Kapitel 38
Er kam sich vor wie ein Idiot, wie er hier in der Bibliothek saß, alleine am Tisch, und ständig auf die Uhr starrte. Sie war bisher eine halbe Stunde zu spät. Unfassbar, dass er hier pünktlich aufgetaucht war! Die Feder lag in seiner Hand, ohne dass er bisher geschrieben hatte. Wo war sie, zum Teufel noch mal?
Er starrte auf die Seite vor sich, ohne sie zu lesen. Hatte sie ihn tatsächlich sitzen gelassen? Er konnte es sich nicht vorstellen, aber vielleicht hatte Potter ihr auch verboten, noch einmal rauszugehen. Er würde es Potter zutrauen, und er würde ihr zutrauen, ihrem heiligen Potter keinen Wunsch abzuschlagen.
Zornig umkrallte er die Feder fester. Oh, er würde –
„Entschuldige", holte ihn ihre leise Stimme zurück. Außer Atem setzte sie sich neben ihn, und kurz war er überrumpelt von ihrer Erscheinung, mit der er schon nicht mehr gerechnet hatte. „Zaubertränke?", stellte sie mit einem Nicken auf seine Unterlagen fest und holte ihre eigenen Zaubertränkebücher aus der Tasche.
„Du bist zu spät", klärte er sie leise auf, obwohl er annahm, sie wusste das bereits.
„Ja, tut mir leid, es… kam was dazwischen", wich sie ihm aus.
„Ja? Hat Potter dich gefesselt und du kamst nicht an deinen Zauberstab?", vermutete er bitter, und erntete ihren nachsichtigen Blick, als wäre er ein Kind. Er hasste das.
„Nein, hat er nicht", erwiderte sie lediglich, strich die Seite in ihrem Buch glatt, aber er war noch nicht fertig damit, sich über ihre Unpünktlichkeit aufzuregen.
„Du lässt mich eine halbe Stunde warten, und alles was du sagst, ist, dass es dir leid tut?", wollte er knapp wissen, und gereizt hob sich ihr Blick.
„Was willst du noch? Soll ich es auf Pergament verfassen, mit Blut unterzeichnen? Soll ich dir ein Sonett schreiben, weil du diese halbe Stunde kaum verkraftet hast?", entgegnete sie spöttisch, immer noch im Flüsterton, aber er war sauer.
„Nein, wir haben einen Termin abgemacht und du-"
„-oh Gott, Draco! Es tut mir leid, ok? Es ist etwas dazwischen gekommen, was ich nicht innerhalb von fünf Sekunden hätte abhandeln können!", knirschte sie, zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Und was?", wollte er nun wissen. „Oder geht es mich nicht an, welche Wehwehchen Potter dir anvertraut hat, weswegen du mich hast sitzenlassen? Wollte er dir ausreden herzukommen, war es das?", knurrte er, außer sich vor Eifersucht, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er jemals damit würde aufhören können. Sein Blut kochte, wenn er nur an seinen Namen dachte. Potter. Arschloch.
„Er weiß überhaupt nicht, dass ich herkommen wollte, Merlin noch mal", fuhr sie ihn zischend an. Draco schüttelte tief verletzt den Kopf.
„Oh natürlich nicht. In deinem Kopf ist es ja eine Schande, dich mit mir zu treffen. Ein Grund, dich aus dem scheiß Trio zu werfen, ich vergaß", schnappte er kalt.
„Gott, du bist so ein Arschloch", flüsterte sie verständnislos. Es zerrte an ihm, dass sie ihn beleidigte.
„Dann sag mir, dass es nicht so ist!", verlangte er von ihr, den Blick kalt auf sie geheftet.
„Warum sollte ich dir irgendetwas sagen, wenn du dich so verhältst?"
Kurz schwieg er verbissen, genauso wie sie. Sie war im Unrecht. Er war im Recht. Und er verdiente verdammt noch mal mehr von ihr, als eine fadenscheinige Entschuldigung dafür.
„Dann… lass es", spuckte er ihr mit kalter Boshaftigkeit entgegen, klappte sein Buch zu, packte seine Sachen ein und erhob sich, kochend vor Zorn. Aber sie war genauso schnell auf den Beinen und hatte ihre Sachen gepackt.
„Du bist einfach nur-"
„-ein Arschloch?", schlug er ihr bitter ihr Lieblingswort vor, und sie hob zornig den Blick zu seinem Gesicht. Seine Mundwinkel waren angespannt gesunken, und sie sah ihm auch nicht unbedingt voller Zuneigung entgegen. Er nahm an, sie hatten mal wieder einen Dissens in ihrer kurzen Beziehung erreicht. „Wenn du das sagst, muss es ja wohl so sein, Granger", bestätigte er nickend und verströmte kalte Wut.
Und sie weinte nicht mal, so wütend schien sie auf ihn zu sein. Und bitter, gemischt mit widerlicher Enttäuschung schüttelte sie nur den Kopf, schulterte ihre Tasche und ließ ihn mit zornigen Schritten stehen.
Wütend knallte er seine Tasche zurück auf den Tisch, und einige Schüler in der Entfernung an anderen Tischen, schossen ihm beleidigte Blicke zu. Und er zwang sich, sich hinzusetzen, denn sonst würde er gleich schreien und Wände einschlagen.
Sein Atem ging angestrengt, während er saß, die Fäuste auf dem Tisch geballt, aber sie war es nicht wert, dass er sich wegen dem Arschloch Potter aufregte. Er schloss kurz die Augen. Alle guten Gefühle, die er gehegt hatte, hatte der Zorn verschwinden lassen.
Lernen.
Er musste jetzt lernen.
Und nicht an sie denken. Ganz einfach. Er käme nicht angekrochen. Sie konnte angekrochen kommen! Und wenn sie es nicht tat, dann hatte er eben einen Fehler gemacht. Die nächsten Mädchen standen bestimm schon in der Schlange, um ihn zu bekommen, und er würde es ihnen bestimmt nicht verweigern. Denn unter all diesen Mädchen war nicht eine dabei, die ihm ständig widersprach und auch noch Potter vor ihn stellte! Keine!
Und war das nicht großartig, dachte er voller Zorn und knallte sein scheiß Zaubertränkebuch zurück auf den Tisch, so dass die Schüler in nächster Nähe zusammenzuckten. Aber keiner wagte, ihn anzusprechen, ihn zu maßregeln oder bei Madame Pince zu verpetzen.
Die Bibliothek würde vor Punkteabzug wahrscheinlich überlaufen, würde das passieren, wusste er mit grimmiger Sicherheit.
Sie strich wütend den Absatz durch, den sie sich gerade zum Wolfsbanntrank aufgeschrieben hatte. Sie hatte die Monate falsch eingetragen. Der Gemeinschaftsraum füllte sich langsam, denn die Schüler kehrten vom Essen zurück.
Zeit, dass sie hoch in den Schlafsaal lernen ging.
„Hey, Hermine, schon zurück?", kommentierte Ginny ihre Anwesenheit verblüfft. Richtig, Ginny. Sie konnte unmöglich böse mit Ginny sein. Ginny war schwanger! Es war so unglaublich, und Harry wusste es noch nicht. Nur Ginny wusste es und jetzt sie.
Ginny wusste es seit zwei Wochen.
„Ja", rang sich Hermine eine Antwort ab. Und Ginny freute sich über diese Neuigkeit, denn natürlich gab es für sie niemand anderen als Harry. Und sie fand es natürlich ein wenig verfrüht, aber sie sagte sich einfach, dass sie nur noch die Prüfung für ihre Zags machen würde, denn Fred und George hatten es nicht anders gemacht. Wie sollte Hermine dagegen argumentieren? Hatte sie auch nicht gewollt, denn Ginny würde auch so zurechtkommen, das wusste Hermine.
„Was ist los, Streit im Paradies? Du- oh", mischte sich Ron ein, hielt aber sehr schnell die Klappe, als sie langsam den eisigen Blick gehoben hatte. Er schenkte ihr ein unsicheres Lächeln. „Sieh mich nicht so an", murmelte er verängstigt. „Echt jetzt, Hermine", ergänzte er beschwichtigend und hob abwehrend die Hände.
„Ich bin sicher, deine gemütliche Puppenhaus-Idee hat sich zerschlagen?", vermutete Harry jetzt mit einem Grinsen, das ihr wohl sagen sollte, dass er es ihr schon gleich gesagt hatte, aber sie erhob sich abrupt.
„Halt deine Klappe, Harry", knurrte sie lediglich, verabschiedete sich entschuldigend von Ginny und ging mit zornigen Schritten zu den Treppen der Schlafsäle.
Oben angekommen schlug sie die Tür ins Schloss und setzte sich zornig auf ihr gemachtes Bett.
Sie war so wütend! Malfoy war so ein Mistkerl! Sie hatte nicht mal Lust gehabt, ihn zu beruhigen, ihn zu beschwichtigen! Er hatte es einfach nicht verdient! Wie er mit ihr sprach! Als hätte sie nicht das geringste Recht, Freunde zu haben. Als hätte sie nicht das geringste Recht, sich aufzuregen. Dabei wusste sie, weshalb Harry Draco nicht leiden konnte. Und aus denselben Gründen konnte sie ihn manchmal ebenfalls nicht leiden. Draco dachte nicht nach, wenn er jemanden verletzte. Es kümmerte ihn einfach nicht! Aber er war so nachtragend, wie eine Diva, und Hermine kotzte es langsam an!
Wie sollte sie jemals ein vernünftiges Gespräch mit ihm führen? Sie konnten ja nicht ständig abgeschottet von allen anderen, nur zu zweit irgendwo Zeit verbringen. Funktionierte es nur dann? War es eben so? Gott, und sie hasste, dass Harry Recht gehabt hatte! Und sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Oh, sie konnte sich denken, dass er nur darauf wartete, dass sie angekrochen kam. Dass er ihr zu gerne ein Ultimatum stellen würde!
Zornig atmete sie durch die Nase aus, dass sich ihre Naseflügel aufgebracht blähten.
All den Aufwand, den sie betrieben hatte! Sie hatte sogar mit Harry darüber gesprochen, dass sie alle zusammen wohnen konnten, weil sie sich alle bestimmt großartig verstehen würden! Was hatte sie sich dabei gedacht?!
Fast zerbrach die Feder in ihrer Hand, so fest drückte sie sie aufs Pergament. Am liebsten hätte sie alle Kissen von ihrem Bett direkt durchs geschlossene Fenster geschleudert.
Und Ginny hatte sie gebeten, es keinem zu verraten. Und das tat Hermine dann auch nicht. Und wenn ihm ihre Entschuldigung nicht gut genug gewesen war, dann war das sein Problem, und ganz bestimmt nicht ihres! Ja, es war gerade eine kritische Phase, und wahrscheinlich fasste er alles immerzu nur gegen sich auf, und er vertraute keinem – ja, ja. Sie wusste das.
Sie hatte nur gedacht, es wäre alles anders geworden, nach gestern!
Sie hatte sich ihm gestern ganz hingegeben, und heute machte er alles kaputt! Sie war auch verletzt durch die Dinge, die er einfach tat, ohne nachzudenken!
Sie hasste es. Sie war so wütend, dass sie nicht mal weinen konnte. Er machte alles so kompliziert. Es war nicht einfach, mit ihm zu reden. Es war immer nur schwer. Wenn sie erst mal eine seiner Türen geöffnet hatte, stand sie vor der nächsten verschlossenen Tür. Und es war eine undankbare Aufgabe, alle seine Schlösser und Türen zu entziffern, ihn zu beruhigen und ihm ständig zu versichern, dass alles ok war.
Es war frustrierend. Und sie war müde. Er konnte das nicht machen. Er konnte einfach nicht!
Lernen. Einfach lernen, Hermine. Sonst stehst du am Ende da, mit nichts als deiner Wut, sagte sie sich bitter.
Und dann lernte sie. Solange, bis die anderen Mädchen in den Schlafsaal kamen und sich hinlegen wollten, und noch weit darüber hinaus. Als Lavender sich über das Licht beschwerte, verschwand Hermine mit ihrer Decke wieder im Gemeinschafstraum, der bereits leer war.
Sie war im Modus. Sie hatte ihn schon lange vermisst. Aber jetzt war sie angekommen. Die Außenwelt war ihr herzlich egal. Sie lernte. Seite um Seite, Formel um Formel. Alles, was ihr Gehirn fassen konnte, lernte sie.
Und sie lernte noch, als die Sonne bereits aufging. Denn sie war gerade alles, nur nicht müde. Gefühle waren zurückgestellt, und sie befand sich im Einklang mit sich und ihrem Verstand. Und es tat so gut. Es tat gut, etwas zu tun, von dem sie endlich mal wieder Ahnung hatte. Es fühlte sich richtig an. Alle Entscheidungen, die sie in den letzten Wochen getroffen hatten, brachten eine beunruhigende Ungewissheit mit sich, aber das hier – Bücher wälzen, Formeln lernen – das brachte ihr Ruhe.
Und erst als die ersten Schüler in den Gemeinschaftsraum kamen, hob sie endlich den Blick aus ihren seitenlangen Notizen, um verblüfft festzustellen, dass es Montag war.
„Morgen", begrüßten sie die Erstklässler gähnend. Hermines Magen knurrte laut. Wow. Sie hatte tatsächlich durchgemacht. Sie fühlte sich großartig!
„Hermine." Ron hatte sie sanft angestupst. „Hermine, wir müssen los", sagte er, und ihre Augen flatterten auf.
„Was? Ich bin wach!", rief sie träge aus.
„O-k?", erwiderte Ron langsam. „Alles gut?", ergänzte er, und sie sah ihn gähnend an.
„Bestens", gab sie zurück und erhob sich von ihrem kaum angerührten Frühstück. Wie war sie in die Große Halle gekommen, wunderte sie sich knapp, aber schon folgte sie Harry und Ron gähnend aus der Halle auf den Flur.
Zauberkunst. Die ersten Stunden hatten sie Zauberkunst, und sie konnte nur hoffen, Flitwick ließ sie Sprüche mit Kissen machen, denn das käme Hermine sehr gelegen.
Sie erreichten das Klassenzimmer, aber noch war es verschlossen. Sie lehnte sich gegen die Wand neben der Tür, und Harry und Ron beobachteten sie misstrauisch.
„Hermine?", sagte Ron wieder, und irgendwie waren ihre Augen zugefallen.
„Hm?", schreckte sie auf.
„Hast du… heute Nacht geschlafen?", fragte er knapp, und sie nickte entrüstet.
„Natürlich!", log sie achselzuckend. Langsam fielen ihre Augen wieder zu, und sie musste versuchen, nicht an der Wand einzuschlafen. Sie bemerkte wie etwas vor ihren Beinen herwuselte. Flitwick war gekommen. Er schloss die Türen auf, und die Schüler strömten ins Innere. Sie protestierte nicht mal, dass die Jungen hinten sitzen wollten, denn es kam ihr recht.
Flitwick verkündete, dass sie heute mit Kissen den Accio in Verbindung mit dem Dopplungszauber üben würden. Es war ein Zauber, der in der Baubranche tagtäglich ausgeübt wurde, und er war nicht leicht zu beherrschen. Zumindest nicht, wenn man müde war.
„Harry, bringst du mit ein Kissen mit?", murmelte Hermine und hatte vergessen, dass sie sich mit Harry eigentlich noch gestritten hatte. Oder?
„Ja", bemerkte er mit einem eindeutigen Blick, aber sie gähnte herzhaft, und ignorierte seinen Spott.
Als er zurückkam, war sie bereits an Rons Schulter gesackt. Harry platzierte ihr Kissen vor ihr, und Ron legte sie sanft darauf ab. Hermine grunzte etwas zur Bestätigung, und Flitwicks Stimme säuselte sie in einen tiefen Schlaf.
Sie spürte Harrys Hand an ihrer Seite, als er sie wachstupste. Ihr Kopf flog in die Höhe.
„Miss Granger?", wiederholte Flitwick ungeduldig.
„Hm?", machte sie verwirrt und verschlafen.
„Welcher Bewegung entspricht der Zauber?"
„Nach Hurdles Gesetz fällt die Bewegung für die Dopplung unter die drei signifikanten Bewegungen der Erschaffung. Der Beginn, das Wachstum und die Vielfalt", ratterte sie runter, was sie heute Nacht erst notiert hatte. Ron schnalzte neben ihr ungläubig mit der Zunge.
„Nun – richtig", sagte Flitwick, verwunderte über die schnelle Antwort. „Nehmen Sie zehn Punkte."
„Die bekommt selbst im Schlaf zehn Punkte", murrte Ron neben ihr, und im Sitzen fielen Hermine schon wieder die Augen zu.
„Mr Weasley, können Sie uns die Bewegung der Vielfalt, die Miss Granger richtigerweise angesprochen hat, verdeutlichen?" Sie hörte Ron neben sich aufstöhnen.
„Jetzt gerade? Noch nicht…", schloss er resignierend. Ein paar andere Schüler lachten verhalten.
„Na, na, es ist wichtig, dass Sie diesen Ablauf bis nächste Woche beherrschen – ohne dass ich jetzt Tipps geben möchte", ergänzte Flitwick eilig. „Irgendwer anders?" Flitwick wandte sich ab, und gleichzeitig fiel Hermines Kopf zurück aufs Kissen.
„Sie ist unmöglich", beschwerte sich Ron kleinlaut neben ihr.
…
Irgendwie war Zauberkunst vorbei. Sie bemerkte es nur, als Ron sie an der Schulter berührte.
„Hermine? Komm schon!", zwang er sie, sichtlich genervt. Gähnend erhob sie sich von ihrem Platz.
„Habe ich… schon gezaubert?", wollte sie schlaftrunken wissen, und Ron verdrehte die Augen.
„Ja? Vorhin? Merlin, wieso hast du nicht geschlafen?", wollte er ungläubig von ihr wissen.
„Was haben wir jetzt?", fragte sie stattdessen, und er sah sie an.
„Wir haben gar nichts", betonte er langsam.
„Super!", sagte sie gähnend.
„Du hast Geschichte der Zauberei bei Binns", widersprach er mit mehr Nachdruck. Kurz überlegte sie.
„Super", wiederholte sie, denn sie glaubte, Binns würde es nicht merken, würde er selber während seines Unterrichts einschlafen. Dann konnte sie Schlaf nachholen. Ron holte Lavender ein.
„Hey, du hast jetzt auch bei Binns, richtig?", fragte er sie und schob Hermine in ihre Richtung. „Kannst du aufpassen, dass du sie nach dem Unterricht weckst?", fragte er grinsend, und Lavender betrachtete Hermine ein wenig ungläubig.
„Wieso schläft sie?"
„Was weiß ich", murrte Ron. „Weckst du sie?"
„Meinetwegen", erwiderte Lavender pikiert, und Hermine folgte Lavender den Flur hinab. Ihre Schultern hingen, und ihr war kalt vor Müdigkeit. Immerhin war der Klassenraum schon offen, als sie ihn erreichten, und Hermine ließ sich in die letzte Reihe neben Lavender auf einen Stuhl fallen.
Sie war eingeschlafen, bevor Professor Binns durch die Tafel geschwebt war, und wurde erst wieder durch Lavenders groben Stoß an der Schulter wieder geweckt.
Munterer blinzelte Hermine, als sich alle Schüler um sie herum bereits wieder erhoben.
„Was?", murmelte sie „Ich habe meine Augen erst eine Sekunde zugehabt", sagte sie ungläubig.
„Du schnarchst", informierte Lavender sie beflissen, während Dean den Daumen in der Luft emporreckte.
„Astrein, Hermine", bemerkte er. „Der alte hat nicht mal gemerkt, dass Seamus und ich Snape explodiert unterm Tisch gespielt haben. Ich glaube, dein Schnarchen hat er für Vogelgezwitscher gehalten."
Hermine spürte, wie sie rot wurde. Oh je… Gut, dass sie McGongagall erst heute Nachmittag hatte. Sie nahm an, würde sie da im Unterricht schlafen, würde McGonagall sie zwingen, ihr Schulsprecherabzeichen vor versammelter Menge zu verspeisen.
Obwohl nein, das würde Snape heute Nachmittag eher tun.
Sie streckte sich noch einmal ausgiebig, ehe sie sich erhob und ihr Magen laut knurrte.
Lavender war bereits verschwunden, und Hermine folgte träge den übrigen Gryffindors in die Halle. Mittagessen klang nach einem super Plan.
Sie hatte sich die Haare in einen Zopf gebunden und schlang das Essen fast genauso schnell herunter wie Ron neben ihr. Dieser warf ihr ab und an einen scheelen Blick zu, aber sie ignorierte ihn. Sie hatte vor, sich gleich noch eine halbe Stunde hinzulegen, um den Schlafmangel bis Verwandlung noch irgendwie aufzuholen.
Denn bei McGonagall war sie besser wach.
Sie hatte den Eintopf gierig und hungrig verschlungen, und erhob sich mit einem Blick auf Ginny.
„Ich ruhe mich kurz aus, wir reden heute Nachmittag", versprach sie ihrer besten Freundin eilig, denn Hermine hatte noch einige Fragen an Ginny, bezüglich des neuen Ereignisses, von dem sie zu gespannt war, wie Harry auf seinem hohen Ross damit umging.
Sie verließ die Halle in Gedanken und wäre fast in ihn hinein gelaufen, so abrupt war er im Türrahmen der Großen Halle erschienen. Richtig. Dieses Problem gab es auch noch. Sie hatte ihn heute erfolgreich verdrängt, darin war sie besonders gut, und jetzt stand er vor ihr. Ausgeschlafen und gutsaussehend. Unschlüssig verzog sich sein Mund.
„Oh Merlin, wenn das jetzt eine Szene wird, dann entschuldigt mich, ich möchte essen", bemerkte Pansy genervt und schob sich an Hermine vorbei in die Halle.
„Hey", wurde sie von Goyle scheu begrüßt, als er Pansy und Blaise in die Halle folgte. Hermine runzelte die Stirn. Aber nein, mit Goyle hatte sie tatsächlich die wenigsten Probleme aus dieser Bande an Slytherins.
Und Hermine wollte nicht streiten, sie wollte nicht reden, sie wollte einfach schlafen. Einfach nur schlafen, und nicht darüber nachdenken, dass er schuld daran war, dass sie es nicht getan hatte. Sein Blick musterte sie immer noch abweisend. Gott, er war so unglaublich nachtragend. Seine grauen Augen zeigten kein Erbarmen. Wie konnte sie eigentlich so blauäugig gewesen sein und angenommen haben, dass tatsächlich die Möglichkeit bestand, dass sie alle in einem Haus leben könnten?
„Hast du vor, dich zu entschuldigen?", fragte er sie tatsächlich, mit kalter Kontenance, trotzig, wie ein kleiner Junge.
„Ich?", wiederholte sie verblüfft, verwundert darüber, dass er überhaupt sprach.
„Sicher, wer sonst?", entfuhr es ihm böse. „Ich habe nichts getan", schloss er überheblich.
„Nein, Malfoy. Ich werde jetzt schlafen, denn ich bin müde."
„Hat Potter dich die ganze Nacht lang um Vergebung bitten lassen?", erkundigte er sich spöttisch bei ihr, und Hermine platzte der Kragen. Es passierte selten genug, und vor allem eigentlich nie in der Öffentlichkeit der Großen Halle, aber jetzt ballte sie die Fäuste und starrte ihn zornerfüllt an.
„Ja, weißt du was, genau das ist passiert!", erwiderte sie bissig. „Und anschließend habe ich ihm von dem Sex mit dir erzählt, und er war überzeugt, dass er es besser könne, und dann hat er es mir bewiesen! Wir waren die ganze Nacht dabei, und vielleicht hat er ein paar weise Tipps für dich, Malfoy!", zischte sie voller Hass, und seine Züge entgleisten seinem Gesicht übergangslos.
„Ich hoffe, du findest das witzig, Granger", flüsterte er hasserfüllt, und sie sah, wie er die Fassung verlor.
„Nein, ich finde es überhaupt nicht mehr witzig, du eingebildeter, eifersüchtiger Affe!", rief sie verzweifelt.
„Wenn Potter dir-"
„-wenn du noch einmal seinen Namen sagst, verfluche ich dich auf der Stelle! Hier vor der Großen Halle!", drohte sie so zornig, dass einige Schüler im Inneren neugierig die Hälse verrenkten, um sie zu sehen. Sein Mund öffnete sich, denn sein Kiefermuskel lockerte sich eine Spur.
„Vielleicht solltest du ihm sagen, dass du seine Eier gefunden hast, Granger", bemerkte er knapp. „Ich bin sicher, er sucht sie schon seit Jahren", ergänzte er böse. Seine grauen Augen wanderten über ihr Gesicht. Sie konnte nicht anders, als ihm ihre beiden flachen Hände wütend vor die Brust zu stoßen, dass er gegen den Türrahmen hinter sich stolperte. Sie hatte nicht übermäßig viel Kraft angewandt, aber er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass sie physische Gewalt einsetzen würde. Seine Augen hatten sich ungläubig geweitet.
„Du willst das so, oder?", fuhr sie ihn verzweifelt an. „Du kannst es nicht sein lassen?" Sie wischte sich die Tränen der Verzweiflung und der Übermüdung vom Gesicht. „Es ist ganz einfach, Malfoy", erklärte sie jetzt unter Tränen, „entweder du willst mich so wie ich bin – mit Harry und Ron an meiner Seite – oder du willst mich nicht und lässt mich in Ruhe, suchst dir eine neue Ablenkung und tust mir nicht mehr weh!", sagte sie müde und erschöpft.
Sein Mund hatte sich überfordert geöffnet.
Und sein Blick verließ langsam ihr Gesicht, und sie spürte, dass sie nicht mehr nur zu zweit im Torbogen der Großen Halle standen. Ein harter Ausdruck trat in Dracos Augen, und ihr Herz fiel, als sie Harrys Stimme hörte.
„Ich bitte dich, gib mir einen guten Grund, Malfoy", sagte Harry fast unerträglich ruhig. Draco stellte sich wieder aufrecht hin, gefährliche Gewaltbereitschaft im Blick, und Hermine wischte sich zornig die Tränen von der Wange.
„Ihr seid Idioten", fluchte Hermine übermüdet.
„Ich habe Sankt Potter nicht zu meiner Rettung gerufen", erwiderte Malfoy so abweisend, als würden sie sich nur oberflächlich kennen. Sie lachte auf.
„Ich habe ihn nicht gerufen!", empörte sie sich.
„Oh ja, eine Szene direkt hier im geheimen Torbogen der Großen Halle zu veranstalten dient natürlich nicht dazu, Potters Aufmerksamkeit zu erregen!", fuhr er sie haltlos an.
„Ich brauche Harrys Aufmerksamkeit nicht, Malfoy!", schrie sie jetzt. „Der einzige, der immer nur von Harry spricht, bist du! Du, du, du!", fuhr sie ihn an. Draco verdrehte daraufhin die Augen. „Und es reicht mir!", ergänzte sie völlig kraftlos. Dann wandte sie sich zu Harry um, der sie ein wenig überrascht betrachtete. „Und du!", sagte sie endlos erschöpft. „Wenn du dich weigerst, mir zu helfen, zu mir zu stehen, und ein paar Steine aus meinem Weg zu räumen, was deiner Überheblichkeit keinen Abbruch tun würden, dann halte dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten raus!", knurrte sie, so dass Ron einen Schritt zur Seite wich, als sprühe sie glühend heiße Funken. „Wenn du nichts mit der Tatsache zu tun haben willst, dass ich mit Draco zusammen bin, dass ich ihn liebe und ihn nicht verlassen werde, nur weil du es für eine schlechte Idee hältst, Harry, dann hast du das Recht verwirkt, hier her zu kommen und dich aufzuführen wie ein gekränkter, tiefverletzter bester Freund, der ihm nur zu gerne die Faust ins Gesicht schlagen möchte!" Sie deutete auf sich und ihn. „Das hier ist nämlich zweigleisig, Harry."
Sie atmete langsam aus. „Wenn du es nicht schaffst, eine Sekunde darüber nachzudenken, was für unsere Freundschaft richtig und wichtig ist, was erlaubst du dir dann, jetzt hier aufzutauchen und so zu tun, als würdest du mir den Rücken freihalten? Streite dich mit Draco in deiner eigenen Freizeit! Jetzt gerade bin ich nämlich dran!", schloss sie so laut, dass Stille über die Große Halle fiel.
Kraftlos drehte sie sich zu Malfoy herum, dem der Mund fast etwas einfältig offen stand.
„Ist es das, was du wolltest?", fragte sie erschöpft. „Vielleicht reicht es dir endlich als verdammter Beweis? Ich ziehe Harry nicht vor. Nicht in meinem Bett, nicht an meiner Seite, du dummer, egoistischer Slytherin!"
Und dann ließ sie die Jungen stehen. Einfach so. Sie würde nicht schlafen können, jetzt nach diesem Fiasko. Sie weinte zornige Tränen, und wünschte sich, gar nichts gesagt zu haben. Sie war zu müde, um zu streiten.
Sie hasste alle Jungen.
Und dann war sie gegangen. Sinnlos stand er jetzt Potter und Weasley gegenüber. Potter atmete überfordert aus.
„Vielleicht solltest du dir nächstes Mal überlegen, ob du sie wieder so wütend machen willst?", schlug er ihm glatt vor, und Dracos Mund verzog sich böse.
„Oh, ich bin nicht der einzige, der gerade zur Sau gemacht wurde, Potter", schloss er, aber er hatte ihre Worte nicht überhört. Sie liebte ihn. Sie hatte es laut gesagt, zwar nicht ihm gegenüber aber gegenüber dem Potter-Club…. Etwas zwickte in seinem Bauch vor Glück, aber noch ignorierte er dieses Gefühl. Sie hatte ihn geschubst und vor der versammelten Großen Halle angeschrien. Er war ein Malfoy, und er ließ sich nicht ungestraft blamieren.
„Na, habt ihr Spaß?", erkundigte sich die kleine Weasley, die sich mit einem zufriedenen Ausdruck neben Potter gestellt hatte. Die Gespräche in der Halle wurden wieder lauter. Scheinbar war es nun langweilig geworden, ihnen zuzusehen, nachdem Granger ihren großen Auftritt beendet hatte. „Schön", schloss sie mit einem nachsichtigen Lächeln.
„Malfoy, Hermine hat überlegt, dass wir alle zusammen ziehen können. In Harrys Haus, am Grimmauld Place", fuhr sie ungerührt fort. Dracos Augen weiteten sich ungläubig. Was? Die kleine Weasley machte wohl Witze!
„Es müsste renoviert werden", fuhr sie einfach fort, „aber Gold ist ja eher weniger dein Problem, richtig? Es ist ein großes Haus, jeder hätte seine Etage, vorausgesetzt, Ron möchte nicht mitkommen, und ich finde, die Idee ist – so verrückt sie auch klingt – nicht schlecht." Er hörte Potter entnervt neben der kleinen Weasley aufatmen. Weasley neben Potter stemmte die Hände in die Hüften.
„Hey! Wie kann es sein, dass ich durch Malfoy ersetzt werde?", fragte er bestürzt. „Seit wann gibt es diesen Plan?", wollte er zornig wissen.
„Ron, du willst doch wohl nicht mit zwei Paaren unter einem Dach wohnen?", erkundigte sich die kleine Weasley überrascht bei ihrem Bruder.
„Was soll…-?" Weasley unterbrach sich selbst und verzog angewidert den Mund. Er fixierte Potter mit einem entrüsteten Ausdruck. Ja, wahrscheinlich vögelte Potter Weasleys Schwester, nahm Draco in seinem Hinterkopf dumpf an. Und Granger wollte das? Es war doch nicht ihr ernst? Warum sollte er mit dieser Horde in einem Haus wohnen, was alt und baufällig war und er mit seinem Gold auch noch renovieren müsste?!
„Es war eine fixe Idee, Ginny. Nichts, was ich auch nur annähernd in Erwägung ziehen würde", sprach ihm Potter aus der Seele. Aber die kleine Weasley trug ein unlesbares Pokerface auf ihren Zügen.
„Ach nein, Harry?", bemerkte sie mit einem Blick aus geschliffenem Eis. Draco hatte keine Ahnung, was zwischen den beiden passierte, aber gut war es auch nicht.
„Nein?", erwiderte Potter, ein wenig unsicherer.
„Dann wird es Zeit, dass wir reden. Allein", ergänzte sie, und Draco würde für alles Gold der Welt jetzt gerade nicht mit dieser kleinen angsteinflößenden Person mitgehen. Ähnlich schien es Potter zu sehen.
„Allein? Was ist los, Ginny?", entfuhr es ihm vorsichtig.
„Komm", sagte sie nur, zog Potter mit sich, und er verblieb allein mit Weasley. Dieser schürzte die Lippen, vergrub die Hände unschlüssig in seinen Hosentaschen, und nickte abschließend.
„Jaah, wir haben gar nichts miteinander zu bereden", sagte Weasley knapp, wandte sich mit einem Nicken von ihm ab, und Draco war dankbar, endlich die Halle verlassen zu können.
War sie verrückt geworden? Er richtete seinen Blazer, kämmte ich nervös durch die Haare, und wusste nicht, was er denken sollte.
Aber… das konnte sie unmöglich ernst meinen…. Unmöglich. Sie sollte ihn besser kennen, dachte er zornig. Über seine Leiche würde er diesem Plan zustimmen.
