Kapitel 30

Es war das erste Mal seit einer langen Zeit, dass sein Zauberstab als erstes summte. Er schlug die Augen auf, aber er war nicht so müde, wie er erwartet hatte.

Es konnte daran liegen, dass er sich seit einer Weile nicht mehr in völlige Besinnungslosigkeit trank. Obwohl er seit gestern ziemlich wütend auf sie war!

„Draco!", knurrte Blaise neben ihm, und endlich setzte sich Draco mit einem Ruck auf und berührte den Zauberstab, der sofort verstummte. Er schwang die Beine probehalber aus dem Bett, aber er würde tatsächlich aufstehen.

Er war fast ein wenig verblüfft. Noch schliefen alle anderen. Das bedeutete, er hatte das Badezimmer für sich alleine. Er griff sich eine frische Uniform aus seinem Schrank und warf sich ein Handtuch über die Schulter, als er runter ging.

Im Gemeinschaftsraum hockten bereits Erstklässler mit Koboldsteinen vor dem Feuer und warfen ihm scheele Blicke zu, als er durch den Raum marschierte. Er nickte den Kindern lediglich zu. Um zu sprechen, war er definitiv noch zu müde. Egal, wie nüchtern er sein mochte.

Seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt.

Zwar überwiegend mit ihr und ihrer unmöglichen Art. Dann natürlich mit dem endlosen Hass auf Potter. Sollte sie doch zu Potter rennen, wenn sie solche Angst hatte, Potter könne sie entdecken, wie sie mit ihm, Draco, am See stand und sich unterhielt, Merlin noch mal.

Sie erzählte ihrer Mutter von ihm! Das hieß doch irgendetwas, oder nicht? Er war wütend, obwohl alles gut ausgegangen war. Er hatte sein Gold wieder. Fast. Einige tausend Galleonen hatten die Niffler erfolgreich versteckt. Aber es kümmerte ihn kaum.

Er ging in die angrenzenden Waschräume, und alles war noch unbenutzt, nicht dampfverhangen, und er musste sich nicht den Aufwand machen, extra ins Badezimmer der Vertrauensschüler zu gehen, um sich zu fertigzumachen.

Er war tatsächlich positiv überrascht.

Heute hatte er sogar viel Zeit mit sich selber zugebracht, den Kragen seines Hemdes gestärkt, die brandneue Schulsprechernadel in voller Langeweile über das schiere Maß an Zeit, was er noch hatte, poliert, und seine Haare auf zwei verschiedene Arten gestylt, hatte aber beschlossen, sie doch locker im Seitenscheitel fallen zu lassen. Es stand ihm am besten. Fast hätte er seinem Spiegelbild zugezwinkert.

Er hatte seinen Duft lange nicht mehr benutzt, aber heute machte er sich die Mühe.

Und nach fast vierzig Minuten kam er frisch wie aus dem Ei gepellt aus den Waschräumen. Er öffnete die Tür zum Gemeinschaftsraum, und verschlafen hob Pansy den Blick.

„Dra…draco?", murmelte sie völlig überfordert bei seinem Anblick. „Hast du gar nicht geschlafen? Hmm… du riechst…?!" Sie starrte ihn an. „Du riechst gut!", entfuhr es ihr verdattert. Draco schenkte ihr ein waches Lächeln.

„Der frühe Doxy findet das Gold, Pansy", erläuterte er ihr, und sie starrte ihn immer noch überfordert an.

„Was?", fragte sie tatsächlich verwirrt, aber er winkte ihr zum Abschied.

„Ich sehe dich unten", erklärte er knapp. Pansy gaffte ihm hinterher, dass er fast gelacht hätte. Er wandte sich an den nun vollen Gemeinschaftsraum voller Erstklässler.

„So", sagte er laut über die Köpfe hinweg. „Ich soll euch runter bringen, oder?", erkundigte er sich, und die Erstklässler starrten ihn an.

„Seit wann?", fragte ein Junge verwirrt.

„Dann ist jetzt das erste Mal, in Zweierreihen aufstellen!" Es machte ihm Spaß, die Kleinen zu kommandieren. Wahrscheinlich waren sie einfach zu verblüfft und leisteten schweigend Folge, wie um zu sehen, was jetzt passierte.

Sie schritten gesammelt aus dem Portraitloch, und Draco gefiel es, dass ihm hörige Schüler folgten. Das Schloss lag noch leer, aber er wusste, sieben Uhr war eine normale Zeit, unten zu erscheinen. Das Frühstück begann.

Die Schüler sahen sich alle seltsam verwirrt im Schloss um, als hätten sie es um sieben Uhr noch nie erlebt. Er wusste, der Slytheringemeinschaftsraum – unter seiner Führung – erschien eigentlich nie irgendwo, wenn nicht gerade kurz vor Schluss.

Als sie die Halle betraten, saßen bereits vereinzelte Schüler an den Tischen. Er schritt mit zügigen Schritten voran zum Slytherintisch.

„Mr Malfoy, eine angenehme Überraschung", vernahm er Dumbledores Stimme vom Lehrertisch. Er hob den Blick. Die Lehrer betrachteten ihn teilweise argwöhnisch.

„Danke, Professor", erwiderte er, heute tatsächlich gewillt, höflich zu sein. Er bedeutete den Schülern sich zu setzen. Er wandte den Kopf, als weitere Schüler in der Eingangshalle erschienen. Granger kam mit den Erstklässlern aus Gryffindor. Draco blieb abwartend stehen, bis die Gruppe den anderen vordersten Tisch vor dem Lehrertisch erreicht hatte. Grangers Blick ruhte ungläubig auf seiner Gestalt.

Und er machte sich den Aufwand, schloss den Abstand zu ihr und überragte sie um einen weiten Kopf. Er sah auf sie hinab. Sie sah ihn ähnlich verwirrt an wie Pansy ihn angesehen hatte.

„Ich weiß, du würdest lieber geheime Symbole und versteckte Nachrichten ausmachen, damit wir uns sehen können, Granger, aber keine Sorge. Potty und das Wiesel sind nicht in Sicht", begrüßte er sie eisig.

„Du bist ein Idiot", informierte sie ihn, und er sah, dass sie nicht so gut geschlafen zu haben schien, wie er es getan hatte. Ob es an ihm lag? Ob ihr so ein Streit genauso auf den Magen schlug, wie es ihn zornig machte? Er würde gerne fragen, aber er beherrschte sich.

„Ich könnte dich fragen, ob du mit mir am Slytherintisch setzen würdest. Wäre das nicht fair? Es ist einfach für Sankt Potter, mir einen Platz an seinem scheiß Tisch anzubieten. Den Löwen zum Fraß vorgeworfen, buchstäblich", ergänzte er, erfreut über seine Schlagfertigkeit, während sie gereizt den Mund verzog.

„Es ist kein Wettkampf", informierte sie ihn tatsächlich, auch wenn er nicht genau wusste, was es bedeuten sollte. Aber sie sprach gepresst weiter. „Es geht nicht darum, wer was für wen tut oder aufgibt", schloss sie böse.

„Und es ist genau das, Granger!", antwortete er schnell, als er begriffen hatte. Denn es war ein verdammter Wettkampf! „Und ich liege in Führung", trumpfte er auf. Sie blinzelte ungläubig.

„Du? Ist das dein Ernst?", zischte sie ungehalten, und er ruckte mit dem Kopf.

„Oh ja. Aber beweis mir einfach das Gegenteil", bemerkte er glatt, denn aus den Augenwinkeln betrachtete er die Türen zur Großen Halle. „Deine Helden kommen. Wie entscheidet sich die Prinzessin aus Gryffindor wohl?", murmelte er spöttisch. Sie wandte den Blick und erkannte die beiden Pantoffelhelden ebenfalls zur Tür hereinkommen.

„Wir reden später", fertigte sie ihn zornig ab.

„Und hier haben wir den Verlierer!", rief er ihr nach, so laut, dass die Ravenclaws am Tisch die Köpfe wandten. „Die Feigling-Medaille geht an – Hermine Granger! Applaus, meine Damen und Herren!", ergänzte er und erntete Potters ratlosen Blick, aber Draco wandte sich ab. Ja, es tat ihm nicht gut, nicht zu trinken. Er war viel zu wach und viel zu kampfbereit, so früh am Tag.

Das Frühstück verbrachte er eher ruhig, böse auf sich selbst, so früh so viel von seiner Gefühlswelt preisgegeben zu haben, obwohl es sie einen Scheißdreck interessierte. Er hoffte nur, er hatte sie vor Potter blamiert. Wenigstens das.

Missmutig hob er den Blick, als die Eulen über ihre Köpfe schwärmten. Noch immer hatte er Sorge, dass Krähen oder Fledermäuse durch die offenen Fenster kommen würden, aber es waren nur noch böse Nachwirkungen der letzten Zeit. Es kamen nur Eulen.

Aber ein Vogel stieß in seine Richtung in die Tiefe.

Und er erkannte ihn.

Er kam von Zuhause. Es war ein Greifvogel. Mit einem leisen Schrei ließ er Blatt Pergament vor ihm fallen. Dracos Herz beschleunigte sich. Er bekam nicht gerne Post von Zuhause.

Denn es war niemand Zuhause. Das musste bedeuten, seine Mutter war zurück.

Mit fahrigen Fingern öffnete er den Brief, während Pansy missmutig einen Brief ihrer eigenen Mutter las, in dem ihre Mutter ihr mal wieder die Schuld an allem Übel gab. Aber Pansy ertrug es mit der Gleichgültigkeit einer Slytherin. Draco war da anders.

Entschieden anders.

Draco,

ich wollte dich darüber informieren, dass ich das Haus verkauft habe.

Bitte, lass dich beurlauben, komme am Wochenende, damit du deine Sachen packen kannst.

Ich habe in Sussex eine neue Bekanntschaft gemacht und bereits ein Angebot für ein Landhaus in Frankreich abgegeben. Frederic wohnt in Marseille, und es ist die beste Entscheidung für mich.

Du kannst mit mir kommen, wenn du deine Ausbildung in Hogwarts beendet hast.

Marseille ist wunderschön!

Ich habe mir gedacht, dass Malfoy Manor zu viele schlechte Erinnerungen für uns hält.

Ich hoffe, du verstehst mein Handeln. Außerdem war unsere Zukunft ungewiss, wussten wir doch nicht, wie es um das Vermögen stand.

Ich wollte es dir schon eher erzählen, aber ich wusste nicht, wie.

Am besten kommst du Samstag in der Frühe, denn am Nachmittag werde ich abreisen.

Solltest du dich noch nicht entscheiden können, können deine Sachen in der Winkelgasse bei ‚Wendel's & Brook' untergebracht werden, bis du dich für einen Wohnsitz entschieden hast.

In Liebe,

Narzissa'

„Was ist los?", wollte Pansy schließlich wissen, als sie ihren Brief ungerührt neben ihren Teller geworfen hatte und las über seine Schulter mit. „Oh", entfuhr es ihr verblüfft. „Sie hat es verkauft? Damit hätte ich niemals gerechnet!", flüsterte Pansy und hatte es schon Blaise erzählt, als er fragend den Kopf zu ihnen geneigt hatte, ehe Draco ihr den Mund hätte verbieten können. Gregory neben ihm sah ihn knapp an.

„Tut mir leid", sagte er ruhig. Draco ruckte mit dem Kopf, denn er konnte nicht sprechen.

Neben der offensichtlichen Frage in seinem Kopf, ob seine Mutter das überhaupt durfte, schwebte der dumpfe Schmerz, dass er sein Haus verlor, all die Erinnerungen, die seine Mutter vielleicht verabscheute, die ihm aber heilig gewesen waren!

Aber er wusste, sie war die Eigentümerin von Malfoy Manor. Er kam erst in zweiter Folge. Und wenn sie bereits einen Käufer gefunden hatte, wenn bereits die Verträge unterschrieben waren und er in Windeseile seine Sachen fortschaffen sollte, dann glaubte er nicht, dass es noch viel zu ändern gab.

Und er ignorierte den Namen Frederic so gut er eben konnte.

Denn… alles, was er denke konnte, war, dass seine Mutter seinen Vater betrog.

Und es tat weh. Höllisch weh.

„Sie können bei mir wohnen. Vorerst", schlug Snape mit ernster Miene vor, aber Draco schüttelte den Kopf.

„Ich denke nicht, dass das nötig ist", erklärte er, kurz angebunden, wartete auf Dumbledores Entscheidung.

„Draco, natürlich können Sie am Wochenende nach Wiltshire reisen, wenn Sie dort Ihre Sache packen müssen. Wir mir scheint, hat Ihre Mutter etwas überstürzt gehandelt", vermutete Dumbledore nachdenklich. Ja, das war Draco bewusst. Aber er konnte daran nichts ändern.

„Danke", rang er sich die Worte, der Höflichkeit halber, ab.

„Sagen Sie, haben Sie vor, nach Frankreich zu gehen? Nach Hogwarts?", erkundigte sich Dumbledore, dem Snape wohl die näheren Umstände bereits erklärt hatte, denn Draco hatte zuerst Snape aufgesucht gehabt. Draco musste nicht überlegen, ehe er den Kopf schüttelte.

„Um mit dem neuen Freund meiner Mutter in einem Haus zu wohnen? Ich denke nicht, Sir", erwiderte er knapp, voller Bitterkeit.

„Sie sollten nicht alleine gehen", bemerkte Dumbledore schließlich. „Vielleicht könnte Mr Goyle Sie begleiten? Oder Mr Zabini?", schlug er vor.

„Ich… habe nicht besonders viele Dinge", erklärte Draco, etwas zögerlich. Es ging Dumbledore nichts an. Er war niemand, der viele Dinge in seinem Leben angehäuft hatte. Er war ein Minimalist, der mit wenigen Dingen viel Unordnung anrichten konnte. „Außerdem ist das Bett in meinem Zimmer nicht zu entfernen. Genauso wenig der Stammbaum an der Wand. Es ist mir ein Rätsel, wer das Haus hatte kaufen wollen", schloss er grimmig, ohne die Worte an jemanden bestimmten zu richten.

„Gut, ich meinte auch eher, dass Ihnen etwas Gesellschaft bei einem solchen Unterfangen nicht schaden könnte", erklärte Dumbledore nickend. „Severus, Sie könnten ihn auch begleiten", schlug er schließlich vor. Draco schüttelte den Kopf.

„Es wird nicht nötig sein", wiederholte er wieder einmal. Dann seufzte Dumbledore abschließend auf.

„In Ordnung, Draco", sagte er schlicht. „Dann dürfen Sie Samstag abreisen. „Melden Sie sich, wenn… Sie Hilfe brauchen", ergänzte er bedächtig mit einem vielsagenden Blick. Draco ruckte mit dem Kopf und verließ das Büro. Er nahm an, gleich würden Snape und Dumbledore darüber diskutieren, ob seine Mutter verrückt geworden war.

Er hatte geglaubt, im Haus seiner Ahnen zu sterben. Die Tradition aufrecht zu erhalten. Und jetzt wurde es ihm genommen. Gerade erst hatte er überhaupt angefangen, aufzuarbeiten, dass Lucius umgebracht worden war. Und seine Mutter hatte verdammt noch mal nichts Besseres zu tun, als den nächstbesten Franzosen aufzureißen und sein Erbe zu verschachern?!

Er verspürte eine solche Wut auf sie, dass er die Hände zu Fäusten ballen musste!

Das Haus seiner Väter! Er war dort aufgewachsen! Wo sollte er wohnen? Was sollte er bitteschön tun?

Seine Zukunft war ohnehin mehr als ungewiss und nun hatte er nach Hogwarts nicht einmal mehr ein Zuhause, was er sein Eigen nennen konnte!

Es war, als hätte er seinen Vater erneut verloren. Jede letzte Erinnerung noch einmal verloren. Und er hatte nichts! Seine Mutter wechselte praktisch den verfluchten Kontinent, so kam es ihm vor!

Und Granger…? Granger stellte ihn unter Potter und Weasley als würde er nichts weiter bedeuten, als hätten sie in den letzten Wochen nichts zusammen erlebt, als wäre nichts anders. Als wäre alles so geblieben wie es war!

Aber er war anders geworden.

Und er wusste nicht, was er tun sollte. Wohin er sollte.

Es war ein Gefühl, was er verabscheute. Er fühlte sich rausgerissen. Er fühlte sich so verloren, dass er fast das Bedürfnis bekam, sich wieder zu betrinken.

Zu trinken, um zu vergessen, dass seine Mutter ihn verließ, dass sie sich nicht um ihn scherte. Dass er keinen Vater mehr hatte. Dass er… nicht einmal Granger davon überzeugen konnte, dass er ein Freund für sie sein konnte.

Er war erwachsen. Er wusste das.

Aber er kam sich manchmal nicht so vor. Manchmal war er ein Junge. Ein Junge, der keinen Vater mehr hatte. Ein Junge, der sich nie wie ein Kind verhalten hatte, so dass seine Mutter nun guten Gewissens fliehen konnte.

Denn Draco glaubte, dass war es, was sie tat. Und endlich tun konnte, vermutete er bitter.

Er glaubte auch nicht, dass sie ihre Worte wirklich ernst meinte.

Was sollte er bitteschön in Frankreich?

Sie hatte die Worte aus Höflichkeit geschrieben. Sie wollte ihn nicht bei sich haben.

Niemand wollte ihn haben.

Und bald war er nicht einmal mehr in Hogwarts willkommen.

Bald war er allein.

Kapitel 30

Es war das erste Mal seit einer langen Zeit, dass sein Zauberstab als erstes summte. Er schlug die Augen auf, aber er war nicht so müde, wie er erwartet hatte.

Es konnte daran liegen, dass er sich seit einer Weile nicht mehr in völlige Besinnungslosigkeit trank. Obwohl er seit gestern ziemlich wütend auf sie war!

„Draco!", knurrte Blaise neben ihm, und endlich setzte sich Draco mit einem Ruck auf und berührte den Zauberstab, der sofort verstummte. Er schwang die Beine probehalber aus dem Bett, aber er würde tatsächlich aufstehen.

Er war fast ein wenig verblüfft. Noch schliefen alle anderen. Das bedeutete, er hatte das Badezimmer für sich alleine. Er griff sich eine frische Uniform aus seinem Schrank und warf sich ein Handtuch über die Schulter, als er runter ging.

Im Gemeinschaftsraum hockten bereits Erstklässler mit Koboldsteinen vor dem Feuer und warfen ihm scheele Blicke zu, als er durch den Raum marschierte. Er nickte den Kindern lediglich zu. Um zu sprechen, war er definitiv noch zu müde. Egal, wie nüchtern er sein mochte.

Seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt.

Zwar überwiegend mit ihr und ihrer unmöglichen Art. Dann natürlich mit dem endlosen Hass auf Potter. Sollte sie doch zu Potter rennen, wenn sie solche Angst hatte, Potter könne sie entdecken, wie sie mit ihm, Draco, am See stand und sich unterhielt, Merlin noch mal.

Sie erzählte ihrer Mutter von ihm! Das hieß doch irgendetwas, oder nicht? Er war wütend, obwohl alles gut ausgegangen war. Er hatte sein Gold wieder. Fast. Einige tausend Galleonen hatten die Niffler erfolgreich versteckt. Aber es kümmerte ihn kaum.

Er ging in die angrenzenden Waschräume, und alles war noch unbenutzt, nicht dampfverhangen, und er musste sich nicht den Aufwand machen, extra ins Badezimmer der Vertrauensschüler zu gehen, um sich zu fertigzumachen.

Er war tatsächlich positiv überrascht.

Heute hatte er sogar viel Zeit mit sich selber zugebracht, den Kragen seines Hemdes gestärkt, die brandneue Schulsprechernadel in voller Langeweile über das schiere Maß an Zeit, was er noch hatte, poliert, und seine Haare auf zwei verschiedene Arten gestylt, hatte aber beschlossen, sie doch locker im Seitenscheitel fallen zu lassen. Es stand ihm am besten. Fast hätte er seinem Spiegelbild zugezwinkert.

Er hatte seinen Duft lange nicht mehr benutzt, aber heute machte er sich die Mühe.

Und nach fast vierzig Minuten kam er frisch wie aus dem Ei gepellt aus den Waschräumen. Er öffnete die Tür zum Gemeinschaftsraum, und verschlafen hob Pansy den Blick.

„Dra…draco?", murmelte sie völlig überfordert bei seinem Anblick. „Hast du gar nicht geschlafen? Hmm… du riechst…?!" Sie starrte ihn an. „Du riechst gut!", entfuhr es ihr verdattert. Draco schenkte ihr ein waches Lächeln.

„Der frühe Doxy findet das Gold, Pansy", erläuterte er ihr, und sie starrte ihn immer noch überfordert an.

„Was?", fragte sie tatsächlich verwirrt, aber er winkte ihr zum Abschied.

„Ich sehe dich unten", erklärte er knapp. Pansy gaffte ihm hinterher, dass er fast gelacht hätte. Er wandte sich an den nun vollen Gemeinschaftsraum voller Erstklässler.

„So", sagte er laut über die Köpfe hinweg. „Ich soll euch runter bringen, oder?", erkundigte er sich, und die Erstklässler starrten ihn an.

„Seit wann?", fragte ein Junge verwirrt.

„Dann ist jetzt das erste Mal, in Zweierreihen aufstellen!" Es machte ihm Spaß, die Kleinen zu kommandieren. Wahrscheinlich waren sie einfach zu verblüfft und leisteten schweigend Folge, wie um zu sehen, was jetzt passierte.

Sie schritten gesammelt aus dem Portraitloch, und Draco gefiel es, dass ihm hörige Schüler folgten. Das Schloss lag noch leer, aber er wusste, sieben Uhr war eine normale Zeit, unten zu erscheinen. Das Frühstück begann.

Die Schüler sahen sich alle seltsam verwirrt im Schloss um, als hätten sie es um sieben Uhr noch nie erlebt. Er wusste, der Slytheringemeinschaftsraum – unter seiner Führung – erschien eigentlich nie irgendwo, wenn nicht gerade kurz vor Schluss.

Als sie die Halle betraten, saßen bereits vereinzelte Schüler an den Tischen. Er schritt mit zügigen Schritten voran zum Slytherintisch.

„Mr Malfoy, eine angenehme Überraschung", vernahm er Dumbledores Stimme vom Lehrertisch. Er hob den Blick. Die Lehrer betrachteten ihn teilweise argwöhnisch.

„Danke, Professor", erwiderte er, heute tatsächlich gewillt, höflich zu sein. Er bedeutete den Schülern sich zu setzen. Er wandte den Kopf, als weitere Schüler in der Eingangshalle erschienen. Granger kam mit den Erstklässlern aus Gryffindor. Draco blieb abwartend stehen, bis die Gruppe den anderen vordersten Tisch vor dem Lehrertisch erreicht hatte. Grangers Blick ruhte ungläubig auf seiner Gestalt.

Und er machte sich den Aufwand, schloss den Abstand zu ihr und überragte sie um einen weiten Kopf. Er sah auf sie hinab. Sie sah ihn ähnlich verwirrt an wie Pansy ihn angesehen hatte.

„Ich weiß, du würdest lieber geheime Symbole und versteckte Nachrichten ausmachen, damit wir uns sehen können, Granger, aber keine Sorge. Potty und das Wiesel sind nicht in Sicht", begrüßte er sie eisig.

„Du bist ein Idiot", informierte sie ihn, und er sah, dass sie nicht so gut geschlafen zu haben schien, wie er es getan hatte. Ob es an ihm lag? Ob ihr so ein Streit genauso auf den Magen schlug, wie es ihn zornig machte? Er würde gerne fragen, aber er beherrschte sich.

„Ich könnte dich fragen, ob du mit mir am Slytherintisch setzen würdest. Wäre das nicht fair? Es ist einfach für Sankt Potter, mir einen Platz an seinem scheiß Tisch anzubieten. Den Löwen zum Fraß vorgeworfen, buchstäblich", ergänzte er, erfreut über seine Schlagfertigkeit, während sie gereizt den Mund verzog.

„Es ist kein Wettkampf", informierte sie ihn tatsächlich, auch wenn er nicht genau wusste, was es bedeuten sollte. Aber sie sprach gepresst weiter. „Es geht nicht darum, wer was für wen tut oder aufgibt", schloss sie böse.

„Und es ist genau das, Granger!", antwortete er schnell, als er begriffen hatte. Denn es war ein verdammter Wettkampf! „Und ich liege in Führung", trumpfte er auf. Sie blinzelte ungläubig.

„Du? Ist das dein Ernst?", zischte sie ungehalten, und er ruckte mit dem Kopf.

„Oh ja. Aber beweis mir einfach das Gegenteil", bemerkte er glatt, denn aus den Augenwinkeln betrachtete er die Türen zur Großen Halle. „Deine Helden kommen. Wie entscheidet sich die Prinzessin aus Gryffindor wohl?", murmelte er spöttisch. Sie wandte den Blick und erkannte die beiden Pantoffelhelden ebenfalls zur Tür hereinkommen.

„Wir reden später", fertigte sie ihn zornig ab.

„Und hier haben wir den Verlierer!", rief er ihr nach, so laut, dass die Ravenclaws am Tisch die Köpfe wandten. „Die Feigling-Medaille geht an – Hermine Granger! Applaus, meine Damen und Herren!", ergänzte er und erntete Potters ratlosen Blick, aber Draco wandte sich ab. Ja, es tat ihm nicht gut, nicht zu trinken. Er war viel zu wach und viel zu kampfbereit, so früh am Tag.

Das Frühstück verbrachte er eher ruhig, böse auf sich selbst, so früh so viel von seiner Gefühlswelt preisgegeben zu haben, obwohl es sie einen Scheißdreck interessierte. Er hoffte nur, er hatte sie vor Potter blamiert. Wenigstens das.

Missmutig hob er den Blick, als die Eulen über ihre Köpfe schwärmten. Noch immer hatte er Sorge, dass Krähen oder Fledermäuse durch die offenen Fenster kommen würden, aber es waren nur noch böse Nachwirkungen der letzten Zeit. Es kamen nur Eulen.

Aber ein Vogel stieß in seine Richtung in die Tiefe.

Und er erkannte ihn.

Er kam von Zuhause. Es war ein Greifvogel. Mit einem leisen Schrei ließ er Blatt Pergament vor ihm fallen. Dracos Herz beschleunigte sich. Er bekam nicht gerne Post von Zuhause.

Denn es war niemand Zuhause. Das musste bedeuten, seine Mutter war zurück.

Mit fahrigen Fingern öffnete er den Brief, während Pansy missmutig einen Brief ihrer eigenen Mutter las, in dem ihre Mutter ihr mal wieder die Schuld an allem Übel gab. Aber Pansy ertrug es mit der Gleichgültigkeit einer Slytherin. Draco war da anders.

Entschieden anders.

Draco,

ich wollte dich darüber informieren, dass ich das Haus verkauft habe.

Bitte, lass dich beurlauben, komme am Wochenende, damit du deine Sachen packen kannst.

Ich habe in Sussex eine neue Bekanntschaft gemacht und bereits ein Angebot für ein Landhaus in Frankreich abgegeben. Frederic wohnt in Marseille, und es ist die beste Entscheidung für mich.

Du kannst mit mir kommen, wenn du deine Ausbildung in Hogwarts beendet hast.

Marseille ist wunderschön!

Ich habe mir gedacht, dass Malfoy Manor zu viele schlechte Erinnerungen für uns hält.

Ich hoffe, du verstehst mein Handeln. Außerdem war unsere Zukunft ungewiss, wussten wir doch nicht, wie es um das Vermögen stand.

Ich wollte es dir schon eher erzählen, aber ich wusste nicht, wie.

Am besten kommst du Samstag in der Frühe, denn am Nachmittag werde ich abreisen.

Solltest du dich noch nicht entscheiden können, können deine Sachen in der Winkelgasse bei ‚Wendel's & Brook' untergebracht werden, bis du dich für einen Wohnsitz entschieden hast.

In Liebe,

Narzissa'

„Was ist los?", wollte Pansy schließlich wissen, als sie ihren Brief ungerührt neben ihren Teller geworfen hatte und las über seine Schulter mit. „Oh", entfuhr es ihr verblüfft. „Sie hat es verkauft? Damit hätte ich niemals gerechnet!", flüsterte Pansy und hatte es schon Blaise erzählt, als er fragend den Kopf zu ihnen geneigt hatte, ehe Draco ihr den Mund hätte verbieten können. Gregory neben ihm sah ihn knapp an.

„Tut mir leid", sagte er ruhig. Draco ruckte mit dem Kopf, denn er konnte nicht sprechen.

Neben der offensichtlichen Frage in seinem Kopf, ob seine Mutter das überhaupt durfte, schwebte der dumpfe Schmerz, dass er sein Haus verlor, all die Erinnerungen, die seine Mutter vielleicht verabscheute, die ihm aber heilig gewesen waren!

Aber er wusste, sie war die Eigentümerin von Malfoy Manor. Er kam erst in zweiter Folge. Und wenn sie bereits einen Käufer gefunden hatte, wenn bereits die Verträge unterschrieben waren und er in Windeseile seine Sachen fortschaffen sollte, dann glaubte er nicht, dass es noch viel zu ändern gab.

Und er ignorierte den Namen Frederic so gut er eben konnte.

Denn… alles, was er denke konnte, war, dass seine Mutter seinen Vater betrog.

Und es tat weh. Höllisch weh.

„Sie können bei mir wohnen. Vorerst", schlug Snape mit ernster Miene vor, aber Draco schüttelte den Kopf.

„Ich denke nicht, dass das nötig ist", erklärte er, kurz angebunden, wartete auf Dumbledores Entscheidung.

„Draco, natürlich können Sie am Wochenende nach Wiltshire reisen, wenn Sie dort Ihre Sache packen müssen. Wir mir scheint, hat Ihre Mutter etwas überstürzt gehandelt", vermutete Dumbledore nachdenklich. Ja, das war Draco bewusst. Aber er konnte daran nichts ändern.

„Danke", rang er sich die Worte, der Höflichkeit halber, ab.

„Sagen Sie, haben Sie vor, nach Frankreich zu gehen? Nach Hogwarts?", erkundigte sich Dumbledore, dem Snape wohl die näheren Umstände bereits erklärt hatte, denn Draco hatte zuerst Snape aufgesucht gehabt. Draco musste nicht überlegen, ehe er den Kopf schüttelte.

„Um mit dem neuen Freund meiner Mutter in einem Haus zu wohnen? Ich denke nicht, Sir", erwiderte er knapp, voller Bitterkeit.

„Sie sollten nicht alleine gehen", bemerkte Dumbledore schließlich. „Vielleicht könnte Mr Goyle Sie begleiten? Oder Mr Zabini?", schlug er vor.

„Ich… habe nicht besonders viele Dinge", erklärte Draco, etwas zögerlich. Es ging Dumbledore nichts an. Er war niemand, der viele Dinge in seinem Leben angehäuft hatte. Er war ein Minimalist, der mit wenigen Dingen viel Unordnung anrichten konnte. „Außerdem ist das Bett in meinem Zimmer nicht zu entfernen. Genauso wenig der Stammbaum an der Wand. Es ist mir ein Rätsel, wer das Haus hatte kaufen wollen", schloss er grimmig, ohne die Worte an jemanden bestimmten zu richten.

„Gut, ich meinte auch eher, dass Ihnen etwas Gesellschaft bei einem solchen Unterfangen nicht schaden könnte", erklärte Dumbledore nickend. „Severus, Sie könnten ihn auch begleiten", schlug er schließlich vor. Draco schüttelte den Kopf.

„Es wird nicht nötig sein", wiederholte er wieder einmal. Dann seufzte Dumbledore abschließend auf.

„In Ordnung, Draco", sagte er schlicht. „Dann dürfen Sie Samstag abreisen. „Melden Sie sich, wenn… Sie Hilfe brauchen", ergänzte er bedächtig mit einem vielsagenden Blick. Draco ruckte mit dem Kopf und verließ das Büro. Er nahm an, gleich würden Snape und Dumbledore darüber diskutieren, ob seine Mutter verrückt geworden war.

Er hatte geglaubt, im Haus seiner Ahnen zu sterben. Die Tradition aufrecht zu erhalten. Und jetzt wurde es ihm genommen. Gerade erst hatte er überhaupt angefangen, aufzuarbeiten, dass Lucius umgebracht worden war. Und seine Mutter hatte verdammt noch mal nichts Besseres zu tun, als den nächstbesten Franzosen aufzureißen und sein Erbe zu verschachern?!

Er verspürte eine solche Wut auf sie, dass er die Hände zu Fäusten ballen musste!

Das Haus seiner Väter! Er war dort aufgewachsen! Wo sollte er wohnen? Was sollte er bitteschön tun?

Seine Zukunft war ohnehin mehr als ungewiss und nun hatte er nach Hogwarts nicht einmal mehr ein Zuhause, was er sein Eigen nennen konnte!

Es war, als hätte er seinen Vater erneut verloren. Jede letzte Erinnerung noch einmal verloren. Und er hatte nichts! Seine Mutter wechselte praktisch den verfluchten Kontinent, so kam es ihm vor!

Und Granger…? Granger stellte ihn unter Potter und Weasley als würde er nichts weiter bedeuten, als hätten sie in den letzten Wochen nichts zusammen erlebt, als wäre nichts anders. Als wäre alles so geblieben wie es war!

Aber er war anders geworden.

Und er wusste nicht, was er tun sollte. Wohin er sollte.

Es war ein Gefühl, was er verabscheute. Er fühlte sich rausgerissen. Er fühlte sich so verloren, dass er fast das Bedürfnis bekam, sich wieder zu betrinken.

Zu trinken, um zu vergessen, dass seine Mutter ihn verließ, dass sie sich nicht um ihn scherte. Dass er keinen Vater mehr hatte. Dass er… nicht einmal Granger davon überzeugen konnte, dass er ein Freund für sie sein konnte.

Er war erwachsen. Er wusste das.

Aber er kam sich manchmal nicht so vor. Manchmal war er ein Junge. Ein Junge, der keinen Vater mehr hatte. Ein Junge, der sich nie wie ein Kind verhalten hatte, so dass seine Mutter nun guten Gewissens fliehen konnte.

Denn Draco glaubte, dass war es, was sie tat. Und endlich tun konnte, vermutete er bitter.

Er glaubte auch nicht, dass sie ihre Worte wirklich ernst meinte.

Was sollte er bitteschön in Frankreich?

Sie hatte die Worte aus Höflichkeit geschrieben. Sie wollte ihn nicht bei sich haben.

Niemand wollte ihn haben.

Und bald war er nicht einmal mehr in Hogwarts willkommen.

Bald war er allein.