch unbeirrt und zeigte keinerlei Verständnis für die Eile seines Bruders.
„Wie du sagst, sie ist schon so lange hier, da wird sie uns schon nicht weglaufen. Im Gegensatz zu diesen Dämonen, sie könnten fliehen, wenn sie von meiner Anwesenheit erfahren, und das kann ich nicht zulassen. Dafür war es zu schwierig, sie aufzuspüren." Stille folgte dieser Aussage, bis Chris schließlich leise erwiderte:
„Und ich dachte, wir hätten nach Tante Paige gesucht." Wyatts Aura wurde dunkler und bedrohlicher, während sich sein Gesichtsausdruck zu einer zornigen Maske verzog.
„Diese Dämonen, diese… Bestien haben beinahe unsere gesamte Familie ausgelöscht. Sie haben Mum vor deinen Augen getötet, also sag mir nicht, dass du keine Rache willst! Sag mir nicht, dass du sie einfach so davon kommen lassen willst!" Chris hielt dem stechenden Blick seines Bruders stand, und trat herausfordert einen Schritt auf ihn zu.
„Glaub mir, ich weiß genau, was sie getan haben und das werde ich auch niemals vergessen, aber Tante Paige lebt noch, und wer weiß, was sie ihr antun, wenn sie bemerken, dass wir ihre Leute töten. Sie hat mein Leben gerettet, und ich werde ihres nicht für Rache aufs Spiel setzen!" Wyatt schien seine Worte für einige Augenblicke zu überdenken, bevor er schließlich resignierend mit den Schultern zuckte.
„Na meinetwegen. Dann geh' und rette du sie! Ich habe noch eine Verabredung mit ein paar Dämonen." Und mit diesen Worten ließ er Excalibur in seiner Hand erscheinen und ging in die entgegen gesetzte Richtung, als sein Bruder zuvor, den Tunnel entlang. Chris sah ihm für einige Augenblicke fassungslos hinterher, drehte sich dann aber ebenfalls um und lief los, um seine Tante zu retten. Paige und der erwachsene Chris folgten ihm mit einigem Abstand.
„Die Dämonen haben mich also nicht getötet, so wie die anderen?", fragte Paige zögerlich.
„Nein, sie haben dich entführt. Vielleicht, weil du mich vor ihnen gerettet hast, aber ich weiß es nicht genau. Wyatt hat keinem von ihnen die Chance gelassen etwas über ihre Motive zu sagen." Er sah bedrückt zu der jüngeren Version seiner selbst, die etwa fünf Meter vor ihnen ging, entschlossen seine Tante auch auf sich allein gestellt zu retten. Paige folgte seinem Blick, als ihr plötzlich etwas auffiel.
„Warum seid ihr zwei überhaupt allein hierher gekommen? Wollte Leo euch denn nicht begleiten?" Chris schnaubte verächtlich, wobei er einen auf dem Boden liegenden Stein zu kicken versuchte, sein Fuß jedoch ohne jede Wirkung hindurch ging.
„Seit Mums Tod ist er nur noch zu ihrer Beerdigung auf die Erde gekommen. Ich glaube, Wyatt hat ihn ein paar Mal gesehen, aber sogar er meinte, dass Leo sehr distanziert gewesen wäre. Er konnte ihren Tod einfach nicht verkraften." Paige sah ihren Neffen überrascht an.
„Aber du bist doch sein Sohn. Er hätte für dich und deinen Bruder da sein müssen, besonders, da du es sogar mit ansehen musstest."
„Deshalb ja." Paige blieb wie versteinert stehen und sah Chris verwirrt an.
„Wie meinst du das? Wie kann das der Grund gewesen sein, dass er nicht für dich da war?" Sie hatte Mühe, Chris' nächste Worte zu verstehen, da er sehr leise sprach, und sein Gesicht von ihr abgewandt hatte.
„Weil er denkt, dass es meine Schuld war." Für einen Augenblick war Paige sprachlos, aber dann antwortete sie doch noch.
„Was? Wie konnte er das denken? Nach dem, was geschehen ist?" Chris wich ihrem Blick aus und sah schuldbewusst zu Boden. Es dauerte einige Sekunden, bevor er etwas erwiderte.
„Es war mein Geburtstag, alle waren nur wegen mir da. Ich stand direkt vor ihr, und ich hab es nicht verhindert. Kein Wunder, dass er mich für verantwortlich hielt." Paige ging auf ihren Neffen zu, so dass sie direkt vor ihm stand, ergriff seinen Arm, und wartete, bis er ihren durchdringenden Blick erwiderte.
„Chris, wir haben gerade mit eigenen Augen gesehen, was geschehen ist, und dein Onkel hatte Recht. Es war nicht deine Schuld. Außerdem warst du nicht der einzige, alle haben den Dämon gesehen, bevor er Piper getötet hat, aber es ging so schnell, dass niemand rechtzeitig reagieren konnte. Also lass dir von Leo nicht so einen Unsinn einreden. Auch wenn er dein Vater und ein Ältester ist, ist er doch eindeutig nicht allwissend."
Sie hielt Chris' Blick noch einige Sekunden fest, bis der junge Mann schließlich nickte. Dann sah sie den Tunnel entlang, und musste feststellen, dass die jüngere Version ihres Neffen sie beinahe abgehängt hatte.
„Na komm, lass uns weiter gehen." Und so setzte sie sich erneut in Bewegung, dieses Mal aber etwas schneller, um den Abstand zu dem dunkelhaarigen Jungen vor ihnen wieder zu verringern. Chris lief neben ihr und für einige Zeit war es still zwischen den beiden, während jeder seinen eigenen Gedanken nach hing. Nach einer Weile brach Paige jedoch die Stille.
„Ich weiß nicht, was in der Zukunft alles vorgefallen ist, aber Leo ist nicht mehr der Mann, den ich kenne. Er ist nicht mehr derselbe, den Piper geheiratet hat." Chris dachte kurz über ihre Worte nach und nickte schließlich.
„Ja, in eurer Zeit ist er anders. Wir hatten zwar anfangs unsere Probleme – du weißt schon, die ganze Sache mit Valhalla, und so – aber ich denke, wenn er erfährt, dass ich sein Sohn bin, wird er mich akzeptieren. Vielleicht freut er sich sogar darüber, und das hat er in der Zukunft nie getan." Paige sah ihren Neffen mitfühlen an, und wollte ihm eigentlich versichern, dass er seinem Vater sicherlich viel bedeutete, wurde aber unterbrochen, bevor sie auch nur zwei Worte sagen konnte.
„Sag nicht, dass er mich bestimmt geliebt hat, Paige! Du hast nur ein paar Momente aus meinem Leben gesehen, aber ich habe jahrelang damit gelebt, dass ich meinem eigenen Vater egal war. Er war niemals unfreundlich, oder so etwas, er war einfach nur abwesend, selbst wenn wir im selben Raum waren. Es war, als würde er mich gar nicht sehen." Paige überlegte, was sie ihrem Neffen in dieser Situation sagen konnte, um ihn aufzumuntern, aber sie spürte, dass er einfach mal darüber reden musste, und so beschloss sie, ihn nicht zu unterbrechen.
„Nach Mums Tod musste ich ihm, Wyatt und Onkel Coop genau erzählen, was geschehen war, vor allem auch, weil du nicht unter den Opfern warst. Wir saßen in einem leeren Raum der Zauberschule und er hat die ganze Zeit über geschwiegen. Erst, als ich fertig war, sah er mich an und fragte: ‚Warum hast du nichts getan?' Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber das war auch gar nicht nötig. Onkel Coop fing an, Leo anzubrüllen, dass er seinen Schmerz ja verstehen könne, er aber nicht so kaltherzig zu mir sein sollte. Danach gingen sie vor die Tür, damit wir sie nicht mehr hören konnten, aber gebracht hat es nicht viel." Dabei rang er sich zu einem halbherzigen Lächeln durch, bevor er weiterredete.
„Onkel Coop meinte, ich wäre nach Mums Tod verständlicher Weise traumatisiert gewesen, aber ich konnte nicht verstehen, was Leo darauf antwortete. Als sich die Tür kurz darauf wieder öffnete, war er gegangen und ich hab ihn erst bei ihrer Beerdigung wieder gesehen."
Mit diesen Worten beendete er seinen Bericht, und ging schweigend neben seiner Tante weiter den Tunnel entlang. Er hatte den Weg gar nicht als so lang in Erinnerung, aber damals war er wohl einfach zu sehr in Gedanken gewesen. Paige blieb ebenfalls stumm, sie wusste immer noch nicht, was sie dazu sagen sollte, und begnügte sich schließlich damit, ihrem Neffen sanft eine Hand auf die Schulter zu legen, in der Hoffnung ihm so Trost spenden zu können. So gingen sie eine Weile weiter, bis sich der Tunnel etwa fünfzig Meter vor ihnen plötzlich verbreiterte.
Der jüngere Chris schlich nun geduckt an der Wand entlang, während er in seiner Hand langsam einen Energieball entstehen ließ. Überrascht sah seine Tante zu ihrem älteren Neffen auf.
„Du kannst Energiebälle schleudern? Warum hab ich das noch nie gesehen?" Chris überlegte scheinbar angestrengt, bevor er ihr antwortete. Dabei rieb er sich abwesend mit der Hand über den linken Oberarm und runzelte sie Stirn.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich vermute, dass mir jemand diese Kraft irgendwann genommen. Wyatt vielleicht."
Ihm blieb allerdings keine Zeit mehr, weiter darüber nachzudenken, da sein jüngeres Ich in diesem Moment nach vorne sprang und den Energieball dabei auf einen Wache stehenden Dämonen warf. Dieser ging augenblicklich in Flammen auf, genau wie der Dämon hinter ihm, den Chris zuerst mit einem Schwenk seines Arms gegen die Wand schleuderte und dann mit einem Elixier vernichtete.
Er befand sich nun in einer kleinen Höhle, an deren linker Seite ein weiterer Gang abzweigte, der nur noch sehr selten von einer Fackel erleuchtet wurde. Zuerst stellte der Junge sicher, dass keine weiteren Wächter in der Nähe waren und dann ging er vorsichtig diesen Tunnel entlang. Paige und sein älteres Ich folgten ihm, immer darauf bedacht, ihn in diesem Halbdunkeln nicht aus den Augen zu verlieren.
Als der Gang plötzlich vor ihnen nach rechts abbog, blieb der junge Chris ein weiteres Mal stehen und drückte sich gegen die Wand, so dass er fast völlig im Schatten verborgen war. Dann erschuf erneut einen Energieball, den er aber so gut es ging verbarg, so dass er weiterhin kaum zu sehen war. Paige wollte ihren Neffen schon fragen, was sein jüngeres Ich da tat, als plötzlich Schritte zu hören waren, die sich ihnen um die Kurve näherten.
Der Dämon der wenige Sekunden später zum Vorschein kam, hatte nicht einmal mehr die Gelegenheit zu reagieren, als Chris' Energieball ihn trat und er auch schon in Flammen aufging. Als der Junge jedoch daraufhin siegessicher um die Ecke trat, musste er feststellen, dass vor der, nur wenige Meter entfernten, schweren Holztür, eine weitere Wache postiert war.
Dieser Dämon war natürlich durch den Tod seines Artgenossen gewarnt und schleuderte sofort einen Feuerball auf Chris, dem der Junge nicht mehr ganz ausweichen konnte. Er warf sich zwar sofort zur Seite, verzog aber das Gesicht vor Schmerz, als das Geschoss seinen Oberschenkel streifte. Allerdings reagierte er sofort und zog ein weiteres Vernichtungselixier, das den Aufprall zum Glück überlebt hatte, aus der Tasche und warf es augenblicklich auf den Dämon.
Nachdem auch dieses letzte Hindernis beseitigt worden war, rappelte Chris sich wieder vom Boden auf und ging auf die schwere Holztür am Ende des Ganges zu. Auf dem Weg bückte er sich noch einmal, um ein Schlüsselbund, das der Dämon an seinem Gürtel getragen hatte, aufzuheben, und schloss damit, nach einigen Fehlversuchen, die Tür auf.
Vor ihm und seinen beiden unsichtbaren Begleitern lag nun ein großer Raum, bei dem es sich ohne jeden Zweifel um den Kerker handelte. Von den meisten Zellen waren nur die schmutzigen Gitterstäbe zu sehen, alles andere lag im Dunkeln, und so konnte Chris seine Tante auch nicht auf den ersten Blick ausfindig machen. Daher zog er eine der Fackeln aus ihrer Wandhalterung und ging damit an jedem Gitter vorbei und blickte angestrengt hinein.
Die meisten Zellen waren leer, aber plötzlich schossen zwischen zwei Gitterstäben die Klauen eines Dämons hervor und Chris gelang es nur mit viel Glück ihrem Griff zu entkommen. Daraufhin versuchte er etwas mehr Abstand zu halten, als er plötzlich, nur wenige Meter weiter, die Gesuchte entdeckte.
„Tante Paige!" Sie lag im hinteren Bereich der Zelle auf dem Boden, zeigte allerdings keinerlei Reaktion auf die Stimme ihres Neffen. Chris versuchte zuerst, die Gittertür mit einem der Schlüssel, die er dem Wächter abgenommen hatte zu öffnen, aber nachdem sich einer nach dem anderen als Niete entpuppte, verlor er langsam die Geduld. Daher trat er ein Stück zurück, die Fackel jetzt in der linken Hand und öffnete die Tür mit Hilfe seiner telekinetischen Kräfte. Er schwang den Arm dabei allerdings so heftig, dass er nicht nur das Schloss zerstörte, sondern die ganze Tür buchstäblich aus den Angeln riss. Sofort lief Chris an die Seite seiner Tante, und kniete sich neben sie, aber er zuckte zusammen, als das Licht der Fackel auf ihr Gesicht fiel.
Auch Chris und Paige, die die ganze Zeit über dicht hinter dem Jungen geblieben waren, konnten über seine Schulter sehen, und besonders die Hexe wirkte geschockt. Denn ihr zukünftiges Ich war nur noch ein Schatten der Frau, die sie noch vor wenigen Monaten gewesen war. Sie war völlig abgemagert und ihre Haut war unter dem ganzen Schmutz, der ihren Körper bedeckte nicht mehr einfach nur blass, sondern ein kränkliches grau.
„Tante Paige." Chris fuhr seiner Tante vorsichtig über die Wange, aber noch immer rührte sie sich nicht. Und dazu kam noch, dass sie sich so kalt anfühlte, dass der Junge nach ihrem Handgelenk greifen und ihren Puls überprüfen musste, um feststellen zu können, ob sie noch lebte. Dabei sah er mit Schrecken, dass sie überall Prellungen und Schnittwunden hatte, die zum Großteil entzündet waren.
„Chris?" Sofort sah der Angesprochene wieder in das Gesicht seiner Tante und stellte mit einem Lächeln fest, dass diese ihn ansah.
„Ja, Tante Paige, ich bin hier." Sie erwiderte sein Lächeln, wenn auch etwas zögerlich, und sprach dann leise weiter, wobei sie nur schwer zu verstehen war.
„Schön dich zu sehen. Ich dachte schon, mein Zustand hätte gar keine positiven Seiten." Chris sah sie für einen Moment verwirrt an, nicht sicher, was sie damit meinte, bis es ihm plötzlich schlagartig bewusst wurde. Sie dachte, er wäre nur ihre Einbildung.
„Ich bin keine Halluzination, ich bin wirklich hier." Wie zur Bestätigung ergriff er dabei ihre Hand und drückte sie an seine Wange. „Siehst du? Wyatt und ich sind gekommen, um dich nach Hause zu holen."
„Wyatt?" Die Hexe sah über die Schulter ihres Neffen, konnte dort aber niemanden erkennen. Betreten sah Chris daraufhin einen Moment zu Boden, bevor er weiter sprach.
„Ja, er… er hält uns die Dämonen vom Leib. Aber gleich wird er kommen und dich heilen." Er wandte das Gesicht zur Decke und rief laut nach seinem Bruder. „Wyatt! Wyatt, komm schnell, Tante Paige braucht dich!"
Tränen stiegen dem Jungen in die Augen, als ihm bewusst wurde, wie richtig diese Aussage war. Die Hexe war schwer krank, all die Monate in dieser kalten Zelle, und das mit ihren Verletzungen, hatten ihren Tribut gefordert, und jetzt war sie kurz davor zu sterben. Alleine und bewusstlos wäre sie wahrscheinlich ihrem Tod entgegengedämmert und erst in einigen Stunden oder ein zwei Tagen gestorben, aber jetzt, da sie ihre letzten Kräfte mobilisiert hatte um aufzuwachen und zu sprechen, würde ihr nicht mehr so lange bleiben.
„Hierher, in den Kerkerbereich kann man nicht beamen, er wird also nur etwas länger brauchen.", versuchte Chris seiner Tante und vermutlich auch sich selbst Mut zuzusprechen.
„Ist schon gut." Paiges Stimme war kaum noch ein Flüstern, aber sie verstärkte leicht ihren Griff um Chris' Hand.
„Nein! Nein es ist nicht gut. Du hast mir das Leben gerettet, ich werd' dich hier nicht sterben lassen." Und erneut warf er den Kopf in den Nacken und schrie aus vollem Herzen.
„WYATT! Komm sofort hierher!" Aber obwohl er es nicht mit Sicherheit wissen konnte, hatte der Junge nicht das Gefühl, dass sein Hilferuf beantwortet werden würde. Also traf er eine Entscheidung.
„Ich werd' dich einfach zu ihm bringen. Vielleicht kann er mich durch diese magische Abschirmung hier auch gar nicht hören." Es war nur eine Ausrede, um seiner Tante seine wahre Befürchtung, dass Wyatt einfach nicht kommen wollte, nicht sagen zu müssen, aber Chris hoffte dennoch inständig, dass es so war.
„Du musst aufstehen, okay?" Dabei versuchte er, Paige vom Boden hoch zu helfen, aber sie war einfach zu schwach, um sich selbst aufrecht halten zu können. Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen musste das auch Chris einsehen, und so ließ er sich und seine Tante, deren Arm er um seine Schultern geschlungen hatte, vorsichtig wieder zu Boden sinken, so dass Paiges Kopf gegen seine Brust ruhte.
Chris fuhr ihr beruhigend über die Haare, während er überlegte, was er noch tun konnte.
„Ich werde ihn holen. Ich renne einfach den ganzen Weg zurück, und dann werde ich ihn an seinen blonden Haaren hierher zurückschleifen, wenn nötig." Er wollte schon wieder aufstehen, um seinen Plan in die Tat umzusetzen, wurde aber von Paige zurückgehalten, deren Augen zwar wieder geschlossen waren, die aber offensichtlich noch immer bei Bewusstsein war.
„Hör auf, okay? Bleib einfach bei mir, und lass mich gehen." Ein Schluchzen entrang sich Chris' Kehle, als er die Worte seiner Tante hörte.
„Aber…"
„Richard… unsere Kinder… sie sind tot, nicht wahr?" Chris legte vorsichtig einen Arm um seine Tante, bevor er ihr antwortete.
„Ja." Stille Tränen rannen über Paiges Wangen und ihr Neffe dachte bereits, dass sie nie wieder etwas sagen würde, als sie doch noch erneut zu sprechen begann.
„Sei vorsichtig wegen deines Bruders."
„Was meinst du damit?" Jetzt öffnete Paige doch noch einmal die Augen und sah ihren Neffen durchdringend an.
„Du weißt genau, was ich damit meine. Er… verändert sich. Deshalb wird er auch nicht kommen." Ihre Erschöpfung übermannte sie schließlich und so schloss die Hexe zum letzten Mal ihre Augen und ließ ihren Kopf wieder gegen die Brust ihres Neffen sacken.
„Pass auf dich auf!", waren ihre letzten Worte, bevor sie nach einigen Atemzügen völlig still wurde und ihr Herz aufhörte zu schlagen.
tbc
