Kapitel 19: Konfrontation

Während Chris' Blick weiterhin auf sein jüngeres Ich und seine tote Tante in dessen Armen fixiert blieb, kehrten immer mehr seiner Erinnerungen zurück, allen voran an das Gefühl der Sinnlosigkeit der ganzen Situation und daran wie ihn seine Trauer und Verzweiflung beinahe überwältigt hatten.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie lange ich noch hier so gesessen habe. Vielleicht Stunden. Es kam mir jedenfalls wie eine Ewigkeit vor." Der junge Wächter des Lichts war völlig in seinen Gedanken versunken, so dass er erst bemerkte, wie sehr Paige von den Geschehnissen mitgenommen worden war, als sie zitternd einige Schritte zurücktrat und ihre Atmung zu einem unregelmäßigen Keuchen abflachte. Chris folgte ihrer Bewegung, wobei in ihm die Besorgnis um seine Tante rapide zunahm als er ihren zutiefst verstörten Zustand bemerkte.

„Sag mir, dass er dich wirklich nicht gehört hat! Oder dass er einfach nicht mehr rechtzeitig kam oder so etwas!" Schließlich riss sie ihre Augen von ihrem toten Gegenstück los und sah flehend zu Chris.

„Wyatt, mein eigener Neffe, hat mich nicht einfach so hier sterben lassen, oder?" Tränen strömten über die Wangen der Hexe und ließen ihre Sicht verschwimmen, während sie verzweifelt auf eine Antwort hoffte, von der sie wusste, dass sie sie niemals erhalten würde.

Chris wusste nicht, was er sagen sollte. Er war so sehr an Wyatts Erbarmungslosigkeit gewöhnt, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sein Verrat Paige so sehr treffen würde. Und schließlich hatte er den Schwestern ja von der Veränderung seines Bruders erzählt. Aber darauf die brutale Wahrheit jetzt selbst zu erleben hatte die Halb-Wächterin des Lichts vermutlich nichts vorbereiten können.

Chris atmete noch einmal tief durch, bevor er seiner Tante antworten wollte, sah jedoch zuvor noch für einen kurzen Moment betreten zu Boden, ohne, dass es ihm wirklich bewusst wurde. Diese unbedachte Geste genügte der Hexe allerdings als Antwort, und ohne, dass sie es kontrollieren konnte, spürte Paige, wie sie geradewegs auf einen Zusammenbruch zusteuerte. Sie bekam kaum noch Luft und ihre Knie drohten unter ihr nachzugeben, als Chris auch schon zu ihr hinüber eilte und sie in eine feste Umarmung zog um zu verhindern, dass sie zu Boden stürzte.

Sie konnte sich nicht einmal erklären, warum sie jetzt so reagierte, denn obwohl sie der Tod ihrer Schwestern, Richards und ihrer Kinder schwer getroffen hatte, hatte sie sich die ganze Zeit über unter Kontrolle gehabt. Aber zu sehen wie die verzweifelten Bemühungen des jungen Chris ihr Leben zu retten am Ende nicht an einem Dämon, sondern an der verweigerten Hilfe seines eigenen Bruders scheiterten, war mehr, als sie offenbar verkraften konnte.

Dabei hatte sie es doch gewusst. Chris hatte ihnen gesagt, was mit Wyatt in der Zukunft geschehen, zu was für einem Menschen er werden würde. Aber unterbewusst hatte sie es wohl bis jetzt nicht wirklich glauben können.

„Es tut mir so Leid, dass du das mit ansehen musstest, Paige, aber bitte, versuch tief durchzuatmen und dich zu beruhigen!" Chris hatte seine Arme um seine Tante geschlungen und diese erwiderte nun langsam die Umarmung, während ihr Atem immer noch flach und hektisch ging. Der junge Wächter des Lichts zögerte.

Was konnte er in dieser Situation schon sagen um Paige zu helfen? Welche Worte konnten erträglicher machen, was sie soeben beobachtet hatte, den Tod fast ihrer gesamten Familie und schließlich ihren eigenen, und das nur, weil es Wyatt offensichtlich nicht gekümmert hatte, was aus ihr wurde?

Chris seufzte, während er sanft mit einer Hand über das Haar seiner Tante strich, die ihren Kopf erschöpft an seine Schulter gelehnt hatte.

„Jetzt weißt du, warum ich zurückgekommen bin. Und wenn ich es schaffe zu verhindern, was auch immer mit Wyatt in dieser Zeit geschehen ist, dann wird er niemals so werden." Chris entfernte sich vorsichtig ein Stück von Paige um ihr in die Augen sehen zu können, wobei er erleichtert feststellte, dass sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte und sie nun lediglich erschöpft wirkte.

„Ich weiß nicht, wie das die Zukunft genau verändern wird, aber ich schwöre dir, ich lasse nicht zu, dass sich so etwas wie das hier noch einmal wiederholt. Ok?" Paige erwiderte den eindringlichen Blick ihres Neffen, wobei sie nur allzu deutlich die Entschlossenheit in seinen Augen sehen konnte. Dieselbe Entschlossenheit, die ihn in all den Monaten seines hier Seins angetrieben hatte und die, wie sie nun feststellte, einfach ein Teil seines Wesen war. So hatte Barbas ihn während seines Gedächtnisverlusts auch nur deshalb manipulieren können, weil er seine Entschlossenheit sein eigentliches Ziel zu erfüllen verloren hatte. Denn das bestand nicht einfach nur darin Wyatt aufzuhalten, sondern seinen Bruder zu retten, und somit vielleicht auch den Rest seiner Familie.

„Ok." Paige nickte leicht, aber bevor sie noch etwas sagen konnte, blendete sie erneut ein helles Licht, als sich ihre Umgebung ein weiteres Mal veränderte. Überrascht löste sie sich von Chris und sah sich neugierig in ihrer neuen Umgebung um, wobei ihr allerdings vor Entsetzen der Atem stockte und sie unbewusste näher an ihren Neffen heranrückte.

Sie waren am Eingang einer weitläufigen Höhle erschienen und neben ihnen tauchte soeben der vierzehnjährige Chris aus dem Tunnel auf und blieb ebenfalls erschrocken stehen. Er trug noch dieselbe Kleidung wie zuvor und an seinem Oberschenkel war deutlich die Wunde zu sehen, wo ihn erst vor kurzem der Feuerball einer der Wachen getroffen hatte. Es war also immer noch derselbe Tag und wie Paige unschwer erkennen konnte, befanden sie sich nach wie vor im Versteck der Mörder ihrer Familie.

Die Hexe erschauderte, als sie das Geschehen vor sich beobachtete. Überall in der Höhle lagen tote Dämonen auf dem Boden, oder zumindest hätten sie tot sein sollen, wenn man den Zustand betrachtete, in dem sich die meisten von ihnen befanden.

Klaffende Wunden, offenbar von der Klinge Excaliburs hinterlassen, übersäten ihre Körper, ihre Kleidung war in Blut getränkt und Paige zuckte zusammen, als sie sogar einige abgetrennte Gliedmaßen auf dem Boden entdeckte. Und doch bewegten sie sich alle noch, wurden scheinbar auf unnatürliche Weise am Leben erhalten, während die Wände von ihren schmerzerfüllten Schreien und den Geräuschen ihres Todeskampfes widerhallten.

Paige riss ihren Blick von dem Blutbad vor sich los und sah zu ihrem erwachsenen Neffen, auf dessen Gesicht sie eine Mischung aus Wut und Abscheu erkennen konnte. Bevor sie jedoch dazu kam, zu fragen, was hier los war, wurde sie von dem jüngeren Chris unterbrochen, der in diesem Moment seinen anfänglichen Schrecken überwunden zu haben schien.

„Du hast mich gehört, nicht wahr?" Seine Stimme klang gefährlich ruhig, aber Paige konnte nur allzu deutlich die Anspannung hören, die darunter lag. Zuerst konnte sie nicht erkennen, an wen seine Worte gerichtet waren, aber dann schritt ihr Neffe entschlossen über all die sterbenden Körper hinweg auf eine am Boden, über einem der Dämonen kniende Gestalt zu, die sie in all dem Chaos zuvor nicht bemerkt hatte.

„Hab' wenigstens den Anstand mir zu antworten! Ich weiß, dass du mich gehört hast und nur, weil du dich nicht von deinem kleinen..." dabei ließ er seinen Blick über die Dämonen am Boden gleiten, „Gemetzel hier losreißen konntest, ist Tante Paige gestorben." Der Junge starrte voller Verachtung auf den Hinterkopf seines Bruders, bis dieser sich schließlich doch noch erhob und zu ihm umdrehte.

Wyatts Hände, sein Gesicht und seine Kleidung waren voller Blut und Paige bekam den erschreckenden Verdacht, dass er einige seiner Gegner mit bloßen Händen getötet hatte. Auch die jüngere Version ihres Neffen erstarrte kurzzeitig bei diesem Anblick, was seinem Bruder die Gelegenheit gab, auf seine Anschuldigungen zu antworten.

„Du siehst das falsch, Chris. Sie ist nicht meinetwegen gestorben, sondern wegen dieser Monster hier." Voller Hass sah er für einige Sekunden auf die zuckenden Gestalten am Boden hinab, bevor sich ein triumphierender Ausdruck auf seinem Gesicht ausbreitete. „Aber ich habe ihren Tod gerächt. Sowie Mums und den der anderen."

Sprachlos starrte Chris für einige Augenblicke seinen Bruder an und auch Paige konnte kaum fassen, wie dieser die Tatsachen verdrehte, um seine Rachegelüste zu rechtfertigen. Und darüber hinaus versuchte er noch nicht einmal zu leugnen, dass er die Hilferufe seines kleinen Bruders tatsächlich gehört hatte.

„Sie war noch am leben. Was zum Teufel ist denn nur los mit dir? Paige war unsere Tante und du hättest sie retten können!" Auf diese Worte hin bedachte Wyatt seinen Bruder lediglich mit einem verächtlichen Blick und einem humorlosen Lachen, während er ein Stück weiter auf ihn zuging.

„Aber warum hätte ich das tun sollen? Mum und Tante Phoebe sind tot, die Macht der Drei somit zerstört. Und es gibt sicherlich nichts, was ich von Tante Paige noch hätte lernen können, also wozu hätte ich sie noch brauchen sollen?" Ein bösartiges Grinsen lag bei diesen Worten auf seinen Lippen, was Chris endgültig die Kontrolle verlieren ließ.

Mit einem Zorn erfüllten Schrei stürzte er sich auf seinen Bruder und erwischte diesen dabei so unverhofft mit der Faust im Gesicht, dass sie beide gemeinsam zu Boden stürzten. Chris versuchte noch einen weiteren Schlag zu landen, kam jedoch nicht mehr dazu, da Wyatt seine telekinetischen Fähigkeiten einsetzte und ihn im hohen Bogen von sich schleuderte.

Bevor der Junge allerdings auf dem Boden aufschlagen konnte, wurde er unvermittelt in der Luft gestoppt und hing nun dort, ohne sich bewegen zu können, währenddessen Wyatt sich wieder vom Boden aufrappelte. Er bedachte seinen Bruder mit einer Mischung aus Wut und Anerkennung, wobei er sich mit dem Handrücken das Blut von den Lippen wischte, wo Chris ihn getroffen hatte.

„Du bist wütend, das kann ich verstehen. Und du bist mein Bruder, aus diesem Grund werde ich dir das noch einmal verzeihen, aber wag es nie wieder mich anzugreifen, oder ich werde mit dir dasselbe machen, wie mit diesem Abschaum hier." Dabei ließ er seinen Blick abermals über die verstümmelten Dämonen gleiten, während er langsam zu Chris hinüberging. Dieser folgte seinem Beispiel und ließ den grausigen Anblick für einen Moment auf sich wirken, bevor er antwortete.

„Warum überhaupt Rache nehmen, wenn es dich doch ohnehin nicht kümmert, was aus uns allen wird? Oder ist es nur das Morden an sich, das dir so gefällt?" Dieses Mal schüttelte Wyatt fast mitleidig den Kopf über die Worte seines Bruders.

„Chris, du verstehst einfach nicht, worum es hierbei geht. Glaubst du wirklich, ich nehme es einfach so hin, dass ein Haufen Dämonen meine Familie abschlachtet? Sie mussten dafür bezahlen und sie einfach nur zu töten wäre nicht ausreichend gewesen für das, was sie getan haben. Deshalb halte ich sie in dieser Welt fest; sie können nicht sterben solange es mir gefällt sie zu bestrafen und bis jetzt sehe ich noch keinen Grund dafür sie zu erlösen." Er sah Chris fest in die Augen, bevor er weiter sprach und Paige hatte Mühe seine Worte von ihrer Position aus zu verstehen.

„Oder was meinst du, Bruder? Soll ich sie freigeben?" Er lockerte seine Kontrolle über Chris ein wenig, so dass dieser seinen Kopf bewegen konnte und fuhr dann fort, wobei er auf einen der schwer verletzten Dämonen neben ihnen hinabblickte.

„Sieh sie dir gut an und denk daran was sie getan haben. Wie sie Mum und den Großteil unserer Familie ermordet und unser Haus in ein blutiges Schlachtfeld verwandelt haben." Wyatt hob den Blick wieder und beobachtete fasziniert den unschlüssigen Ausdruck auf dem Gesicht seines Bruders, mit dem dieser auf den Dämon hinab sah, während er weiter sprach.

„Sie leiden jetzt, so wie du gelitten hast und es immer noch tust. Ich werde also dir die Entscheidung überlassen, was nun mit ihnen geschieht. Soll ich ihre Schmerzen beenden und sie sterben lassen? Sie von ihrem Leid erlösen? Ist es das, was du willst?"

Paige beobachtete die beiden Brüder und die ganze Situation mit einer Mischung aus Faszination und Horror, bevor ihr Blick zu ihrem erwachsenen Neffen, der die ganze Zeit über beunruhigend still gewesen war, hinüber glitt. Es war zu erwarten gewesen, dass all das ihn stark mitnehmen würde, aber die Hexe musste zu ihrem Schrecken feststellen, dass Chris sich in einem furchtbaren Zustand befand.

Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen und er machte den Eindruck, als wenn er sich jeden Moment übergeben konnte, während sein Blick, genau wie der seines jüngeren Pendants, auf den schwer verletzten Dämon fixiert war, der neben den beiden Jungen am Boden lag.

Die Augen des schwarz gekleideten Mannes waren in Todesqualen aufgerissen, während er flehend zu dem dunkelhaarigen Jungen hinaufstarrte, der über sein weiteres Schicksal entscheiden würde. Er versuchte offenbar etwas zu sagen, vermutlich um Gnade zu flehen, aber er brachte vor Schmerzen kein verständliches Wort zustande. Und als Paige sich nun ein weiteres Mal in der Höhle umsah konnte sie den Ekel, den Chris offenbar empfand, nur allzu gut nachvollziehen.

Wyatt hatte all diesen Dämonen furchtbare Wunden zugefügt; keiner von ihnen würde normalerweise noch leben und auch wenn die Hexe sie für das, was sie ihrer Familie angetan hatten, hasste, und zwar mit jeder Faser ihres Körpers, so sträubte sich doch ihr tiefstes Inneres gegen das, was hier geschah.

„Nein." Die Antwort des jüngeren Chris traf Paige so unvermittelt, dass die Hexe für einige Augenblicke irritiert zwischen ihren Neffen hin und her sah, nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.

„Nein, ich will nicht, dass sie so einfach davonkommen. Sie sollen am eigenen Leib spüren was sie getan haben." „Glaub mir, das ist die richtige Entscheidung." Wyatt nickte anerkennend und löste daraufhin seine magische Kontrolle über Chris, woraufhin dieser wieder sicher mit den Füßen auf dem Boden landete. Der dunkelhaarige Junge blieb vorerst an Ort und Stelle stehen, während er versuchte zu verhindern, dass sein Gesichtsausdruck seine Emotionen preisgab. Er starrte entschlossen auf die verletzten Dämonen um ihn herum, aber Paige konnte deutlich erkennen, wie er mit seinen Gefühlen zu kämpfen hatte.

Schließlich riss sie jedoch ihren Blick von ihm los und sah zu dem erwachsenen Chris, der immer noch kein einziges Wort gesprochen hatte, seit sie in dieser Höhle erschienen waren. Einerseits konnte sie ihn natürlich verstehen, schließlich hatte sie selbst gesehen, was er durchgemacht hatte; aber andererseits war sie dennoch geschockt von seiner kompromisslosen Entscheidung und es erinnerte sie unangenehm an die verschiedenen Male, bei denen er in ihrer Zeit scheinbar jegliche Moral über Bord geworfen hatte, um seine Ziele zu erreichen.

Als Chris jedoch endlich zu sprechen begann, wusch eine Welle der Erleichterung über Paige hinweg.

„Gott weiß, dass sie es eigentlich verdient haben, aber ich hätte das niemals tun dürfen. So etwas ist Wyatts Art, nicht meine. Und ich glaube, dass er zum Teil wegen dieser Entscheidung bis heute denkt, er könne mich auf seine Seite ziehen." Der junge Wächter des Lichts seufzte schwer und ließ sich dabei erschöpft auf den Boden sinken, wo er die Knie näher an seinen Körper heranzog und seinen Kopf gegen die Wand lehnte.

Warum musste sein ganzes Leben nur so völlig verkorkst sein? Reichten der Tod seiner Mutter und seiner halben Familie und Wyatts erbarmungsloses Streben nach Macht etwa nicht aus, musste er sich jetzt auch noch mit seinen eigenen furchtbaren Entscheidungen auseinandersetzen?

Total erledigt beobachtete Chris sein jüngeres Ich und seinen Bruder und während er dort so saß fragte er sich unwillkürlich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn Paige direkt bei dem Dämonenangriff ums Leben gekommen wäre. Hätte Wyatts unverzeihliches Verhalten bei ihrem Tod ihn nicht abgeschreckt, wäre er seinem Bruder dann auf seinem Weg gefolgt? Hätten sie Seite an Seite gekämpft um die Kontrolle zuerst über die Unterwelt und dann über den ganzen Planeten an sich zu reißen?

Chris wünschte, er könnte diese Fragen mit einem klaren ‚Nein' beantworten, aber allmählich war er sich da nicht mehr so sicher. Er konnte sich wieder daran erinnern, dass er nach dem Dämonenangriff auf ihre Familie, genau wie Wyatt, ein ungeheures Verlangen nach Rache empfunden hatte, aber anders als sein Bruder, hatte er seine Energien auf die Rettung von Paige konzentriert. Wenn nun dieses Ziel überhaupt nicht vorhanden gewesen wäre…

„Zu schade, dass ich hier bleiben müsste, um die Kontrolle über sie aufrecht zu erhalten. Dieser Abschaum hat es nicht verdient so leicht davonzukommen, aber ich will auch nicht ewig hier unten bleiben. Nun ja, dann werde ich es eben genießen müssen solange dafür Zeit ist."

Wyatt schritt gutgelaunt über das Schlachtfeld aus verletzten Dämonen, während sich sein Bruder an den Rand der Höhle zurückgezogen hatte. Sein Gesichtsausdruck war immer noch eine Mischung aus der Entschlossenheit an seiner Entscheidung festzuhalten und der Übelkeit die er beim Anblick der entstellten Körper empfand. Paige hatte sogar den Eindruck, dass seine Gesichtsfarbe bei der Vorstellung die Dämonen für immer in diesem Zustand zu belassen, noch eine Spur weißer geworden war.

Die Minuten verstrichen schleichend wie eine Ewigkeit, während alle anwesenden Halliwells ihren Gedanken nachhingen und Paige schluckte schwer, während sie weiterhin Chris' jüngeres Ich beobachtete und dabei voller Schrecken die dunklen Abgründe erkannte, die sich in der Vergangenheit des jungen Wächters des Lichts auftaten. Natürlich hatte sie nicht erwartet, dass diese Reise in seine Erinnerungen ein Spaziergang werden würde, aber all der Schmerz und Tod den sie bisher beobachtet hatten, war mehr, als sie sich in ihren schlimmsten Albträumen hätte ausmalen können und die Hexe begann allmählich sich zu fragen, wie Chris das alles hatte durchstehen können. Sie selbst hatte ja bereits kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden und sie wusste immerhin, dass sie bald in eine Welt zurückkehren würde, in der nichts von alledem bisher geschehen war und sich auch hoffentlich noch würde verhindern lassen. Aber je mehr sie jetzt darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr bewusst, wie kurz Chris womöglich davor gewesen war, seinem Bruder zu folgen.

Paiges Blick fiel ein weiteres Mal auf den dunkelhaarigen Jungen und überrascht stellte sie fest, dass dieser gedankenverloren in den Tunneleingang direkt neben ihr starrte. Alle Entschlossenheit die er zuvor ausgestrahlt hatte, war von ihm gewichen und hatte einer unbeschreiblichen Trauer Platz gemacht, die sich nun in seinem Gesichtsausdruck widerspiegelte.

„Mum würde sich für uns schämen, wenn sie uns jetzt sehen könnte." Wyatt schnaubte verächtlich und verdrehte die Augen als Reaktion auf die Worte seines Bruders, aber dieser schien ihn nicht gehört zu haben als er nun weiter sprach. „So etwas hätte sie nicht gewollt. Und dann die Sache mit Paige…" Chris' Stimme wurde immer leiser, aber bevor er ganz verstumme konnte, wurde er auch schon von Wyatt unterbrochen.

„Hör auf, okay?" Chris zuckte sichtbar zusammen, als sein Bruder unwissendlich dieselben Worte gebrauchte, wie ihre sterbende Tante nicht einmal eine Stunde zuvor, als sie ihrem Neffen das klar gemacht hatte, was sie schon längst erkannt hatte; nämlich dass es für sie keinerlei Hoffnung mehr gab.

„Hör auf dich bei allem was du tust ständig zu fragen, was Mum oder unsere Tanten wohl davon halten würden. Das tust du schon dein ganzes Leben lang und es hat dich immer davon abgehalten deine eigenen Grenzen zu entdecken. Aber jetzt sind sie tot und du musst endlich für dich selbst entscheiden. Sieh mich an, ich lasse mich nicht durch das zurückhalten, was andere für richtig halten." Wyatt sah Chris fest in die Augen, als würde er versuchen ihn allein durch diesen Blick von seinen Worten zu überzeugen.

„Ich bin das mächtigste Wesen, das je auf diesem Planeten existiert hat und meine Kräfte sind nicht dazu gedacht versteckt und unterdrückt zu werden, genauso wenig, wie deine." Jetzt ging er entschlossen auf seinen Bruder zu und streckte ihm bei seinen nächsten Worten die Hand entgegen. „Schließ dich mir an! Steh' an meiner Seite und wir werden in Zukunft nur noch das tun, was wir für richtig halten und niemand wird sich uns in den Weg stellen können!"

Chris sah nachdenklich für einige Augenblicke auf die ausgestreckte Hand seines Bruders, während er dessen Angebot zu überdenken schien. Paige war etwas näher an die beiden herangerückt, um sie besser verstehen zu können und sah daher nur aus den Augenwinkeln, wie sich ihr erwachsener Neffe von seinem Platz auf dem Boden erhoben hatte. Als sie sich daraufhin zu ihm umdrehte konnte sie zu ihrer Überraschung feststellen, dass der Ausdruck von Ekel und Scham von seinem Gesicht verschwunden war und obwohl er sein jüngeres Pendant zwar immer noch mit gemischten Gefühlen beobachtete, konnte sie eindeutig so etwas wie Stolz darunter erkennen. Ihr blieb allerdings keine Zeit seinen Gesichtsausdruck weiter zu deuten, da der jüngere Chris endlich seinem Bruder antwortete und die Hexe sich wieder zu den beiden umdrehte.

„Du hältst das hier für das Richtige?" Seine Stimme klang traurig, während er mit der Hand auf die am Boden liegenden halbtoten Dämonen deutete. „Du denkst, es war richtig Tante Paige sterben zu lassen, nur weil sie dir nichts mehr über Magie beibringen konnte? Vielleicht hast du recht, und ich muss wirklich noch lernen meine eigenen Entscheidungen zu treffen, aber ich befürchte meine Vorstellung von ‚richtig' wird niemals mit deiner übereinstimmen." Er drehte den Kopf ein Stück zur Seite um den Blickkontakt mit seinem Bruder zu brechen und sah dabei wieder unbewusst in Richtung des Tunnels aus dem er erst vor kurzem gekommen war. Wyatts Antwort war es, die schließlich seine Aufmerksamkeit zurückerlangte.

„Du solltest dir das wirklich gut überlegen." Es klang mehr wie eine Warnung, als ein Ratschlag, aber Chris war einfach zu erledigt um noch irgendwelche Bedenken zu verspüren.

„Das hab' ich bereits. Und jetzt lass die Dämonen endlich sterben, denn nur wenn sie alle tot sind, werden die Schutzzauber, die sie errichtet haben, zusammenbrechen und ich kann Tante Paige endlich nach Hause bringen." Wyatt sah ihn noch für einen kurzen Moment durchdringend an, bevor er schließlich nickte und noch im selben Augenblick überall in der Höhle die entstellten Körper der Dämonen in Flammen aufgingen und sich innerhalb von Sekunden auflösten. Chris erwiderte sein Nicken, bevor er sich verabschiedete.

„Mach's gut, Bruder." Die beiden Jungen hielten den Blickkontakt noch für einige Sekunden, bis Chris schließlich in einem Nebel aus weiß-blauem Licht durch die Decke verschwand. Wyatt folgte ihm mit den Augen soweit es ging und seine Stimme war das letzte, was Paige und ihr erwachsener Neffe hörten, bevor die Welt um sie herum erneut in einem blendend weißen Licht verschwand.

„Glaub' mir, das ist noch nicht das Ende, Chris!"

tbc