Kapitel 18

Die Zeit war so träge dahin geflossen, als wäre es ein langweiliger, unbedeutender Tag. Snape hatte sich so ausgiebig mit Dumbledore gestritten, dass der Streit in der Großen Halle noch immer nachzuhallen schien. Die Schüler waren in ihre Gemeinschaftsräume gebracht worden, mit dem strengsten Verbot, keine Fenster zu öffnen, Ausschau nach Fledermäusen oder Vögeln zu halten, und sofort eine Lehrkraft zu rufen, sollte ihnen etwas seltsam vorkommen.

Dumbledore hatte zusammen mit Flitwick und McGonagall die Bannsprüche von den Mauern und dem Schloss genommen. Seit mehr als tausend Jahre war das Schloss nun nicht nur ungeschützt, sondern für neugierige Muggel auch noch sichtbar geworden.

Ungewohnterweise standen die Tore weit auf.

Dumbledore hatte sich durchgesetzt. Grangers Wohl ging vor. Grangers Wohl lag noch weit vor dem Verlangen, den verdammten Mistkerl zu fassen. Potter tigerte durch die Halle, und Draco hätte ihn am liebsten verflucht, hätte er seinen Zauberstab noch griffbereit.

Aber Dumbledore hatte sie eben eingesammelt.

„Severus", sagte er mahnend, aber Snape weigerte sich noch entschieden, seinen Zauberstab abzugeben.

„Albus, das ist vollkommen verrückt! Heute ist ein Mann mitten in dieser Halle gestorben, es waren zweihundert Zauberer von der Magischen Ermittlung in Hogwarts gewesen, jetzt liegt nicht mal ein simpler Schutz auf dem Gemäuer, und du verlangst, ich soll meinen Zauberstab abgeben? Auf gar keinen Fall!"

„Ich möchte nicht riskieren, dass du ihn benutzt, und Miss Granger in höchste Gefahr bringst!", ermahnte er Snape, wie er es bei einem trotzigen Kind tun würde.

„Ich werde ihn nicht benutzen", entgegnete Snape gereizt. Draco verdrehte die Augen.

„Gib den Zauberstab ab!", knurrte er Snape zu, nicht willig ihn zu siezen. Snape bedachte ihn mit einem kühlen Blick.

„Nein, ich behalte ihn bei mir", widersprach er. „Ich werde ihn nicht benutzen, nur wenn es einen Anlass dazu gibt", ergänzte er unnachgiebig.

„Selbst wenn!" fuhr Potter dazwischen. „Hermine wird sterben, wenn Sie ihn benutzen!", knurrte er. Snape atmete mehr als zornig aus.

„Schön!", rief er achselzuckend aus. „Bitte, hier!" Er knallte Dumbledore den Zauberstab vor die Brust, den er im Ärmel getragen hatte. „Aber beschwert euch nicht bei mir, wenn ihr euch wünscht, wir hätten die Zauberstäbe doch behalten!", entrüstet er sich zornig, über alle Anwesenden.

Dann herrschte wieder Stille. Noch fünf Minuten. Draco wurde nervöser. Es wurde nicht besser. Das Schloss lag wie ausgestorben vor ihnen.

Niemand sagte etwas. McGonagall nicht, Snape nicht, Dumbledore nicht. Auch Potter, Weasley und die kleine Weasley schwiegen. Sie hatten alle bleiben wollen. Und Draco stand nicht der Sinn danach, darüber zu verhandeln. Wahrscheinlich stand es ihm nicht mal zu, das zu tun.

Flitwick kam auf kurzen Beinen in die Halle gewatschelt. „Er kommt! Er kommt!", rief er außer sich. Draco wappnete sich innerlich. Machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Alle wirkten angespannt, überfordert, und Draco hatte keine Ahnung, was ihn erwarten würde.

Dumbledore hatte es sogar vermieden, dem Ministerium von dem Brief zu erzählen, hatte er gesagt, denn die hätten sich wahrscheinlich nicht einfach von ihm abhalten lassen, hier bewaffnet aufzutauchen. Er ballte die Hände zu Fäusten.

Und tatsächlich schien sich der Erpresser in Sicherheit zu wiegen, denn er betrat kurze Zeit später das Schloss durch das Hauptportal.

Sie hielten alle die Luft an. Fast war es profan. Völlig absurd, dass sie es ihm so einfach machten. Dass sie den Mörder seines Vaters hier reinspazieren ließen, wie einen alten Freund. War es alles nur ein Trick? Nur ein Spiel, fragte sich Draco unwillkürlich, aber er hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.

Draco juckte es in den Fingern, sich auf ihn zu stürzen, aber etwas hielt ihn ab.

Die Tatsache, dass es Granger war. Granger, die dadurch bestraft werden würde. Die dadurch leiden würde. Die wegen ihm in Lebensgefahr schwebte.

Potter hatte es ihm noch nicht vorgeworfen. Noch nicht.

Der Mann betrat die Halle. Er trug einen schwarzen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Draco befiel ein seltsames Gefühl. Es war bizarr.

Sein Herz klopfte verzweifelt, denn sie waren so nah. So nahe dran, den Mörder zu verhaften, das Schwein, was Schuld war an seinem Übel!

So nah, dass er sein Gold zurückbekam, würden sie ihn nur entwaffnen, schocken und gefangen nehmen. Draußen schlug die Uhr im Turm Punkt Sechs.

In einer Viertelstunde würde aber keinen von diesen Plänen verwirklichen können.

Es gab keinen Ausweg.

Er konnte nur hoffen, dass dieser Verrückte ihr nichts antun würde, dass er sein wahnsinniges Versprechen halten würde.

„Was für ein herzlicher Empfang", sagte sie die kalte Stimme frostig. Sie alle schwiegen. Draco war so zornig, so absolut perplex über die Dreistigkeit des Mannes, dass er kaum atmen konnte.

„Ich glaube nicht, dass Sie diesen verdienen", bemerkte Dumbledore, der immer noch ruhig klang. Draco wusste nicht, wie er das tat. Er bereute mittlerweile, seinen Zauberstab nicht mehr zu haben. Aber er wusste, nur eine falsche Bewegung, und er gefährdete ihr Leben.

„Nein?", fragte der Mann schließlich. Er zog die Kapuze von seinem Kopf. „Nicht einmal von meinem Sohn?", fragte er mit einemkühlen Lächeln, und ein schwerer Stein fiel in Dracos Magen.

Sein Vater lächelte boshaft, und Draco spürte einen haltlosen Schmerz in sich ausbrechen, so groß, dass er schreien wollte. Er hatte nach Luft geschnappt und Tränen traten übergangslos in seine Augen, als er seinen Vater vor sich sah. Leibhaftig.

Er sah wie Potter neben ihm zornig die Fäuste ballte.

„Er ist es nicht", flüsterte Potter neben ihm, fast beruhigend. Und Draco glaubte, Potter verstand. Potter könnte vielleicht verstehen, wie es sich anfühlte.

Und Draco blinzelte die Tränen fort, bis nur noch kalte Wut in seinem Innern übrig geblieben war.

„Wo sind wir?", fuhr sie Männer an, die ihren Kopf unter einen losen Sack gesteckt hatten. Sie sah nichts, wusste sie war Seit-an-Seit mit einem Zauberer appariert, und hatte nicht die geringste Ahnung, was geschehen würde.

Niemand sprach mit ihr. Sie stolperte über steinigen Boden, hatte das Gefühl als höre sie Möwen schreien, aber es könnten auch andere Vögel sein. Es war keine Straße unter ihren Füßen, kein wirklich begehbarer Weg.

„Was passiert?", forderte sie heiser und dumpf unter dem Sack, ehe beide Männer zu einem jähen Halt kamen.

Unsanft wurde der Sack von ihrem Kopf gerissen, und Wind peitschte ihr ins Gesicht. Die Sprache hatte es ihr augenblicklich verschlagen. Sie hatte richtig gelegen, es war bergauf gegangen. Sie standen an einer Klippe. Es fiel tief ab, und in zehn Meter Tiefe brach sich das Wasser in schäumender Gischt an zerklüfteten Felsen.

Sie wusste nicht, wo sie waren. Sie waren am Rand. Sie hoffte nur, sie waren noch in Schottland. Es war nicht die Küste, so viel konnte sie durch den beißenden Wind erkennen, denn am Horizont erkannte sie wieder Land.

„Was ist das hier?", flüsterte sie gegen den Wind. Der dünne Zauberer mit den kalten Augen, namens Dunham, hielt sie fest in seinem Griff.

„Das hier ist die Endstation, Prinzessin", erklärte er. Sie schluckte schwer. Es sah nicht so aus, als ob jemand hier her kommen würde – jemals. Das Gebiet um den See wirkte verlassen, verwahrlost, und wenn es sich um irgendeine Art Naturschutzgebiet handelte, dann war hier seit Jahren keine Wartung mehr durchgeführt worden. Das Wasser schimmerte drohend dunkel, und obwohl es warmer Frühling war, war es hier oben auf diesem Rand der Klippe kalt.

„Wie lange müssen wir warten?", fragte Borden unwillig neben ihr.

„Wir fesseln sie und warten auf den Befehl", erklärte Dunham, während er ihr kurzerhand die Hände zusammen hielt, ohne dass sie sich wehren konnte. Borden umwickelte ihre Handgelenke grob mit einem Starken Seil.

„Was soll das?", rief sie panisch, aber Dunham lachte hoch.

„Fessel-Spiele", erklärte er belustigt über sich selbst. Plötzlich wusste sie, niemand würde sie freilassen. Die Angst kroch immer deutlicher in ihr Bewusstsein. Ihre Haare peitschten ihr wild ins Gesicht, sie schmeckte Salz auf den Lippen, und wusste, die Küste konnte unmöglich weit sein. Es handelte sich hier um salzhaltiges Gewässer.

Sie überschlug, wie weit dieser See von Schottland, von Hogwarts, entfernt liegen musste, kam aber auf keine beruhigende Zahl. Sie suchte den Himmel ab, suchte nach irgendwelchen Anhaltspunkten, konnte aber keine entdecken.

Es war eine Lüge.

„Ihr bringt mich um", entfuhr es ihr tonlos. Borden verzog den Mund, als wäre es ihm besonders lästig. Auch ihre Beine wurden nun verschnürt, und sie wurde näher an die Klippe gezehrt.

„Wenn es nicht nach Plan läuft, mit dem aller größten Vergnügen", versprach ihr Dunham mit einem bösartigen Lächeln, was sein Gesicht noch ausgemergelter wirken ließ.

„Und wenn doch?", fragte sie sofort, nicht willig, die Panik zuzulassen.

„Dann… wird das unsere Freundin bestimmt bald übernahmen", sagte Dunham grinsend. Hermine runzelte die Stirn. Sie sah sich um. Hier war weit und breit keine Frau.

Die Fesseln hatten bereits ihre Haut angerissen, und ihre Handgelenke schmerzten. Sie sog zischend die Luft ein.

„Noch zehn Minuten", bemerkte Borden erleichtert. Hermine nahm an, er konnte es nicht erwarten, sie umzubringen. Sie suchte die Umgebung nach einem Fluchtweg ab, nach irgendeiner Möglichkeit, aber die Landschaft lag brach vor ihr. Es gab kein Versteck. Unkraut und Sträucher erstreckten sich zwar über Meilen, aber das Land war sonst überschaubar platt. Und einen Zauberstab besaß sie auch nicht.

„Wenn es nach Plan verläuft, bekomme ich meinen Zauberstab?", fragte sie fast vorsichtig. Dunham musterte sie.

„Er wird dir wenig nutzen, denn dir sind buchstäblich die Hände gebunden. Und falls – du solltest sagen, falls es nach Plan verläuft, denn noch glaube ich nicht, dass dein Geliebter sich an die Abmachung halten wird", bemerkte er spöttisch. Hermine verzog den Mund. Malfoy war nicht ihr Geliebter, und sie ging selber nicht davon aus, dass sie noch viel Zeit hatte.

„Bekomme ich ihn?", wiederholte sie hartnäckig ihre Frage. Dunham schien nachzudenken, und dann seufzte er theatralisch auf.

„Ja, du sollst deinen Zauberstab bekommen", versprach er ihr, aber klang dabei vollkommen unaufrichtig. „Mein Zauberstab wäre hier allerdings meine geringste Sorge", ergänzte er mit einem kurzen Blick über die Klippe.

Hermine wusste nicht, was er meinte. Die Gegend war unbewohnt, unbesucht und nicht besonders einschüchternd. Es sei denn, sie hatten vor, sie die Klippe hinabzustürzen.

Sie schluckte schwer. Es würde ihr nichts anders übrig bleiben, als zu warten. Zu warten, was Malfoy tun würde…

Sein Atem ging unregelmäßig, und ihn zu sehen – damit hatte er nie wieder gerechnet.

Er hatte gemerkt, wie Snape näher zu ihm gekommen war.

„Du verdammter Mistkerl", flüsterte Snape nur, während er mit großen Augen den Kopf schüttelte.

„Na, na, Severus", benutzte der Mann Snapes Vornamen, welcher ihm scheinbar geläufig zu sein schien, mit unverhohlener Bestürzung. „Begrüßt man so einen alten Freund?"

Die Stimme war anders. Draco hörte dem Mann gar nicht zu. Er konnte nicht. Würde er, dann würde er wahrscheinlich wahnsinnig werden. Aber es war nicht die Stimme von Lucius. Und schlimmer noch, die Stimme kam ihm so bekannt vor. Aber er konnte es nicht zuordnen.

Und Draco musste es tun. Er überwand es. Alles, was ihm riet, zusammenzubrechen und zu weinen, wegzulaufen und sich zu verstecken, zu warten, bis alles vorbei war, und er überwand auch den wilden Drang, Dumbledore seinen Zauberstab wieder abzunehmen, um diesen Mann dafür zu bestrafen, dass er es wagen konnte, auszusehen wie sein Vater!

Er trat einen Schritt vor. „Was willst du?", fragte er. Die Stimme gebrochen, ohne jede Zuversicht. Aber den Blick konnte er nicht abwenden. Er wusste, der Schmerz konnte Heilung bringen. Er sog den Anblick seines verstorbenen Vaters auf, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Er konnte nicht anders, denn… Lucius sah aus wie immer.

„Wir kommen direkt zur Sache, Sohn?", fragte er lächelnd, und Draco überhörte konsequent die Beleidigung aus dem Mund des widerlichen Mannes.

„Was. Willst. Du?" Er betonte jedes Wort.

Und der Mann, der aussah wie Lucius, sagte mit dem Mund seines Vaters nur zwei Worte.

„Das Denkarium."

Draco starrte ihn an. „Und am besten bringst du es mir schnell, denn ihr Leben hängt an meinem Wort", ergänzte er lächelnd.

Und es fiel Draco nicht schwer. Es fiel ihm nicht schwer, nicht seinen Vater in diesem Mann zu erkennen, denn… sein Vater war anders gewesen. Und er wollte nicht. Alles, nur nicht das Denkarium. Er hatte nicht genügend Zeit gehabt, es zu durchsuchen.

Und er zögerte. Wartete einen Moment, suchte nach einer Lösung – aber… es gab keine.

Das Schloss schien in gespannter Stille zu warten. Dann hob Draco gequält den Blick.

„Wenn… wenn ich es dir gebe, dann ist sie frei?", vergewisserte er sich mit größter Überwindung. Der Mann nickte schließlich bereitwillig.

„Gib es mir, unbeschadet, unversehrt, und wenn keine Erinnerung fehlt oder verändert ist – dann ist sie frei!"

„Wo ist sie?", mischte sich Potter nun zornig ein. Aber Lucius lächelte. Jetzt sah er ihm sehr ähnlich. So ähnlich, dass Draco der Atem gefror.

„Das soll nicht Ihre Sorge sein, Mr Potter", bemerkte er knapp. Potter hatte die Fäuste geballt. „Du solltest dich beeilen, die Zeit tickt", informierte ihn der Mann schließlich mit eindeutigem Blick.

Und ohne weiter nachzudenken, was für einen Fehler er begehen konnte, das Denkarium wegzugeben, setzte er sich in Bewegung.

Er konnte nicht mal apparieren, denn sein Zauberstab war bei Dumbledore. Stattdessen rannte er die Stufen empor, höher und höher, während Tränen seine Sicht verschwimmen ließen. Er hatte gehofft, es wäre sein Vater. Irgendwo in seinem Innern hatte er es immer noch gehofft. Aber… er war fort. Lucius war lange fort, und er durfte sich nicht von dieser Hülle blenden lassen.

Er lief und überlegte verzweifelt, wie er verhindern konnte, das Denkarium abzugeben. Er könnte sich in einer Erinnerung verstecken, könnte jemand anderen dazu bringen, das Denkarium mit ihm im Innern abzugeben, aber… es war kein guter Plan.

Er hatte keinen Plan, seine Gedanken lagen blank.

Er wusste nicht, wie er die Gedanken seines Vaters in Sicherheit bringen sollte.

Außer Atem kam er an, schritt vor dem Raum hastig auf und ab, bis die Tür um Studierzimmer seines Vaters erschien. Er hatte nur noch wenige Minuten Zeit. Er stolperte hinein bis zum Schrank, riss die Türen auf, und ruhig schimmerte die spiegelglatte Flüssigkeit vor ihm in dem Steinbassin. Die Erinnerungen waberten im Untergrund.

Immer wieder sah er sich selber und seine Mutter an die Oberfläche steigen. Mal im Streit, mal in Freude. Ab und an sah er Voldemort.

Die Sekunden vergingen zäh, aber sie vergingen.

Und plötzlich wusste er, welche Erinnerung er brauchte.

Denn er wusste, warum der Mörder das Denkarium haben wollte. Denn es war der letzte leibhaftige Beweis.

Wieso hatte er seinen Zauberstab nicht?! Er würde die Erinnerungen zerstören wollen. Er wollte das Denkarium, um es zu vernichten. Und Draco konnte nichts dagegen tun. Er hatte die letzte Nacht seines Vaters nie sehen wollen, hatte die Erinnerung nie haben wollen. Er hatte sie nie gesucht. Seine Augen suchten die Oberfläche ab, seine Finger wirbelten in der stofflosen Flüssigkeit die Erinnerungen durcheinander, aber er konnte sie unter den tausend Erinnerungen nicht entdecken.

Und er schrie zornig auf, denn es blieb keine Zeit. Er legte den durchsichtigen Deckel über das Bassin, wuchtete das Denkarium aus dem Schrank, und trug es stöhnend zur Tür.

Es wog eine Menge und ohne Zauberstab konnte er es nicht mal leichter hexen. Es war unfassbar! Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er konnte nicht fassen, dass er seine einzige Möglichkeit, die immer unter seiner Nase gestanden hatte, davon geben würde. Für sie.

Er erreichte die Halle ächzend, ohne jede Hoffnung.

Er hatte keinen Plan. Und es war zu spät. Der Anblick des Mannes jagte ihm immer noch kalte Schauer über den, vor Anstrengung schwitzenden, Rücken.

„Endlich. Ich dachte schon, du kommst nicht zurück, Draco", sagte er mahnend, ganz in der Manie seines Vaters. Nachdem er den Deckel abgenommen hatte, wirbelte er kurz mit dem Zauberstab durch die Erinnerungen, ohne dass Draco es erkennen konnte. Der Mann hielt inne, scheinbar hatte er gefunden, was Draco so dringend gesucht hatte, und seine Mundwinkel zuckten. Die Mundwinkel seines Vaters zuckten, dachte er verzweifelt.

„Es war gut, dass du kooperiert hast, Draco", ergänzte er mit einem bösen Lächeln.

Draco nahm eine Bewegung aus dem Augenwinkel vor der Halle wahr, aber alle waren noch hier, die kurz zuvor hier waren. Für einen Moment hatte er Angst, dass es Schüler waren, dass das Versprechen gebrochen worden war, dass… dass… er alles umsonst getan hatte.

Aber dann wandte sich der Mann um. Er hatte das Denkarium gewichtslos und klein gehext, während er es verschwinden ließ.

„Es war… fast zu einfach, nicht wahr?", erklärte er, während er die Halle verließ und Dumbledore und Snape ihm folgten. Draco tat es ihnen gleich, folgte ihm raus in den Flur zu den Türen des Schlosses. Er trat sie auf und ohne Hindernis, ohne jede Barriere trat er in die untergehende Sonne.

Draco fühlte sich machtlos. Aber er hob den bitteren Blick.

„Lass sie frei!", sagte er jetzt, und dann lächelte das Gesicht seines Vaters.

„Ich habe es mir anders überlegt", erklärte er achselzuckend.

Draco spürte wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Sein Mund öffnet sich voller Schock, als der Zauberer den Zauberstab zog. Sein Blick wanderte zur Turmuhr. „Timing ist alles", bemerkte er lächelnd, während Snape zornig den Abstand zu ihm schloss. „Genau viertel nach. Jetzt müsste ich den Patronus zu ihr schicken, aber…", er zuckte achtlos die Achseln, „das werde ich nicht tun."

„Tu es!", donnerte Snapes Stimme, aber der Mann richtete den Zauberstab gegen ihn.

„Ich sehe keinen Grund mehr, das zu tun", erwiderte der Mann gelassen. Es war Dumbledore, der schließlich den Zauberstab zog. „Ich wurde belogen", schloss er, und Dracos Mund öffnete sich verzweifelt.

Was?! Wie kam er dazu, das zu behaupten?! Aber schon kamen die Auroren in Scharen aus dem Schloss gestürmt.

Und Dracos Mund hatte sich geschockt geöffnet.

Dumbledore hatte gelogen!

Und dann geschah alles sehr schnell. Der Mann in Gestalt von Lucius begann, sich zu drehen. Er apparierte! Draco sprang vor, wollte ihn ergreifen, bekam nur den Umhang zu fassen, und das verkleinerte Denkarium flog dabei aus der Tasche. Er wirbelte davon, ehe Draco ihn zu fassen begann, materialisierte ins Nichts, und das kleine Denkarium schleuderte in immenser Geschwindigkeit davon, und Draco konnte nur zusehen. Dumbledores Fluch schoss ins Leere, durch die Stelle hindurch, wo Lucius' Doppelgänger vor einer Sekunde verschwunden war.

„Nein!", schrie Draco auf, stieß die Faust ins Gras und weinte so unkontrolliert, das sein Atem nur noch keuchend seine Lungen verließ. „Nein!", schrie er wieder, während Dumbledore den nächsten Zauber in Richtung des fliegenden Denkariums schickte.

Draco sah aus den Augenwinkel, wie das Denkarium an den Schlossmauern zerschellte, wie es seine wahre Größe annahm, Dumbledores Fluch Sekunden zu spät gegen die Schlossmauern schlug, und tausend Scherben durch die Luft segelten. Potter und Weasley warfen sich flach ins Gras, um nicht von den Scherben getroffen zu werden, die durch die Luft flogen wie scharfe Geschosse.

Die Erinnerungen stoben durch die Luft, nahmen rauchige Formen an, und Draco sah seinen Vater höher in die Wolken steigen, in einer Erinnerung, an die er sich nicht erinnern konnte.

„Flieg nicht so hoch!", rief die weit entfernte Stimme seines Vaters, während die Erinnerung verwehte. „Draco, flieg nicht so hoch!" Er sah sich selber verschwommen durch die Tränen, während er mit dem Kinderbesen durch die Luft sauste, und Lucius versuchte, ihn zu fangen. Sein Vater lachte.

Eine heiße Träne rann Draco stumm über die Wange, während das Lachen seines Vaters über die Ländereien hallte und verklang. Die Erinnerungen hatten sich alle aufgelöst.

„Dieser verdammte Bastard!", brüllte Snape. Aber Draco hob gefährlich langsam den Blick.

„Es war gelogen", flüsterte er Dumbledore zu, der etwas außer Atem war. „Sie haben gelogen", wisperte er heiser. Und Dumbledores Blick ruhte nun ernst auf ihm.

„Sie müssen mir jetzt vertrauen", sagte er streng. Dracos Kopf schüttelte sich entsetzt. Wie sollte er das? Wie könnte er das überhaupt?

„-Draco", sagte Dumbledore sehr ruhig, und Draco hob erschlagen den Blick. Sie war verloren. Er hatte versagt. Sie wäre verloren…. „Draco, bringen Sie mir Ihr Abzeichen. Jetzt", sagte Dumbledore mit sehr fester Stimme.

„Wir müssen sie finden! Wo kann sie sein?", mischte sich Snape gehetzt ein.

„Draco, Ihr Abzeichen", wiederholte Dumbledore mit einer Dringlichkeit. Und Draco griff nach seinem Zauberstab, den Dumbledore hielt.

Er hatte gelogen. Wohlwissend, und Draco hatte ihm auch noch vertraut.

„Ich weiß, wie es aussieht, Draco. Aber ehe sie beginnen, mich zu hassen – holen Sie Ihr Abzeichen!"

Draco hatte keine Wahl. Es gab nichts anderes zu tun. Er apparierte ins Schloss zurück.

Dumbledores Stimme hatte… so geklungen, dass es ihm tausend Schauer über den Rücken gejagt hatte.

Aber er hatte begriffen.

Koboldsilber! Das Abzeichen war aus Koboldsilber! Und er apparierte nicht, weil Dumbledore ihn darum gebeten hatte. Er apparierte, weil es eine letzte Chance sein konnte. So gering, dass er seine Hoffnung darauf nicht setzen würde.

Aber… es war eine Chance.

Sie hatten nicht lange hier gestanden. Hermine war sich sicher. Die Sonne war noch nicht untergegangen.

„Vorbei", sagte Dunham lächelnd und wandte sich an sie. Hermine spürte es. Ihre Zeit war abgelaufen. „Mach es mit ihrem Zauberstab", erklärte er Borden knapp, und warf ihm ihren Zauberstab in die Hände.

„Wo willst du hin?", rief Borden völlig entsetzt. „Wieso soll ich es tun?" Aber Dunham schien es so geplant zu haben, stellte Hermine fest.

„Ich appariere zum Treffpunkt, du kreuzblöder Idiot. Das war der Plan. Erledige das Schlammblut. Das ist der Befehl", schloss er. „Und besser erfüllst du diesen Befehl. Ich habe es oft genug getan. Wenn du versagst, ist es dein Kopf, der auf dem Spiel steht, hast du verstanden?" Und ehe Borden protestieren konnte, war Dunham appariert. Er hatte es oft genug getan? Hermines Herz hämmerte in der kalten Brise.

„Scheiße", murmelte der übergewichtige Mann vor ihr zornig, während er zitternd den Zauberstab auf sie geheftet hatte. „Scheiße!", wiederholte er panisch. „Rüber da!", rief er mit zitternder Stimme.

Hermine versuchte, dem Befehl zu folgen, versuchte mit verbunden Füßen und Handgelenken näher zur Klippe zu kommen, und Borden fixierte sie panisch.

„Ich werde… dich jetzt töten", informierte er sie heiser. Und Hermine wartete mit angehaltenem Atem. Die Sonne versank am Horizont.

„Scheiße", wisperte er erneut. Der Zauberstab sank in seiner Hand. Borden sah sie nicht mehr an, schien nur noch nachzudenken. Hermine wagte nicht zu sprechen, aber… sie war noch nicht tot! Das war alles, was zählte. „Sie wird es tun!", schien er zu einem Schluss zu kommen und hob den Zauberstab erneut. In seinen Augen stand neue Entschlossenheit.

„Ich… habe noch nie… jemanden getötet", erklärte er ihr mit einem panischen Kopfschütteln. „Und vielleicht… würde es nicht funktionieren. Aber sie… sie… wird es tun!", flüsterte er, als spräche er mittlerweile mit sich selbst. Er war näher gekommen. Hermines Mund öffnete sich.

„Nein, du musst so etwas nicht tun-", begann sie, aber er machte eine ruckartige Bewegung mit dem Zauberstab.

„Halt den Mund!", fuhr er sie an. „Halt deinen Mund. Ich muss… sicher gehen…", murmelte er überfordert. Er hob den Zauberstab zu ihrem Gesicht. „Nicht, dass du es überleben wirst, wenn sie erst einmal kommt – aber… ich muss sicher gehen", wiederholte er, schien sie gar nicht mehr wahrzunehmen. Und dann schluckte er. „Es tut mir leid", sagte er tatsächlich. Ihr Mund öffnete sich hilflos. „Aber anders geht es nicht", schien er sagen zu müssen. „Anders können wir das Gold nicht behalten", sagte er mit Überzeugung in der Stimme.

Ehe Hermine sprechen konnte, sagte er die Worte.

Die Worte, die sie vergessen ließen.

Obliviate!", flüsterte er, drehte den Zauberstab in den Händen, und Hermine spürte es. Sie schrie auf, spürte, wie die Erinnerung grob aus ihrem Gehirn gerissen wurde, wie sie vergaß, was heute passiert war. Wie sie nicht mehr wusste, wo sie gestern gewesen war. Er besaß keine Feinsteuerung für diesen Zauber, wie sie sie einst besessen hatte. Er löschte willkürlich, beschränkte sich nicht auf die Gefangenschaft, und alles war nur noch ein Nebel aus vagen Farben.

Sie wimmerte, und wusste nicht mehr wie der Spinnentöter hieß, wie der Mann hieß, der sie gefangen gehalten hatte, wusste nicht mehr, dass –

Sie hatte die Augen geschlossen vor Schmerz, und spürte, wie sie grob nach vorne geschubst wurde, während der Mann vor ihr apparierte. Hastig wollte sie mit den Armen rudern, um Gleichgewicht zu finden, aber sie war komplett verschnürt!

Was?!

Sie stürzte die Klippe hinab, während ihr Zauberstab neben ihr durch die Luft segelte und im Wasser versank, eher als sie ins Wasser stürzte.

Sie verfehlte die Felsen nur um wenige Zentimeter, und Wasser tränkte ihre Kleidung, tränkte die Stricke, mit denen sie gefesselt war, und sie war verwirrt, bewegte ihren gesamten Körper im eiskalten Wasser, was beständige Wellen warf, aber sie konnte nicht paddeln, konnte nicht rudern, konnte nur ihre beiden Beinen zusammengebunden bewegen, in eiligen Bewegungen, die sie nur knapp über Wasser hielten.

Wieso war sie gefesselt?!

„Harry!", rief sie verzweifelt. „Hilfe!", entrang es sich ihren Lungen, denn sie hatte keine Ahnung, wo sie war – wie sie hier hingekommen war. Starke Kopfschmerzen zerrten an ihrem Bewusstsein, und die Ohnmacht war nahe, aber sie hielt sich verzweifelt über Wasser, wusste, dass sie diese Anstrengung nicht lange würde aushalten können.

„Harry!", rief sie zitternd, aber nur der Wind heulte über das Wasser. Und fast kam es ihr so vor, als könne sie sehen, wie sich etwas durch das Wasser bewegte. Weiter hinten. Es war wie… ein dunkler Schatten, der seine Kreise zog.

Sie strampelte heftiger mit den zusammengebundenen Beinen, versuchte, von der Stelle zu kommen, an eine seichtere Stelle, während sie wusste, sie war nicht alleine hier. Hier in diesem See! Denn dort hinten war etwas anderes, und während sie immer wieder halb unterging, schlängelte sich etwas Dunkles direkt auf sie zu.