Kapitel 8
Blaises Zauberstab machte einen Höllenlärm als sein magischer Alarm losging. Und der Alarm dauerte eine Weile an, bis jemand reagierte. Draco lag steif in seinem Bett, während er zusah, wie Gregory fluchend aus dem Bett stolperte, sich den Fuß am Bettpfosten stieß und Blaises Zauberstab schüttelte, bis der grausame Ton verebbte.
„Oh verfluchte Scheiße!", stöhnte Blaise neben ihm. Auch Crabbe regte sich langsam.
Schon flog die Tür zu seinem Schlafsaal auf.
„Malfoy, Malfoy!", rief der kleine Fudge als ging es um Leben und Tod. „Komm schnell!"
Das war ein Ding der Unmöglichkeit, entschied Draco, nachdem sich einfach alles in seinem Schädel drehte. Es war stockfinstere Nacht, und dieser Knirps wirkte, als wäre er vor Stunden schon die Eulen füttern gegangen. Draco stöhnte heiser und schickte einen Fluch in Richtung Larry Fudge. Aber der kleine Fudge reagierte gar nicht auf ihn.
„Die Schulsprecherin liegt auf unserer Couch!", entfuhr es ihm ehrfürchtig. Draco blinzelte ein paarmal der Decke entgegen. Die…- was?!
Er setzte sich nach zwei Versuchen im Bett gerade auf. Was zur…?!
„Die Schulsprecherin?", wiederholte er krächzend, denn er konnte diesem Namen gerade kein Gesicht zuordnen. Auf der Couch…? Seufzend erhob er sich. Stehen… war gar nicht gut…. Er stolperte hinter Larry Fudge her, der aufgeregt die Treppe hinab stürmte. Er hatte sich ein Quidditch Shirt von seinem Stuhl gegriffen, was er über seinen nackten Oberkörper zog. Nur in Shorts wollte er auf keinen Fall nach unten gehen. Nebenbei bemerkte Draco, dass alle Erstklässler wohl kleine Frühaufsteher waren. Einige standen nägelkauend und überfordert vor der Couch im Gemeinschaftsraum. Draco schritt barfuß um die Couch und starrte verblüfft hinab auf die Schulsprecherin, die tatsächlich auf der Couch eingeschlafen war.
War sie noch hier gewesen?! Er konnte es sich beim besten Willen nicht erklären. Er ging lautlos vor ihr in die Hocke. Sein Körper protestierte bei der Anspannung seiner Muskeln höllisch. Er verzog den Mund.
„Granger?", flüsterte er mit rauer Stimme, die er gar nicht erkannte. Seine Stimmbänder schienen komplett ausgeleiert. Das Feuer brannte schwach im Kamin. Die morgendliche Müdigkeit hing noch schwer im Gemeinschaftsraum, während alle Erstklässler um ihn zusammen rückten und gespannt warteten. Draco hob den Finger und stupste sie an der Schulter an. Vielleicht war sie tot…?
Aber nein. So viel Glück hatte er wahrscheinlich nicht, überlegte er dumpf, als sie plötzlich die braunen Augen aufschlug. Sie blinzelte verstört, starrte ihn dann an und schüttelte plötzlich voller Panik den Kopf.
„Nein!", keuchte sie und saß kerzengerade auf der Couch und wich praktisch vor ihm zurück. Er runzelte die Stirn, während sie heftig atmete und langsam an Fokus gewann. Sie erkannte die anderen Erstklässler. Was zur Hölle tat sie hier? Und wie viel hatte er gestern eigentlich getrunken?! Er würde Zabini umbringen, so viel stand fest!
„Miss Hermine, ist alles in Ordnung?", fragte ein kleines Mädchen, das sich auf seiner Schulter abgestützt hatte. Er war zu müde, das Kind zu maßregeln.
„Ich…?" Sie sah ihn letztendlich fragend an.
„Sieh mich nicht so an", knarzte seine Stimme. „Keine Ahnung, was du auf der Couch tust", stellte er klar. „Ich…-" Er schwieg verblüfft, als er bemerkte, dass ihre Bluse zerrissen von ihr hing.
Ihre Blicke trafen sich in derselben Sekunde, und er hatte das Gefühl, dass er wusste, warum sie so aussah. Dass er… es wissen sollte. Aber er wusste es nur für den kurzen Bruchteil einer Sekunde. Dann war es wieder fort. Sein Kopf schmerzte höllisch. Er runzelte unwillig die Stirn. Er erinnerte sich dunkel. Sie war hier gewesen, letzte Nacht.
War das ein verfluchter Traum gewesen? Oder konnte es sein, dass er gestern ab irgendeinem verdammten Punkt seine Hosen vor Granger runtergelassen hatte?! Ihn befiel eine kalte Ungewissheit. Wahrscheinlich ein furchtbarer Albtraum. Sie sah ihn ausdruckslos an. Es musste ein Traum gewesen sein, aber wie widerlich war er geworden, dass er so eine Scheiße träumte?
Hogsmeade, fiel ihm plötzlich wieder ein. Er war da gewesen. Granger war da gewesen… - und… der Riese war da gewesen. Als ihr wohl klar wurde, dass er erst mal nichts sagen würde, räusperte sie sich.
„Mrs Norris war… draußen vor dem Portrait und ich…" Die Erstklässler starrten sie wohl ähnlich entgeistert an, wie er es tat. Wenn auch aus anderen Gründen. „Ich muss los!", entschied sie sich schließlich würdevoll zu sagen. Als sie sich schwankend erhob rutschte ihr Rock ein Stück und sie raffte ihn hastig am Bund zusammen, dass er nicht ihre Beine hinabfallen konnten. Wieso sah sie vollkommen zerfetzt aus, fragte er sich unwillkürlich? Sie legte doch sonst so viel Wert auf Ordnung?!
Einige Mädchen kicherten und er richtete sich wieder auf. Ihre Wangen waren irgendwann in den letzten Sekunden rot geworden. Er musterte sie fast ratlos.
Er erinnerte sich, dass sie seine Flasche Whiskey in den Kamin geworfen hatte! Miststück!
Ihn befiel die stumme Erkenntnis, dass er passagenweise Blackouts hatte, von denen er sicher war, dass sie diese Phasen füllen konnte. Sein Mund war sehr trocken, und er wollte duschen. Dringend.
Bevor er noch weitere komplizierte Gedanken denken konnte, hatte sie hastig das Portrait geöffnet und war verschwunden.
„Hat Miss Hermine Angst vor Katzen?", fragte die Erstklässlerin ihn verstört, und Draco nickte abwesend.
Irgendetwas nagte in seinem Innern. Irgendetwas war nicht gut.
Wie gerädert saß sie am Tisch der Gryffindors, während Eulen über ihre Köpfe sausten, die Schüler plapperten und lachten, während Lavender und Parvati die Köpfe zusammen gesteckt hatten.
„Hermine, noch Tee?", fragte Harry sie ein wenig beunruhigt, aber Hermine ruckte mit dem Kopf, bettete ihn auf ihre gefalteten Arme und schloss die Augen.
„Harry, weck mich, wenn wir losmüssen, und lass mich weiterschlafen, wenn wir da sind." Heute war sie überhaupt nicht motiviert für Unterricht, egal welcher Art.
„Äh, Hermine, wir… haben Kräuterkunde, das weißt du, oder?", sagte Harry entsprechend verwirrt. Oh nein. Sie musste stehen. Stehen mit den Slytherins. Verflucht.
Sie hatte blaue Flecken am Rücken, da, wo Malfoy sie gegen die Wand gestoßen hatte.
Sie hatte gedacht, ihr Albtraum wäre nahtlos weitergegangen, als sie sein Gesicht heute Morgen gesehen hatte. Und sie war sich sicher, er hatte keine Ahnung mehr! Oder er tat so, oder was auch immer! Und sie war so unglaublich blöd! Blöd!
„Hmpf", machte sie nur und schloss die Augen zur Antwort auf Harrys Frage.
Es vergingen Sekunden, so kam es ihr vor.
„Wir müssen wirklich los", hörte sie aus der Ferne eine Stimme.
„Was ist mit ihr?" Eine weitere bekannte Stimme.
Jemand fasste sie an.
Sie sah ihn vor sich, wie seine Hose seine Beine hinab fiel. Fast sprang sie auf.
„Nein!", schrie sie praktisch, und Ron starrte sie mit großen Augen an.
„Hermine, alles…? Was ist los?", wollte er verstört wissen. „Du zitterst ja!", stellte er besorgt fest. „Wirst du krank?", fuhr er ernster fort, aber eilig schüttelte sie den Kopf. Sie musste einfach nur schlafen. Und duschen. Ja, das wäre gut.
Sie schaffte es, ohne Probleme aufzustehen.
„Ich habe gehört, du hast nicht in deinem Bett geschlafen", bemerkte Ginny stiller, als sie Hermine wohl begrüßte und in den Arm nahm. Hermine war sich sicher, sie hatte Ginny schon gesehen. Könnte aber auch nur ein Traum gewesen sein.
„Wer sagt das?", flüsterte Hermine zurück. Hermine nickte in Richtung Parvati und Lavender. Hermine atmete aus. Großartig. „Erzähl es keinem", zischte sie eilig, und Ginny nickte nur.
„Ok, aber ich erwarte eine Erklärung später", flüsterte sie zwinkernd zurück, ließ von Hermine ab, und diese spürte wieder, wie ihre Wangen rot wurden. Merlin, Ginny dachte bestimmt sonst etwas!
„Alles ok?", fragte Harry jetzt ebenfalls besorgt. „Du siehst wirklich müde aus."
„Alles ok. Ich… mir geht es wirklich gut. Konnte nur nicht gut schlafen, letzte Nacht", wich sie seinem besorgten Blick aus. „Lasst uns gehen. Die frische Luft tut bestimmt gut", log sie, denn sie würde einfach einschlafen, in dem viel zu heißen Gewächshaus.
Es war eine reine Genugtuung zu sehen, wie Blaise und Pansy kaum gerade laufen konnten. Missmutig standen sie vor den Gewächshäusern. Malfoy kam zeitgleich mit Professor Sprout, die einen wilden grünen Hut auf den zauseligen Haaren trug.
Sofort mied Hermine seinen Blick. Ihr Herz pochte wieder viel zu laut.
„Professor, können wir Stühle haben?", rief Pansy kläglich über die Köpfe hinweg, als sie vor einem dem langen Beete im Gewächshaus standen. Und zufällig stand sie Malfoy gegenüber. Aber… es war bestimmt kein Zufall, nahm sie bitter an. Bei ihm gab es keine scheiß Zufälle. Sie konzentrierte sich trotzig auf die Knollen vor sich, die eventuell pink leuchten sollten, wenn man sie richtig eingrub, richtig goss und düngte.
Es würde eine lange Doppelstunde werden. Neben ihr arbeitete Neville, dann Harry, dann Ron. Sie wollte bewusst neben Neville stehen, denn der wusste, was er tat. Seitdem er wusste, was er in Kräuterkunde tat, war er auch besser in Zaubertränke geworden. Er hatte nämlich eine Portion Mut durch sein Ohnegleichen in Kräuterkunde bekommen.
Sie bemerkte Malfoys Blick nur zu deutlich, ignorierte ihn aber hartnäckig. Hinter ihr schlich Pansy wie eine Schlaftrunkene durch das Gewächshaus, holte sich zweimal Handschuhe, schlief beinahe neben dem Düngerschrank ein und gähnte so laut, dass sie einige andere Schüler bereits angesteckt hatte.
„Ich hole jetzt den Dünger", bemerkte Hermine weniger vielversprechend in Richtung Neville, denn sie glaubte, sie hatte die Knolle nicht sechsunddreißig Mal nach links gedreht. Dieser nickte nur, eifrig auf seine eigenen Kreationen bedacht, die sogar freudig in der kühlen Erde wippten.
Und es wunderte sie nur mäßig, dass er neben ihr am Düngerschrank stand. Sie hatte seinen Blick die gesamte Zeit schon auf sich gespürt. Und es war ihr so unangenehm vorgekommen, wie grelles Scheinwerferlicht in stockfinsterer Nacht.
„Wir müssen reden", informierte sie seine schlecht gelaunte Stimme, gedämpft hinter ihr. Sie schauderte vor ihm. Er war zu nahe. Es war zu früh, dass er darüber sprechen wollte. Es gefiel ihr nicht, denn sie hatte noch nicht genügend Zeit, zum Verdrängen oder zum Vergessen gehabt. Ihr Kopf hatte sich noch nicht überlegen können, wie sie mit ihrer Angst vor Draco Malfoy umging. Ihre Hände zitterten, als sie den Sack mit Dünger öffnete, um ihren Blumentopf zu füllen.
Sie schüttelte nur stumm den Kopf und hoffte, es reichte, um ihn wegzuschicken, aber er stellte sich nun neben sie, um sie anzusehen.
„Hast du mich gehört?", knurrte er gepresst. Es kostete sie viel Überwindung, den Blick unbeteiligt zu heben. Sein Blick war erbarmungslos, und sie hasste es, wenn er sich so aufspielte.
„Ja", sagte sie schließlich leise, voller Zorn. „Ich habe dich gehört! Aber du hörst mir nie zu!", ergänzte sie wütend, mit gesenkter Stimme. Sie wollte nicht reden! Begriff er das nicht?! Sie hatten gestern genug geredet! Es war genug! Sie wandte sich ab, den Blumentopf fest in der Hand.
„Granger!"
„Was willst du von mir?", flüsterte sie aufgebracht, während sie noch einmal inehielt.
„Ich weiß nicht, was ich getan habe", knurrte er gereizt, ein wenig überfordert, aber sie hob abwehrend die Hand. Oh nein! Sie würde darauf nicht eingehen.
„Natürlich nicht!" unterbrach sie ihn mit einem freudlosen Lachen, so leise, dass er den Kopf sogar in ihre Richtung neigen musste. „Wie günstig, dass du immer betrunken bist, wenn du ein noch größeres Arschloch bist als sonst!", sagte sie verletzt, und seine Mundwinkel zuckten zornig. „Lass es gut sein, es reicht mir!"
„Ich will es wissen, also sag es mir verflucht noch mal!", erwiderte er gepresst und eindringlicher als vorher.
„Ernsthaft? Du willst mir erzählen, du weißt nichts mehr, Malfoy? Du-"
„-Granger, red verdammt noch mal leiser!", fuhr er sie an. Mit einem lauten Ruck stellte sie den Blumentopf zurück in die Erde und funkelte ihn böse an.
„Wieso sollte ich? Du hast angefangen! Und wieso sollte ich dir irgendwelche Gefallen tun?", zischte sie. „Nur weil du jetzt gerade Lust hast, darüber zu reden? Ich habe nämlich-"
Und er griff nach ihrem Arm und zog sie einfach mit sich, aus der hinteren Tür des Gewächshauses zwischen die anderen Gewächshäuser nach draußen, bevor noch mehr Schüler wohl Interesse an ihrem Gespräch bezeugen konnten. Und er zog sie weiter, bis sie bestimmt zwanzig Meter von der Tür entfernt waren. Es roch nach Moos, nach seltsamen Gewächsen und Kräutern. Die Gänge zwischen den Gewächshäusern waren eng und die Scheiben so stark beschmiert, dass man nichts durch sie erkennen konnte. Sie riss sich von ihm los, denn seine Nähe verursachte Beklemmungen in ihrem Innern. Zornig verschränkte sie die Arme vor der Brust. Sie war so müde, dass die Kälte des Morgens in ihre Glieder kroch. Sie zitterte unwillkürlich.
„Was willst du von mir, Malfoy?", rief sie gereizt aus. Und er fixierte sie ernster. Es war selten, dass sie mit ihm sprach, wenn er nüchtern war. Oder zumindest nüchtern genug, dass er sich noch an die Dinge erinnerte, die er tat, dachte sie böse.
„Was ich will? Glaub mir, ich will verflucht noch mal überhaupt nichts von dir, ok?", fuhr er sie zornig an, und sie runzelte die Stirn.
„Malfoy, du hast mich hier raus gezerrt!", erwiderte sie langsam, denn sie hatte nicht reden wollen! Das wollte er allein!
Aber sie nahm an, sie wusste, was das Arschloch wollte. Sie sah es seinem scheiß Gesicht doch an! Er hatte Angst. Lord Malfoy hatte verdammte Angst. Angst, dass er dieses Mal vielleicht doch zu weit gegangen war. Fast wollte sie freudlos auflachen. Er hatte Angst, dass sie etwas gegen ihn in der Hand hatte.
„Ich war zu betrunken, um überhaupt meinen eigenen Namen zu wissen!", entfuhr es ihm scharf, fast wie eine Rechtfertigung, und ungläubig schüttelte sie den Kopf. Aber sie sah es ihm an. Er war nicht so ahnungslos wie er tat. Er würde sonst niemals solche Längen gehen. Er würde niemals vor den Gryffindors – vor Harry und Ron – den Aufwand betreiben und sie tatsächlich mitten im Unterricht nach draußen schleifen, wenn er nicht wüsste, dass tatsächlich etwas passiert war, was ganz und gar nicht ok gewesen war!
„Du machst es dir verdammt einfach, und ich habe keine Lust mehr!", informierte sie ihn kalt und wollte an ihm vorbei. Sie hatte keine Lust. Sie wollte nicht darüber reden. Sie wollte einfach nicht!
„Sag es mir, verdammt noch mal!", fuhr er sie an, als sie ihm den Rücken zugewandt hatte. Zornig hatte sie die Hände zu Fäusten geballt und wandte sich um. Ihre Augen hatten sich verengt, als sie wieder auf ihn zukam.
Er wollte es so?
Gut!
Sie zog die Bluse kurzerhand aus ihrem Rocksaum, ein Stück ihren Bauch nach oben. Sein Blick senkte sich widerwillig, aber er schien es auch nicht verhindern zu können. Sie sah, er erkannte die blauen Hämatome, die seine Hände ihr verpasst hatten. Seine Stirn runzelte sich, ehe sein Mund sich öffnete. Ihr Herz schlug wieder schnell. Und sie hasste es, dass in seinem Blick eine blanke Ahnungslosigkeit geschrieben stand.
„Was soll das?", fragte er tatsächlich, nahezu teilnahmslos. Sie starrte ihn an.
„Hast du dich nicht für eine Sekunde gewundert, warum meine Uniform heute Morgen zerrissen war, du Arschloch?", kam es ihr zitternd über die Lippen. Sie ließ die Bluse wieder über ihren Bauch fallen. Zornig hatten sich ihre Augen verengt.
„Und was genau willst du wissen, Malfoy? Wie Hagrid deinen verfluchten Arsch in Hosgmeade gerettet hat? Wie er uns eingeschleust hat, ohne das McGonagall uns noch am selben Abend von der Schule wirft?" Sie sah zu, wie sein Gehirn die Informationen zu verarbeiten schien, denn sein Gesicht war ausdruckslos auf ihren Unterleib geheftet, auch nachdem sie die Bluse wieder fallen gelassen hatte.
„Oder wie ich dich in deinen scheiß Gemeinschaftsraum gebracht habe, weil du wieder einmal zu betrunken gewesen bist, um irgendetwas tun zu können? Oder vielleicht, wie du mich gegen die scheiß Wand gepresst hast?" Ihre Stimme überschlug sich praktisch vor Zorn. „Wie du deine verdammte Hose vor mir runter gelassen hast!" Sein Blick hatte sich übergangslos zu ihrem Gesicht gehoben, und er unterbrach sie nicht, obwohl sie wünschte, dass er es täte! „Wie du… wie du…!" Die Luft zum Atmen war ihr sehr knapp geworden, und sie schluckte schwer.
Er sah sie an. „Du lügst!", war alles, was er sagte. Er schüttelte bloß den Kopf. „Du bist ein widerliches Schlammblut, was widerliche Lügen erzählt!", ergänzte er fast tonlos. Aber Hermine war in Fahrt. Entrüstet hatte sie den Mund geöffnet.
„Oder willst du wissen, wie du geweint hast? Willst du das wissen? Danach? Nachdem du…" Sie schluckte wieder, kurz davor, wieder zu weinen.
„Halt deine Klappe!", schrie er jetzt außer sich.
„Wie du an meiner Schulter geweint hast, nachdem du meinen Rock runter gerissen hast?!", unterbrach sie ihn zornig, und er schüttelte fassungslos den Kopf.
„Nein", sagte er nur erbarmungslos und vollkommen von seiner Unschuld überzeugt, als könne er damit alles ungeschehen machen.
„Als du meine Hand gehalten hast? Mich gebeten hast, zu bleiben, du verdammtes Arschloch? Als du mich gefragt hast, ob ich dich liebe?", schrie sie außer Atem, und er starrte sie an.
Sein Atem ging schnell, als eine jähe Erkenntnis plötzlich in seinen Blick getreten war. Sie wusste, er versuchte es mit aller Macht zu verbergen, aber sie wusste, er erinnerte sich. An irgendwas hatte er sich gerade erinnert. Ihr Kopf schmerzte. Ihre Augen schmerzten. Und sie wollte nicht mehr reden müssen. Sie wollte nichts mehr erklären. Sie wollte nicht diejenige sein, die alles wusste. Sie musste die Augen schließen. Sie war müde, ihr war schlecht. Sie hasste ihn so sehr.
Es war still zwischen ihnen geworden. Dann hörte sie, wie er zornig ausatmete.
„Du lügst", wiederholte er kopfschüttelnd. Sie öffnete die Augen, hatte bereits wieder den Mund geöffnet, aber er sprach plötzlich weiter. „Wenn es stimmen sollte, wieso sagst du es nicht Snape oder McGonagall oder Potter, Weasley, Dumbledore – irgendwem?", knurrte er plötzlich und sie öffnete die Augen. „Wieso sagst du es mir?!", fuhr er sie an.
Sie starrte ihn jetzt an. Dann schüttelte sie den Kopf. Er wollte es nicht wahrhaben? Er wollte sie als Lügnerin darstellen?! Wirklich?!
„Du denkst dir so eine Scheiße aus, für was? Für meine Aufmerksamkeit, Granger?", wollte er hysterisch wissen, aber sie konnte ihn nur anstarren. „Hör auf zu weinen!", schrie er sie plötzlich an. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Tränen ihre Wange hinab rannen. „Hör auf zu weinen, verflucht!", wiederholte er beinahe außer sich. Angsterfüllt sah sie zu ihm auf. Er schloss die Augen, genauso erschöpft wie sie sich fühlte. „Scheiße!", brachte er über die Lippen. „Fuck, verflucht!" Sie glaubte schon, er würde wieder irgendwelche Wände schlagen.
Ihr Herz schlug schnell. Es war alles sehr schnell furchtbar geworden. Denn sie wusste, er wusste es. Er musste es wissen! Wie er sie ansah! Er würde sich nicht entschuldigen, er würde nichts zugeben. Sie wusste es plötzlich. Sie hatte alles gesagt. Und er wollte es nicht hören.
Sein Blick wurde kälter, als er sie betrachtete. Es war, als hätte er etwas begriffen.
„Wie wichtig ist dir dein verdammtes Abzeichen eigentlich?", knurrte er jetzt gedehnt. Es war wie ein kompletter Themenwechsel. Ihr Atem gefror, als sie zu ihm aufsah und er den Kopf plötzlich senkte.
„Ich glaube dir nicht, Granger", sagte er ruhig, „aber wahrscheinlich könnte ich auch Potter umbringen und du würdest Entschuldigungen erfinden, dafür, dass niemand auf die Idee kommen könnte, den scheiß Schulsprechern ihr verdammtes Abzeichen zu nehmen?" Er war merklich ruhiger geworden. Sie starrte ihn an. Was?! War das sein Geständnis? Dass er es wusste? Oder… war er jetzt wahnsinnig geworden?
„Verpiss dich, Malfoy!", entfuhr es ihr tonlos, ohne jedes Gefühl.
Und nein. Sie würde keine Entschuldigung von ihm hören.
Niemals. Das hatte sie begriffen. Er war böse. Er war so weit entfernt davon, gut zu sein, wie ein Mensch es nur sein konnte. Und selbst wenn er sagte, er glaube ihr nicht, so würde er dennoch alles Mögliche tun, nur um zu sehen, ob sie ihn wieder und wieder gewähren lassen würde! Aber das würde sie nicht! Gestern war das Ende gewesen.
Er lächelte plötzlich. An seinen Mundwinkeln zerrte ein kaltes, widerliches Grinsen.
„Hermine?"
Harrys Stimme zerriss die Stimmung wie ein elektrischer Schlag. Sie zuckte zusammen und fuhr sich hastig über die Augen, um die Tränen zu verstecken.
Malfoys Blick hob sich irritiert, eine Spur gereizter. Harry kam langsam auf sie zu. Er hatte das Gewächshaus auch durch die Hintertür verlassen. Seine Schritte waren gelassen, aber es lag etwas anderes in seinem Blick. Und sie wollte nichts erklären. Sie wollte nicht reden, wollte keine Ausreden erfinden. Malfoy brachte es fertig, absolut gelassen auszusehen. „Bist du hier fertig?", fragte Harry sie, ohne wissen zu wollen, was sie hier tat. Mit Malfoy.
Eine Vorsicht lag in Harrys Stimme. Sie hatte etwas Grenzwertiges an sich, diese Vorsicht, mit der er sprach. Hermine konnte sich fast nicht denken, dass sie Harry nicht noch Rede und Antwort würde stehen müssen. Sie schluckte schwer. Und sie konnte nicht sagen, wie dankbar sie war, dass Harry aufgetaucht war. Denn sie war nicht gegangen. Sie war immer noch hier.
Sie war nicht mal in der Lage gewesen, zu verschwinden.
Sie nickte. „Ja", flüsterte sie fast. Sie wollte es nicht zugeben. Aber… sie hatte tatsächlich Angst vor Malfoy. Sie hatte, was sie seit Monaten nicht mehr hatte. Was sie verloren geglaubt hatte. Sie hatte echte Angst.
Sie war fertig mit ihm.
Sollte Malfoy sich selber retten. Denn er hatte es geschafft. Und nein – ihr Abzeichen bedeutete ihr nicht alles. Er hatte unrecht. Harrys Blick ruhte kurz auf Malfoy. Dieser schien abzuwägen, etwas zu erwidern, aber er schwieg, sah sie nicht mehr an, und Hermine spürte es. Zwischen ihnen dreien war etwas Unangenehmes entstanden.
Hermine betete, dass Harry es nicht hinterfragen würde. Dass sie es würden totschweigen können. Denn sie wollte keine Fragen über Malfoy beantworten. Sie wollte nicht erklären, wie es immer wieder dazu kommen konnte, dass sie alleine für Malfoy verantwortlich war.
Nicht einmal das!
Sie war es nicht mal. Sie fühlte sich nur verantwortlich. Und das war wesentlich schlimmer.
Es verging eine endlose Minute. Es war so unangenehm wie nichts sonst. Wie ein Hippogreif im Zimmer, wie Krallen auf einer rostigen Tafel.
Aber bevor es offensichtlich wurde – die Situation, das unangenehme Schweigen, das Gefühl von einer Erheblichkeit, die über Schulsprecherangelegenheiten hinausging – war es vorbei.
Harry wandte sich mit einem Blick auf sie ab, und sie folgte ihm. Eilig, hastig, als hätte sie das Licht am Ende des Tunnels endlich gesehen.
Sie hatte nur Angst, dass es sich bei diesem Licht vielleicht nicht um Tageslicht, sondern nur um einen weiteren Zug handeln könnte, der sie überrollte, anstatt sie zu retten.
Sie sah nicht mehr zurück.
Bilder und Worte formten sich in seinem Kopf. Er… er würde niemals ein Schlammblut anrühren! Niemals!
Er hatte genug andere Sorgen als das. Erschöpft lehnte er sich gegen eine der schmutzigen Scheiben des Gewächshauses. Sie hatte ihn ins Bett gebracht. Daran erinnerte er sich. Aber vorher? Er hasste sich. Aber er hasste sie noch viel mehr!
Und er wusste, was es war. Was an ihm nagte. Was es alles so verflucht unerträglich machte! Das Schlammblut hatte Angst. Sie hatte eine scheiß Angst vor ihm! Zwar wusste er, dass er nichts dringender brauchte, als dass das Schlammblut von Gryffindor endlich ihren Mut verlor – aber das war nicht gut. Und er wusste nicht mal, warum es ihn störte. Warum es ihn verdammt noch mal störte, dass die Schlampe plötzlich Angst vor ihm hatte.
Aber… es störte ihn.
Er wusste, er verlor die einzige Konstante. Das einzige, worauf er sich mit Sicherheit hatte verlassen können. Denn… wenn er sich auf Granger nicht mehr verlassen konnte, musste er zusehen, wie er nicht von der Schule flog.
Nicht, dass es ihn wirklich interessierte. Aber… –
Es bereitete ihm alles Übelkeit!
Wenn all ihre bösen Worte stimmten… - wenn es alles wahr war…?
Wieso… wieso hatte sie es Potter nicht gesagt? Das war doch ihre Freikarte gewesen. Ihre Chance.
Granger wollte nicht frei sein, nahm er an.
Und ihm war etwas weitaus wichtigeres eingefallen. Ein Name.
Sein Name.
Garrick. Elias Garrick war ein Name, der ihm geläufig war. Er kannte diesen Namen! Er wusste nur nicht, woher er ihn kannte. Er erinnerte sich, beim Spiel gestern gedacht zu haben, dass er den Mann von irgendwoher kannte. Er würde es herausfinden.
Er brauchte nur… das Passwort für die Tore.
Er musste noch einmal raus. Er… musste nach Hause.
Und war es nicht einfach zum Kotzen? War es nicht grauenhaft, dass er es sich selber eingestehen musste?
Er brauchte das scheiß Schlammblut dafür.
Denn niemand würde ihm das verdammte Passwort geben. Niemand traute ihm das Passwort zu. Und er wollte nicht seinen Finger drauf legen, aber er nahm an, dass er bei Granger zurzeit denkbar schlechte Karten hatte.
Aber er brauchte sie nur als Mittel zum Zweck.
Jetzt, wo sie Angst vor ihm hatte, war es vielleicht sogar leichter ihr zu drohen, überlegte er dumpf. Das Gefühl nagte wieder an ihm. Das Gefühl, was er nicht zuordnen konnte.
Und das Miststück tat ihm nicht mal leid.
Sie war selber schuld.
Draco hatte dunkles Terrain betreten. Böses Terrain.
Aber jetzt, wo er schon mal hier war, konnte er es ebenso gut ausnutzen.
Was hatte er zu verlieren, was er nicht längst schon verloren hatte?
Die Antwort war so einfach wie sie bitter war:
Absolut gar nichts mehr. Er hatte nichts mehr.
