Kapitel 31
„Also?"
Es war Kingston, der sie aus ihren tristen Gedanken riss. Tatsächlich hatten sie und Malfoy es geschafft, einfach gar nicht mehr miteinander zu reden. Ihre Augen fielen verständnislos auf den Jungen vor sich. Kingston hatte nicht mehr versucht, sie zu überreden, mit ihm auf den Ball zu gehen. – Den sie gerade eigentlich vorbereiten sollten.
Aber Hermine blickte immer wieder zur Tür des Klassenzimmers. Aber natürlich kam er auch diese Woche nicht. Arschloch. Worauf wartete sie eigentlich? Worauf wartete er?
Endlich sprach sie. „Was?", fuhr sie Kingston an, so dass dieser überrascht blinzelte. Pansy gähnte verhalten in der ersten Reihe.
„Planen wir heute noch irgendetwas, oder nicht?", fragte er direkt, und Hermine blickte hinab auf das Protokoll, was sie verfasst hatte, was diese Stunde abgearbeitet werden sollte. Aber es machte kaum Sinn, den Blick zu senken, denn das Papier war leer. Nein, nicht wirklich. Sie hatte zornige Kringel in die Ecken gemalt. Dieses Mal kam Pansy auch nicht zu spät. Dieses Mal hatte er kein Candle-Light-Dinner für sie vorbereitet, zu dem sie unter falschen Brandstifterattentaten gelockt werden sollte.
Sie spürte Traurigkeit in ihren Mundwinkeln. Was lief falsch?
„Hermine?" Auch Ron streckte sich auf seinem Stuhl. Sie sah ihn an. „Du hattest nicht gedacht, er würde kommen und die Stunde halten, oder?", fragte er beinahe behutsam. Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, habe ich nicht, Ron. Wieso sollte ich so etwas Dummes denken, Merlin noch mal?", erwiderte sie sofort. Seine Augenbraue hob sich argwöhnisch. Sie steckte sich zornig eine Strähne hinter ihr Ohr. Sie stand vorne und sagte nichts. Sie trug ihre Uniform, sie sah aus wie immer, aber sie hatte bald keine Lust mehr darauf, dass alles lief wie immer. Dass sie rechtschaffen und gerecht und zuverlässig war – und er? Er einfach nicht.
„Wir müssen über den Ball reden", mischte eine Vertrauensschülerin ein, die Hermine noch nie leiden konnte und deren Name ihr immer wieder entfiel. Cassie? Camilla? Eins davon jedenfalls.
Hermine hatte keine Lust, etwas zu besprechen, was um diesen blöden Ball ging. Er war so unwichtig geworden. Und sie wusste nicht, ob sie einfach ihre Unterlagen auf den Tisch schmeißen sollte und gehen konnte. Dann wäre sie genauso abwesend wie der andere Schulsprecher, der für sie nur ein Mythos war. Dabei war sie überrascht gewesen, wie wach und nüchtern er die letzten Tag durch das Schloss gewandert war, wann immer sie ihn zufällig entdeckt hatte.
„Hallo?", wiederholte das Mädchen gereizt.
„Was gibt es wirklich noch zu besprechen, Camilla?", fragte Hermine, die sich nun für einen der beiden Namen entschieden hatte, und damit wohl richtig lag. Camilla wirkte überrumpelt. „Ich meine, wir haben das Motto, die Farben, wissen bereits, dass die Band zu teuer ist und-"
„-Orange wird nicht die Farbe sein!", mischte sich Camilla lautstark ein, und Hermine schloss die Augen. Ron hatte sich darum gekümmert, und Hermine war es herzlich egal. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst?", ergänzte Camilla.
Es brach ein Streit los, bis Hermine hilfesuchend in die Runde blickte, ehe ihr Blick an Ron hängen blieb. Kaum merklich schüttelte Ron entnervt den Kopf, aber Hermine spürte, wie ihr Blick verzweifelter wurde. Ron stöhnte gereizt auf.
„Schön!", rief er ungeduldig. „Haltet alle mal die Fresse!", knurrte er wütend. „Wisst ihr eigentlich, wie wenig mich dieser Unsinn interessiert?", fuhr er den versammelten Raum an. „Ob die Farbe Orange oder Todesser-Grau ist, ist mir so was von egal! Ob wir Schwein, Rind, Kröter oder Hähnchen essen – solange es keinen Vegetarier-Quatsch geben wird!", wandte er sich an Luna, die protestieren wollte. „Und keiner von uns braucht ein dämliches Motto! Wie wäre es mit: ‚Wir haben den Krieg überlebt?' Und ich sage noch mal, ein Maskenball wird es auch nicht werden! Wofür?", brüllte er mittlerweile. „Merlin, wir sind erwachsen. Ich kämpfe doch nicht monatelang gegen Voldemort, um mich jetzt mit so einem Quatsch wie Ball-Planung auseinanderzusetzen, wenn es nur darum geht, dass irgendwer in Ecken stehen und knutschen kann!"
Der Raum war still geworden. „Und Hermine", wandte er sich jetzt mit eisiger Ungeduld an sie, und vielleicht hätte sie ihn wirklich nicht mit ihrem Blick um Hilfe bitten sollen, denn Ron schien gerade erst warm zu werden. Er hatte recht mit vielem, wenn ihr auch seine Ausdrucksweise nicht zusagte, aber sie wollte gar nicht hören, was er ihr zu sagen hatte. „Ich bin schon langsam, was diesen ganzen Beziehungs-Kram angeht", fuhr er sie mit offenen Armen und ungelenken Worten an, „aber du bist einfach nur…-" Immerhin schienen ihm die Worte ausgegangen zu sein, stellte sie mit angehaltenem Atem fest. Gott sei Dank.
Aber dann zuckte er die Achseln.
„-feige", schloss er fast feierlich. Ihr Mund öffnete sich entrüstet. „Und weißt du was? Ich werde dieses Treffen nicht wieder für dich halten. Du bist Schulsprecherin. Malfoy ist Schulsprecher. Es ist euer Job. Was ihr privat veranstaltet ist mir herzlich egal!", informierte er sie abwehrend, während ihr eine heiße Röte in die Wangen kroch. „Ich bin nur Vertrauensschüler und dankbar dafür. Ihr seid erwachsen", ergänzte er auffordernd in die Runde, während er seine Tasche über die Schulter schlang.
„Es ist nicht so einfach, wie du denkst!", sprach ihr Mund zornig. Ron sah sie an. „Wir sind 28 Leute hier, mit unterschiedlichen Meinungen!", fuhr sie hastig fort. Aber ihre Stimme klang nicht mehr ansatzweise autoritär oder überzeugend.
„Na und? Du bist jede Woche in den Slytheringemeinschaftsraum marschiert und jetzt ist Malfoy jeden Morgen um sieben Uhr pünktlich am Tisch. Merlin, wer hätte damit gerechnet, Hermine?", lachte er auf. „Da wirst du 28 Idioten hier doch wohl von einer lächerlichen Farbe überzeugen können!"
„Das war nicht mein Werk!", entfuhr es ihr ungläubig. „Malfoy ist… - er ist…" Sie brach ab. Es gehörte hier einfach nicht hin, auch wenn die anderen mittlerweile gespannt zuhörten, wenn auch etwas beleidigt, weil sie gerade als Idioten tituliert worden waren. „Und es geht nicht um irgendwelche Farben, Ron!", presste sie durch zusammen gebissene Zähne. Ron hatte seinen Weg zur Tür beendet.
„Mir egal, um was es geht, Hermine", sagte er achselzuckend. „Ich kann dem Doxy auch nur das Nest bauen – fliegen muss er selber", schloss er überheblich. Hermines Stirn runzelte sich.
„So geht das Sprichwort nicht", erwiderte sie ein wenig abgelenkt, aber Ron hatte die Tür geöffnet. „Du bist ein Idiot!", rief sie jetzt verzweifelt aus. Er hielt inne, mit einem überraschten Ausdruck auf den markanten Weasley-Zügen. „Harry und du…!", begann sie, wusste aber wieder einmal nicht weiter, während ihr Herz schneller schlug.
„Harry und ich?", wiederholte er gespannt. „Harry und ich haben noch nie auch nur ein schlechtes Wort darüber verloren, oder?" Er sah sie an. Wartete. Lange, ehe er weiter sprach. „Über die Vertrauensschülertreffen", setzte er mit einem so eindeutigen Blick hinzu, dass sie die Augen verdrehte. „Hermine, manche Dinge finden nur in deinem Kopf statt", schien er sie maßregeln zu wollen, während er seufzend die Tür hinter sich schloss.
Und sie war allein. Allein mit 27 Vertrauensschülern, die sie anstarrten. Pansy mit einem besonders angewiderten Ausdruck auf den Zügen.
„Seht mich bloß nicht so an!", zischte Hermine mit knallroten Wangen. „Die Farbe ist blau, es gibt Hähnchen, Beilagen und Salate. Keine Band!", fuhr sie ungerührt fort, als bereits wieder Proteste aufkommen wollten. „Keine Live-Musik", wiederholte sie strenger, „es beginnt um sieben, in zwei Wochen am Samstag, nach den Prüfungen. Camilla, Jane und Belle, ihr kümmert euch um die Tischdeko, Katie, George, Grace und die Hufflepuffs kümmern sich um den Rest der Deko in der Halle. Fragt Flitwick, er wird euch helfen", ergänzte sie. „Die Jungen aus Slytherin werden sich mit dem Caterer in Verbindung setzen. Alles, was unter 250 Galleonen liegt, ist perfekt."
„Pro Person?", wollte Kingston hoffnungsvoll wissen, aber Hermine schoss ihm einen bösen Blick zu.
„Wenn ihr extra Wünsche habt, dann bekämpft euer natürliches, verschwenderisches Slytherin-Verhalten, und denkt an die Gemeinschaft. 250 Galleonen für alle", schloss sie böse. „Das ist zu schaffen, wenn ihr nicht gerade im ‚Pure Garden's' bestellen wollt!"
Die Slytherins wirkten grimmiger als zuvor. „Oh, und sollte es gegen eure Erziehung gehen, könnt ihr euch gerne bei Malfoy beschweren", ergänzte sie mit einem falschen Lächeln. „Ich bin sicher, er hat ein offenes Ohr", fuhr sie lächelnd fort.
„Kommen wir zur Tagesordnung!", rief sie über das Gemurmel hinweg und klatschte energisch in die Hände. Ron musste ihr ganz bestimmt nicht sagen, was sie zu tun hatte.
Und sie ignorierte seine seltsame Anspielung.
Sie ignorierte es einfach….
Sie hatte gelernt, ohne sich konzentrieren zu können. Zwei Stunden hatte sie versucht, sich den Verwandlungsaufsatz in Gedächtnis zu prügeln, denn sie war sich sicher, etwas in der Art würde drankommen.
Aber Ron, Ginny und Harry waren nicht da. Und sie brauchte Ablenkung, ehe sie alle ihre Prinzipien vergaß, und etwas Dummes tat. Wütend zu sein, war nichts, was sie gut konnte. Und zwar war sie auf Ron auch wütend, aber es würde bei Weitem nicht so erbärmlich sein, wenn sie als erste wieder mit Ron sprach, als auch nur darüber nachzudenken, wie schwach es wäre, wenn sie sich bei Malfoy entschuldigte – für was auch immer! – wenn er doch im Unrecht war.
Sie hatte sich ruckartig erhoben und ihre Sachen zusammen gepackt. Sie hatte keine Lust auf Quidditch, aber nicht mal das konnte sie davon abhalten, ihre Freunde zu sehen.
Nur zur Ablenkung.
Alle schienen auf dem Gelände unterwegs zu sein. Sie fragte sich, wann die anderen anfangen würden, zu lernen, denn in zwei Wochen wäre alles vorbei. Sie kam sich so schlecht vorbereitet wie selten vor, aber sie konnte sich nicht wirklich daran stören. Nach Rons kleiner Rede heute konnte sie sich selber schwer vorstellen, dass sie nach dem Krieg einfach mit der Schule weitergemacht hatten.
Sie trat aus dem Schloss in die Sommerhitze, die wohl alle Schüler nach draußen gelockt hatte. Sei es an den See oder zum Faullenzen auf die Grünflächen. Sie lief zum Quidditchfeld hinunter und erkannte, dass einige Gryffindors auf der Tribüne saßen. Es war heute zwar kein Training für Gryffindor, aber dennoch schienen die meisten vom Team begeistert mitzufliegen.
Sie erkannte Ginnys rote Haare in der Luft wehen, während Hermine zu den Tribünen ging, um sich ins Gras unten gegen einen der Pfeiler zu lehnen.
Sie hatte sich aus Gewohnheit ein Buch mitgenommen, hatte aber nicht mal Lust, hineinzublicken. Ihre Finger zupften rastlos das grüne Gras aus der Erde, während sie ihren Freunden zusah, die sich scheinbar in der Luft herrlich ablenken konnten.
„Hey!", rief Ginny überrascht aus der Luft zu ihr hinunter. „Welch seltener Gast!" Auch Harry wandte den Blick.
„Hast du dich verlaufen?", erkundigte sich Harry lautstark, so dass auch die anderen aufmerksam wurden, aber Harry grinste, und Hermine schaffte es nicht, böse zurückzugucken.
„Ja", bestätigte Hermine also mit einem Lächeln. Harry trainierte mit Ginny noch ein paar Spielzüge, ehe sie im Sturzflug nach unten sank und von Susan abgelöst wurde. Sie lief auf Hermine zu und sank neben ihr ins Gras.
„Na?", begrüßte sie Hermine außer Atem. „Sind Trolle in der Bibliothek, oder warum bist du hier?", wollte Ginny schnippisch von ihr wissen, und Hermine schüttelte lächelnd den Kopf.
„Nein, ich konnte nicht mehr lernen", sagte sie schlicht.
„Verstehe ich. Kann ich nie", bestätigte Ginny lachend.
„Hat Ron erzählt, dass er heute beim Treffen ausgerastet ist?", erkundigte sich Hermine fast beiläufig, und Ginnys Mund öffnete sich empört.
„Was? Wirklich?", wollte sie gespannt wissen, und Hermine nickte vielsagend.
„Ja, er hat uns alle als Idioten bezeichnet", merkte Hermine mit gespielter Entrüstung an.
„Und hat es was gebracht?", fragte Ginny mit einem schiefen Grinsen, und Hermine ruckte mit dem Kopf.
„Ja, ich habe anschließend alle Aufgaben delegiert, und der blöde Ball kann kommen." Sie starrte auf die rausgezupften Grashalme vor sich.
„Und?", fragte Ginny aufmerksam, während sie die rote Mähne in einen dicken Zopf fasste. „Hast du einen Partner für diesen ‚blöden' Ball?", fuhr sie lächelnd fort. Hermine zuckte die Achseln.
„Nein", sagte sie entschieden. Ginnys Hände sanken.
„Nein? Von zwei Slytherins will auf einmal keiner mehr mit dir gehen?", entkam es Ginnys Lippen verblüfft.
„Ha ha, als wäre ich mit Kingston jemals gegangen!", wiegelte Hermine das Problem herunter, aber Ginny wirkte nicht zufrieden.
„Ok", sagte sie allerdings nur und schien abzuwarten. „Hermine", fuhr sie unangenehm berührt fort, „ich will dich damit nicht ärgern oder so, aber… ich dachte, du magst Malfoy?" Ginny wirkte offen verwirrt. Und Hermines Wangen wurden wieder unangenehm warm. „Du willst darüber nicht reden?"
Hermine konnte darüber nicht reden. Es war ihr unvorstellbar, wie Ginny es einfach ansprechen konnte. Ginny glaubte, sie mochte Malfoy so sehr, dass sie auf den Ball gehen würden? Hatte Ginny dafür überhaupt irgendein Indiz? Sie saß hier nicht mit Malfoy auf der Wiese, hielt Händchen oder machte überhaupt irgendetwas mit ihm zusammen.
Nein, denn er wollte sich lieber streiten, sich darüber ärgern, dass sie nicht ihre Freunde im Stich ließ und nur Augen für ihn hatte? War es nicht das, was er gesagt hatte? Er hatte sie unter Vorwänden aus dem letzten Vertrauensschülertreffen geschleust, anstatt sie einfach offen um ein Date zu bitten! Er hielt es für einen blöden Wettkampf? Er war ein Kontroll-Freak, und sie würde sich ihm nicht unterwerfen.
„Es gibt nichts zu reden", erwiderte Hermine kühler. Ginnys Ausdruck war für sie nicht mehr zu deuten.
„Oh, ich dachte, nach deiner Entführung, deiner Amnesie – dieser ganzen furchtbaren Zeit – wäre es offensichtlich", sprach Ginny die Worte langsam aus, ohne Hermine dabei anzusehen. „Selbst der Tagesprophet hat geschrieben, er hätte alles für dich aufgegeben."
„Wirklich?", wollte Hermine eisig wissen. „Ich kann nicht erkennen, dass er irgendetwas aufgegeben hat, Ginny. Er hat sein Gold, nichts ist passiert."
„Na ja", widersprach Ginny zögerlich, „sein Vater ist umgebracht worden und er keine Erinnerung mehr an ihn, denn-"
„-oh Merlin, ok! Fein, er hat sein blödes Denkarium verloren!" Und Hermine hörte es selbst. Sie hörte, wie beleidigt sie einfach war. Es war so trotzig von ihr, und Ginny würde es merken.
„Aber für dich hat er-"
„-Ginny!", fuhr Hermine sie zornig an. „Es ist nicht so, ok?", schloss sie gepresst.
„Oh?" Ginny sah sie an. „Wie ist es nicht?", fragte sie jetzt ungeduldig nach.
„Ich denke, du kannst sehen, wie es ist", entgegnete Hermine mit offensichtlicher Abneigung.
„Aber was ist denn das Problem?" Ginny wirkte vollkommen entgeistert. Sollte es Hermine an den Himmel fluchen? Wusste Ginny nicht, was das verdammte Problem war? Zurzeit war Ginny doch feste Freundin des Problems, oder nicht? Hermine konnte es nicht! Sie konnte nicht einfach so handeln, wie sie vielleicht wollte. Als ob Ginny es als leichte Tatsache abtun würde, würde sie hier mit Malfoy sitzen. Als ob Ginny sich dann noch neben sie setzen würde! Als ob überhaupt noch irgendjemand-
Hermines verständnisloser Blick löste sich vom ahnungslosen Gesicht ihrer besten Freundin.
Sie schämte sich.
Sie schämte sich dafür, dass sie Malfoy mochte. Sie schämte sich so sehr, dass sie sich nicht erlaubte, auf seine Forderungen einzugehen. Und sie schämte sich, dass die anderen es wussten, dass Ron es sogar vor allen Vertrauensschülern ansprach. Dass es so offensichtlich war, dass Ginny annahm, sie ging mit ihm zum Ball. Was sie nicht tat. Nicht nach den aktuellen Geschehnissen.
Warum schämte sie sich so sehr?
Weil er nicht Harry war? Oder Ron? Kein Gryffindor?
Weil er sie immer nur beleidigt hatte? Weil es seltsam co-abhängig wirkte, wenn sie plötzlich für ihren Feind Gefühle hatte? Weil sie es ihm nicht so leicht machen wollte?
Weil er ihr kein Stück entgegen kam? Ihr Blick wanderte zu der Stelle, an der sie das letzte Mal draußen gesprochen hatten. Sie erkannte den Baum aus der Ferne, und ihr Herz wurde schwer.
Wieso war es so schwer?
Aber… wenn sie es zulassen würde? Wenn sie zu ihm ging – wenn sie wieder einmal die erste wäre, die einen entscheidenden Schritt tat – hatte sie dann nicht verloren?
Wieso sollte er nicht einmal zu spüren bekommen, wie es war zwischen den Stühlen zu stehen?
War es nicht so? Seine Freunde wären toleranter, hatte er gesagt. Seine Freunde waren einfach dumm, beschloss sie bitter. Denn natürlich war sie für ihn eine ideale Wahl, denn sie war nicht eine dumme, kriminelle Slytherin.
„Das Problem ist", beantwortete Hermine endlich Ginnys Frage, den Blick nachdenklich und missmutig in die Ferne gerichtet, „dass es Draco Malfoy ist", beendete sie den Satz bitter.
„Ich habe damit kein Problem!", beteuerte Ginny, aber Hermine hörte, dass sie log, und sie wollte darauf nicht mehr weiter eingehen. Hatte Ginny nicht sogar geschworen, Malfoy umzubringen? „Hermine?" Ginny zwang sie nun, sie anzusehen. Unwillig hob Hermine den Blick.
„Du musst nichts beweisen", informierte sie Ginny wohl vorsichtshalber. „Wenn du ihn magst, dann muss er nicht das magische Verdienstkreuz um den Hals tragen." Hermine wandte den Blick stumm wieder ab, beobachtete die Flieger über dem Feld und fragte sich, wie es wäre. Er würde doch niemals etwas mit ihr und ihren Freunden unternehmen wollen. Wie könnte sie jemanden wirklich mögen, der ihre Freunde verabscheute?
Sie würde auch nichts mit Pansy oder Goyle machen wollen.
Sie waren zu verschieden.
„Ich glaube, das war genug frische Luft für mich", entschuldigte sich Hermine, während sie sich erhob.
„Hermine!", entfuhr es Ginny verblüfft.
„Ich muss weiter machen", wich Hermine Ginny aus und trat ihren Rückweg an. Hatte sie es sich so vorgestellt, wenn sie zu ihren Freunden ging? Dass sie Fragen darüber beantworten musste, wie es zurzeit um ihre Gefühlswelt stand? Bei Ginny mit Sicherheit.
Es tat ihr weh, zu gehen, ohne überhaupt mit Harry gesprochen zu haben, aber sie fühlte sich von Ginny in neue Engen gedrängt, mit denen sie nicht umgehen konnte. Nicht alleine. Nicht mit der Sicherheit im Rücken, dass Malfoy tatsächlich nichts mit ihren Freunden zu tun haben wollte.
„Hermine!", rief Ginny ihr lauter nach, aber Hermine ging bereits den Weg zum Schloss zurück.
Sie wünschte sich, dass er ebenfalls hier draußen rumlief, dass er ihr in die Arme laufen würde. Dass sie reden könnten. Aber natürlich passierte so etwas nie, wenn man es brauchte. Wo war er wohl? Was tat er gerade?
Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein. Es war egal, was er tat.
Er scherte sich auch nicht um sie. Sie musste lernen. Denn was half es alles? Sie könnte sich stundenlang den Kopf darüber zerbrechen, warum er nicht das war, was sie wollte. Aber wenn sie damit schlechte Prüfungen schreiben würde, hätte sie sich auch nicht geholfen.
Mit hängenden Schultern hatte sie das Schloss wieder erreicht und fühlte sich noch schlechter als vorher.
Fast kam es ihr vor wie ein anderes Leben, als sie in seinen Armen im Krankenflügel aufgewacht war.
Und sie ignorierte, dass er es gewesen war. Dass sie nur aus Angst um ihn, ihre Erinnerung wieder gefunden hatte. Denn das war ihm ja auch egal.
Ihre Unterlippe bebte gefährlich. Es wurde Zeit, dass sie sich wieder in der Bibliothek verschanzen ging. Dort, wo niemand war. Wo niemand sie finden würde. Denn niemand suchte sie.
