Kapitel 19
„Schneller!", befahl Snape, während Potter auf und ab marschierte.
Weasley starrte nur verzweifelt auf das Abzeichen.
Draco hatte nicht mehr gesprochen, hatte nicht mehr gewagt, zu denken. Dumbledore bearbeitete das Abzeichen seit einer Minute, sprach dunkle Formeln, und Snape hatte nur gesagt, dass es länger dauern würde, je weiter der Bruder des Abzeichens entfernt war.
Die Abzeichen waren aus demselben Stück Koboldsilber geschmiedet und anschließend getrennt worden. Auf Koboldsilber lag eine uralte Magie. Was getrennt wurde, konnte man wieder zusammen führen, egal, wo das andere Stück sich befand.
Allerdings nur ein einziges Mal. Dann wäre das Silber nicht mehr zu gebrauchen. Der Effekt hielt auch nicht lange an. Etwas unter der Prämisse zu finden, indem man Koboldsilber verband, und dem Gegenstück folgte, war riskant. Denn wäre Granger nicht im Freien oder wäre sie nicht am Leben – oder… - Draco schüttelte zornig den Kopf. Es jetzt zu versuchen, war fast genauso aussichtslos, es überhaupt zu tun. Denn man musste schnell handeln, musste dem Funken folgen, und… wenn sie es schon nicht mehr trug? Wenn man es ihr abgenommen hatte? Wenn sie es bereits verloren hatte?
Die Chancen, dass es nicht funktionierte lagen höher als das Gegenteil.
Aber es vergingen mehr und mehr Minuten. Und Dumbledore hatte gelogen.
Die Auroren, die sich tatsächlich gut versteckt gehalten hatten, suchten mittlerweile das Gelände nach Hinweisen ab, während die Sonne bereits versunken war. Einige waren dem Mann hinterher appariert, versuchten ihn zu finden, und Draco fragte sich nur eine einzige Sache: Hatte Dumebledore es geahnt? Geahnt, dass es nur ein Trick wäre? Dass der Mann niemals vorgehabt hatte, sein Wort zu halten? Dass er Granger niemals hatte davon kommen lassen wollen?
Oder hatte es Dumbledore darauf ankommen lassen?
Das fragte sich Draco, aber er sprach es nicht aus, während Dumbledore die Magie ausführte, die er brauchte, um die beiden Stücke zusammenzuführen.
In der Magie bestand vieles aus Gegenteilen. Tag und Nacht. Hell und Dunkel. Bruder und Schwester. So auch die Abzeichen. Dumbledore hatte es erklärt, McGonagall hatte es sogar einmal in Verwandlung erklärt. Das eine konnte das andere finden.
Einmal.
Und wusste er überhaupt, dass sie es trug? Oder wandte er so viel Kraft und Ausdauer für eine vage Vermutung auf? War es auch wieder ein geplantes Kalkül gewesen war?
Und dann begann das Abzeichen zu leuchten, in der lauen Dämmerung.
„Die Verbindung steht", flüsterte Dumbledore fast erleichtert.
Draco starrte auf das leuchtende Metall.
Und niemand sprach aus, was sie alle dachten.
Wäre es nicht schon längst zu spät?
„Ich appariere auf der Stelle!", rief Potter sofort auf, den Zauberstab bereits gezogen.
„Nein", sagte Dumbledore nur. „Ich gehe", schloss er, ohne Raum für eine Diskussion zu lassen. Und Draco protestierte nicht. Er sprach gar nicht mehr. Es war alles verloren. Es war, als hätte er Lucius nur ein weiteres Mal verloren – und Granger noch dazu.
Er war auf den Boden gesunken, starrte in die Dämmerung, und spürte die Leere, die Kälte, und dann war Dumbledore verschwunden.
Und es war Weasley, der neben ihn gesunken war, während sich Potter mit Snape stritt, während er zornige Worte sprach, während er nicht begreifen konnte, wie alles eskaliert war, wenn Dumbledore doch eigentlich Vorkehrungen getroffen hatte!
Potter zweifelte nicht eine Sekunde an Dumbledores Unfehlbarkeit.
Aber Draco tat es.
Draco fragte sich nichts anderes, als ob Dumbledore heute genügend Zeit gehabt hatte, um ein Menschenleben aufs Spiel zu setzen – und auch noch zu verlieren.
Er hatte zu hoch gepokert, und er hatte die Konsequenzen für sein Handeln billigend in Kauf genommen.
Zu hoch gepokert… - die Worte blieben in seinem Geist.
„Wo ist sie wohl", flüsterte Weasley verloren neben ihm. Und Draco konnte sie beide einschätzen. Potter ließ es nicht zu. Die Sorge, die Angst. Er ereiferte sich lieber, suchte nach unmöglichen Lösungen, während Weasley so aussah, wie er sich fühlte. Wo die kleine Weasley in dem Tumult abgeblieben war, wusste Draco nicht zu sagen.
Es war zu schnell gegangen, und er hatte es nicht lösen können. Er hatte sich auf Dumbledore verlassen, und er bereute nichts mehr als das.
„Ob sie noch… hier in dieser Welt ist?", entfuhr es Weasley tonlos, ohne dass er ihn ansah, aber Draco hob langsam den Blick.
Noch hier? Oder…?
Draco schloss die Augen. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Zehn Minuten? Fünfzehn? Zu viel Zeit auf jeden Fall.
„Mr Malfoy?" Er öffnete die Augen, blinzelte die Tränen fort. Der Auror namens Beans kniete vor ihm. „Es tut mir leid, Sie jetzt zu belästigen, aber… ist Ihnen irgendetwas an dem Mann aufgefallen? Egal, was?", erkundigte sich der Auror dringlich.
„An dem Mann, der aussah wie mein Vater? Was sollte mir bitteschön an-" Er war im Begriff zornig zu werden. Fast war er dankbar, dass dieser dämliche scheiß Idiot von Auror es wagte, ihn zu belästigen!
Aber dann fiel der Sickel. Mit einem dumpfen Geräusch. Endlich!
Die Stimme!
Zu hoch gepokert!
„Elias Garrick", entfuhr es Draco, ohne dass er den Auror wahrnahm. „Es war Elias Garrick", wiederholte er vollkommen verblüfft. Der Auror starrte ihn an.
„Garrick? Er gilt im Ministerium offiziell als vermisst. Sind Sie da sicher, Mr Malfoy?" Draco hob den Blick mit geöffnetem Mund. „Vollkommen sicher?", wiederholte der Auror drängend, und Draco fuhr sich durch die Haare, als er nickte.
„Ja, ich bin mir vollkommen sicher."
Der Auror ließ ihn hastig zurück, begann etwas zu rufen, und Weasley starrte ihn an.
„Du… du kennst den Mann?", wisperte Weasley.
Ja, Draco kannte den Mann. Draco kannte die Fledermaus, die ihn ausspioniert hatte. Er kannte den Mann, bei dem er Spielschulden gemacht hatte, der Granger bedroht hatte, der seinen Vater immer wieder heimgesucht und um Gold gebeten hatte! Der versucht hatte, Lucius auf die Dunkle Seite zu holen, und der es nicht geschafft hatte – und ihn deshalb getötet hatte!
„Er war ein Freund", sagte Draco bitter, und Weasleys Mund hatte sich schockiert geöffnet. Das war es doch, was Lucius immerzu gesagt hatte, wenn Draco ihn gefragt hatte, wer der gruselige Mann gewesen war, der in den letzten Monaten im Leben seines Vater in Malfoy Manor ein und aus spaziert war!
-Elias Garrick, Draco? Er ist bloß ein Freund.-
Ja, bloß ein Freund.
Und Granger kannte ihn auch.
Kannte…-
Kennt! Er hatte ‚kennt' denken wollen! Hatte er aber nicht. Er vergrub den Kopf in seinen Händen, während immer mehr Auroren um ihn herum verschwanden.
Granger hatte ihren Mörder auch gekannt.
Ihre Muskeln protestierten vor Verzweiflung. Sie hatte keine Ahnung mehr, wie lange sie versucht hatte, gegen die Strömung anzukommen. Wie hart sie an ihren Fesseln gezogen hatte, nur um sie noch fester um ihr Handgelenk zu zurren.
Sie konnte nicht mehr. Sie hatte viel Wasser geschluckt, hustete, rief um Hilfe, und sie hatte aufgegeben.
In der Sekunde, als der schwarze Schatten sie umzingelt hatte. Sie hatte versucht, zu ignorieren, was sich seinen Weg zu ihr gebahnt hatte, und nun war es da. Sie schrie, als der Schatten unter ihr angekommen war. Sie weinte gleichzeitig, und paddelte ein letztes Mal verzweifelt mit den zusammen gebundenen Beinen.
Und dann versank sie in den Tiefen des eiskalten Sees. Wasser stieg in ihre Nase, und so gut es ging, hielt sie die Luft an, aber Panik erfasste sie, während sie den langen, riesigen Körpers des Tieres im schlammigen Dickicht des Sees ausmachen konnte. Würde es seinen länglichen Körper nur enger um sie ziehen, könnte es sich mit Leichtigkeit ersticken. Sie bemerkte, wie das Tier tiefer ins Wasser sank, wie es scheinbar seine Haltung änderte, um sie ansehen zu können. Luft entwich ihren protestierenden Lungen, und sie wusste, lange würde sie nicht mehr können. Die Bewusstlosigkeit zollte ihren Tribut, am Rande ihrer Wahrnehmung.
Es war dann, dass ihr Abzeichen anfing zu leuchten. Blasen stiegen erschrocken aus ihrem Mund an die Oberfläche. Sie klappte den Mund hastig zu.
Was zur…?
Das schlammige Grün des Sees begann, zu leuchten.
Ja. Sie war Schulsprecherin, dachte sie dumpf. Sie hatte Probleme mit ihrer Erinnerung, so viel hatte sie schon festgestellt. Sonst würde sie ja wissen, was zur Hölle sie hier in diesem Gewässer tat! Dann spürte sie einen Schlag gegen die Brust, als hätte sie ein Stein getroffen oder etwas ähnlich Absurdes. Aber sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken.
Es leuchtete so hell, dass sie kurz die Augen schließen musste. Es erhellte das Wasser mit so immenser Kraft, dass sie plötzlich die Augen der Gestalt vor sich erkennen konnte, die das Wasser in seltsame Bewegungen brachte. Die Gestalt war ebenfalls zusammengezuckt und blinzelte gegen das ungewohnte Licht.
Die Augen dieses Tiers waren blau.
Hermine spürte, wie ihre Füße Halt fanden. Wie das Tier unter sie glitt, und sie auf dem Schuppenrücken stand, als es mit einer einzigen Bewegung aus dem Wasser emportauchte. Klatschnass fiel sie verschnürt auf ihre Knie. Ihre Muskeln zitterten, während sie heftig hustete, das letzte Wasser ausspuckte und versuchte, nicht zurück ins Wasser zu stürzen, während das Geschöpf blinzelnd auf sie nieder blickte.
„Oh… Gott…", flüsterte sie heiser, denn dieses Biest könnte sie mit nur einem Bissen verschlingen. Sie zitterte, konnte kaum noch atmen vor Schmerz und Kälte, und das Tier – die riesige Schlange – neigte den schuppigen grünen Kopf. Und sie sah – ein Auge des Tieres war blind. Es sah wild in eine andere Richtung. Nur das rechte Auge des riesigen Kopfes fixierte sie, mit wunder Neugierde.
Sie atmete schwer, während sie auf den glitschigen Schuppen drohte, abzurutschen.
Sie sah etwas im Rücken des Tieres stecken, was sich mühelos halb über Wasser halten konnte. Ein… Speer? Sie konnte es nicht richtig zuordnen, aber es sah aus, als hätte jemand ein Speer nach dem Tier geworfen gehabt, um es aufzuspießen.
Wasserperlen stoben aus den violetten Nüstern des Tieres, das aussah wie ein halber Drache – nur eben unter Wasser. Ein Ohr fehlte ihm ganz, stellte sie nun fest, und es schien sie zu mustern. Sehr scheu.
Und dann war es still. Lautlos schwebte das Tier im Wasser und betrachtete sie aus seinem gesunden Auge. Es blinzelte langsam, als wäre es alt oder müde. Oder beides. Angsterfüllt starrte sie zu ihm auf, erkannte langsam immer mehr Verletzungen, Narben und Blessuren auf dem glänzenden Körper des Tieres. Es schimmerte grün und violett im letzten Tageslicht. Es musste dreißig Meter lang sein, überlegte sie panisch.
Sein vorhandenes Ohr war klein, kleiner als bei den Drachen, die sie bisher gesehen hatte. Es neigte den Kopf und Hermine kniete stocksteif auf seinem Rücken, als es sie beschnupperte. Vorsichtig, ohne sie zu berühren.
„Keine Angst", vernahm sie eine ruhige Stimme neben sich. Sie erschrak heftig, und das Tier zog den Kopf nervös zurück. „Ganz ruhig", murmelte Dumbledore dem Tier zu oder ihr. Sie wusste es nicht! Er stand neben ihr auf dessen Rücken und griff nach ihrem Arm. „Miss Granger, ist alles in Ordnung?", fragte er mit immenser Erleichterung im Blick, als er sie auf die Beine zog, und mit dem Zauberstab die Fesseln löste.
„Professor!", flüsterte sie unter Tränen. „Sie haben mich gefunden?"
„Oh ja, Ihr Abzeichen hat mich geführt, Miss Granger", erklärte er sanft. Dann hob er die andere Hand in Richtung des Kopfs des großen Wasserdrachens. „Ich bin es nur", sagte er sanft, und das Tier schien zu überlegen, ehe es schließlich den Kopf wieder senkte und sich von Dumbledore tätscheln ließ. Es schloss scheinbar ebenso erleichtert wie Hermine seine Augen, lehnte sich sanft gegen Dumbledores Berührung, und Hermine beobachtete diese Szene wacklig.
Missbilligend nahm auch Dumbledore den Speer zur Kenntnis. „Haben sie dich wieder gejagt?", fragte er, ohne dass das Tier ihn wohl verstehen konnte. „Sie wollen sie fangen, sie töten, sie wollen ihre Haut", informierte er Hermine, die sich bereits an ihn gelehnt hatte aus Schwäche, während Dumbledore den Speer aus der Haut des Drachen mit einem Zauberstabschlenker verschwinden ließ.
„Halten sie für wertvoll oder gefährlich", ergänzte er, während er vorsichtig einen Arm um Hermine legte. „Nessie ist jedoch Vegetariern", schloss er lächelnd. „Hat noch nie einem Menschen etwas zuleide getan." Sie wusste nicht, ob er sprach, um sie zu beruhigen, sich selber oder das Tier.
Nessie? Hermine blinzelte erschöpft. Das Tier hatte einen Namen? Es hieß –
Oh….
„Das… das Ungeheuer von Loch Ness?", murmelte sie verwirrt, nicht sicher, ob sie bereits ertrunken war und träumte, während Dumbledore sie hielt und mit ihr drehend in die Lüfte stieg.
„Ja, dort hat sie gewohnt. Ich habe sie aber hier hin bringen lassen, denn dort war sie nicht mehr sicher. Aber ich glaube, sie braucht schon wieder einen neuen Ort. Ich werde Hagrid Bescheid sagen. Er und Bill Weasley werden sich bestimmt gerne um sie kümmern. Ich denke, wir holen Sie nach Hogwarts. Gut, dass diese dummen Männer mit diesem Geschöpf nichts weiter verbinden, als ihre Größe und mögliche Gefährlichkeit. Sie hätte Ihnen nie etwas zuleide getan, Miss Granger." Hermine driftete nickend ab, in Dumbledores Armen eingeschlafen.
„Und ich bin unendlich froh, dass Sie noch leben", flüsterte er, aber sie hörte seine Worte schon nicht mehr. „Sehr, sehr froh."
Sie öffnete die Augen und fühlte sich fast noch müder als sie sich beim Schlafen gefühlt hatte.
„Sie ist wach!", hörte sie sofort die nächsten Stimmen. Ihr war schwindelig, als sie blinzelte.
„Harry!", flüsterte sie erleichtert. Sie lag in weichen, weißen Kissen. „Da… da war ein Ungeheuer. Es war… grün", sagte sie sofort, was ihr auf der Zunge lag. „Im Wasser…", flüsterte sie, während ihre Augen immer wieder zufielen.
„Schon gut, Hermine", beruhigte sie Ron erleichtert. „Wir hatten solche Angst! Wir dachten schon… diese Scheißkerle hätten dich…" Er sprach nicht weiter, schüttelte nur erfreut den Kopf, und strahlte sie an.
„Wie fühlst du dich?", fragte Ginny sie jetzt.
„Ich – gut. Ich bin müde, aber… ich fühle mich gut", sagte sie, nachdem sie ihre Gliedmaßen vorsichtig bewegt hatte. Sie betrachtete ihre Handgelenke. Die Fesseln hatten sie tief geschnitten, aber Madame Pomfrey musste sie bereits geheilt haben.
„Ich weiß nur nicht, warum ich gefesselt war", bemerkte sie stirnrunzelnd. „Was ist passiert, Harry?", wollte sie wissen. „Haben sie uns getrennt? War das ein Hinterhalt? Wie konnte das überhaupt passieren? Gibt es… gibt es noch Todesser?", flüsterte sie angsterfüllt, und zum ersten Mal traten gleich mehrere Falten auf Harrys Stirn.
„Was?" Harry schien nicht verstanden zu haben.
„Der… der Krieg ist doch vorbei. Wieso sind…?" Ihr Blick fiel auf die vierte Gestalt im Krankenflügel, die rechts neben ihrem Bett gestanden hatte. Und sie starrte ihn an.
Wieso war er hier? Sie wandte voller Unverstand den Blick an Harry.
„Was tut er hier?", wollte sie gepresst von ihm wissen, und tatsächlich tauschten Harry und er einen kurzen Blick, wie es schien. „War es seine Schuld? Hatte sein Vater damit zu tun?", fragte sie, ohne sich zu bemühen, leise zu sprechen.
Und der Junge, der ebenfalls das Abzeichen dieses Jahr bekommen hatte, erwiderte ihren Blick starr mit einem eigenartigen Ausdruck.
„Hermine", begann Harry vielleicht ein wenig konsterniert, „du wurdest entführt", erklärte er langsam. „Du wurdest als Geisel genommen, aber die Auroren wissen jetzt, nach wem sie suchen müssen, und es kann sich nur noch um Stunden handeln", erklärte er verwirrt. „Weißt du noch?", fügte er sanfter hinzu.
„Entführt?", wiederholte sie. „Nein – ich… stand plötzlich an dieser Klippe und… bin gefallen!", beharrte sie.
„Du erinnerst dich nicht?", flüsterte Ginny jetzt, mit schockiertem Blick auf Harry. Dieser biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
„Ich erinnere mich!", widersprach Hermine zornig, denn sie wusste doch, was passiert war!
Und Malfoy hatte sich ohne Worte abgewandt und war verschwunden.
„Was hat er hier zu suchen gehabt?", entfuhr es ihr böse. Die drei sahen sie an. Perplex und ratlos. Hermine glaubte nicht, dass sie Draco Malfoy seit der Zeremonie am ersten Tag hier zu Gesicht bekommen hatte. „Sein Vater hat es bestimmt alles angeleiert! Er ist doch ständig in solche Sachen verwickelt!", fuhr sie ihre Freunde an, die das Offensichtliche scheinbar nicht begreifen wollten. Harry hatte doch sonst auch kein Problem damit, Malfoy alles Schlechte zuzugestehen.
„Sein… sein Vater ist tot", sagte Ron schließlich tonlos. Hermine blinzelte mehrfach, ehe sie schließlich nickte.
„Ja?", kam es hoffnungsvoll über ihre Lippen, und kurz herrschte betroffenes Schweigen. Dann nickte sie grimmig.
„Gut so", erwiderte sie bloß. Diese Todesser verdienten es auch gar nicht besser. Unfassbar, dass sie so kurz nach Kriegsende erneut entführt worden war. Wie rechtfertigte das Ministerium bitteschön so einen Skandal? Sie wäre wirklich gespannt.
„Ok, ich hole Dumbledore", sagte Ginny nur, ohne Hermine noch einen weiteren Blick zu schenken. Und langsam störte es sie, wie seltsam sich ihre Freunde verhielten.
„Was?", wollte sie nun wissen. „Wieso seht ihr mich so an?", bohrte sie nach. „Was ist los?" So langsam aber sich machten ihr ihre besten Freunde tatsächlich Angst.
„Hermine", begann Harry schließlich, während er sich an der Stirn kratzte, „was ist das letzte, woran du dich erinnerst? Hier vor", ergänzte er langsam. Sie runzelte die Stirn.
„Was soll die Frage, Harry?", wollte sie verwirrt wissen. Sie wollte sich einfach ausruhen, und dieses seltsame Erlebnis vergessen. Das war alles!
„Nur so. Ich… frage mich nur", entgegnete er ausweichend. Sie verdrehte die Augen.
„Wir… sind hier her zurückgekommen – nach Hogwarts", erklärte sie. „Ich… habe das Abzeichen entgegen genommen, und… es gab diese Nachkiegszeremonie…" Die Jungen starrten sie an. „Und – tja, dann wurde ich scheinbar entführt! Lächerlicherweise!", entfuhr es ihr kopfschüttelnd.
„Welchen Monat haben wir?", fragte Harry plötzlich ernst, ohne auf ihre Worte einzugehen. Sie verdrehte die Augen, als sie lächeln musste.
„Oh Harry!" Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin nicht verrückt, ok?" Aber Harry und Ron wirkten nicht überzeugt. „Merlin, Harry, ok. Ich spiele dein Spiel", gab sie nach. Er war wirklich seltsam. „September. Wir haben September, zufrieden?", sagte sie schließlich, und Harry und Ron tauschten einen extrem beunruhigten Blick.
„Es ist Mai", sagte Harry schließlich, fast resignierend, und Hermines Lächeln verschwand langsam von ihrem Gesicht.
„Was?" Sie schüttelte nur den Kopf. „Nein, wir haben September. Du weißt doch, wir wurden doch erst vor einigen Wochen-"
„-sieh doch aus dem Fenster", unterbrach er sie ruhig. „Es wird Sommer. Hier!" Er deutete anschließend auf den Kalender hinten an der Wand. Hermine kniff die Augen zusammen.
„Was?", entfuhr es ihr. „Aber…"
„Heute ist der fünfzehnte Mai", erklärte Harry ihr ruhig.
„Nein", sagte sie ruhig, aber entschieden. „Es kann nicht Mai sein, Harry, weil… dann wäre ja… schon Weihnachten gewesen, und… es war noch kein Weihnachten", beharrte sie nickend. Aber sie konnte nicht leugnen, dass… die Natur draußen irgendwie… nicht nach Herbst aussah. Sie hatte angenommen, im Krankenflügel wären bereits die Öfen angestellt worden, deswegen war es so warm, weil es eben Winter wurde, aber… die Bäume draußen standen… in grüner Blüte, die Vögel sangen, und alle Fenster waren – weit geöffnet.
Sie runzelte die Stirn.
„Harry, das kann nicht sein", flüsterte sie kopfschüttelnd, während Panik sie erfasste. „Denn dann…", sie überlegte kurz, während sich ihre Augen weiteten, „fehlen mir acht Monate", entfuhr es ihr tonlos.
Ron wirkte unglücklich, und Harry hatte den Blick von ihr abgewandt. Panik erfasste sie mit einem Mal.
Denn – das konnte nicht sein!
