Kapitel 6

Als sie den Eberkopf betraten, wurden sie nicht weiter beachtet. Keiner interessierte sich dafür, dass sie offensichtlich Schüler waren. Was Draco bemerkenswert fand, war, dass Blaise hier wohl bekannt zu sein schien. Manche nickten ihm zu.

„Deine Verbindungen sind erschreckend", bemerkte Draco finster, der den warmen Nebel des Alkohols bereits in seiner Brust spüren konnte. Pansy hielt sich an ihm fest.

„Purer Zufall", wandte Blaise lächelnd ein, und sie durchschritten die schmierige Kneipe. Draco wusste, er log. Aber er war ein Slytherin.

Blaise ging durch eine weitere Tür und Rauch schlug ihnen entgegen. Zauberer rauchten Pilzkopfzigarren und betrieben magisches Glücksspiel.

„Wenn du willst, können wir einen Tisch bekommen und spielen."

„Wir sind nicht volljährig", bemerkte Draco, auch wenn seine Volljährigkeit nur noch zwei Wochen entfernt lag, und er Regeln auch sonst eher belustigt gegenüberstand. Aber tief in seinem Innern, ganz tief drin, spürte er noch ansatzweise, dass das hier vielleicht nicht die allerbeste aller Ideen war, die sie bisher gehabt hatten.

„Malfoy, wir sind reich", erklärte Blaise mit einem Grinsen. Das war eine Aussage, die absolut zutreffend war. Seit ein paar Wochen war Draco tatsächlich reich. Wahrscheinlich reicher als Blaise und Pansy zusammen, nahm er an.

„Guten Abend, die Herren", begrüßte Blaise einen Tisch mit finster drein blickenden Trollen und einem Zauberer, der eine lange Kapuze trug. Draco mochte es nicht, Gesichter nicht erkennen zu können, aber er würde einfach mehr trinken. Dann war ihm auch das egal.

„Draco, bist du sicher?", flüsterte Pansy, und er machte sich von ihr los.

„Bleib oder geh", entgegnete er und nickte dem Tisch zu, ehe er sich setzte.

„Sieh mal an, der junge Malfoy." Draco verspürte den Drang, mehr zu trinken und nahm Blaise seine Flasche wieder ab. „Und er bringt Alkohol mit. Ganz der Vater", fügte der Kapuzenmann hinzu, und Draco trank hastig einen großen Schluck. Er hasste es, wenn Fremde über seinen Vater sprachen. Oder über ihn.

„Wird hier geredet oder wird hier gespielt?", fragte er gereizt und griff in seine Tasche, um einen Beutel mit Galleonen auf den Tisch zu werfen. Er trug immer Gold bei sich. Man konnte nie wissen, außerdem beruhigte es ihn. Gold hatte diese Wirkung. Auch die Trolle wirkten plötzlich merklich aufgeschlossener bei der Aussicht auf Gold.

„Gespielt. Und keine Sorge, bei Herrschaften wie Ihnen sind wir sicher, dass Sie zahlen können", fuhr der Mann fort und nickte dem Beutel entgegen. Draco wusste, würde er sich bald nicht taub trinken, dann würde er explodieren. Er konnte den Kapuzenmann schon jetzt nicht leiden. Sein Inneres kribbelte und er wusste nicht, ob es an der Wut lag oder an Blaises Alkohol. Wahrscheinlich an beidem. Und Wut war beim Glücksspiel schlechte Gesellschaft. Auch das hatte er einst gewusst.

„Spielt die Dame auch? Oder ist sie auch Einsatz?" Draco musste lächeln. Pansy wirkte entrüstet.

„Sie werden sich wünschen, Ihren Mund gehalten zu haben", erklärte Pansy würdevoll und setzte sich auf einen freien Stuhl Sie warf den Umhang hinter sich und präsentierte ihren fülligen Ausschnitt. Dann griff sie nach den abgenutzten magischen Karten und begann sie zu mischen.

„Ich nehme an, Sie spielen Black Strikes nach englischen Regeln. Keine Zauberstäbe, keine Wanderkarten, kein goldener Tausch, und jeder Spieler beginnt mit einem Einsatz von zehn Galleonen?", schnappte sie ganz in Slytherin-Manie.

Und tatsächlich schwiegen die Anwesenden. Selbst Blaise hielt den Mund. Pansy war wahrscheinlich die Königin des Glückspiels. Draco wusste das ziemlich sicher. Denn sie leitete die Glücksspielabende in Hogwarts, zu denen wiederum Blaise noch niemals eingeladen worden war. Auch Pansy hatte ihren Stolz. Selten, aber er war vorhanden. Und Draco wunderte es nicht, dass sich Pansy auskannte, war ihr Vater doch jeden Monat mal mehr, mal weniger dem Glücksspiel verfallen. Und kurz bemerkte er, wie sie alle ihren Eltern doch ähnelten. Auch in ihren schlechten Eigenschaften. Pansy hasste die Sucht ihres Vaters, und doch übernahm sie diese Eigenschaft.

Sie teilte vier Karten aus und Draco hatte Mühe, sie überhaupt noch zu erkennen. Er würde grandios verlieren. Aber es störte ihn nicht. Kartenspielen war eine Nebensache. Etwas, dass er tat, um sich von der Tatsache abzulenken, zu trinken.

Er wusste, der Kapuzenträger beobachtete ihn, aber er ignorierte es. Er sah, die magische Karte änderte gerade ihr Bild, aber er konnte nicht mehr genau sagen, ob sein Blatt jetzt besser oder schlechter geworden war.

Unwichtig. Alles, was zählte war, zu vergessen, dass er denken konnte.

Sie war nicht zu Snape gegangen.

Aber sie wusste, die drei hatten das Gelände mit Sicherheit verlassen.

Ihre nagende Vorahnung hatte sich bestätigt, als Harry ihr erzählt hatte, dass Gryffindor heute trainieren konnte. Sie hatte gewusst, dass Malfoy bestimmt nicht aus Großzügigkeit auf das Feld verzichtete. Obwohl er mittlerweile noch weniger Interesse an Quidditch zeigte, als er Interesse am Unterricht hatte.

Sie wusste, sie stand kurz davor ein Gespräch mit Dumbledore und den Hauslehrern zu führen, weil sie mitverantwortlich für Malfoys Verhalten gemacht wurde.

Und heute hatte sie ihm das Passwort verraten. Aber sie war wütend gewesen. So unglaublich wütend auf ihn! Er hatte es forciert. Er hatte es doch so gewollt!

Blaise Zabini war eine gefährliche Gestalt. Sie wusste, er war geschickt seine Absichten zu verbergen, aber sie wusste auch, dass er immer bereit war, die Regeln zu brechen. Aus diesem Grund war er auch nicht Schulsprecher geworden. Die Lehrer wussten, wie Blaise Zabini Regeln und Ordnung zu schätzen wusste.

- Nämlich gar nicht.

Und jetzt musste sie überlegen, ob es sie wirklich interessierte. Natürlich wusste Draco Malfoy ebenso wenig, Regeln zu befolgen, aber bei ihm wurden ja ständig hundert Augen zugedrückt. Noch.

Und nein, es interessierte sie nicht, was er tat. Aber sie war beunruhigt. Und schon das störte sie unglaublich, denn sie wusste, es lag überhaupt nicht an ihr, sich zu kümmern. Aber anscheinend war Pansy dazu nicht in der Lage und Dumbledore hatte ihr erzählt, dass Malfoy eine Behandlung von einem professionellen Heiler abgelehnt hatte. Warum hatte er das überhaupt getan? Hermine befürchtete sowieso schon, Dumbledore hatte größere Pläne mit ihr, als er sagte. Was dachte er? Dass sie irgendetwas ausrichten konnte?!

Und was war sie bitteschön? Der letzte Strohhalm, nach dem man griff? Sie begriff zwar nicht, warum man in diesem Fall nicht hartnäckiger war, aber anscheinend dachte daran niemand sonst. Malfoy würde sich noch in seiner Leichtsinnigkeit umbringen, und sie hasste den Gedanken, dass sie davon überzeugt war und vielleicht sogar Recht haben würde.

Und sie wäre diejenige gewesen, die es gewusst und nichts getan hätte.

Es war zum Kotzen.

„Was ist, kommst du hoch?" Sie erschrak sehr, als sie sich umwandte. Sie hatte jetzt seit einer endlosen Ewigkeit die Tür angestarrt.

„Ron, hey. Was machst du hier?", fragte sie und er zuckte die Achseln. Sie sah, dass er seinen Jogginganzug unter dem Umhang trug.

„Ich hab mir gedacht, ich hol dich ab. Es ist spät, du bist allein, das Schloss ist groß." Er zuckte grinsend die Achseln. „Und Harry macht mich wahnsinnig mit seinen strategischen Quidditch Ausarbeitungen." So sehr Ron Quidditch liebte, war es doch schön zu sehen, dass er nicht so besessen war, wie Harry. Aber er klang erleichterter als noch heute Nachmittag, als seine größte Sorge war, dass Harry direkt im Gemeinschaftsraum auf die Knie fallen könnte, um seiner Schwester einen Heiratsantrag zu machen – so lächerlich das auch war.

„Das ist nett von dir", sagte sie schließlich.

„Sieht mir nicht so aus, als ob du vorhattest, hoch zu kommen. Was ist? Willst du noch nach draußen oder so? Gehört das zu deinem Job?", fügte er lächelnd hinzu und sah sie verwirrt an.

„Nein, ich…"

„Was?" Er wartete ungeduldig. „Hermine, wieso stehen wir hier noch? Ich glaube nicht, dass irgendwer heute noch irgendwas plant", sagte er mit verschwörerischer Stimme. Ihr war es auf einmal gar nicht recht, dass Ron sie abholen wollte. „Hermine?", wiederholte er, als sie nichts sagte.

„Hör zu, ich glaube…" Aber sie wusste, würde sie den Satz beenden, dann hätte sie wieder einen Streit mit Ron. „Ich glaube, ich sehe noch einmal draußen nach. Nur zu Sicherheit. Ich bin sofort oben, ok?" Sie hörte die Lüge aus ihrem Mund kommen und wusste, sie würde sich so oder Streit einhandeln.

„Wieso?", war alles, was er sagte. „Ich komme von draußen, Hermine. War gerade noch joggen. Alles ruhig. Snape schleicht um die Tore, nichts Besonderes", erklärte er ungeduldig.

„Ich dachte, ich sehe noch mal nach", wich sie seiner Frage aus.

„Ja, aber wieso? Ich will nicht, dass du jetzt nach draußen rennst", widersprach er genervt. Und er hatte auch noch Recht. Was dachte sie?! Dass sie die drei Slytherins gemütlich vor dem Tor finden würde, während sie Koboldstein im Dunkeln spielten? Und dennoch hatte sie ein mulmiges Gefühl.

„Ich habe einen Zauberstab", erklärte sie also würdevoll. „Und ich kann damit umgehen. Voldemort ist tot, die Todesser in Askaban und das einzige, was mir gefährlich werden könnte, ist Hagrids neuer Spinnentöter." Ron zuckte bei dem Wort zusammen. Hagrids neue Errungenschaft war eigentlich nur eine Art Ameisenbär auf sechs Beinen. Sie hatten keine Ahnung, was es für eine Züchtung war, aber er war immer sehr aufgeregt und beschnupperte bevorzugt Ron.

„Hermine…", begann Ron gedehnt, und die Unterhaltung wurde ihr abgenommen. Denn auch Harry schien noch spät unten am Quidditchfeld gewesen zu sein. Innerlich stöhnte sie auf, als er durch die Haupttore des Schlosses kam.

„Hey!", begrüßte Harry beide überrascht. „Was treibt ihr hier? Wartet ihr auf mich? Snape hat eine scheiß Laune, wir sollten machen, dass wir verschwinden", erklärte er warnend. Und die Türen öffneten sich erneut.

„Anscheinend sind Sie alle noch auf den Beinen. Miss Granger, irgendwelche Vorkommnisse?", erkundigte er sich glatt, und ihr blieb nichts anderes übrig, als unschlüssig mit dem Kopf zu rucken. „Gut, dann nach oben. Allesamt", fügte er unerbittlich hinzu. Sie atmete aus.

„Geht ohne mich vor, ich habe noch ein Anliegen", sagte sie also, und weder Harry noch Ron – noch Snape – wirkten begeistert. Aber bevor Harry und Ron warteten und auch noch zuhören müssten, verschwanden sie mit einem ungläubigen Kopfschütteln.

„Ja?", sagte Snape, und die Art wie er seine Lippen schürzte, ließ sie kurz zögern. Snape darauf anzusprechen war… Hochverrat. Sie atmete aus.

„Sir… ich habe mich gefragt, ob…" Ihr Herz klopfte lauter, vor allem, weil sie Snape seine Ungeduld ansehen konnte.

„Was, Miss Granger?" Und sie wusste, warum Snape unten gewesen war. Und es war eine sehr missliche Angelegenheit. Denn die Formel für die Tore änderte sich jede Nacht. Das hatte sie Malfoy allerdings nicht gesagt. Warum auch? Er hatte nicht gefragt, und hatte es nicht verdient! Und eigentlich hatte er es auch zu wissen! Angeblich war er ja Schulsprecher… - noch! Und sie verdrehte die Augen innerlich, ehe sie sprach.

„Sir, haben Sie gerade das Passwort für die Tore geändert?", fragte sie kleinlaut und Snape sah sie an – blinzelte – und verengte anschließend die Augen.

„Ja, Miss Granger. Wie jeden Abend. Fragen Sie mich, ob sie um diese Zeit das Passwort für die Tore von Hogwarts bekommen können?", entfuhr es ihm schließlich mit einem gefährlichen Unterton, und sie wusste noch nicht, wie sie diese Auskunft würde rechtfertigen können, aber sie wusste, sie brauchte starke Nerven, bevor er noch in ihre Gedanken schauen würde. Sie dachte also an gar nichts und zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck. „Warum sollten Sie das wollen?" Sie hatte das ungute Gefühl, er kam ihr auf die Schliche.

„Weil… weil ich mir dachte, dass ich dann morgen nicht fragen muss", erwiderte sie und hoffte, sie klang so eifrig wie sie es vorhatte. Snape musterte sie eingehend.

„Miss Granger, Sie kommen jeden Tag um zwei Uhr nachmittags ins Lehrerzimmer und bekommen dort das Passwort genannt, seit dem ersten Tag Ihres Amtes. Was wollen Sie mit der Formel heute Nacht?", erläuterte er mit angestrengter Ruhe, aber sein Ton war schärfer geworden.

„Ja, Sir, ich-"

„-ist gerade irgendwer da draußen, Miss Granger?", ergänzte er mit eindeutigem Blick. Sie seufzte langsam auf. Sie resignierte.

„Nein, Sir."

Würde sie ihm jetzt eröffnen, dass drei Schüler in die Nacht verschwunden waren, würde er einen Anfall bekommen. Und sie wusste nicht, wie viel Schaden es mit sich bringen würde. Seitdem der Krieg vorüber war, waren die Sicherheitsvorkehrungen hier immens angestiegen. Man konnte kaum noch über den Flur gehen, ohne sich anzuweisen. Sie entschied sich, gar nichts mehr zu sagen.

Vielleicht passierte auch nichts.

Vielleicht.

„Gute Nacht, Miss Granger", erklärte er streng.

„Gute Nacht, Professor", erwiderte sie den Abschied und er wartete, bis sie den Flur hinab verschwunden war.

Schön. Dann eben nicht. Sie war bestimmt nicht Malfoys Kindermädchen.

Sie durchschritt oben angekommen das Portraitloch, und im Gemeinschaftsraum herrschte gemütliches Treiben, was abends immer so war, wenn alle zusammen kamen und von ihrem Tag erzählten. Sie ging zu Harry und Ron, die sie bereits entdeckt hatten.

„Wie war das Training?", erkundigte sie sich, um irgendetwas Belangloses zu sagen. Aber ihre Laune war gedämpft.

„Interessiert dich das wirklich, oder fragst du nur aus Höflichkeit? Und was zur Hölle wolltest du von Snape?!", erkundigte sich Harry bei ihr, und sie seufzte auf.

„Es interessiert mich wirklich, und ich wollte nichts Wichtiges. Es hat sich erledigt", gab sie beleidigt zurück. Das hatte es zwar nicht, aber Harry tat ihr den Gefallen und fragte nicht weiter. Stattdessen ging er auf ihre Frage ein.

„Also, ich habe eine neue Taktik entworfen", begann Harry munter, und Ron schenkte ihr einen eindeutigen Blick. Er hatte Harrys Ansprache wohl schon hundert Mal heute hören müssen und atmete angestrengt aus, als Harry von irgendwelchen Mustern und Begriffen anfing, die entweder gar nichts mit Quidditch zu tun hatten oder komplizierte russische Namen beinhielten.

Sie bereute ihre Frage schon jetzt.

Sie verabschiedete sich von Ginny als es elf Uhr schlug und machte sich zu ihrem Schlafsaal auf. Als sie die Tür öffnete sah sie Lavender auf dem Bett sitzen, Parvati neben ihr. Lavender schien zu weinen. Sie schniefte hin und wieder, und Hermine entdeckte einen zerknitterten Brief in ihren Händen.

„Alles klar?", wagte sie zu fragen, als sie näher kam, und ihre Robe über ihren Ankleidestuhl gelegt hatte.

„Nein", schniefte Lavender heiser. Hermine fragte sich, ob sie fragen müsste, ob sie helfen könne. Eigentlich wollte sie Lavender nicht helfen. Sie hatte das Gefühl, sie half den anderen sowieso schon genug.

Das war zwar ihr Job, aber wenn sie über die Probleme nachdachte, dann hatte sie eigentlich etwas Anspruchsvolleres erwartet. Und nicht die Aufgabe den Gemeinschaftsraum der Slytherin sauber zu halten, weil es der zurzeit amtierende Schulsprecher nicht auf die Reihe bekam. Fast erfüllte es sie mit Genugtuung, dass er bald kein Schulsprecher mehr war.

Hoffentlich bald! Hoffentlich noch heute Nacht. Und das konnte sehr gut sein, denn er hatte kein Passwort mehr, um reinzukommen.

Ihr Blick fiel nach draußen in die Nacht, die hinter dem Fenster lag. Der Schlafsaal überblickte das Gelände, und in der Ferne erkannte sie Hogsmeade, wie es im Dunkeln sanft leuchtete. Kurz atmete sie aus.

Sie hätte es sagen müssen, durchfuhr es sie plötzlich. Vor allem würde es Snape doch bestimmt herausfinden, und dann wäre doch wohl auch ihre Stellung dran, oder? Pansy würde es doch als aller erstes petzen, dass die Schulsprecherin gesehen hatte, wie die drei das Schloss verlassen hatten.

Hermine hasste ihn über alle Maßen.

„Er ist von Malfoy", informierte sie Parvati ohne jeden Kontext, und Hermine hob stirnrunzelnd den Blick. Dann fiel ihr Blick auf den Brief in Lavenders Schoß. Großer Merlin, bitte nicht. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Lavender hatte doch eine Sekunde vorher nicht darüber reden wollen!

„Was?", sagte Hermine also beinahe unfreundlich. Sie wollte es gar nicht wissen. Wahrscheinlich durfte sie es auch nicht wissen. Wahrscheinlich hatte es mit Sex zu tun, und sie wollte es gar nicht wissen!

„Parvati!", schniefte Lavender aufgebracht. Hermine atmete aus. Sie wollte es nicht wissen. Bitte, bitte nicht! Aber dann sah Lavender sie tränenschwer an. Oh nein! „Ich habe ihn gestern bei Frühstück bekommen", flüsterte sie tiefverletzt. Hermine hielt sich nur knapp davon ab, die Augen zu verdrehen.

„Hm?", machte sie also und hoffte, sie klang desinteressiert genug, dass Lavender nicht ausholen würde.

„Weißt du, wir haben eine Affäre. Oder wir haben eine gehabt!", schluchzte Lavender untröstlich auf und wurde von Parvati wieder in den Arm genommen. Wenn Hermine an Malfoys Affären dachte, wurde ihr schlecht. Lavender war eine blöde Ziege, dachte Hermine gereizt.

„Besser so", sagte sie also nur, ehe Lavender noch Details liefern würde. Sie griff sich ihren Umhang wieder.

„Wie kannst du so herzlos sein?", fuhr Parvati sie an, und auch die anderen Mädchen betrachteten sie mit bösen Blicken.

„Was?", entfuhr es Hermine empört. „Malfoy ist ein-" Aber sie hielt sich selber davon ab, näher auf ihr Hassthema einzugehen. Und besser sie wusste nicht allzu viel darüber, was Lavender getan hatte, denn sie würde ihr nur Punkte abziehen! Sie schüttelte einfach konsequent den Kopf und verließ den Schlafsaal wieder.

Hermine schlüpfte nach draußen auf den Flur und verlor keine Zeit. Das Schloss lag leer vor ihr, und sie konnte nur über sich selber den Kopf schütteln. Sie war hoffnungslos. Anstatt sich nicht zu sorgen, um blöde Slytherins, die von der Schule fliegen würden, schlich sie nachts durchs Schloss und riskierte Kopf und Kragen! Sie nahm an, Snapes Schicht war vorbei. Sie hoffte es zumindest, als sie die schweren Schlosstüren endlich erreicht hatte und aufzog, um in die kühlere Nacht zu schlüpfen. Sie eilte den Weg runter zu den Ländereien, weit ab vom Tor und hielt beim Gehen weiterhin Ausschau. Und Merlin sei Dank hatte sie Glück.

Je nachdem, wie man es betrachtete natürlich….

McGonagall hatte Snape abgelöst, aber McGonagall war bei weitem nicht so paranoid wie Snape, und Hermine schlich unbemerkt runter zu Hagrids Hütte.

Es gab nämlich noch einen zweiten Weg, das Passwort zu bekommen.

Sie erkannte Kerzenschein in den Fenstern. Er schlief Merlin sei Dank noch nicht. Es wäre unmöglich einen schlafenden Hagrid zu wecken. Sie wusste das.

Unbemerkt hatte sie die Hütte erreicht. Sie klopfte zaghaft, aber Fang bellte augenblicklich los, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

„Na, Fang, aus!", rief Hagrids Stimme erschrocken im Innern, und sie hörte schwere Fußschritte hinter der Tür. Sie sah sich panisch um, aber McGonagall war nicht zu sehen.

Die Tür öffnete sich einen Spalt, und Hermine erkannte eine schwere Eisenpfanne in Hagrids Hand. Sie betrachtete die scheinbare Waffe mit gerunzelter Stirn. Wen hatte er bitteschön erwartet? Ein bewaffnetes, rohes Monster-Ei, was er aus Rache braten wollte?! Sein unfreundlicher Blick wurde sanfter, als er sie erkannte. „Mine!", begrüßte er sie überrascht. „Was treibst du so spät hier draußen? Irgendwas mit Harry passiert?", wollte er sofort wissen, aber sie schüttelte den Kopf, sah sie sich um und kam noch eine Stufe höher.

„Kann ich kurz reinkommen?", flüsterte sie, und Hagrid wich eilig zur Seite, und schob Fang zurück in die Hütte und stellte die Pfanne zurück auf den kleinen Herd. Hermine kommentierte die Pfanne gar nicht erst.

Nach dem die Tür geschlossen war, sprang Fang an ihr hoch und riss sie fast zu Boden. Er hechelte aufgeregt, und Hermine schob ihn mit allen Kräften von sich, denn er war schwer und sabberte viel zu viel!

„Schon gut, ich freu mich ja auch!", beruhigte sie den Saurüden und tätschelte seinen Kopf. Er fiel praktisch vor ihre Füße, und sie streichelte ihn weiter. Interessiert hatte Hagrids Spinnentöter den Kopf gehoben. Seine lange Schnauze schnüffelte probehalber in die Luft.

„Ist nur Mine, Pamela", beschwichtigte Hagrid den Spinnentöter. Hermine runzelte die Stirn.

Pamela?", fragte sie schließlich, aber Hagrid grinste unter seinem Bart.

„Ja, ist ein Mädchen!", erklärte er stolz. Hermines Mund öffnete sich ratlos, während sie das riesenhafte Geschöpf auf dem Bärenfell vor dem Kamin betrachtete, was den halben Platz der Hütte einnahm, alle sechs haarigen Beine von sich gestreckt, so gemütlich gebettet, als könne nur das Ende der Welt ihn vielleicht zum Aufstehen bewegen. Oder Ron.

„Pamela, der Spinnentöter", murmelte Hermine seufzend. Dann fiel ihr wieder ein, dass sie noch wichtigeres zu tun hatte, als Hagrids wilden Streichzoo zu besänftigen. „Hagrid, kennst du das neue Passwort für die Tore?", fragte sie eindringlich, und Hagrid nickte langsam.

„Jaah?", sagte er ernst, aber er musterte sie prüfend. „Warum? Was ist los?", wollte er von ihr wissen.

„Ich brauche das Passwort jetzt", räumte sie kleinlaut ein.

„Wofür? Willst du raus, Mine?", fragte er mehr als ungläubig. „Du darfst nachts nicht raus!", schien ihm einzufallen. „Viel zu gefährlich", erklärte er. Und Hermine setzte ihr Glück auf eine Karte.

„Vielleicht… kannst du ja mit mir kommen?", flüsterte sie hilflos. Hilfloser als sie eigentlich war. „Es… es ist was blödes passiert, und es war praktisch meine Schuld", gestand sie ein, ohne aufzusehen. Hagrids Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Oh je, was ist los?"

„Ich… habe Schülern das Passwort genannt und sie sind heimlich aus dem Schloss und… jetzt können sie ja nicht mehr rein, weil…"

„Weil das Passwort anders ist", schloss Hagrid sogar recht scharfsinnig für seine sonstige Begriffsstutzigkeit. „Oh je, Hermine", sagte er nur. „Wir dürfen Hogwarts nicht verlassen. Du zumindest nicht. Wie viele Schüler?", wollte er besorgt wissen. „Vielleicht machen sie nur eine kleine Nachtwanderung?", schlug er vor.

„Es sind Slytherins. Nein, sie machen keine kleine Nachtwanderung", erklärte Hermine eilig. „Bitte, Hagrid. Ich kann nicht zu Snape oder McGonagall. Die bringen mich um!", übertrieb Hermine flehend. „Bitte, ich schulde dir auch was dafür! Bitte, Hagrid!"

Sie setzte ein besonders verzweifeltes Gesicht auf. Hagrid verdrehte die Augen und drehte seinen langen Bart abwesend um den dicken Finger, während er peinlich berührt, mit sanft roten Wangen, irgendetwas von ‚ungerechtem Hundeblick' murmelte.

Und sie wusste, sie hatte ihn.