Kapitel 21

Er lag auf der Couch, den Kopf zurückgelehnt, nicht willig, etwas anderes als das zu tun. Sicher, er hatte zu lernen. Es gab tausend wichtigere Dinge zu tun, aber er hatte keine Lust dazu. Er wusste nicht, was es war, aber er fühlte sich unten. So tief unten, wie lange Zeit nicht mehr.

Das Portrait schwang unheilschwanger auf und Pansy betrat den Gemeinschaftsraum außer Atem.

„Sie ist nicht da", sagte sie sie gehetzt. Draco hob den Blick.

Und er hasste, dass er verstanden hatte. Er hasste, dass es ihn nicht länger als eine Sekunde Zeit kostete, zu verstehen, was Pansy ihm sagen wollte. Dass seine Gedanken so von ihr regiert wurden, dass er Mühe hatte, nicht voller Sorge aufzuspringen, weil sie vielleicht schon wieder entführt worden war.

„Was?", schaffte er, ausdruckslos von sich zu geben, und Pansy atmete abgehackt.

„Granger? Sie ist nicht zum Treffen erschienen!", fuhr sie ihn an, als wäre es seine Schuld. Er runzelte die Stirn. Denn es war seine Art, nicht zu den Treffen zu kommen. Aber nicht ihre.

„Aha", sagte er gleichmütig, obwohl er in seinen Kopf bereits überlegte, wo sie sein könnte. „Wieso erzählst du mir das?", fuhr er langsam fort. Pansy wirkte überfordert.

„Du… du bist der Schulsprecher", sagte sie, als wäre es für sie selber schwer zu glauben.

„Und?", erkundigte er sich stirnrunzelnd. Pansys Mund öffnete sich, schloss sich aber wieder.

„Hältst du das Treffen dann?", fragte sie schließlich verstört, verschränkte die Arme vor der Brust, und seine Augen weiteten sich ungläubig. „Weasley macht mich verrückt. Und die anderen Vertrauensschüler sind sauer und wollen das schnell beenden, also…?"

Draco betrachtete Pansy ausgiebig.

„Nein", sagte er kopfschüttelnd.

„Draco!", fuhr Pansy ihn schockiert an. Eher ging er sie suchen, als dass er dieses dämliche Treffen abhielt, an dem er kein Interesse und auch keine Ahnung von hatte. Sie hatte sich darum gekümmert. Sie schrieb sich doch sonst jeden Mist auf, also nahm er an, sie hatte auch diese Treffen alle irgendwo dokumentiert.

Er erhob sich. „Seid ihr so unfähig, sie zu finden, Merlin noch mal?", entgegnete er kopfschüttelnd, ehe er an Pansy vorbei durch das Portrait schritt, ohne ihre Antwort abzuwarten.

„Kingston ist sie suchen gegangen!", rief ihm Pansy rechtfertigend hinterher, aber das ließ seine Schritte nur unbewusst zorniger werden, während seine Zähne aufeinander knirschten. Kingston. Was konnte er schon für Absichten haben? Keine noblen, so viel stand für Draco fest. Er ignorierte, dass er selber alles andere als nobel gewesen war.

Aber… wo konnte sie schon sein?! Sie war Granger, und so viele Orte gab es demnach also nicht.

Er steuerte die Bibliothek so sicher an, als gäbe es keine andere Möglichkeit, als würde ihn der Wind in diese Richtung treiben. Als wäre er ein Schiff und Granger wäre der verdammte Hafen. Nur leider kannte ihn sei Hafen nicht mehr. Jeder Wind war also ungünstig für ihn, aber es war ihm egal, denn er konnte nicht erwarten, sie zu sehen, so lächerlich das auch war. Seine Schritte waren schnell und halten von den Wänden des Schlosses wieder.

Außer Atem erreichte er schließlich den anderen Teil des Schlosses, schritt durch die Türen, vorbei am Ausleihtresen, tiefer zwischen die Regale, aber sie saß nicht am ersten Lernplatz. Er lief weiter, arbeitete sich durch die verschiedenen Fachbereiche der Bibliothek, bis er den Weg zur Verbotenen Abteilung ansteuerte, wo nur die Lehrer und die Schulsprecher Zutritt hatten.

Das Gitter glitt unter der Berührung seines Zauberstabs zur Seite, und auch hier spähte er in die Gänge. Und es dauerte noch einige Momente, bis er innehielt.

Er erkannte sie am Ende zwischen zwei Regalen, auf dem breiten Fenstersims, während sie den Blick nach draußen gerichtet hatte. Sie trug ihre Uniform. Es war ihm so vertraut und doch so fremd, sie zu sehen.

Mittlerweile fühlte er sich unschlüssig. Er hatte fast nicht damit gerechnet, sie zu finden. Und er brauchte noch einige Sekunden, um sich zu beruhigen. Um seinen schnellen Atem zu verbergen, um zu verstecken, dass er nur hier her gekommen war, um sie zu suchen.

Aber es war albern, denn… weshalb war er sonst hier?

Er begann, den Weg zu gehen. Noch hatte sie ihn nicht bemerkt, aber er hatte die Hälfte der Reihe hinter sich gebracht.

Er blieb zwei Meter vor ihr stehen. Und er wartete, bis sie den Kopf wandte. Ohne Ausrede stand er vor ihr. Ohne Buch in der Hand. Nur mit der Ungeduld im Gesicht, dass sie ihm endlich ihre verdammte Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen würde.

Ihr Blick war zuerst überrascht, bis sie ihn erkannte. Dann wandelte sich ihr Ausdruck so plötzlich, dass er sich wappnete. Denn nichts Freundliches war mehr übrig geblieben. Nichts an ihr war freundlich ihm gegenüber. Es war… seltsam. Er gab es zu. Denn sie war plötzlich eine andere Granger. Eine Granger, die er nicht mehr kannte.

Er wünschte plötzlich, er müsste das nicht tun. Sie nicht sehen, sich nicht vergewissern, dass es ihr gut ging. Er wünschte, sie wäre nichts, was er brauchen würde.

Aber es wäre gelogen.

Er machte einen Schritt auf sie zu, aber sie war abrupt aufgestanden.

„Was willst du?", fuhr sie ihn fast ängstlich an, als würde er mit erhobenem Zauberstab auf sie losgehen. Sein Kiefermuskel lockerte sich. Sie hatte Angst.

„Das Treffen hat angefangen", erwiderte er also, denn was anderes konnte er nicht sagen. Und ihr Ausdruck wurde finster.

„Und? Bist du nicht auch Schulsprecher? Kannst du dich darum nicht kümmern? Bist du zu unfähig?"

Er konnte ihre Worte nicht deuten. Sie hatte tatsächlich Angst. So viel konnte er erkennen. Und er antwortete nicht auf ihre Frage. Sie erkannte ihn nicht. Und er erkannte sie nicht mehr.

„Solltest du nicht da sein? Wegen…" Er beendete den Satz nicht, denn er wusste nicht mal wie.

„Wegen was?", fuhr sie ihn plötzlich an und kam näher. Sie hielt ein Notizbuch in der Hand. „Wegen meinen Erinnerungen?" Sie schien noch nicht fertig zu sein, denn Wut trat auf ihre Züge. „Ich will sie nicht wiederhaben!", sagte sie jetzt lauter. „Hier!" Sie streckte ihm zornig das Notizbuch entgegen. Er verharrte vor ihr regungslos. „Du warst nicht einmal da! Du hast dich um nichts gekümmert! Du… du hast mir mein Leben hier zur Hölle gemacht! Wieso sollte ich mit dir reden?", flüsterte sie unter Tränen. „Was willst du von mir? Du kannst das alleine machen! Ich werde es nicht tun!"

Er erkannte, dass ihre Tasche unter dem Fenster vor Büchern überquoll. „Ich bin nicht deine Sklavin."

Und er wartete. Er lauerte praktisch. Sie sagte seinen Namen nicht. Und er wusste nicht, warum es das war, was ihm auffiel, aber es war so offensichtlich, wie nichts sonst, was sie sagte. Sein Name kam nicht über ihre Lippen.

Sein Atem hatte sich etwas beruhigt. Sie sah ihn an wie einen Fremden.

„Malfoy", sagte er schließlich widerwillig seinen eigenen Namen und sah, wie sich ihre Stirn in krause Falten zog.

„Was?", entfuhr es ihr ungläubig.

„Ich bin nicht deine Sklavin, Malfoy", wiederholte er. Sie starrte ihn vollkommen entgeistert an.

„Was? Was willst du von mir?"

Und er hatte die Gelegenheit hier und jetzt.

Sie wusste nichts mehr. Sie erinnerte sich nicht. Und tausend Bücher zu wälzen würde ihr nicht helfen, wenn ihr vielleicht etwas anderes besser helfen konnte.

Wenn… er ihr besser helfen konnte.

Aber er… konnte nicht. Er wusste nicht einmal wie.

„Mein Name", erklärte er also tonlos. „Du hast ihn tausend Mal am Tag gesagt. Vielleicht solltest du dir das wieder angewöhnen, wenn du dich erinnern möchtest", schloss er bitter. Sie verzog den Mund.

„Wieso sollte ich? An was soll ich mich erinnern? Wie ich mich selber aufgegeben habe? Meine Integrität verloren habe? Obwohl ich besser bin als du? Ein besserer Mensch als du!"

Und diese Granger war eine Granger, die ihm niemals mehr helfen würde. Die sich nie mehr verpflichtet fühlen würde. Eine Granger, die ihn tatsächlich hasste.

Und er wusste, die alte Granger hatte ihn nicht gehasst. Er wusste es sehr plötzlich mit absoluter Sicherheit.

Und sie ließ ihn einfach stehen, hatte ihre Tasche geschultert und war an ihm vorbei gelaufen. Raus aus der Verbotenen Abteilung, während er Mühe hatte, ihr zu folgen. Er wusste nicht mal mehr, weshalb er ihr folgen musste – aber er konnte gar nicht anders!

Kaum hatte er sie in der normalen Bibliothek eingeholt, trafen sie auf Kingston.

Merlin, er könnte kotzen!

„Miss Granger", begrüßte Kingston sie, erfreut, sie wohl gefunden zu haben. „Ich wollte Sie bitten, heute zum Treffen zu erscheinen. Wir würden uns wirklich freuen. Die Treffen waren wirklich nur durch Ihre Anwesenheit zu ertragen", lächelte er. Granger wirkte verwirrt.

„Es tut mir über alle Maßen leid, dass Sie zeitweise Ihr Gedächtnis verloren haben, wirklich. Es ist eine schreckliche Geschichte. Sie haben unsere gemeinsame Zeit bestimmt ebenso vergessen", fuhr Kingston fort, ehe er Grangers Hand ergriff. Granger wirkte überfordert und Draco spürte, wie er sich innerlich verspannte.

„Das ist ein verdammt schlechter Scherz, richtig, Kingston?", erkundigte er sich glatt, denn Kingston hatte ihn bisher ignoriert.

„Malfoy, nein", würdigte er ihn endlich mit einer Antwort. „Miss Granger war so freundlich, mir zu gestatten, sie zum Abschlussball zu begleiten. Und im Gegensatz zu dir-" Aber Draco hatte ihm jedes Wort abgeschnitten, in dem er sich nicht hatte beherrschen können.

Er hatte den Abstand geschlossen.

Es war nicht anders gegangen. Die gesamte Wut, die er fühlte, ließ sich nicht anders katalysieren. Er hatte zugeschlagen, ohne nachzudenken. Er hatte ausgeholt und einfach die Faust in Kingstons Wange krachen lassen, denn anders konnte er diesen Wichser nicht ertragen. Und endlich hatte Kingston sie losgelassen. Granger hatte die Hand vor den Mund geschlagen, als Kingstons stöhnend auf die Knie gesunken war. Draco war sich sicher, gleich würde Madame Pince aus dem Nichts auftauchen und sie alle verfluchen.

Kingstons blutete nicht. Aber Draco hatte auch nicht mal ansatzweise fest genug zugeschlagen. Noch nicht, zumindest. Er schüttelte seine taube Faust.

„Verpiss dich", sagte er rau, als Kingstons den wilden Blick gehoben hatte.

„Du… du wirst von der Schule fliegen, Malfoy!", brachte Kingston zitternd über die Lippen. „Du…"

„Halt dein Maul, steh auf und verpiss dich!"

Kingston kam strauchelnd auf die Beine, während er seine Wange hielt und vor Schmerz den Mund verzog. „Ich erzähle Dumbledore alles! Von der Vergewaltigung, von deinen Sauftouren, von Hogsmeade – von allem, Malfoy!" Er deutete dabei auf Granger, deren Augen weit aufgerissen waren.

„Wenn du nicht verschwindest, breche ich dir dein scheiß Genick, du elender Bastard! Hast du das verstanden!", knurrte Draco ungehalten, während er die Faust erneut zum Schlag gehoben hatte. Kingston wirkte nicht wirklich, als würde er widersprechen, als würde er diese Konfrontation annehmen, aber Granger hatte sich plötzlich zwischen sie gestellt und griff angsterfüllt nach seinem Handgelenk, zog an seinem Arm, und Tränen rannen ihre Wange hinab.

„Hör auf damit!", flüsterte sie tonlos mit weit aufgerissenen Augen. „Bist du wahnsinnig geworden?"

Draco schenkte Kingston noch einen drohenden Blick, aber dieser hatte stolpernd Reißaus genommen. „Zwanzig Punkte Abzug für Slytherin!", rief ihm Draco zornig hinter her, und er glaubte, dies war das erste Mal in seiner Amtszeit, dass er Punkte nicht aus Spaß abzog. Noch immer hielt Granger zitternd sein Handgelenk. Sein Blick fiel.

Er schluckte schwer, denn sie war so nah. Sie weinte. Und er konnte es nicht ertragen. Er konnte all das hier nicht mehr ertragen. Er zog an seinem Handgelenk, aber tatsächlich hielt sie ihn fest.

Er blinzelte überrascht.

„Welche… welche Vergewaltigung?", flüsterte sie jetzt angsterfüllt.

Zuerst begriff er nicht. Dann öffnete sich sein Mund. Und die Kälte aus ihrem Gesicht war purer Angst gewichen. Fuck.

„Granger-"

„-welche Vergewaltigung?", unterbrach sie ihn zitternd. „Du hast… du hast nicht…" Panik war in ihren waidwunden Blick getreten. Sie schluckte, und ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig.

„Nein", beantwortete er ihre Frage schließlich, und versuchte, gefasster zu klingen. Aber er konnte nicht. Er war zu aufgewühlt dafür. Und sie hatten seitdem nicht mehr darüber gesprochen!

„Nein?", entfuhr es ihr panisch. „Wieso… wieso sagt er dann-?"

„-er lügt", kürzte er es ab. „Er…" Und Draco wollte nicht. Er wollte nicht darüber sprechen, als wäre es etwas, was passiert war. Er konnte sich selber kaum erinnern. Und jetzt schien sie ihn wirklich zu fürchten. „Ich… habe dich geküsst, und-"

„-was?" Er spürte den Druck ihrer Finger um sein Handgelenk, als sich ihr Griff versteifte. „Du hast was?" Es schien für sie die schlimmste aller Neuigkeiten zu sein. „Du hast mich…? Wieso?", wisperte sie verzweifelt. „Wie konntest du das tun?", fragte sie, als hätte er ihr erklärt, dass er sie geschlagen und nicht geküsst hatte. Und dann klärte sich ihr Blick voller Horror. „Oh Gott! Wir haben nicht – du hast nicht-!"

„-nein!", knurrte er, mittlerweile zornig. Und es war etwas, was tatsächlich nicht passiert war. Er hatte sie nicht gehabt. Und so wie sie ihn gerade anstarrte, war das wohl etwas, was niemals in seinem Leben passieren würde. Er spürte ein dumpfes Gefühl in seiner Magengegend bei diesem Gedanken.

„Nein?", wiederholte sie vorsichtig. „Wir… haben uns nur geküsst? Das ist alles?", wollte sie, tief im Stadium der Verdrängung, von ihm wissen. Er atmete gereizt aus.

„Ich gehe mit Kingston zum Abschlussball?", ergänzte sie plötzlich vollkommen verstört, als auch diese Information eingesickert war, und sein Mund zuckte vor Ärger.

„Nein", wiederholte er sein Lieblingswort erneut. „Du…" Und er bemerkte erst jetzt, dass sie scheinbar an seinen Lippen hing, versuchte, sich irgendeinen Reim darauf zu machen, was er sagte, und es war schwer. Es war so schwer. Er kam sich vor wie der letzte Idiot. „Du hast es mir erzählt, damit ich… damit ich – er wollte uns erpressen, weil…" Er unterbrach sich selbst, denn es war eine Suizid-Mission, auf der er sich befand.

Er atmete aus. Der Griff um sein Handgelenk lockerte sich. Ihr Blick war noch immer auf ihn geheftet. Und er hatte nicht damit gerechnet, dass das schlimmste ihrer Geheimnisse direkt sofort zur Sprache kommen würde! Es war ein beschissenes Gefühl jetzt gerade.

„Ich verstehe das nicht", wisperte sie, ehrlich verzweifelt. „Wieso habe ich überhaupt nur eine Sekunde meiner Zeit mit dir verbracht?" Ja. Es war eine Frage, die er sich selber Monate lang gestellt hatte, aber irgendwann aufgehört hatte, es zu hinter fragen.

Und er kannte die Antwort darauf mittlerweile. Aber er konnte es nicht sagen. Nicht die Wahrheit. Denn sie war nicht mehr wahr. Also beschränkte er sich auf die halbe Wahrheit.

„Du hattest Mitleid", erwiderte er, und er hasste diese Worte. Ihr Mund hatte sich stumm geöffnet.

„Aber… aber wieso sollte ich?", flüsterte sie vollkommen erschüttert von dieser Tatsache. So ehrlich erschüttert, dass es ihm wehtat. Irgendwo. Tief in ihm. Dort, wo er nicht mehr geglaubt hatte, etwas zu spüren.

Und er hatte es nie gewusst. Er hatte nicht gewusst, warum sie sich gekümmert hatte. Er hatte sich nur irgendwann daran gewöhnt gehabt.

„Dieser Kuss", fuhr sie plötzlich fort als er nichts sagte, „war das der einzige gewesen?" Sie starrte ihn an, als wäre diese Information lebenswichtig. Sein Mund öffnete sich unschlüssig, aber als er nicht sofort geantwortet hatte, hatten sich Augen qualvoll geschlossen. „Du machst einen Witz, oder?" Sie wartete, dass er etwas erwiderte, aber er wusste nicht, was. Ihre dunklen Augen öffneten sich wieder.

Kein Wiedererkennungswert. Nichts war mehr da.

„Wir… waren nicht zusammen oder so etwas Perverses, richtig?", erkundigte sie sich jetzt völlig ernsthaft bei ihm. Er starrte sie an. Mit der alten Granger wäre so eine Unterhaltung niemals zustande gekommen. Sie waren beide viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, um solche Fragen herumzutänzeln, anstatt sie jemals auch nur ansatzweise auszusprechen.

Diese Granger war so anders. Sie war wie eine fremde Person, die über seine Vergangenheit mit einem Mädchen sprach, welches tatsächlich am Tag Freilassung, gestorben war.

Er schluckte schwer.

„Nein", sagte er nur. „Natürlich nicht", rang er sich ein paar Worte mehr ab.

„Niemand kann das erfahren", sagte sie nur kopfschüttelnd. Ihre Hand fiel von seinem Handgelenk ab. Sie hatte ihn freigelassen. Fassungslos sah sie ihn wieder an.

Sie weinte nicht mehr. „Weiß davon irgendwer? Außer Kingston?"

Draco ruckte mit dem Kopf. Goyle wusste es. Aber Draco hatte nicht vor, ihr das zu erzählen.

„Hermine, da bist du ja!"

Weasley war um die Ecke gebogen, und Granger wich vor ihm zurück. Ängstlich, erleichtert. Alles auf einmal. „Ich habe Kingstons getroffen. Er ist… unterwegs zum Krankenflügel. Er sagt, Malfoy hätte ihn hier verprügelt?" Weasley hob den Blick nun zu seinem Gesicht.

„Ja, hat er!", bestätigte Granger innerhalb eines Atemzuges. Kurz runzelte sich Dracos Stirn. So schnell war er noch nie verraten worden. Und erst recht nicht von ihr.

„Wa-was?", vergewisserte sich Weasley, selber etwas überrascht. „Keine… Ausreden für Malfoy? Es muss ein anderes Universum sein", bemerkte Weasley kopfschüttelnd. „Ok, und… was jetzt?", fragte er knapp. Grangers Blick galt nun ihm.

„Ich werde es Snape melden", informierte sie ihn, scheinbar der Fairness halber. Dracos Mund kräuselte sich säuerlich.

„Großartig", erwiderte er kalt. Ja, es gab kein Mitleid mehr für ihn. Keine Sonderbehandlungen mehr von Hermine Granger, die ihn damals sogar getröstet und ins Bett gebracht hatte.

Damals. Als sie ihn noch geliebt hatte.

Denn er wusste, was jetzt anders war. Wenn er auch vorher blind gewesen sein mochte, wusste er es jetzt mit absoluter Sicherheit. Denn waren ihre braunen Augen damals noch voller Wärme gewesen, war jetzt ein eisiger Sturm in ihnen aufgezogen. Und der galt ihm. Tatsächlich nur ihm.

Und schon hatte sie Weasley mit sich gezogen.

Sie schlief unruhig. Sie wälzte sich hin und her, und jedes Mal, wenn sie Schlaf fand, überkamen sie Albträume von Fledermäusen, von Gemeinschaftsräumen – von Draco Malfoy.

Sie saß gerade in ihrem Bett, sein Bild immer noch vor ihrem inneren Auge.

„Nein", flüsterte sie in die Nacht, wischte sich verirrte Locken aus ihrem Gesicht. Keiner der anderen war wach, und sie schüttelte heftig den Kopf, biss sich fest auf die Unterlippe, schloss die Augen und lehnte den verschwitzten Kopf auf ihre angezogenen Knie. „Nein, nein, nein", wisperte sie lautlos.

Sie hatte seltsame Erinnerungen geträumt. Sie hatte keine Ahnung, aber sie wusste, wie sich seine Haare unter ihren Fingern anfühlten. Wie er roch, wie er sich anfühlte, wie es war, wenn… wenn… - ihr Herz schlug so laut, dass sie Angst bekam, die anderen könnten es hören. Etwas Böses war damals mit ihr geschehen. Sie kratzte nur an der Oberfläche von seltsamen Gefühlen, die ihr mehr Angst machten als sein Geständnis, er hätte sie möglicherweise vergewaltigen können! Wie hätte es dazu überhaupt kommen können?! Sie blinzelte unter Tränen in die Dunkelheit des Schlafsaals.

Wieso hatte sie es nicht Dumbledore gesagt? McGonagall oder Snape? Oder wenigstens Harry oder Ron? Wer war sie geworden, dass sie Malfoy erlaubt hatte, diese Dinge zu tun, ohne dass er bestraft würde? Sie verstand es nicht.

Sie wollte weg. Weg von diesen Erinnerungen, diesen seltsamen Gefühlen.

Sie schwang lautlos die bloßen Füße aus dem Bett. Eine Träne rann ihre Wange hinab. Es war warm. Sie trug nur ihr Nachthemd und schlüpfte aus dem Saal, über den Flur, die Treppe hinab zur anderen Seite, um dort in der Dunkelheit die Stufen zum Jungenschlafsaal zu überwinden. Das alte Holz knarrte vertraut unter ihren Füßen. Das Mondlicht schien ruhig durch die langen Fenster, tauchte alles in milchiges Licht.

Und sie hatte Angst. Leise öffnete sich die Tür zum Schlafsaal der Siebtklässler. Sie schlich an Harrys Bett, setzte sich auf die Kante, und musste ihn nicht einmal an der Schulter berühren. Er wachte fast augenblicklich auf, blinzelte verstört und verschlafen, bis er sie überrascht erkannte.

„Mine?", krächzte er tonlos, erschrocken über ihr Auftauchen. Kurzsichtig verengte er die Augen, um sie zu erkennen, fuhr sich durch die strubbeligen Haare und setzte sich ruckartig auf. „Was ist passiert?", flüsterte er rau.

Aber sie sprach nicht, weinte einfach nur weitere Tränen, wie schon heute in der Bibliothek, als sie tatsächlich begriffen hatte, dass es unmöglich sein würde – selbst für sie – den gesamten Stoff eines Schuljahres innerhalb weniger Wochen zu lernen. Sie würde es nicht schaffen. Sie hatte nichts, woran sie sich halten konnte. Sie erinnerte sich an nichts. Außer an… außer an das Gefühl, sich mit Malfoy zu streiten. Und das konnte nicht gut sein! Es konnte einfach nicht.

Harry hob die Hand zu ihrem Gesicht. Sein Gesicht war ernst geworden. Hermine wischte mit der Hand die Tränen weg, ehe Harry ausatmete, zur Seite wich, und die Decke aufschlug. Er bedeutete ihr, unter die Decke zu kommen, und Hermine wusste nicht mehr, wann sie das letzte Mal neben Harry geschlafen hatte.

Doch. Als es kalt gewesen war. Auf ihrer Flucht. So unendlich kalt. Harrys Wärme hatte sie in dieser Nacht am Leben gehalten, sie so sehr beruhigt, dass sie keine Angst mehr gehabt hatte.

Sie schlüpfte unter Harrys Decke und weinte stumm an seiner Brust, als er sie an sich zog, die Decke über sie beide breitete, und Hermine hörte sein Herzschlag. Er ging ruhig, noch im Ruhezustand. Seine Hand strich abwesend über ihre Schulter, und Harrys Duft kam ihr schon nicht mehr bekannt vor. Aber sie wusste nicht, wohin sie sollte.

Sie hatte die Augen geschlossen in Harrys Arm. Und sie wusste nicht, ob er es wusste.

Sie weinte, weil sie sich nicht daran erinnern konnte, Malfoy geküsst zu haben. Ihn gerettet zu haben. So viel Zeit mit dem Feind verbracht zu haben, und nicht einmal zu wissen, wieso überhaupt! Aber war es nicht offensichtlich, fragte sie sich.

Sie wusste doch, wer sie war. Sie kannte sich doch gut genug, oder nicht?

Warum sollte sie Mitleid haben? Diese Dinge tun, wenn… wenn… - sie nicht irgendwelche Gefühle für ihn gehabt hatte?

Harry sagte nichts mehr, hielt sie stumm, aber sicher in seinem Arm, und langsam… ganz langsam, driftete Hermine ab. Harrys Geborgenheit barg sie so sicher, wie die wärmste Decke in einer eisigen Nacht.

Sie wollte nicht mehr nachdenken müssen. Und sie wollte nicht, dass solche Erinnerungen zurückkehrten. Sie wollte nicht an Draco Malfoy denken, als hätte er ihr jemals irgendetwas bedeutet. Aber sie begriff. Er war es, was ihr half, sich zu erinnern.

Und das konnte nicht gut sein. Es konnte nicht.

Sie presste sich enger an Harry, und seine Hand strich beruhigend über ihre Schulter, bis sie wieder eingeschlafen war. Bis alle bösen Geister vertrieben waren.