Kapitel 32
Sie wachte auf, ohne dass ihr Wecker sie erinnern musste, obwohl es Samstag war. Sie hatte sich einen umfassenden Plan fürs Wochenende zusammengelegt. Heute war ein Ausflug nach Hosgmeade geplant, aber ihr Ausflug würde lediglich in die Bibliothek führen. Zwei Tage volles Lernprogramm.
Ihre Mundwinkel sanken ein Stück.
Sie zog sich an, mit so wenig Elan, wie sie sich bereits gestern ausgezogen hatte. Sie wusste nicht, was es war, aber sie fühlte sich antriebsarm. Sie erinnerte sich an die Zeit, in der sie sich keine Gedanken über Beziehungen oder Gefühle hatte machen müssen, und sie hatte es doch auch überlebt! Damals war es auch gegangen!
Sie fühlte sich verraten von sich selbst.
Kopfschüttelnd hatte sie den noch schlaftrunkenen Gemeinschaftsraum eine halbe Stunde später verlassen. Die wenigsten erschienen wohl um halb acht beim Frühstück an einem Samstag, dachte sie mürrisch, aber sie hatte heute viel vor. Also war ein frühes Frühstück vor der Arbeit nur hilfreich.
Die Große Halle war eher leer, wie sie schon erwartet hatte.
Sie setzte sich an den leergefegten Gryffindortisch, ganz an den Rand. Es erschien ein polierter Teller vor ihr, ein Becher dampfender Earl Grey, während eine kleine Schale mit zwei Brötchen, daneben eine kleine Wahl an Konfitüre und Aufschnitt, mit einem Plopp auf dem Tisch materialisierten. Sie griff müde nach dem Glas mit frischem Orangensaft und trank ihn dankbar.
Sie schmierte sich ein Brötchen mit Marmelade und biss lustlos hinein.
Merlin, sie verhielt sich wie eines dieser Mädchen, die sie nie hatte leiden können.
Liebeskummer. Sie fühlte sich stark an Lavender erinnert. Und das war kein guter Gedanke, dachte sie mürrisch, während sie das Gesicht verzog.
„-dann lassen Sie mich wissen, was Sie in Erfahrung bringen können!", hörte sie Snapes Stimme, wie immer energisch, wie immer gereizt.
„Sicher", antwortete Malfoy gepresst. Sie wandte überrascht den Blick. Selbst Malfoy war um halb acht wach und-
Ihre Gedanken rissen ab, denn er stand in der Halle, eine Tasche in der Hand, scheinbar bereit, zu gehen. Snape war zu Dumbledore an den Lehrertisch marschiert, in seinem gewohnten Stechschritt, während er vorne leise mit dem Schulleiter sprach. Hermines Blick fiel wiedrauf Draco und alles in ihr schrie danach, ihn zu fragen, wohin er ging! Aber sie blieb steif auf ihrem Platz sitzen, starrte ihn an wie eine Erscheinung, aber er würdigte sie mit keinem Blick, wartete auf Snape, und dieser kam nach endlosen Sekunden zurück.
„Ich bringe Sie zum Tor", erklärte dieser herrisch und führte Draco wieder aus der Halle.
Zum Tor? Wo ging er hin? Was war passiert? War etwas passiert? Wohl nichts Gravierendes, sonst wüsste die gesamte Schule doch davon! Ihr Blick hob sich zum Lehrertisch, wo Dumbledore im Gespräch mit McGonagall vertieft war.
Was war passiert? Wo waren die nichtsnutzigen anderen Slytherins?
Entweder Hermine fragte Dumbledore, was ziemlich verzweifelt wäre, oder sie würde es sein lassen. Sie würde aufessen und ihren Plan durchziehen. Malfoy würde schon nicht in Lebensgefahr schweben. Unmöglich. Dann würde Snape ihn nicht zum Tor birngen!
War etwas mit seiner Mutter passiert, fragte sie sich urplötzlich. Das wäre grauenhaft!
Sie ließ das angebissene Brötchen verärgert auf dem Teller zurück, bevor sie von der Bank stieg und die Halle eilig wieder verließ.
Sie war entnervt über sich selbst, denn mit Zielsicherheit steuerte sie die Keller an.
Irgendeiner dieser Idioten würde wach sein!
Gott, sie verhielt sich abscheulich, ging ihr auf. Wenn er nicht wollte, dass sie es wusste, dann sollte sie das hier jetzt gerade wirklich nicht tun.
Aber es war scheinbar schon zu spät, denn entschlossen hatte sie den Zauberstab gezogen.
„Krötenblut", sagte sie angewidert das neueste Passwort, welches der Blutige Baron persönlich ausgewählt hatte, und dieser schwang fast selbstzufrieden zur Seite, um sie einzulassen.
Einige Erstklässler hingen in Schlafanzügen auf der Couch, lümmelten sich vor dem Kamin, aber Hermine sah nicht, wen sie suchte. Seufzend durchschritt sie das Zimmer, bis hin zu den Treppen. Wie oft sie schon hier gewesen war. Und plötzlich fühlte sie sich nicht mehr willkommen. Nicht, dass sie das jemals getan hätte, aber heute… fühlte sie, dass sie hier nichts mehr zu suchen hatte.
Sie blieb vor dem Mädchenschlafsaal stehen. Kein Geräusch drang aus dem Innern. Sie klopfte nicht einmal. Sie betrat den Schlafsaal der Siebtklässler, als gehöre ihr das Schloss. Ihr Herz klopfte schnell, als sie sich an Pansys Bett setzte, während alle noch tief und fest schliefen.
„Pansy", flüsterte Hermine leise, ohne sie zu berühren. Pansys schwarze Haare waren über ihrem Gesicht ausgebreitet, während sie mit offenem Mund laut atmete. „Pansy", wiederholte Hermine eindringlicher, und Pansys Lider zuckten im Schlaf. „Wach auf", ergänzte sie zischend. Pansy schlug die hellgrünen Augen auf und saß mit einem Ruck im Bett.
„Merlin, Granger!", fuhr sie Hermine an, als sie sie erkannt hatte. „Was soll das?", krächzte sie. „Was für ein Schock an einem Samstag!" Die anderen um sie herum wachten ebenfalls auf und schauten Hermine missmutig und schlecht gelaunt an. „Lass mich schlafen. Vertrauensschülertreffen war gestern", murmelte Pansy, ehe sie sich umdrehte.
„Pansy!", flüsterte Hermine, die Wangen leicht gerötet. Das Mädchen reagierte nicht. „Pansy!", wiederholte Hermine eindringlicher.
„Was?", nuschelte Pansy gereizt in ihre Kopfkissen.
„Wo ist Draco?"
Pansy setzte sich nach zwei Sekunden gereizt im Bett auf. Ihre Haare standen in alle Richtungen von ihrem Kopf ab, und das helle Grün ihrer Augen war zornig auf Hermine gerichtet.
„Hier nicht!", knurrte sie müde.
„Das weiß ich", erwiderte Hermine augenverdrehend.
„Du weißt, wo sein Schlafsaal ist!", beschwerte sich Pansy jetzt. „Du warst doch sonst nie schüchtern, Granger", unterstellte ihr Pansy mit einem eindeutigen Blick.
„Witzig", erwiderte Hermine trocken, und erinnerte sich daran, Pansy nackt gesehen zu haben. Sie schloss hastig die Augen und schüttelte sanft den Kopf. „Er ist gerade gegangen. Aus dem Schloss", ergänzte sie, denn Pansy gähnte herzhaft.
„Wenn er es dir nicht gesagt hat, schätze ich mal, geht es dich nichts an", murmelte sie, bereit, wieder einzuschlafen.
„Was soll das heißen? Du weißt, wo er ist? Ist etwas Schlimmes passiert?", entfuhr es Hermine fast ängstlich, und Pansy fiel wieder in ihre Kissen zurück.
„Ja, es ist schlimm", knurrte Pansy mit geschlossenen Augen. Hermine hätte sie am liebsten geschüttelte.
„Pansy, könnt ihr nicht draußen reden? Ich will schlafen!", beschwerte sich Millicent heiser, und Pansy machte ein mürrisches Geräusch.
„Das will ich auch, Mills, glaub mir", murrte sie. Pansy öffnete noch einmal schlaftrunken die Augen. „Hör zu, ich sage es dir nur, wenn du sofort verschwindest, Granger", forderte Pansy gähnend.
„Ja, Merlin noch mal!", fuhr Hermine sie an.
„Steh schon mal auf!", befahl Pansy, während sie die Decke enger um sich wickelte. Hermine erhob sich kopfschüttelnd vom Bett. „Und geh zur Tür", fuhr Pansy blinzelnd fort.
„Du bist unmöglich, Pansy", klärte Hermine sie zornig auf. „Sag es endlich!", fuhr Hermine sie nun an. Pansy gähnte ein letztes Mal. Zornig ergriff Hermine den Türknauf. „Also? Ich bin fast draußen, also sag schon!"
„Draco ist nach Malfoy Manor appariert. Seine Mutter hat es verkauft. Er muss seine Sachen packen." Und damit hatte sich Pansy wieder komplett in ihre Decke gekuschelt, und der Schlafsaal lag wieder in träumender Stille.
Wie angewurzelt stand Hermine vor der Tür.
Sein Haus war verkauft? Und wo sollte er hin? Hatte seine Mutter ein neues Haus gekauft?
„Raus, Granger!", vernahm sie dumpf Pansys Stimme unter der Bettdecke und gereizt öffnete Hermine die Tür und verschwand vom Korridor der Schlafsäle, die Treppe runter, zurück in den Gemeinschaftsraum.
Noch immer waren nur die Erstklässler wach, aber Hermine ignorierte sie, während sie den Gemeinschaftsraum völlig neben sich verließ.
Nein, er hatte es ihr nicht gesagt. Warum auch? Sie hatten nichts miteinander zu tun. Pansy hatte wohl Recht. Es ging sie nichts an. Scheinbar nicht. Denn sie würde behaupten, das war etwas Wichtiges. Aber… er erachtete es wohl nicht als wichtig genug, ihr mitzuteilen.
Wut und Trauer mischten sich gefährlich in ihrem Körper.
Sie hatte einen Lernplan einzuhalten. Und an Malfoy würde sie keinen Gedanken mehr verschwenden.
Keinen!
Fast hatte er vergessen, wie lang die Auffahrt doch war. Immerhin konnte er überhaupt die gerade Auffahrt benutzen. Als sein Vater noch lebte, war der Labyrinth-Zauber ständig aktiv, und man musste sich zwanzig Minuten durch das dämliche Labyrinth quälen.
Der Garten blühte in voller Pracht, aber die Pfauen konnte er nicht entdecken.
Es war nicht so groß wie Hogwarts, aber es war groß.
Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie es wirklich verkauft hatte. Vielleicht war es nur ein Trick? Eine Überraschung für ihn, ihn nach Hause zu locken? Immerhin war er so früh aufgebrochen, dass er sie noch sehen konnte, obwohl er das auch schon nicht hatte tun wollen, immerhin hinterging ihn seine Mutter nämlich!
Er hatte die ausladenden Treppen zur Tür erreicht.
Und er wusste nicht, wieso er es tat. Er besaß einen Schlüssel, aber er hob den bronzenen Türklopfer an und ließ ihn los. Der Drachenkopf schickte einen magisch verstärkten Ton durch das Haus.
Er wartete, während die Bienen in den Blüten summten, während sich das weite Gelände still vor ihm erstreckte. Was für ein Anblick. Narzissa würde es niemals verkaufen!
Die Tür öffnete sich. Ein Elf, die Arme voller Haushaltsutensilien, hatte geöffnet.
„Tretet ein", wisperte der Elf, ohne ihn weiter zu beachten, und wuselte wieder davon, anscheinend schwer beschäftigt. Aber Draco kam nicht weit. Schon jetzt wusste er, es war kein Trick, keine Überraschung. Der Flur war – leer.
Die Bilder fehlten an den Wänden, der Perserteppich lag zusammengerollt am Rand. Nur das blanke Parkett starrte ihm entgegen. Alle Geräusche klangen dreifach so laut in der leeren Halle.
„Mutter?", rief er also langsam, fast unsicher, während er sich vorwagte, durch den leeren Gang. Hinter dem torbogenartigen Korridor blickte er in die große Halle, wo er eigentlich sein Wohnzimmer hatte vorfinden wollen.
Zauberer standen in einem Halbkreis vor der breiten Wand und wuchteten mit gesammelter Zauberstabkraft das Potrait der Familie von der Wand. Dracos Mund öffnete sich. Oh Merlin!
„Narzissa!", gellte seine Stimme durch das Haus. Auch in der Halle war der Teppich bereits zusammengerollt, die Möbel mit weißen Tüchern bespannt, als wäre das Haus seit Wochen unbewohnt. Die Schränke und Regale und Vitrinen waren bereits leer.
Schnell hatte er den Abstand zu den doppelläufigen Trepen überwunden und stürzte die Stufen empor. Hier lag ebenfalls kein Läufer mehr! An den abgegrifenen Stellen, an denen er das Geländer als Kind angefasst hatte, fasste er es auch jetzt noch an. Jede Berührung des bekannten Holzes unter den Finger brannte, wie ein dumpfer Schmerz.
Er schüttelte den Kopf, denn auch im ersten Stock fehlte jedes Bild an jeder Wand. Es war wie ein Geisterhaus. „Narzissa?", rief er wieder, und lief weiter, zum Schlafzimmer seiner Eltern. Die Tür war angelehnt, während er sah, wie seine Mutter Betttücher zusammenlegte.
Er blieb im Türrahmen stehen.
„Draco!", rief sie glücklich aus. Sie legte das Laken auf das bereits weiß überspannte Bett und kam auf ihn zu. „Gut, dich zu sehen!", sagte sie und schloss ihn in die Arme. Kurz war er überrascht. Sie roch, wie sie immer roch. Er hatte sie solange nicht gesehen. Unwillig legten sich seine Arme schließlich doch um ihren zierlichen Körper.
„Ich wusste nicht, dass…", begann er, aber er wusste keine Worte. Sie ließ von ihm ab.
„Dass was?", wollte sie freundlich wissen. Er fuhr sich durch die Haare. Dass alles schon in Kisten verstaut war, endete er in Gedanken. „Liebling, gut, dass wir uns noch sehen. Weißt du, ich werde in einer Stunde abreisen. Bis dahin muss ich dieses Zimmer fertig gepackt haben." Er konnte ihr nur zuhören. „Du hast bis morgen Zeit, dein Zimmer leerzuräumen. Magische Kisten stehen bereit."
Er dachte, er hätte den Schock überwunden, aber das hatte er wohl noch nicht.
„Wer… wer ist der Käufer?", fragte er dumpf. Narzissa lächelte immer noch, als ginge es hier um eine freudige Botschaft.
„Senator Greengrass hat es gekauft. Ich war so froh, jemanden gefunden zu haben, der weiß, wie man ein solches Anwesen handhaben muss."
Greengrass. Draco erinnerte sich dunkel. Greengrass hatte eine Handvoll Töchter gehabt, von denen seine Mutter immer behauptet hatte, dass Draco eines Tages eine von ihnen würde heiraten, damit das Vermögen der Greengrass' und der Malfoys zusammengeführt werden könnte.
„Seit wann wissen wir nicht mehr, wie man es handhaben muss?", fragte Draco nun vollkommen ernsthaft. Seine Mutter sah ihn mitleidig an.
„Oh Liebling, ich weiß, du mochtest das Haus!", rief sie aus. Mochte das Haus?! Es war sein einziges Haus. Das Haus, in dem er immer gewohnt hatte! „Aber das neue Haus, ist ebenso schön! Du wirst-"
„-ich werde nicht mitkommen, Mutter", erklärte er ihr ungläubig. „Du glaubst doch nicht, dass ich nach Frankreich ziehen werde?" Bisher hatte er angenommen, seine Mutter würde es wirklich nicht ernst meinen.
„Draco, ich war lange Zeit alleine", erklärte sie ihm, aber er wollte es gar nicht hören! Er wollte nicht im Schlafzimmer seiner Eltern stehen und hören, wie seine Mutter seinen Vater hinterging!
„Es interessiert mich nicht!", fuhr er sie an. „Wie… wie konntest du diese Entscheidung treffen, ohne mich zu fragen?"
„Draco, du warst so beschäftigt auf Hogwarts, du hattest genug damit zu tun, mit Dumbledore und Severus unser Vermögen zu finden. Ich… dachte, du wärst froh!", warf sie ihm nun mit verschränkten Armen vor.
„Froh?", wiederholte er. „Darüber, dass du unser Haus verkaufst? Wenn du nach Frankreich wolltest, wieso… musst du dieses Haus verkaufen?", schrie er sie nun an.
„Hör auf, zu schreien, Draco!", ermahnte ihn seine Mutter, mit dem Versuch, autoritär zu klingen.
„Wieso?", wiederholte er gepresst.
„Du willst doch wohl nicht alleine hier wohnen?", sagte sie jetzt und deutete um sich. „75 Zimmer, Draco. Für dich allein?"
„Ihr wart auch nur zu zweit!", knurrte er jetzt.
„Es war das Haus deines Vaters, das war etwas ganz anderes", widersprach sie, und er lachte auf.
„Ja, und jetzt wo er tot ist, kannst du nicht erwarten, es loszuwerden?"
Sie sah ihn an, Tränen in den Augen. Oh, sie war nicht auszuhalten!
„Ich dachte, du würdest verstehen", flüsterte sie anklagend.
„Wie? Wie soll ich das verstehen? Du schickst mir einen verdammten Brief und sagst, ich soll meine Sachen hier rausschaffen, weil du zu deinem Lover nach Frankreich ziehst! Lucius ist noch kein halbes Jahr beerdigt, da ziehst du nach Frankreich?"
„Wenn du mir vorwerfen willst, ich wäre nicht treu, Draco, dann irrst du dich! Dein Vater war derjenige, der überall und ständig Affären hatte! Ich habe nie-"
„hör auf!", schrie er, schloss die Augen, und wollte ganz bestimmt nicht darüber diskutieren, wie wenig großartig die Ehe seiner Eltern gewesen war. „Mutter, hör einfach auf", wiederholte er kopfschüttelnd.
„Pack deine Sachen", sagte sie schließlich nüchtern. „Morgen ist Übergabe des Hauses. Bis drei Uhr muss alles raus sein. Wendel's und Brook lassen ihr Lager für dich auf."
„Und dann?", wollte er nüchtern von ihr wissen.
„Was?"
„Was dann? In zwei Wochen ist Hogwarts vorbei." Narzissa atmete aus.
„Wenn du nicht zu mir nach Frankreich willst, dann wirst du zu Pansy müssen. Oder zu Gregory. Ihr seid doch noch Freunde? Sie werden ein Zimmer für dich haben", winkte sie ab. Dracos Augen weiteten sich ungläubig.
„Wieso hast du nicht gewartet?", fuhr er sie an. „Wie konntest so egoistisch handeln?"
„Nenn mich nicht egoistisch", warnte sie ihn. „Ich war immer auf das Wohl meiner Familie bedacht, bis dein Vater angefangen hat, alles systematisch zu zerstören!" Wieder schimmerten die Tränen in ihrem Blick. Draco begriff, dass er hier kein vernünftiges Gespräch mehr würde führen können.
„Vergiss es", knurrte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. Er wandte sich ab.
„Du hast genug Gold, Draco!", rief sie ihm nach. „Du kannst dir mit Leichtigkeit ein neues Haus kaufen", wollte sie ihn wohl beschwichtigen. Sie begriff nicht, worum es ging! Tat sie nie! Hatte sie noch nie getan!
Ja, er hatte genug Gold. Aber war ihr jemals in den Sinn gekommen, dass Gold nicht alles war?!
„Ich muss packen, Narzissa", informierte er sie kühl, ohne sich umzudrehen.
„Ich habe dir meine neue Adresse auf deinen Schreibtisch gelegt, Draco", rief sie ihm nach. „Solltest du dich gleich weigern, mich zu verabschieden, dann weißt du, wo du mich finden kannst."
Draco nickte nur und marschierte den Flur hinab zur nächsten Treppe. Alles wirkte leer, als wäre er nicht mehr willkommen. Als wäre es nicht mehr sein Zuhause. War es ja auch nicht mehr. Ohne die Teppiche wirkte das Haus kalt und unbewohnt. Und was wollte Senator Greengrass mit einem weiteren Haus? Soweit Draco wusste, hatte Greengrass bereits mehrere Anwesen in London in seinem Besitz.
Es wunderte ihn nicht, dass auch der Korridor im zweiten Stock komplett leer vor ihm lag. Langsam näherte er sich seinem Zimmer. Die Tür war angelehnt, und sanft stieß er sie auf. Fast war es zu traurig.
Alles stand an seinem Platz. Sein Schreibtisch, seine Slytherin-Banner an der Wand. Sein Kleiderschrank, sein weißer Berberteppich auf dem Boden. Noch war das Bett mit seiner Bettwäsche bezogen, und keine weißen Laken deckten die Oberfläche hier ab. Neben der Tür stapelten sich die magischen Kisten. Eine konnte man bis zu zweihundert Pfund füllen, ohne dass sie brach. Zumindest versprach es die Werbung am Rand.
Müde setzte er sich auf seinen Schreibtischstuhl. Der Schreibtisch stand frontal vor den langen Fenstern, die den Garten überblickten. Sein Blick glitt voller Schmerz über die hohen Fichten, über das weite Grün, und er wollte nicht hier fort. Der Geruch des Hauses hatte sich in seine Seele gebrannt. Er würde ihn niemals vergessen. Den Geruch von Holz und Büchern und etwas Altem, was er nicht definieren konnte.
Er lehnte den Kopf zurück.
Er war nur noch ein flüchtiger Gast in seinem Zuhause.
Er stützte den Kopf in seine Hände. Er glaubte nicht, dass er es schaffen würde. Er würde nicht schaffen, das Haus zu verlassen. Und er hatte das erste Mal seit langem wieder Angst.
Er war allein und hatte Angst. Die Einsamkeit war fast greifbar.
Und er wünschte sich, Lucius wäre nie gestorben. Er wünschte sich, er käme hierhin, und alles wäre, wie es war. Die Elfen kochten in der Küche, seine Mutter kümmerte sich um die Blumen, die Dekoration, den Garten – und sein Vater wäre in seinem Studierzimmer. Würde die Finanzen der Malfoys regeln, ihn bald einweisen, in das Geheimnis des ewigen Reichtums, und nichts würde sich ändern.
Aber er wusste, das war nicht so.
Lucius war nicht mehr da. Und Lucius hatte sich auch weitaus weniger mit ihm beschäftigt, als Draco es sich vorstellte. Als er noch ein Kind war, ja. Da konnte Lucius ihn noch führen und lenken. Aber mittlerweile… war Draco kein Kind mehr. Schon vor einem Jahr hatte er angefangen, Lucius die Meinung zu sagen. Und schon da hatte er gemerkt, sein Vater hatte keinen Menschen in seinem Leben gebraucht, die ihm seine Fehler aufzeigen wollten.
Draco wusste, er klammerte sich an dieses Haus, um sich bloß nicht damit abfinden zu müssen, dass er niemals wirklich ein echtes Zuhause gehabt hatte.
Aber es machte den Anschein. Es machte den wunderbaren Anschein, als wäre es so gewesen.
Und ohne das Haus, würde für ihn lediglich Wirklichkeit werden, was schon seit langem Wirklichkeit war.
Und er wusste nicht, ob er das ertragen konnte.
Irgendwann hörte er, wie seine Mutter ging. Wie sie den Zauberern unten und den Elfen scheinbar noch letzte Anweisungen gab. Draco nahm an, die Elfen nahm sie mit. Sie würden ihr folgen, denn Narzissa war jetzt die Herrin.
Und dann wurde es langsam still im Haus.
Die letzten Helfer und Zauberer gingen.
Und dann war er allein. Er und das Haus waren allein.
