Kapitel 2

Es wäre ein verfluchtes Wunder, würde er sich heute auf dem Besen halten können. Es würde schon an ein Wunder grenzen, wenn er sich überhaupt noch einmal erheben würde. Sein Kopf dröhnte, aber er verspürte nicht den Drang, sich übergeben zu müssen. Das war schon mal ein großer Vorteil. Seine Klassenkameraden lagen wie tot in ihren Betten. Würde er aufstehen, dann müsste er sich damit abfinden, dass es ein neuer Tag war. Ein Tag, der in keinster Weise besser war als der vorherige.

Seine Laune war jetzt schon schlecht, aber wenn er ehrlich war, dann konnte er sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal gut gewesen war. Die Sonne stand relativ hoch, also konnte er annehmen, dass er das Frühstück verpasst hatte. Er wusste, er konnte die Elfen in der Küche zwingen, ihn zu bekochen. Das tat er schließlich sonst auch. Widerwillig richtete er sich auf und streckte den Rücken durch. Training wäre wohl ganz gut, überlegte er und rieb sich den steifen Nacken.

Er erinnerte sich plötzlich an seinen Traum und es schauderte ihn kurz. Er hatte von Potter geträumt. Von Harry Arschloch Potter. Er schloss die Augen. Es war nicht mal ein gewöhnlicher Traum, in dem er Potter geschlagen oder zumindest im Sport besiegt hatte. Nein. Sein Unterbewusstsein zog es anscheinend vor, von Potter in weitaus gefährlicherem Maße zu träumen.

Und er konnte nicht sagen, dass ihn Potters Schwanz wirklich interessierte. Er hatte keine Ahnung, warum sein Unterbewusstsein ihm so etwas antat.

Seine nackten Füße berührten den Boden und er war relativ dankbar für seinen Filmriss. Er konnte mit Sicherheit annehmen, dass Granger ihm auch diesen Freitag seinen Hintern gerettet hatte. Er baute auf ihr verfluchtes Pflichtbewusstsein und ihr Ehrgefühl. Sie musste es hassen, dass er auch Schulsprecher war, nahm er an. Er hasste es selber.

Es klopfte an der Tür. Er atmete langsam ein. Für gewöhnlich klopften die Mädchen nicht. Also musste es ein Junge aus den unteren Jahrgängen sein.

„Ja?", knurrte er, weil niemand anders reagierte. Die Holztür öffnete sich langsam.

„Ich würde heute gerne in dein Team aufgenommen werden!", verkündete ein Junge, deren Namen er nicht kannte. Er runzelte die Stirn. Kurz war ihm nicht ganz klar, welches Team der Junge meinte.

„Heute ist doch Training und neues Auswahlspiel, richtig?", fügte der Junge hinzu und Draco musste sich erst mal besinnen, wo rechts und links war.

„Dein Name?", forderte er knapp. Der Junge wirkte sehr stolz, sehr arrogant und war wahrscheinlich ein Junge, der wohl nur hatte nach Slytherin kommen können.

„Larry Fudge", erklärte der Junge stolz. Draco verhinderte, dass er die Augen verdrehte. Nur ein Verwandter des ehemaligen Ministers konnte es wohl wagen, in seinen Schlafsaal zu kommen.

„Lawrence, Lawrence…", begann Draco tadelnd und erhob sich. Er war vielleicht zwei ganze Köpfe größer als der Junge. „Es ist früh." Der Junge wirkte beleidigt.

„Nur Larry. Und ich weiß, du brauchst neue Leute im Team, weil drei der Spieler wegen Alkoholkonsum suspendiert worden sind." Draco sah dem Jungen die Frage an, weshalb er selber nicht auch suspendiert worden war. Draco wusste es aber selber nicht. Er war sich ziemlich sicher, dass Dumbledore seine verfluchten Finger im Spiel hatte. „Und es ist gegen die Bestimmungen in Hogwarts, dass eine Mannschaft mit weniger als sieben Spielern teilnehmen darf!" Er klang wie ein kleiner Rechtsverdreher und Draco war genervt.

„Und welcher Jahrgang bist du, Lawrence Fudge?", fragte er rau und ignorierte die Namenswahl des Jungen.

„Du bist Schulsprecher, du solltest das doch wissen, oder nicht? Im ersten Jahrgang kann ich wohl nicht sein, denn sonst dürfte ich nicht teilnehmen." Am liebsten hätte Draco ihm auf den Hinterkopf geschlagen. Aber es war angenehm, dass er einmal an einem längeren Hebel saß.

„Entweder du sagst es mir, oder du bist von vornherein ausgeschlossen", erklärte er und suchte nach seiner Hose. Was hatte er noch veranstaltet, zum Teufel?

„Dritter Jahrgang", sagte der Junge bitter. „Weiß der Schulleiter eigentlich, dass Hermine Granger jede Woche den Gemeinschaftsraum aufräumen muss?", setzte der Junge hinterher und Draco fühlte ein unangenehmes Ziepen in seinem Hinterkopf. Er erinnerte sich dumpf an Dreck und Scherben.

„Neugierde ist der Tod der Katze, Junge. Und jetzt raus, bevor ich wütend werde und dir Punkte abziehen muss, bevor ich Frühstück hatte", erklärte Draco mit eisiger Freundlichkeit. Der Junge verließ den Schlafsaal, aber Draco hatte nicht erwartet, dass dieser kleine Arschkriecher sich wirklich physisch auflehnen würde. Nein, das wäre eher ein Typ Junge, der zum Schulleiter ging, damit er nicht wie ein Verlierer vor dem bitterbösen Schulsprecher stand.

Aber es war die Magie des nächsten Morgens, nahm Draco an, denn es interessierte ihn schon nicht mehr, was letzte Nacht noch alles passiert war. Es war ein nächster Tag und anscheinend war er mit seinem üblichen Ritual durchgekommen.

Kaffee. Ja, Kaffee wäre eine verflucht gute Entscheidung. Er scherte sich nicht mehr um seine Hose, sondern schritt in Shorts und Shirt die Treppe runter. War er gestern hier auch alleine hoch gegangen? Oder war Pansy mit ihm gekommen? Er konnte sich nicht entsinnen.

Als er den Gemeinschaftsraum betrat wurde es kurz still. Es war bezeichnend, dass die höheren Jahrgänge noch nicht aufgewacht waren. Und er sah, dass die unteren Jahrgänge deutlich Angst vor ihm hatten. Er wusste nicht, ob ihm das gefiel, oder ob es ihm absolut egal war. Lawrence Fudge hatte den Kopf mit einigen anderen streng gestriegelten Jungen zusammen gesteckt. Sie planten entweder seinen Tod oder die Übernahme des Gemeinschaftsraums. Fast hätte er geschmunzelt.

Hemmungen besaß er nicht mehr. Er schritt zum Kamin, warf eine Handvoll des gemeinsamen Flohpulvers ins schwache Feuer und lehnte sich vor. „Küche!", rief er mit rauer Stimme. Sofort änderte sich das Bild, die Flammen lichteten sich und er sah die Elfen durch die Küche huschen. „Frühstück!", rief er jetzt und ein paar weibliche Elfen sahen ihn interessiert und unterwürfig an.

„Ja, Master Draco!", sagten sie eifrig und er lehnte sich wieder zurück. Die Flammen erloschen in derselben Sekunde und er wusste, es würde ein träger Samstag werden.

Unter seinen Füßen spürte er etwas Kaltes. Er zog den Fuß vorsichtig zurück. Die Scherbe hatte noch nicht in seine Haut geschnitten, war aber kurz davor gewesen. Er bückte sich und hob sie auf. Er betrachtet sie kurz, ehe er sie ins Feuer warf. Ja, dem Gemeinschaftsraum war nicht mehr anzumerken, dass er hier gestern Nacht wahrscheinlich sein allwöchentliches Chaos veranstaltet hatte. Gut.

„Draco, Pansy geht es nicht gut. Sie ruft deinen Namen", flüsterte Millicent, die mit wirren Haaren und verschmierter Schminke im Gesicht zu ihm gekommen war. Er verzog den Mund.

„Und was soll mir das sagen?", fragte er kühl.

„Geh zu ihr. Mach schon", drängte ihn seine Klassenkameradin und er verdrehte die Augen. Hatte er auch schon mit Millicent geschlafen, fragte er sich plötzlich, aber er nahm an, dass er es getan hatte. Aus Verzweiflung, oder aus Trunkenheit. Nüchtern würde er dieses Mädchen wahrscheinlich nicht anrühren.

Er schritt zur Treppe zum Mädchenschlafsaal. Schon lange hatten die Jungen von Slytherin den Sperrzauber entriegelt. Die Stufen knarrten unter seinen Füßen. Er stieß die Tür auf. Die Mädchen schreckten kurz zusammen, aber dann bekam er mehrere müde Lächeln geschenkt. Sie huschten wie aufgeschreckte Hühner aus dem Saal und er hatte freien Blick auf Pansy. Sie hatte die Decke um sich gewickelt und hing über einer Waschschüssel. Es roch nach Erbrochenem.

„Alles klar, Pans?", erkundigte er sich mit einem Lächeln.

„Nein, Draco. Nein, verflucht. Es ist gar nichts klar", murmelte sie und sie klang so, als ob sie geweint hatte. „Wegen deiner Scheiße verbringe ich wieder einen Samstag im Bett", flüsterte sie und beugte sich näher zur Waschschüssel.

„Nicht meine Schuld, wenn du dein Limit nicht kennst", erwiderte er gleichmütig.

„Du kennst dein Limit nicht mehr, Draco."

„Du bist sauer, weil ich dich gestern nicht mehr gevögelt habe?", vermutete er gereizt und sie hob tatsächlich zornig den Kopf.

„Verpiss dich, Draco", knurrte sie wütend.

„Du wolltest doch, dass ich hochkomme", rechtfertigte er sich jetzt.

„Ich hab's mir gerade anders überlegt. Raus!", fügte sie böse hinzu und senkte wieder den Kopf. Er stieß gereizt die Luft aus und verließ den Mädchenschlafsaal des siebten Jahrgangs. Was wollte sie ihm eigentlich vorwerfen? Als wäre es seine Schuld, dass sie immer übertrieb. Das konnte sie gerne wem anders in die Schuhe schieben. Er musste heute ein verdammtes Auswahlspiel leiten. Das hatte er völlig vergessen.

Aber zuerst frönte er seinem Ritual. Und es gab kaum etwas, was er mehr hasste, als von einer Sache abhängig zu sein. Quidditch zählte er nicht, denn Sport war schließlich etwas Gutes. Alkohol zählte er auch nicht zu den schwachen Dingen, die von ihm Besitz ergriffen hatten. Nein, Alkohol war ein treuer Freund.

Das, was er tat, war wesentlich schlimmer und schwächer. So schwach, dass er fast nicht begreifen konnte, dass er es nüchtern tat. Er zog sich schließlich an. Immer die dunkle Hose. Immer das helle Hemd, immer die silbergrün gestreifte Krawatte. Er hasste nichts so sehr, wie Gewöhnlichkeit. Und die exquisite Uniform bot ihm die Abgrenzung, die er brauchte.

Die Elfen wussten, wo er frühstücken wollte und es war bezeichnend, dass sie sein Geheimnis nicht verrieten. Er verließ den Gemeinschaftsraum, ohne noch mit jemandem zu sprechen. Aber Gregory, Vincent und Blaise schliefen ohnehin noch. Sein Weg führte ihn jedes Wochenende in dasselbe Stockwerk, in denselben Flur, zur selben Stelle.

Dreimal schritt er vor und zurück, ehe die Tür in der Wand erschien. Es war die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters. Und er konnte nicht verhindern, anzuklopfen, denn… das war es eben, was er immer hatte tun müssen. Natürlich ertönte nicht die dunkle gereizte Stimme, die ihn Herein bat. Er öffnete die Tür schließlich und durch das magisch falsche Fenster fiel das Licht durch die dunklen Vorhänge. Er sah die Blumen, die seine Mutter mit Mühe gezüchtet hatte, das Fensterbrett empor ranken.

Der Schreibtischstuhl seines Vaters war leer und er hatte sich angewöhnt dort zu sitzen. Sein Frühstück war bereits von den Elfen hergebracht worden, auch wenn es ihm ein Rätsel war, wie sie den Raum finden konnten. Aber er wollte nicht fragen. Er war froh, dass sein Frühstück hier war.

Er aß eilig und ohne es zu genießen. Er trank den schwarzen Tee mit Bedacht, damit er sich nicht die Lippen verbrannte. Dann erhob er sich völlig stumm und öffnete die Schranktüren zum Denkarium.

Das allerdings gehörte nicht zu seiner Einbildung. Ehe seine Mutter nämlich wahnsinnig geworden war, hatte er das Denkarium in Sicherheit gebracht. Und zwar in die Sicherheit von Hogwarts.

Er hatte es im Raum der Wünsche versteckt, mit einem Zauber belegt und hatte als einziger Zutritt.

Mit dem Zauberstab rührte er müde in den hellen Wolken aus Erinnerungen. Und er suchte sich sowieso immer dieselbe. Und er war froh, dass ihn niemand dabei beobachten konnte. Denn… die Erinnerung bot keine Aufregung, keine Spannung, kein besonderes Ziel oder vermittelte irgendeine Botschaft.

Er zog sie mit der Spitze seines Zauberstabs an die Oberfläche und lässig tauchte er ein. Er fiel nur ein kurzes Stück und saß dann wieder im Arbeitszimmer seines Vaters. Er war jünger. Aber er achtete auch nicht auf sich. Er stellte sich ans Fenster und spürte, wie sich sein Kopfschmerz entspannte, wie sich seine Muskeln nicht mehr ganz so rau und angespannt anfühlten, wie sich all sein Leid und sein Zorn langsam verabschiedete und er diesen Moment genoss. Draußen wurde es Herbst.

„Draco, ich hab dir gesagt, du sollst nicht starren", maßregelte Lucius ihn, ohne aufzusehen. „Starren tun nur die dummen Menschen, die keine Geheimnisse zu verbergen haben." Sein Vater leckte über die Spitze der Feder und unterzeichnete ein Dokument. Draco interessierte nicht, welches Dokument.

„Also?" Sein Vater hob den Blick. Der junge Draco räusperte sich.

„Expelliarmus", sagte er und seine Stimme klang höher. „Der Zauber der Entwaffnung", fügte der junge Draco hinzu. Sein Vater nickte und legte die Feder beiseite.

„Protego", murmelte Draco, ehe es sein jüngeres Ich tun konnte.

„Protego. Der Zauber zum Schutz", fuhr der junge Draco fort.

„Korrekt", sagte sein Vater gelassen und faltete die Hände vor sich.

„Alomohora?", fragte der junge Draco und sein Vater verzog den Mund.

„Nein. Alohomora. Hast du deine Verben nicht gelernt?", fuhr er schroff fort und der junge Draco senkte den Blick. „Weiter?", fuhr Lucius ungerührt fort.

„Reducto?", versuchte es der junge Draco erneut.

„Wofür steht der Zauber?", schnitt Lucius dazwischen und der junge Draco setzte sich gerade hin.

„Verkleinern", sagte Draco und wartete auf sein junges Ich.

„Verkleinern?", fragte dieses jetzt und Lucius nickte schließlich.

Es klopfte und dann öffnete sich die Tür. „Ich habe euren Tee gleich mitgebracht. Die Elfen lassen sich zu viel Zeit. Hier", erklärte seine Mutter geschäftig und sah sehr schön aus.

„Weiter", forderte sein Vater sein jüngeres Ich jetzt auf und seine Mutter verließ das Zimmer, nachdem sie ihm über die Haare gestrichen hatte. Die Erinnerung löste sich auf und er tauchte aus dem Denkarium wieder empor.

Das Arbeitszimmer, das er sich vorstellte war das exakte Abbild dieser Erinnerung. Draußen wurde es ebenfalls Herbst. Er fuhr mit dem Finger über die Buchtitel stellte aber nie etwas um, zog nie ein Buch hervor und verändert auch sonst nichts im Zimmer.

Kurz zögerte er. Er kannte das Gefühl. Es war beinahe manisch, beinahe autistisch. Seine Finger spannten sich an und lösten sich wieder. Er ließ den Nack knacken und schloss kurz die Augen.

Dann schritt er wieder zum Denkarium zurück, holte die Erinnerung an die Oberfläche und tauchte erneut in die weiche Wolke ein. Und wieder landete er im Arbeitszimmer.

Draußen wurde es Herbst. Er lehnte sich neben das Fenster.

„Draco, ich hab dir gesagt, du sollst nicht starren", wiederholte sein Vater in derselben Tonlage. Draco ließ ihn nicht aus den Augen, sog den Anblick in sich auf, verinnerlichte sein Gesicht vollkommen. Die Erinnerung war zwar nur eine Erinnerung, aber sie war so gut wie echt. Gut genug für ihn. „Starren tun nur die dummen Menschen, die keine Geheimnisse zu verbergen haben." Sein Vater leckte wieder über die Spitze der Feder und unterzeichnete dasselbe Dokument erneut.

Draco spürte wie er wieder ruhiger wurde….