Kapitel 26

Sie kam sich lächerlich vor. Vor allem kam es ihr vor wie ein Déjà Vue. Aber vieles kam ihr im Moment so vor. Wieder einmal stand sie vor dem Krankenflügel, in dem er lag, und wieder überlegte sie, ob sie hinein gehen sollte.

Das letzte Mal hatte sie ihn aufgefordert, sie nicht mehr zu beachten. Und das war auch das letzte Mal, dass sie ihn mit ihrem wachen Verstand überhaupt beachtet hatte. Ihr Herz klopfte, dabei hatte sie erst heute Nachmittag mit ihm die Strafe abgesessen. Sie hatte sich noch gar nicht richtig bei Nessie bedankt, fiel ihr ein. Nicht, dass das ohne weiteres möglich wäre, aber generell schon. Vielleicht mochte sie Süßigkeiten, wenn sie ein vegetarisches Tier war?

Hermine würde etwas finden.

Und im Moment hockte Dana Wades noch an seinem Bett. Das hielt Hermine auch davon ab, hineinzustürmen. Sie faselte irgendeinen Unsinn, versprach ihm, sie wäre beinahe ohnmächtig geworden, als er gefallen war, und sie würde von jetzt an gut auf ihn aufpassen.

Hermine konnte sie nicht leiden. Und Hermine konnte nicht leiden, dass er sie nicht mal davon scheuchte. Sie wünschte, sie würde sich besser an das Gefühl erinnern, als sie ihn geküsst hatte vor ein paar Tagen! Endlich kam Madame Pomfrey. Merlin, noch mal. Dana würde ihm noch einen Heiratsantrag machen, dachte Hermine dumpf, während sie eilig in den Flur zurückwich, hinter die Büste von Melvin, dem Malediertem, der mit Augenbinde und Furunkelbeulen als Mahnmal vor dem Krankflügel stand.

Ja, sie wusste alles.

„Miss Wades, würden Sie nun bitte endlich den Krankflügel verlassen? Mr Malfoy braucht von jetzt an Ruhe und darf nicht mehr sprechen. Was glauben Sie, wie sich ein geprellter Rippenkäfig anfühlt? Nicht besonders angenehm, das kann ich Ihnen versichern!"

Dana beschwerte sich noch kleinlaut, ehe sie, nach ätzend säuselnden Abschiedsworten, endlich verschwand. Hermine sah dem schlanken Mädchen nach, was verstört und voller ätzender Sorge den Flur hinab verschwand.

Hermine atmete aus, lauschte, bis Madame Pomfrey murmelnd wieder in ihr Zimmer verschwand, und schlich dann wieder zum Eingang, um noch ein weiteres Mal zu zögern.

Aber sie konnte nicht mehr besonders viele Ausreden ersinnen, weswegen sie nicht hinein gehen sollte. Er durfte nicht reden? Das musste er auch nicht. Sie wollte gar nicht reden. Sie hatte genug zu verarbeiten. Sie wollte ihn einfach nur sehen. Endlich wieder richtig sehen.

Sie schlich also in den Krankenflügel. Er lag nicht im ersten Bett, sondern im linken, hinten am Fenster. Eilig huschte sie über den polierten Boden, ohne dass Madame Pomfrey sie bemerkte und zog den Vorhang straff um sein Krankenbett. Er hatte die Augen bereits geschlossen, aber er schlief nicht, denn seine Stirn lag in tiefen Falten.

„Quidditch ist ein saudämlicher Sport", hauchte sie, als sie sich sanft auf seine Bettkante setzte. Seine Augen öffneten sich verstört wieder, und er erkannte sie nach einem knappen Moment. Schmerz zeichnete sein Gesicht, und Hermines Herz zog sich zusammen, bei der frisch geheilten Wunde auf seiner Schläfe. „Hast du Schmerzen?", fragte sie ihn, mit klopfendem Herzen, denn sie hatte das Gefühl, lange nicht mehr wirklich mit ihm gesprochen zu haben.

Und auf seine Stirn gesellten sich noch einige Falten mehr. Er schien sie nicht recht deuten zu können. Sie presste kurz die Lippen aufeinander, nicht sicher, ob sie seine Hand ergreifen durfte, oder ob sie überhaupt hier willkommen war.

„Ich dachte, ich… sehe nach, ob es dir gut geht?", erklärte sie ihr auftauchen sanft, und sein Mund öffnete sich sehr langsam. „Aber Dana Wades war da wohl schneller als ich", ergänzte sie mit erhobener Augenbraue. Ihr Blick fiel schließlich auf den Nachttisch neben ihm. Ihr Mund öffnete sich mit stummer Erkenntnis.

„Stimmenlöser", las sie den Namen auf der braunglasigen Flasche nickend. „Du kannst nicht sprechen", vermutete sie lächelnd. Er schien sie abwartend zu betrachten.

„Tja", sagte sie also, senkte etwas beschämt den Blick auf ihre Hände, und überlegte, was sie noch zu ihm sagen wollte. „Ich wollte dir nur sagen", begann sie langsam, „dass es… völlig ok ist, wenn du… mich Hermine nennst", korrigierte sie, was sie ihm erst vor wenigen Tagen verboten hatte.

Er sah sie an. Sein Ausdruck verriet ihr gar nichts. Es tat ihr weh, zu sehen, dass er verletzt war. Es war kaum auszuhalten. Und sie glaubte, das war es gewesen. Zu sehen, wie er verletzt vom Besen vier Meter in die Tiefe gestürzt war, war erschreckenderweise so unerträglich gewesen, dass all die Angst um ihn etwas Entscheidendes in ihrem Innern wieder erweckt hatte.

„Es tut mir so leid, Draco", flüsterte sie schließlich. „Das… das mit dem Denkarium und Garrick und… allem!" Und er setzte sich im Bett auf. Sein Blick war eine Spur ungläubig, während er sie betrachtete. Prüfend und sehr langsam lehnte er sich vor. Er verzog vor Schmerzen den Mund, gab aber kein Geräusch von sich. Wie auch – dachte sie dumpf, ehe er so nahe war, dass sie jeden grauen Funken in seiner Iris erkennen konnte.

„Und es tut mir leid, dass ich so scheußlich zu dir war. Ich-", wisperte sie ein wenig verlegen, weil er so nahe vor ihr war, aber er ruckte nur kurz mit dem Kopf und überwand den letzten Zentimeter.

Seine Lippen waren warm, und sie glaubte, das Schlagen tausender Schmetterlingsflügel in ihrem Bauch spüren zu können, als er ihren Mund verschloss. Ihre Augen schlossen sich augenblicklich, und alles, was noch immer keinen Sinn in ihrem Kopf ergeben hatte, war jetzt völlig klar.

Endlich war sie wieder da! Sie roch seinen Duft, erinnerte sich an jede Sekunde mit ihm, und sie wusste nicht, warum, aber sie wusste, sie brauchte ihn. Draco Malfoy. So dringend!

Sie spürte, wie ihm jede Bewegung, jeder Atemzug wohl Schmerzen verursachte. Sie wich zurück, nicht weit, aber so weit, dass sie ihn ansehen konnte. Mit sanfter Gewalt drückte sie ihn in die Kissen zurück.

„Ruh dich aus. Ich gehe nicht mehr fort", versprach sie ihm lächelnd. Und sie merkte, dass er wohl schon kaum noch bei Bewusstsein war. Seine Augen waren merklich kleiner geworden. Bevor sie noch einmal blinzelte, waren sie zugefallen.

Er war eingeschlafen.

Und was sie bei Harry nicht spürte, dass spürte sie bei ihm um ein zehnfaches. Tränen rannen aus ihren Augenwinkeln.

Sie erinnerte sich tatsächlich.

An das Gespräch nach dem furchtbaren Abend der versuchten Vergewaltigung! Zwischen den Gängen der Gewächshäuser! Auch an das Gespräch mit Harry anschließend, weil er glaubte, sie mochte Malfoy.

Mochte Malfoy.

Mochte Malfoy….

Sie mochte Malfoy.

Und Harry hatte Recht gehabt. Er hatte so, so Recht gehabt, überlegte sie, fast überrascht. Wieso war es ihr vorher nicht aufgefallen. Wie von selbst, strich ihre Hand sanft eine Strähne aus seiner Stirn. Vorsichtig, um ihm nicht wehzutun.

Und sie hatte gedacht, sie würde ihn nie wiedersehen.

Sie klammerte sich praktisch an alle Erinnerungen, die immer noch auf sie einströmen. Sie erinnerte sich an jedes Unterrichtsfach. Wissen durchflutete jede Pore ihres Körpers.

Und wie hatte sie sich gewünscht, dass er etwas anderes zu ihr gesagt hätte!

Etwas anderes, als sie ihm im Krankenflügel eröffnet hatte, sie würde mit Kingston zum Ball gehen.

Wie sehr sie sich gewünscht hatte, er hätte gesagt, dass er mit ihr gehen wollte. Dass….-

Sie hielt die Augen geschlossen und lauschte seinem gleichmäßigen Atem, während ihr Gehirn müder und müder wurde. Sie hatte ihn wieder gefunden. Und sie wollte nicht mehr gehen.

Sie hatte ihn solange gesucht! Sie hatte ihn so sehr vermisst….

Es war so warm, dass er es nicht mehr aushielt. Blinzelnd schlug er die Augen auf. Es war, als würde ein Gewicht ihn nach unten ziehen. Sein Kopf hämmerte leicht. Glück gehabt. Er hatte schon befürchtet, er würde ins Mungo überführt werden müssen, nach diesem Sturz.

Und erst jetzt begriff er, dass er nicht alleine im Bett lag. Sein Arm war eingeschlafen. Er verzog schmerzhaft den Mund. Er räusperte sich, denn er konnte wieder sprechen. Der Stimmenlöser war abgeklungen.

Das Mädchen auf seiner Brust schlief tief und fest, als er den Arm unter ihrem Körper hervor gezogen hatte und ihn schüttelte, bis das Blut wieder zirkulierte.

Und erst nach einer ganzen Weile rührte er sich nicht mehr. Nicht einen Millimeter mehr. Denn… wahrscheinlich träumte er noch. Deswegen ging es ihm nicht mal wirklich schlecht, denn er musste träumen. Denn das Mädchen, das unter seiner Decke lag war… Granger.

Er blinzelte, wagte nicht, sich zu bewegen, weil der Traum dann wahrscheinlich vorüber wäre, aber gar nichts passierte, als er den Kopf wieder ins Kissen legte.

Seine Rippen schmerzten höllisch, aber es war alles unwichtig!

Wieso war sie hier?

Er lag regungslos. Hatte er sie verflucht? Mit dem Imperius belegt?

Wieso lag sie hier? In seinem Bett?!

Und dann streckte sie sich auf ihm. Er hielt erschrocken die Luft an. Dann hob sich ihr Lockenkopf von seiner Brust und sie blinzelte in die aufgehende Sonne, bevor ihr Blick fiel.

Sie sah ihn an. Verblüffung trat in ihr Gesicht, als sie ihn erkannt hatte. Er hatte sich auf die Ellenbogen gestützt und wagte nicht, zu sprechen.

Ihr Mund öffnete sich langsam, als hätte sie begriffen.

„Was… was tust du hier?", fragte er tonlos, rau, als wäre es der erste Tag, an dem er seine Stimme gebrauchte. Er räusperte sich heftig. Und er konnte nicht anders, als sie anzustarren.

„Ich habe dir gesagt, ich gehe nicht mehr fort", erwiderte sie mit einem leisen Lächeln, und seine Augen weiteten sich.

„Was?", entfuhr es ihm verdutzt, und er sah, wie sich ihre Mundwinkel nur ein ganz klein wenig hoben. Es reichte, um sein Herz schneller schlagen zu lassen. Ihre Hand hob sich zu seiner Wange. Er dachte zuerst, sie würde ihn schlagen wollen, aber sanft legten sich ihre Finger über seine Wange. Sie strich federleicht über seine Haut, sah ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.

„Ich dachte, ich wäre für immer fort", flüsterte sie mit einem traurigen Blick. „Ich hatte solche Angst. Ich war solange fort", wiederholte sie tonlos. Sein Mund öffnete sich langsam. „Draco", sagte sie schließlich, und eine Träne fiel auf ihre Wange, aber sie lächelte jetzt.

Und seine Augen weiteten sich, denn er sah, wie sie ihn aus ihren warmen, braunen Augen betrachtete. Sie war wieder da. Sie war zurück! Sie… war bei ihm!

Und das, was er als Traum empfunden hatte, kristallisierte sich näher hervor.

Sie war gestern hier gewesen! Bei ihm! Er hatte geglaubt, es wäre nicht echt gewesen!

Aber… sie war hier! Es war echt!

Und in nur einer Sekunde hatte er sie an sich gezogen. Sein Herz ging schnell als er sie in seine Arme gezogen hatte und sie hielt. Er ignorierte den Schmerz in seinem kompletten Oberkörper. Denn er musste sie halten, sonst könne sie ihm vielleicht doch verloren gehen.

So saßen sie in seinem Krankenbett. Er hielt sie fest an seinen Körper gepresst. Er roch den Duft ihrer Haare, und er wusste, er hatte noch niemals jemanden auf diese Weise umarmt, nicht einmal Narzissa, aber es fühlte sich so richtig an. Sie passte perfekt. Und sie weinte an seiner Brust, während er unbeholfen über ihren Rücken strich. Ihre Arme legten sich um seinen Nacken, und er glaubte selber, weinen zu müssen. So fühlte es sich an.

Irgendetwas in seiner Magengegend explodierte förmlich bei diesem Gefühl. Er schloss die Augen und hielt sie fest. Hielt sie einfach nur fest.

Denn mehr brauchte er nicht. Und wäre es ein Traum, dann brauchte er auch gar nicht mehr aufwachen.

Er hörte das Räuspern eine Sekunde später.

„Wir dachten schon, Miss Granger wäre uns ein weiteres Mal verschollen gegangen", sagte Dumbledore mit einem Lächeln in der Stimme.

„Miss Granger! Sie waren doch wohl nicht die ganze Nacht hier? Du liebe Güte!", hörte er Madame Pomfreys Entrüstung. Hermine löste sich abrupt von ihm, die Wangen tiefrot vor Scham.

„Gut, dass alle wohl auf sind, nicht wahr, Poppy?", sagte Dumbledore schließlich und unterbrach die peinliche Stille.

„Hmpf", machte Madame Pomfrey, aber Dumbledore ignorierte die Missbilligung in ihrer Stimme.

„Mr Malfoy, gute Neuigkeiten. Ihr scharfes Auge hat sich nicht getäuscht. Es ist mittlerweile ein netter Anblick, wo der Zauber abgeklungen ist", fuhr er lächelnd fort. „Der Verbotene Wald quillt über vor Gold. Es wird einige Zeit dauern, alles aus der Höhle zu bekommen. Vor allem haben sich die Niffler bereits fleißig an die Arbeit gemacht, ihr Vermögen im Wald zu vergraben", gab er lächelnd zu bedenken.

Dracos Mund öffnete sich perplex. „Der Zauber…?", fragte er ein wenig verwirrt, noch immer mit rauer Stimme.

„Der Zauber, mit dem das Gold verkleinert wurde. Wohl mit Miss Grangers Zauberstab", fügte er knapp hinzu. „Nachdem dieser aber nach und nach auf dem Grund des Sees zerstört worden war, hat der Verschwinde-Zauber an Wirkung verloren."

„Jaah!", rief sie plötzlich aus. „Ich erinnere mich an die Höhle!", entfuhr es ihr nickend. „Ich habe es verkleinert! Es hat Stunden gedauert!", fuhr sie langsam fort.

„Das kann ich mir denken, Miss Granger", bestätigte Dumbledore. „Mittlerweile haben sich auch die Zentauren bei mir beschwert, dass eine solche Umweltbelästigung doch wohl kaum von mir beabsichtigt gewesen war…" Er zwinkerte bei diesen Worten.

„Umweltbelästigung", wiederholte Draco kopfschüttelnd, über so viel zentaurischen Unverstand von Gold.

„Tja, Gold stinkt", bemerkte Hermine neben ihm, und er fasste sie wieder näher ins Auge. Er wusste nicht, wie er sie ansah, aber wohl hungrig genug, dass ihre Wangen wieder rot wurden.

Sie war bei ihm geblieben. Sie hatte die Nacht bei ihm verbracht. Es war so unglaublich anstrengend gewesen. Und er konnte kaum glauben, dass sie jetzt bei ihm war.

Er konnte sich nicht vorstellen, dass er tatsächlich einmal gewinnen sollte, am Ende.

Es war… so abwegig….

Aber er spürte, wie er lächeln musste. Sie senkte tatsächlich ihren Blick.

Dabei war sie es doch gewesen, die unter seine Decke gekrochen war!

Zu dumm, dass Dumbledore und die Krankenschwester noch anwesend waren, dachte er plötzlich, mit wachsender Erektion.