Kapitel 20
Die Geschichte war umgegangen wie eine Legende. Granger war vom Ungeheuer gerettet worden, er hatte all sein Gold verloren, sein Vater war ermordet worden – selbst die Zeitungen überschlugen sich mit diesen Ereignissen. Es war, als wären alle Wunden neu aufgerissen.
Und sie hatte alles vergessen.
Das kam als winzige Nebensächlichkeit hinzu, überlegte er bitter. Und seit Tagen überlegte er, ob das gut oder ob das schlecht war.
Denn natürlich ließen es sich die dämlichen Schüler nicht nehmen, rumzuerzählen, er persönlich hätte alles für sie aufgegeben. Natürlich hatte er solche Gerüchte bereits dort zerschlagen, wo er sie gefunden hatte, denn wenn sie sich nicht erinnerte, dann… musste es ihr auch niemand erzählen.
„Hey." Goyle setzte sich unaufgefordert neben ihn. Draco hatte sein Frühstück halbherzig angerührt, während sein Tee bereits kalt geworden war. „Schon Lust auf Kräuterkunde?", fragte er ihn vorsichtig. Draco verzog den Mund. Draußen in der Hitze in Merlins Frühe mit den Gryffindors? Klar, besser ging es nicht.
Und Goyle war auch der einzige, neben dem Arschloch Kingston, der wusste, dass zwischen ihm und Granger mehr gewesen war, als grenzenloser Hass. Neben ihm hielten Pansy und Blaise lächerlicherweise Händchen, und Draco könnte kotzen.
„Ja, kann mich kaum halten", bestätigte Draco missmutig. Er hatte Goyle nicht auf dessen Vater angesprochen. Goyle hatte kein Aufhebens darum gemacht, behielt seine Gefühle streng für sich, und Draco wollte nicht reden. Über nichts, was mit all den Ereignissen zusammenhing. Alle Erinnerungen seines Vaters hatten sich buchstäblich zerschlagen, er besaß nichts mehr, und alles hing in der Schwebe.
Granger erinnerte sich an nichts, und er wusste nicht, ob es besser so war. Dass sie nicht wusste, wie sehr er ihr zugesetzt hatte. Dass er sie zu vielen Dingen gezwungen hatte. Ob es gut war, dass sie nicht mehr wusste, dass sie dabei gewesen war, als er die Nachricht von Lucius' Tod erhalten hatte, oder dass sie nicht mehr wusste, wie sie sich geküsst hatten?
Wie sie sich gestritten hatten, wie nahe er ihr gewesen war? Dass ihr nicht klar war, dass er tatsächlich alles für sie aufgegeben hatte?
Und ihm kam ein Satz in den Sinn. Etwas, dass sie ständig zu ihm gesagt hatte. Sie wäre die einzige von ihnen beiden, die sich immerzu erinnern würde, weil er ständig mmer alles nur vergaß, in seinem Nebel aus Alkohol.
Und… hatte es sich so angefühlt? Für sie? So, wie es sich jetzt für ihn anfühlte?
Nein. Denn… er hatte es ja nie wirklich vergessen. Vielleicht winzige Dinge, aber…- nein. Das hier war anders.
Denn wenn sie es nicht mehr wusste, vielleicht war es dann auch nicht mehr wahr? Vielleicht gab es ihm die Chance, neu anzufangen. Sie nicht mehr zu beachten – das war es doch ohnehin gewesen, was sie von ihm verlangt hatte. Und vielleicht konnte er ihr diesen Gefallen tun, denn mittlerweile… hasste er sie nicht mal mehr.
Nicht einmal mehr das tat er noch. Denn… sie erwiderte es nicht mehr. Sie erwiderte gar nichts mehr, wie es schien.
Er wusste, er war erbärmlich, aber er würde ihr nicht wehtun. Er würde gar nichts mehr tun. Eine seltsame Gelassenheit hatte ihn befallen. Eine seltsame Erleichterung, dass er ihr nicht mehr würde Rede und Antwort stehen müssen, weil sie ihn und alles, was sie vielleicht für ihn empfunden hatte, schlichtweg vergessen hatte.
Sie hatte ihn vergessen.
Er hatte im Krankenflügel vor einigen Tagen nur Unverstand und Verwirrung in ihrem Blick lesen können. Keinen übermäßigen Hass, keine Unfreundlichkeit – keine Erinnerung. An gar nichts.
„Wollen wir gleich los?", fragte Goyle, fast vorsichtig. Draco ruckte mit dem Kopf. Er wartete darauf, dass der Mörder gefasst wurde. Dass er sein Gold zurückbekam. Dass alles war, wie es immer gewesen war. Nur ohne seinen Vater. Und ohne Granger, die ihm sein Leben rettete. Er war lange nicht mehr betrunken gewesen, fiel ihm bitter auf.
Und seltsamerweise verspürte er nicht mal mehr die Lust. Er fragte sich, ob es sich wiederholten würde. Würde er wieder beginnen. Würde er alles wieder zerstören. Sich selbst, Gemeinschaftsräume. Ob sie dann wiederkäme? Um ihn wieder einmal zu retten?
Seine Gedanken waren trübe und finster. Er rechnete nicht mehr damit, dass sie zu ihm kommen würde. Ihr Platz am Gryffindortisch war noch immer leer. Ihre Eltern hatten sie hier besucht, waren von Dumbledore geholt worden. Sie lag im Krankenflügel, während verschiedene Heiler bereits gekommen waren, um ihre Erinnerung wiederherzustellen. Aber oftmals war das gar nicht möglich. Sehr häufig blieben Erinnerungen schlicht und einfach gelöscht.
Er erhob sich mit Goyle zusammen. Pansy und Blaise folgten ihnen plaudernd.
Goyle umgab ebenfalls etwas einsames, etwas düsteres.
Sie ließen sich gegenseitig mit ihren Gedanken in Frieden. Keiner störte den anderen. Und Draco fühlte sich nicht unwohl dabei. Über manche Sachen musste man nicht endlose Stunden reden. Goyle starb innerlich, denn sein Vater war seelisch tot. Draco wusste wie es war. Er musste Goyle kein Beileid aussprechen. Und Goyle wusste, wie es sich anfühlen musste, dass jemand wichtiges einen vergessen hatte. Es gab keinen Grund, darüber zu reden. Wofür? Es wurde dadurch nicht besser.
Es wurde ohnehin Zeit. Die Siebtklässler schoben sich zum Ausgang. Noch immer tuschelten sie, wenn sie ihn sahen. Sie zeigten auf ihn, sprachen verhalten, und er ignorierte es. Alles, was sie von sich gaben. Es waren nur dumme Schüler.
Sie erreichten die Gewächshäuser. Eng standen Weasley und Potter beieinander.
„Fangen wir an!", rief Professor Sprout schließlich, nachdem Ruhe eingekehrt war. Und Dracos Blick hob sich, als er sie erkannte. Die Schüler wandten die Köpfe, als sie lächelnd das Gelände hinab gelaufen kam.
„Entschuldigung, ich bin zu spät", sagte sie, so seltsam sorglos und unbelastet, während sie sich neben Potter und Weasley stellte. Draco hatte nicht angenommen, dass sie bereits diese Woche hier erscheinen würde. Aber sie hatte keine Erkältung, hatte kein gebrochenes Bein. Sie… hatte lediglich vergessen.
„Miss Granger, schön Sie dabeizuhaben", begrüßte sie Professor Sprout, während sie fortfuhr über die Setzlinge von der letzten Woche zu reden, dass sie alle angegangen waren, und dass sie nun im Gewächshaus fortfahren würden, mit der Ernte.
Die Schüler schoben sich ins Innere der Häuser, und Draco stand zwischen seinen Freunden, während er nicht anders konnte, als sie anzusehen, sie zu beobachten, jede Bewegung wahrzunehmen.
War sie so gewesen? Vorher? Sorglos? Es musste ja so gewesen sein. Ohne die Erinnerung an ihn ging es ihr also gut. Sie lachte, als Potter irgendetwas sagte, half Weasley anstandslos bei seinem Blumentopf, und auch mit Longbottom war sie bald in ein Gespräch verwickelt.
Was hatte er erwartet? Dass sie gebrochen und verzweifelt im Krankenflügel warten würde, bis er kam? Nein, wahrscheinlich nicht.
Und irgendwann hatte sie seinen Blick bemerkt.
Er fühlte sich tatsächlich ertappt, wusste nicht, mit ihrem Unwissen umzugehen, und senkte hastig den Blick, während er grob den Setzling aus dem Topf zerrte, so dass dieser ihm fast die Handschuhe zerschnitt. Er hatte Zähne bekommen, dieses kartoffelartige Biest.
Er spürte ihren Blick. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie ihr Lächeln langsam verschwand, als sie ihn wohl betrachtete. Er hütete sich, sie noch einmal anzusehen.
Zornig setzte er seine Arbeit fort. Er fragte sich, was Potter ihr wohl erzählt haben mochte. Ob er es vermieden hatte, sie auf die Zeit hinzuweisen, in der sie sich um ihn gesorgt hatte? Ihre gesamte Zeit für ihn geopfert hatte? Ihn aus sämtlichen Gefahren erretten wollte?
Er nahm an, Potter hatte ihr gar nichts erzählt. Warum auch? Potter war das doch sowieso immer gegen den Strich gegangen! Es musste für ihn ziemlich wunderbar sein, dass er sie selber nicht zwingen musste, ihn, Draco, nicht zu beachten.
„Draco", bemerkte Goyle gepresst, „du erwürgst deinen Setzling", ergänzte er flüsternd, und Dracos Griff lockerte sich wieder. Tatsächlich hatte er das Wesen fast stranguliert.
Merlin, er war in beschissener Verfassung. Wäre sie doch einfach weggeblieben.
War das so schwer? Verflucht.
Es war ihr nicht entgangen. Sie hatte zwar nicht mehr darauf geachtet, aber er hatte sie so oft angesehen. So oft, dass sie es irgendwann nicht mal mehr ignorieren konnte. Und es war ihr unangenehm. Er mied sogar ihren Blick, wenn sie ihn erwiderte.
Und nach Kräuterkunde war er fast als erster verschwunden, hatte seine Sachen zusammen gepackt und war aus dem Gewächshaus verschwunden, ehe sie ihre Handschuhe ausgezogen hatte. Harry hatte ihr knapp davon erzählt, dass sie und Malfoy in den letzten Monaten auf dem Kriegsfuß gestanden hatten. Dass er nicht über den Tod seines Vaters hinweg gekommen war, und dass sie als Schulsprecherin dafür Sorge getragen hatte, dass sein Gemeinschaftsraum nicht den Bach runtergegangen war.
Hermine konnte es sich kaum vorstellen. Wieso sollte sie solche Längen gehen? Seinen Gemeinschaftsraum in Ordnung halten? Sogar Nächte dort verbringen, wie Ginny ihr erzählt hatte. Wozu verbrachte irgendjemand, der nicht in Slytherin war, mehr Zeit mit ihm als nötig?
Sie hatte nicht das Bedürfnis, ihn näher zu kennen. Er war unfreundlich, böse und bedachte alles und jeden mit seiner Arroganz. Er hatte für sie keine nennenswert gute Eigenschaft. Aber sie war nicht blind. Sie hatte den Tagespropheten gewissenhaft studiert, wusste, dass wohl Malfoy sein Gold und sein Denkarium dafür aufgegeben hatte, dass sie gerettet wurde – was wohl nicht so eingetreten war, aber sie glaubte, dass Harry ihn wohl dazu genötigt haben musste, ohne dass sie es aussprach.
Harry und Ron mochten Malfoy nicht. Ginny mochte ihn nicht. Es ergab sich für sie kein Grund, dass sie anders denken sollte. Ron hatte ihr gestern erzählt, sie wäre sogar da gewesen, als Malfoy die Nachricht vom Tod seines Vaters erhalten hatte, aber Hermine konnte sich nicht mal wirklich vorstellen, warum das so wichtig gewesen sein sollte. Sie scherte sich nicht um ihn. Sie scherte sich auch nicht um seinen Vater – oder um Todesser im Allgemeinen. Es verband sie gar nichts mit Malfoy, außer dass sie scheinbar ein paar Details über ihn gewusst hatte und anscheinend seine persönliche Putzfrau gewesen war.
Dass sie das vergessen hatte war nicht wirklich schlimm.
Sie schätzte ihn grob und gewalttätig ein.
Heute fand ihr erstes Vertrauensschülertreffen statt. Nicht wirklich ihr erstes, nein. Aber das erste, an das sie sich erinnern konnte. Und sie war aufgeregt. Malfoy und sie mussten schon viele davon gehalten haben. Er würde ihr bestimmt heute aushelfen, nahm sie an, auch wenn sie es ihm kaum unterstellen wollte. Vielleicht käme sie schnell in den Ablauf der Dinge rein und könnte dann übernehmen. Sozialkompetenz war nichts, was sie ihm zumutete.
Er war ein Arschloch.
Und sie hatte genug Probleme, den Stoff aufzuholen. Dumbledore hatte ihr gesagt, es wäre kaum möglich, dass sie die Klausuren würde bestehen können, wenn sie acht Monate Stoff vergessen hatte, aber Hermine weigerte sich, das hinzunehmen. Sie würde es alles nacharbeiten, und blieben ihr auch keine zwei Monate Zeit mehr.
Die Heiler sagten, die Erinnerung wäre zwar gelöscht, aber nicht wirklich verschwunden. Denn nichts, was man aus dem Gehirn löschte, war wirklich fort. Sie konnte darauf nur nicht zugreifen. Es war… wie weggeschlossen, in einem Haus mit tausend Zimmern. Sie hatte alle Schlüssel, aber den richtigen zu finden war unmöglich.
McGonagall hatte ihr geraten, ein wenig nachzulesen, zu jedem Thema etwas, und vielleicht ergäben sich ihr Schlüsselwörter, und ihr Wissen zu dem Thema würde wieder aktiviert werden. Darauf hoffte sie auch. Sie erinnerte sich zwar nicht mehr daran, letzte Woche Setzlinge gepflanzt zu haben, aber sie erinnerte sich daran, in der Bibliothek über die Eintopfung der Setzlinge gelesen zu haben.
Erinnerungen wiederzufinden war, wie am Strand nach einem bestimmten Sandkorn zu suchen. Es war… nicht wirklich sinnvoll oder machbar. Aber sie musste es doch tun!
Jetzt hatte sie den Schultag hinter sich gebracht, saß beim Mittagessen neben Ron und war absolut überfordert. Sie war verwirrt von den Stunden an Unterricht, der ihr teilweise gänzlich unbekannt vorgekommen war, aber sie versuchte, es so gut wie es ging zu verdrängen.
„Ich wünschte, wir müssten nicht dahin", murrte Ron neben ihr. Er sprach wohl vom Treffen.
„Hey, es ist mein erstes Treffen!", beschwerte sie sich scherzhaft bei ihm. Kurz nahm sein Blick etwas Bestürztes an.
„Oh, richtig", murmelte er peinlich berührt. „Tut mir leid. Nein, es wird bestimmt super. Wieder über Deko und Standardtänze zu diskutieren", bemerkte er seufzend. Ja, es gab einen Abschlussball. Dumbledore hatte es bei ihrer Einführung erwähnt. Und der war nun schon bald. Es war, als hätte sie alles übersprungen. Sie räusperte sich verlegen.
„Ron, hat Malfoy einen Ablauf für ein solches Treffen?" Ron wirkte komplett verdattert.
„Ablauf?", wiederholte er verwirrt, als wäre diese Wort im unbekannt. Dann lichtete sich sein Blick langsam, widerwillig fast. „Äh, nein?", erwiderte er ernsthaft entgeistert. „Wieso denkst du, hätte er so etwas, Mine?"
„Na ja, er… hält die Treffen doch mit mir zusammen, richtig?", versuchte sie ihm begreiflich zu machen, und Rons Mund öffnete sich verständnislos. Dann begriff er wohl vollständig und schlug sich die flache Hand vor die Stirn.
„Oh, du denkst, weil er Schulsprecher ist?" Jetzt lachte Ron tatsächlich unpassenderweise auf. „Malfoy war noch bei keinem einzigen Treffen", ergänzte er kopfschüttelnd, mit ein wenig Nachsicht im Blick. „Du leitest die Treffen. In deinem Ordner steht der Ablauf. Ich bin sicher, er liegt in deinem Schlafsaal und vorne steht dick und fett drauf: Vertrauensschülertreffen – oder wie man sie am besten quälen kann", witzelte er grinsend, aber Hermines Lächeln war verschwunden.
„Was?", fragte sie ernsthaft wütend.
„Na ja…", wich Ron ihr merklich stiller aus. „Ich meine es nicht…böse, Hermine", ruderte er schnell zurück, aber davon sprach sie gar nicht.
„Wir sind seit acht Monaten Schulsprecher, und er war kein einziges Mal anwesend?", fuhr sie Ron an, als wäre er der abwesende andere Schulsprecher. Sein Mund klappte zu.
„Hey, ich bin bloß Vertrauensschüler und tue immer, was du sagst, ok? Fahr mich bloß nicht an!", rechtfertigte er sich kleinlaut.
„Und ich habe das zugelassen?", erkundigte sie sich kopfschüttelnd. Acht Monate hatte sie zugelassen, dass Malfoy nicht zu einem einzigen Treffen gekommen war? „Wer hat denn alles geplant? Den Ball, die Rotation der Vertrauensschüler? Die Quidditchzeiten, Nachsitzen? Hogsmeade-Ausflüge?", zählte sie zornig auf, was ihr einfiel, was die Schulsprecher organisieren mussten. Ron wirkte reichlich schuldbewusst.
„Na ja…, du", erwiderte er mit einem nervösen Seitenblick auf Harry, der bereits gespannt zuhörte. „Aber… wir helfen!", versicherte er nickend. „Also… wir Vertrauensschüler", ergänzte er zaghaft. Sie hatte zornig die Arme vor der Brust verschränkt.
„Ich würde niemals zulassen, dass er sich vor seiner Arbeit drückt! Wieso sollte ich alles alleine machen? Er ist der andere Schulsprecher, oder nicht?", fuhr sie immer noch Ron an, der eben gerade als einziger herhalten musste. Harry nickte lächelnd.
„Ganz genau meine Worte, Hermine", schien er mit einer gewissen Genugtuung zu sagen. Sie fixierte ihn.
„Was soll das heißen?", fuhr sie ihn an. Harrys selbstgefälliger Ausdruck verschwand langsam wieder.
„Das ist es, was ich dir seit Monaten sage", erwiderte er still. Ihr Mund öffnete sich.
„Und ich habe das zugelassen?", flüsterte sie, bestürzt über sich selbst. Harry und Ron tauschten einen knappen Blick, sahen sich aber vor, zu antworten. „Ok", sagte sie, wie um sich selber zu beruhigen, während sie entschlossen nickte, „das hört auf. Er wird da auftauchen. Ich bin doch nicht der Depp vom Dienst!", entrüstete sie sich. Sie sah sich zornig in der Halle um, aber er war nicht da.
Sie hatte keine Ahnung, warum sie das zugelassen hatte, aber sie würde das ändern. Dem Schlendrian Einhalt gebieten. Kein Wunder, dass er ein selbstgefälliges Arschloch war, wenn sie ihm alles durchgehen ließ. Gut, dass sie ihre Erinnerung verloren hatte! Dann besaß sie jetzt genügend Wut, alles richtig anzugehen!
Ron neben ihr wirkte nicht mehr gelassen und sorglos. Absolut nicht mehr.
„Und wenn er nicht auftaucht, werde ich ihn schon dazu zwingen!", knurrte sie böse, und Harrys Gesicht nahm eine andere Note an. Sie nickte überzeugt von sich selbst. Sie hatte nicht mehr viel Zeit hier in Hogwarts, aber wenn sie diese so nutzen konnte, dass es wenigstens für Malfoy die Hölle werden würde, weil er tatsächlich mal einen Finger krumm machen musste, dann wäre es gut genug gewesen! Was für ein Mistkerl!
Aber sie hatte nichts anderes erwartet von einem Slytherin. Gar nichts!
„Hermine?"
Ron hatte sich in das Treppenhaus zu den Schlafsälen gelehnt. „Hermine? Wo ist sie?", fragte er ihn nun fast panisch.
„Ich weiß es nicht. Wolltet ihr zusammen gehen?", erkundigte sich Harry bei ihm, über sein Magazin hinweg. Ron nickte heftig.
„Ich – ja. Ich denke schon?", erwiderte er.
Harry legte das Magazin zur Seite. „Vielleicht ist sie… noch…" Er überlegte knapp. „Jetzt, wo sie nicht mehr ständig zu jeder Tageszeit im Slytheringemeinschaftsraum ist, nehme ich an, sie sitzt in der Bibliothek", kam er zu einem Schluss. Ron sah ihn an.
„Solange sie nicht wieder verschwunden ist", murmelte er besorgt.
„Glaube ich nicht", bestätigte Harry. „Aber sie kam noch nie zu spät zu einem Treffen, und ich denke nicht, dass sie damit jetzt anfängt."
„Was, wenn sie Malfoy holen wollte? Wenn sie… einen Streit mit ihm angefangen hat?", wollte Ron plötzlich wissen, aber Harrys Blick richtete sich nachdenklich auf den Kamin, der zurzeit nicht brannte.
„Ron, ich denke ehrlich gesagt nicht, dass sie das tun wird."
„Ihn holen?", wollte Ron von ihm wissen, aber Harry ruckte die Achseln.
„Nein, dass sie… einen Streit mit ihm anfängt. Fällt es dir nicht auf?", erkundigte er sich nun vorsichtiger, aber Ron sah ihn an, als würde ihm überhaupt niemals auffallen, dass Hermine ein Mädchen ist.
„Was? Was fällt mir nicht auf?" Sein Blick war so betroffen unschuldig, dass Harry aufseufzte.
„Mir fällt es auf. Mir fällt erst jetzt wirklich auf, wie viel Zeit sie mit ihm verbracht hat, Ron. Jetzt ist sie nur noch bei uns. Und wenn sie nicht bei uns ist, ist sie in der Bibliothek. Und dann wieder bei uns", ergänzte er, um es Ron begreiflich zu machen.
„Ah…", sagte Ron langsam. „Und?", ergänzte er entgeistert. Harry atmete aus.
„Sie verteidigt ihn nicht mehr", erklärte er.
„Hat sie das je getan?", wollte Ron nun wissen. „Sie… hat nur sich selber verteidigt."
„Nein", widersprach Harry kopfschüttelnd. „Es ist…" Er unterbrach sich selbst und dachte nach. „Ich glaube, sie hat ihn gemocht", schloss er bitter.
„Was?" Ron starrte ihn an. „Nein. Weißt du nicht mehr? Sie hat gesagt, er könne auf eine Klippe aufgespießt werden und all das?", wollte er entrüstet wissen, aber Harry winkte ab.
„Ja, das hat sie gesagt, aber… Ron, ich denke…"
„-was, Harry?" Rons Blick war von reiner Bestürzung gezeichnet.
„Wenn sie jetzt wieder zu ihm geht, und wenn er… - würde er so tun als wäre nichts gewesen?", fragte Harry ihn plötzlich, aber Ron wirkte heillos überfordert. „Ich meine, so hat es doch angefangen! Die zweite Woche – er war zum ersten Treffen nicht gekommen, und als klar wurde, er würde zum zweiten auch nicht erscheinen, was hat sie getan?", fragte er Ron direkt, und dieser schien angestrengt nachzudenken.
„Sie… sie ist zu ihm gegangen, um ihn zur Rede zu stellen!", erwiderte Ron, als wäre es ein Quiz.
„Ja", bestätigte Harry. „Und weiter?"
„Weiter? Sie haben sich gestritten, er ist nicht gekommen. Das war alles."
„Ja", bemerkte Harry abschließend. „Und dann ist sie wieder und wieder zu ihm gegangen, hat versucht, ihn zu überzeugen, weil sie nicht alles alleine machen wollte. Er war… eben einfach ein Arschloch wie immer, bis…"
„Bis was?", flüsterte Ron angsterfüllt.
„Bis sein Vater gestorben war", versuchte Harry zu rekonstruieren, was ihn damals nicht interessiert hatte. „Dann… hat sich etwas geändert. Sie hat sich verändert. Sie war zuvor ausschließlich wütend auf ihn gewesen, und ab dann…"
„Ab dann hat sie sich Sorgen gemacht", beendete Ron still den Satz. „Ok? Und du denkst, sie… sie… hat ihn wirklich gemocht?", wollte er angewidert wissen.
„Keine Ahnung, Ron. Warum sollte Malfoy sonst sein Gold für sie aufgeben? Ich habe keine Ahnung, was zwischen den beiden war oder… was sie getan haben, wenn sie sich gesehen haben! Ich meine, wie oft kann man sich über die Vertrauensschüler streiten, Merlin noch mal?", fuhr er Ron missmutig an. Rons Gesicht wirkte verzweifelt.
„Aber… aber sie hasst ihn, Harry. Sie hasst ihn zumindest jetzt."
Harry seufzte auf. „Ja, aber… was sollen wir tun?", wandte er sich an Ron.
„Gar nichts? Was meinst du damit?" Ron klang furchtbar geknickt.
„Er… er wird ihr nichts sagen", entfuhr es Harry jetzt bitter. „Sonst hätte er das wohl schon getan. Vielleicht… ist das besser?" Ron sah ihn gequält an.
„Harry", sagte er mitleidig überfordert. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich will das nicht", schloss er ernsthaft angewidert. „Dann… dann soll sie lieber mit Kingston ausgehen."
Harry atmete aus. „Lass uns abwarten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich weiterhin so verhält, wie er sich verhalten hat. Er… er war sogar im Krankenflügel. Er…" Harry wollte sagen, dass er dachte, dass Malfoy zu dem Treffen kommen würde, aber ehrlich gesagt, konnte er sich das auch nicht vorstellen.
Dann sollte sie zu ihm. Dann sollten sie sich streiten. Wenn es einfach vorbestimmt war, dass Hermine irgendetwas in Malfoy sah, was jedem anderen Lebewesen verborgen geblieben ist, dann… war es vielleicht so. Und wenn nicht… - dann wäre er der letzte, der sich einmischen würde. Ganz einfach.
„Super", murrte Ron. „Ich hoffe, er kommt. Ich will sie nicht finden müssen und sehen, dass beide irgendetwas Ekliges machen", beschwerte er sich. „Danke, Harry. Danke, für dieses mentale Bild!", mokierte er sich und schüttelte angewidert den Kopf. Ron verließ winkend den Gemeinschaftsraum, während Harry nicht fassen konnte, wie wenig Aufmerksamkeit Ron solchen Dingen zuteilwerden ließ.
Gerne wäre Harry genauso blind. Ach, es wäre dann umso vieles einfacher, überlegte er dumpf.
