Kapitel 16

Er hatte erwartet, dass Dumbledore irgendeinen Kommentar abgeben würde. Darüber, dass das Verlies geleert worden war, darüber dass Draco vor ihm wie ein Kleinkind geweint hatte – vielleicht, dass Dumbledore verstand, wie er sich fühlte, dass er ein weiteres Gespräch mit ihm führen wollte, aber… es geschah nichts davon.

Draco wusste nicht einmal, ob er sich mit Dumbledore an seiner Seite wohler fühlte oder nicht, als ihm die verdammten Kobolde verkündet hatten, dass sie sich keiner Schuld bewusst wären, und wenn Lucius Malfoy nach Gringotts käme und Auszahlung verlangt, dann würden sie ihm diese nicht verweigern, wenn er sogar den Schlüssel bei sich hatte.

Und es hatte Draco stutzig gemacht – natürlich neben einigen anderen Dingen, wie rasend vor Wut und fuchsteufelswild zu sein. Denn der Schlüssel befand sich im Herrenhaus, verborgen in einem Versteck, zu dem nur Draco den Zugang kannten. Und Lucius.

Aber… dieser Punkt war hinfällig, sein Vater war tot.

Dumbledore schien seit einer Weile nachzudenken, denn er sprach nicht mehr.

Er hatte den ganzen Weg über wenig gesprochen, und Draco konnte nicht anders, als hin und wieder den Blick zu heben. Verstohlen betrachtete er den alten Mann, wie er sich über den langen weißen Bart fuhr.

Sie hatten Gringotts verlassen und standen auf der belebten Winkelgasse.

Menschen hasteten an ihnen vorbei, gingen ihren Berufen und Geschäften nach, und interessierten sich keinen Deut für ihn oder Dumbledore, wie sie unschlüssig vor Gringotts verharrten. So viele Menschen. Und das an einem Sonntag.

Ungeduld pochte in Dracos Innern. Das, und das Verlangen, diesem verdammten Dieb einen guten Cruciatus zu zeigen, der ihn in bodenlose Ohnmacht voller Todesqualen schickte!

„Draco", begann Dumbleodre schließlich, „ich möchte, dass Sie jetzt sehr genau überlegen", fuhr er fort. Draco sah ihn an. Dumbledores Blick hatte etwas Prüfendes an sich. „Ist Ihnen in der letzten Zeit etwas widerfahren, was Sie hätte annehmen lassen können, dass das Verlies Ihrer Familie ausgeraubt werden würde?"

Draco starrte ihn an. „Von jemandem, der mit Vielsafttrank die Gestalt meines verstorbenen Vaters annimmt? Nein, Sir", ergänzte er ungläubig. Dumbledore schüttelte sanft den Kopf.

„Nein, natürlich nicht. Ich rede von… offenen Verbindlichkeiten. Vielleicht Verbindlichkeiten Ihres Vaters?"

„Schulden? Sir, bei allem Respekt, aber wir haben keine Schulden", erwiderte er, ohne den Hauch von Respekt.

„Bei allem Respekt, Draco, Ihr Lebenswandel an meiner Schule zeigt keine Laufbahn von ausnahmsloser Rechtschaffenheit", wiederholte er seine Worte, und Draco öffnete langsam den Mund. „Es könnte auch jemand aus Hogwarts sein. Ich halte es für fernliegend, aber… es ist mir zu Ohren gekommen, dass Miss Parkinson einige Glücksspielabende im Gemeinschaftsraum der Slytherins betreut hat?" Kurz verlor Draco ein wenig an Fassung.

Dumbledore war ein verdammter Spürhund. Und das dachte Dumbledore?

„Spielschulden. Dann kommt vielleicht Ihr Bekanntheitsgrad maßgebend hinzu?", ergänzte Dumbledore vage.

„Ich wüsste nicht, wer mit mir eine offene Verbindlichkeit haben sollte", blockte Draco ab, denn er konnte es sich nicht denken. „Es könnten genauso gut Ehemalige gewesen sein", ergänzte er gereizt.

„Todesser?", griff Dumbledore die Worte auf. „Sie glauben, ehemalige Todesser hätten das Verlies Ihres Vaters leeren können?" Draco hätte ihn gerne berichtigt, und gesagt, es wäre jetzt sein Verlies, aber er verkniff sich diese unpassende Bemerkung.

„Nein, nicht wirklich", erwiderte er zerknirscht. „Man braucht einen Schlüssel. Und…"

„… wer auch immer hier war – hatte diesen Schlüssel!", schloss Dumbledore nickend. Er dachte wieder nach. Dann tippte er sich gegen das spitze Kinn. „Jemand ist also nach Malfoy Manor gegangen, hat den Schlüssel entwendet… mit der Absicht, als Lucius Malfoy das Verlies zu plündern", schloss Dumbledore unzufrieden. „Viele Variable ergeben hier noch keinen Sinn. Ich bin sicher, Ihre Mutter hätte so etwas unterbunden."

Draco war sich nicht ganz sicher, ob seine Mutter dazu überhaupt noch in der Lage war. Aber kein Eindringling hätte den Schutz der Tore überwinden können. Einfach nach Malfoy Manor zu spazieren war… unmöglich. Dumbledore antwortete, als hätte Draco laut gesprochen.

„Ihre Mutter wurde befragt, sie sagte, niemand wäre überhaupt in das Herrenhaus gekommen, seit Lucius' Tod. Außer Severus", ergänzte Dumbledore. Und das stimmte.

„Vielleicht… wurde Ihr Gedächtnis manipuliert?", vermutete Draco, ohne es wirklich zu glauben.

„Die Auroren haben bereits stichprobenartig ihre Erinnerung untersucht. Nichts scheint verändert worden zu sein", erwiderte Dumbledore kopfschüttelnd. „Draco, es klingt nach Rache. Es klingt für mich wie eine wohl überlegte Tat. Denn niemand verfügt über eine solche derartige Gunst des Zufalls, Haare eines verstorbenen, sehr reichen Zauberers zu besitzen", schloss er grimmig. „Zumindest nicht in den Kreisen, in denen ich verkehre", ergänzte er mit gerunzelter Stirn.

„Und jetzt?", wollte Draco zornig wissen. „Jetzt ist er auf und davon? Mit meinem Gold?"

Es machte ihn so unglaublich zornig, zu glauben, sein Vater wäre ermordet worden. So zornig, dass er kaum noch atmen konnte.

„Es ist eine beträchtliche Summe, Draco", gab Dumbledore zu bedenken. „Was würden Sie mit einer solchen Summe anstellen, wenn Sie sie in den Händen hätten?

„Es sind Millionen von Galleonen!", rief Draco wütend aus, nicht willig, sich zum Schreien hinreißenzulassen. Natürlich war bereits jede magische Bank im europäischen Umfeld in Kenntnis gesetzt worden. Aber wenn irgendein Zauberer kam und vielleicht nur einige Tausend in einem Verlies anlegen wollte, wäre es nichts Ungewöhnliches.

„Das Gold muss sich an einem sicheren Ort befinden. Zumindest an einem Ort, wo es nicht auffällt", mutmaßte Dumbledore. Draco verzog den Mund.

Die Kobolde hatten sie informiert, dass der Mann das Gold mittels des Reducto-Zaubers verkleinert und in einer Reisetasche hatte verschwinden lassen. Gold besaß jedoch die Eigenschaft, sich nicht auf Dauer einem solchen Fluch zu unterwerfen, und es nahm nach einer gewissen Zeit wieder die ursprünglich Größe an. Wo verbarg man hunderte von Millionen Galleonen, Dutzende Goldbarren und was sonst noch für Wertsachen im Verlies rumgeflogen sind?!

„Ich glaube nicht, dass er ein Herrenhaus diesen Ausmaßes besitzt", fuhr Dumbledore fort. Draco hörte ihm nicht zu. Alles, was er wusste, war, dass er nun keinen Sickel mehr besaß.

Dass seine Mutter wahrscheinlich den Verstand komplett verloren hatte – und dass irgendein Schwein in das Haus seiner Ahnen eingedrungen war, ohne bemerkt zu werden.

Und natürlich, dass er die ganze Zeit über recht gehabt hatte!

Jemand hatte ihn umgebracht!

Er schloss die Augen.

„Draco?" Dumbledore schien ihn bereits wiederholt anzusprechen. „Keine Sorge. Wir werden diese Sache lösen, verstehen Sie?" Dumbledore klang lächerlich zuversichtlich.

„Ja? Und wie?", entfuhr es ihm nahezu hoffnungslos.

„Ich werde mich an dieses Problem begeben und zu einer Lösung kommen. Ich bin sehr gut im Lösungen finden", versprach er ihm mit einem zuversichtlichen Ausdruck. „Und bis dahin nehme ich an, das Gold in Ihrem Verlies war nicht alles, was an Vermögenswerten zu Ihrer Verfügung stand?" Draco ruckte mit dem Kopf. Nein, natürlich nicht – aber wenn ein paar hundert Millionen fehlten, dann schmerzte es schon ein wenig! Das dachte er allerdings nur.

Er selber konnte sich nicht vorstellen, dass jemand damit davon kam.

„Ich will, dass er gefasst wird", knurrte Draco zornig.

„Das wollen wir alle", bestätigte Dumbledore, während sie weitergingen.

„Ich will, dass er für Mord nach Askaban kommt!"

„Das wird er. Das verspreche ich Ihnen", entgegnete Dumbledore mit grimmiger Sicherheit. Draco atmete schwer. Ihm war alles Gold der Welt scheiß egal. Er wollte seinen Vater zurück. Und wenn er das schon nicht bekam, dann wollte er seinen Tod auf das Schlimmste rächen! Auf das aller Schlimmste!

Sie apparierten nach einigen Metern nach Hogsmeade zurück. Es war später Nachmittag. Der Sonntag war so schnell vergangen, und es war ein grauenhafter Sonntag gewesen. Jetzt konnte sich Draco wieder mit völlig banalen Kleinigkeiten rumärgern. Es war ein bodenloses Gefühl. Alles, was er tat, war vollkommen belanglos. Alles.

„Wie wäre es, wenn Sie und Miss Granger die Gänge patrouillieren würde. Viellicht bringt es Sie auf andere Gedanken", schlug Dumbledore zwanglos vor, als sie die Anhöhe in Richtung Hogwarts einschlugen. Draco hob verstört den Blick.

„Gänge patrouillieren?", fragte er verdutzt, und Dumbledore nickte schließlich.

„Es ist eine Ablenkung, und außerdem immer noch Ihre Pflicht", ermahnte Dumbledore ihn, und Draco wollte gar nichts mehr. Er wollte nur noch… alleine sein. Gar nichts tun, außer diesen Wichser zu finden und umzubringen! Ihm das antun, was er seinem Vater angetan hatte! Wahrscheinlich wollte Dumbledore ihn ablenken, aber Draco konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen.

Und er wollte nicht mit Granger durch das Schloss spazieren, von ihr ignoriert werden, während er sie hasste. Sie wirklich hasste!

Gott, er hoffte, sie wäre einfach vom Erdboden verschwunden und er würde sie niemals wiedersehen müssen!

Es war Professor McGonagall, die gegen acht Uhr zum Gemeinschaftsraum kam.

Harry und Ron saßen bei der gefühlt achtzigsten Runde Snape explodiert, und Harry war in eine Art Trance gefallen, Ginny gelangweilt neben ihm auf der Couch, in einen Quidditchartikel vertieft.

„Mr Potter, Mr Weasley?", begann sie schließlich das Gespräch, und Harrys Kopf schnappte nach oben.

„Professor McGonagall", entfuhr es ihm überrascht. Auch Ron fuhr sich prüfend durch die Haare, versuchte, die Krawatte fester zu ziehen, und der gesamte Gemeinschaftsraum beeilte sich, alle Gemütlichkeit in eine steife Höflichkeit zu verwandeln.

„Ich bin auf der Suche nach Miss Granger", erklärte sie.

Harry runzelte die Stirn, ehe er mit Ron und Ginny einen Blick tauschte.

„Sie ist in der Bibliothek", erwiderte er sofort. Aber McGonagall schüttelte den Kopf.

„Nein, dort ist nicht", widersprach sie kopfschüttelnd. „Ihre Patrouille hat angefangen, allerdings ist sie nicht dort", schloss sie mit einem Blick durch den Gemeinschaftsraum. „Ist sie in ihrem Schlafsaal?", fuhr sie schließlich fort, und Harry versuchte sich zu entsinnen, ob Hermine bereits wiedergekommen war.

„Sie… ist noch nicht zurück", entfuhr es Harry schließlich.

„Vielleicht haben wir sie nicht gesehen. Ich sehe rasch nach", versprach Ginny, sprang von der Couch und beeilte sich, die Stufen hochzusprinten. McGonagall wartete mit verschränkten Fingern und schien sich besonders an Rons zerknittertem Hemd zu stören. Allerdings behielt sie ihre Meinung für sich, mit einem entsprechend ausdrucksschweren Blick.

„Nein, sie ist nicht da!", rief Ginny außer Atem, als sie die Treppe wieder runter kam. „Professor McGonagall, was ist mit Malfoy?", fragte Ginny anschließend, die Stimme ein wenig abgekühlt. „Manchmal ist Hermine im Gemeinschaftsraum der Slytherins", gab sie zu bedenken.

Aber McGonagall wirkte enttäuscht. „Mr Malfoy ist bei mir, Miss Weasley. Ich… habe ihn vorhin aus seinem Gemeinschaftsraum abgeholt", erklärte sie.

Ginny verfiel in Schweigen.

„Was ist mit der Eulerei?", warf Ron jetzt ein, nachdem er sich erhoben hatte. „Die Große Halle? Vielleicht gibt sie Nachhilfe in einem leeren Klassenzimmer? Vielleicht…"

„-hat sie sich mit Caldon Kingston getroffen!", unterbrach Harry Ron. „Sie… geht mit ihm auf den Abschlussball." Ron zog bei Harrys Worten die Nase kraus, als würde es ihm besonders missfallen.

„Nun-", begann McGonagall unschlüssig.

„-Kingston ist im Gemeinschaftsraum", vernahm Harry Malfoys Stimme. Er betrat nun hinter McGonagall den Gryffindorgemeinschaftsraum, mit offener Ablehnung im Gesicht. Harry hatte ihn hier noch nie gesehen. Seine Laune verschlechterte sich sofort. Und gleichzeitig wollte er ihn fast schon fragen, was er heute mit Dumbledore herausgefunden hatte, aber er ignorierte diesen Drang.

Malfoy wirkte gelangweilt, zornig, desinteressiert – alles irgendwie auf einmal. Wahrscheinlich war es ihm so zuwider hier zu sein, wie es allen Gryffindors zuwider war.

Harry sah plötzlich, wie Lavender aufsprang und schluchzend den Gemeinschaftsraum verließ. Sie stürmte zu den Schlafsälen hoch. Die Blicke der Gryffindors folgten ihr, während einige Mädchen ihm böse Blitze aus den Augen zuschossen – die er ignorierte.

Harry zog die Augenbraue in die Höhe und tauschte mit Ron einen Blick. Ron kaute allerdings auf seiner Unterlippe.

„Hagrid!", rief er schließlich aus, so dass McGonagall zusammenzuckte. „Sie könnte bei Hagrid sein!"

„Das ist denkbar, Mr Weasley", räumte sie ein. Kurz fiel ihr Blick auf Malfoy, dann fixierte sie ihn. „Mr Potter, wieso sehen Sie und Mr Malfoy nicht nach?", schlug sie vor, und Harrys Mund öffnete sich perplex.

„Was?"

„Wenn Sie sie dort antreffen, kann sie von dort die Patrouille mit Mr Malfoy beginnen, ansonsten kommen Sie bitte direkt zu meinen Unterkünften." Die gewohnte Strenge lag in McGonagalls Stimme und die Mahnung von Punkteabzug schwang in ihren Worten mit, würde Harry sich wohl weigern. Er würde es nicht diskutieren können, nahm er an.

Aber er würde vorher einen Blick auf die Karte der Rumtreiber werfen. Wäre Hermine im Schloss, müsste er keine unmöglich langen Wege auf sich nehmen, und ausgerechnet mit Malfoy zu Hagrid laufen.

„Ja, Professor", sagte er also, wenn auch widerwillig. „Ich bin sofort da." Harry ging hoch zu seinem Schlafsaal, und Malfoy schenkte ihm einen Blick, den Harry nicht besser hätte erwidernd können. Er sollte sich ja nicht anstellen! Als ob Harry scharf darauf war, ausgerechnet mit dem Arschloch von Slytherin über die Ländereien zu spazieren.

Sie war nicht im Schloss.

Und wenn sie nicht gerade im Raum der Wünsche versteckt war, dann wusste Harry nicht, wo sie sein sollte. Er war angespannter als noch vor zwanzig Minuten. Malfoy neben ihm stöhnte ab und an gereizt, und Harry hasste ihn einfach.

Egal, ob er gerade Probleme hatte oder nicht.

„Hör auf zu rennen, Potter", beschwerte er sich zornig.

„Es mag dir vollkommen egal sein, aber mir ist es wichtig, dass Hermine auftaucht!", erwiderte Harry, nahe dran, laut zu werden.

„Merlin, das Miststück versteckt sich irgendwo", erwiderte Malfoy lapidar, und Harry hielt inne, aber Malfoy war es nicht wert. Er war es einfach nicht wert, dass Harry nun kostbare Zeit vergeudete. Also zog er es vor, nicht mehr auf Malfoy zu reagieren und beeilte sich, zu Hagrid zu kommen.

Er klopfte so heftig, dass Hagrid polternd zur Tür kam.

„Bei Merlins Bart, was zum – Harry?", entfuhr es ihm überrascht, als er mit Fang an den Fersen und einer Bratpfanne bewaffnet die Tür aufgezogen hatte.

„Hagrid, ist Hermine bei dir?", fragte Harry, ohne sich um eine Begrüßung zu bemühen, aber er spähte bereits in die Hütte, nur um zu sehen, dass Hagrid alleine war. Ein wenig exzentrisch mit der gehobenen Bratpfanne, aber Hagrid war allein.

„Nein", erwiderte Hagrid verwirrt. Harry atmete aus. Hagrids Blick war über Malfoys Erscheinung gewandert. Und Hagrids Blick sprach bereits Bände.

„War sie bei dir?", fragte Harry hastig, aber Hagrid schüttelte den Kopf.

Harry fuhr sich durch die strubbeligen Haare. Und jetzt? Malfoy wirkte immer noch so desinteressiert, als könnte es ihn nicht weniger stören. Es machte Harry wahnsinnig.

„Hast du vielleicht irgendeine Idee? Oder willst du lieber ein Kotzbrocken sein?", fuhr Harry ihn jetzt an, und ungläubig sah Malfoy ihn an.

„Was habe ich damit zu tun, Potter?", knurrte er.

„Ich dachte, sie wäre längst zurück", unterbrach Hagrid verständnislos das Gespräch.

Gerade als Harry Malfoy anschreien wollte, besann er sich.

Langsam wandte er sich um.

„Also war sie hier?", entfuhr es ihm. Hagrid ruckte mit dem Kopf, während er sich nachdenklich mit der Bratpfanne am Hinterkopf kratzte.

„Na, nicht in meiner Hütte!", wich er aus. „Sie… war unterwegs in den Wald", erzählte er jetzt kopfschüttelnd. Harry Augen weiteten sich.

„In… den Verbotenen Wald, Hagrid?", erwiderte er hastig, und Hagrid nickte.

„Ja, welchen Wald sonst, Harry?"

„Und du hast sie da reingelassen?", fuhr Harry ihn praktisch an. Hagrid wirkte besorgter.

„Nein! Ich habe ihr gesagt, Schüler dürfen da nicht rein, und sie… sie hat gesagt, sie müsse nur Grauwurzeln für… Zaubertränke für Snape besorgen", ergänzte Hagrid schnell. „Und… und sie hat mich so angesehen, Harry. Ich kann nicht Nein sagen zu ihr!", rief er verzweifelt. „Und ich hab gesagt, aber nur wenn du Pam mitnimmst, Hermine, hab ich gesagt", rechtfertigte er sich.

„Pam?", wiederholte Harry entgeistert. Hagrid deutete nach hinten auf den schlafenden Spinnentöter.

„Pamela? Meinen Spinnentöter!", erklärte er. „Hermine meinte auch, wie prächtig er gewachsen ist, und dass sie nur zu gerne eine Runde mit ihm drehen wollte…" Harry wartete, dass Hagrid weitersprach, aber er war merklich still geworden. Harry starrte ihn an.

„Hagrid", begann Harry sehr langsam, „der Spinnentöter liegt schlafend auf dem Teppich. Aber Hermine ist nicht da", erläuterte er, nahe am Rande seiner letzten Geduld mit Hagrid.

„Oh Harry, ich dachte, sie hätte ihn wieder gebracht, als ich mit Fang unterwegs war. Pam lag schlafend vor der Hütte, als ich wiederkam! Ich dachte, Hermine wäre längst zurück!", rief er aus.

Harry starrte ins Leere. Das war… - wieso sollte Hermine in den Verbotenen Wald gehen, um nach Grauwurzeln für Zaubertränke zu suchen?! Wieso sollte sie? So etwas befand sich in Snapes Vorrat! Schüler mussten für so etwas nicht in den Wald. Und auf gar keinen Fall würde Hermine freiwillig dieses riesige Monster mitnehmen!

Langsam wandte sich sein Blick über die Schulter. Die Sonne war untergegangen. Der Wald lag vor der Hütte, tief und dicht. Es ging eine alles erschlagene Stille von ihm aus.

War sie… dort drin?

Harry hörte, wie Hagrid rumorte. Keine zehn Sekunden später stand er, die Armbrust über die massige Schulter geschlungen an der Tür.

„Ich gehe sie suchen", versprach er, aber Harry ruckte mit dem Kopf.

„Hagrid, Hermine würde niemals in den Wald gehen. Sie hat zu viel Respekt vor dem Wald."

„Aber Harry, sie hat gesagt-"

Und plötzlich klärte sich Harrys Blick. Hagrid verstummte bei Harrys Anblick augenblicklich. Er erinnerte sich an ihren Ausdruck heute! Diese seltsame Abwesenheit im Gesicht, die Leere in die Augen – der Glanz…

Seine Atmung war abgeflacht. Sie hatte ausgesehen wie…-

Und er wandte sich sofort zu Malfoy um. Und selbst Malfoy wirkte nicht mehr vollkommen desinteressiert, und hatte er vielleicht eine spöttische Bemerkung auf den Lippen gehabt, so war sie bei Harrys Anblick scheinbar augenblicklich auf seinen Lippen verstorben.

„Wir müssen zu Dumbledore!", entfuhr es Harry tonlos.

Denn Hermine hatte ausgesehen wie Krum. Damals im Irrgarten beim Trimagischen Turnier, als Harry ihn gesehen hatte! Als er aus der Hecke gebrochen kam und Harry nicht angegriffen hatte! Genauso hatte Hermine heute ausgesehen, Harry hatte diese Erinnerung nur nicht ganz einordnen können. Und sein Herz schlug so laut, dass seine Brust fast zerspringen wollte.

Malfoys Blick war für ihn nicht zu deuten.

„Als ich sie heute gesehen habe…- sie hat…- Sie stand unter dem Imperius!", entwich es seinen Lungen rau, und Malfoy starrte ihn an. Er sagte gar nichts, starrte einfach nur.

„Was?" Hagrid unterbrach den Moment. „Harry, bist du dir sicher, dass-"

„-ich bin mir vollkommen sicher!", unterbrach Harry ihn. „Ich… habe mit ihr gesprochen, ehe sie… ins Bad gegangen ist!", erinnerte er sich, den Blick auf keinen bestimmten Punkt fixiert. „Und dann… danach…" Er hob den Blick erneut. „Irgendetwas muss dann passiert sein!", flüsterte er panisch. „Oder… dazwischen…"

Und tatsächlich schien Malfoy für eine Sekunde vergessen zu haben, dass er ein komplettes Arschloch war, denn er schüttelte langsam den Kopf.

„Der Gryffindorturm?", wiederholte er ungläubig. „Wer soll da im Badezimmer sein? Niemand kommt ungesehen ins Schloss, geschweige denn in den verdammten Turm!", entfuhr es ihm fast angriffslustig. Harry schüttelte hartnäckig den Kopf.

„Ich weiß es doch! Ich habe sie doch gesehen!", wiederholte er zornig.

„Und wie soll das gehen? Wer sollte in euren Gemeinschaftsraum einbrechen, Potter? Euer scheiß Turm liegt zehn Meter über der Erde, kein Mensch könnte je…-!"

Er unterbrach sich selbst. Malfoys Blick starrte für einige Momente in die Ferne. Und dann hob er sich so schnell zu seinem Gesicht, dass Harrys Mund sich öffnete. Malfoys Gesicht verlor jeden Ausdruck, als er scheinbar zu irgendeinem Schluss kam, der Harry verwehrt geblieben war.

„Was?", fuhr Harry ihn an. „Was, Malfoy?!", wiederholte er nachdrücklicher.

Aber Malfoy ruckte blass mit dem Kopf. „Wir müssen zu Dumbledore!", wiederholte er Harrys Worte, mit derselben Sorge, die bereits in Harrys Worten mitgeschwungen hatte.

„Was ist mit Hermine?", rief Hagrid ihnen nach, als sie den Weg zurück stürzten.

„Hagrid, geh nicht in den Wald, hast du verstanden?", rief Harry über die Schulter zurück, als er rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her. „Warte auf Dumbledore!"

Harry wollte nicht, dass Hagrid eine Dummheit beging, weil er sich irgendwie schuldig fühlte. Und Harry wollte wissen, was Malfoy wusste! Es machte ihn wahnsinnig.

Und was, wenn ihr etwas geschehen war? Was, wenn er zu spät war? Wieso war es ihm nicht aufgefallen! Er war Harry Potter, verdammt noch mal!

Wenn Menschen um ihn herum manipuliert wurden, dann sollte es ihm gefälligst erst recht auffallen!

Gerade ihm. Es war, als hätte er bereits alles vergessen, was ihn der Krieg so bitter hatte lernen lassen. Und eine Angst hatte sich dumpf in seinem Magen ausgebreitet.

Dumpf und kalt und schwer. Die Angst, dass er versagt hatte. Dass es… schon längst zu spät war.

Und er rannte, wie er lange nicht mehr gerannt war.

Er rannte als ginge es um Leben, er rannte als ginge es um Tod.

Es war lächerlich, wie schnell er rennen konnte und wie viel Angst er um sie hatte.

Und doch rannte Malfoy schneller als er.