Kapitel 17
Sie wachte auf. Es fiel ihr so dramatisch auf, weil sie sich in einem dunklen traumlosen Schlaf befunden hatte. Ihr Nacken war unglaublich steif. Ihre Kleidung schnitt unangenehm in ihre Haut. Sie trug ihre Schuluniform. Sie blinzelte mehrfach, als sie das erkannt hatte.
Dann zuckte sie vor Schreck zusammen, denn noch hatte sie gar nicht bemerkt, beobachtet zu werden. Ihre Atmung ging heftiger, als sie den Mann vor sich nicht erkannte.
Er bedachte sie mit einem abfälligen Blick. Sein Mund hatte sich verzogen. Er war leicht übergewichtig, die Wangen in seinem Gesicht hingen ein Stück. Seine Haare waren kurz geschoren, und sie nahm an, dunkelblond? Aber sie könnte es nicht sagen. Seine Augen waren blau, sein Bart unrasiert. Seine gesamte Erscheinung ließ sie darauf schließen, dass er das Haus wohl eher seltener verließ.
Er hatte dicke knotige Finger, die einen Zauberstab auf sie gerichtet hielten.
Und wo war sie? Und war das noch wichtig? Würde sie umgebracht werden? Angst schickte einen heftigen Impuls durch ihren Körper und hastig sah sie sich nach einem Fluchtweg um, aber der Mann saß vor der einzigen Tür aus dem Zimmer.
„Bleib, wo du bist", informierte er sie lediglich, als sein Blick ihrem Augen gefolgt war. Der Raum besaß ein schmieriges Fenster, von dem sie nicht mal sagen konnte, ob es im Erdgeschoss lag oder im siebten Stock. Es war nicht geputzt, und sie erkannte nur weißes Tageslicht hindurch.
Und sie hatte das starke Gefühl, dass sie nicht mehr in Hogwarts war.
Ihre Augen verengten sich. Sie sprach zum ersten Mal. „Das ist mein Zauberstab", entfuhr es ihr heiser. Der Mann vor ihr nickte ungeniert, sagte aber nichts Entsprechendes dazu. Das beantwortete ihre zweite Frage direkt. Ihr Zauberstab war hier. Nur nicht in Griffnähe.
Es vergingen Minuten in zäher Stille, die sie annehmen ließen, sie würde nicht sofort sterben.
Der Mann regte sich nicht, schien ungerne hier zu sitzen.
Unschlüssig saß sie auf – sie blickte hinab, denn ihr war nicht ganz klar, was es war.
Sie runzelte die Stirn. Es war eine Liege des Ministeriums. Sie kannte diese Liegen. Es waren magische Transporte bei Verletzungen. Die Toten in Hogwarts waren auf solchen Liegen aufgebahrt worden, erinnerte sie sich an den großen Kampf. Es schauderte ihr, wo diese Liege wohl hergekommen sein mochte.
Die Tür ging auf und sie zuckte wieder zusammen, bereit aufzuspringen.
„Hier, hast du gelesen?", fragte ein weiterer Zauberer, ohne sie überhaupt zu beachten, und reichte dem übergewichtigen Zauberer eine Zeitung zum Lesen.
„Hm", machte der Zauberer, der sowieso nicht viel zu sagen schien, kurz angebunden.
„Widerlicher Schweine", bemerkte der neue Zauberer. Er war im Gegensatz zu ihrem Exemplar in diesem Zimmer sehr dünn und sehr hoch gewachsen. Er könnte sogar fast freundlich wirken. Seine Haare waren hellbraun, glatt und in einen Pottschnitt frisiert, aber Hermine glaubte, er könnte nur freundlich wirken, wenn er lächeln würde.
Er hob plötzlich den Blick zu ihr. Seine Augen waren dunkel und ausdruckslos. Er betrachtete sie ohne großes Interesse, und ohne jede Freundlichkeit.
„Kann man nix machen", rang sich ihr dicker Wärter ein paar Worte mehr ab. Sie lasen den Tagespropheten, stellte Hermine fest.
„War ein guter Mann", erklärte der lange Zauberer jedoch kopfschüttelnd.
„Es werden weniger", schloss der übergewichtige Zauberer achselzuckend.
„Jetzt ist Goyle auch nicht mehr da", fuhr der lange Zauberer fort, ehe den Blick fast überraschend schnell zu ihrem Gesicht gehoben hatte. „Gut geschlafen, Prinzessin?", erkundigte er sich mit einem schmierigen Lächeln. Hermine sagte nichts dazu.
Dann wandte sich der lange Zauberer wieder an seinen Kumpanen. Er lächelte, als wäre ihm gerade etwas besonders Witziges eingefallen. „Mal was anderes eine lebendige Muggel auf dieser Liege zu sehen, hm, Borden?"
Die Worte sanken ein. Hermine erhob sich so augenblicklich, mit so viel Ekel, dass die beiden Zauberer ihr wieder ihre Aufmerksamkeit schenkten. Der lange Zauberer verzog die Lippen.
„Keine Sorge, Prinzessin. Wir klopfen die Laken aus", informierte er sie glatt, und sie unterdrückte die kalte Wut, die sie erfasste. Der Krieg war noch nicht lange vorbei, und sie hatte jedes natürliche Gefühl von Gefahr verloren. Sie war irgendwo gefangen!
„Wo bin ich? Und warum bin ich hier?", brachte sie gepresst hervor, denn sie hatte keine Lust mehr, stumm auf einer Liege zu sitzen, die ihr Angst einjagte und ihren Abscheu weckte.
„Garrick sollte es dir erklärt haben, oder nicht?", erwiderte der lange Zauberer, fast belustigt über ihren Ausbruch.
„Ihr wollt Gold", sagte sie zitternd. „Das ist alles? Das habt ihr bereits!"
Der Zauberer schürzte die Lippen. „Ginge es nach mir, wäre das auch alles, was wir bräuchten, Prinzessin", erklärte er mit einem angsteinflößendem Ausdruck. Aber Hermine hatte das Kinn trotzig nach vorne gereckt. „Muggel finden hier für gewöhnlich ein schnelleres Ende."
Sie öffnete angewidert den Mund.
„Na, na! Wir wollen doch freundlich sein zu unserem Gast." Durch die offene Tür kam eine dritte Gestalt getreten, und Hermine wich instinktiv zurück.
„Oh, verflucht, Garrick!", rief der Mann namens Borden aufgebracht und sprang von seinem Platz. „Musst du so aussehen?" Es waren viele Worte von dem bisher stummen Mann. Anscheinend war Garrick Lucius Malfoy. Es war eine seltsame Erscheinung. Und sie trieb Hermine wieder Tränen des Zorns in die Augen.
„Sie widerwärtiger Mann!", spuckte sie ihm entgegen. „Wie können Sie es wagen?", fuhr sie ihn an, aber der Zauberstab in Bordens Hand, den er in plötzlicher Erinnerung wieder auf sie gerichtet hielt, hielt Hermine auf Abstand.
Er lächelte jetzt. Ein gruseliges, beunruhigendes Lächeln.
„Borden, der Trank wirkt noch eine Weile", schien er entschuldigend zu sagen. „Ich weiß, die Erscheinung von Lucius Malfoy widert uns alle an, sogar Miss Granger", bedeutet er mit einem Nicken in ihre Richtung, „aber es ist ja nicht mehr für lange."
Drohende Worte schwangen in seiner Stimme mit.
„Die Auroren werden Sie finden!", brachte sie zitternd hervor. Er wirkte etwas belustigt, und es machte es nur viel schlimmer, dass er Draco so ähnlich sah. Sie schluckte die Tränen hinunter.
„Das glaube ich nicht", erwiderte er offen. „Ich bin mir auch sicher, Ihr Freund, Harry Potter, ist bereits in Pension gegangen und jagt mittlerweile keine Todesser mehr", ergänzte er lächelnd. Hermine schüttelte nur wieder den Kopf.
„Sie werden damit nicht durchkommen! Und was wollen Sie mit mir? Ich werde Ihnen nicht helfen! Bringen Sie mich lieber gleich um! Ich werde nichts für Sie tun!"
Kurz schien er nachzudenken, ehe er wieder langsam nickte.
„Ja, Sie waren ein schwerer Charakter, den ich nicht auf Dauer mit dem Imperius kontrollieren könnte", räumte er tatsächlich ein. „Aber ich brauche Sie nicht mehr lange, Miss Granger", ergänzte er ausdruckslos. Hermine Herz tat einen gefährlichen Schlag.
„Ja? Wollen Sie mich auch hier umbringen? Wie die anderen Muggel zuvor?"
Der in Lucius' Gestalt wandte sich mit einem entsprechenden Blick an seine Kumpanen, ehe der dünne Mann den Kopf schüttelte. Dann fixierte Garrick Borden.
„Wie ich sehe, hast du Miss Granger bereits in unsere Organisation eingeweiht. Kein kluger Zug, nicht wahr?", erkundigte er sich bei Borden, welcher beschämt den Kopf senkte.
„Das habe ich nicht. Dunham hat es gesagt", beschuldigte er nun den langen Zauberer, aber Garrick verdrehte die Augen.
„Es ist mir egal, wer es war! Ich kann es nicht gebrauchen, dass sie mehr weiß, als sie muss!" Dann beruhigte er sich wieder. „Glauben Sie mir, Miss Granger, nichts liegt mir ferner als Ihr Tod." Und tatsächlich schwang Wahrheit in seinen Worten mit. „Sind sind mein Mittel zum Zweck", erklärte er.
Hermine schüttelte wieder den Kopf.
„Wovon reden Sie?", fuhr sie ihn an.
„Meine Geisel", erläuterte er, und Hermine lachte tatsächlich auf, so absurd war es.
„Geisel?", wiederholte sie. „Was wollen Sie mit mir als Geißel, Sie Wahnsinniger? Wer sollte Ihnen auch nur einen müden Sickel für mich geben? Niemand, den ich kenne hat diese Art von Gold!"
Die drei Männer sahen sie ausdruckslos an, ehe die Gestalt von Lucius Malfoy sich aus der Gruppe löste.
„Miss Granger, das Gold habe ich bereits", schloss er, fast ein wenig verständnislos. Hermines Mund öffnete sich sprachlos.
„Was?", flüsterte sie ungläubig, denn sie verstand nicht.
„Es hätte alles noch komplizierter sein können, aber… glücklicherweise habe ich mir die Mühe gemacht, Draco Malfoy näher ins Auge zu fassen", erklärte er, nahezu fröhlich. „Wissen Sie, ein schmutziges Geschäft muss nur so schmutzig wie gerade eben nötig sein", erklärte er ihr nun, als wäre sie schwer von Begriff. „Das Malfoy-Vermögen zu haben, mag schön und gut sein. Fürs Erste." Er machte eine entsprechende Pause. „Aber ich will mehr", schloss er.
„Mehr?", wiederholte sie tonlos.
„In Malfoy Manor einzubrechen, um einen lächerlichen Schlüssel zu holen, war keine Kunst gewesen. Aber gefunden, was ich gesucht habe, habe ich nicht", ergänzte er langsam.
„Warum in aller Welt glauben Sie, dass Sie noch irgendetwas anderes bekommen werden? Das Gold wird gefunden werden! Sie werden niemals-"
„-das soll meine Sorge sein", unterbrach er sie desinteressiert. „Ich werde nun Ihr Leben bedrohen, Miss Granger, denn mir fehlt es an einer äußerst wichtigen Kleinigkeit." Hermines Mund schloss sich.
„Ich möchte, dass Sie einen Brief schreiben. An Draco Malfoy", ergänzte er fröhlich, als liefe alles bisher nach Plan. Sie schüttelte wieder nur den Kopf.
„Was wollen Sie noch?", entfuhr es ihr rau. „Das Haus? Aktien?" Ihre Stimme zitterte.
„Nein", erwiderte er kalt. „Ich will Zeit. Zeit genug, um zu verschwinden, denn sonst drehe ich Ihren hübschen Hals um. Und dann noch eine Kleinigkeit…", fuhr er lapidar fort.
Sie biss die Zähne fest zusammen. „Das Denkarium von Lucius Malfoy", schloss er mit berechnender Kälte. Hermines Mund öffnete sich wieder.
„Das Denkarium", flüsterte sie. Wieso wollte er es? Was wollte er darin finden? Oder was wollte er verbergen? „Und dann was?", sagte sie, mutiger als sie es eigentlich war. „Ich soll einen Brief schreiben? Zeit und ein Denkarium verlangen? Und das wird er einfach so aushändigen? Was glauben Sie eigentlich?"
„Ich kann sehr überzeugend sein, Miss Granger." Und die Art wie er sprach, ließ sie annehmen, er hatte schon öfters überzeugend sein müssen. Es jagte ihr Schauer über den Rücken. „Aber… das muss ich dieses Mal überhaupt nicht."
Er lächelte wieder. „Wenn sein Vater wüsste, dass er eine Schwäche für ein Schlammblut hat. Oh, der gute Lucius würde sich regelrecht im Grabe umdrehen", lachte er jetzt. Hermine Fäuste zitterten unwillkürlich. Wie konnte er so über Lucius reden? Wie konnte überhaupt ein Mensch so grausam sein?
Lucius war tot. Und er stand vor ihr, in seinem gestohlenem Körper. Die Toten sollten ruhen. Und sie wurde nur noch zorniger.
„Sie irren sich!", brachte sie gepresst hervor. „Draco Malfoy interessiert sich nicht für mich. Und er wird Ihnen nichts geben! Das versichere ich Ihnen!" Aber der Mann wirkte nicht beeindruckt von ihren Worten.
„Das werden wir sehen. Wenn es nicht funktioniert, schaffe ich Sie aus meinem Weg und finde eine andere Möglichkeit."
Jetzt lachte sie auf. Denn sie wusste nichts anderes zu tun in dieser Situation.
„Und wenn es funktioniert lassen Sie mich gehen?", wollte sie spöttisch wissen.
„Das ist Sinn und Zweck eine Geiselnahme, Miss Granger." Er wirkte vollkommen ernst. „Nur werden Sie dann keine Erinnerung mehr haben. An… so ziemlich überhaupt nichts mehr", ergänzte er lächelnd.
Und ihre Atmung flachte ab. Er würde sie mit dem Vergessenszauber belegen. Oder er würde sie umbringen. Sie schluckte schwer.
Malfoy würde niemals irgendetwas für sie tun. Und ganz bestimmt nicht das einzige Beweismittel aus der Hand geben, was zur Aufklärung des Mordes an seinem Vater beitragen konnte.
Und wenn es doch so sein sollte, was höchst unwahrscheinlich wäre, dann würde sie ihre Erinnerung verlieren? Dann würde sie nicht helfen können, diese Männer wiederzufinden! Nachher wäre sie so geschädigt wie Gilderoy Lockhart auf der geschlossenen Station im Mungo!
Aber darüber müsste sie sich keine Gedanken machen, überlegte sie panisch. Draco Malfoy würde ihr niemals helfen. Sie hatte alle Brücken zu ihm zerstört. Und auch nicht Harry würde ihn zwingen können. Sie spürte die Tränen erneut. Sie wäre verloren. Sie brauchte einen Plan, einen Fluchtweg – sie brauchte irgendetwas!
Alles wäre tauglicher, als zu erwarten, dass Malfoy ihr helfen würde.
Das niedrige Glas stand ruhig auf seinem Knie, während sich seine kühlen Finger darum geschlossen hatten. Er starrte seit einer Weile auf die goldene Flüssigkeit.
„Draco?"
Pansy trat neben ihn, fast scheu. „Alles… alles ok?", fragte sie ihn tatsächlich beunruhigt. Draco ruckte mit dem Kopf. „Es… es ist schon fast morgen", erinnerte sie ihn wohl. „Vielleicht solltest du schlafen? Ich weiß, das mit deinem Gold ist unglücklich, aber-"
Er hob den Blick abrupt zu ihrem Gesicht. Er musste furchtbar aussehen, so wie sie ihn anstarrte.
Sein Gold?
Richtig.
„Ja, es ist furchtbar, Pansy", sagte er nur, die Stimme rau, zum Sprechen nicht mehr geeignet. „Ich will nicht schlafen", ergänzte er trocken. „Geh einfach", schloss er bitter und senkte den Blick zurück auf sein Glas, was er seit einer Stunde nicht mehr angerührt hatte.
„Du kannst nichts dafür", setzte Pansy wieder an, scheinbar konnte sie sich nicht halten. „Dass sie entführt wurde", erklärte sie schließlich tonlos. „Ihr wird schon nichts passieren", ergänzte sie wohl eher aus einer Art seltsamen Pflichtgefühl heraus, denn ihre Worte klangen unaufrichtig.
Er nickte steif. „Ja", erwiderte er. Pansy schien selber überrascht, dass er sie noch nicht angeschrien hatte. Ihr würde nichts passieren.
Dieses Arschloch hatte sie entführt.
Und er würde seine Gründe dafür haben. Der Mörder seines Vaters würde seine scheiß Gründe dafür haben! Zorn erfüllte ihn mit einer Heftigkeit, dass ihm beinahe übel wurde. Er umkrallte das Glas fester.
Ihr würde etwas zustoßen. Und er wäre schuld daran!
Er allein.
So wie Potter es vor einigen Stunden bereits behauptet hatte!
Sie hatten Dumbledore gefunden, und er hatte sehr wenige Fragen gestellt, hatte nicht einmal wissen wollen, was passiert war, war direkt ins Ministerium verschwunden – als ob sie dort helfen konnten! Sie waren dort ja nicht einmal fähig den Doppelgänger von Lucius Malfoy mit mehreren Milliarden Galleonen festzunehmen, Merlin noch mal!
Und wie egal ihm gerade sein Gold war, war fast schon lächerlich!
Kurz schloss er die Augen, denn wenn er sich bereits vorstellte, dass Granger irgendwo… bereits lag – vielleicht sogar im Verbotenen Wald! Unter Büschen und Sträuchern versteckt –
Er schüttelte zornig den Kopf. Nein. Natürlich war sie nicht tot. Der Mann brauchte sie schließlich, sonst hätte er sie nicht entführt, und in den letzten sieben Stunden war nichts Neues passiert. Keine Nachricht war vielleicht besser, als alles andere.
Draco hatte sich seit Stunde nicht mehr von der Couch im Gemeinschaftsraum gerührt. Das Feuer im Kamin brannte schwach und beleuchtet das silberne Abzeichen, welches er heute zur Abwechslung mal getragen und bereits vor Stunden abgelegt hatte.
Es glänzte höhnisch auf dem Tisch vor ihm.
Schulsprecher. Er war der scheiß Schulsprecher und war schuld daran, dass die verdammte Schulsprecherin entführt worden war.
Und er war machtlos. Er war vollkommen planlos. Es gab nichts, was er tun konnte.
Er hatte Dumbledore alles erzählt, was er über sie wusste. Was er seinem Vater hatte entlocken können, denn er wusste, Lucius war nie ein Engel gewesen, aber es war ihm immer egal gewesen. Er hatte erzählt, was er aufgeschnappt und heimlich herausgefunden hatte. Über den Club.
Er hätte niemals angenommen, dass es noch für irgendwen jemals von Wichtigkeit sein würde. Dass sie überhaupt noch aktiv in Erscheinung traten.
Niemand konnte durch die Tore von Malfoy Manor kommen, wäre er nicht erwünscht.
Es sei denn… derjenige war kein Mensch.
Niemand kam ins Studierzimmer seines Vaters. Niemand wusste, wo der Schlüssel versteckt lag. Es sei denn… derjenige war kein Mensch.
Draco hätte es wissen müssen. Ein Animagus konnte all diese Dinge tun. Ein Animagus könnte durch das Fenster kommen, solange er nur fliegen könnte. Er könnte alle Mauern überwinden, alle Höhen erklimmen.
Und verdammt noch mal bis zum Turm der Gryffindors kommen.
Fledermaus. Er war eine scheiß Fledermaus. Vesperugo. Ein Todesser-Verein von dem Draco nicht viel wusste und nicht viel wissen wollte. Er wusste, sein Vater war einst Mitglied gewesen, nach Voldemorts Fall. Aber er hatte Probleme mit den Leuten dort bekommen. Draco hatte sie nie gesehen, immer kamen sie verhüllt und vermummt.
Er hatte nie angenommen, dass sie sich trafen, um lediglich Karten zu spielen.
Nein. Es war um weit mehr gegangen, aber er hatte nie gefragt. Hatte es nie wissen wollen.
Aber er kannte den Namen. Vesperugo, die Fledermaus.
Sie alle hatten das goldene V getragen, wann immer sie nach Malfoy Manor gekommen waren.
Und jetzt hatten sie Granger.
Es musste zusammenhängen. Sie hatten ihn belauscht und beobachtet, hier auf Hogwarts. Wozu? Was wollten sie noch? War das Vermögen nicht genug? Was zur Hölle wollten sie mit einer Muggel? Oh, Draco konnte sich vorstellen, was sie mit ihr wollten, und wieder wurde er wütend. So unglaublich wütend, dass er glaubte, das Glas müsse zwischen seinen Fingern zerspringen.
„Draco?" Wieder sprach Pansy, und Draco hatte sie schon ganz vergessen gehabt.
Er biss die Zähne fest zusammen.
„Was ist, Pansy?" Seine Stimme klang tief und dunkel, während er in das Feuer starrte, ohne die Flammen überhaupt wahrzunehmen.
„Es ist nicht deine Schuld", wiederholte sie die Worte ernster als zuvor. Er sah sie nicht mehr an, ruckte nur unverbindlich mit dem Kopf. Dann seufzte sie leise und machte Kehrt, ließ ihn allein mit seinen finsteren Gedanken zurück.
Er war machtlos. Und er hasste es, zu warten. Er hasste diese Ungewissheit.
Er hasste, dass er nicht anders konnte, als die Augen offen zu behalten. Dass er befürchtete, würde er auch nur eine Sekunde, seine Deckung aufgeben, sich falsch bewegen – irgendetwas tun! – dass dann die Nachricht kam, während er schlief.
Dass sie… dass diese Männer sie…-
Gebannt starrte er in die Flammen. Nicht denken. Er würde für heute einfach aufhören zu denken.
Das Frühstück zog an ihm vorbei. Es war nicht wirklich ein Frühstück, denn niemand schien Hunger zu haben, keiner aß. Sein Blick wanderte sowieso die gesamte Zeit zum Lehrertisch. Dumbledore war nicht zurück. Und Draco suchte Snapes Blick, wollte, dass er zu ihm kam, ihm irgendwelche Neuigkeiten brachte, aber scheinbar gab es keine Neuigkeiten.
Alle wussten, dass Granger vermisst wurde, dass sie entführt worden war, und dass es irgendwie mit ihm zusammenhing. Potters Blick war stumpf, während er ihn immer und immer wieder betrachtete. Draco merkte es. Er hörte das Getuschel.
Goyle war heute Morgen nicht aufgetaucht. Sein Vater hatte den Kuss bekommen. Und Draco wusste, egal, wie sehr Gregory es auch als gerecht abtat, niemand überwand einfach so den Tod seines Vaters. Ob Arschloch oder eben nicht.
Pansy hatte sich dieses als Gesprächsthema gewählt, um nicht über Lucius oder Granger sprechen zu müssen.
„Wir sollten ihn suchen, nach dem Frühstück", erklärte sie zum wiederholten Mal, als Blaise wieder einmal nicht geantwortet hatte. Sie sah müde aus. Aber Draco wusste nicht mal, ob er eine Stunde oder zwei geschlafen hatte. Nach dem kleinen Techtelmechtel von Pansy und Blaise waren sie nun wohl so etwas wie ein geheimes Paar. Draco interessierte es nicht. Ihn interessierte überhaupt nichts mehr. Nur noch Dumbledores Rückkehr.
„Das sind zu viele vermisste Leute", bemerkte Blaise bitter neben ihm. Draco lauschte den Worten, hörte aber nicht mal zu.
Die Flügel der Eulen schreckten die Schüler aus ihrer Lethargie. Und Dracos Herz klopfte schneller, als er die vielen Flügelschläge, das bunte Treiben betrachtete. Er wusste nicht, was er erwartete, welche Vorahnung ihn anhielt, nach oben zu blicken, aber er konnte nicht anders.
Die Eulen warfen willkürlich ihre Post vor die müden Schüler.
Langsam ebbte der Eulensturm ab. Dracos Vorahnung blieb unbestätigt. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Was hatte er erwartet?
Aber dann nahm er aus den Augenwinkeln etwas wahr. Wie eine schwarze Wolke. Die Schüler deuteten verwirrt nach oben.
Er zählte. Es waren sechs oder sieben pechschwarze Krähen, die an der Hallendecke ihre Kreise zogen, bis eine von ihnen hinabstürzte. Dracos Reflexe waren erwacht. Angespannt saß er am Tisch. Die Krähe flog über den Slytherintisch, drehte eine extra Runde, ehe sie eine kleine Pergamentrolle von ihrem Bein schüttelte. Sie fiel auf seinen blanken Teller.
Stumm betrachtete er das Pergament. Er erkannte einen roten Fleck durch die Fasern.
Blut?
Die Krähe stieß einen Schrei aus, der die Schüler zusammenzucken ließ.
Draco fasste sie näher ins Auge. Krähen waren keine Boten. Weder zugelassene, noch überhaupt fähige Tiere, Post zu überbringen. Er sprang von der Bank, so dass Pansy neben ihm erschrak.
„Animagus!", schrie er und hatte den Zauberstab gezogen. Der Rabe hatte eine weiße Blässe auf der schwarzen gefiederten Brust. Draco erkannte es, wann immer sie die Flügel spannte. Es war ein weißes V.
„Crucio!", schrie er, zielt auf die Krähe, aber diese wich dem Fluch mit einem Flügelschlag aus. Die anderen Krähen schrien laut, flatterten oben an der verzauberten Decke in Aufregung, ehe sie durch das offene Fenster verschwanden. Aber Draco lief den Weg der Halle weiter, den Zauberstab gehoben. Und dieses Mal zielte er genauer.
„Stupor!"
„Petrificus totalus!"
Neben ihm hatte Potter ebenfalls gezielt – und beide hatten sie getroffen.
Bewusstlos segelte die Krähe zum Boden hinab. Snape war längst auf den Beinen, als sich die Krähe verwandelte. Die Krähen stießen einen markerschütternden Schrei aus, ehe sie verschwanden.
Der bewusstlose Körper fiel mit immenser Geschwindigkeit, aber Snape bremste den Sturz mit einem Zauber, hielt ihn aufrecht, bis die vermummte Gestalt den Boden sanft erreichte und versteinert liegen blieb.
„Bei Merlin, wie kamen diese Vögel überhaupt über die Mauern!", entrüstete er sich, während sich die Schüler bereits alle um die Gestalt gerottet hatten. „Zurück!", donnerte Snape, als er näher trat, sich vergewisserte, dass die Gestalt tatsächlich bewusstlos war, und mit dem Fuß die Kapuze zurückschlug.
Die Schüler starrten auf das fremde Gesicht des Mannes, der kalkweiß auf dem Boden lag. Die anderen Lehrer waren dazu gekommen.
Er war hager, mit schmutzigen langen, dünnen Haaren. Teilweise bereits ergraut. Draco verzog angewidert den Mund. Er hatte eine Nase so lang wie ein Krähenschnabel.
„Godwyn", sagte Snape voller Abscheu.
„Ein Ehemaliger", sagte Draco, auch wenn er ihn noch nie gesehen hatte, kannte er den Namen. Snape ruckte mit dem Kopf.
„Reanimo!", sagte Snape, um die Versteinerung aufzuheben. Der Zauberer erwachte schnell, sah sich wild um, und die anderen Lehrer hatten die Zauberstäbe ebenfalls gehoben. Er erkannte die Lage schnell. „Keine Bewegung!", befahl Snape eisig, als der Mann in die Tasche seines Umhangs gegriffen hatte. „Du wirst mitkommen!", ergänzte Snape.
„Nein, Severus", sagte der Zauberer fast mit Bedauern, aber ein irres Lächeln leuchtete in seinen Augen. Der Imperius schimmerte noch deutlich im Hintergrund seiner Iris. Draco erkannte den Spruch. Der Mann stand unter Befehl.
„Snape, er steht unter dem Bann-", begann Draco, aber Snape sah es selber. Der Mann schob sich eine Handvoll Pulver in den Mund, ehe Snape seinen Arm zu fassen bekam.
„Nein!", rief Snape, aber der Mann hatte das Pulver bereits geschluckt.
Der Glanz des Imperius' verschwand aus seinen schwarzen Augen, er blinzelte fast überrascht, als das Gift sofort in seine Blutlaufbahn trat, griff sich panisch an seinen Hals, röchelte, während weißer Schleim aus seinem Mund tropfte. Dracos Mund hatte sich schockiert geöffnet, aber der Mann brach in derselben Sekunde zusammen.
Einige Mädchen schrien auf, wandten sich ab, und der Mann vor ihm rührte sich nicht mehr. Dracos Atem ging flach, während er sich nicht rührte, nur auf den toten Mann vor sich blicken konnte.
„Verdammt!", knurrte Snape, als er vor dem Mann kniete. Er schüttelte den Kopf. „Sulphuris Pulver", bestätigte er entsetzt. „Er ist tot", sagte er nur. „Schafft die Schüler hier raus", befahl er den übrigen Lehrern. McGonagall setzte sich sofort in Bewegung und scheuchte die Schüler aus der Halle. Sie bemühte sich nicht, ihn, Potter oder Weasley zu entfernen.
„Der Brief, Draco", erinnerte ihn Snape gereizt, während er die starrenden Augen des Mannes mit den Fingern schloss. Draco erwachte aus seiner Starre.
Der Brief!
Hastig stolperte zurück zum Gryffindortisch.
Er zerrte das Band von der Rolle und entfaltete ihn mit zitternden Fingern.
Ihre Schrift! Er erkannte sie, wie er sie schon tausend Mal erkannt hatte, als sie ihm Notizen hatte zukommen lassen, um ihn zu maßregeln, dass er nicht zum Vertrauensschülertreffen aufgetaucht war.
Seine Augen lasen gebannt die Zeilen, während sein Mund sich öffnete.
Snape war neben ihn getreten. Er sagte gar nichts mehr.
„Draco,
die Bedingungen sind folgende: Er will Zeit haben, um zu verschwinden. Niemand darf ihm folgen.
Er kommt heute nach Hogwarts, um sechs Uhr abends mit einer weiteren Forderung.
Ich werde nicht bei ihm sein. Er wird mich freilassen, wenn er verschwunden ist. Und nur, wenn er sicher ist, dass ihm niemand folgt.
Die Zauber und jeder Schutz auf den Mauern sollen aufgehoben werden, keiner wird ihn angreifen, keiner wird ihn gefangen nehmen, denn, verlässt er Hogwarts nicht unversehrt um viertel nach sechs gilt der Befehl, mich umzubringen.
Läuft alles nach Plan, darf ich gehen.
Dein Schlammblut"
Die letzten Worte waren nicht ordentlich. Die letzten Worte musste sie mit zitternden Fingern geschrieben haben. Neben dem Wort Schlammblut, war der Blutfleck bereist getrocknet, und Draco zweifelte nicht daran, dass es sich um ihr Blut handelte. Er zweifelte keine Sekunde.
Er sah Snape an. Dieser schien sehr schnell nachzudenken.
„Er wird hierherkommen", murmelte er dumpf. „Wir können ihn nicht gehen lassen", schloss er ernst.
„Er wird sie töten!", mischte sich Potter eher ein, als Draco es hatte tun können.
„Wir können nicht den Schutz von den Mauern nehmen, Harry", erwiderte Snape kopfschüttelnd. „Und er kommt höchstpersönlich. Das ist die Chance-"
„-er wird nicht selber kommen! Er wird jemanden schicken! Er wird damit rechnen, dass wir ihn täuschen wollen – und dann wird er sie umbringen!", entrüstete sich Potter nun lauter. Auch Weasley nickte empört. Snape wandte sich an ihn. Draco hatte den Blick gehoben. Sein Puls rauschte in seinen Ohren.
„Draco-"
„-er soll kommen, er soll haben, was er will, verflucht", entfuhr es ihm rau. „Keine Tricks", fuhr er Snape tatsächlich an. Potter brauchte eine Sekunde, ehe auch er nickte.
„Richtig!"
„Was, wenn es bereits ein Trick ist? Was, wenn-", wollte Snape wissen, aber er unterbrach ihn.
„-nein!", sagte er zornig. „Es macht keinen Sinn!"
„Was wenn er sie töten will, nachdem er bekommen hat, was er will?", entgegnete Snape herrisch. „Was dann?"
Draco schwieg für einen endlos langen Moment. Die Sekunden vergingen so zäh, dass es fast spürbar schmerzhaft war.
„Dann müssen wir das riskieren", flüsterte er tonlos.
Sie war in Lebensgefahr. Und es hing von ihm ab. Es hing an ihm, ob sie leben oder sterben würde. Und er wusste es. Dieser Bastard wusste es eher, als Draco es auch nur hätte ahnen können.
Er würde nicht zulassen, dass sie starb. Und es war eine verdammt bittere Erkenntnis, im verflucht noch mal schlechtesten Zeitpunkt.
Er würde nicht zulassen, dass ihr irgendetwas passieren würde, denn… denn ohne sie… würde er sterben.
Und diese Erkenntnis zerriss ihn in tausend Stücke. Selten hatte ihm etwas so wehgetan, wie diese Erkenntnis. Er spürte die Tränen, denn er war ohnmächtig gegen dieses Gefühl.
Er erinnerte sich an Dumbledores Worte, an jedes einzelne.
-Irgendwann passiert etwas, was Sie anders denken lässt. Was Sie anders handeln lässt – wenn auch nur ein einziges Mal, für eine einzige Sekunde-
Ja. Es war passiert. Im Bruchteil einer einzigen Sekunde war alles andere egal geworden.
Draco schloss die Augen, denn was er fühlte, war viel zu mächtig. Viel zu schwer, um es völlig zu begreifen.
