Kapitel 7

Sie war so froh, dass er nicht Nein sagen konnte. Sie liebte Hagrid sehr dafür, und sie wusste, dass sie immer auf ihn zählen konnte, wenn sie musste. Sie wollte ihn wirklich nicht ausnutzen, aber sie wusste sich heute Nacht nicht anders zu helfen.

Er räusperte sich peinlich berührt, durch ihren verzweifelten Blick und sie erkannte, er wurde nun tief rosa unter seinem dichten Bart.

„Schön, schön! Sieh mich nicht so an, Mine, du weißt doch…", jammerte er. „Wir nehmen Fang mit", ergänzte er, während er seufzend nach seinem riesigen Maulwurfsfellmantel griff und darin den rosa Regenschirm verstaute. Aber Fang hatte sich gähnend zu einem pelzigen Haufen zusammen gerollt, und Hagrid verdrehte die Augen.

„Dann nicht, du Faulpelz", murrte er. Dann wandte er einen letzten liebevollen Blick zum Spinnentöter.

„Schön hier warten, Pamela", ermahnte er sie, aber Pamela hob kaum den Blick, als Hagrid Hermine lautlos nach draußen führte.

Er war fast nicht zu erkennen, so schwarz wie er gekleidet war. Hagrid schaffte es, trotz seiner Größe völlig unbemerkt zu bleiben. McGonagall hatte gerade die Runde ums Schloss begonnen, denn sie verschwand hinter dem steinernen Hof.

„Schnell!", befahl Hagrid und bewegte sich recht behände zu den Toren. Ohne dass Hermine es hören konnte, sprach er die Formel und schlug mit dem Schirm gegen die Tore.

Sie schwangen lautlos auf und erlaubten ihnen, hinaus zu schlüpfen.

Hermine wusste, Hagrid bekam die Formel angeblich nur gesagt, damit er sich unter den Lehrern nicht ausgeschlossen fühlte, denn er durfte ja offiziell nicht mehr zaubern, aber Hermine glaubte, jeder wusste hier auf Hogwarts, dass Hagrid seinen Schirm nicht wirklich als Regenschirm benutzte. Aber sie war dankbar genug, dass er ihr half. Sie würde es nicht wieder gut machen können. Das wusste sie auch.

„Sie werden in irgendeiner Kneipe in Hogsmeade sein", vermutete sie, als sie zu Hagrid aufgeschlossen hatte, der mit großen Schritten voranging.

„Hm…", brummte er nachdenklich. „Die einzige Kneipe, die Schüler nicht sofort wieder nach Hogwarts schickt, ist der Eberkopf", sagte er dumpf. „Rosmerta hätte Dumbledore sofort verständigt", ergänzte er ruppig, und Hermine hatte es schon befürchtet. Sie hasste den Eberkopf.

Sie verließen das Gelände still und eilig. Und sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun wollten, oder wie sie, wenn sie die Slytherins denn fanden, sie davon überzeugen wollten, wieder zurückzugehen, aber sie nahm an, Hagrids Erscheinung sollte einschüchternd genug sein. Zur Not würde er alle Syltherins auch über seinen Rücken werfen können, nahm sie an.

Sie liefen schnell und der Wind war kühl geworden, war es am Tage auch noch so warm. Es war ein Gefühl, das sie hasste. Sie wusste, sie riskierte wieder einmal sehr viel. Und wofür? Nein – für wen?! Es war nicht zu fassen.

Im Dorf angekommen erkannte sie, dass in allen Läden das Licht gelöscht war, nur die verschiedenen Kneipen hatten noch geöffnet, und warmes Licht fiel auf das Kopfsteinpflaster.

Sie hielt mit Hagrids Tempo mit und schnell hatten sie das Ende der Straße erreicht.

Hagrid öffnete die Tür und der Geruch von Schnaps und Schweiß schlug ihnen entgegen. Sie mochte diese Kneipe nicht. Die Menschen sahen sie an und sie wusste, die Zauberer, die hier waren kannten weder sie, noch Hogwarts, noch Harry Potter. Und das hieß in der magischen Welt schon einiges.

Hier trieb sich nämlich der Abschaum rum. Sie hielt sich halb hinter Hagrid verborgen und war so unendlich dankbar, dass er hier war. Seine Größe schien bereits die ersten Zauberer, die sie interessiert beäugten abzuschrecken.

Aberforth hob den Blick hinter der Theke. Ihn kannte sie immerhin. Nicht gut. Und er war auch nicht unbedingt jemand, mit dem sie gerne ein Gespräch führen wollte, aber er hatte in der Aurorenschlacht geholfen, also nahm sie an, ihm war auch daran gelegen, dass niemand zu Schaden kam. Generell….

„N'abend, Aberforth", begrüßte ihn Hagrid ruppig. Sein Blick fiel auf sie.

„Guten Abend, Mr Dumbledore", sagte Hermine schließlich auch zu dem Mann, der Dumbledore sehr ähnlich sah. Sie wusste auch bei ihm nicht, wie alt er wohl sein mochte, aber bedeutend jünger als Dumbledore selber. Aber auch das hieß nicht viel, denn wenn sie den alten Aufzeichnungen Glauben schenken konnte, war selbst Dumbledore schon weit über neunzig Jahre alt.

„Sind heute Abend drei Schüler hier her gekommen?", übernahm Hagrid das Gespräch wieder, als Aberforth nicht reagierte, und sie versuchte zu ignorieren, dass es hier bestialisch nach Ziegen stank.

Aberforth Dumbledore reagierte zuerst überhaupt nicht.

Es verging noch ein weiterer Moment, und als sie dachte, er würde nicht mehr reagieren, ruckte er mit dem Kopf nach rechts. Sie folgte seinem Blick. Sie betrachtete die Tür, die in der Wand eingelassen war.

„Sie sind dort drin?", fragte sie verwirrt und sah zu Hagrid auf. Der seufzte.

„Glückspiel", murmelte er bestätigend. Hermine schluckte. Sie hasste Glückspiel. Und Slytherins.

Aberforth wandte sich wieder der Theke zu, die er mit einem schmierigen Lappen sauber wischte. Seine blauen Augen wirkten kurz so prüfend, wie die seines Bruders. „Gehört es mittlerweile zur Tagesordnung, dass ihr die Schule verlassen dürft? Granger, richtig?", vergewisserte er sich, ohne sie anzusehen, und sie war überrascht, dass er sich ihren Namen gemerkt hatte. Beim Kampf gegen Voldemort und seine Todesser war sie nur gering beteiligt gewesen, aber anscheinend wusste er dennoch, wer sie war.

„Ja, richtig. Und… nein, eigentlich dürfen wir das nicht. Ich…"

„Wir holen sie gerade ab", unterbrach Hagrid sie streng. Und mehr wurde nicht gesagt. Aberforth putzte schließlich weiter die schmierigen Gläser mit dem schmierigen Lappen.

Und sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, als Hagrid die Tür öffnete, aber sie war nicht überrascht, über das, was sie sah.

„Draco!", schrie Pansy gerade und versuchte den Arm des Angesprochenen zur Seite zu ziehen. Malfoy hielt den Zauberstab mit Präzision auf einen Mann mit Kapuze gerichtet und sie schienen gerade in einen Streit geplatzt zu sein.

Die Kobolde hier drin verstreuten sich bereits in alle Richtungen und es herrschte unangenehme Spannung, bei Hagrids Anblick. Gegenüber einem Kobold wirkte er wie ein Riese – der er zwar auch war, aber schließlich nur ein Halbriese.

„Sag das noch mal!", schrie Malfoy und sie hörte, wie betrunken er war. Und wo war Zabini? Sie sah sich um, konnte ihn aber nicht entdecken.

„Zauberstäbe runter!", rief Hagrid drohend über das Gemurmel hinweg und stellte sich neben Malfoy. Er fixierte alle Anwesenden, die noch nicht das Zimmer verlassen hatten. Malfoy erkannte sie erst in dieser Sekunde. Aber er sagte nichts, wandte sich ungerührt wieder dem Mann zu.

„Sag es!", wiederholte er mit heiserer Stimme und durchbohrte den Mann mit seinem Blick.

„Wir sind doch Freunde, Mr Malfoy", sagte der Mann mit öliger Stimme. Er hatte die Hände abwehrend gehoben und der Tisch neben ihnen war überhäuft mit goldenen Galleonen. Hermine wusste nicht, wer gewonnen hatte, oder was passiert war.

„Pansy, wo ist Blaise?", rief sie jetzt und sah Pansy wimmern. „Pansy!", wiederholte sie zornig.

„Ich weiß es nicht!", jammerte Pansy und ließ von Dracos Arm ab und sah wohl etwas wie die Rettung in Hermine und Hagrid. Diese hatte kaum Zeit überrascht zu sein, denn der fremde Mann versuchte jetzt nach den Galleonen zu greifen.

„Man sollte wirklich nicht spielen, wenn man zu betrunken ist, die Einsätze zu zahlen", informierte er Malfoy gedehnt, und Hermine begriff. Malfoy hatte verloren. Und Blaise war abgehauen.

„Malfoy, nimm den Zauberstab runter", befahl Hermine schließlich, aber natürlich tat er nichts dergleichen.

„Bitte, Draco, komm endlich!", flehte Pansy, aber Malfoy ließ sich wieder auf den Stuhl sinken.

„Ich bin noch nicht fertig."

„Oh doch, du bist hier fertig", erklärte Hagrid kurzerhand und zog Malfoy am Kragen wieder aus dem Stuhl. Strauchelnd kam Malfoy überrascht zum Stehen und riss sich von Hagrid los.

„Hey!", schrie er zornig auf. Sein Blick flackerte nach oben, dann fixierte er Hermine. Bekannter Zorn trat in sein Gesicht. „Das Schlammblut und der Riese…", entfuhr es ihm lächelnd, aber er lallte schon sehr stark. Hagrids sanfter Schlag auf den Rücken schickte ihn gnadenlos zu Boden.

„Es reicht jetzt", informierte Hagrid die Runde, unterschwelliger Zorn vibrierte verheißungsvoll in seiner mächtigen Stimme. „Mädchen, geh schon mal vor", befahl er Pansy. Pansy ließ es sich nicht zweimal sagen und gehorchte tatsächlich wohl zum aller ersten Mal in ihrem Leben. Sie hatte aber keine Zeit überrascht über diese Wandlung zu sein.

„Spielschulden müssen beglichen werden!", informierte der Kapuzenmann Hagrid mit einer widerlichen Reibeisenstimme, die Hermine Schauer über den Rücken jagte. „Hagrid, davon wirst du wohl ein Lied singen können, oder?", fuhr er schnarrend fort, und Hagrid verzog den Mund, so dass sein Bart zitterte.

„Garrick", knurrte er, als er die Stimme des Mannes wohl erkannt hatte. Das Gesicht war unter der Kapuze nicht auszumachen, aber Hermine interessierte sich gar nicht für das Gesicht des Fremden. Er war ihr ausgesprochen unangenehm.

„Bei Gelegenheit bin ich zur Revanche gegen dich bereit", eröffnete Garrick gegenüber Hagrid mit einem widerlichen Lachen in der Stimme.

„Nein, danke. Und jetzt verschwinde!", informierte ihn Hagrid zornig. Hagrid zornig zu sehen, war nichts, was jemand gerne erleben wollte. Die Kobolde im Zimmer machten sich daran ebenfalls zu fliehen, so wie die übrigen zwielichtigen Gestalten.

Der Zauberer raffte eilig das Gold zusammen. „Schön", erklärte er kalt. „Aber das reicht nicht für die Schulden, die Mr Malfoy bei mir hat. Lucius hätte niemals Schulden offen gelassen", säuselte er jetzt als er den Weg um den Tisch herum machte.

Malfoy rappelte sich endlich vom Boden hoch, aber geistesgegenwärtig packte ihn Hagrid an der Schulter, ehe sich Malfoy auf den Zauberer stürzen konnte. Garrick schritt gelassen an Hagrid und Malfoy vorbei und kam direkt vor ihm zum Stehen.

„Weißt du, du siehst deinem Vater sehr ähnlich", begann er, und Hagrid hatte den massigen Arm um Dracos Oberkörper gelegt und hielt ihn so gefangen. Dracos Augen schossen zornigen Hass. „Vielleicht können wir das nächste Mal über die wahren Gründe sprechen, weshalb Lucius sich umgebracht hat, hm, Mr Malfoy?", flüsterte der Zauberer fast fröhlich, während Draco sich praktisch gegen Hagrids Griff warf.

„Lass mich, du verdammter-", brachte er gegen Hagrid hervor, der ihn unbeeindruckt weiterhielt.

„Und noch etwas: Ich komme wieder für mein Gold, Malfoy." Und Hermine spürte wie sein Blick sie streifte, auch wenn seine Augen von der Kapuze verborgen blieben. Im schwachen Kerzenlicht sah sie, wie sein Mund sich dunkel zu einem Grinsen formte. Ein goldener Zahn funkelte in seinem Mund, dann verschluckte die Dunkelheit sein Gesicht wieder. „Oder ich nehme mir etwas anderes", fuhr er rauer fort, hob seine Hand plötzlich zu ihrem Gesicht, und Hermine wich angewidert zurück.

„Noch ein Wort aus deinem scheiß Mund, und ich bringe dich um!", knurrte Malfoy so laut, dass der Fremde innehielt.

„Gerade hält dich dein Kindermädchen ziemlich fest im Arm. Das würde ich wirklich gerne sehen", erklärte er, ehe er sich mit einem Winken verabschiedete.

Der Raum war wie leer gefegt, aber es verging noch eine Minute, ehe Hagrid Malfoy freiließ. Wahrscheinlich, um sicher zu sein, dass der Mann namens Garrick verschwunden war. Hermine hatte gar nicht gemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte.

Malfoy wandte sich sofort um und schlug Hagrid die Fäuste in den Magen. Oder zumindest in die Magengegend. Hermine zuckte zusammen, aber Hagrid schien es gar nicht zu merken.

„Wir gehen", sagte er nur, als würde Malfoy ihn lediglich tätscheln. Hagrid schritt aus dem Zimmer. Malfoy und Hermine blieben zurück.

Dann traf sie sein Blick. Er sah sie an, als wäre sie erst gerade neben ihm appariert. Sie zuckte zusammen als er einen Schritt auf sie zumachte.

„Ich hatte alles im Griff, du scheiß Miststück!", knurrte er, und ihre Angst schwand bei seinen betrunkenen Worten.

„Ja, das haben wir alle gesehen, Malfoy!", erwiderte sie. Sie machte sich daran, zu gehen, aber er folgte nicht. „Merlin, komm endlich!", fuhr sie ihn an. Aber er lehnte gegen den schiefen Tisch, fuhr sich über die Stirn und bewegte sich nicht. „Malfoy", begann sie wieder, die Mahnung immer in der Stimme.

„Was, Granger?", schrie er außer sich. Sie atmete aus. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Hagrids riesige Gestalt erschien erneut im Türrahmen.

„Du bewegst dich oder ich trage dich", drohte Hagrid ihm jetzt, und Malfoy schien sich zu entscheiden, nicht zu antworten, denn Hagrid war die Wahrmachung dieser Drohung durchaus zuzutrauen, fand Hermine. Und zornig stieß sich Malfoy vom Tisch ab und schritt an Hermine vorbei, ohne sie zu beachten.

Allerdings nahmen die betrunkenen Schritte seinem stolzen Abgang jede Wirkung, und bevor er fallen konnte, fing Hagrid ihn am Arm ab und zerrte ihn in die Höhe. Hagrid kochte stumm vor Zorn. Hermine sah es ihm an.

Draußen stand Pansy zitternd in der Nacht und schien zu warten. Malfoy taumelte neben ihr und zu viert machten sie sich auf den Rückweg.

„Wo ist Blaise?", wollte Hermine schließlich wissen, als sie die klare Nachtluft einatmete.

„Abgehauen", erwiderte Pansy, die Malfoy stützen musste, damit er überhaupt geradeaus ging.

„Weit wird er nicht kommen. Die Tore sind zu", murrte Hagrid, der voranging. „Was habt ihr euch dabei gedacht?", knurrte er schließlich. „Das sind gefährliche Gestalten dort! Mit Garrick spielt man nicht um Gold!", fuhr er zorniger fort. „So dumm bin nicht mal mehr ich!", schloss er böse.

„Wir… wir wussten nicht-", stotterte Pansy, aber Hagrid schüttelte den zotteligen Kopf.

„-ihr könnt froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist!", unterbrach Hagrid Pansys Wimmern. „Schüler schleichen sich für Glücksspiel in den Eberkopf! Unfassbar!", knurrte er. Sie erreichten nach einer Endlosigkeit das Tor.

„Hagrid!", flüsterte Hermine plötzlich, denn eine Gestalt lag zusammen gesunken in den Büschen. Hagrid atmete aus und packte die Gestalt am Umhang. Blaise Zabini schlief seelenruhig, anscheinend vollkommen betrunken, eine leere Glasflasche liebevoll im Arm.

„Ist das der Dritte?", wollte Hagrid kopfschüttelnd wissen, und Pansy nickte.

„Ja", sagte Hermine resignierend.

„Jemand soll ihn schweben lassen. Ich bringe euch nicht hoch. Hermine, schaffst du es von hier?", wollte Hagrid wissen, nach dem er stumm das Tor geöffnet hatte. Pansy beschwor den Schwebezauber für Blaise, und Malfoy stand wankend allein auf den Beinen.

Hermine zog den Zauberstab.

„Lass mich schweben und ich brech dir das Genick, Granger", lallte Malfoy dunkel, und Hagrid seufzte auf.

„Wir reden morgen über die Konsequenzen, Hermine", versprach Hagrid leiser. Hermine schenkte ihm einen dankbaren Blick. Sie schienen Glück zu haben, denn McGonagall war nirgendwo zu sehen. Und Hagrid schien wohl auch nicht erpicht, jetzt mit irgendjemandem darüber zu sprechen.

„Danke, Hagrid", flüsterte sie, während Hagrid kopfschüttelnd und murmelnd in Richtung seiner Hütte verschwand.

Sie kochte innerlich. Sie mussten seltsam genug aussehen mit dem schwebenden Blaise voran in der Luft. Die Schlosspforten öffneten sich quietschend und sie schlüpften alle unbemerkt ins dunkle Schloss. Ohne ein weiteres Wort verschwand Pansy in Richtung der Keller, mit Blaise im Schlepptau. Hermine ging weiter und merkte, dass sich Malfoy nicht bewegte.

Wieso war es nur so unglaublich schwer?

Sie hielt lediglich inne. Sie wandte sich nicht um, aber er machte kein Geräusch. Sie schluckte all ihre bösen Worte runter und drehte sich zu ihm um.

Er war an den Eingangstüren hinab gesunken und starrte auf den Boden. Das Mondlicht ließ seine hellen Haare fast silbern aussehen. Sie kam unwillig näher, denn er konnte einfach nicht da sitzen bleiben! Er konnte ihr das nicht schon wieder antun! Es war noch nicht einmal Freitag, verdammt noch mal!

„Malfoy!", flüsterte verzweifelt und kam näher. Irgendwann würde irgendein Geist hier lang geschwebt kommen. Mit Pech wäre es Peeves und er würde Snape wecken gehen!

„Verpiss dich endlich", knurrte er. Sie ging vor ihm die Hocke.

„Ist dir überhaupt klar, dass ich dich heute vor deinem sicheren Rausschmiss bewahrt habe, du undankbarer scheiß Idiot!", erwiderte sie und diesmal kamen die Tränen, ohne dass sie etwas tun könnte. Er sah sie ernst an. Sie schniefte zornig, wischte sich die Tränen von der Wange und er blieb unbeeindruckt. Natürlich!

„Du hast mir doch das Passwort praktisch geschenkt, Granger", sagte er tonlos. „Also hör auf, mir die Schuld zu geben."

„Du bist…" Sie schwieg kopfschüttelnd. „Meinetwegen bleib hier sitzen und lass dich erwischen!", fuhr sie ihn an und erhob sich wieder. „Mehr kann ich nicht für dich tun!"

Sie sah auf ihn hinab. Wieder fixierte er den Boden als hätte er sie gar nicht gehört. Er fuhr sich abwesend mit den Fingern durch seine Haare, kämmte sie über seinen Kopf, und er wirkte so verloren vor ihr auf dem Boden.

„Er hat sich nicht umgebracht", flüsterte er plötzlich. „Er hätte sich nie umgebracht…", wiederholte er so leise wie das Rascheln von Laub in der Ferne, aber sie verstand ihn. Leider.

„Malfoy", flüsterte sie wieder eindringlicher, denn irgendwo hörte sie ein Geräusch im Schloss. Sie wusste nicht, wann die nächste Nachtwache das Schloss patrouillieren würde. Aber sie würden hier nicht mehr lange unbemerkt sein können. „Bitte, steh auf!", flüsterte sie. „Bitte", wiederholte sie fast flehend. „Ich bitte dich inständig, bitte!", wisperte sie. Sie lehnte sich hinab, griff nach seinen Händen und zog daran. Er hob hastig den Blick, als hätte er vergessen, dass sie da wäre.

„Weiß du, was ich meine?", lallte er, und sie war sich sicher, er hielt sie für jemand anderen. Denn der Hass war gänzlich aus seinem Blick verschwunden. „Er hätte nie…" Sie zog heftiger an seinen Händen, und endlich bewegte er sich, ließ sich von ihr auf die Füße ziehen.

„Komm", zischte sie, denn sie hörte ein Schnurren. Laut genug, dass sie wusste, dass Mrs Norris nur noch eine Kurve entfernt sein konnte! Sie legte seinen Arm um ihre Schulter und zog ihn mit sich, eilig zu den Treppen, die runter zum Slytheringemeinschaftsraum führten.

Nebenbei zog sie den Zauberstab, richtete ihn auf den entfernten Gang, in dem sie die verdammte Katze mit den roten Augen vermutete und flüsterte den Spruch. „Sorexus!" Der Strahl ihres Zauberstabs traf den Flur, und eine kleine Spitzmaus erschien aus dem Nichts und huschte fiepend über den kalten Stein. Hermine konnte nicht viel Mitleid mit der Maus haben, denn sie würde Mrs Norris davon abhalten, Filch zu holen, und der würde dann nicht Snape alarmieren.

Sie hielt Malfoy fest, was bei seiner Größe nicht unproblematisch war. Er sagte nichts mehr, bis sie ihn neben das Portrait des Blutigen Baron lehnen musste. Er starrte immer noch blind nach vorne, ohne etwas zu sehen.

„Toujours pur", sagte sie widerwillig das Passwort, und der Baron schwang mit leuchtenden Augen zur Seite. Hermine fand ihn mehr als gruselig und nicht gerade ungefährlich, so wie er aussah mit dem vernarbten Gesicht, aber er sprach nie mit ihr, strafte sie immer nur mit Desinteresse an ihrer Gestalt. Irgendwann würde sie mit ihm noch ein Wörtchen reden, was seine Respektlosigkeit anging.

„Malfoy!", wiederholte sie gereizt. Der Gemeinschaftsraum lag in tiefstem Dunkel. Alle schliefen Merlin sei Dank schon. Ein Blick auf die Standuhr der Slytherins sagte ihr, dass es bereits weit nach ein Uhr morgens war. Sie würde wieder einmal sterben morgen vor Müdigkeit. Mondlicht fiel in seltsamen grünen Schatten durch das Oberlicht des Sees.

Es roch nach Leder, wie immer. Nicht mehr nach Alkohol.

Das Portrait schloss sich hinter ihm, nachdem er endlich hinein getaumelt war.

„Hast du mich verstanden?", fragte er jetzt wieder in normaler Lautstärke.

Ja, hatte sie, aber sie zog es vor, nicht auf seine Worte einzugehen.

„Geh ins Bett, Malfoy", beharrte sie unnachgiebig.

„Er hat sich nicht umgebracht!", wiederholte Malfoy die absurden Worte erneut. Sie konnte darauf nicht eingehen. Er sprach nach einer durchzechten Nacht. In keinem seiner Worte lag noch irgendeine Wahrheit, das wusste sie gut genug.

„Komm", sagte sie immer wieder nur, denn sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte.

„Begreifst du nicht?!", schrie er plötzlich, so dass sie zusammenzuckte.

„Malfoy, es ändert überhaupt nichts!", rang sie sich ein paar Worte ab. Er starrte sie an, als hätte sie ihn geschlagen.

„Es ändert alles!", fuhr er sie an. „Es ändert verfluchte Scheiße noch mal verflucht alles, Granger!", brachte er heiser über Lippen, vergrub sein Gesicht in seinen Händen, lehnte sich an die Rückenlehne der Ledercouch und sein Atem ging laut. Sie seufzte laut auf.

„Malfoy, sieh mich an!", befahl sie tonlos. Sie stellte sich vor ihn, nahm die Hände von seinem Gesicht, denn er musste jetzt schlafen gehen. Sie musste jetzt schlafen gehen. Sie mussten diese furchtbare Nacht beenden. Seine grauen Augen schimmerten hell. „Lucius ist tot. Du kannst nichts daran ändern. Er wird nicht wiederkommen. Er kann nicht-"

„-er hat sich nicht umgebracht!", wiederholte er und sah sie an. Dann blinzelte er, schien sie wieder einmal zu erkennen und entzog ihr mit einem Ruck seine Hände. „Ich brauche keine Belehrungen von einem Schlammblut", ergänzte er schließlich. Sie war fast dankbar über die Erkenntnis, die in seinen Blick getreten war. Sie konnte besser mit ihm umgehen, wenn er unausstehlich war, als wenn er so verzweifelt wirkte.

„Du musst aufhören, dich selber zu zerstören, Malfoy", sagte sie schließlich. „Ich will dir nicht mehr helfen", schloss sie fast mit Resignation.

„Niemand hat dich gebeten", gab er nur zurück.

„Nein?", fragte sie kühl, denn es war wie jedes andere Gespräch.

„Nein!", erwiderte er tatsächlich nahezu klar, aber seine Augen verrieten seinen Alkoholpegel deutlich.

„Du bettelst doch geradezu darum, Malfoy. Du bettelst darum, dass ich dir helfe. Wieder einmal." Er lachte auf.

„Du suchst es dir aus, Granger. Nicht ich!" Er fluchte unterdrückt und fuhr sich wieder über die Stirn. „Wie wäre es, wenn du dich verpissen würdest?", schlug er jetzt unbeeindruckt vor und zog seinen Zauberstab von irgendwoher. Merlin sei Dank, dass er ihn nicht längst verloren hatte. Eigentlich…. Schade drum! „Accio Alkohol!", rief er dunkel, und die Bodenplatte flog auf, ehe eine neue Flasche Whiskey in Richtung seiner ausgestreckte Hand flog, aber sie fing sie zornig ab.

„Granger, was zur-!"

„-nein!", schrie sie praktisch, schüttelte wild den Kopf, und warf sie augenblicklich in den fast ausgebrannten Kamin. Das Glas zersprang klirrend auf dem Rost und kurz leuchtete die Glut noch einmal auf, als der hochprozentige Alkohol im Feuer verbrannte. Malfoy starrte sie geschockt an.

„Du dämliche Schlampe!", entfuhr es ihm aufgebracht.

„Genug!", brachte sie gepresst hervor. „Es ist… genug, Draco", schloss sie zitternd.

Sein Blick traf sie hart. „Mein Name ist verflucht noch mal zu edel, um über deine scheiß Schlammblutlippen zu kommen, Granger!" Sie konnte nicht fassen, dass er das gerade gesagt hatte. Sie zwang sich, zu antworten.

„Du kannst morgen wieder ein scheiß Todesser sein! Geh jetzt endlich ins Bett", brachte sie schwach hervor, und ihr Blick fiel. Sie konnte ihn nicht mehr ertragen.

„Wieso bringst du mich nicht in mein scheiß verdammtes Bett, das tust du doch sonst immer, Granger?", wollte er heiser von ihr wissen, als sie sich abgewandt hatte. Er umfasste hart ihr Handgelenk. „Das ist es doch, was du von mir willst, oder?"

Sie starrte ihn an, versuchte sich loszureißen, aber er zog sie mit sich in Richtung Treppen. „Du willst doch, dass ich so betrunken bin, dass ich vergesse, mich zu übergeben, wenn ich dich anfasse!", schrie er praktisch.

„Malfoy!", zischte sie, denn bald würde irgendjemand aufwachen! Er zerrte an seiner Krawatte, bis sie sich lockerte und er sie mit einer Hand vom Hals zerren konnte.

„Etwas anderes willst du doch gar nicht!", raunte er, brachte sie plötzlich nahe an sich und Hermine stieg der beißende Geruch von Whiskey in die Nase. Es war abstoßend.

„Malf-!"

Und diesmal ging er zu weit. Im engen Flur des Treppenhauses presste er sie gegen die Wand, lehnte sich gegen sie und seine Nase stieß gegen ihre, ehe seine Lippen ihren Mund fanden. Ungeschickt und vollkommen unerwartet.

Sie hatte die Augen weit aufgerissen vor Schreck. Er atmete hart durch die Nase aus, und sie schob ihn von sich. Es war nicht wirklich ein Kuss, denn er bewegte sich nicht über ihr. Seine Lippen lagen einfach nur auf ihren. Hart und voller Gewalt. Sie spürte, wie seine Hand zwischen ihre Körper griff und er seine Hose öffnete.

Panik! Jetzt war es an der Zeit!

Schon hatte er die Knöpfe geöffnet, den Reißverschluss runter gezogen, und sie spürte es. Oh Gott! Nein! Seine Hose rutschte seine Beine hinab und sein Unterkörper war nackt. Er hatte sich gegen sie gelehnt, hielt sie mit seinem Körper gegen die Wand gefangen und zerrte schließlich an ihrem Rock. Sie bekam den Kopf endlich frei, und er atmete abgehackt und heiß über ihr.

„Malfoy!", schrie sie außer sich.

Oder… sie wollte das.

Panik hatte ihre Stimme brüchig werden lassen, und sie hatte schreien wollen, aber sie erreichte keine Lautstärke mehr. Es war… nur noch ein Wispern. Es kam keine Luft in ihre Lungen. „Nein!", keuchte sie fast tonlos. „Hilfe!", schrie sie, aber es war nur ein Keuchen. Ihr Rock rutschte ihre Beine hinab, und sie weinte, während sie auf ihn einschlug. Er griff in ihre Bluse, riss sie einfach auf, und sie weinte heftiger.

„Lass mich los, du Schwein!", brüllte sie so laut sie konnte, aber sie hatte keine Stimme. Sie war so voller Panik, dass sie kaum Zimmerlautstärke erreichte. Sie weinte heiße Tränen, konnte nicht fassen, was passierte, und endlich musste er ein Stück von ihr ablassen, denn er wollte an ihr Höschen! Oh Gott! Mit alle Kraft stieß sie die Hände vor seine Brust und er stolperte zurück, fiel über die erste Treppenstufe und landete auf seinem Hintern.

Sie atmete panisch und unregelmäßig, stand vor ihm, während er abwesend den Kopf schüttelte. Tränen rannen ihre Wangen hinab und nur verschwommen erkannte sie seinen nackten, steifen Penis, als er auf der Stufe saß.

Es verging ein zäher, schmerzhafter, endloser Moment.

„Granger", sagte er plötzlich rau. Sie blinzelte die Tränen fort und wich völlig steif vor Angst an die Wand zurück, als er aufstand und sich hastig die Hose über die Hüften zog. Er sah an ihr hinab, echter Horror in seinem Blick, der Nebel des Alkohols ein wenig durchbrochen. Nicht genug, als dass sie ihm unterstellen würde, zu begreifen, was er getan hatte! Fahrig bückte sie sich nach ihrem Rock, zerrte ihn ihre Beine nach oben und starrte ihn an. Ihre Hände zitterten, und ihr Herzschlag ging schmerzhaft schnell.

Er war so kalkweiß wie das Mondlicht.

„Du… fasst mich nie wieder an! Nie wieder, Malfoy!", brachte sie zitternd, fast stumm über die trockenen Lippen. Er wirkte so geschockt, so vollkommen ungläubig und sein Mund hatte sich geöffnet.

„Geh zu Snape", sagte er plötzlich heiser, fuhr sich zornig durch die Haare und schlug neben ihr die Faust gegen die Wand. Sie zuckte vor Angst zusammen. „Worauf… worauf wartest du, verdammt noch mal?", fuhr er sie plötzlich rau an, starrte sie an, wartete auf ihre Reaktion, aber sie war starr vor Angst. „Willst du warten, bis ich völlig den Verstand verliere? Geh jetzt zu Snape, sag ihm alles und lass mich von der Schule werfen!", knurrte er, die Augen seltsam glasig.

Ihr Atem beruhigte sich langsam. Immer wieder wanderten seine Augen über ihr Gesicht, und langsam war sie sich sicher, Tränen in seinem wilden Blick erkennen zu können.

„Verdammt, hörst du mir zu, du dummes Miststück?", fuhr er sie jetzt verzweifelt an, rammte die Faust noch einmal neben sie gegen die Wand, und schloss die Augen, als sie zusammen zuckte.

„Malfoy-", begann sie tonlos, aber er schüttelte den Kopf und öffnete die Augen wieder. Eine Träne rann seine Wange hinab. Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Nein", unterbrach er sie heiser und schüttelte wieder den Kopf. „Nein, sieh mich nicht so an! Sieh mich nicht so an, als hättest du auch noch verdammtes Mitleid, du dämliche Schlampe!", flüsterte er, während er sie mit seinem Blick folterte. Sie konnte nicht sprechen.

„Lauf weg von mir und hol Hilfe! Fang an zu rennen, Granger! Du… du willst nicht hier bleiben!", versprach er ihr rau, noch eine Träne rann seine Wange hinab. Wieder schlug er neben ihr in die Wand. Wieder zuckte sie zusammen. Und er tat es noch mal, und noch einmal, bis sie seine Hand mit ihren beiden Händen abfing.

Kalt hatten sich ihre Finger um sein Handgelenk geschlossen, und sein Blick ruhte atemlos auf ihrem Gesicht.

„Wieso läufst du nicht endlich weg, du scheiß Schlammblut?" Seine Stimme war nur ein Hauch. „Willst du das?", fuhr er sie plötzlich an und stieß sie hart zurück gegen die Wand. Sie keuchte auf vor Schreck, als ihr die Luft wegblieb. „Willst du das?", rief er heiser, während er sie noch einmal schubste, ehe er sein Gesicht in seinen Händen vergrub und über ihr mit dem Kopf gegen die Wand sank. Er lehnte gegen sie, die Hände immer noch vor seinem Gesicht, während er weinte, den Kopf über ihr an die Wand gelehnt.

Er war so nah. Ihr Rücken schmerzte von seinen Stößen, ihr Körper tat weh von seiner Gewalt. Und sie konnte nicht mehr. Sie konnte es nicht mit ansehen. Langsam hoben sich ihre Arme, umfingen seine breites Kreuz, und sie hörte ihn scharf einatmen. Sie hielt ihn, ehe er ausatmete und gegen ihre Schulter sank.

Es musste ein absurdes Bild sein. Sie standen im Treppenhaus zu den Schlafsälen, sie umarmte Draco Malfoy, dessen Kopf schluchzend auf ihre Schulter gesunken war.

„Schon gut", murmelte sie unwichtige Worte, während ihre Hand unbeholfen über seinen Rücken strich. „Es ist… ok." Sie dachte an Harry und Ron, bei denen sie genau wusste, wie sie sie zu umarmen hatte. Bei Malfoy hatte sie keinen Schimmer. Er ließ sich nicht so anfassen wie Harry oder Ron. Da war nichts Vertrautes. Da war nichts Freundliches. Alles war immer nur kalt und böse und schmerzhaft. Ihr Herz ging schnell in ihrer Brust. Und gar nichts war ok.

Sie hielt ihn so, bis sich sein Atem beruhigte. Sie wollte ihn hassen. Hassen für heute, als er sie in der Bibliothek bedrängt hatte. Ihn hassen, dafür, dass sie sich verantwortlich gefühlt hatte, heute Nacht nach Hogsmeade zu gehen, um ihn zurückzuholen. Sie wollte ihn hassen, dafür, dass er sie gerade hatte vergewaltigen wollen! Dafür, dass er sich nicht entschuldigte, sondern sie auch noch beleidigte!

Aber jetzt stand sie hier und tröstete ihn auch noch! Sie gab es auf. Sie gab auf, zu begreifen, warum es so war, wie es war. So scheiße. So völlig selbstzerstörerisch. So… absolut Malfoy!

Hilflos waren seine Arme an seine Seiten gesunken. Aber er wich nicht vor ihr zurück, weinte an ihrer Schulter stumme Tränen, und es hätte eine Minute oder eine Stunden vergangen sein können. Sie wusste es nicht zu sagen.

Dann spürte sie, wie er sich aufrichtete. Sein Blick war tränenverhangenen, als er in ihr Gesicht hinabblickte. Sie wusste plötzlich, der Bastard würde sich morgen wieder an nichts erinnern können. Es regte sie so sehr auf! Und sie sollte gehen. Das war es, was sie tun sollte. Sie sollte rennen. Er hatte völlig Recht.

„Warum bist du immer noch hier?", fragte er sie plötzlich rau, sprach ihre Gedanken praktisch aus. Ihr Mund öffnete sich. Sie hatte keine Ahnung, warum. Ihre Arme fielen von seinem Körper ab. Sie antwortete nicht. Sie hatte keine Antworten mehr für ihn. Keine! „Bringst du… mich ins Bett?", flüsterte er, und Müdigkeit zeichnete sein Gesicht. Sie wollte nicht. Nicht schon wieder. „Bitte", ergänzte er leise. Das Wort nagte an ihr. Es war zu viel.

Sie seufzte. Sie stieß sich von der Wand ab und verzog schmerzerfüllt das Gesicht. Sie bemerkte seinen Blick. „Bist… bist du…?" Er beendete die Frage nicht. Scheinbar konnte er nicht. Sein Blick war so wund, so offen. So völlig anders. Sie atmete fast genervt aus.

„Ich bin ok", antwortet sie also wahrheitswidrig. Was sollte sie sagen? Nein, Malfoy! Ich bin verdammt noch mal nicht ok?! Du wolltest mich vergewaltigen und ich tröste dich auch noch! Ich lasse es dir durchgehen, als… als… wäre es… - Gott – es gab nicht mal ein Wort dafür! Sie schüttelte zornig den Kopf, als sie die erste Stufe erklomm.

Er folgte ihr nicht, und sie wandte sich zu ihm um. Verloren stand er am Fuße der Treppe. Sie war müde. So unglaublich müde. Sie streckte ihm langsam ihre Hand entgegen. Ihre Finger zitterten im Mondlicht. Sein Blick fiel auf ihre bleiche Hand.

Und fast resignierend ergriff er ihre Finger, ließ sich von ihr weiterziehen, hielt ihre Hand fest in seiner, und sie hasste, dass sie so genau wusste, wo sein Schlafsaal war, so genau wusste, wo sein scheiß Bett stand. Sie zog ihn ins Zimmer. Die Jungen hier schnarchten. Blaise lag falsch herum, angezogen und nicht zugedeckt in seinem Bett. Pansy schien bei weitem nicht so viel Geduld mit betrunkenen Jungen zu haben, stellte Hermine dumpf fest, während sie Draco vor seinem Bett ablieferte.

„Bleibst du?", lallte er sanft, und sie glaubte fast, er hatte bereits alles wieder vergessen.

„Malfoy", flüsterte sie kopfschüttelnd, die Warnung in der Stimme, aber auch die Tränen drohten wiederzukommen. Er hatte es einfach vergessen….

„Ich kann nicht schlafen alleine", murmelte er, während er sich aus seinen Sachen schälte, sie achtlos neben sein Bett warf und wieder ihre Hand ergriff.

„Das schaffst du sonst auch ganz wunderbar", murmelte sie genervt, aber heute war ihre Fassade mehr als nur schwach. Crabbe schnarchte leise, und Hermine erkannte einen Lärmschutzzauber um Goyles Kopf. Er schimmerte silbern. Hermine schüttelte nur den Kopf, aber er zog sie mit sich, während er sich in sein Bett legte. Sie saß auf der Bettkante, und er verschränkte seine Finger fasziniert mit ihren eigenen. Seine Finger waren lang, länger als ihre, und wesentlich wärmer. Sie erinnerte sich, dass er das nun schon einige Male betrunken getan hatte. Und jedes Mal hatte sie ihn gewähren lassen, wie widerlich sie es auch fand. Erschöpft war ihr Verstand abgedriftet, während sie die seltsame Verbindung ihrer Hände betrachtete.

Völlig steif saß sie auf seiner Bettkante. Sie war verrückt. Sie musste verrückt sein. Es gab keine andere Erklärung.

Dann hob sich sein verklärter Blick. Sie merkte, wie er seine hellen Augen auf sie richtete. „Liebst du mich, Granger?", fragte er rau, echtes Interesse auf den markanten Zügen. Ihr Herz machte einen dumpfen Satz. Etwas fiel in ihren Magen. Ein Gefühl, bodenlos und schlecht. Sie sah es ihm an. Seine Augen wirkten nicht mehr besorgt oder müde oder… irgendetwas. Sie war wieder einmal allein. Er würde sich an nichts erinnern. Auch nicht an diese Frage. Bei Merlin, er würde sich in fünf Minuten nicht mal mehr an seinen Namen erinnern, nahm sie bitter an. Er ließ sie immer mit all diesen Erinnerungen allein. Sie verdrängte die scheiß Tränen. Freudlos zuckten ihre Mundwinkel nach einer kurzen Weile.

„Sicher, Malfoy", entfuhr es ihr kalt und fast lächelte er, so, als hätte er es schon immer geahnt. „Ich liebe es, wie du mich beleidigst und ausnutzt, wie du mich vergewaltigen willst und mir wehtust, wie du mir jeden Tag auf dieser Welt versaust, bis ich endlich gehen kann. Ich könnte es nicht besserer treffen und mein Herz könnte niemand besseren finden, als ein verfluchtes Todesser-Arschloch wie dich", schloss sie flüsternd, tränenerstickt, und alle Neugierde verschwand aus seinem Gesicht, jeder Ansatz eines Lächelns, auch wenn sie ihre Ironie nicht so treffend hatte vermitteln können, wie sie es dringend wollte.

Aber Erkenntnis erschien nicht auf seinen Zügen. Sie wollte ihm endlich ihre Hand entziehen und aufstehen. Noch schliefen alle übrigen Junge hier, aber er hielt sie fest, setzte sich im Bett auf und sah sie voller Ernst an.

„Wir… wir könnten etwas sein", sagte er, mit betrunkener Überzeugung. „Verstehst du, Granger?", ergänzte er sicher, und sie schüttelte ungläubig den Kopf. Nein! Gott, er war so… - er war so-! Er machte sie… - ahrg!

Wir könnten gar nichts sein, Malfoy", erklärte sie ihm säuerlich. „Du könntest nie jemand anderes sein als du selbst! Und ich… ich könnte auch nie jemand anderes sein. Also wärst du ein schlechter Mensch und ich…" Sie beendete den Satz nicht mehr. Wozu sollte sie?

„Aber ich-"

„-schlaf endlich und lass mich in Frieden", flüsterte sie zähneknirschend.

„Ich will nicht schlafen!", entfuhr es ihm leise, fast panisch. „Wenn ich schlafe, dann… träume ich", flüsterte er tonlos, noch immer ihre Hand in seiner, als wäre Träumen eine trostlose Aussicht.

„Pech für dich", sagte sie zornig und wollte aufstehen.

„Bleib!", sagte er heftig und zog an ihrer Hand, bis sie zu ihm auf die Bettdecke fiel. „Nur noch… einen Moment", bat er lallend. „Bei mir…", flüsterte er, aber sie richtete sich hastig wieder auf, ehe sein Gesicht das ihre berühren konnte, und hatte ihm ihre Hand entzogen. Sie wich von seinem Bett zurück, als wäre es giftig.

Unglücklich sah er zu ihr auf, scheinbar unfähig, selber aufzustehen. Ihr Herz ging schnell in ihrer Brust. Und sie wusste, günstigerweise würde er sich morgen an nichts mehr hiervon erinnern. Sie schluckte die vielen Tränen runter und verschwand zur Tür.

„Granger", flüsterte er verzweifelt, und widerwillig hielt sie inne. Sie wandte den Kopf zurück in seine Richtung. Und sie wusste nicht, wie viele Nächte sie es noch aushalten würde.

Sie wusste es nicht. Sie sagte nichts mehr, wandte sich ab, und schloss die Tür leise hinter sich. Sie hörte ihn nicht mehr.

Eilig lief sie die Treppe hinab, durch den dunklen Gemeinschaftsraum zum Portraitloch.

Sie öffnete es lautlos ein Stück weit, aber sie erkannte in der Ferne zwei glühend rote Augen näher kommen und hastig schloss sie das Portrait wieder.

Die verflixte Katze war da!

Sie atmete entnervt aus. Sie war unglaublich müde. So unglaublich am Ende ihrer Kräfte.

Ihr Blick fiel widerwillig auf die Couch. Sie würde es eine Nacht aushalten. Sie hielt die Qualen mittlerweile schon so viele Nächte aus.

Mit dem Zauberstab ließ sie das Feuer wieder etwas aufbrennen. Ihr zorniges Unterbewusstsein fragte sie gerade, warum sie ihren verdammten Zauberstab nicht vor fünfzehn Minuten benutzt hatte, als Malfoy sie gegen eine scheiß Wand hatte vergewaltigen wollen?!

Sie hatte keine Antwort parat. Es schauderte sie immer noch. Sie hatte Angst, ihr war kalt und sie wollte nur noch weinen. Sie sank auf die kühle Ledercouch, rollte sich zusammen und starrte ins wärmende Feuer.

Er hätte es gemacht, sie war sich sicher. Hätte sie ihn nicht aufgehalten. Und das machte es umso schlimmer. Und sie würde nicht zu Snape gehen. Sie schloss die Augen. Aber immer wieder kam seine Gestalt in ihr Bewusstsein.

Sie fand nur allmählich Schlaf, nachdem sie ein Mauzen vor der Tür wahrgenommen hatte und ein leises Kratzen am Rahmen des Portraits. Blöde Katze….

Sie träumte zum ersten Mal von Draco Malfoy. Und hatte wirklich Angst.