Kapitel 5

„Könntest du nicht sprechen?", fuhr Pansy Gregory von der Seite an und dieser schloss verstört den Mund. „Danke", fügte sie hinzu. Der siebte Jahrgang war erstaunlich still am Tisch der Slytherins. Er war beruhigt, dass es den meisten wohl genauso schlecht ging wie ihm. Slytherins hatten eher schlechte Laune als gute. Es ging wohl mit dem Charakter einher.

Pansy hatte sich dazu bewegen können, nach zwei Tagen tatsächlich wieder mit ihm zu sprechen. Zu seinem Schrecken war es ihm egal. Es war ihm alles egal. Es war bald dunkel und dann wurde es wieder Zeit, sein Problem irgendwie zu überwinden.

„Was machen wir heute?" Blaise hatte sich beinahe übertrieben munter neben ihn gesetzt. Er erlebte nie den Absturz, den Draco erlebte, weil Blaise vorher wusste, aufzuhören. Draco hatte diesen Schritt irgendwann in den letzten Wochen verlernt. Er lächelte freudlos.

„Uns wird etwas einfallen", gab er achselzuckend zurück. Blaise lächelte.

„Ich habe eine weitaus bessere Idee", sagte er und senkte die Stimme. Pansy lehnte sich sofort zu ihnen.

„Eine bessere Idee? Blaise, wir sind in Hogwarts. Wir können nichts Gutes tun." Kurz warf Blaise ihm einen Blick zu. Anscheinend wollte er sich vergewissern, ob Pansy seine Worte hören durfte. Draco zuckte die Achseln. Es war ihm egal. Pansy bot ihm die sexuelle Ablenkung, für die er keinen Sickel bezahlen musste.

„Ich brauche von dir nur die Losung für die Tore." Die Losung der Tore war ein Mysterium, das Draco hasste. Dumbledore hatte seine Kraft darauf gesetzt, die Tore von Hogwarts abends so sicher zu verschließen, dass nicht einmal eine Fliege ihren Weg hinein finden konnte. Allerdings gab es zwei Schüler, denen erlaubt war, die wechselnde Losung zu kennen.

„Die Losung für die Tore?", entfuhr es Pansy schockiert. Zwar kannten die Schulsprecher die Losung, aber das bedeutete nicht, dass sie befähigt waren, Hogwarts zu verlassen. Blaise lächelte ein glattes Lächeln.

„Also, Malfoy… bist du dabei?" Blaise hatte manchmal die Anwandlung, seinen Nachnamen auszusprechen. Draco überlegte, aber überlegen konnte man es nicht wirklich nennen. Er wog ab, wie gefährlich es war. Aber je mehr Ablenkung er hatte, umso weniger dachte er nach.

„Abgemacht." Er schlug mit Blaise ein. Pansy wirkte nicht völlig überzeugt.

„Die Lehrer laufen doch Patrouille, oder nicht?", fragte sie unsicher.

„Und? Wir sind schnell. Du musst ja nicht mitkommen", fügte Blaise hinzu. Draco wusste, Blaise konnte mit Pansy nicht viel anfangen. Er selber zählte Blaise auch nicht zu seinen besten Freunden, wenn er denn überhaupt jemandem diesen Titel zuschrieben würde. Er war jemand in Slytherin, der gute Verbindungen zu gefährlichen Möglichkeiten besaß. Blaise war gutaussehend, bekam die besten Noten und war so glatt und unnahbar, das selbst Pansy mit ihm ihre Probleme hatte.

Wenn sie Menschen nicht durchschauen konnte, dann bekam sie meistens Angst. Und Blaise war ein Kandidat, den sogar Pansy fürchtete.

Draco wusste, mit Blaise war es niemals langweilig und die Chancen, erwischt zu werden, waren gering. Denn Blaise wusste, wie man ein Geheimnis für sich behielt. Und das war alles, was Draco brauchte.

„Wenn Draco geht, gehe ich auch." Er wollte ihr gerne sagen, dass er ihre Anwesenheit nicht um jeden Preis brauchte, aber er sagte gar nichts. Ihm war Pansys Schicksal egal.

„Und was dann? Habt ihr kein Training heute?", meldete sich Gregory plötzlich, der anscheinend zugehört hatte. Draco würde ihn niemals fragen, ob er bei solchen Abenden dabei sein wollte. Gregory war nicht der Typ für waghalsige Angelegenheiten. Außerdem sollte Gregory bloß still sein! Wegen ihm war jetzt ein Mädchen in seinem Team. Aber Draco war zu stolz gewesen, Goyle wissen zu lassen, dass er gerade mächtig wütend auf ihn war.

Draco selber war wohl auch erst seit ein paar Monaten der Typ für Zabinis Unternehmungen geworden. Und er wusste, Blaise war dankbar dafür, noch jemanden gefunden zu haben, der endlich den Mut hatte, die Regeln zu brechen. Vielleicht auch nur, damit er sich selber nicht die Hände schmutzig machen musste.

Dabei handelte es sich wahrscheinlich nicht mal um Mut. Mut bedeutete, dass man etwas bewies, dass man sich weiter bildete. Aber in Dracos Fall… handelte es sich wohl um Lebensmüdigkeit. Um leichtsinnige Aktionen, die ihm sein Genick brechen konnten. Aber wo war noch der Unterschied? Er konnte ihn nicht mehr finden. Nichts machte mehr einen Unterschied.

„Soll Potter das Feld bekommen", sagte Draco abfällig und sein Blick wanderte zum Gryffindortisch. Er hasste sie alle, wie sie dort saßen und sich unterhielten, lachten, sich freuten, dass sie bald ihren Abschluss in der Tasche hatten fort von hier konnten.

Und er hasste sie! Und sie war so erbärmlich. Aber er konnte sie tatsächlich dazu bringen, in die Wanne zu steigen, um zu prüfen, ob er noch lebte. Das Schlammblut scherte sich um die falschen Seelen, überlegte er grimmig. Wahrscheinlich könnte er Hogwarts bis auf die Grundmauern niederbrennen und Granger würde immer noch eine passende Ausrede einfallen, damit sie bloß ihr verdammtes Abzeichen nicht aufgeben musste.

Sie war so dumm. Wie all die anderen auch, dachte er bitter.

„Wann willst du dann trainieren?", wagte Gregory jetzt zu fragen, und Pansy verdrehte die Augen.

„Goyle, wieso nervst du nicht jemanden, den es interessiert?" Manchmal mochte er Pansy. Sie war unausstehlich und ehrlich, wenn er keine Lust hatte, es zu sein. Gregory wandte sofort den Blick zurück auf seinen Teller und auch er tat Draco keine Sekunde lang leid.

Er spürte Dumbledores Blick in seinem Nacken. Fast wollte er schon den Kopf zwischen seine Schultern ducken, aber er widerstand dieser lächerlichen Versuchung.

Es gab nur noch ein Problem.

Er hatte sich nie um die Losungen gekümmert. Denn dafür musste man jeden Tag bei den Hauslehrern auf der Matte stehen, die einen unterrichteten. Und jetzt gerade hatte er bei seinem Hauslehrer nicht unbedingt die besten Karten.

Jetzt gerade besaß nur einer der Schulsprecher die Losung für die Tore.

Sein Blick ruhte seit einigen Momenten auf ihrem Profil.

Wie stellte er es am besten an…?

Sie war tatsächlich dankbar, ein paar ruhige Stunden in der Bibliothek zu verbringen. Lernen lenkte sie erfolgreich davon ab, sich mit Ron zu streiten, mit den Vertrauensschülern oder sich mit all den anderen Dingen rumärgern zu müssen, die ihre schlechte Laune hervorbrachten.

Harry und Ginny verbrachten viel Zeit miteinander. Sie saßen gerade zusammen im Gemeinschaftsraum, Ron wie ein beleidigter Wachhund direkt daneben, falls Harry es wagen sollte, Ginnys Hand zu berühren oder etwas Ähnliches! Und Hermine hätte Ron gerne erklärt, dass es wirklich nur wenig gab, was Ron dagegen würde tun können, denn wenn Ginny etwas wollte, dann würden Rons gutgemeinte Worte wenig bis keine Auswirkungen haben.

Und Hermine glaubte, Ginny war schon so lange an Harry interessiert, solange sie denken konnte. Es war also ein aussichtloses Unterfangen für den armen Ron, der nur seine Schwester beschützen wollte. Sei es auch vor Harry. So albern es klang. Hermine konnte sich nämlich fast niemand besseren als Freund vorstellen als Harry Potter. Keine Hexe würde sich wohl einen besseren Schwiegersohn vorstellen können als Harry Potter. Deswegen fand sie Rons Proteste eher übertrieben.

Aber sagen würde sie es nicht.

„Hallo, Hermine", wurde sie plötzlich begrüßt. Sie hob erschrocken den Blick, denn sie war in Gedanken versunken, und sie atmete aus.

„Mr Kingston", begrüßte sie den grinsenden Slytherin vor sich.

„Ein schöner Tag um zu lernen?", flüsterte er nun, damit Madame Pince ihn nicht maßregeln würde.

„Das war es wohl", bestätigte sie abwägend. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er irgendetwas Sachliches besprechen wollte. Sie betrachtete den Stapel an Arbeitsblättern vor sich. Sie würde gleich zusammen packen.

„Ich hätte ein Anliegen", begann er nun, vollkommen gelassen, ohne zu registrieren, dass sie wohl gerade nicht in der Stimmung war zu reden.

„Ist das so?", erkundigte sie sich, während sie ihre Feder einpackte und dann die Bücher schloss.

„Ja, Hermine. Ich möchte Sie bitten, mit mir auf den Abschlussball zu gehen", eröffnete er so selbstsicher, als hätte er Selbstsicherheit gepachtet. Und das mit nur sechzehn Jahren. Slytherins….

„Mr Kingston, ich habe Ihnen bereits deutlich gemacht, dass ich nicht mit Ihnen gehen werde", erklärte sie vage lächelnd und erhob sich seufzend.

„Ich möchte Sie wirklich nicht vom Lernen abhalten", entgegnete er unaufrichtig, aber sie winkte ab. „Und liegt es daran, dass ich minderjährig bin?", setzte er sofort hinterher. „Oder in Slytherin?", schloss er lächelnd.

„All das spielt eine große Rolle, ja, aber nein. Daran liegt es nicht."

„Ich weiß, Sie haben noch keinen Partner für den Ball, Hermine. Also, sagen Sie mir ruhig, was es ist", verlanget er immer noch charmant von ihr zu wissen und griff sogar nach ihrem Bücherstapel, um ihn zu tragen.

„Mr Kingston-"

„-ich werde nicht ohne eine zufriedenstellende Antwort gehen, Hermine", unterbrach er sie ernsthaft. Er war genauso groß wie sie. Die grünen Augen voller Unglauben, dass sie wohl nicht sofort Ja zu ihm sagte. Die Schuluniform stand ihm gut, seine Schuhe glänzten schwarz und er wirkte ordentlich und glatt. Sehr aalglatt.

„Mr Kingston", begann Hermine streng, „ich finde Sie impertinent und sehr stur", erklärte sie langsam. Er lächelte plötzlich breiter.

„Das können auch sehr gute Eigenschaften sein, Hermine", erwiderte er und hielt ihren Bücherstapel fest wie ein Pfand.

„Nicht für mich, Mr Kingston. Sehen Sie, ich bevorzuge eine bestimmte Art von Begleiter, und der sind Sie nicht. Und es liegt nicht an Ihrem Alter, nicht an Ihrem Haus oder Ihrem fehlenden Sinn für Distanz oder Respekt."

„Ich respektiere Sie, Hermine!", entrüstete er sich leise.

„Mr Kingston, Sie wissen nichts über mich. Ich kann nur annehmen, dass Sie sich selber oder Ihren Freunden irgendetwas lächerliches beweisen wollen, indem Sie es irgendwie bewerkstelligen die Schulsprecherin zu überreden, Sie zum Abschlussball zu begleiten!"

Seine glatte Stirn runzelte sich. „Sie liegen falsch", sagte er nur. „Was Sie damit sagen möchten ist, dass, wenn ich mich beweise, wenn ich… Ihnen zeige, wie ernst es mir ist – dann gehen Sie mit mir?" Er sah sie gespannt an, und Hermine verdrehte die Augen.

„Sie verstehen nicht, was ich meine. Es wird niemals-"

„-geben Sie mir die Chance!", verlangte er, als sie sich in Bewegung setzte, und er folgen musste. Sie schritt bis zur Verbotenen Abteilung, wo Schüler keinen Zutritt hatten. Nur die Schulsprecher und Lehrer. Sie zog ihren Zauberstab, um das Trennungsgitter zu öffnen. „Ich werde beweisen, dass ich es wert bin, Sie werden einen fabelhaften Abend haben, denn ich bin ein großartiger Tänzer, ich bin charmant und redegewandt – und sie werden es nicht bereuen…" Er zwinkerte auffordernd, und sie verdrehte die Augen, während sie stumm die Losung sprach, und das Gitter zur Seite schwang. Sie nahm ihm die Bücher aus dem Arm und balancierte ihre Stapel an Blättern im anderen Arm.

„Nein!", sagte sie nur kopfschüttelnd, fassungslos über seine Unnachgiebigkeit.

„Ich fasse das als Herausforderung auf, und ich nehme sie an!", erklärte er grinsend, während er sich mit einer knappen Verbeugung abwandte. Fassungslos starrte sie ihm nach.

„Mr Kingston!", zischte sie, aber er wandte sich nicht mehr um, und verließ die Bibliothek mit federnden Schritten. Sie schloss mit dem Fuß das Gitter hinter sich und konnte nicht fassen, dass er es nicht begriff. Was musste sie tun? Wirklich unfreundlich werden? Zu Snape gehen?

Zwischen den Regalen hier war alles leer und ruhig. Niemand durfte hier hin, außer mit Erlaubnis, aber niemand würde heute hier sein. Das Wetter war zu gut, die Schüler waren zu faul. Hermine kannte doch die Lernmentalität der Häuser.

Sie breitete ihre Sachen also auf dem komplett freien Tisch aus und atmete zufrieden aus. Endlich Ruhe.

Sie schlug das Zaubertränkebuch für Fortgeschrittene auf. Es war ein schwieriges Unterfangen. Snape war gnadenlos, was die Bewertung anging, und sie musste für dieses Fach so viel Lernen, dass sie kaum wusste, wie sie es bewerkstelligen sollte.

Sie begriff nicht halb so viel, wie sie vorgab zu verstehen, wenn sie mit Ron und Harry sprach. Die beiden interessierten sich für Zaubertränke, nachdem sie es abwählen konnten, kein Stück mehr. Sie begriffen auch nicht die Zusammenstellung von Zutaten, oder die Wirkung, die Kräuter in Kombination erzielen konnten.

Hermine war es selber ein Rätsel, und sie hoffte nur, dass Auswendiglernen reichen würde, um ihre Ohnegleichen zu behalten, denn sie wusste nicht, warum gewisse Reaktionen entstanden. Sie lernte einfach auswendig. Das zeigte ihr, dass sie kein begabter Braumeister war. Sie begriff überhaupt nicht den inneren Zusammenhang der Elemente.

Und es machte sie verrückt. Egal, wie oft sie sich mit Neville in den Gewächshäusern traf – dort gab er ihr mehr oder weniger heimlich Nachhilfe – und er ihr versuchte zu erklären, warum Nieswurz und Perlstachel auf chemischer Basis einen Einklang mit ausschließlich Schwefel bilden konnten, und damit Wunden zur sofortiger Heilung brachten, konnte sie es nicht verstehen. Chemie der Kräuterkunde war etwas, was sie verabscheute. Es war sogar ihr zu abstrakt.

Sie verzog angespannt den Mund als sie das vierte Kapitel im Buch begann, was über irgendwelche Konstellationen von Grünblatt und der Basiswirkung von Bubatobleressenz philosophierte, und wie es in Merlins zweitem Zeitalter angewandt wurde.

„Fleißig?"

Sie schreckte praktisch vom Tisch in die Höhe. Sie hatte niemanden erwartet. Und sie erwartete nicht normale Sprechlautstärke in der Bibliothek. Und niemand hatte hier Zutritt.

Außer sie.

Und ihm, theoretisch. Niemals hätte sie ihn erwartet. Sie war aufgestanden und beäugte ihn misstrauisch, den Zauberstab griffbereit. Seine Mundwinkel hoben sich. Sie kannte ihn kaum nüchtern. Ihre Atmung ging schneller. Sie rechnete persönlich immer damit, irgendwann von ihm umgebracht zu werden.

„Was willst du hier?", entfuhr es ihr, fast panisch. Sie blickte sich um, aber Madame Pince hielt sich hier für gewöhnlich nicht auf, weswegen er nicht mal versuchte, leise zu sprechen.

„Ich darf hier sein, genauso wie du", erwiderte er und setzte sich an ihren Tisch, faltete die Hände vor sich und blickte mit falscher Freundlichkeit zu ihr auf. Sie war sofort alarmiert.

„Egal, was du vorhast, es wird nichts werden!", sagte sie schon einmal vorsintflutlich, denn dass er hier auftauchte und sie noch nicht beleidigt hatte, machte ihr Angst.

„Vorhaben?", lachte er plötzlich. „Was soll ich vorhaben, Granger? Kann es nicht sein, dass ich als Schulsprecher Interesse daran habe, was so vor sich geht? Die Schulsprecher müssen sich doch austauschen, oder nicht?"

„Es war dir bisher scheiß egal, also, wieso sagst du mir nicht, was du willst und verschwindest wieder in deinen Gemeinschaftsraum?", knurrte sie. Sie wollte nicht, dass er hier war.

Mit falscher Bestürzung runzelte er die Stirn. „Granger, Granger… - wie feindselig von dir, mir so etwas zu unterstellen", erklärte er kopfschüttelnd. Sein Blick ruhte auf ihr, und sie hasste ihn. Betrunken, nüchtern – immer.

Seine Haare waren lang geworden, stellte sie fest, während sie immer noch stand, die Arme vor der Brust verschränkt, während er vor ihr saß. Er trug seinen Seitenscheitel links und seine Haare fielen ihm in einer weichen Welle über die rechte Augenbraue. Er geelte sie schon lange nicht mehr nach hinten, ließ sie locker fallen und schenkte ihr unter seinem blonden Pony einen gefährlichen Blick. Seine definierten Nasenflügel blähten sich kurz, als sie nichts erwiderte und er sich langsam wieder erhob.

Er war größer als Caldon Kingston. Er kam näher auf sie zu, während die Freundlichkeit aus seinem Gesicht verschwand, als hätte man den Stöpsel aus einer Wanne gezogen. Als würde sie im Abfluss verschwinden und übrig blieb nur noch kaltes Porzellan.

„Gib mir das Passwort für die Tore", sprach seine Stimme kalt.

„Nein", entfuhr es ihr heiser, ehe sie seine Worte verstanden hatte. Seine Augenbraue hob sich prüfend, während er langsam lächelte.

„Nein?", wiederholte er grinsend ihre Worte, als wären sie ein Scherz. „Warum nicht? Ich habe ein Recht, es zu wissen", ergänzte er. Sie hielt die Arme weiter verschränkt.

„Dann geh zu Snape, Malfoy", flüsterte sie, plötzlich ängstlicher als es angebracht wäre. Aber alleine mit ihm zu sein, machte ihr Angst. Vor allem war er nüchtern.

„Aber ich bin jetzt hier", erklärte mit einem kühlen Lächeln, was seine Augen nicht erreichen konnte. Sie wusste, warum er hier war. Snape würde ihm niemals das Passwort für die Tore sagen! Das wusste Hermine. Also was ließ ihn annehmen, dass sie es tun würde? Sie sah ihn böse an.

„Willst du mir drohen, Malfoy?", wollte sie heiser von ihm wissen.

„Soweit sind wir noch gar nicht, Granger", eröffnete er ihr spöttisch und sie schnappte nach Luft. „Im Moment möchte ich einfach nur das Passwort wissen", schloss er glatt.

„Wofür?", entfuhr es ihr jetzt, aber sie erkannte in seinem Lächeln, wofür er es wohl wollte.

„Einfach nur so", log er lächelnd. Seine Augen waren ohne jeden Hauch von Freundlichkeit auf sie geheftet. Auch die Geduld in ihnen war längst verschwunden. „Ich schlage vor, du sagst mir das Passwort, denn ich würde es von Snape bekommen. Und wenn ich Snape sage, dass mir die Schulsprecherin es nicht verraten wollte, obwohl ich die Schüler nur davor bewahren möchte, sich in Gefahr zu begeben, würdest du schlecht dastehen."

„Die einzigen Schüler, die sich in Gefahr begeben werden, sind die, die du in Gefahr bringst, Malfoy!", spuckte sie ihm entgegen, aber ihre Stimme zitterte. Unfassbar! Sie hatte Angst vor ihm. Wenn er betrunken war hatte sie das nicht. Er umrundete sie langsam, und sie zuckte zusammen, als sich seine Hände auf ihre Schultern legten, und sie sanft auf ihren Stuhl zurückschoben.

Sie fiel dumpf auf ihren Sitz, und er lehnte sich tiefer zu ihrem Ohr, während seine Hände immer noch auf ihren Schultern ruhten.

„Es wäre doch zu schade, wenn ich dich wirklich zwingen müsste, Granger", flüsterte seine Stimme direkt neben ihrem Ohr, während seine Hände sanft ihren Nacken massierten. Sie schluckte panisch.

„Malfoy!", warnte sie ihn, aber sein heißer Atem traf ihren Nacken als er auflachte.

„Sag mir das Passwort, Granger, und all das hier ist vorbei, ohne dass ich dir wirklich Angst machen muss." Seine Lippen berührten ihr Ohrläppchen, während er sprach. Und kurz nur überkam sie die Verwunderung, ob es ihn anwiderte, sie berühren zu müssen, für seine widerliche Folter. „Weißt du, ich habe fantastische Mittel und Wege, ein Mädchen zu zwingen…" Er ließ diese warnenden Worte praktisch in der Luft vibrieren, während seine Unterlippe plötzlich ihren Hals entlang fuhr, und ihr Puls gerade Rekorde brach.

Mit einem Ruck entwand sie sich seiner besitzergreifenden Geste und war aufgesprungen. Angewiderte sah sie ihn an, krebsrote Flecken auf beiden Wangen.

„Malfoy, du bist ein widerliches Arschloch!", fuhr sie ihn zitternd an, während er sich immer noch lächelnd auf ihrer Stuhllehnte abstützte.

„Denkst du, ich weiß nicht, dass du praktisch jeden Freitag darum bettelst, dass ich dich berühre, Schlammblut? Führst du mich nicht jeden Freitag in meinen Schlafsaal, siehst mir zu, während ich mich ausziehe, lässt zu, dass ich deinen Arm küsse?", wollte er fast lasziv von ihr wissen, absolute Überheblichkeit auf seinen Zügen, und kurz raubte er ihr den Atem, denn sie wusste, dass er das tat, aber sie nahm an, er hatte keine Ahnung mehr, dass er so etwas ständig tat! Und kurz erfassten sie so etwas wie Scham und Schuldgefühle, denn ja, vielleicht ließ sie es zu, aber… nur weil er betrunken vollkommen harmlos war!

Sie hasste sich gerade selbst. Aber ihn noch viel mehr. „Du bist vollkommen krank!", wisperte sie verächtlich.

„Du bist wie all die anderen Mädchen, mit dem Unterschied, dass du dir vormachst, du wärst besser", erläuterte er, während er langsam wieder auf sie zukam. Sie wich um den Tisch vor ihm zurück und schüttelte den Kopf. „Wir können dieses Spiel gerne weiterspielen, Granger. Habe ich kein Problem mit", erklärte er. „Zwar hatte ich von der Königin Schlammblut etwas mehr Selbstbeherrschung erwartet, aber-"

„-vergiss es, Malfoy! Du kannst deine scheiß Spiele mit irgendwem anders spielen, aber nicht mit mir!", zischte sie zornig. Sie wischte sich präventiv über die Wangen, aber sie waren trocken. Sie weinte nicht. Er näherte sich wieder.

„Ich spiele aber doch so gerne mit meinen Opfern", erwiderte er mit gespielter Enttäuschung.

„Aparecium!", spuckte sie ihm entgegen, bevor er sie erreichen konnte. „Das ist scheiß Passwort. Das wolltest du doch, also verpiss dich endlich, du Arschloch!", wisperte sie hasserfüllt, ohne ihn anzusehen. Sie setzte sich zornig wieder auf den Stuhl und schlug das nächste Buch vor sich auf.

„Du solltest dankbarer dafür sein, dass ich überhaupt die Zeit darauf verschwendet habe, es ohne Gewalt zu bekommen, Granger", entgegnete er bitterböse. Sie hob den Blick langsam zu seinem widerlich arroganten Gesicht.

„Oh, ich bitte dich!", knurrte sie ungläubig. „Du hättest keine Gewalt angewandt, Malfoy! Ich habe einen verfluchten Zauberstab!", ergänzte sie fassungslos.

„Ja? Sah mir nicht danach aus, als hättest du ihn benutzen wollen, Granger", erwiderte er lächelnd. Ihr Mund öffnete sich protestierend. „Zwar muss ich jetzt erst mal meinen Mund desinfizieren gehen, denn immerhin habe ich dich gerade tatsächlich damit berührt, aber manchmal geht man über die widerlichsten Leichen, um sein Ziel zu erreichen. Ich bin sicher, du weißt, was ich meine?", ließ er die Frage offen im Raum stehen, als er sich lässig abwandte, nur, um nach wenigen Schritten, den Kopf zu wenden.

Sein Lächeln war widerlich. „Aber… nein, wo denke ich hin?" Er lachte kalt auf. „Du bist ja ein Schlammblut…", flüsterte er. „Du bist ja bereits das widerlichste, was hier rumläuft."

Mit einem arroganten Lachen verließ er die Verbotene Abteilung. Ihre geballten Fäuste zitternden vor Wut, während die Worte im Buch vor ihren Augen in zornigen Tränen verschwammen.

Es war nach acht, als sie sich auf den Weg machten. Die Schüler waren in den Gemeinschaftsräumen und die Flure waren leer. Ihre Umhänge waren unauffällig und schwarz, also fielen sie draußen nicht besonders auf.

„Noch Pläne?", hörte er ihre genervte Stimme, und sie zerschnitt die gefährliche Vorfreude in der Luft mit ihrer typischen Ablehnung. Er hatte kaum Lust zu lügen. Vor allem bei ihr nicht. Sie war es nicht wert. Und außerdem hatte er heute die Oberhand gewonnen. Sie brauchte überhaupt nicht so überlegen zu tun. Aber er lächelte, als er sich umwandte.

„Das geht dich nichts an", erklärte Pansy, statt seiner. Granger betrachtete Pansy mit einem abfälligen Blick.

„Ab Acht hat jeder Schüler die Pflicht, in dem jeweiligen Gemeinschaftsraum zu sein", erklärte sie. Er erinnerte sich vage, dass die Schulsprecher die Gänge patrouillieren mussten. Aber er wusste nicht, wann genau er von dieser Pflicht entbunden worden war. Anscheinend hatte sie das selbstständig entschieden, und würde er so etwas wie Dankbarkeit empfinden können, dann würde er es wohl tun. Aber… sie war ein Schlammblut, also stand das außer Frage. Seine Mundwinkel zuckten bei dem Gedanken daran, wie nahe sie ihn heute an sich heran gelassen hatte, und sie schien es zu registrieren. Ihr Ausdruck wurde, wenn möglich, noch kälter.

„Wir sind im siebten Jahr, Granger. Ich glaube, für uns gilt das nicht. Und außerdem bist du auch noch draußen", fügte Pansy hinzu und wollte weiter gehen.

„Ich bin Schulsprecherin, Pansy", erklärte Granger mit stoischer Ruhe.

„Draco ist auch Schulsprecher!", rief Pansy aus, als wäre es etwas, was ihr erst jetzt gerade wieder eingefallen war. Er blickte seufzend zur Seite.

„Draco ist noch Schulsprecher", korrigierte sie Pansy lächelnd. Sie betonte das Wort, als wäre es eine grauenhafte Drohung, von dessen Erfüllung sie nur träumte.

„Wer sollte das wohl ändern? Du, Schlammblut?" Er hasste es, wenn Pansy seine Schlachten für ihn führte.

„Geh uns aus dem Weg, Granger. Ich bin sicher, du kannst deinen sinnlosen Abend anders füllen und wir haben kein Problem", schlug er mit einem eindeutigen Grinsen vor und nahm Pansy das Gespräch ab.

Ich habe sowieso nie ein Problem, Malfoy", entgegnete sie. Merlin, konnte sie gut lügen. Sie war gut darin, ihre verschiedenen Masken aufrecht zu erhalten. Dann sah sie Pansy an. „Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin. Am besten geht ihr in euren Gemeinschaftsraum. Der Geruch sollte wieder erträglich sein." Pansy hatte den Mund vor Entrüstung geöffnet.

„Du kannst uns keine Punkte abziehen, du-"

„Noch mal zwanzig Punkte Abzug für Slytherin, nur weil ich es kann", unterbrach sie Granger, und das Stundenglas am Ende des Flurs begann zu klirren, als die Smaragde nach unten fielen.

„Du verfluchtes Schlammblut!", kreischte Pansy aufgebracht. „Ich habe heute zehn Punkte von Flitwick bekommen!"

„Tja, Pech für dich. Und noch mal zehn Punkte Abzug, für die Beleidigung." Pansy schien einzusehen, dass sie sich nicht mit der Schulsprecherin anlegen konnte. Es dauerte bei Pansy immer etwas, aber sie hielt den Mund.

„Granger, wann in etwa bist du hier fertig?", wollte er mit einem feinen Lächeln wissen, aber sie schoss ihm einen zornigen Blick zu.

„Ich mache es dir ganz einfach, Malfoy. Ihr geht zurück oder ich hole Snape." Eine Drohung, die früher bei ihm eine große Wirkung gehabt hatte, weil er es sich mit jedem verscherzen konnte, aber nicht mit Snape. Mittlerweile war diese Drohung vollkommen leer. Und er wusste, was sie tat. Sie hatte ihm das Passwort gegeben, aber sie wollte nicht, dass er es benutzte. Sie war fast abstoßend genug, dass es schon mitleidserregend war.

„Bitter. Wirklich", betonte er lächelnd. „Ich mach es dir leichter", sagte er und zog den Zauberstab. „Hundertfünfzig Punkte Abzug für Slytherin." Erneutes Klirren und Pansy schnappte empört nach Luft.

„Draco, bist du verrückt geworden?" Er ignorierte Pansys Frage. Sie verlangte wohl kaum noch eine Antwort.

„Das sollte reichen, oder?", erkundigte er sich tonlos mit erhobenen Brauen bei ihr und ging zur Tür.

„Kommt zurück!", rief Granger, als Blaise und Pansy ihm hastig folgten.

„Hol Snape, ich bin sicher, er freut sich auf die Petze von Gryffindor", rief er über die Schulter zurück, aber sie sagte gar nichts mehr.

Und damit verließen sie das Schloss. Sie ließen Granger zurück und Pansy schloss draußen zu ihm auf.

„Wieso hast du so viele Punkte von unserem eigenen Haus abgezogen? Das war vollkommen unnötig!", rief sie zornig aus.

„Granger wird morgen erklären müssen, weshalb so viele Punkte fehlen. Und wer wird ihr schon glauben, dass ich selber Punkte abgezogen habe?", erklärte er. „Pansy, es geht darum, Granger fertig zu machen. Ich dachte, das gefällt dir", ergänzte er, ohne sie anzusehen. Pansy schien im Moment mehr Sorge zu haben, dass sie erwischt wurden, als weiter über das Schlammblut zu diskutieren.

Aber sie kamen unbemerkt am Tor an.

„Dann los", sagte Blaise zu Draco und dieser ging nah ans Tor, so dass Blaise ihn nicht mehr hören konnte. Blaise hatte die ganze Zeit über gelächelt, als wäre Hogwarts und das alles hier nur ein großes Spiel. Blaise war ihm gruselig auf eine andere Art. Die Losung war meist ein willkürlicher Zauber, von dem nur die Lehrer wussten. Er wurde angewandt und wenn er richtig war, öffneten sich die Pforten. Natürlich gab es Millionen Zauber auf der Welt. Den richtigen zu finden, war so gut wie unmöglich, und wüsste er ihn nicht, könnten sie hier Jahre stehen. Kurz überlegte er, ob Granger ihn nur ausgetrickst hatte.

Er sprach die Formel und der Bann löste sich von den schweren, eisernen Toren. Lautlos schwangen sie auf. Nein, das Schlammblut hatte tatsächlich Angst genug vor ihm gehabt, um die Wahrheit zu sagen. Seine Mundwinkel zuckten.

„Welcher Zauber?", fragte Blaise interessehalber, während Pansy sich in seinen Arm gekrallt hatte. Draco war sich nicht mal mehr sicher, für was der Aparecium-Zauber stand. Er glaubte, er ließ Verborgenes erscheinen, aber schwören würde er darauf nicht. Draco hatte allerdings nicht vor, es Blaise zu verraten, auch wenn er sich nicht sicher war, weshalb nicht.

„Wir wollen wirklich da raus?", vergewisserte sie sich und sah ihn an. „Wenn sie wirklich zu Snape geht?", fügte sie leiser hinzu.

„Du kannst gerne wieder gehen, Pansy", sagte Blaise, und Draco sah, wie Pansy hin und her gerissen war, zwischen der Entscheidung, das Vernünftige zu tun und der Entscheidung, Blaise zu widersprechen.

„Nein, ich gehe nicht zurück", beharrte Pansy und schritt sogar als erste durch das Tor. Sie hatte wohl erwartet, dass eine Art Alarm ausgelöst werden würde, aber es geschah nichts. Draco folgte ihr und Blaise tat es ihm gleich.

„Es gibt eine Bar im Hinterhof des Eberkopfes. Die sollte für unsere Zwecke angemessen sein." Er holte grinsend eine Flasche aus seinem Umhang, die kein Etikett trug. Draco runzelte die Stirn. „Gebrannter Schnaps aus guten Quellen", fuhr Blaise fort.

„Alkohol?", fragte Pansy wenig begeistert. Anscheinend erinnerte sie sich noch zu gut an das Wochenende.

„Wir treffen im Dorf noch einen alten Bekannten der Familie", ergänzte Blaise mit einem vielsagenden Blick und Dracos Neugierde war vollends geweckt. „Du kannst immer noch gehen", bot Blaise ihr anschließend mit einem feinen Lächeln an. Gereizt nahm sie die Flasche, öffnete sie und trank einen trotzigen Schluck, nur um danach einen erstickungsartigen Anfall zu bekommen. Blaise nahm ihr die Flasche ab und schraubte sie vorsichtig wieder zu. „Er ist versetzt mit bester Magie", fügte er hinzu und lächelte verschwörerisch.

„Ok", sagte Draco, als er mit Blaise den Weg nach Hogsmeade antrat und Pansy ihnen keuchend folgte. Es tat gut, hier zu sein und etwas Verbotenes zu tun. Draco spürte in den Fingerspitzen, wie er sich bereits entspannt und seine grauenhafte Welt vergaß.