Kapitel 37
Sie betrachtete ihn ab und an verstohlen, während er konzentriert sein Steak in Stücke schnitt. Sie saßen in den Drei Besen, und ihr Magen knurrte sehr laut.
Sie hatten seine Kiste zu Wendel's und Brook gebracht, in das gruselige Lagerhaus am Ende des Dorfes. Es war ein magisches Lager, natürlich. Hermine konnte manchmal nicht genug von magischen Dehnungszaubern bekommen.
Es war ein normales Haus, aber betrat man es, erstreckte sich das Innere meilenweit. Und es kostete die Herren Wendel und Brook einiges an Zauberkraft, diese Illusion aufrecht zu erhalten. Und es kostete die Kunden einiges an Galleonen.
Aber das war überhaupt kein Problem für Lord Malfoy, der vor ihr saß. Denn sie waren in Gringotts gewesen, um ein wenig Gold aus seinem Verlies abzuheben, um Wendel's und Brook bezahlen zu können. Die Kobolde dort haben praktisch einen Kniefall vor ihm hingelegt. Sie hatte gewusst, Malfoy war reich, keine Frage.
Aber sie hatte nicht gewusst, dass er Multimillionen besaß. Er hatte nicht nur ein Verlies, nein. Er besaß achtzehn Verliese in ganz Gringotts.
Und keine kleinen Schließfächer, nein, riesige Schatzkammern, tausend Meter unterhalb Gringotts, dort, wo die Luft bereits heißer wurde.
Und jetzt musste sie ihn einfach anstarren. Mit dem Verkauf von Malfoy Manor war noch ein weiterer beachtlicher Teil zu seinem Vermögen hinzugekommen.
„Hermine", ermahnte er sie entnervt, „es ist nicht so viel Gold", versuchte er zu beschwichtigen, wo es einfach nichts zu beschwichtigen gab. Sie schüttelte fassungslos den Kopf.
„Multimillionen", wiederholte sie perplex.
„Merlin, noch mal, es klingt viel, es ist aber nicht so viel", sagte er wieder, während er zornig ein Stück Fleisch in seinen Mund schob.
„Multi! Millionen!", betonte sie beide Worte noch deutlicher, bis er aufgab und resignierend seufzte.
„Wird das alles sein, was du noch zu mir sagen wirst?", erkundigte er sich kauend, während sie ihre Pasta in Pilzsoße noch nicht angerührt hatte.
„Was wirst du mit all dem Gold machen?", fragte sie voller Ehrfurcht. Sie, Harry und Ron hatten natürlich auch eine Prämie bekommen, dafür, dass sie Voldemort bekämpft und gesiegt hatten, aber… das war… einfach nur unglaublich. Das Kopfgeld für Voldemort kam ihr fast vor wie ein kleines Taschengeld dagegen!
„Das Offensichtliche wäre, eine Bleibe zu kaufen", erwiderte er trocken. „Denn glaub es oder nicht, in Gold kann man nicht wohnen", klärte er sie spöttisch auf.
„Man könnte sich ein Haus aus Gold bauen", schlug sie ihm nachdenklich vor, und er schenkte ihr einen Blick, der ihr deutlich machte, dass er nicht mehr darauf eingehen würde. „Und ich wusste nicht, dass du einen Titel hast. Bist du ein echter Lord?", fragte sie neugierig weiter.
„Was soll das sein, ein echter Lord?", wollte er mit krauser Stirn von ihr wissen. „Alle Malfoys sind Lords. Es geht einher", ergänzte er achselzuckend. Es ging einher? Bei ihr ging es nicht so einfach einher. Er war so seltsam, er war so anders als sie, stellte sie kopfschüttelnd fest.
„Ich hatte Sex mit einem Lord", murmelte sie fassungslos, und kurz zuckten seine Mundwinkel bei ihren Worten. Ja, der letzte Abend und die letzte Nacht waren für sie tatsächlich lebensverändernd gewesen. Sie würde nie wieder eine Badewanne mit unschuldigem Blick betrachten können. Oder ein Bett. Oder ihn, wenn sie es genau nahm!
„Wie geht es eigentlich weiter?", fragte er, fast unbeteiligt, fast neutral. Aber nur fast.
„Was meinst du?", wollte sie vorsichtiger wissen, denn sie konnte die Namen Harry und Ron schon praktisch auf seinen Lippen erahnen.
„Wenn wir wieder in Hogwarts sind", half er ihr nachsichtig auf die Sprünge.
„Wir lernen für unsere Prüfung, bestehen am besten nicht nur mit Annehmbar, gehen auf den Ball und dann…"
„Ich meinte es eher kleinteiliger", sagte er schließlich. „So wie… heute Abend", schloss er.
„Wir könnten lernen?", schlug sie ihm achselzuckend vor.
„Wo?", wollte er wissen. „In deinem Bett oder meinem?", ergänzte er und wackelte eindeutig mit den Augenbrauen. Sie war sauer, dass sie schon wieder einmal rot wurde.
„In der Bibliothek", sagte sie mit mehr Nachdruck.
„Sehr versaut, aber ich bin dabei", erwiderte er.
„Für die Prüfung lernen, angezogen. Mit Büchern", entgegnete sie der Vorsicht halber.
„Ich mache Scherze, Granger", merkte er kopfschüttelnd an. „Was ist mit deiner Leibgarde?", erkundigte er sich kühler, während er sein Steak genoss.
„Ich nehme an, du meinst Harry und Ron?" Die Gable sank in seiner Hand.
„Nein, ich meine Hagrids Nasenbär und Nessie, das vegetarische Seeungeheuer. Ja, ich meine Potter und Weasley", entfuhr es ihm gereizter.
„Es ist ein Spinnentöter", korrigierte sie ihn beleidigt.
„Und wäre es ein Meerschweinchen, du weißt, was ich meine", erwiderte er barsch. Sie atmete aus. Er wurde immer defensiv, wenn es um Harry und Ron ging.
„Malfoy, was genau möchtest du, dass ich ihnen sage?", fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie konnte auch defensiv werden.
„Ich möchte, dass du ihnen sagst, wie viele Male ich dich gestern sexuell befriedigt habe und wie oft exakt du meinen verfluchten Vornamen gestöhnt hast, als mein Schwanz in dir vergraben war, aber das wird wohl nicht passieren", erklärte er so unbeteiligt, als hätte sie nach dem Wetter gefragt, und in ihrer Mitte zog es plötzlich bei seinen Worten. „Aber ich will zumindest nicht mehr von dir ignoriert werden. Vielleicht ließe sich das einrichten?"
Gott, er war so ein Arsch. Sie musste vor Scham den Blick senken.
Madame Rosmerta nahm ihr Merlin sei Dank eine Antwort ab, denn sie brachte ihnen zwei neue Butterbier, die sie bereits bestellt hatten. Sie hoffte nur, ihnen hörte gerade niemand zu! Aber er würde es nicht gut sein lassen. Noch immer sah er sie auffordernd an.
„Hermine?", fügte er mit gereiztem Nachdruck hinzu, und sie verdrehte die Augen.
„Gott, ja. Es lässt sich einrichten. Du bist einfach ein unmöglicher Mistkerl!", zischte sie mit knallroten Wangen, vergewisserte sich noch einmal, dass niemand zugehört hatte und spießte mit zitternden Fingern die Nudeln auf ihrer Gabel auf.
„Und ein Lord", ergänzte er arrogant, und sie sah sein breites Grinsen auch aus den Augenwinkeln. Sie hasste ihn manchmal. Wirklich.
Es war später Nachmittag als sie das Schloss wieder betraten. Die kühle Eingangshalle empfing sie. Sie blieben beide stehen. Ab und an kamen Schüler vorbei, beachteten sie kaum weiter, und Hermine stand neben ihm, scheinbar unschlüssig, was sie tun sollte.
Er hatte bis vor dem Tor noch ihre Hand in seiner gehalten, aber beide hatten ihre Hände losgelassen, nachdem sie das Schlossgelände betreten hatten.
Jetzt waren sie wieder Schulsprecher. Sie waren wieder in Hogwarts. Alle Regeln, die gestern außer Kraft gesetzt worden waren, galten wieder.
Ihm fielen nicht die rechten Worte ein. Und er wollte überhaupt nirgendwo ohne sie hin gehen. Das kam entscheidend hinzu.
„Wie wäre es, wenn… wir unsere Bücher holen und uns in einer Stunde in der Bibliothek treffen?" Zwar wollte er gerne wissen, was sie eine Stunde lang tun wollte, beherrschte sich aber.
„Was ist mit Abendessen?", fragte er schließlich.
„Hast du Hunger?", stellte sie die gerechtfertigte Frage, und er überlegte kurz.
„Nein, wahrscheinlich nicht", erwiderte er. Kein Streit. Kein böses Wort. Alles war neu. Alles war anders.
„Also?"
Was sollte er eine Stunde lang machen, stellte sich ihm die nächste Frage, aber er willigte ein.
„Ok. In einer Stunde." Und es entstand eine knappe Pause. Eine Pause, in der er sie hätte küssen können. Oder küssen müssen? War es jetzt so? Aber er bewegte sich nicht auf sie zu, sie kam ihm nicht entgegen. Kurz standen sie also ziemlich sinnlos voreinander, ehe sie schließlich nervös nickte und dann nach links die Treppe hinauf ging.
Er kämmte sich die Strähnen über den Kopf zurück, und versuchte, nicht daran zu denken, dass er kein Haus mehr hatte, in das er zurückkehren konnte.
Er verschwand die Treppe hinab in die Keller, den lagen Gang hinunter, bis er vor dem Portrait des Blutigen Baron innehielt.
„Krötenblut", sprach er amüsiert das Passwort, und das Portrait schwang zur Seite.
„Na, sieh mal einer an", bemerkte Pansy sofort von der Couch aus. „Auch mal wieder hier?" Er stellte seine Tasche ab und sank neben Pansy und Blaise auf die Couch.
„Das Haus ist leer und übergeben", sagte er müde.
„Hm", machte Pansy knapp. „Und du und Granger? Schon verheiratet?", erkundigte sie sich säuerlich. Seine Mundwinkel hoben sich.
„Was?", fragte er ehrlich verdutzt, und Pansy atmete aus.
„Sie ist so unglaublich nervtötend!", erklärte sie kopfschüttelnd. „Ich dachte schon, sie würde deine Adresse mit dem Cruciatus aus mir rausfoltern, wenn ich es ihr nicht gesagt hätte", fuhr sie angewidert fort.
„Nett, dass du es doch über dich gebracht hast", bemerkte er und lehnte den Kopf zurück.
„Ach, ihr Besuch war also… nett?", griff sie seine Worte mit wissendem Blick auf, und er drehte den Kopf in ihre Richtung.
„Geht dich nichts an, oder?", erwiderte er und würde nicht auf ihre Falle reinfallen. Sie verzog lediglich den Mund.
„Und jetzt? Wo wirst du wohnen?" Goyle war zu ihnen gestoßen und setzte sich auf die Sofalehnte. Draco zuckte die Achseln.
„Mal sehen. In irgendeinem Hotelzimmer", erklärte er nur.
„Und deine Mutter?", wollte Goyle wissen. „Was sagt sie dazu?"
Draco zuckte erneut die Achseln. „Ich melde mich bei ihr, wenn… mir danach ist", schloss er, denn er wollte darüber gerade nicht nachdenken.
„Ich hätte ja gedacht, Granger hätte schon den perfekten Plan für dich bereit gelegt, und du würdest demnächst unter ihrem Pantoffel einziehen", bemerkte Pansy spitz.
„Ich bin mir sicher, es wäre ein sehr netter Pantoffel", sagte Blaise zwinkernd neben ihr. Pansy knuffte ihn in die Seite.
„Wirklich witzig", giftete Pansy. Draco war froh, nicht antworten zu müssen, und die vier Slytherins verfielen in Schweigen. Es war nett, Witze über die anderen zu machen, es gehörte dazu, wie das Grün zur Schlange gehörte. Es lag in ihrer Mentalität, aber unterm Strich konnte er sehen, dass alle diese Frage beschäftigte.
Er, der vielversprechendste von ihnen, stand nun ohne Eltern und ohne Haus da. Nach Hogwarts musste er noch einmal neu von vorne beginnen.
Aber er war nicht alleine. Und das machte wohl den ganzen Unterschied. Und er wusste nicht, inwieweit Pansy Witze machte, oder ob er wirklich in der Lage wäre, mit seinen Freunden ernsthaft über Granger sprechen zu können. Wahrscheinlich noch nicht.
Sein Blick fiel auf Goyle, der vergessen auf seiner Lippe kaute.
Sein Vater hatte den Kuss bekommen. Er hatte das Gefühl, Goyle verkraftete es besser, als es Draco jemals könnte.
„Sag mal", sagte Goyle plötzlich, „hast du den alten Schnatz unter den losen Dielen in deinem Zimmer mitgenommen?", fragte Goyle fast hoffnungsvoll, und Draco runzelte die Stirn. Dann fiel es ihm wieder ein.
„Nein", sagte er und musste lächeln, „ich hatte ganz vergessen, dass wir ihn dort versteckt hatten", gestand er ein. Und es war bestimmt schon sieben Jahre her, überlegte er grinsend. Und er hatte gestern Spannenderes zu tun gehabt als das….
„Nicht schlimm. Wir verstecken in deinem neuen Haus einfach noch einen", erwiderte Goyle achselzuckend.
„Oh, weißt du noch, als deine Mutter einen Anfall bekommen hat, nachdem wir versucht hatten, über ihr Rosenspalier hoch zu deinem Fenster zu kommen und alle ihre Rosen in diesem Jahr vollkommen zerstört haben?", wollte Pansy kichernd wissen.
„Jaah", erwiderte Draco und stützte die Ellbogen auf seine Knie, während er grinsen musste. „Seitdem gab es keine Spaliere mehr am gesamten Haus", bestätigte er. Ihm fielen noch hundert weitere Erlebnisse mit Pansy und Goyle ein, aber Goyle sprach direkt schon ihr nächstes Abenteuer an, als sie eine Schatzkarte gezeichnet hatten und das Kreuz immer wieder magisch an einem beliebigen Fleck hatten erscheinen lassen, und angefangen hatten, den Garten umzugraben, in der Hoffnung, verborgene Schätze zu finden.
Narzissa hatte am Abend sofort einen Bannspruch auf alle Maulwürfe gesprochen und geschworen, die Biester beim nächsten Mal auszuräuchern. Das Rätsel der Maulwurfshügel hatte Draco niemals gegenüber seiner Mutter gelüftet. Besser so. Er hätte bestimmt eine Woche nicht sitzen können, nahm er an.
Pansy erzählte aufgeregt die nächste Geschichte und lächelnd hörte er zu. Er fühlte sich nicht mehr ganz so traurig wie zuvor.
Als sie den Gemeinschafstraum betrat, hatte sie leider nicht das Glück, dass Ginny, Harry und Ron vielleicht Quidditch spielen waren. Ginny saß mit einem Lehrbuch auf dem breiten Fenstersims, und Harry und Ron lernten ebenfalls auf der Couch. Wer hätte damit rechnen können? Die Schüler lernten tatsächlich mal.
Ron hob als erster den Blick. „Hermine", sagte er, aber Hermine erkannte, es war eine Mischung aus Erleichterung und dem stillen Vorwurf in seinem Blick. Sie fühlte sich, als wäre der Scharlachrote Buchstabe direkt auf ihre Stirn gemalt, so sahen Harry und Ron sie nun an. Sie biss auf ihre Unterlippe und atmete tief ein, denn sie wusste nicht, was richtig wäre, zu sagen.
Harrys Blick war so forschend. Und Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Es war fast kompulsiv und bezeichnend, dieses Verhalten, stellte sie erschreckend fest, weil sie diesen Abschnitt in ihrem Leben jetzt neu begonnen hatte. Dracos Lächeln erschien vor ihren Augen, wie er zwischen ihren bloßen Beinen gelegen hatte, sein Mund – sein unglaublicher Mund – und was er alles verruchtes mit seiner verdammten Zunge getan hatte, sie erinnerte sich kurz wieder an seinen steifen Penis und wie er sie ausgefüllt hatte, und nur, weil sie Harry und Ron ansah.
Gott, sie war krank. Wirklich krank.
Denn ihr fiel jetzt auf, Harry und Ron waren ebenfalls Jungen. Jungen, die wahrscheinlich besser wussten, was Malfoy mit ihr angestellt habe konnte, besser als Hermine es gestern hätte wissen können, und Harry und Ron besaßen ebenfalls einen Penis.
Wow. Sie hatte gedacht, sie hätte die seltsame Pubertät übersprungen, aber nein. Da war sie! Albern und unpassend, wie Hermine fand. Sie senkte rasch den Blick, bevor Ron noch würde bemerken können, wie gut die Röte ihres Gesichts zu seinen Haaren passen würde, oder so etwas!
„Hey", war alles, was Harry sagte, und Hermine schüttelte böse über sich selber leicht den Kopf, hob den Blick und streckte den Rücken durch.
„Hey", begrüßte sie ihn ebenfalls, und Ginny war vom Fenstersims gesprungen, kam auf sie zu und umarmte sie herzlich. Hermine war dankbar für die Geste und für die Ablenkung.
„Na, alles ok? Hat alles geklappt?", wollte Ginny wissen, der Hermine gestern bruchstückhaft erklärt hatte, sie wolle Malfoy helfen, umzuziehen.
„Ja, alles ist ok", sagte sie.
„Hast du bei ihm übernachtet? Habt ihr euch vertragen oder habt ihr euch so gefetzt, dass du dir ein Hotelzimmer nehmen musstest?", fragte Ginny, aber sie hörte Harry und Ron gleichzeitig ein spöttisches Geräusch machen, und sie hob die Augenbrauen als sie den Blick wieder auf beide richtete.
Der Scharlachrote Buchstabe leuchtete wahrscheinlich bunt auf ihrer Stirn, wie eine billige Leuchtreklame, nahm sie bitter an.
„Das hätte er wahrscheinlich nicht gewagt", sagte Harry schließlich eher teilnahmslos, als er den Blick zurück in sein Buch senkte. Und jetzt war es wohl irgendwie raus. Alles, was gestern noch im Ungewissen und im Dunkeln gelegen hatte, schien mittlerweile offen auf dem Tisch zu liegen, im Raum zu stehen, wie ein Hippogreif mit acht Beinen.
„Wie geht es ihm?", fragte Ginny erstaunlicherweise, als wäre Hermine mit Seamus zusammen oder sonst einem Jungen, den die Gryffindors vor ihrer Nase ansatzweise passend gefunden hätten.
„Ich denke, gut", sagte sie vage. Sie wusste es nicht wirklich. Er war ihr nicht anders als gleichmütig vorgekommen, aber sie wollte jetzt, vor Harry und Ron, keine Vermutungen über sein Gefühlsleben anstellen und den beiden womöglich noch eine Angriffsfläche bieten, ihn zu ärgern oder sonst etwas!
Dann fiel ihr wieder ein, was sie dringendes loswerden wollte und wofür sie bereits eine Stunde eingeplant hatte. Sie hatte Dracos Blick draußen wohl bemerkt, als sie ihm vorgeschlagen hatte, sich in einer Stunde zu treffen.
Was hast du eine Stunde lang vor? Das hatte in seinem Blick gelegen, aber sie hatte es nicht kommentiert, denn das konnte sie noch nicht machen. Sie begab sich ohnehin auf sehr, sehr dünnes Eis damit.
„Harry, kann ich kurz mit dir sprechen?", fragte sie schließlich, und skeptisch hob sich sein Blick aus ‚Verteidigung für Fortgeschrittene'.
„Mit mir?", fragte er verblüfft. „Für ein Geständnis ist es zu spät, und ich glaube, ich bin nicht so interessiert, wie du vielleicht denkst", schloss er, eine Spur angewidert.
„Bitte?", ergänzte sie, und ignorierte seine ekelhafte Anspielung. Er ließ sie allerdings nicht lange betteln, denn er war nicht Draco. Er erhob sich also.
„Ich nehme an, dafür müssen wir den Raum verlassen?", wollte er unsicher wissen, und schien einen vielsagenden Blick mit Ron zu rauschen. Hermine wollte am liebsten die Augen verdrehen. Die beiden waren so kindisch.
„Viel Glück, Harry. Wenn es eklig wird, ruf einfach! Ich hol dich da raus!", versprach Ron kollegial, und Hermine stöhnte auf.
„Jungs!", sagte sie mahnend, aber Ron grinste frech. Sie ignorierte es. Harry folgte ihr, denn sie ging in den Schlafsaal der Jungen. Gott sei Dank waren die Siebtklässler gerade alle sonst wo.
„Soll ich die Tür zu machen? Hast du vor, mir irgendeinen ekligen Ausschlag zu zeigen, den man nur von einem ekligen Slytherin bekommen kann, oder-?", erkundigte er sich glatt, aber sie atmete entnervt aus.
„Harry", sagte sie flehend. „Bitte, mach die Tür zu, ok?", ergänzte sie ruhiger, und seufzend schloss er die Tür hinter sich. Sie war sich bewusst, dass er sie aufziehen würde. Natürlich wusste sie das. Aber er erfüllte ihr den Wunsch und kam langsam, die Hände in den Taschen vergraben auf sie zu. Er setzte sich allerdings nicht neben sie auf das Bett. Oh, das würde schwer werden.
Sie hatte so viel von Draco gesehen, dass sie schon fast vergessen hatte, wie Harry aussah. Seine grünen Augen waren anders als alle anderen Augen. Denn in Harrys Augen lag immer so etwas wie Mut und Verständnis und Abenteuerlust und wahre Freundschaft. Sie hatte lange Zeit vergessen, was sie eigentlich an ihm gehabt hatte, und was für ein echter Freund er eigentlich gewesen war. Und dann war diese lästige Pubertät doch zwischen sie geraten, ging ihr auf. Vielleicht konnten Jungen und Mädchen in dieser Zeit keine guten Freunde sein, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren?
Sie musste lächeln als sie die Tränen in ihren Augen spürte. Sie hatte das Gefühl, sie hatte alles, was sie fühlte, so lange unter Verschluss gehalten, und jetzt, obwohl er wusste, wo sie gewesen war, obwohl er wohl anzunehmen schien, was sie gestern Nacht getan hatte, war er jetzt mit ihr hier in seinem Schlafsaal, bereit, zuzuhören.
Und sofort fiel aller Hohn von ihm ab, er zog die Hände aus den Taschen und kam sofort näher.
„Was hat er getan?", fragte er sofort, eine Spur gewaltbereiter. „Hermine, was ist los, wieso weinst du?", ergänzte er hastig, nicht willig, sich zu setzen, wohl bereit, loszurennen. Wie leicht er es annahm, dass es wegen Draco war, ging ihr auf. Sie hätte schon vor Längerem anfangen müssen, ehrlicher zu sein.
„Ich liebe dich, Harry", sagte sie also frei heraus, und sein Ausdruck fiel, verschwand völlig von seinem Gesicht.
„Du – was?" Er starrte sie an. Unbeholfen und verwirrt.
„Mich?", wiederholte er ungläubig. „Du meinst?" Er schien unsicher zu sein, nicht mehr sicher, was das Wort zwischen ihnen bedeutet, oder ob sie nun in ihn verliebt war. Sie musste breiter lächeln.
„Ich liebe dich als besten Freund", erklärte sie lachend. Er schien ein wenig erleichtert zu sein.
„Oh, gut. Ich meine nur, ich glaube, Ginny hätte einen Anfall bekommen, wenn du jetzt… also wenn wir…" Er fuhr sich durch die strubbeligen Haare.
„Oh Harry", sagte sie kopfschüttelnd. Ihr ging auf, dass sie diese Worte noch nie gesagt hatte. Vielleicht zu ihrer Mum, als sie noch kleiner war. Oder zu ihrem Dad. Und ihr ging auf, dass sie diese Worte als erstes zu Harry sagte, nicht zu Draco. Zwar meinte sie die Worte in Bezug auf Harry anders, als sie es in Bezug auf Draco jemals meinen würde, aber dennoch fiel es ihr auf. Es war ihr wichtig, dass Harry es eher wusste. Dass Harry in der Rangfolge, was Freunde und Leidensgenossen anging, über Draco stand. Vielleicht nicht mehr über Draco, dachte sie dumpf. Vielleicht… gleich auf?
Sie bemerkte, wie ihre Gedanken abdrifteten.
„Ich muss mit dir reden, über Draco", ergänzte sie langsam. Harry verzog jetzt gequält den Mund.
„Oh, Hermine, ich glaube nicht, dass ich – kann ich Ginny holen?", bot er ihr ungelenk an. Und sie atmete langsam aus.
„Ich will nicht darüber reden, wie es mit ihm ist", erklärte sie, so vage sie konnte. Harry rümpfte die Nase.
„Gut, wirklich. Wirklich gut", sagte er knapp, immer noch angewidert.
„Es geht um… seine Situation", fuhr sie unsicher fort. Harry hatte die Stirn immer noch gerunzelt, als hätte sie ein Dutzend Stinkkäfer auf ihrem Schoß sitzen, bereit, einen nach ihm zu werfen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkte und setzte sich noch immer nicht neben sie.
„Seine Situation?", wiederholte er widerwillig.
„Also, erinnerst du dich noch an den Plan?", fragte sie vorsichtig. Harrys Züge entgleisten wieder in die Ratlosigkeit.
„Hermine, wir hatten tausend Pläne. Welchen genau?"
„Der Plan… nach Hogwarts?", wagte sie zu fragen, und er schien nachzudenken.
„Nach Hawaii zu fliegen?", vermutete er knapp.
„Nein", sagte sie ernst.
„Das Ministerium zu seinem eigenen Wohl niederzubrennen?", schlug er als nächstes vor, aber er schien langsam drauf zu kommen, als sie wieder lächelnd den Kopf schüttelte, bei dem Gedanken an diesen alten Plan.
„Grimmauld Place?", entfuhr es ihm ungläubig. „Hermine, das ist eine Barracke. Dass du, Ron und ich dort wohnen würden nach Hogwarts, war eine fixe Idee. Wir haben nicht genug Gold, um es zu renovieren. Es ist ein Baugrundstück, sonst nichts mehr", sagte er ernsthaft.
„Ich kenne jemanden, mit viel Gold zur Verfügung, der es renovieren könnte?", schlug sie etwas scheinheiliger vor, und Harry atmete aus.
„Du willst, dass ich es Malfoy verkaufe?", erkundigte er sich ungläubig, mittlerweile einen nachsichtigen Blick auf den Zügen.
„Nein, ich… hatte eigentlich überlegt, ob wir dort nicht alle zusammen wohnen könnten?"
„Klar, wieso nicht!", sagte er achselzuckend. „Und wir richten ihm im obersten Stockwerk seine eigene Todesser-Folterkammer ein, wo er Hauselfen und Muggel quälen kann, wie er lustig ist!", entfuhr es ihm lakonisch, mit einem bösen Ausdruck. „Die Nachbarn würden sich freuen! Vor allem die gute, alte Mrs Black in ihrem Portrait. Das reine Blut würde ihrem Gemüt wirklich mehr als gut tun!"
Hermine seufzte auf, ja, sie hatte sich diese Reaktion bereits ausgemalt, aber sie sagte erst mal gar nichts zu Harrys Ausführungen.
Harry sah sie schließlich an. Lange. Sie dachte schon, er würde nicht mehr sprechen.
„Langsam glaube ich, du machst keinen Scherz, Hermine", bemerkte Harry resignierend. Sie saß abwartend vor ihm, die Augen groß und gespannt auf sein Gesicht geheftet. „Bitte sage, dass du Witze machst?", bat er sie gequält, aber sie ruckte nur mit dem Kopf.
„Harry-"
„-bei aller Liebe, Hermine, ich glaube, das ist eine wirklich blöde Idee", sagte er ehrlich.
„Wieso denkst du nicht einfach drüber nach?", versuchte sie es erneut, mit Engelszungen. „Ich meine, du hättest jemanden, der es renovieren würde, du müsstest nicht alleine dort wohnen, es ist wirklich zentral gelegen, und-"
„-und es ist Malfoy", schloss er nickend, mit einem Hauch Verachtung. „Und was meinst du damit, ich müsste nicht alleine wohnen?", entfuhr es ihm ungläubig. „Nur Malfoy und ich?" Es klang wie eine Kriegserklärung, Hermine wusste das.
„Na ja, nein… also, Ginny und ich könnten… auch dort wohnen?", sponn sie jetzt weiter.
„Der arme Ron, einfach ersetzt", sagte Harry mit gespielter Sorge, kopfschüttelnd, die Stimme voller Entrüstung. Hermine verdrehte die Augen.
„Gut, ich gebe zu, es klingt… seltsam."
„Es klingt einfach grauenhaft, Hermine", korrigierte Harry sie. „Und es klingt unglaubwürdig. Denn… er hat Gold, oder nicht? Wieso sollte er mein Haus renovieren wollen, wo er sich doch einfach ein brandneues irgendwo bauen lassen kann?" Sie merkte, Harry wollte nicht über Malfoy oder seine Möglichkeiten reden.
„Weil ich denke, es würde ihm gut tun, mit uns zu wohnen."
Harrys Mund öffnete sich mit einem Hauch Erkenntnis. „Oh, denkst du das, oder war das seine Idee?"
„Er weiß es noch nicht", erwiderte sie, etwas ertappt. Harry nickte.
„Ja, das ist mir klar", bemerkte er knapp. „Hermine, ich kann mir das nicht vorstellen, so wie du. Gut, mit mir schläft er auch nicht, und das ist absolut fabelhaft", fuhr er ungerührt fort, und Röte schoss in ihre Wangen. Sie senkte hastig den Blick. „Ich denke, du baust dir da ein Luftschloss. Erstens würde es niemals gut gehen", ergänzte er mit nachsichtigem Blick, „zweitens wollen weder er, noch ich, noch Ginny oder Ron das, und drittens-"
„-ich… liebe ihn, Harry", sagte Hermine plötzlich, und Harry verzog sehr knapp den Mund.
„Ihn auch, hm?", spielte er trocken auf ihr vorheriges Geständnis ihm gegenüber an, und Hermine spürte, wie sie lächeln musste.
„Vielleicht… könntest du wenigstens drüber nachdenken? Mir zuliebe? Denn ich will euch alle nach Hogwarts nicht verlieren", beteuerte sie traurig. Harry schien noch immer nicht ganz über dieses neue Geständnis hinweg zu sein, denn sein Ausdruck war gequält und säuerlich. Er schüttelte langsam den Kopf, wie um ihr Geständnis schleunigst wieder zu vergessen.
„Moralische Erpressung zieht bei mir nicht, Hermine", erklärte Harry schließlich kopfschüttelnd. „Und… du verlierst mich nicht nach Hogwarts, nur weil du uns nicht alle zwingst, heile Hermine-Welt zu spielen, in der wir alle im selben Haus wohnen müssen", sagte Harry in diesem nachsichtigen Tonfall, den Hermine nicht leiden konnte.
Sie seufzte auf. „Ok", entfuhr es ihr entmutigt. „Ich… dachte, es wäre keine schlechte Idee", sagte sie nur und erhob sich wieder. Harry schüttelte nur wieder den Kopf.
„Er wird dir dasselbe sagen, wenn du ihm diese Schnapsidee eröffnest", sagte Harry achselzuckend.
„Ich denke, er würde es machen. Für mich", erwiderte sie voller Überzeugung.
„Oh und ich nicht? Willst du mich wieder erpressen?", erkundigte er sich, langsam gereizt, und sie schüttelte den Kopf.
„Nein, es ist in Ordnung. Ich habe dich gefragt, du hast nein gesagt. Ende der Geschichte, Harry", bestätigte sie.
„Und er würde es niemals machen!", beharrte Harry auf seine Worte.
„Ok", räumte sie ein, damit er nicht noch wütend werden wurde.
„Ok", erwiderte er und sie verließen den Schlafsaal. Er öffnete die Tür und zuckte kurz zusammen, als er Ginny vor der Tür empfing, die wohl gewartet hatte.
„Darf ich jetzt?", fragte sie lächelnd, den Blick auf Hermine gerichtet. Harry nickte nur.
„Bitte, ich kann mir wirklich keine weiteren Lobeshymnen auf Draco Malfoy anhören", bemerkte Harry mit einem eindeutigen Blick auf Hermine zurück. Diese schüttelte nur den Kopf.
„Kindisch. Du bist kindisch, Harry", rief sie ihm nach. Er hob lediglich die Hand zum Gruße, ohne sich noch mal umzudrehen. Ginny schob sie zurück in den Schlafsaal und schloss die Tür wieder.
„Ich finde deine Idee großartig", sagte Ginny offen, ohne zu verheimlichen, dass sie gelauscht hatte. Hermines Augen weiteten sich perplex.
„Ginny!", sagte sie schockiert über ihre neugierige Freundin, aber Ginnys Ausdruck wurde ernster.
„Und verlass dich drauf, Harry wird schon ja sagen", versprach sie Hermine plötzlich ernster. Hermine runzelte die Stirn.
„Was? Nein, er hat klar und deutlich gesagt, was wahrscheinlich passieren wird. Es war vielleicht eine blöde Idee", sagte Hermine nur und rieb sich die Stirn. Harrys Worte ergaben natürlich Sinn. Und wenn sie auch nur ansatzweise darüber nachdachte, was Draco sagen würde – sie wollte es gar nicht zu Ende denken, denn es schrie förmlich nach Streit.
„Ich habe was gegen ihn in der Hand, Hermine", tat Ginny das Problem scheinbar gelassen ab. Hermine musterte sie ungläubig.
„Ginny, so was geht nicht einfach so. Das ist tatsächlich eine wichtige Entscheidung", fuhr Hermine fort.
„Ich weiß", bestätigte Ginny. „Aber wie ich schon sagte, es wird funktionieren. Die beiden werden sich schon nicht anstellen", schloss sie achselzuckend. Langsam musterte Hermine ihre beste Freundin. Ginny war sich nie so sicher, wenn sie nicht tatsächlich glaubte, dass etwas Aussicht auf Erfolg hatte. Ginny war eher der zurückhaltende Typ. Nicht der Typ, der alles durchsetzte, worauf sie gerade Lust hatte.
„Wieso glaubst du das?", fragte Hermine nun ernster, denn tatsächlich fand sie es bemerkenswert, mit welcher Überzeugung Ginny sie ansah.
„Weil ich schwanger bin", sagte Ginny, ohne mit der Wimper zu zucken.
