Kapitel 23

„Lass uns drüber reden", schlug Ginny vor, und Hermine kam sich absolut dämlich vor, wie sie auf Ginnys Bett lag und weinte. Sie weinte, obwohl sie sich an nichts erinnerte. Hermine schüttelte stumm den Kopf und vergrub ihn wieder in Ginnys Kissen.

„Weißt du", begann Ginny zaghaft, „Harry und ich hatten auch einen schweren Start", räumte sie achselzuckend ein, und sofort hob Hermine den verweinten Kopf aus Ginnys Kissen.

„Was?", fauchte sie. „Ginny, ich weine nicht deswegen!", schluchzte sie. „Malfoy ist ein Arschloch!", entkam es ihr wimmernd.

„Mh, mh", machte Ginny mit eindeutig erhobener Braue. „Klar, ich… verstehe schon", räumte sie ein. „Ihr habt euch also geküsst, ja?" Hermine bereute schon, es Ginny überhaupt alles erzählt zu haben.

„Nein! Hör auf, ok?", bettelte Hermine. „Ich weine, weil ich meine Prüfungen nicht ablegen kann, Ginny!", schluchzte sie erneut. Ginny nickte wieder einmal.

„Jaah, das verstehe ich, aber… das ist nichts weswegen man eine Stunde weinen müsste, Hermine. Malfoy-"

„-hör auf über ihn zu reden!", bat Hermine eindringlich, während sie weiter weinte. Ginny seufzte ergeben auf.

„Ok, aber wir müssen irgendwann über ihn reden, Hermine. Denn weißt du, nur weil du nicht leiden kannst, was er gesagt hat, macht es das nicht weniger wahr", merkte sie an, und Hermine richtete schockiert den Blick auf ihre angeblich beste Freundin. „Oh komm schon!", bemerkte Ginny ungläubig. „Hermine, du hast es zwar vergessen, aber… das macht es nicht ungeschehen!"

Hermine schüttelte den Kopf. „Es war… eine Phase! Oder sonst etwas!", flüsterte sie böse.

„Weißt du noch, was du gesagt hast?" Aber Ginny schüttelte entschuldigend den Kopf. „Natürlich weißt du es nicht mehr, aber… du hast gesagt, dass du dir nicht vorstellen kannst, welche Qualen er erleiden muss, dass jemand mit dem Körper seines verstorbenen Vaters durch die Winkelgasse läuft. Wie sehr es ihn zerstören muss?", ergänzte Ginny, wartete darauf, dass Hermine ein Licht aufging. „Wie du uns alle fertig gemacht hast, wann immer wir uns lustig gemacht haben über Malfoy? Dass niemand es verdient schlechter behandelt zu werden, wenn er hören muss, dass der eigene Vater tot aufgefunden wurde?"

Ginny sah sie ernster an. „Und weißt du, ich mochte diese Hermine. Die selbst ihrem schlimmsten Feind nicht das schlimmste Wünschen wollte. Du hast dich um ihn gekümmert, wie um einen Freund. Du warst…"

„Was?", fragte Hermine heiser, aber ihre Tränen waren versiegt.

„Netter", schloss Ginny jetzt achselzuckend.

„Das ist nicht dein ernst", flüsterte Hermine. „Weil ich ein blöder Idiot war, der hinter diesem Arschloch hergelaufen ist, wie jedes zweite Mädchen in der Schule, fandest du mich netter?"

„Du hast ihn verändert, Hermine. Und jetzt… ist er da. Er ist… das, was du wolltest! Er… sagte, du wärst das einzig wichtige in seinem Leben? Merlin, Hermine! Du kannst doch wohl nicht alles vergessen haben?", murmelte sie kopfschüttelnd.

„Darum geht es überhaupt nicht!", ereiferte sich Hermine jetzt und saß kerzengerade auf Ginnys Bett.

„Ach nein? Worum geht es dann? Deinen verletzten Stolz? Um was geht es?", wollte Ginny verzweifelt wissen.

„Nein! Ich sehe nicht ein, dass…-"

„-es stört ihn nicht mal, dass sein Gold vielleicht verloren ist, Hermine! Ich weiß, er ist ein furchtbarer Mensch gewesen, und Harry, Ron und ich sind die letzten die jemals begrüßen würden, einen Malfoy willkommen zu heißen, aber… ich denke, er hat jetzt alles richtig gemacht", schloss sie mit offenem Blick.

Hermine schüttelte heftig den Kopf. „Ich kenne ihn nicht! Und was ich von ihm weiß ist, dass er ein Arschloch ist, Ginny! Und was er erzählt ist keine Liebesgeschichte! Er wollte mich vergewaltigen? Er hat mich verletzt! Er hat das alles gegen meinen Willen getan! Er hat immer nur getrunken, mich beleidigt, und ich? Ich habe alles ertragen! Alles anscheinend über mich ergehen lassen, weil ich verrückt geworden bin! Wieso hat mich keiner von euch aufgehalten?", schrie sie jetzt.

„Weil du uns nicht brauchst dafür! Du wolltest das tun! Du…"

„Nein!", flüsterte Hermine kopfschüttelnd. „Ist mir egal, was er jetzt für ein Mensch ist. Ich bin froh, es nicht zu wissen. Nicht zu wissen, was vorher war. Was Merlin noch mal passiert sein könnte, dass mich auch nur eine Sekunde hat annehmen lassen, Draco Malfoy wäre ein netter Kerl! Er ist nicht nett. Er ist nicht gut. Ich habe Instinkte! Und die raten mir alle, mich von ihm fernzuhalten!"

Aber Ginny sah nicht überzeugt aus. Ganz und gar nicht. Ginny wirkte so, als hätte sie ein besonderes Ass im Ärmel.

„Ja? Wieso sagst du dann, du kannst dich besser an alles erinnern, wenn er in deiner Nähe ist, Hermine?", wollte sie leise wissen. Hermines Mund öffnete sich sprachlos.

„Das…- ich…" Sie schüttelte böse den Kopf. Sie hatte Ginny viel zu viel erzählt.

„Wenn du Angst hast, ist das ok", versprach Ginny ruhiger.

„Ich habe keine Angst", flüsterte Hermine.

„Wenn er es ist, der dir helfen kann, dann… würde ich ihn nicht von mir stoßen", erinnerte sie Ginny bedächtig. Hermine weinte mittlerweile wieder. Es war nicht zum Aushalten. Er konnte ihr nicht helfen. Sie brauchte ihn nicht. Sie wollte keine Hilfe, wenn sie ausgerechnet von Draco Malfoy kam! Was sie gehört hatte, ließ sie nicht begreifen, wieso sie ihn überhaupt mögen sollte!

„Lass uns nicht mehr darüber reden", sagte Hermine müde und erschlagen. „Bitte", ergänzte sie, als Ginnys Blick etwas Gequältes angenommen hatte.

„Hermine", widersprach Ginny besorgt, aber Hermine schüttelte den Kopf.

„Bitte", wiederholte Hermine kraftlos und sank zurück in Ginnys Kissen.

„Ex, ex, ex, ex, ex!", grölten die Jungen laut, und Draco spürte, wie der Alkohol sehr schnell in seinen Kopf stieg, nachdem er den Schwarzen Stiefel auf Ex geleert hatte. Der beste Feuerwhiskey, gemischt mit Kobold-Schnaps und einem Schluck Drachengold. Die Farbe war pechschwarz, und Pansy hatte sich mit Blaise angelegt, als dieser ebenfalls einen Schwarzen Stiefel hatte leeren wollen.

Immerhin hatte Blaise dieses Zeug überhaupt unbemerkt ins Schloss bekommen können. Draco hielt es ihm zu Gute und sank benommen auf die Couch.

„Fuck", stöhnte er, als er sah, wie sich der Gemeinschaftsraum in die falsche Richtung zu drehen schien. Die Schüler grölten noch immer, hatten unglaublichen Spaß und stießen mit Elfenwein auf die großartige Party an.

Pansy Stimme drang verzerrt an sein Ohr. Er verstand kein gerades Wort mehr, aber es war ungemein lustig, Pansys Mund dabei zuzusehen, wie er seltsame Laute von sich gab. Es war kein Englisch mehr, was sie sprach. Draco war sich sicher. Er musste dümmlich grinsen, denn es tat in seinen Mundwinkeln weh.

„Auf Slytherin!", rief er lallend, und die Schüler hoben ihre Gläser und wiederholten scheinbar verzerrt seine Worte. Sein Kopf sank benommen auf die Lehne der Couch, während irgendein Mädchen seine Haare sanft zurückstrich.

Er nahm alles nur um Rande wahr. Es war, als wäre sein Geist woanders und er hatte nur seinen Körper zurückgelassen. Er vernahm einen Streit. Langsam aber sicher kristallisierten sich die Worte wieder in einer Sprach heraus, derer er mächtig war, fiel ihm träge auf.

„-wirst du nicht tun, du elender kleiner Wichtigtuer!", hörte er Blaise schreien.

„Du willst mich abhalten? Ihr fliegt alle, Zabini! Alle!", rief Kingston nun, und Draco blinzelte dem Licht entgegen. Er sah noch, wie Zabini einen Fluch auf Kingston abschoss, und dieser versteinert zu Boden fiel. Die Slytherins lachten. Dracos Mundwinkel zuckten müde. Den Petrificus anwenden. Clever….

„Blaise!", kreischte Pansy. „Er wird das morgen erzählen!", entfuhr es ihr panisch.

„Wird er nicht. Wir könnten es ihn vergessen lassen", schlug er gereizt vor.

„Nein!" Pansy war so zornig, dass sie weinte, bemerkte Draco müde, von seiner halb sitzenden, halb liegenden Position aus. Und er merkte, sein Kopf lag auf dem Schoss eines Mädchens, was sich munter mit einem anderen unterhielt.

„Er wird schon nicht so ein Arschloch sein und alles versauen", warf Goyle missmutig ein. „Draco, alles klar?", wandte er sich an ihn, und Draco konnte nur blinzeln. Mehr nicht.

„Ihr seid solche Idioten", jammerte Pansy zornig.

„Ich denke, es ist Zeit für die zweite Runde. Ich bin dabei!" Blaise hatte zwei Schwarze Stiefel gefüllt. Draco hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, aber er richtete sich unter größter Anstrengung auf.

„Bin… dabei", murmelte er träge. Blaise grinste erfreut.

„Willkommen zurück, Malfoy!", begrüßte er ihn wie einen alten Freund, der jahrelang verschollen gewesen war. Mit zitternden Fingern nahm Draco den Schwarzen Stiefel entgegen, hielt das schwere Glas in beiden Händen und gleichzeitig leerten er und Blaise das verrückte Zeug.

Pansy kreischte etwas im Hintergrund, aber Draco hatte vor, zu vergessen. Alles zu vergessen. Und wenn er morgen fliegen würde – schön. Dann würde er fliegen. Am liebsten wollte er alles vergessen, so wie sie alles vergessen hatte.

Das wäre perfekt!

Und er spürte nur, dass die Bewusstlosigkeit diesmal schneller kam. Er erreichte die Couch nicht mal mehr, als er lächelnd das Bewusstsein verlor. Pansy schrie noch irgendetwas, aber ihre Stimme brach jäh ab und alles wurde schwarz.

Und sie tat, was sie tun musste. Es half nichts. Sie patrouillierte die Gänge. Zum ersten Mal. Es war Freitagabend. Soweit sie gehört hatte, war der Mann namens Elias Garrick aus Askaban überführt worden ins Ministerium, und Dumbledore war heute Abend dort.

Sie hatte sich keine Mühe gemacht, überhaupt zu fragen, ob sie als Schulsprecherin alleine die Gänge patrouillierte. Sie nahm es einfach mal an. Sie hatte nicht mal mehr ihr Abzeichen. Es war mit Malfoy zu einem Wust aus Silber verschmolzen, den sie achtlos in ihren Koffer geworfen hatte. Sie hatte den Zauberstab in der Hand, und es machte überhaupt keinen Sinn mehr, dass sie noch Schulsprecherin war, wo sie nicht mal mehr die Prüfungen noch würde schreiben können, dachte sie bitter.

Sie hörte ein Geräusch. Sie blieb stehen und blickte nach unten. Sie hatte sie gar nicht kommen hören. Mrs Norris schlich um ihre Beine, rieb sich an ihrem Schienenbein, und Hermine hielt Ausschau nach Filch. Er konnte nie weit entfernt von seiner Katze sein.

„Na?", murmelte Hermine, ging in die Knie und streichelte die zerzauste Katze, kraulte sie hinter den Ohren, und Mrs Norris schnurrte laut. „Witterst du Unheil?", fragte Hermine ruhig. Der Slytherin-Gemeinschaftsraum lag nahe. Vielleicht war Mrs Norris deshalb nervös, überlegte Hermine. Sie war es zumindest.

„Na los, ab mit dir. Ich habe alles im Griff", versprach sie der Katze mit den glühenden Augen, und noch einmal strich Mrs Norris durch ihre Beine, ehe sie in eine andere Richtung verschwand.

Hermine atmete aus, und schritt den Flur hinab, der durch die Keller führte. Nur zu bald erreichte sie den Korridor zum Portrait des Blutigen Barons.

Und sie hörte auch von weitem den Lärm. Und etwas befiel sie. Etwas wie ein Schauer. Ein Schauer, der ihr nur zu bekannt vorkam. Sie hatte sich bei Snape nach den Passwörtern erkundigt. Seit ihrer Entführung waren sie alle geändert worden.

Sie hatte sich eigentlich geschworen, nicht hier her zu kommen, nicht hier runter zu gehen, aber irgendeine Macht hatte sie nun doch hierhin geführt. Und sie nahm an, als Schulsprecherin führte nun kein Weg daran vorbei.

Der Baron musterte sie spöttisch als sie vor dem großen Portraits innehielt.

„Du brauchst nicht so zu glotzen", erwiderte sie kalt, denn vor einem Portrait hatte sie keine Angst. „Salazars Erben", sagte sie angewidert das Passwort, und der Baron schwang nach einem Moment widerwillig zur Seite, während er sie beleidigt ignorierte.

Und Hermines Mund klappte auf.

Ein Gestank schlug ihr entgegen, so bestialisch, dass sie am liebsten umgedreht wäre. In einer Ecke des Raumes lag Caldon Kingston, Arme und Beine von sich gestreckt, während ihn irgendwer zum Spaß mit sämtlichen Slytherin-Schals drapiert hatte. Die Schüler tranken Wein und Bier und andere Flüssigkeiten, rauchten und schienen den Spaß ihres Lebens zu haben.

Und Hermine spürte plötzlich etwas mächtig Bekanntes in dieser Szene. Und so aufwühlend und chaotisch s auch war – es beruhigte sie sehr. Dieses Gefühl, dass das hier nichts war, was ihr Angst machte. Denn wenn sie auch nichts wusste, sie hatte das Gefühl, sich sehr gut auszukennen. Es war so, als käme sie blind in ein Zimmer, das sie wie ihre Westentasche kannte, sich ihren Weg ohne Mühen bahnen konnte.

Und das tat sie, als hätte sie nie etwas anderes getan.

„Alle in die Betten!", donnerte sie zornig. „Marsch!", ergänzte sie, als sie lediglich verstörte Blicke geschenkt bekam. Und es war so vertraut, dass es gruselig war. „Was ist mit ihm?", fuhr sie einen torkelnden Blaise an und deutete auf Kingston in der Ecke, der versteinert an die Decke blinzelte.

„Pe-perifi…- nein", lallte Blaise grinsend, während Pansy, die auf der Couch eingeschlafen war, sich gähnend erhob. „Peterifi…"

„Petrfifcus?", schlug ihm Hermine eisig vor, und Blaise grinste zur Bestätigung.

„Kluges Mädchens", lallte er zwinkernd.

„Pansy, mein Bett oder deins?", rief er über die Schulter und Pansy taumelte zu ihm.

„Getrennt", fauchte Hermine beide an. „Wehe, ihr teilt euch ein Bett! Rauf mit euch allen!", rief sie zornig. „Fünfzig Punkte Abzug für Slytherins!", ergänzte sie böse, als weitere betrunkene Mädchen mit Knutschflecken eilig an ihr vorbei huschten. Hermines Faust zuckte böse.

Mit einem Schlenker hob sie den Fluch von Kingston auf. Er rappelte sich aus den Schals nach oben.

„Ich werde sofort zu Dumbledore-"

„-du wirst ins Bett verschwinden, hast du verstanden?", fuhr sie ihn an. „Du denkst, du kannst mich erpressen? Ich denke, dass wird Dumbledore um einiges schlimmer finden, als einen Jungenstreich, Kingston!", knurrte sie kalt und Kingston starrte sie an.

„Was?", fragte er tatsächlich ein wenig aus dem Konzept gebracht.

„Ich lasse mich von keinem erpressen, hast du das verstanden?", wiederholte sie lauter, und er zuckte zusammen, ehe er nickte. „Und jetzt rauf!", ergänzte sie tonlos, und sofort setzte sich der Junge in Bewegung, stolperte fast über seine eigenen Füße, und eine Halskrause schien er magischerweise nicht mehr zu brauchen, hatte sie festgestellt.

„Er ist ziemlich hinüber", informierte Goyle sie mit einem Kopfrucken, und Hermine wandte sich zur Couch um. Malfoy lag dort, bewusstlos, wie es schien, die Krawatte schief um seinen Hals, die Augen halb geschlossen, und Goyle wirkte beschämt.

„Ich… ich habe ein bisschen viel getrunken, sonst… sonst würde ich den Levicorpus noch hinbekommen, aber…" Hermine seufzte auf.

„Geh ins Bett. Er kann hier liegen bleiben. Dann ist es für Snape auch leichter ihn hochkantig von der Schule zu werfen. Am besten direkt aus dem Fenster." Nach diesen Worten verabschiedete sich Goyle recht wortkarg von ihr, und Hermine blieb alleine übrig. Mit ihm. Im stinkenden, zerstörten Gemeinschaftsraum.

Und es war so vertraut. Es kam ihr vor, als hätte sie nichts anderes in ihrem Leben getan, als in den zerstörten Slytheringemeinschaftsraum zu spazieren, um rumzuschreien.

Sie beugte sich über seine schlafende Gestalt. „Malfoy?", wagte sie zu sagen, und er widerte sie wirklich an. Aber sie war froh, dass er nicht wach war. Sie würde hier sauber machen, beschloss sie eher unbewusst. Doch als sie den Zauberstab auf einen besonders penetrant riechenden Fleck vor dem Sofa richtete, schlug er die Augen auf. Kurz zuckte sie vor Schreck zusammen, als sie es merkte.

„Granger", entkam es rau seinen Lippen. Eine Erinnerung erschlug sie mit aller Macht. Sie erinnerte sich an ihn.

An ihn als… er die Vorhänge in Brand gesetzt hatte, als er alle Flaschen zertrümmert und ins Feuer geworfen hatte. Sie erinnerte sich, dass er geweint hatte, dass…-

„Ab ins Bett", wisperte sie die Worte nur, die sie bestimmt eintausend Mal gesagt hatte. Schwer gingen sie seine Lider auf und schlossen sich wieder langsam.

„Ist das… ein Traum?", nuschelte er, ohne Anstalten zu machen, aufzustehen.

„Nein", sagte sie unschlüssig. „Es wäre kein Traum, den ich gerne hätte."

Aber er lächelte schief. „Ich schon", lallte er zufrieden. „Du… bringst mich ins Bett, richtig?", fragte er fast schon fröhlich.

Hermine war überfordert damit.

„Nein?" Es entkam ihren Lippen ärgerlichweise als Frage. „Wie…wieso sollte ich?", stotterte sie, böse mit sich selbst. Eine solche Frage schockierte sie tatsächlich. Er kam ihr… fast zutraulich vor!

„Du schaffst das alleine. Du bist Schulsprecher. Du solltest sowieso nicht trinken und-"

Er kam so abrupt auf die Beine, dass sie fast zurückgewichen wäre. Kurz dachte sie, er würde fallen, aber er fing sich an der Lehne der Couch gerade noch ab.

„Ich… vertrage überhaupt nichts mehr", murmelte er verwundert und schien nicht mehr mit ihr zu sprechen.

„Malfoy", wiederholte sie gepresster. Und als wäre es selbstverständlich, streckte er ihr seine Hand entgegen. Sie starrte mit großen Augen auf seine Hand hinab. „Was wird das?", fragte sie ihn ehrlich, aber er war zu betrunken, um sich blamiert zu fühlen, stellte sie fest, denn er schloss einfach den Abstand, und ergriff ihre Hand. Seine Hand war warm. Ihre war schrecklich kalt.

„Wir gehen ins Bett, Granger", informierte er sie glücklich.

„Malfoy", begann sie wieder, aber taumelnd zog er sie mit sich.

„Shht", sagte er leise, und mit einem Ruck entzog sie ihm ihre Hand. Ihr Herz klopfte laut, als er den Blick unglücklich zu ihrem Gesicht hob, weil der Kontakt verschwunden war.

Und es war schrecklich vertraut. All das hier.

„Ich komme nicht mit dir mit!", warnte sie ihn ungläubig. „Was denkst du eigentlich?", fuhr sie ihn an, aber er kam taumelnd näher.

„Shht! Nicht so laut", flüsterte er. „Ich habe Kopfschmerzen", ergänzte er.

„Geschieht dir recht!", zischte sie nur, und er machte noch einen Schritt auf sie zu. Er biss auf seine Unterlippe, als er sich plötzlich näher zu ihr lehnte. Sie wurde stocksteif vor Schreck.

„Du warst lange fort", murmelte er ernster. Seine grauen Augen flogen über ihr Gesicht. „Bitte, bring mich hoch", flüsterte er aufrichtig, und sie blinzelte so verstört, dass er mit gerunzelter Stirn wartete.

„Nein", sagte sie kopfschüttelnd, die Stimme unsicher und verwirrt.

„Dann bleibe ich hier", sagte er achselzuckend – und öffnete sein Hemd!

„Malfoy!", entfuhr es ihr so panisch, dass sie vergessen den Abstand zu ihm schloss und den Zauberstab auf ihn richtete. „Du wirst dich hier nicht ausziehen!", drohte sie, und ihr Kopf schmerzte voller Déjà Vues und dumpfen Erinnerungen.

„Willst du es tun?", lallte er dunkel, die Augen auf sie geheftet. Seine Augen waren hellgrau, und für eine Sekunde verlor sie sich in seinem Blick.

„N-nein?", antwortete sie beinahe entschlossen. Und er schüttelte sich das Hemd von den bloßen Schultern. Kurz – und wirklich nur sehr kurz – glitt ihr Blick über seinen Körper, über seine haarlose Brust, seinen Bauch, der ansatzweise tatsächlich einen Sixpack vorzuweisen hatte! Quidditch, nahm sie dumpf an. Und über seinen breiten, straffen Schultern, seine Oberarme hinab, bis hin zum schwarzen Mal, was seinen linken Unterarm entstellte.

Sie schluckte, denn ihr Mund war trocken.

Ihr Blick verfing sich in seinen Händen, die seine Gürtelschnalle öffnete, ehe sie blitzartig aus ihrer Trance erwachte, nach vorne schnellte, und seine Handgelenke abfing.

Kaum berührte sie seine Haut, traf sie sein prüfender Blick erneut. Merlin, sie würde gleich anfangen zu schwitzen, nahm sie an. Es war peinlich und sie wusste nicht, was sie tun sollte!

Er war so viel größer, und ganz im Gegensatz zu Harrys Duft, war ihr Malfoys Duft so vertraut, dass es lächerlich war! Denn sie kannte ihn überhaupt nicht, sie…-

Er hatte ihr seinen Arm entzogen und legte ihn probehalber um ihre Taille. Hermine war so schockiert, dass sie sich nicht bewegte. Ihre Hände lagen flach über seiner warmen, harten Brust. Es war fast angenehm, aber das gestand sie sich nicht zu.

„W-was tust du?", wisperte sie mit aufgerissenen Augen, und er senkte den Kopf.

Und sie hatte genug Zeit. Genug Zeit, irgendwie zu reagieren. Und kurz bevor er den Kopf so tief geneigt hatte, dass er ihre Lippen berühren konnte, sah er ihr fest in die Augen.

„Wenn du willst, dass ich aufhöre, sag Stopp", sagte er rau. Seine Augen schlossen sich langsam, sie spürte seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht, ihr Herzschlag brach gerade irgendeinen Weltrekord, nahm sie an, während sie seinen gesamten Körper gegen sich spüren konnte! Seinen nackten Oberkörper – den sie immer noch berührte!

Und fast – fast war jedes Bisschen Luft zwischen ihnen verschwunden! Fast berührte er ihre Lippen, es fehlte kein Millimeter mehr!

Fast –

„Stopp!" Es war nur ein Hauch, aber ihr Mund sagte es. Endlich! Ihr Gehirn konnte doch noch Befehle senden!

Und tatsächlich hielt er inne. Seine Lider flatterten langsam auf, der Blick voller Hunger und Enttäuschung. Seine Brust hob und senkte sich unregelmäßig unter ihren Finger, die sinnloserweise immer noch auf seiner Haut lagen. Und dann zog er den Kopf zurück.

Langsam, unwillig, aber er tat es.

Er war ihr so nahe wie noch niemand sonst! Sie sah ihn an, ihr Mund stand einen Spalt offen, während sie die nötige Luft atmete. Sie nahm an, Röte sprengte ihre Wangen.

Und er sah… leider so gut aus! Ihr Atem hatte sich ebenfalls beschleunigt, und ihre Fingerspitzen kribbelten. Noch immer lag sein Arm um ihrer Hüfte. Ihr Kopf lag halb in ihrem Nacken, um ihn überhaupt ansehen zu können, und sie konnte sich nicht vorstellen, Draco Malfoy überhaupt schon mal so nahe gewesen zu sein.

Und es war… unglaublich toxisch. Wie selbstverständlich er diese Nähe zu suchen schien. Wie dringend er es brauchte, es war… - faszinierend.

Sein Arm fiel von ihrer Hüfte ab. Fast konnte sie spüren, wie wieder Luft zum Atmen zwischen ihre Körper strömte. Der Verlust seiner Nähe war nicht, was sie logisch erklären konnte, aber etwas sank schwer in ihre Magengegend – und sie war es.

Sie war dumm. Und es war furchtbar falsch. Und sie war diejenige gewesen.

Nicht er.

Aber ihre Hände griffen so schnell um seinen Nacken, dass es ihr selber unwirklich vorkam.

Schon zog sie ihn zu sich hinab, und ungeschickt stieß ihre Nase gegen seine Nase, ehe ihre zitternden Lippen sich über seinen Mund legten.

Er war vor Schreck bewegungslos über ihr verharrt.

Und sie wusste in derselben Sekunde, wie unglaublich dumm das von ihr gewesen war! Diese Aktion! Sie wollte sich hastig zurückziehen, aber seine Starre war von ihm abgefallen, und er erwiderte den Kuss.

Und bei weitem nicht so ungeschickt wie sie!

Oh Gott.

Seine Zunge glitt übergangslos in ihren Mund, seine Hände fanden den Weg in ihre Haare nur zu schnell. Er atmete sie praktisch ein, und ihre Lippen öffneten sich weiter. Ihre Zunge traf auf seine, und das seltsame Kribbeln erfüllte sie. Es durchflutete sie, bis in die Zehenspitzen.

Ihre Hände lagen auf seinen Schultern, gaben ihr mehr Halt, und einer seiner Arme, schlang sich wieder um sie, und in dieser einen Sekunde war es so richtig. Es fühlte sich so unglaublich richtig an, dass sie spürte, wie die Tränen hinter ihren brannten.

Wie eine so stark verschlossene Tür in ihrem Innern in den Angeln beinahe brach, bei dem Bedürfnis endlich aufzuspringen, die Erinnerungen endlich wieder freizugeben!

Seine andere Hand schlang sich um ihren Nacken, er küsste sie verlangend, seine Zunge glitt über ihre, seine Lippen küssten ihre Lippen, verließen schließlich ihren Mund, küssten ihren Kiefer, hinab zu ihrem Hals, und mit neuer Kraft schaffte sie es ihn von sich zu stoßen.

Sie wich angsterfüllt vor ihm zurück.

Erschrocken über diesen Näheverlust sah er sie schwer atmend an, folgte ihr aber nicht.

Sie hatte die Hand über den Mund geschlagen und weinte.

Sie weinte.

Denn… das hätte sie nicht tun dürfen!

Seine Brust hob und senkte sich hart. Sie schloss die Augen, Tränen rannen über ihre Wange und sie fuhr sich verzweifelt durch die Locken.

„Nein", flüsterte sie kopfschüttelnd, ohne ihn anzusehen. Denn sie wusste, er würde etwas sagen wollen. Er würde irgendetwas sagen wollen, um sie zu überreden, sie umzustimmen.

Und sie wollte nicht! Sie konnte nicht – sie… - es war nicht richtig! Er war nicht der richtige für sie!

Sie öffnete blinzelnd die Augen, wischte sich über ihre Wangen, bückte sich nach dem Zauberstab, den sie verloren hatte, und hasste ihn.

Dafür, dass er sie dazu gebracht hatte!

„Granger-", begann er rau, aber sie schüttelte heftig den Kopf.

„-nicht! Sag einfach gar nichts, ok?", rief sie und stürzte praktisch zum Portraitloch. Sie riss es auf und floh in die Dunkelheit des Korridors, ohne zurückzublicken.