Kapitel 11

„Könntest du mir erklären, warum du die ganze Zeit zum Portraitloch starrst, Draco? Erwartest du irgendetwas Bestimmtes?", wollte Pansy missmutig wissen, während sie ein Glas Wein trank. Dracos Stirn hatte sich gerunzelt.

Die Stimmung heute war nicht gut. Die Party kam überhaupt nicht in Schwung.

„Anstatt mich zu befragen, Pansy, könntest du einfach mal anfangen hier etwas Stimmung zu machen", knurrte er gereizt. Pansys Augen weiteten sich beleidigt.

„Ich? Seit wann bin ich diejenige, die Stimmung machen muss, Draco?", fuhr sie ihn an. „Wenn du nicht so verdammt deprimiert gucken würdest, vielleicht wäre es dann kein vergeudeter Freitag!", beschwerte sie sich und ignorierte ihn. Er lehnte sich auf der Couch vor und goss sich sein Kristallglas mit Scotch voll.

Er hatte nur… keinen Durst. Auf Scotch. Oder… überhaupt auf Alkohol. Er stand ihm langem bis zum Hals. Wortwörtlich.

„Malfoy?" Blaise stand am Fenster, wedelte mit einer rotweißen Schachtel und bedeutete ihm, herzukommen. Draco erhob sich gelangweilt.

„Was ist das?", wollte er desinteressiert wissen, während Blaise die dünne Papierschachtel öffnete.

„Zigaretten", erklärte er achselzuckend. „Macht süchtig", erläuterte er zwinkernd. Draco hob eine Augenbraue, als Blaise ein schmales buntes Rechteck aus der Hosentasche zog. „Und… Muggel-Feuer in einer kleinen Box!", rief er aus. Draco verdrehte die Augen. Er hatte sich angewöhnt, das zu tun, stellte er fest.

„Und wie funktioniert es?", willigte er nach einem weiteren Schluck Scotch ein. Blaise schüttelte einen schmalen Stab aus der Schachtel.

„Den Filter in den Mund. Es ist wie eine Koboldzigarre, nur… ohne den Effekt und… schmaler", schloss er achselzuckend. Er drückte einen Knopf an dem kleinen Stück Plastik, und eine Flamme schoss in die Höhe, dass Draco kurz zusammenzuckte.

„Magie?", wollte er ungläubig wissen, während er vorsichtig den gelben Filter zwischen die Lippen nahm. Blaise schüttelte den Kopf.

„Elektrisch", erwiderte er verschwörerisch. Draco hob eine Augenbraue, während Blaise die Zigarette vorne anzündete. „Ziehen!", befahl Blaise, als Draco nicht reagierte, und hastig zog er am Filter, ehe er husten musste, als der Rauch seine Kehle traf.

„Ekelhaft", bemerkte er hustend, und Blaise öffnete eilig das Fenster, nachdem Pansy sich lauthals beschwerte. Draco zuckte zusammen, als ein kleiner Schatten vom Fensterrahmen flatterte. „Fledermaus", flüsterte er verwirrt. Woher kamen diese verdammten Fledermäuse plötzlich?! Und was taten sie so weit unter der Erde?! Blaise stellte sich neben ihn und zog ebenfalls an seiner Zigarette.

Draco tat es ihm gleich. „Was steht auf der Schachtel?", wollte er wissen, als Blaise sie zwischen sie beide auf das Fensterbrett gelegt hatte.

Die Aussicht war magisch verändert. Sie überblickten eine unterirdische Landschaft, denn über ihnen lag der See. Es gab einen Luftschacht nach oben. Durch den war wohl die Fledermaus nach unten gekommen und hatte sie verirrt, nahm Draco an. Die Aussicht wechselte immer mal wieder. Heute war es das innere eines Bergstollens, was vor ihnen lag, Feuerfunken stoben in weiter Ferne empor. Gestern war es eine Unterwasserlandschaft gewesen, erinnerte er sich, mit bunten Korallen.

„Mabo…", las Blaise langsam, schüttelte aber den Kopf. „Marl-Bo-Ro", wiederholte er langsam.

„Das soll ein Name sein?", vermutete Draco, während er angewidert noch einen Zug nahm. „Woher hast du die?", fuhr er fort.

„Meine Quellen sind vielzählig und geheim", erwiderte Blaise verschwörerisch. Draco schüttelte den Kopf über ihn. Draco nahm die kleine Feuerbox in die Hand. Das war ziemlich faszinierend, dachte er, während er auf den flachen Kippschalter drückte, und wieder eine Flamme in die Höhe schoss, die verschwand, wenn er den Kippschalter losließ.

„Es stinkt!", beschwerte sich Pansy lauthals von der Couch. Draco pustete den Rauch aus dem Fenster und ignorierte Pansy.

„Und?", erkundigte sich Blaise bei ihm. „Heute die Brigade des Ministeriums gesehen?" Draco nickte nur. „Was die wohl wollen?"

Draco hatte sich an das Gefühl der Zigarette zwischen seinen Fingern bereits gewöhnt. Auch an den Geschmack konnte man sich gewöhnen. Es benebelte seinen Kopf ein wenig, aber nicht besonders viel.

„Vielleicht wollen sie Dumbledore endlich in den Ruhestand schicken. Das wäre eine gute Idee", bemerkte er, während er die künstlichen Feuerfunken in der Ferne betrachtete.

„Nein, dann wäre Snape ja Nachfolger. Oder McGonagall. Das willst du nicht", ergänzte Blaise lächelnd. Draco sah ihm zu, wie er den Rauch ausblies. Kleine Ringe aus Rauch verließen Blaises Lippen.

„Verdammt seltsame Magie", sagte Draco, und er versuchte, es nachzuahmen.

„Draco!" Pansy hatte sich zwischen sie gedrängt. „Du lebst nicht nur zur Unterhaltung von Zabini", erklärte sie gereizt.

„Nein, er lebt alleine zu deiner Unterhaltung, Parkinson?", vermutete Blaise spöttisch und Pansy fixierte ihn zornig.

„Weißt du, Zabini, ich kann dich nicht leiden!", erklärte sie überheblich. Blaise nickte und tat so, als müsse er darüber nachdenken. Er tauschte kurz einen Blick mit Draco, dann schnippte er die brennende Zigarette achtlos nach draußen.

„Wie wäre es, wenn du mir folgen würdest. Ich habe eine Kleinigkeit in meinem Schlafsaal, die dich interessieren könnte", eröffnete er Pansy jetzt. Pansys Augen verengten sich noch mehr.

„Ach ja? Und was soll das bitteschön sein? Ich schlafe ganz bestimmt nicht mit irgendwelchen kleinkriminellen Losern, die es fast noch geschafft hätten, uns von der Schule werfen zu lassen!", fuhr sie ihn an. Blaise lächelte tatsächlich.

„Ohne Risiko gibt es keinen Spaß, Parkinson. Nein, ich möchte auch nicht mit dir schlafen. Aber ich besitze einen netten Trank, den ich dir zeigen will", erklärte er versöhnlicher. Pansy hatte die Arme vor der üppigen Brust verschränkt und verzog den Mund.

„Und wieso sollte mich so etwas interessieren?"

Draco versteckte sein Lächeln. Er war sich ziemlich sicher, dass Blaise Sex mit Pansy haben würde. Es war ihm ziemlich egal. Er hatte schon die bösen Blicke von Dana Wades – und dem Rest seines Teams – bemerkt, aber er hatte wirklich keine Lust, sich anhören zu müssen, dass sie immer nur gegen Gryffindor verloren. Das wusste er selber.

„Folge mir einfach. Wenn ich mich irre, kannst du gerne wieder gehen", schloss Blaise, und zwinkerte Draco noch zu. Er hatte die Zigarettenschachtel liegen gelassen, und nachdem Draco seine ebenfalls weggeschnippt hatte, zündete er sich voller Interesse die nächste an.

„Hey", sagte Goyle als er neben ihn trat.

„Hey", erwiderte Draco, ohne ihn anzusehen. Er war immer noch sauer auf Goyle. Er trank ausdruckslos seinen Scotch und wollte niemanden sehen.

„Tut… tut mir leid mit dem Spiel heute", rückte Goyle irgendwann mit der Sprache raus. Draco warf ihm einen knappen Blick zu. War das sein ernst?!

„Es ist nicht unbedingt so, dass wir mit dir bessere Chancen gehabt hätten, also ist es mir ziemlich egal", informierte er Goyle kalt.

„Klar. Schon klar", erwiderte Goyle hastig, während er nickte und die kleine Feuerbox in die Hand nahm. Draco starrte verbissen auf das magische Bild vor ihm. Wahrscheinlich lag in Wahrheit nur dunkle Erde vor dem Fenster. „Draco-", fuhr er langsam fort, aber Draco verzog den Mund.

„-was?", schnappte er unfreundlich.

„Ich… ich war nicht da, beim Auswahlspiel, weil-"

„Gregory, es ist zu spät, ok? Es ist mir auch egal. Das sagte ich doch bereits!", knurrte er kopfschüttelnd, während er den Rauch tiefer inhalierte. Wow, das war ein seltsames Gefühl. Er blinzelte einige Male. Muggel-Magie….

„Mein Vater wurde verhaftet. Mutter hat es mir an diesem Tag geschrieben", sagte Goyle leise neben ihm. „Darf ich?", fragte er und deutete auf die Schachtel zwischen ihnen. Draco blickte immer noch starr nach vorne, nickte aber nach einer Ewigkeit.

Er hatte nicht gewusst, dass noch immer Leute verhaftet wurden, wenn er ehrlich war.

Goyle stellte sich nicht dumm an, und hatte die Zigarette schneller am Brennen als Draco es geschafft hatte.

„Er… hatte die Finger in krummen Geschäften. Und sie haben ihn erwischt", schloss er bitter. Draco atmete aus. Was sollte er dazu sagen? Es interessierte ihn kaum.

„Was für Geschäfte?", fragte er also. Goyles Eltern waren reich. Es war unnötig, Geschäfte abzuschließen, die Haftstrafen bringen würden. Draco verstand es nicht. Goyle zuckte bitter die Achseln.

„Idiotische Geschäfte. Irgendwelche Wichser, die die Tradition wieder hatten aufleben lassen wollen", bemerkte Goyle still und voller Zorn. Draco sah ihn an.

„Was meinst du damit?", fragte er tatsächlich. Goyle hob unglücklich den Blick.

„Was denkst du, was ich meine, Draco?", erwiderte Goyle tatsächlich mit eindeutig erhobenen Augenbrauen. „Schwarzmagischer Blödsinn, Voldemort-Quatsch! Muggel-Handel!", entfuhr es ihm zornig. Draco starrte ihn an.

„Ist das dein Ernst?", erwiderte er mit gerunzelter Stirn, und Goyle ruckte mit dem Kopf.

„Sicher. Was denkst du? Dass es einfach aufgehört hat nachdem-" Goyle hatte sich unterbrochen. Draco begriff. Nachdem Lucius gestorben war.

Wenn er ehrlich war, hatte er das angenommen, ja. In seiner Familie gab es nun kein… Todesser-Problem mehr, wenn man es so nennen wollte und ihn außer Acht ließ.

„Ja. Mein Vater ist Arschloch. Und den Kuss hat er verdient", schloss Goyle schließlich abwesend, während er zornig den Rauch aus dem Fenster blies.

„Den… Kuss? Er bekommt den Kuss?", entfuhr es Draco, tatsächlich schockiert. Goyle nickte emotionslos.

„Nächste Woche", schloss er grimmig. Draco starrte ihn an. Dann fiel sein Blick wieder aus dem Fenster. Sie schwiegen nebeneinander. Und unwillkürlich fragte sich Draco, ob Lucius auch noch solche Geschäfte machen würde. Ob er… auch noch… - aber er schüttelte sachte den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen.

Der Gedanke war absurd. Und selbst wenn! Wenn sein Vater noch solche Dinge tun würde, würde Draco ihn bestimmt nicht dafür verurteilen. Lucius hatte doch recht gehabt! Er hatte immer recht gehabt!

Er schluckte schwer. Hastig leerte er das Glas.

„Und noch etwas", sagte Goyle jetzt, ohne ihn anzusehen. Draco schenkte ihm wieder seine Aufmerksamkeit. Er hatte ihn fast vergessen. „Kingston weiß es", ergänzte er leiser, damit ihn keiner hörte. Dracos Stirn runzelte sich verständnislos, nachdem er seine Zigarette aus dem Fenster geschnippt hatte, und sein Glas am Tisch füllen ging.

Als er wieder kam schüttelte er eine weitere Zigarette aus der Schachtel.

„Kingston weiß was?", wollte er schließlich wissen. Er kannte Kingston. Er war nervtötend. Jetzt sah Goyle ihn fast schmerzhaft eindeutig an.

„Die Sache mit… Hermine Granger", erwiderte Goyle, fast vorsichtig, mit einem neugierigen Blick. Dracos Kiefer lockerte sich unerwartet. Was?! Er starrte Goyle an.

„Was… was soll das heißen?", fragte er tatsächlich und suchte in seinem Kopf nach irgendeiner Information, die Goyle dazu veranlasste, leise über dieses Thema zu sprechen, als wäre es ein unaussprechliches Geheimnis. „Welche Sache?" Fast angewidert kam das Wort über Dracos Lippen. Und Goyle atmete aus. Er atmete aus! Als wäre es verdammt offensichtlich! Draco spürte wieder Zorn in seinem Innern.

„Es gibt keine Sache, Goyle", knurrte Draco. Das weiß du genauso wie ich!", fuhr er ihn an. „Merlin, was erlaubt sich dieses kleine Arschloch?" Draco suchte bereits den Gemeinschaftsraum nach dem Mistkerl ab.

„Die Vergewaltigung", entfuhr es Goyle tonlos und Draco verstummte abrupt. Was?! „Er… er hat es gesehen", schloss Goyle unentschlossen, wieder ohne Draco anzusehen. Draco starrte ihn vollkommen schockiert an. „Ich hab gehört, wie… wie er mit seinen Freunden gesprochen hat. Wie… wie er dich am besten dran kriegt dafür", flüsterte Goyle. „Ich… wollte es dir schon eher sagen, aber…" Er schwieg. Dracos Mund öffnete sich – und schloss sich wieder.

„Es ist… völlig unwichtig. Ich… war betrunken!", brachte er zornig über die Lippen, denn er wusste nicht, was er sonst dazu sagen sollte! „Und… sie wird es abstreiten", ergänzte er überzeugt. Das hatte sie ja bisher auch getan. Er spürte Goyles Blick. Er war unangenehm und irgendwie unerwartet überrascht. Und ehe Draco den Mund erneut öffnen konnte, fiel Goyles Stimme in ein ungläubiges Flüstern.

„Also… stimmt es? Es… stimmt?!", entfuhr es Goyle vollkommen perplex. Draco verdrehte die Augen. „Draco?", drängte ihn Goyle, denn anscheinend erwartete er irgendeine überzeugende Erklärung. Aber Draco hatte keine Lust auf Goyles ungläubiges Kopfschütteln.

„Sie hat es so gewollt, ok? Und tu nicht so, als wäre es eine große Sache, Merlin noch mal", knurrte er fast ungehalten, und selbst in seinem Kopf klangen diese Worte mehr als nur fadenscheinig. Sie hatte es so gewollt?! Wirklich? Hatte er das gerade tatsächlich gesagt?! Er fuhr sich über die Stirn. Er hatte nicht erwartet, damit konfrontiert zu werden. Tatsächlich darüber reden zu müssen, und zwar mit jemandem, der scheinbar nicht jede seiner Taten für richtig befand. Er sah Goyle an.

Er schien ihn zu mustern, wie einen völlig Fremden.

„Was?", fuhr Draco ihn zornig an. Aber unter seinem Zorn lag noch etwas anderes. Zum ersten Mal spürte er es. Spürte, dass er wartete. Auf eine Entscheidung, die Goyle treffen würde. Aber Goyle sprach nicht. „Gott, was ist das verdammt Problem? Der kleine Wichser hat uns gesehen, na und? Granger ist es egal. Sonst wäre ich längst geflogen. Denkst du nicht, dass sie sonst längst zu Snape marschiert wäre?", knurrte er, und informierte Goyle auch nicht darüber, dass er… Granger schon längst… zu anderen Dingen gezwungen hatte.

„Aber… sie ist… Hermine Granger", flüsterte Goyle verständnislos. „Ich… wusste nicht mal, dass du weißt, dass sie existiert, Draco. Du… hasst doch alle Gryffindors. Du…" Und Goyle schüttelte wieder den Kopf. Draco atmete aus. „Du findest sie attraktiv?", schloss Goyle unsicher. Dracos Blick schoss nach oben.

„Nein!", brachte er zornig über die Lippen. „Gott! Was willst du damit sagen, verflucht?", fuhr er Goyle jetzt an. Aber Goyles Mund schloss sich wieder.

Draco wusste aber, was er damit sagen wollte. Und nein.

Draco fand sie nicht attraktiv. Draco hatte nicht das Bedürfnis mit Granger Händchen zu halten, ihr Blumen zu schenken, sie ständig zu sehen. Bei Goyle bedeutete es alles etwas anderes, weil er nie ein Mädchen abbekam. Für Draco war es… Sport. Es war… Spaß. Gut, sie war eine Gryffindor. Merlin, sollte man ihn hängen dafür!

Dann hatte er sie eben mehr als einmal berührt, geküsst – oder sonst was getan! Goyle sollte ihn bloß nicht so verurteilend anstarren! Draco war nicht der erste Mann, der so etwas tat! Granger war passend da. Nichts weiter! Und dass sie eine Muggel war, verdrängt Draco so gut es ging, bis er es fast vergessen hatte. Denn er glaubte, Goyle war auch deshalb besonders verwirrt. Aber nein. Draco erlaubte sich nicht, auch dafür eine Entschuldigung zu finden.

„Du hast sie also… vergewaltigt?", flüsterte Goyle. Und Dracos Mund öffnete sich.

„Was? Nein!", fuhr er ihn jetzt an. Er hatte das noch nicht aufgeklärt, ging ihm schließlich auf. „Nein, natürlich nicht!" Jetzt wirkte Goyle verwirrt.

„Aber… du hättest gekonnt?", schloss Goyle aus seinen Worten und wirkte sehr gespannt. Dracos Mund war sehr trocken geworden unter der Anstrengung, Ausreden zu erfinden.

„Ich…" Draco wusste die Antwort ehrlich gesagt nicht wirklich. Wahrscheinlich hätte er gekonnt. Hätte sie ihn gelassen? Wahrscheinlich hätte sie ihn gelassen.

So. Das war die Antwort. Und was bedeutete das?

„Aber… du hast es nicht getan", sagte Goyle jetzt und schien begreifen zu wollen. Seine Stirn runzelte sich. „Magst du sie?", fragte Goyle jetzt noch verblüffter, und Draco Mundwinkel zuckten verächtlich.

„Goyle, ich war betrunken! Ich sagte es bereits! Wir sind fertig mit diesem Thema", knurrte er zornig. Denn er mochte sie nicht. Er mochte niemanden. Goyle sollte es bloß nicht dramatischer machen als es war.

Er spürte Goyles Blick noch eine ganze Weile auf sich, ehe dieser auch wieder aus dem Fenster sah und schwieg.

„Draco?", sagte er schließlich, und Draco atmete aus.

„Was?"

„Wieso hat sie es dann nicht gesagt?", fragte Goyle tatsächlich verständnislos und sah Draco wieder an. Zuerst wollte Draco mit ihm schreien. Aber er überlegte es sich anders. Er ruckte also unschlüssig mit dem Kopf. Als hätte er sich nicht schon tausend Mal dieselbe Frage gestellt.

„Keine Ahnung", gab er finster zurück. Er hatte keine Ahnung mehr, warum sie etwas tat oder nicht tat. Draco zwang ein Lächeln auf seine Züge und wandte sich um. „Wer hat Lust auf ein Trinkspiel?", rief er laut in die Runde, und die Sechstklässler grölten zur Bestätigung. Er fing Goyles besorgten Blick auf, aber Draco hatte vor, zu trinken. Zu trinken und zu vergessen, dass Granger ihn im Badezimmer der Vertrauensschüler im Stich gelassen hatte.

Dass sie ihn auch heute im Stich lassen würde.

Denn er war sich mittlerweile sicher, sie würde nicht mehr zu ihm kommen.

Gut so! Dann konnte er trinken und Schlammblüter vergessen, Todesser vergessen, und vielleicht später dem kleinen Kingston noch eine rein hauen. Es klang nach einem perfekten Freitag.

Der Slytherintisch war leergefegt. Ein paar Erst- und Zeitklässler saßen verhalten nebeneinander und tranken stumm ihren Tee. Aber sie wusste, hätte es Tote gegeben, dann hätte es schon die Runde gemacht. Neben ihr sprach Harry immer noch kein einziges Wort mit ihr.

Neben Dumbledore am Lehrertisch, den McGonagall schon vor einer halben Stunde verlassen hatte, saß ein Auror, den Hermine vom Sehen her kannte. Sie hatte schon mit Ron gerätselt, was er hier wohl tat. Ginny verschickte gerade die wöchentliche Eule nach Hause, um die sich Ron gedrückt hatte.

Er rührte gelangweilt in seinem Müsli, und es war halb zehn als Malfoy zusammen mit Goyle, Blaise und Pansy die Halle betrat. Sie hatte ein dumpfes Gefühl in ihrer Magengegend. Er wirkte blass und verkatert. Keiner der Slytherins trug die Uniform und er würdigte sie mit keinem Blick.

Sie hatte seit der Nacht nicht mehr mit ihm gesprochen, hatte ihn nicht mehr gesehen und hatte sich noch nicht erlaubt, darüber nachzudenken. Sie hatte es ignoriert. Sie hatte den schmalen Kratzer auf ihrer Wange geheilt, hatte sehr viel geweint und nicht begreifen können, warum er es getan hatte! Nüchtern! Und überhaupt! Jetzt zu sehen, dass er lebte, dass es ihm scheinbar gut ging, ärgerte sie fast. Dass es ihm alles wieder einmal nichts auszumachen schien – nichts bedeutete – machte sie wütend!

Kaum hatte sie aufgehört ihn anzustarren, kam Ginny sehr eilig in die Halle. Ihr Ausdruck war ernst. Sie wirkte, als wäre sie gerannt. In ihren Händen hielt sie den Klitterer. Sie erreichte den Tisch eilig.

„Leute!", sagte sie gepresst und warf den Klitterer in die Mitte, so dass Ron zusammenzuckte, während er über seinem Müsli fast wieder eingedöst war. Harry hatte sich vorgelehnt. Hermines Mund öffnete sich verblüfft. Ginny war stehen geblieben, schien auf eine Reaktion zu warten, aber Hermine las schockiert die Schlagzeile.

„Lucius Malfoy von Toten auferstanden. Plündert eigenes Verlies!"

Und langsam begann ihr Herz schneller zu schlagen, langsam hob sie den Blick, um zurück über die Schulter zu sehen. Malfoy wirkte wie immer. Genauso kalt und ekelhaft wie immer. Er… schien es nicht zu wissen. Und was?! Was sollte das heißen?!

Auf der Titelseite war ein Bild von Lucius Malfoy abgebildet.

„Und was soll das heißen?", wollte Harry von Ginny wissen. Diese zuckte die Achseln.

„Keine Ahnung", erwiderte diese nachdenklich. „Luna sagt, deswegen schleichen die Auroren hier rum! Der Tagesprophet durfte die Geschichte nicht drucken", ergänzte sie achselzuckend.

„Wie kann er sein eigenes Verlies plündern?", entfuhr es Ron verwirrt. „Niemand kommt runter zu den Verliesen", ergänzte mit einem Blick auf Harry und Hermine. „Na ja, nicht ohne einen Kobold zu verfluchen", schloss er mit schiefgelegtem Kopf. „Und nicht… wenn man tot ist…?!"

„Vielsafttrank?", vermutete Harry schließlich. Und Hermine merkte, wie Harry absolut nicht interessiert sein wollte, aber dennoch lasen seine Augen gespannt die Zeilen. Ginny nickte vage.

„Wahrscheinlich, oder?"

Hermine konnte es nicht fassen. „Vielsafttrank?", wiederholte sie heiser. Wer sollte Haare von Lucius Malfoy aufbewahren, war es, was sie anschließend dachte, aber nicht laut äußerte, denn sie wollte nicht, dass Malfoy es hören würde. Denn gerade konnte sie sich nicht ausmalen, wie er reagieren würde. Und sie glaubte nicht, dass viel Zeit vergehen würde, bis er es erfuhr. Die anderen sahen sich ratlos an.

Aber plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ein unwillkommener, blöder Gedanke. Was, wenn Malfoy doch recht hatte? Hätte… hätte der Mörder Haare?!

Nein!

Ganz einfach nein.

Es war… ein Zufall.

Und dann passierte es einfach.

Es war fast wie eine alltägliche Situation.

Ein Slytherinmädchen kam in die Halle gelaufen, zum Tisch der Slytherins. Nicht so unauffällig wie Ginny es getan hatte, und gleichzeitig erhoben sich Dumebldore und der Auror, der wohl ohnehin nur auf heißen Kohlen gesessen hatte, als beide den Klitterer erkannten.

„Habt ihr das gelesen?!", entfuhr es der Zweitklässlerin aufgeregt, so laut, dass selbst Hermine es hören konnte. „Larry Fudge hat es gefunden!", rief sie und zeigte den Klitterer ihren Freundinnen. Und Hermine glaubte nicht, dass das Mädchen überhaupt verstand, was es da sagte. Es war viel zu jung, um zu begreifen.

Hermine hatte das Bedürfnis, aufzustehen, aber der Auror blieb hinter Malfoy stehen. Alle restlichen Schüler in der Halle beobachteten die Szene.

„Würde Sie mit mir kommen?", sprach der Auror mit fast ruhiger Stimme, und Malfoy blickte zu ihm auf.

„Wieso?", erkundigte sich Malfoy kalt. Nicht mal ein Auror bekam von ihm Respekt. Aber niemand bekam Respekt von ihm. Unbewusst hatte Hermine sich auf die Lippe gebissen.

„Draco, kommen Sie einfach mit uns", sagte auch Dumbledore jetzt mit betont sanfter Stimme, während er ruhig daneben stand. Malfoys Blick wanderte von einem zum anderen.

Und es verging der Hauch einer Sekunde, ehe Pansy laut nach Luft schnappte.

„Oh Gott, Draco!", entfuhr es ihr, denn sie hatte nun ebenfalls die Schlagzeile bemerkt, und Hermine hätte sie für ihre Taktlosigkeit erwürgen können! Hermine konnte nur zusehen, wie man bei einem Unfall auch nur zusehen konnte. Wie sich Sekunden ewig hinzogen, wie niemand etwas tun konnte.

Und er war vom Tisch aufgesprungen, als hätte jemand einen Fluch losgelassen.

Sein Gesicht war kreidebleich geworden, als sein Blick auf die Titelseite gefallen war. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein!", entfuhr es ihm tonlos. „Was ist das? Was ist das für eine Scheiße?!", verlangte er zornig von dem Mädchen zu wissen, die fast vor Angst über die Bank stolperte. Der Auror schloss den Abstand zu ihm. Er sprach leise, redete auf ihn ein, während Malfoy wieder und wieder den Kopf schüttelte. Hermine saß so angespannt auf ihrem Platz und war kurz davor ebenfalls aufzuspringen, aber… sie konnte nicht. Sie hatte kein Recht. Es gab keinen Grund für sie.

Malfoy fuhr sich vergessen durch die blonden Haare, über das Gesicht, schüttelte wieder den Kopf, während Pansy zu ihm gekommen war, irgendetwas von Verschwörungen faselte, und der Auror Malfoy an der Schulter gefasst hatte. Er sprach wieder leise, zog Malfoy schließlich mit sich, aber Malfoy riss sich von ihm los, ging selber, mit schnellen Schritten aus der Halle, während Dumbledore und der Auror ihm folgten.

„O-k…", sagte Harry gedehnt. „Vielleicht wird der Tag doch noch spannend", schloss er widerwillig, während sich sein Blick wieder auf das bewegte Bild von Lucius Malfoy senkte, der ihnen erhaben von der Titelseite entgegen blickte.