Kapitel 15

„Was tut sie?", hörte Hermine Harry fragen, während er nicht die Treppen hoch zum Schlafsaal konnte, weil es Jungen verboten war.

„Sie liegt im Bett", antwortete Ginny also, besorgt und wahrheitsgemäß.

„Warum?", wollte Harry fast ungehalten wissen.

„Ich weiß es nicht", sagte Ginny schließlich.

„Ich will mir ihr reden!", entfuhr es Harry zornig.

„Das wird wohl nicht gehen. Du kommst nicht in den Schlafsaal, und ich glaube auch nicht, dass sie reden will", erklärte Ginny gepresst.

Hermine hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten, aber stattdessen erhob sie sich schließlich mit einem Ruck.

„Sie hat das Frühstück verpasst. Und ich denke, es ist wichtig, dass wir reden!", fuhr Harry unbeeindruckt fort. Hermine kam langsam die Treppe des Schlafsaals herunter, noch immer in ihrem Schlafanzug, die Haare ungekämmt und nicht besonders gut gelaunt.

„Und über was?", fragte sie ihn resignierend. Er erfasste sie, und sein Blick wanderte prüfend über sie.

„Wieso bist du nicht aufgestanden? Bist du krank?", wollte Harry sofort wissen.

„Nein. Nein, ich bin nicht krank. Mir war einfach nicht danach", murrte Hermine.

„Wegen-"

„-wegen gar nichts", unterbrach sie ihn eindringlich. „Einfach nur so", log sie jetzt, denn sie würde sich nicht mit Harry wieder über dasselbe Thema streiten. Er fixierte sie finster.

„Stimmt es, dass du mit Kingston auf den Ball gehst?", wechselte er plötzlich das Thema, die Augen argwöhnisch verengt. Ginnys Mund war aufgeklappt.

„Ja", erwiderte Hermine, denn sie hatte es verdrängt, und ihre Mundwinkel sanken ein Stück, als sie sich wieder erinnerte. Das kam ja noch dazu! Verdammt.

„Und wieso, wenn ich fragen darf?", wollte Harry mit verschränkten Armen wissen. „Nicht, dass es mich etwas angeht, oder dass du mir sagen würdest, warum – ich dachte nur, unter dem Gesichtspunkt, dass wir mal irgendwann Freunde gewesen sind!", knurrte er.

Sie verdrehte die Augen. „Er hat mich gefragt", schloss sie schließlich, denn sie konnte sich wohl schlecht anmerken lassen, dass sie nicht wollte.

„Er hat dich…?"

„Tausendmal", ergänzte sie. „Und dann habe ich ja gesagt", wiederholte sie.

„Weil er tausendmal gefragt hat?", vergewisserte sich Harry.

„Ja, Harry. Ist es so schwer vorzustellen?"

„Ja, Hermine. Aber weißt du, das ist kein Problem. Es ist mir egal, und ehrlich gesagt, solange du nicht mit Malfoy gehst, ist es mir sogar recht." Hermine war kurz davor wütend zu werden, ihn anzuschreien, wie er das von ihr denken konnte, aber Harry fuhr einfach fort. „Er ist übrigens weg", ergänzte er dann.

Und Hermine schwieg abrupt. „Weg?", wiederholte sie dann das unbefriedigende, nichtssagende Wort.

„Ja. Mit Dumbledore. Sie sind früh gegangen heute Morgen. Den Auror haben sie mitgenommen. Ich dachte, vielleicht hast du Informationen darüber?", erkundigte er sich, mit einem Hauch Neugierde.

Und sie zwang sich dazu, dass es ihr egal war.

„Nein. Keine Ahnung. Und es ist mir auch egal", schloss sie. Harry wirkte nicht zufrieden. Wahrscheinlich ging es ihm gegen den Strich, dass Dumbledore nun Zeit mit jemandem anders verbrachte, und nicht mehr mit Harry, nahm sie an. „Wenn du mich entschuldigen würdest", kürzte sie diese Unterhaltung drastisch ab. „Ich würde gerne duschen."

„Hier oder im Badezimmer der Vertrauensschüler?", rief ihr Harry nach, und sie hielt inne. Denn sein Ton klang… verächtlich? Spöttisch? Es lag irgendwo in dieser Region, aber deuten konnte sie es nicht wirklich. Sie wandte den Blick um.

„Hier", beantwortete sie seine Frage, fast ein wenig vorsichtiger als gewollt. Er nickte wissend.

„Ja, er ist ja auch weg. Da macht das Badezimmer der Vertrauensschüler auch wenig Sinn, nicht wahr, Hermine?"

Und sie sah ihren besten Freund an, während Ginnys Stirn sich langsam runzelte. Harrys Blick war eindeutig zu lesen. Wüsste sie es nicht besser, schien sie zu glauben, er wüsste etwas. Aber… das konnte wohl kaum sein, oder?

Harry wusste nichts. Harry glaubte es nur.

Aber das war schon beunruhigend genug.

„Ok?", wich sie also seiner Frage mit vorgeschützter Ahnungslosigkeit aus, schüttelte verständnislos den Kopf und verschwand im angrenzenden Badezimmer des Gemeinschaftsraums.

Die Handtücher waren frisch gewaschen, gestärkt und von den Elfen liebevoll zusammen gelegt. Hermine bemerkte es jedes Mal, und bedankte sich jedes Mal stumm bei den lieben Geschöpfen. Müde schlüpfte sie aus ihrem Schlafanzug, und bemerkte ihren Hunger jetzt.

Aber sie hatte nicht aufstehen können. Der Streit von gestern saß ihr noch in den Knochen, und vielleicht hatte sie es jetzt geschafft, und die seltsame Verbindung zu Draco Malfoy wäre vorbei. Eigentlich hatte sie nicht runter gehen wollen, um ihn nicht zu sehen, nicht in die Verlegenheit zu kommen, ihn unweigerlich ansehen zu müssen, nur um zu merken, dass es ihm egal war. Egal, was sie ihm gesagt hatte, egal, dass sie überhaupt solange in seinem jämmerlichen Leben existent gewesen war.

Dass sie sich einfach zu sehr an seine Annäherungen, seine bösen Worte, seine ständige Suche nach Kontakt gewöhnt hatte. Und er war nur gemein gewesen.

Seine letzten Worte waren nur Worte gewesen, um sie noch einmal zu verletzen. Sie schloss die Augen, damit sie garantiert nicht weinen würde.

Aber das hier wäre das Ende. Sie würde nichts mehr mit ihm zu tun haben! Gar nichts!

Sie hatte die Tür verriegelt, drehte nackt die Hähne der Dusche auf und wartete stoisch auf die richtige Temperatur. Eines der schmalen, langen Fenster der Badezimmer war geöffnet und überblickte den nebelverhangenen Wald, bis hoch in die Berge.

Aber sie registrierte etwas anderes. Eine Fledermaus hing am Fensterrahmen. Allerdings schaute sie in ihre Richtung, wenn sie einer Fledermaus so etwas unterstellen konnte – oder würde. Aber sie glaubte, dass die winzigen pechschwarzen Augen der Fledermaus in ihre Richtung blickten. Aber sie wusste, Fledermäuse waren blind.

Und vor allem – nachtaktiv.

Und es war so absurd, aber sie fühlte sich so unwohl, dass sie eilig in die Dusche stieg, war die Temperatur auch noch zu heiß.

Sie zog den Duschvorhang hastig zu und hoffte, das Tier würde lediglich schlafen. Ab und an versuchte sie, das schmale Fenster schemenhaft durch den Vorhang zu erkennen, aber sie sah lediglich die Umrisse.

Sie konnte das seltsame Gefühl nicht deuten – aber was konnte ihr eine Fledermaus schon anhaben? Sie vermied es schließlich, ihre Haare nass werden zu lassen, seifte nur ihren Körper ein, ließ die Wärme des Wassers auf sich wirken, aber wirklich entspannen konnte sie nicht.

Es war gelogen, das heiße Duschen einen tatsächlich von allen Sorgen befreien konnten.

Sie fühlte sich nicht wirklich befreit. Aber immerhin war sie so spät dran, dass sie nicht von Lavender in der nächsten Dusche ständig mit Fragen gelöchert wurde.

Fragen über Draco Malfoy….

Deswegen zog sie das Badezimmer der Vertrauensschüler vor, denn niemand kam dort hin. Morgens hatte niemand Lust, im Schlafanzug durch das Schloss zu wandern, zum fernen Badezimmer. Und Harry hatte Unrecht! Sie ging nicht in dieses Badezimmer, um Malfoy über den Weg zu laufen!

Sie drehte schließlich seufzend die Hähne ab, zog den Vorhang auf, und stellte erleichtert fest, dass die Fledermaus verschwunden war.

Sie griff sich eines der Handtücher, trocknete sich den Körper und ihre Beine ab, ehe sie es fest um ihren Oberkörper wickelte.

Der Spiegel auf der anderen Seite war beschlagen, nicht so viel, dass sie sich durch die Wassertropfen nicht erkennen konnte, aber so viel, dass sie kurz in der Bewegung innehielt, denn… fast sah es so aus, als befände sich neben ihr noch eine Person hier im Badezimmer.

Ihr Nacken kribbelte unangenehm. Ein seltsames Gefühl befiel sie.

Und im Nachhinein konnte sie es nur als wissende Angst bezeichnen.

„Hallo, Miss Granger", sagte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Ihr Atem ging flach und ihr Herz schlug laut, als sie den Schrei in ihrer Kehle unterdrückte.

Ein Mann befand sich im Badezimmer der Mädchen. Im Gryffindorturm, dachte sie panisch!

Und ihr Zauberstab lag in ihrem Schlafsaal! Sie könnte schreien! Sie könnte nach Harry rufen, er war bestimmt noch drüben! Aber sie nahm an, der Mann hinter ihr besaß einen Zauberstab, also vielleicht schrie sie besser nicht.

Die Zeit nach dem Krieg hatte sie abstumpfen lassen. Sie witterte Gefahren bei weitem nicht mehr so schnell, denn sie vermutete überhaupt keine Gefahren mehr! Wie dumm von ihr! Die Stimme war ihr unbekannt. So vollkommen unbekannt, aber sie machte ihr panische Angst.

Und langsam wandte sie sich um, bedacht darauf, noch nicht zu schreien.

Und sie wünschte, sie hätte sich nicht umgedreht.

Sie erschrak heftig, wich einige Schritte zurück, bis sie wusste, gleich hätte die den breiten Spiegel im Rücken. Sie blinzelte heftig, denn… es konnte nicht sein!

Lucius Malfoy stand seelenruhig vor ihr. Der schwarze Umhang ein wenig zerschlissen, die blonden Haare ungekämmt und scheinbar vom Wind zerzaust. Er war unrasiert, Dreck klebte auf seiner linken Wange, aber er war unverkennbar Lucius Malfoy.

Und das… konnte nicht sein! Er hielt einen Zauberstab direkt auf ihre Brust gerichtet.

„Es ist eine Weile her, dass sich eine junge Dame für mich ausgezogen hat", erklärte er mit einem widerlichen Lächeln, und sie spürte eine panische Hitze in den Wangen, während sie völlig unbewegt vor ihm stand. „Vielen Dank dafür", spottete er kalt. Gerne hätte sie ihr Handtuch fester um sich gewickelt, aber sie war versteinert vor Angst.

„Was wollen Sie hier?", entfuhr es ihr zitternd, und sie wusste, es konnte nicht Lucius Malfoy sein! Lucius Malfoy war tot! Aber er stand vor ihr!

„Ich möchte, dass Sie mir einen kleinen Dienst erweisen, Miss Granger", erläuterte er, den Zauberstab immer noch unverwandt auf sie geheftet. Ihre Augen verengten sich misstrauisch.

„Wer sind Sie?", brachte sie gepresst hervor, nicht willig, den Mann in dem Glauben zu lassen, sie nähme auch nur eine Sekunde lang an, es handele sich bei ihm um Lucius Malfoy.

„Das ist unerheblich, oder?", entfuhr es ihm, mit einem schmalen Lächeln. „Sie dürfen mich ruhig Lucius nennen, wenn Sie wollen. Aber es ist mir gleich", ergänzte er, während er langsam näher kam. Ihre Augen weiteten sich panisch. „Und wenn Sie denken, zu schreien verlängert ihre Lebenschancen, haben Sie falsch gedacht", kommentierte er, ihr plötzliches Zusammenzucken, während er den Zauberstab langsam über ihre Brust zu ihrem Bauch gleiten ließ. Sie schluckte schwer, denn ihr Mund war trocken, aber sie wich nicht vor ihm zurück. Sie hoffte nur, ihr Handtuch würde nicht fallen. Sie war angewidert von diesem Mann und brauchte alle Kraft, nicht zu weinen vor Zorn und Angst.

„Kluges Mädchen", belohnte er sie mit einem Zwinkern, und sie schloss vor Abscheu kurz die Augen. „Vielleicht können Sie anschließend noch von… privatem Nutzen für mich sein", eröffnete er ihr ein Horror-Szenario und ihre Augenlider flatterten auf.

„Niemals!", brachte sie tonlos hervor, denn sie konnte nur ahnen, was er meinte. Leise lachte er auf. Und dass er Draco so ähnlich war machte es nicht besser! „Was wollen Sie?", fuhr sie ihn an. „Gold habe ich keines! Und Sie sollten genug erbeutet haben, oder nicht?", zischte sie zornig, während sie fast davor war, ihre Hände zu erheben, denn noch immer bedrohte er sie mit dem Zauberstab.

„Oh jaah", bestätigte er, mit einem widerlichen siegessicheren Lächeln auf den ihr so bekannten Malfoy-Zügen. Es war ekelhaft, dass er diesen Körper angenommen hatte. Es stand eine lebenslängliche Strafe auf Verunglimpfung der Verstorbenen. Aber sie glaubte nicht, dass dieser Mann – wer immer er war – so etwas noch fürchtete. „Draco wird heute einen mächtigen Schock bekommen, wenn er nach Gringotts geht", schloss er fast fröhlich. Hermine schüttelte angewidert den Kopf.

Das Lächeln auf den feinen Zügen verlor sich, und wich einem bösartigen Ausdruck.

„Und jetzt… kommen Sie ins Spiel", ergänzte er dunkel. „Mit so viel Gold ist man auffälliger als ich angenommen hatte. Und bedauerlicherweise spaziert Lucius Malfoy nicht mehr tagtäglich durch die Winkelgasse", fuhr er mit klarem Blick aus den eisgrauen Augen fort.

„Und was soll das bedeuten?", flüsterte sie panisch.

„Ich brauche jemanden, der das Gold für mich an einen sicheren Ort bringt, Miss Granger", erklärte er, als wäre es eine simple Aufgabe.

„Das werde ich nicht tun!", widersprach sie sofort. Seine Mundwinkel zuckten kurz.

„Es ist nicht so, dass sie eine besonders große Wahl hätten", erwiderte er, vollkommen selbstsicher. „Der Imperius ist nicht leicht zu brechen, außerdem…" Kurz schwieg er, während er nachdachte. „Folter macht die meisten gefügig, Miss Granger."

„Es wird nicht funktionieren", versprach sie ihm, was sie jedem anderen Bösewicht versprochen hätte, und ignorierte die ohnmächtige Angst vor seiner Folter. Sie erinnerte sich noch gut an Bellatrix und ihre Folter!

„Nein, ganz ohne weiteres natürlich nicht, aber… glücklicherweise gibt es eine nicht ganz unbedeutende Schwäche von Draco Malfoy, die ich gedenke zu meinem Vorteil auszunutzen", erklärte er mit einem Lächeln. Sie starrte ihn an.

Und kurz war sie davor, ihm zu sagen, dass Draco Malfoy keine weitere Schwäche besaß, als den Verlust seines Goldes! Aber sie schüttelte nur mitleidig den Kopf.

„Er wird mir sein Gold praktisch schenken, Miss Granger", erwiderte der Mann vor ihr, mit einem Lachen, als wäre alles viel zu einfach.

„Sie irren sich", knurrte sie beinahe, als er näher kam, immer noch mit einem Lächeln im Gesicht, während seine Augen über ihr Gesicht wanderten.

„Ach ja?", wollte er lächelnd wissen, während sein schmutziger Finger sich langsam zu ihrem Kinn gehoben hatte. Hermine versuchte, nicht zu abgehackt zu atmen, sich keinerlei Schwäche anmerken zu lassen, und sie wollte einfach nur schreien! „Sie unterschätzen uns Malfoys", versprach er ihr rau. Und ehe sie ihm sagen konnte, wie widerlich sie ihn fand, wie abstoßend es war, dass er wagte, sich und Draco als Malfoys zu bezeichnen, dass er den Körper eines Toten gestohlen hatte und damit herum lief als wäre es sein eigener, hob er den Zauberstab höher.

Imperio!", sagte er so voller ernst, dass sie beinahe augenblicklich in eine Trance gesunken war. Widerstand war unmöglich, denn sie wusste, dieser Mann hatte diesen Zauber wohl bereits einige hundertmale zu oft gesprochen. „Ziehen Sie sich an, Miss Granger", sagte seine wohlige Stimme zu ihr, drang durch den Nebel, während sein Zauberstab sank und sein Daumen über ihre Unterlippe fuhr und er mit dem Zeigefinger ihr Kinn anhob.

Sie blinzelte nicht, als sich seine Lippen in einer schnellen Bewegung auf ihren Mund legten. Er küsste sie hart, für eine Sekunde, ehe er sich lächelnd zurückzog. „So gefallen Sie mir schon besser", versicherte er ihr, und ihr Inneres rebelliert, kam aber nicht gegen ihre wache Psyche an. „Sie werden in den Wald gehen, sagen Ihren Freunden nichts davon, und treffen mich in der Mitte des Waldes, an der größten Eiche in einer Stunde. Wenn Sie jemand sieht, lassen Sie sich eine Ausrede einfallen. Und wagen Sie nicht, zu spät zu kommen!"

Seine Worte füllten ihren Verstand, füllten ihr Belohnungszentrum in ihrem Gehirn, und fast wollte sie loslaufen, um seinen Worten schnell Folge zu leisten.

Anziehen. In den Wald gehen. Niemandem etwas sagen.

Hastig hielt er sie am nackten Arm zurück. „Einen Moment noch."

Aus leeren Augen sah sie ihn an, sah wie er sich verwandelte, wie seine Gestalt in Rauch verging, und er als Fledermaus, kurz um ihren Kopf schwebte, ehe er aus dem geöffneten Fenster verschwand. Animagus, registrierte ihr benebeltes Nervensystem schwach, aber schon hatte sie diese Information vergessen.

Ihr Wille war fort.

Anziehen. In den Wald gehen. Niemandem etwas sagen.

Er hatte sich von der Couch im Gemeinschaftsraum erhoben, als sie endlich aus dem Badezimmer gekommen war. Es war ihm wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen.

„Hermine", begann er sofort wieder das Gespräch, das sie gerade erst unterbrochen hatten. Kurz musterte er sie, denn sie trug ein Handtuch um ihren Körper geschlungen, obwohl er angenommen hatte, sie würde danach wieder ihren Schlafanzug anziehen, um nicht in diesem Aufzug durch den Gemeinschaftsraum zu müssen.

Tranceartig hob sich ihr Blick zu seine Gesicht, und er war schon dankbar, keinen Ärger mehr auf ihren Zügen zu erkennen.

„Lass uns nicht streiten, ok?", begann er unsicher das Gespräch, denn sie zeigte gerade definitiv zu viel Haut.

„Ok. Ich muss mich anziehen, Harry", sagte sie mit gleichmütiger Stimme, und seine Hand fand in einer nervösen Geste den Weg in seine verstrubbelten Haare.

„Oh – ja. Sicher, wir… reden gleich?", ergänzte er mit gesenktem Blick, während sie wortlos an ihm vorbeigelaufen war.

„Vielleicht solltest du sie in Ruhe lassen?" Ron war vom Frühstück zurück. Er war noch länger bei Dean und Seamus geblieben. Harry wandte sich ihm zu.

„Ich kann es nicht leiden, wenn wir uns streiten, Ron", erklärte Harry nachdenklich. Ron setzte sich ihm gegenüber auf die Couch.

„Ja, ich auch nicht", erwiderte er nickend.

„Ich meine… - hast du nicht das Gefühl, dass sich etwas geändert hat?", fragte Harry nun und setzte sich ratlos neben ihn.

„Wir ändern uns alle, Harry", bemerkte Ron fast zu weise, fiel Harry auf. Harry verdrehte die Augen.

„Ja, schon klar, aber…" Er verzog missmutig den Mund.

„Harry, sie sagt, da ist nicht mit Malfoy, also… warum lässt du es nicht gut sein?", fragte Ron nun ehrlich, während er vor sich auf den Tisch griff, um die Karten für Snape explodiert auszuteilen.

Er dachte nach. Weil sie nicht die Wahrheit sagte. Deshalb.

„Und dass sie mit diesem Arschloch zum Ball geht?", fuhr er jetzt fort und versuchte, Ron irgendein Gefühl zu entlocken, was seine eigenen Reaktionen bestätigen konnte.

Ron verzog den Mund. „Ja, das ist komisch. Aber vielleicht…" Er schwieg, denn ganz klar wusste auch er darauf keine Antwort.

„Vielleicht rede ich mit ihm", überlegte Harry langsam.

„Mit…?" Ron schien kurz verwirrt.

„Mit Kingston!", antwortete Harry gereizt.

„Vielleicht solltest du meiner Schwester etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn du doch schon den Aufwand begehst, sie unbedingt als Freundin zu haben", meckerte Ron, während er demonstrativ den Blick auf Harry mied. Richtig. Da war noch Rons Abneigung gegen jedes männliche Wesen, das seiner Schwester zu nahe kam.

Ginny stand am Fenster und lachte über etwas mit Parvati. Harrys Mundwinkel zuckten bei ihrem Anblick. Leider befürchtete er, dass Ron mit diesen Entwicklungen klar kommen musste….

„Ich wusste nicht, dass wir so offen darüber reden, Pfarrer Ron", erwiderte Harry spitz, während Ron rot bis unter den Haaransatz wurde, aber stoisch die Karten austeilte.

„Ich denke einfach nur, dass… Hermine sich übernimmt, wenn sie… zu viel mit diesen Slytherins unternimmt", schloss er seufzend.

„Hey Hermine!", rief Ron über Harrys Kopf hinweg, denn scheinbar war sie wieder runtergekommen. „Willst du eine Runde mitspielen?", fragte er, so locker, wie nur Ron es konnte. Ron schien sich nicht so viele Gedanken zu machen, wie er. Vertraute er Hermine mehr in diesen Dingen? Harry konnte es nicht sagen.

„Ich kann nicht", war alles, was sie kopfschüttelnd sagte, die Locken ungebändigt, den Blick starr nach vorne gerichtet.

„Wo gehst du hin?", wollte Ron wissen. Kurz schien zu überlegen.

„In die Bibliothek", erwiderte sie. Und kurze Sätze waren für Hermine eher… ungewöhnlich, stellte Harry stirnrunzelnd fest.

„Es ist Sonntag", sagte Ron angewidert. Dann wandte sie sich ihnen zu. Der Blick aus ihren braunen Augen war nicht verurteilend, obwohl Harry fest damit rechnete, dass sie gleich so etwas sagen würde, wie, dass es ihm und Ron auch nicht schaden würde, etwas mehr für die Schule zu tun.

Aber sie sagte nichts.

„Ich muss los", schloss sie also.

„Bis später", sagte Ron, vielleicht sogar erleichtert, dass sie ihm mit keiner Moralkeule um die Ecke gekommen war.

Dann war sie verschwunden.

„Das war seltsam", bemerkte Harry, als er die Karten aufnahm, die Ron ausgeteilt hatte.

„Was?", wollte Ron verblüfft wissen. „Dass sie in die Bibliothek geht? Nicht wirklich, oder?", warf er stirnrunzelnd ein.

„Nein", widersprach Harry kopfschüttelnd, „dass sie uns nicht gezwungen hat, mitzukommen", schloss er, während ihm etwas sehr, sehr seltsam vorgekommen war.

Irgendetwas… war anders gewesen. Ihr… Gesicht….

War sie doch sauer auf ihn? Hatte sie ihm Badezimmer ihre Meinung geändert und hatte entschieden, nun gar nicht mehr mit ihnen irgendetwas zu machen?

„Hm", bemerkte Ron achselzuckend. „Vielleicht hat sie eingesehen, dass es hoffnungslos ist? Außerdem hätte Merlin bestimmt etwas dagegen, wenn zwei so heldenhafte Zauberer wie wir es sind, am Sonntag zu hart arbeiten", schloss er grinsend.

Harry musste lächeln.

„Jaah", räumte er schließlich ein. „Ich überrede sie heute Abend, mit uns noch eine Runde zu spielen", ergänzte er. Ron schien erleichtert, während er eilig seine Karten ablegte. Hastig erwiderte Harry mit seinem ersten Ass, das er auf den Stapel warf, und bevor Ron den Zug erwidern konnte, knallte das Ass in die Luft.

„Ha! Explodiert!", rief Ron triumphierend, und Harry musste den gesamten Stapel aufnehmen.

„Lass uns Schach spielen", drohte er murrend, und schüttelte lachend den Kopf.

„Nein, ich denke, bei Snape explodiert hast du wenigstens eine reelle Chance, großer Potter!"

Harry hasste Gesellschaftsspiele….