Kapitel 12
Sie wusste nichts mit sich anzufangen.
Die Schüler sprachen darüber. Ab und an hörte sie Getuschel, hörte Malfoys Namen und immer neue Theorien geisterten durch die Gänge des Schlosses, durch die Gemeinschaftsräume. Hermine hielt keine der Theorien für einleuchtend oder überhaupt einschlägig.
Und sie hatte seit Stunden schon keinen Nerv mehr, darüber nachzudenken.
Denn es führte zu nichts. Er war nicht wieder auferstanden. Er war nicht wieder da.
Das wusste sie mit Sicherheit. Es war letztendlich wohl ein geschmackloser Scherz, der Malfoy in ein noch viel tieferes Loch stürzen würde!
Und sie erinnerte sich an diese Nacht. Als er es erfahren hatte. So hatte er heute Morgen in der Halle ausgesehen. Als wäre Lucius ein weiteres Mal gestorben!
Und sie wusste nichts zu erzählen, sie wusste nichts zu den Gerüchten beizutragen, und sie fand es beinahe widerlich wie sich Harry und Ron darüber ereiferten, wer wohl den Schneid hatte, im Körper von Lucius Malfoy nach Gringotts zu spazieren und Leerung des Verlieses befahl. Und was bedeutete es?
Dass das Vermögen weg war? Dass die gemeinen Kobolde alle Regeln der Menschen missachteten und einem Toten das Geld einfach schenkten?!
Sie war wütend über viele Tatsachen. Und es war eine Straftat. Eine böse, unter hohe Strafe gestellte Straftat, den Körper eines Toten anzunehmen! Seine Gestalt zu stehlen!
Und sie saß in der Bibliothek.
Denn hier war heute niemand. Denn sie hatte nicht gewusst, wohin sie sollte.
Und heute fiel es auch niemandem auf.
Denn was sollte sie tun? Vor Dumbledores Büro warten, bis sich die Türe öffnete und sie jeder fragte, was ausgerechnet sie dort wollte? Und sie fragte es sich selber! Denn er hatte… er hatte so vieles falsch gemacht! Alles war seine eigene Schuld! Und sie sollte sich bestimmt keine Sorgen machen! Und sie hätte nie gedacht, wie schwer es sein würde, diesen Freitag nicht in den Gemeinschaftsraum der Slytherins zu gehen! Es war fast ein kompulsives Verhalten geworden, was sie nicht mal mehr verhindern konnte.
Sie musste regelrecht dorthin. Und gestern hatte sie es nicht getan und fast kein Augen zugetan!
Und was passierte jetzt?! Was sollte von jetzt an geschehen? War jetzt alles wieder auf den Punkt Null zurückgekehrt? War sie jetzt wieder ganz am Anfang?
„Miss Granger", begrüßte Caldon Kingston sie glatt, und wieder einmal hatte er sie in der Bibliothek gefunden. Sie hatte sich über sein Auftauchen erschreckt, ließ sich aber nichts anmerken. Er trug ein mehr als unpassendes Lächeln auf den Zügen. „Verrückte Geschichte heute, oder?", wollte er glatt wissen, und sie sah ihn ausdruckslos an.
„Was ist jetzt schon wieder, Mr Kingston? Mir steht heute nicht der Sinn nach weiteren Annäherungsversuchen", sagte sie, ohne sich zu bemühen, freundlich zu klingen.
„-oh, ich weiß", bestätigte er langsam. „Ich weiß, Sie glauben nicht, dass ich ein würdiger Kandidat bin, aber… mir ist etwas Seltsames aufgefallen, Miss Granger", erklärte er, mit gespielter Bestürzung. „Sie scheinen Slytherins nicht vollständig abgeneigt zu sein. Ich… weiß, warum Sie in unserem Gemeinschaftsraum geschlafen haben", erklärte er ohne jeden Umstand, und klang, als hätte er irgendetwas gegen sie in der Hand. Sie funkelte ihn böse an.
„Ach ja?", wollte sie vorsichtig von ihm wissen, und beobachtete ihn genau.
„Oh ja. Und ich denke nicht, dass Sie möchten, dass Dumbledore davon erfährt", erwiderte er mit vielsagendem Blick, ganz in erpresserischer Slytherinmanie. Hermine schluckte und dachte nach. Konnte es sein, dass Kingston es wusste? Oder glaubte, es zu wissen?
„Was soll das bedeuten?", wollte sie mit verschränkten Armen von ihm wissen, um mehr Zeit zu schinden.
„Nun, ich habe Sie und Draco Malfoy gesehen, Miss Granger", bedeutete er ihr eindeutig, während er die Hand zu ihrem Gesicht hob. Sie lehnte sich angewidert zurück.
„Lassen Sie Ihre Finger von mir! Was glauben Sie eigentlich, Kingston? Dass ich mich von Ihnen erpressen lasse?"
„Ich denke, Draco Malfoy hat genug Ärger und noch einige andere unleidige Probleme, so dass es nicht viel von meiner Seite bedarf, Professor Snape zu überzeugen. Aber bei Ihnen…", er machte eine bedeutungsschwere Pause, „da wäre es doch einfach zu schade, wenn herauskäme, dass Sie eine Affäre mit dem Schulsprecher haben, oder?", eröffnete Kingston ihr, und sie öffnete kurz überfordert den Mund.
„Ich habe keine Affäre mit Draco Malfoy!", entrüstete sie sich, voller Ernsthaftigkeit, während sie die Stimme gesenkt hatte. Und sie log nicht einmal! Nicht einmal das.
„Nein? Ich denke, er hat versucht, Sie zu… etwas zu überreden, was Sie nicht wollten – jedoch… haben Sie es nicht an Dumbledore weitergegeben. Und ich frage mich, warum Sie so etwas für sich behalten? Warum Sie ihn so sehr schützen?" Er lächelte jetzt. Hermine hatte neugewonnen Respekt. Er war heimtückischer als Blaise Zabini.
Dann nickte sie. „Und jetzt?", wollte sie provozierend wissen, nicht willig irgendeine seiner Fragen zu beantworten.
„Jetzt? Jetzt tue ich Ihnen den Gefallen und gehe persönlich zu Snape oder…"
„Oder was?", entglitt es unheilschwanger ihren Lippen.
„Oder Sie gehen mit mir auf den Ball", schloss er lächelnd.
Sie hatte finster die Augen verengt. Kleiner, scheiß Slytherin. Böse hatte sie die Arme vor der Brust verschränkt, während er sie selbstgerecht betrachtete und nur darauf wartete, dass sie sich geschlagen gab.
Snape schritt wieder einmal auf und ab.
„Es ist widerwärtig!", sagte er schließlich angewidert und warf den Klitterer zurück auf Dumbledores Pult. „Einfach grotesk und absolut widerwärtig!"
Dumbledore hatte die Finger aneinander gelehnt und schien nachzudenken.
„Wir haben die Auroren auf ihn angesetzt. Es kann sich nur noch um Tage handeln", versprach der Auror namens Beans. Dumbledore schürzte die Lippen.
„Die Frage ist", begann er nachdenklich, „wie er an ein Haar von Lucius Malfoy kam", schloss er, ohne jemand bestimmten anzusehen. Draco hob den Blick langsam. Wieder bot ihm Madame Pomfrey, die Dumbledore hatte rufen lassen, ihm eine Tasse seltsam riechenden Tees an. Er ruckte nur mit dem Kopf. Er wollte nicht trinken, was ihn womöglich sedieren würde.
Für eine wilde Sekunde lang, hatte er es geglaubt. Hatte es fast dringend glauben müssen. Hatte für möglich gehalten, dass… dass… es alles nur ein Trick gewesen war. Dass Lucius seinen Tod nur vorgespielt hatte. Dass er sich nun irgendwo im Gebirge versteckt hielt und nur die richtige Möglichkeit abpasste, ihm, Draco, eine Nachricht zukommen zu lassen, damit Draco zu ihm konnte.
Und er wusste, wie albern es war. Wie kindisch von ihm, anzunehmen, Lucius' Tod wäre nicht echt gewesen. Und wie lächerlich leicht, er ihm vergeben würde, wäre es nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.
Jetzt hatte er die Zähne fest zusammen gebissen.
Denn er war kein Kind mehr.
Sein Vater kam nicht zurück. Und sein Bild in der Zeitung gesehen zu haben war… es tat weh. Es schmerzte mehr als jedes von Grangers Worten, wenn sie Recht hatte. Es war tausendmal schlimmer als das!
„Was wollen Sie sagen?", fragte Snape nun und hielt inne. Seine Stirn hatte sich in Falten gelegt. „Wieso ist das wichtig?" Dumbledore atmete unschlüssig aus, sah immer noch niemanden an, aber dann räusperte sich.
„Wissen Sie, ich habe kein Haar von jemandem zufällig dabei, von dem ich die Absicht habe, dessen Verlies leerzuräumen", erklärte er ruhig. Snape begann wieder zu wandern.
„Und diese verdammten Kobolde! Es wird ein Nachspiel haben! Sie können sich unseren Gesetzen nicht beugen!" Dumbledore winkte mit der Hand ab, und Snape schwieg widerwillig.
„Er hat sich nicht umgebracht", hörte Draco seine eigene Stimme. Dumpf, sehr weit entfernt von seinem Körper. Dumbledores Blick fiel auf ihn. Über seine Halbmondgläser musterte er ihn aufmerksam.
„Wissen Sie, Draco, genau das habe ich mir auch bereits überlegt", bemerkte Dumbledore mit einem nachdenklichen Unterton. Draco hob überrascht den Blick.
„Was?", entfuhr es Snape, und er schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Niemand hat sein Zimmer betreten oder verlassen. Es lag ein Zauber auf dem Studierzimmer. Es gab keine Fremdeinwirkung!", ereiferte sich Snape haltlos, bis Dumbledore die Hand hob.
„Und wenn er nicht durch die Türe kam?", schlug Dumbledore nun vor.
„Genug!", sagte Snape schließlich. „Es besteht keinen Grund für solche Theorien. Und es ist auch nicht die größte Sorge! Da draußen läuft jemand in Gestalt von Lucius Malfoy rum! Und er muss gefunden und verhaftet werden!"
„Wir haben Auroren nach Malfoy Manor geschickt. Narzissa Malfoy wurde evakuiert, für den Fall, dass…" Der Auror unterbrach sich mit einem Blick auf Draco. Dieser bemerkte es nicht einmal. Er starrte fast apathisch gerade aus.
„Ihre Mutter wurde zu ihrer Cousine nach Sussex gebracht, Draco", erläuterte Dumbledore ruhig, und Draco nickte abwesend. Es war nicht möglich. Es war nicht möglich, über irgendetwas hinwegzukommen, wenn… es niemals aufhörte. Und es half nicht. Es half auch nicht, dass er versuchte, Dinge zu überwinden, wenn es für ihn zumindest immer offensichtlicher wurde, dass… sein Vater sich nicht umgebracht hatte! Und wenn das stimmte – wenn es… wirklich stimmte – dann konnte er sich diesen Schmerz gar nicht erst vorstellen!
Nicht durch die Tür…?
Diese Worte schwebten in seinem Kopf. Aber sie machten keinen Sinn.
Und plötzlich klärte sich sein Blick.
Das Denkarium!
Alle Erinnerungen seines Vaters befanden sich im Denkarium! Alle! Und er erhob sich so abrupt, dass Madame Pomfrey neben ihm zusammenzuckte.
„Ich möchte gehen", sagte er an Dumbledore gewandt.
„Sind Sie sicher, Draco?", erkundigte sich Dumbledore neutral.
„Ja. Was soll ich hier noch tun? Ich brauche keinen Trank. Ich kann Ihnen nichts sagen, denn ich weiß nichts, und… tun kann ich auch nichts, oder?" Fast aggressiv kamen die Worte über seine Lippen. Das gesamte Schloss sprach bestimmt schon darüber.
„Ich möchte, dass Sie heute Abend zu mir kommen, Draco", informierte ihn Dumbledore nun ernster. „Wenn Sie möchten, bringen Sie einen Freund mit?", schlug er nun vor, und Dracos Mund öffnete sich verblüfft. Einen Freund… mitbringen? Was hatte Dumbledore vor? Eine kleine Therapie-Session zu veranstalten, wo Draco munter über seine Gedanken und Gefühle plaudern konnte? „Auch Miss Granger könnte als andere Schulsprecherin bestimmt-"
Draco starrte ihn an, während er langsam den Kopf schüttelte. „Nein, auf keinen Fall. Ich muss auch nicht darüber reden, Sir", erwiderte gepresst. Aber Dumbledore blieb ernst.
„Sie werden zu mir kommen, Draco", erklärte er ohne die Möglichkeit einer Verhandlung dieser Sache. „Es ist wichtig, dass Sie das tun", schloss Dumbledore.
Draco ruckte mit dem Kopf und ging. Er würde nicht mit dem Schulleiter streiten können. Jetzt nicht, zumindest. Er würde sich mit ihm streiten, weil er heute Abend ganz bestimmt nicht zu hm kommen würde. In seinem Kopf schwebte nur noch die Vorstellung, dass er das Denkarium durchsuchen musste. Nach irgendetwas! Egal was! Und er hatte sich nie die Mühe gemacht. Er hatte immer nur die eine Erinnerung gesucht. Hatte nie etwas anderes wissen wollen. Hatte nie… wissen wollen, was sein Vater sonst noch gedacht hatte.
Vielleicht, weil er immer befürchtet hatte, dass… dass… er irgendetwas anderes finden würde, als das, was alle vermuteten!
Er verließ Dumbledores Büro. Sein Mund war trocken. Er hatte heute noch nichts getrunken, nichts gegessen, und alle seine Sinne waren zum Zerreißen gespannt.
Er hatte Angst.
Und er hatte das Gefühl, nichts würde jemals wieder gut werden.
Zornig hatte Hermine die Seite der Zeitschrift, die Ginny ihr gegeben hatte, umgeblättert, ohne überhaupt ein Wort gelesen zu haben.
Jetzt ging sie mit diesem Idioten auf den Ball!
Und weshalb?
Weshalb?!
Wegen Malfoy!
Sie atmete wütend aus, während Ginny neben ihr den Blick gehoben hatte.
„Was ist los?", fragte sie vorsichtig. Ginny las gerade den neuesten Artikel über den neuesten Rennbesen, der lächerliche 10.000 Galleonen kosten sollte! Wer zahlte so viel für einen Putzgegenstand?! Hermine würde es nicht begreifen und wollte es auch nicht!
„Gar nichts", fuhr Hermine sie an. Es war spät geworden. Sie hatte von Malfoy nichts mehr gehört, nichts mehr gesehen. Hatte zornig die Bibliothek verlassen müssen, ehe sie dort noch angefangen hätte zu schreien.
Harry und Ron waren runter zu Hagrid gegangen. Er hatte versprochen Stew zu kochen. Ginny und Hermine hatten wohlweislich abgelehnt.
„Ist es wegen dem Artikel?", vermutete Ginny jetzt, und Hermine hob schließlich den Blick.
„Ich… nein. Ich… - ach, tut mir leid. Ich…" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn sie sagen würde, dass sie sauer war, weil der kleine Kingston sie erpresst hatte, mit ihm zum Abschlussball zu gehen, würde Ginny wissen wollen, wieso er dazu in der Lage war. Dann würde Hermine antworten müssen. Und sie würde wahrscheinlich keine gute Lüge parat haben. Dann würde sie Ginny sagen müssen, dass Malfoy versucht hatte, sie zu vergewaltigen, dass aber nichts passiert war. Außer eben das.
Und dann würde Ginny ausrasten, so wie es Ron – und alle Weasleys – tun würden, und zu Dumbledore rennen!
Nein, also konnte Hermine das nicht sagen. Nicht, dass es nicht ohnehin an diesem Tag auffallen würde, dachte sie zornig! Sie hatte nicht mehr viel Zeit.
Und sie hätte ihn ja auch abweisen können! Dann wäre er zu den Lehrern gegangen, hätte es erzählt – und selbst, wenn sie es abgestritten hätte, glaubte sie gerade nicht, dass Malfoy in so einer kognitiven Stimmung war, dass er es ebenfalls geleugnet hätte, denn im Moment traute sie ihm jeden selbstzerstörerischen Charakterzug zu, und es war nur zu wahrscheinlich, dass er es gestehen würde.
„Hermine?" Ginny schien zu warten, dass Hermine ihren Satz beendete. Und sie sagte einfach, was ihr sonst noch auf der Seele brannte.
„Es wird Malfoy umbringen", schloss sie also still. Ginny sah sie an.
„Was?", fragte sie langsam. „Das Bild von seinem Vater in der Zeitung?"
Hermine hatte den Blick gehoben. Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Die Tatsache, dass… ein lebendiger Lucius Malfoy durch die Straßen läuft – und dass es eben nicht Lucius Malfoy ist", entgegnete Hermine sanft. Ginnys Mund öffnete sich. „Es wird ihn… zerstören."
„Mich würde zerstören, dass er all das Gold gestohlen hat", bemerkte Ginny trocken. „Hermine, Malfoy ist ein Arschloch. Hab nicht zu viel Mitleid, ok?", ergänzte Ginny vorsichtig, und Hermine verdrehte die Augen.
„Ja", erwiderte sie nachdenklich. „Ja, ich weiß", schloss sie müde. Aber sie hatte Mitleid. Sie hatte so viel Mitleid, dass sie fast jede Sekunde aufspringen und ihn suchen gehen wollte. Und es brauchte all ihre Kraft, es nicht zu tun und stoisch Seite um Seite umzublättern, ohne sie zu lesen.
Wo er wohl gerade war? Was er wohl gerade tat…? Ob er überhaupt noch an sie dachte? Oder hatte er wieder alles verdrängt…?
