Kapitel 3

Sie gähnte verhalten, was Ron sofort als geeigneten Angriffspunkt nutzte.

„Müde? Lange auf unserer Party gewesen? Ach nein, warte. Du warst ja nicht in unserem Gemeinschaftsraum." Sie schluckte die Worte runter, die ihr auf der Zunge brannten. Eigentlich konnte sie Ron als Heuchler bezichtigen, weil er und Harry jetzt auf den Tribünen ziemlich weit vorne saßen und mit Spannung verfolgten, wer die neuen Jäger werden würden. Sie fand es ziemlich lächerlich, dass sie sich so über die Slytherins ausließen und das Auswahlspiel trotzdem mit Bertie Botts Bohnen und Butterbier verfolgten. Dean Thomas hatte sich um die Beschaffung des Biers gekümmert, was Hermine missbilligend zur Kenntnis genommen hatte.

Anstatt Worten, warf sie Ron nur einen kurzen Blick zu. Gelangweilt hatte sie den Kopf auf die Hände gestützt und ihr Blick glitt über die vielen Idioten auf den Besen. Es war unglaublich, wie nüchtern und wach Malfoy war. Er schrie mit wilden Gesten quer über das Feld und orderte die Spieler an, sich neu zu formieren.

Sie hatte aber auch keine Lust gehabt, im Gemeinschaftsraum zu bleiben, denn dort war nun keiner mehr. Alles sahen dieses Auswahlspiel heute wohl als ziemlich großes Event an und so konnte sie sich kaum widersetzen. Sie hätte in der Bibliothek lernen können, aber allein in der Bibliothek zu sitzen war schon ziemlich erbärmlich.

„Ok, los!", schrie Malfoys Stimme und der Wind trug sie zu ihnen hinüber.

„Er bewertet nach völlig falschen Kriterien", murmelte Harry kopfschüttelnd. „Der Große hat die Deckung niemals auch nur ansatzweise aufgemacht. Die anderen können sich gar nicht einfügen. Wahrscheinlich will er den aber behalten. Was meinst du?" Ron zuckte die Achseln und Hermine verdrehte die Augen. „Ich würde meine Maßstäbe nicht nach der Größe aufbauen", fuhr Harry grimmig fort. Er fing eine Bertie Botts Bohne mit dem Mund und spülte hastig mit Bier hinterher.

„Was hab ich verpasst?", mischte sich Ginny ein, und quetschte sich noch neben Hermine und lehnte sich zu Harry hinüber, um ihm ein neues Bier zu geben. Hermine stieß böse die Luft aus der Nase aus.

„Du verpasst, wie Malfoy sich für ein völlig falsches Team entscheidet", erklärte Harry. Hermine hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

„Na ja, das ist doch gut für uns", lachte Ginny und stieß mit Harry an.

„Fudge!", dröhnte Malfoy, der langsam heiser wurde und ein kleiner Junge flog weiter nach vorne.

„Ach Herrje!", rief Ginny grinsend aus.

„Hat er Fudge gesagt?", murmelte Ron verwirrt und Hermine nickte.

„Ja, das ist der Neffe von Cornelius Fudge. Drittes Jahr. Hat ziemlich gute Noten in Verwandlung." Sie kannte den Jungen, denn er hatte sie gebeten, ihm Nachhilfe in Zaubertränke zu geben. Was sie auch getan hatte. Der Junge war unausstehlich und unverbesserlich. Und in jedem zweiten Satz erwähnte er seinen Onkel.

„Der kleine will als Jäger vorfliegen!", rief Harry begeistert aus. „Der kann doch nicht mal den Schläger halten!" Harry schien anscheinend Spaß an diesem dämlichen Auswahlspiel zu haben. Der Junge war zwar schmächtig, aber dafür wild entschlossen. Mit einem Schrei jagte er den Quaffel quer über das Feld, an den Treibern vorbei und Malfoy fing ihn mit einer Hand vor den Torringen ab.

„Wieso ist er eigentlich im Tor?", fragte sie verwirrt und klaute sich ebenfalls eine Bohne. Sie schmeckte nach Wassermelone, aber für eine weitere fehlte ihr doch der waghalsige Mut, den Harry und Ron an den Tag legten.

„Er steht nicht im Tor, Hermine", sagte Harry verächtlich und sah sie kurz an. „Malfoy übernimmt die Position des Hüters, weil er so besser sehen kann, was die anderen können."

„Aber, er weiß doch gar nicht, was er machen muss, in dieser Position", beschwerte sie sich und fand es alles sowieso ungerecht.

„Was? Er lässt den Quaffel nicht durch. Fertig. Er ist Sucher. Er kann jede Position spielen." Sie hörte, wie Harry selber etwas großspurig klang. Ron musterte ihn neidisch von der Seite.

„Meist du, er nimmt den kleinen Fudge?", fragte Ron kauend und Harry zuckte die Schultern.

„Der hat ´nen ordentlichen Schlag drauf, aber er ist sehr klein."

„Goyle!", schrie Malfoy wieder.

„Wieso muss Goyle noch mal fliegen? Er ist doch im Team?" Hermine hatte immer weniger Lust.

„Weil alle noch mal fliegen müssen. Es geht darum, bessere Talente zu finden, Hermine. Alle alten Spieler müssen sich für ihre Plätze würdig erweisen." Sie sah Harry argwöhnisch an.

„Oh bitte. Es ist nur Quidditch. Wie schwer ist es, einen dämlichen Ball übers Fell zu schleudern?" Harry, Ron und Ginny warfen ihr tödliche Blicke zu. Sie verdrehte die Augen und öffnete sich ebenfalls ein Butterbier. Das war einfach zu viel. Das einzig interessante war, dass Goyle nicht auftauchte.

„Goyle!", schrie Malfoy wieder, aber Goyle war nirgendwo. Kurz herrschte Stille auf dem Feld. Fluchend schlug Malfoy einen gefährlichen Haken in der Luft und sauste gen Boden. Die Blicke folgten ihm, während er Crabbe gefunden hatte und dieser auf ihn einredete. Malfoy trat wütend in den Boden, so sah es aus.

Dann fing er sich anscheinend und stieg wieder in die Luft.

„Dana Wades!" Und jetzt wandten sich alle Köpfe um.

„Ein Mädchen? Nicht echt, oder? Er nimmt ein Mädchen? Wer ist sie?" Ron hatte sich am weitesten vorgelehnt.

„Was ist los?", fragte Hermine. Harry kaute gespannt eine weitere Bohne.

„Malfoy muss ein Mädchen nehmen", erklärte er mit einem selbstgefälligen Grinsen. „Goyle war die letzte Besetzung für den Treiber. Und Goyle ist nicht aufgetaucht. Das heißt, Malfoy muss andere Ressourcen verwenden. Das erste Mädchen für das Slytherin Team. Ziemlich großartig", fügte er hinzu.

Hermine sah gespannt zu, wie das Mädchen sich die dunklen Haare zum Zopf band und schließlich den Helm aufsetzte. Malfoy bedeutete allen anderen näher zusammen zu rücken. Der Klatscher wurde losgelassen und das Mädchen schlug erbarmungslos zu. Der Klatscher sauste mit so einer Wucht los, dass er den kleinen Fudge fast vom Besen gerissen hatte.

Und sie sah, wie Malfoy das Mädchen ansah. Und fast wünschte sie sich, dass er nur die Wahl hatte, sie zu nehmen. Das würde sie ihm gönnen, diesem verflixten Arsch.

Und das Mädchen flog nicht schlecht, fand sie. Ginny neben ihr beobachtete sie kritisch.

„Harry, es wäre vielleicht das erste Mal, dass das Slytherin Team eine reelle Chance gegen uns hätte." Harry runzelte die Stirn und sah Ginny an.

„Sie fliegt nicht besser als du", sagte er gönnerhaft und Hermine verdrehte kurz die Augen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die beiden endlich ein Paar werden würden. Ron beäugte dies auch äußerst kritisch, weil er eigentlich nicht wollte, dass seine Schwester und sein bester Freund ein Paar sein würden. Es war wohl ein brüderlicher Schutzinstinkt.

Das Fliegen dauerte noch eine Weile und Harry und Ron brachten jeder noch drei Butterbier durch. Hermine hatte gelangweilt den Kopf zurück gelehnt und zählte die Minuten in ihrem Kopf.

Die einzige Genugtuung war, dass Malfoy nun doch den kleinen Fudge nehmen musste und das neue Mädchen. Hermine gönnte Malfoy jeden Schlag, den er abbekam. Sie nahm ihm übel, dass sie müde war. Sehr, sehr übel. Und sie nahm ihm übel, dass er es schaffte, dass Harry und Ron Spaß dabei empfanden, ihm bei seinem blöden Auswahlspiel zuzusehen.

Denn jetzt musste sie wieder Zeit damit zubringen, ihn zu sehen.

Es war eine schlechte Laune von solch durchschlagender Auswirkung, dass er kaum Lust hatte, zu stehen. Und er wusste, Snape schlich wie ein Raubtier hinter ihm her. Er wusste beim besten Willen nicht mehr, welche Zutat er wo hinzufügen musste, damit der Trank eine orange Farbe annahm. Er rieb sich wieder die Schläfe. Er wollte auch nicht wissen, wie man diesen Trank braute. Er brauchte ihn nicht. Er hatte keine Verwendung dafür. Er wollte gar nichts mehr.

Er hatte ein im Mädchen Team. Zum Kotzen.

Pansy war heute nicht mal anwesend. Ihr ging es immer noch schlecht. Sie hatte gesagt, sie hätte die Grippe, aber er wusste, Snape wusste es besser. Vielleicht war es günstig, dass er sein Pate war, aber selbst als Patensohn hatte er nicht grenzenlose Freischüsse, das wusste Draco.

Sein Blick glitt nach vorne. Granger teilte sich den Tisch mit einigen Gryffindors, die er nicht kannte. Im fortgeschrittenen Kurs durften sowieso nur die Besten teilnehmen. Potter und Weasley waren nicht da.

Er wusste nicht mehr, was er alles gesagt hatte, als sie – wie jede Woche – in den Gemeinschaftsraum gekommen war. Und er hasste, dass sie kam. Er hasste es so sehr, wie er sich darauf verließ, dass sie kam. Er wusste, ohne sie würde er sich wahrscheinlich zu Tode trinken. Er würde einfach nicht mehr aufhören.

Das würde er nicht zugeben, und er wusste, sobald er sie das nächste Mal treffen würde, würde er sie anschreien. Das gefiel ihm persönlich ganz gut. Vor allem weil ausgerechnet Granger ihn gesehen hatte, als seine Mutter ihn im Kamin benachrichtigt hatte. Wäre er allein gewesen, dann hätte er dieses Erlebnis aus seiner Existenz verbannt, aber jetzt, wo noch eine weitere Person anwesend gewesen war, wusste er, dass es nicht möglich war, dass er das Erlebnis vergessen konnte. Granger ließ ihn nicht. Sie ließ es einfach nicht zu.

Deswegen musste sie kommen. Er baute fast darauf, dass sie auch nächsten Freitag wieder auftauchen würde. Es war ein perverses, notwendiges Verlangen, was er verspürte. Denn sie konnte er getrost anschreien. Sie konnte es ab. Und sie war ein Symptom, was er bekämpfen konnte. Scheiß Schlammblüter.

Es war das letzte Gespräch, das er mit seiner Mutter geführt hatte, und die verfluchte Granger war ausgerechnet dabei gewesen. Sein Blick wurde finster.

„Draco?" Snape stand direkt neben ihm. Dracos Hände sanken unmotiviert an seine Seiten. „Fehlen da nicht die Grünwurzeln?", bemerkte sein Pate mit Nachdruck, aber Draco konnte sich nicht dazu überwinden.

„Ich weiß es nicht." Und er wusste es wirklich nicht. Er hatte alle Tränke auswendig runter beten können. Und jetzt wusste er kaum noch, wie er selber hieß, wenn die Sonne unterging.

„Der Trank hat nicht die gewünschte Farbe des-"

„Der Trank ist fertig", sagte er unfreundlich und griff nach einer Phiole, um den Trank abzufüllen.

„Draco, wenn Sie mir diese Probe abgeben, werden Sie keine Punkte bekommen."

Wie, um ihn zu reizen, tauchte er die Phiole dennoch ein und verkorkte sie anschließend.

„Das werde ich nicht annehmen", erklärte er lediglich und verschränkte die Arme. „Sie müssen anfangen, sich zu konzentrieren. Ohne die nötigen Punkte, werden Sie nicht bestehen." Was interessierten ihn die verfluchten nötigen Punkte? Er konnte auf die Punkte verzichten. Blöde Punkte waren nicht sein Problem. Und sie würden ihm auch nicht helfen, es zu bewältigen. Er spürte die Wut wieder. Blind und heiß. Böse und hart kochte sie in ihm, immer bereit auszubrechen.

„Schön", sagte er knapp, warf die Phiole in den Kessel, wo sie versank. „Besser so?", erkundigte er sich und warf nicht nur die Grünwurzeln in den Kessel, sondern auch das Schälmesser, den Mörser, das Holzbrett und seine Unterlagen. Sie sogen sich mit dem wässrigen Trank voll und gingen ebenfalls unter.

„Sie werden das sauber machen", sagte der Zaubertrankmeister bedrohlich, aber Draco schwang sich seine Tasche über die Schulter.

„Ziehen Sie mir Punkte ab", gab er zurück und wusste, er würde es bei McGonagall wahrscheinlich nicht wagen, etwas Derartiges zu tun. Aber hier bei Snape tat es ihm nicht mal besonders leid. Und er hatte es nicht mehr im Griff. Er konnte sich kaum beherrschen. Und er spürte ihren Blick genau. Aber er sah sie nicht an. Weiß der Himmel, was er ihr Freitag wieder alles an den Kopf geworfen hatte. Obwohl er sich ziemlich sicher war, dass er sie nur beleidigt hatte. Wie jedes Mal.

„Draco!", rief Snape ihm nach, aber er hatte den Keller bereits verlassen. Er ertrug es nicht. Gar nichts mehr.

Es war immer eine Frage der Zeit, wann am Tag er das bittere Gefühl bekam. Das Gefühl, das ihm die Kehle zuschnürte und er sich fragen musste, wo der Sinn lag. Sein Weg führte ihn hoch. Weit nach oben, über die Treppen, durch die vielen Flure, bis er den Ehrensaal erreicht hatte.

Früher hatte er die Nähe seines Vaters nie gesucht. Er war nicht regelrecht gierig nach seiner Anwesenheit gewesen, aber mittlerweile hielt er es kaum aus.

Seine Mutter war nicht mehr existent in seinem Leben und er hatte jetzt ein seltsames Bedürfnis.

Niemand war im Ehrensaal und er schritt betont langsam zu den Vitrinen. Neben den Sportpreisen waren auch die anderen Abzeichenträger untergebracht. Ihm fiel auf, dass Potter seinen Vater auch nur noch hier ansehen konnte, wenn er es wollte. James Potter hatte sämtliche Sportlerpreise der Schule abgeräumt. Die dunklen Strähnen fielen Potters Vater genauso wild in die Stirn wie Potter selber.

Er hielt grinsend den Schnatz nach oben und Draco wandte den Blick nach rechts. Dort stand sein Vater. Groß, schlank und mit einem sehr arroganten Blick auf den Zügen.

Draco erkannte nicht, was er in den Händen hielt, aber er nahm an, es handelte sich um irgendwelche Schulsprecherangelegenheiten. Das Abzeichen schimmerte auf der Brust seines Vaters und sein Vater war viel schöner als er selber. Nicht, dass es wichtig war. Sein Blick senkte sich auf sein eigenes Abzeichen.

Er wusste, Granger hatte selber irgendwas geplant, für den Abschlussball, aber er hatte nicht wirklich vor, daran teilzunehmen. Er stritt sich mit allen und es interessierte ihn herzlich wenig, was die Schüler besprachen. Ihr Leben war so simpel, so geplant, so völlig unkompliziert. Sobald er Hogwarts verließ, hatte er nichts. Alle anderen hatten dann Abschlüsse und Zukunftspläne. Er hatte eine depressive Mutter Zuhause und einen Ruf, der so grausam war, dass sich sein Vater das Leben hatte nehmen müssen.

Der Geschmack auf seiner Zunge wurde so bitter, dass er schon fast das Bedürfnis verspürte, sich zu übergeben. Aber es war dann wesentlich einfacher, zu trinken, hatte er festgestellt.

Und wahrscheinlich würde er das tun. Pansy markierte Krankheit, auf Gregory war er sauer, weil er nicht zum Auswahlspiel aufgetaucht war und Blaise war gefährlich. Ab und an hatte er Lust darauf, sich mit Blaise in Gefahr zu begeben und ein paar Regeln zu brechen, aber jetzt… jetzt hatte er ein anderes Bedürfnis.

Ein Bedürfnis, bei dem er seine Klamotten loswerden konnte….