Kapitel 13
Er tauchte ein.
Tiefer und tiefer, wie in einen Traum.
Er fiel.
Und stand im Garten.
Er spürte keine Temperatur, aber er spürte, es war warm.
Sommer.
Lucius stand neben ihm. Fast hätte ihn gar nicht wahrgenommen. Er betrachtete ihn nun fast unverhohlen mit angehaltenem Atem.
„Wo bleibst du?", rief Lucius neben ihm in eine leere Ferne. Draco konnte den Blick nicht wenden. Die Sonne stand hoch. Es musste mittags sein. Lucius trug keinen Umhang. Er trug ein Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, die Haare zusammen gebunden, aber eine helle Strähne hatte sich gelöst, ein Lächeln um seine Mundwinkel. Bartstoppeln zierten seine untere Gesichtspartie allmählich. Immer wenn er sich nicht akribisch rasiert hatte, ließ er die Dinge lockerer angehen, Draco erinnerte sich daran.
Und er kam an. Draco kam in einem leichten Lauf auf Lucius zu. Er trug ebenfalls ein Hemd, von dem er nicht mal mehr wusste, dass er es gehabt hatte.
Es war letzten Sommer gewesen.
„Du bist langsam, Sohn", erklärte Lucius lächelnd. Draco war außer Atem. Etwas stach in Dracos Augen, aber er ignorierte es und konzentrierte sich nur auf die beiden Gestalten vor sich.
„Vielleicht wäre ich genauso schnell, wenn ich apparieren würde!", erklärte er außer Atem.
„Wo wäre dann der Sinn des Trainings?", wollte sein Vater wissen. Aber Draco antwortete nicht. Er hatte sich mit den Händen auf seinen Knien abgestützt. Er erinnerte sich an diesen Tag. Lucius hatte mit ihm trainiert. Sein Vater war appariert, und Draco war gerannt.
Hatte versucht, zu antizipieren, wo sein Vater auftauchen würde. „Wenn du Auror werden willst, ist es viel wichtiger zu wissen, was sein Gegenüber vorhat, als Zauber auszuführen, Draco", erklärte er mit einem eindeutigen Blick auf den schönen Zügen.
Und neben Vater und Sohn stand Draco, während sich sein Mund geöffnet hatte.
Auror? Er hatte Auror werden wollen? Das hatte er gar nicht mehr gewusst. Selbst, wenn es nur ein Scherz von ihm gewesen war, hatte er es längst vergessen gehabt. Jetzt brannten seine Augen praktisch, aber er schwor sich, sofort aus dieser Erinnerung aufzutauchen, mochte sie noch so schön sein, wenn er jetzt schwach wurde und anfing zu weinen.
„Kommt ihr endlich?" Narzissa stand auf der Veranda in der Ferne, die Augen mit der Hand abgeschirmt. „Das Essen wird nicht wärmer!", ergänzte sie lauter.
Draco erinnerte sich aber an diesen Tag. Der Krieg war vorbei gewesen. Das Leben war fast lächerlich leicht. Beide Männer verließen ihn, ließen ihn auf der Wiese zurück, während sie lachend zum Haus zurückschritten.
Und schwer lag ihm die Erkenntnis im Magen.
Draco hatte es vergessen.
Wie sie mal eine Familie gewesen waren.
…
Er tauchte auf.
Stand über dem Denkarium, schwer atmend, nur um wieder abzutauchen.
Er fiel wieder.
Einfach in die nächste Erinnerung.
Es war dunkel hier. Er stand verloren in einer seltsamen Dunkelheit.
„Ich hatte dich erwartet", ertönte Lucius' Stimme, während er das Feuer im Kamin in seinem Arbeitszimmer entfachte. Die Dunkelheit wich dem warmen Licht. „Wieso hast du Weihnachten nicht mit uns verbracht?", wollte er wissen, aber Snape ruckte mit dem Kopf, als er eintrat. Sein Reiseumhang war schneebedeckt, und er schien nicht wirklich gekommen zu sein, um zu bleiben.
„Hatte zu tun. Und… ich war bereits eingeladen." Lucius bedeutete Snape, sich zu setzen.
„Ja?" Fast wirkte sein Vater spöttisch. Er trug die Haare offen. Sein Gesicht war frisch rasiert. Er wirkte ernster. So wie Draco ihn in Erinnerung hatte. Sein Herz zog sich mit jedem Wimpernschlag schmerzhaft zusammen. „Hast du etwa eine Bekanntschaft gemacht?" Snape schien nicht einmal darauf einzugehen.
„Du weißt, dass…", begann Snape langsam, während er sich setzte und das Glas entgegennahm, was Lucius ihm bot.
„Dass was?" Lucius lehnte sich gegen die Schreibtischkante vor Snape. Draco spürte, dass die Stimmung im Zimmer angespannter war als sonst, wenn Snape vorbeigekommen war.
„Dass ich Dinge gehört habe, die vor sich gehen?", bemerkte Snape vage.
„Möchtest du, dass ich es errate?", wollte Lucius belustigt wissen. Aber Draco kannte den Tonfall. Sein Vater klang bereit, zu scherzen, aber das war er ganz und gar nicht. Es war eine kühle Belustigung, die aus ihm sprach, und gar nicht mit Freundlichkeit oder Spaß gemein hatte.
„In welchen Dingen hast du zurzeit die Finger, Lucius?", fragte er Lucius direkt. Draco stand reglos daneben und beobachtete. Lucius ruckte mit dem Kopf, verweigerte die Antwort, und wirkte verschlossen und nicht so sorglos, wie noch im Sommer.
„In gar nichts, mein Freund", erwiderte Lucius, und Draco spürte eine bekannte Enttäuschung. Denn so oft hatte Lucius Draco mit diesen Worten belogen und abgespeist. Er fuhr sich gelassen durch die langen Haare. Sie fielen anmutig, fast elegant über seinen Kopf zurück.
„Wirklich? Ich habe deinen Namen gehört. Er macht die Runde in Kreisen, in denen du nicht sein möchtest, Lucius." Lucius stieß sich von der Tischkante ab.
„Was genau möchtest du? Ich bin kein Kind, Severus. Ich kann ganz fabelhaft alleine Entscheidungen treffen", erklärte er achselzuckend.
„Du willst nicht darüber reden?", entfuhr es Snape fast gereizt.
„Ich wusste nicht, dass du vorhast, ein Verhör aus diesem Treffen zu veranstalten, Severus", erwiderte sein Vater erbarmungslos kühl. „Trink deinen Whiskey und entspann dich für einen Abend mal", befahl Lucius unwillig.
Aber Snape stellte das Glas zurück auf den Tisch.
„Wir müssen darüber reden. Es ist nicht nur gefährlich für dich, es ist gefährlich für die gesamte Familie. Und wieso bringst du dich in solche Gefahren? In solche Kreise?"
Lucius schritt zur Tür. „Ich denke, dieser Abend ist vorbei", erklärte er offen, während er die Tür öffnete. Snape sah ihn verblüfft an.
„Ist dir langweilig? Reicht es nicht, dass du nicht ins Gefängnis musstest? Brauchst du den Nervenkitzel? Unter der Nase des Ministeriums?"
„Ich denke, es ist besser, wenn du gehst", schloss er, nahezu ehrlich enttäuscht, mit einem letzten Blick auf Snape. Draco stand reglos neben beiden und begriff die Worte nicht. Wovon sprach Snape?
Die Erinnerung brach ab, war zu Ende. Er tauchte auf, aber ließ es gar nicht zu, tauchte sofort in die nächste Erinnerung.
Er war im Wohnzimmer.
„Aber wieso?", schrie er selber. Er stelle fest, er hatte geweint. Und dieses Oberteil, was sein anderes Ich gerade trug kannte er zugut. Es lag in seinem Schlafsaal ordentlich zusammen gefaltet. „Ich verstehe nicht, wieso du mir nicht sagst, wieso du es tust!", verlangte er von seinem Vater zu wissen. Diese Erinnerung war nicht alt.
„Du begreifst es nicht! Du verstehst nicht, was die Erwachsenen in dieser Welt tun müssen, Draco! Du bist ein Kind!"
Du bist ein Kind. Ja, er erinnerte sich an diese Worte. An die Worte vor drei Monaten.
Lucius hatte sich die Haare gerauft, wirkte müde, gestresst und krank.
Und Draco war Zuhause über Silvester gewesen. Seine Mutter hatte ihn gebeten. Er wusste nicht, wie er aus dieser Erinnerung wieder herauskommen sollte, denn… er wollte sie gar nicht zu Ende sehen.
Auch diese Erinnerung hatte er verdrängt, und mit aller Macht wollte er zurück zu dem lauen Sommertag, an dem sein Vater mit ihm heile Welt gespielt hatte….
„Was du tun musst?", entfuhr es Draco ungläubig. „Was musst du tun? Du kannst dich auf deinen Galleonen ausruhen und musst überhaupt nichts tun!", schrie er fassungslos. „Wer waren diese Männer?"
Draco horchte wieder auf. Männer in schwarzen Umhängen waren an diesem Abend auf Malfoy Manor gewesen. Es war nicht ungewöhnlich, Männer in dieser Aufmachung im Haus zu sehen, denn die Ehemaligen zeigten nicht gerne ihr Gesicht in London. Lucius fuhr sich über das Gesicht. „Es geht dich nichts an, Draco! Nichts, was ich tue, soll deine Sorge sein! Verstehst du das? Es geht dich nichts an!"
„Mutter hat-"
„-deine Mutter ist hysterisch, Draco!", schrie sein Vater außer sich.
„Wenn du-"
„-nein!", unterbrach ihn Lucius scharf.
„Du kannst nicht-"
„-du wirst mir nicht mehr widersprechen! Ich muss mich nicht in meinem eigenen Hause, vor meinem eigenen Sohn rechtfertigen, der nichts anderes tut, als von meinem Gold zu leben! Du musstest dich noch nie um irgendetwas sorgen, oder irre ich mich? Also, wie kannst du es wagen, an mir zu zweifeln?", fuhr ihn sein Vater so laut an, dass die Wände zu beben schienen.
Und Draco erinnerte sich an die nächsten Worte, hätte sie mitsprechen können….
„Du hast sie geschlagen!", entfuhr es Draco, während eine weitere Träne seine Wange hinablief, und Draco sah sich selber zu, fühlte sich elend, und Lucius' Ausdruck wurde kalt. Er sah nur seinen Vater an, nicht sich selbst. Es machte ihn krank, sich so schwach zu sehen. Sich zu erinnern. Durch all die dunklen Nächte hier auf Hogwarts, die er mit Alkohol erträglich gemacht hatte, drang sie durch.
Gleißend hell. Diese böse Erinnerung.
„Sie hat es verdient", war alles, was Lucius erwiderte. Dracos Mund war trocken geworden.
„Wie?", wollte Draco jetzt heiser wissen und kam näher. „Wie kann Mutter es verdienen, Lucius?" Kalte Wut stand in seinem Gesicht geschrieben, als er seinen Vater herausforderte, zu antworten. Und er selber hatte die Hände zu kalten Fäusten geballt.
„Weil sie Fragen stellt, die sie nichts angehen!", erwiderte Lucius mit Vorsicht. Draco schüttelte den Kopf. Er schüttelte ihn jetzt bereits wieder.
„Du bist ein Arschloch!", sagte Draco jetzt. Es schmerzte jetzt, so wie es damals geschmerzt hatte. Lucius Augen hatten sich verengt. „Du wirst sie nicht mehr anrühren!" Er hatte nicht gewusst, woher damals seine Wut und sein Mut gekommen waren. Lucius nickte dann.
„Narzissa ist meine Frau, nicht deine Draco", klärte er ihn auf, und Draco wurde nur noch wütender.
„Du-!" Aber sein Vater hatte ausgeholt, und seine flache Hand traf ihn härter als jeder Schlag zuvor. Er fiel auf den Boden, schlug mit dem Körper auf.
Draco selber stand dort wie versteinert, starrte auf den Boden vor sich, wo sein anderes Ich sich vor Schmerzen krümmte.
„Und wage es nicht, noch einmal so mit mir zu sprechen!"
Lucius' Brust hob und senkte sich unregelmäßig. Er schüttelte seine taube Hand, während Draco sich selber am Boden sehen konnte, sehen konnte, wie das Blut aus seiner Nase den Teppich rot färbte. „Du widerst mich an, Draco! Wie kannst du es wagen, mich zu hinterfragen! Färbt Dumbledores Erziehung auf dich ab?"
Aber sein Selbst lag reglos auf dem Boden. Er war nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Lucius' Schlag hatte ihn tatsächlich bewusstlos werden lassen, wenn auch nur für einen Moment.
Draco musste die Augen schließen, denn es tat so weh.
Und er wusste, warum er sich immer nur dieselbe Erinnerung angesehen hatte. Er wusste, warum er sich nichts anderes erlaubt hatte.
Er glaubte nicht, dass er im Stande war, irgendetwas herauszufinden. Es tat zu weh….
„Draco?"
Und er zuckte praktisch zusammen, als er die Augen öffnete und ihn neben sich erkannte.
„Lass uns reden", schlug ihm Dumbledore vor. Dumbledore, so wie er ihn erst vor wenigen Stunden gesehen hatte.
„Was… was tun Sie hier?", entfuhr es Draco heiser, aufgewühlt, zornige Tränen in den Augen. Er fühlte sich beschämt. Beschämt, hier gefunden worden zu sein. Von Dumbledore. Ausgerechnet in dieser Erinnerung.
Die Erinnerung war vorbei. Er und Dumbledore tauchten wieder auf.
Sie standen im Raum der Wünsche. Im Arbeitszimmer seines Vaters, vor dem offenen Schrank, in dem das Denkarium stand.
„Draco, ich kenne das Schloss wie meine Westentasche. Zumindest fast", räumte Dumbledore ein und sah sich um. „Und du warst im Schloss nicht zu finden, also… habe ich angenommen, du wolltest dort sein, wo dich niemand findest. Ich kam zu diesem Raum und habe nach dir gefragt", schloss er freundlich.
Draco schwieg daraufhin. Er war geschwitzt und dehydriert. Er hatte den ganzen Tag weder gegessen, noch getrunken. Und Dumbledore setzte sich an den Schreibtisch seines Vaters.
„Das war keine schöne Erinnerung", bemerkte er nach einer Weile. Draco erwiderte nichts. Es war wohl offensichtlich. „Du hast das Denkarium mitgenommen? Und du durchsuchst es jetzt nach der richtigen Erinnerung?", wollte Dumbledore probehalber wissen. „Ein schwieriges Unterfangen, nicht wahr?", fuhr er nickend fort, als Draco nicht antwortete.
„Mein Vater, Percival…", begann Dumbledore nachdenklich, während er aus dem Fenster blickte, über den herbstlichen Garten von Malfoy Manor, „war lange in Askaban gewesen", schloss er still. Draco hatte den Blick gehoben. „Er hat drei Muggeljungen nahe zu Tode gefoltert, weil sie meine Schwester Ariana angegriffen haben", fuhr Dumbledore dunkler fort. Dann sah er Draco an. „Und ich habe ihn verstanden. Ich habe ihn verteidigt und war… eine Zeit lang angetan von der Idee, Muggel zu unterwerfen, um sie zu bestrafen, sie zu lehren, warum wir wichtiger, mächtiger und wertvoller sind als alle anderen Menschen auf dieser Welt. Meine Schwester war danach… für immer nahezu unansprechbar gewesen. Ihre Magie kam in bösen, zerstörerischen Schüben."
Draco starrte den Mann vor sich an. „Das war zu einer Zeit, da hatte es keinen Voldemort gegeben. Da hatte eine Bewegung wie die der Todesser höchstens in unseren Gedanken stattgefunden, aber niemand hätte es umgesetzt." Dumbldore rieb sich nachdenklich die krumme Nase. „Und alle im Dorf haben sich aufgelehnt gegen die Entscheidung des Ministeriums. Dass ausgerechnet mein Vater, der nur seine Tochter beschützt hatte, für so viele Jahre nach Askaban gehen sollte."
Dumbledore bedeutete Draco, sich zu setzen, und Draco tat es, ohne groß darüber nachzudenken. „Als… als meine Schwester dann meine Mutter Kendra tötete – unbewusst, ohne es besser zu wissen", räumte er ein, als sich Dracos Mund schockiert geöffnet hatte, „blieb ich mit ihr zurück." Draco kannte Dumbledores Geschichte nicht. Hatte sich nie die Mühe gemacht, irgendetwas über ihn herauszufinden, was nicht auf der Rückseite einer Schokofroschkarte zu finden war. „Sie war… anders gewesen. Sie war nicht mehr in der Lage, Magie richtig auszuführen. Sie konnte sie nicht unterdrücken, konnte sie aber auch nicht kontrollieren. Aber manchmal hat sie gesprochen. Über… diese Erfahrung. Über… diesen Tag. Sie war sechs Jahre alt gewesen, als… die Muggejungen sie… bestraft hatten für… ihre magische Begabung." Er betonte das Wort bestraft auf solche Weise, dass sich Draco so ziemlich jede schlimme Tat darunter vorstellen konnte. „Sie hatte sich nie mehr an den Vorfall mit unserer Mutter erinnern können. Es war… aus ihrem Gedächtnis für immer verschwunden gewesen, aber sie hatte sich an den Tag erinnern können, als sie sechs Jahre alt gewesen war."
Kurz schien Dumbledore über seine nächsten Worte nachzudenken. Ob er sie für gut hieß oder nicht, wusste Draco nicht zu sagen.
„Sie sagte mir, einige Jahre später, dass sie nicht verstanden hätte, warum die Jungen es getan hätten. Aber sie hat verstanden, warum unser Vater nach Askaban gekommen sei. Denn was die Jungen getan hätten, war aus Angst gewesen. Aus Neid. Aber was unser Vater getan hatte… dafür gab es keine Entschuldigung. Das hatte sie gesagt."
Dumbledores Blick war leerer geworden. „Es war kurz bevor mein guter Freund Gellert, mein Bruder und ich in einen Streit gerieten. Einen bösen Streit. Böser als alle Kleinigkeiten, die unter dem Deckmantel von Miss Grangers Verschwiegenheiten hier vorkommen, Draco", sagte er plötzlich, den Blick wieder auf Draco geheftet, der sich plötzlich sehr ins Licht gerückt vorkam. Und Draco schluckte bitter. Denn Dumbledores Worte rührten etwas in ihm. Und wahrscheinlich wusste Dumbledore mehr als er zugab. So wie er immer mehr wusste, als er jemals zugeben würde, nahm Draco dumpf an. Und Draco konnte seinem Blick nicht standhalten. Er senkte den Blick auf seine Hände. Aber eine versuchte Vergewaltigung wäre auch bei Dumbledore keine Kleinigkeit, nahm Draco bitter an.
„Was ist passiert?", hörte sich Draco selber fragen, denn er war neugierig geworden. So unendlich neugierig. So atemlos interessiert an Dumbledores Worten, auch wenn er nicht sicher war, warum.
„Was passiert ist? Ein Fluch tötete meine Schwester, Draco. Und mit den Jahren, mit dem Wissen, was ich ansammeln konnte, mit dem Wissen, über das ich nun verfüge und die Auswirkungen der Flüche, die ich mittlerweile kenne, kann ich fast mit Sicherheit sagen, dass es mein Fluch war. Zu einer hohen Wahrscheinlichkeit war es mein Fluch, der meine Schwester getötet hat. Im Sommer, am 23. Juli."
Draco sah Dumbledore an. Dann atmete Dumbledore aus, die Spannung im Raum verlor an Größe. „Und deshalb fällt es mir nicht schwer, mich in schwierige Familiensituationen hineinzuversetzen. Ich habe diese Zeit hinter mir gelassen. Mein Vater starb in Aksaban, wurde mit den anderen Gefangen, die dort starben anonym in ein Massengrab vor der steinigen, windigen und unbegehbaren Küste geworfen, und alles, was mein Bruder und ich erhielten, war eine Nachricht. Verspätet von der Eule überbracht. Ein Jahr zu spät", ergänzte er kopfschüttelnd. „Dass Percival Dumbledore im Massengrab von Askaban beigesetzt wurde."
Dumbledore faltete die Hände abschließend. „Ich begreife, Draco. Ich begreife viele Dinge, auch wenn manche mich unterschätzen mögen", fuhr er eindeutig fort. „Und ich beobachte Sie aus der Ferne, denn näher lassen Sie niemanden an sich ran, wie ich vermute?" Draco hatte keine Worte, die er erwidern konnte. „Und ich verspreche Ihnen, es wird sich ändern. Die Dinge werden sich fügen. Sie werden sich anders fühlen, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist", bemerkte er mit einem langen Seufzer. „Und ich weiß, wonach Sie suchen. Sie suchen nach Hinweisen zum Mörder Ihres Vaters", ergänzte er, und Dracos Kiefermuskel lockerte sich.
„Ich kannte Ihren Vater. Ich habe Ihren Vater mit eingeschult", sagte Dumbledore plötzlich lächelnd, als würde er sich erinnern. „Wissen Sie, es ist schön, wenn sich Generationen in Hogwarts wiederholten, finden Sie nicht? Wir haben das Glück, jedes Jahr einen neuen Weasley zu bekommen, auch wenn Mr Filch dies nicht unbedingt als Glück auffassen mag, und wir haben die Ehre einen neuen Malfoy in unseren Hallen zu haben", ergänzte er mit einem Blick auf ihn. „Sie ähneln Ihrem Vater. In guten wie in schlechten Eigenschaften, das möchte ich nicht leugnen", sagte er fast sanft. Draco spürte, wie er sich anspannte.
„Ich habe Ihren Vater als meinen Lieblingsschüler unterrichtet, müssen Sie wissen. Er war… so anders als die anderen. So überaus begabt. So überaus fähig und klug. Er wusste auf jede Frage eine Antwort, sei es auch eine, die von der Antwort im Lehrbuch ins Gegenteil abwich. Und er war ein Malfoy. Ihr Großvater war ein schwieriger Mann, Draco. Muggelfeindlich, streng und sehr auf Traditionen bedacht. Eine dümmer als die nächste, wenn Sie es mir erlauben", bemerkte er mit einem eindeutigen Blick. „Aber Ihr Vater war… nicht überzeugt davon. Ich habe es immer gemerkt. Aber… wie es der Gruppenzwang nun mal will, war Ihr Vater nicht mächtig genug, zu widerstehen. Und er war wohl auch an Voldemorts Seite ebenso gewissenhaft und perfekt, wie er es damals auf der guten Seite gewesen war."
Draco wusste darauf keine Antwort, aber Dumbledore schien keine Antwort zu erwarten. „Ich befürworte keine seiner Entscheidungen, die er auf Voldemorts Seite getroffen hat. Lucius hatte die Begabung, Menschen zu führen, zu leiten. Und wer die Macht hat, zu führen, verliert schnell die Kontrolle über manche Dinge. Ich bin überzeugt, hätte er mehr Zeit gehabt, hätte er den richtigen Weg wiedergefunden. Oftmals liegt es nicht am Wille, Draco", fuhr Dumbledore nachdenklich fort. „Den Willen haben wir so früh so klar geformt, dass daran nicht mehr zu rütteln ist. Aber oft legen uns Eltern, Freunde – wir selber manchmal auch – viele Steine in den Weg. Unüberwindbare Felsen, manchmal."
Dumbledore seufzte schwer, ehe er fortfuhr.
„Ich möchte denken, dass es für die Eltern nichts Vollkommeneres gibt, als die Geburt ihrer Kinder. Und dass sie nichts mehr bestreben, als ihre Kinder zu schützen. Vor allem, was da kommen mag. Aber ich weiß es besser. Ich wusste, wir, meine Geschwister und ich, waren nicht das Beste, was unserem Vater passieren konnte. Oder unserer Mutter. Und ich weiß, viele Kinder sind allein. Wir bleiben Kinder insgeheim, Draco. Auch wenn man uns wie Erwachsene behandelt, und anspricht wie Erwachsene, erwartet, dass wir die Entscheidung eines Erwachsenen treffen."
Draco schluckte schwer. „Ich kann es Ihnen nicht nehmen. Die Schwere. Die Last. Das Gefühl, von dem Sie überzeugt sind, dass es Sie irgendwann einholen und zerstören wird. Ich weiß nur, dass es irgendwann besser wird. Irgendwann passiert etwas, was Sie anders denken lässt. Was Sie anders handeln lässt – wenn auch nur ein einziges Mal, für eine einzige Sekunde", erklärte Dumbledore mit leiser Überzeugung. „Bis dahin möchte ich Sie bitten, Ihren Gemeinschaftsraum nicht mehr mit Ihrem Zorn zu strafen", erklärte er offen.
Draco spürte ein unangenehmes Gefühl in seiner Kehle.
Er biss die Lippen fest zusammen, aber Dumbledore verschwamm bereits vor seinen Augen. Die heißen Tränen kamen ungewollt, unerwünscht, aber sie waren nicht aufzuhalten.
Er weinte stumm. Der Schrei, der seiner Kehle entrinnen wollte, kam aber nie. Es war zu viel Schmerz in seinem Innern, da war kein Platz für einen Schrei. Er hatte den Kopf in den Händen vergraben, wollte am liebsten im Erdboden versinken und niemals mehr Tageslicht erblicken.
Dumebldore war aus dem Stuhl seines Vaters aufgestanden. Er schritt langsam hinter ihn und legte ihm die Hände auf die Schulter.
„Ich weiß", war alles, was er noch sagte. Mitfühlend drückten Dumbledores Finger sanft seine Schultern, ehe er aus dem linken Ärmel ein schneeweißes Taschentuch schüttelte. Draco ergriff es beschämt, und wischte seine Tränen daran ab. Er starrte zitternd auf den Boden hinab. „Ich schlage vor, Sie verbringen die eine Nacht im Krankenflügel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie große Lust haben, Ihre Gefühle im Gemeinschaftsraum teilen zu wollen?", bemerkte Dumbledore, und Draco nickte lediglich. Leer und emotionslos. „Und behalten Sie das Taschentuch", ergänzte Dumbledore, und Dracos Blick fiel auf das nasse Stofftuch in seinen Händen. Es hatte eine weiße Spitze. Es wirkte… antiquiert, beinahe.
Er erkannte durch seinen tränenverschwommenen Blick die eingestickten Initialen: A.K.D.
Ariana Kendra Dumbledore.
