Kapitel 40
Sie war so unglaublich müde. Die Prüfungswoche war gekommen, und sie hatte bei weitem nicht so viel gelernt, wie sie vorgehabt hatte. Dank Draco. Er hatte sich gut darauf verstanden, sie von allen wichtigen Dingen abzulenken. Und sie hatte sich, dumm und verliebt wie sie war, ablenken lassen.
Und jetzt raufte sie sich die Haare über Verwandlung morgen, denn Geschichte der Zauberei hatte sie gestern mit biegen und brechen wahrscheinlich noch ziemlich gut bestanden, was sie von Zaubertränke allerdings nicht sicher sagen konnte.
Harry kümmerte sich gut um Ginny, wich nach den Prüfungen kaum von ihrer Seite, aber Hermine nahm an, Ron wusste immer noch von gar nichts. Denn es hätte den ein oder anderen Streit zwangsläufig geben müssen.
Das Portraitloch schwang auf, und es war immer seltsam, wenn er eintrat. Zwar war er der andere Schulsprecher, und theoretisch wusste er alle Passwörter der Gemeinschaftsräume, aber sie hatte ihn selten bis gar nicht davon Gebrauch machen sehen.
Er bedachte die Gryffindors mit knappen Blicken, ehe er langsam zu ihr schlenderte. Sie schüttelte schon den Kopf.
„Egal, was es ist – ich kann nicht mitkommen. Ich muss hier bleiben und lernen. Nicht mit dir in der Bibliothek, nicht mit dir in deinem Gemeinschaftsraum!" Sie wusste, er war nicht gerne hier. Sie hatte weitaus weniger Probleme, ihn zu begleiten, deswegen hatte sie sich hier verschanzt.
„Sehr lobenswert, Granger", räumte er mit einem Grinsen ein. Sie schüttelte nur den Kopf.
„Muss du nie lernen?", wollte sie böse wissen, denn er war so erstaunlich gelassen, dass es sie ärgerte. Er hatte auch kein Problem in Zaubertränke gehabt. Schien nie ein Problem mit irgendetwas zu haben, dabei konnte sie sich nicht entsinnen, ihn jemals wirklich lernen gesehen zu haben.
„Ich bin begabt", erwiderte er achselzuckend. Sie verzog böse den Mund.
„Schön für dich", gab sie nur zurück, verbot sich, ihn weiter anzusehen, aber er kam näher.
„Ich bräuchte deine Aufmerksamkeit für ein paar Minuten", erklärte er schließlich und wartete vor der Couch, auf der sie saß. Er würde sich nicht neben sie setzen, so wenig sagte ihm der Gemeinschafstraum zu.
„Malfoy, ich kann nicht!", gab sie gepresst zurück.
„Es dauert nicht lange", versprach er leiser. Es war ihm verdammt unangenehm hier zu sein, und vielleicht hatte sie Glück, und er würde gehen, ehe er sie wieder einmal überredet hatte. Es war so schwer, nein zu ihm zu sagen.
„Malfoy-!"
„-Granger, komm schon. Dann lass ich dich in Ruhe, und du kannst dich bewusstlos lernen", unterbrach er sie lapidar.
Harry kam die Treppen des Schlafsaals runter. Und kurz hielt er inne, als er Draco erkannte. Beide Jungen betrachteten sich kurz, mit nicht zu deutenden Blicken, die Hermine schon vor zwei Tagen aufgefallen waren, und sie wusste nicht, was vor sich ging. Beide verhielten sich, wie bei einem seltsamen Eiertanz, wo sie sich schließlich entschieden, einander zu ignorieren, als irgendetwas zu sagen. Es war sehr seltsam.
Harry beendete den Weg zur Couch und setzte sich neben sie, ohne Draco weiter zu beachten.
„Also?", wiederholte Draco und streckte ihr auch noch die Hand entgegen. Sie wusste, würde sie mit ihm gehen, dann… liefe sie Gefahr, sich von ihm verführen zu lassen, denn letztendlich lief sowieso alles darauf hinaus.
„Draco, ich… kann nicht", flüsterte sie gequält.
„Fünf Minuten", versprach er wieder, ein wenig ungeduldiger. Harry bedachte sie beide mit einem fragenden Blick.
„Wieso kannst du es nicht hier besprechen, wenn es nur fünf Minuten dauert?", startete sie einen letzten Versuch.
„Weil es privat ist", war seine schlichte Antwort. Und es lag etwas Ernstes in seinem Blick. Und ihre neugierige Seite war viel zu stark, als dass sie es hätte ignorieren können. Seufzend und ergeben erhob sie sich von der Couch und folgte ihrem Freund. Dieser Gedanke ließ ihr Herz immer einen Satz machen. Draco Malfoy war ihr Freund. Sie verabschiedete sich nicht von Harry, denn sie versprach sich, es würde nur fünf Minuten dauern!
Sie folgte Draco nach draußen, widerwillig ließ sie das Portraitloch hinter sich. Im Flur blieb sie allerdings stehen.
„Weiter gehe ich nicht", sagte sie voller Überzeugung, verschränkte die Arme vor der Brust, und er wandte sich um. Ein Lächeln erhellte seine Züge. Er fühlte sich bereits hier draußen wohler, als er sich in ihrem Gemeinschaftsraum fühlte.
„Angst, Granger?", war seine schlichte Antwort, und etwas Gefährliches trat in seinen Blick. Und sie erwiderte seinen Blick.
„Vor deinen Absichten immer, Malfoy", erwiderte sie schnippisch. Er kam näher, und wenn er sie jetzt küssen würde, wären ihre Beine wieder einmal Pudding. Aber er küsste sie nicht. Er zog einen dicken Brief aus seiner hinteren Hosentasche hervor. Und tatsächlich neugierig senkte sie den Blick.
„Was ist das?", wollte sie von ihm wissen.
„Angebote", erwiderte er schlicht. Und sie merkte, dass er anders war, als sonst.
„Angebote?", wiederholte sie ratlos. Seine ganze Haltung war… anders. Er wirkte nicht so, wie er ihr sonst gegenüber stand. Er wirkte… was war es? Distanziert? Ernster? Schuldbewusst? Es war so etwas. Etwas in dieser Richtung. Sie war sich sicher, konnte es aber nicht genau benennen. Aber sie wusste, es ließ ihr Herz schneller schlagen.
„Von möglichen Häusern, die ich kaufen könnte", schloss er schließlich. Sie schluckte. Ok, das klang nicht allzu schlecht.
„Und? Hast du dich schon entschieden?" Sie beschloss, erst einmal auf ihn einzugehen, bevor sie wieder versuchen würde, ihn zu überreden, mit Harry zu reden, und wenigstens noch einmal über Idee nachzudenken, dass er dort einziehen könnte. Vielleicht. Sie nahm ihm die Angebote aus der Hand und stutzte sehr kurz. Denn… die Namen der Straßen wirkten nicht wirklich… - englisch?
Sie hob langsam den Blick. „Was ist das?", fragte sie etwas atemloser.
„Es sind… lediglich Angebote", erwiderte er ruhig. Zu ruhig. Beschwichtigend. Als wäre sie im Begriff auszurasten. „Meine Mutter hat mir geschrieben. Einen sehr langen Brief. Und ihr neuer Freund ist im französischen Finanzmarkt ein ziemlich hohes Tier und hat mir einen Job angeboten", sagte er langsam.
„Einen Job?", wiederholte sie tonloser, als sie gewollt hatte. „Was soll das bedeuten?"
„Das bedeutet erst mal, dass ich hier noch kein Jobangebot einfach so bekommen habe", begann er, hob aber die Hände, „aber es bedeutet nicht, dass ich annehmen werde. Ich… wollte mit dir reden", endete er, bedacht darauf, ihr keine Angriffsfläche zu bieten. Ihre Atmung ging unregelmäßiger. Was sollte das bedeuten?!
„Worüber?", fragte sie also, ebenfalls bemüht, nicht zu schreien, oder zu weinen, oder laut zu werden – in egal welcher Weise.
„Über die Optionen, die wir haben", sagte er, so nichtssagend wie nur möglich.
„Du denkst darüber nach, nach Frankreich zu ziehen?", entfuhr es ihr mehr als ungläubig. Und er schwieg einen momentlang.
„Nein", sagte er schließlich ehrlich. „Ich denke darüber nach, mit dir dort hinzuziehen", erwiderte er. Ihre Brust hob und senkte sich. Sie versuchte, mehr Ruhe in ihre Körpersprache zu bringen, aber es war verdammt schwer.
„Was?" Ihre Stimme klang ungläubig. „Ich… ich kann nicht nach Frankreich ziehen", sagte sie kopfschüttelnd. „Meine Familie und meine Freunde wohnen hier. Und… ich spreche die Sprache nicht, und…" Und vor allem wusste sie nicht, ob sie überhaupt bereit war, mit ihm zusammen zu wohnen. Alleine, so weit weg.
„Ja, ich verstehe. Meine Familie wohnt nun in Frankreich", sagte er langsam, und sein Blick hatte sich abgewandt. Was konnte ihm seine Mutter geschrieben haben, dass er auf einmal solche Gedanken hatte? Hatte er Angst?
„Du weißt, dass du hier auch jeden Job machen könntest, den du machen wollen würdest?", erinnerte sie ihn, falls er vergessen haben sollte, dass er Schulsprecher war und das praktisch eine Freikarte für vieles war!
„Es ist komplizierter", entgegnete er und lehnte sich schließlich gegen einen der breiten Steinfenstersimse auf dem Flur. Er fuhr sich durch die dichten Haare, und plötzlich kam er ihr meilenweit entfernt vor, obwohl er direkte neben ihr stand. „Mein Name hat hier… einen anderen Klang. Die Leute verbinden damit nichts Gutes hier, und…" Er wandte den Blick ab, und sicher verstand sie, was er meinte, aber… aber er konnte doch nicht wirklich überlegen, wegzuziehen! Und sie mitzunehmen!
„Und was? Weil du Angst hast, willst du in ein anderes Land ziehen? Praktisch den Kontinent wechseln?", erwiderte sie, aber er sah sie wieder an.
„Es ist derselbe Kontinent, Granger-"
„-oh, du weißt, was ich meine!", fuhr sie ihn an. Es war ein anderer Kontinent, denn zwischen ihnen würde ein Meer liegen!
„Es war lediglich ein Gedanke", wiegelte er achselzuckend ab.
„Du hast bereits Angebote aus Frankreich entgegengenommen", widersprach sie schockiert.
„Ich habe nichts entgegen genommen! Ich habe sie lediglich zur Kenntnis genommen. Ich rede mit dir darüber, ich habe nichts getan", rechtfertigte er sich, und sie fand, sie gaben sich wirklich Mühe, zivilisiert zu reden. „Aber verstehst du mich wenigstens irgendwie?", wollte er von ihr wissen, und sie würde gerne die Arme vor der Brust verschränken und sagen, dass sie keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Aber sie verstand. Sicher verstand sie. Wenn ihre Eltern auf einmal nach Frankreich ziehen würden, dann würde sie auch überlegen, ob es sich nicht lohnen würde, hinterher zu kommen.
Aber… sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Narzissa hatte London fluchtartig verlassen. Sie schämte sich für ihren Namen mittlerweile bestimmt so sehr, wie Draco es tat.
Er hatte sich mit ihr nicht ausgesprochen. Und Hermine wusste nicht, was er wollte!
„Draco, ich weiß nicht, was ich sagen soll", sagte sie unglücklich. Sie wollte, dass er hier war. Bei ihr. Am besten in Harrys Haus. Dass sie zusammen arbeiteten. Egal, als was! Sie wollte bei ihm sein.
„Sag mir, was du willst", verlangte er nüchtern von ihr.
Sie wollte ihn.
„Ich weiß nicht. Ich… will, dass es dir gut geht", erwiderte sie schwach. Aber anscheinend ging es ihm mit ihr hier nicht gut, wenn er überlegte, nach Frankreich zu gehen.
„Es wäre… einfach eine Abwechslung. Ein Tapetenwechsel. Ich habe ohnehin kein Haus mehr", erwiderte er nachdenklich. „Und ich habe England satt", entfuhr es ihm. Er legte die Hand über die Stirn. „Ich… ich war oft in Frankreich. Es ist wunderschön dort. Die Landschaft, die Leute, das Klima. Es ist anders als hier", ergänzte er. „Die Sprache ist nur ein kleines Hindernis. Mit genügend Gold lässt es sich wunderbar dort leben. Meine Mutter und ihr Freund haben einen Weinberg. So etwas ist hier undenkbar."
„Ich mag keinen Wein", sagte Hermine trotzig, ohne nachzudenken.
„Darum geht es auch eher weniger", lenkte er kopfschüttelnd ein.
Und sie verstand, aber sie wollte nicht verstehen. Und dann sagte er es. Das, was sie dachte, aber hatte nicht denken wollen.
„Und… es wäre permanent, Hermine."
Die Worte hingen vor ihr, greifbar und so unsagbar bedeutungsschwer. Und sie wusste nicht, ob es ihm jetzt gerade erst bewusst wurde, oder ob er schon darüber nachgedacht hatte. Sie hatte jedenfalls noch nicht in solchen Größenordnungen gedacht.
Er sah sie direkt an. „Es wäre für immer. Oder zumindest für eine lange Zeit, wenn es nach mir ginge. Es wäre ernst mit uns", schloss er. Ja, er hatte also nachgedacht.
„Draco-", begann sie gequält, aber er hielt ihr die Prospekte entgegen.
„-sieh es dir an. Mehr verlange ich nicht, ok? Wenn es dir nicht gefällt, wenn es für dich unvorstellbar ist, dann… dann lassen wir uns was einfallen. Aber wenn du dir auch nur eine Sekunde lang vorstellen könntest, nicht mit deinen Gryffindorfreunden zusammen zu leben, sondern vielleicht einfach nur mit mir, an der französischen Riviera, dann… könnten wir etwas Neues anfangen", bat er sie. Schlicht und einfach.
Sie wusste, er hatte hier seine Familie verloren, aber musste sie dafür bestraft werden? Vielleicht mochte er London zurzeit nicht leiden, aber… wäre seine Antipathie dauerhaft? Was, wenn er es sich in einem Jahr anders überlegte? Und wollte sie, dass es permanent war? Wie sollte sie es ihren Eltern erklären? Oder ihren Freunden?
Was sollte sie tun? Konnte sie sich auf diese Art und Weise auf ihn verlassen? War es nicht viel zu gefährlich, eine solche Verbindung auf diese Art einzugehen?
Würde sie mit ihm nach Frankreich gehen, wäre sie dann dort nicht gefangen und für immer an ihn gebunden? Wie sollte sie ohne sein Gold dort wieder wegkommen? Wer stellte sie ohne Französischkenntnisse ein?
„Ich weiß, es ist einfacher, bei Potter zu bleiben", sagte er schließlich, als sie sich noch nicht gerührt hatte. „Und wenn du das willst, dann… bleiben wir hier", endete er. Aber darum ging es nicht. Sie wollte nicht bei Harry bleiben! Wie das schon klang. Als wäre ihr Leben abhängig von Harry. Aber… es war ein zu großer Schritt! Sie konnte doch nicht einfach mit ihm gehen. Und es war nichts schlimm daran, hier zu bleiben.
Sie wusste nicht mal, ob sie mit ihm zusammen wohnen wollte, ging ihr ängstlich auf. Alleine. Sie hatte noch nie allein gewohnt. Und sie war sich anscheinend nicht so sicher, wie er es war.
Es war so beängstigend, wie einfach es für ihn war.
Und sie fühlte das Ultimatum so stark. Und sie wusste nicht, was letztendlich sein Ausschlag war, nach Frankreich zu fliehen. Aber sie wusste, würde sie sagen, sie würde bleiben, dann würde er bleiben. Für sie. Und sie würde sich schlecht fühlen, deswegen.
Ihr Mund öffnete sich ratlos. Und der Gedanke, ihn zu verlieren war so bodenlos. Sie hatte ihn doch erst gefunden! Wieso machte er alles kaputt?
„Ich weiß, du willst lernen", lenkte er schließlich ein und hielt ihr die Angebote entgegen. Und sie schloss den Abstand, schlang die Arme um seinen Nacken und küsste ihn, denn es war nötig, dass sie das tat. Sie wollte nicht nachdenken, was passieren würde. Sie wollte mit ihm nicht reden, wie erwachsene redeten, wenn sie überlegten, alles hinter sich zu lassen.
Sie wollte mit ihm Hogwarts beenden. Sie wollte mit ihm auf den Ball. Sie wollte nicht nachdenken, ob sie Ja zu einer Zukunft mit ihm sagen musste. Er brauchte eine Sekunde, um zu reagieren, zog sie aber an sich und küsste sie ebenfalls. Sie stand zwischen seinen Beinen, während er noch am Fenstersims lehnte, während seine Hände ihr Gesicht liebevoll umfassten, während er sie inniger küsste.
Es war so süß, dass es weh tat. Sie liebte ihn. Aber sie würde alles andere aufgeben, wenn sie seinen Neigungen jetzt nachgab, wenn sie seine Aversion gegen England unterstützte, nur weil er gerade Angst hatte.
Sie hatte selber zu viel Angst.
Sie war nicht wirklich auf die Frage eingegangen, nach Frankreich zu ziehen oder nicht dorthin zu ziehen. Sie hatte ihn geküsst. Um ihn zu beschwichtigen? Und er war darauf reingefallen. Denn er war ihr verfallen. Und es war bitter genug. Der Brief seiner Mutter war anders gewesen als all die anderen.
Sie hatte sorgloser geschrieben, war ihm aufgefallen. Nicht drängend, nicht verzweifelt, so wie ihre Briefe sonst immer geklungen hatten. Und es war verrückt, dass er selber zugeben musste, dass es Narzissa ohne Lucius' Anwesenheit, ohne die Präsenz von Malfoy Manor, besser ging.
Er wusste nicht, ob es ihm besser ging. Er hatte Granger. Das war ein Plus. Er hatte begonnen, sein Leben hier auf die Reihe zu bekommen. Aber nur hier in Hogwarts. Er wusste nicht, was danach passieren würde. Wie er zurecht kommen musste. Klar, es war einfach für Potter, den Helden. Jeder nahm ihn mit Handkuss. Aber ihn?
Wer wollte ihn?
Und er wusste nicht, was er tun sollte. Es wäre viel leichter, würde er gehen. Verschwinden von hier. Dorthin, wo er sich nicht rechtfertigen müsste. Und vielleicht wollte er das wirklich, denn, er hatte das Gold. Es wäre kein Problem. Der einzige Grund, weshalb Leute nicht weggingen war doch der, dass sie es sich nicht leisten konnten. Und er würde für sie bezahlen. Er würde ihr jeden Wunsch erfüllen. Sie musste nichts weiter tun, außer bei ihm zu sein. Er verstand nicht einmal, wieso sie überhaupt zögerte!
Es machte ihn fast wütend. Dass sie ihn zappeln ließ. Er war Draco Malfoy. Und er merkte schon, wie wenig Bedeutung es hier hatte.
Er nahm an, hätte er jedem anderen Mädchen, so ein Angebot gemacht, dann wären sie ihm zu Füßen gefallen, hätten ihre Sachen gepackt, und er hätte heute noch abreisen können, wenn er wollte. Mit ihr war es anders.
So anstrengend anders. Und er hatte keine Angst. Sie hatte es tausendmal behauptet, aber er hatte keine Angst. Er war es einfach nur leid, aber das verstand sie ja nicht. Angst! Er! Er fand, er war ziemlich furchtlos. Nach Frankreich ziehen, wäre mutig von ihm. Nicht ängstlich.
Und wie seine Mutter schrieb… - es war fast verlockend, es zu sehen. Mit eigenen Augen zu sehen, wie die alten Gefühle von einem abfallen konnten. Wenn seine Mutter sich so großartig dort fühlte, dann…-
Pansy kam die Treppen von den Schlafsälen hinab und unterbrach seine Gedanken. Betont gleichmütig schritt sie auf ihn zu und setzte sich neben ihn. Er hob entsprechend langsam den Blick.
„Ja?", entfuhr es ihm gedehnt, ein wenig zu abweisend.
Pansy blätterte lustlos durch die Angebote, die noch immer auf dem Tisch lagen. Seine Launen hatten sie noch nicht verletzen können. Pansy war… relativ schmerzfrei, was seine Launen anging.
„Rue de Laurent – viel zu laut!", sagte sie abschätzend. „Saint Paul – liegt viel zu hoch auf dem Berg. Wie soll man dort wieder runterkommen?" Sie warf eine Villa nach der nächsten auf den Tisch zurück.
„Wieso siehst du dir solche Villen an?", wollte sie schließlich wissen. Draco saß neben ihr, immer noch halb in Gedanken versunken. „Du überlegst, dorthin zu ziehen, oder?", kombinierte Pansy schließlich.
„Scharfsinnig, Pansy", erwiderte er spöttisch.
„Zu deiner Mutter?", ignorierte sie seine Beleidigung.
„Nicht zu meiner Mutter", korrigierte Draco sie automatisch. Merlin, soweit käme es noch. Er hatte sich noch nie mit seiner Mutter verstanden, da würde er erst recht nicht zu ihr ziehen!
„Aber in die Nähe", griff Pansy seine Worte auf.
„Vielleicht", räumte er unwillig ein. Ja, vielleicht. Wenn der neue Lover einen Job für ihn in Aussicht hatte. Er würde sich nicht einmal anstrengen müssen dort.
„Wieso?", wollte sie verständnislos wissen. Er zuckte die Achseln.
„Vielleicht will ich dort arbeiten?" Er sah sie eindeutig an. Pansys Mund öffnete sich verwirrt.
„Du willst… arbeiten?", wiederholte sie ungläubig. Richtig, er hatte vergessen, mit wem er sprach. Er war es so gewöhnt, mit Granger zu reden und von ihr zu hören, wie sie es nicht erwarten konnte, nach Hogwarts ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
„Du nicht, nehme ich an?" Aber er bereute seine Frage bereits. Es war auch nicht wirklich eine Frage.
„Nein?", erwiderte sie, als läge es klar auf der Hand. „Blaise und ich werden heiraten, ich ziehe in sein Haus, übernehme den Haushalt?" Ja, reaktionäre Traditionen. Er erinnerte sich noch dunkel daran.
„Weiß Blaise davon?", wollte er probehalber wissen, aber Pansy machte eine wegwerfende Handbewegung, als wäre das nebensächlich.
„Seit wann bist du so arbeitswütig?", wollte sie jetzt wissen. „Liegt es an Granger?", vermutete Pansy grinsend. „Will sie nicht deine kleine Hausfrau werden, Draco?" Draco verdrehte die Augen.
„Ich will überhaupt nicht, dass sie das wird", entgegnete er kopfschüttelnd.
„Du rebellierst ziemlich deutlich gegen deine Erziehung", bemerkte Pansy fast nachsichtig. Als wäre er im Unrecht, und sie hätte die Weisheit dahinter längst begriffen. „Du kennst niemanden in Frankreich. Seit wann bist du scharf darauf, den Freund deiner Mutter kennenzulernen?" Draco atmete langsam aus.
„Keine Ahnung", sagte er resignierend.
„Hast du ihr vergeben, dass sie abgehauen ist und wen neues gefunden hat?", fragte Pansy weiter, die Arme vor der Brust verschränkte.
„Keine Ahnung", wiederholte er und lehnte sich auf der Couch zurück. Er hasste Pansys Fragen.
„Warte mal", sagte Pansy jetzt langsam. „Du hast Granger gefragt, ob sie mit dir kommt, oder?" Sie lauerte auf seine Antwort.
„Sicher habe ich das", antwortete er ohne jeden Zweifel.
„Wow. Und?" Pansys Stimme klang trocken.
„Sie hat mir keine Antwort gegeben", erwiderte er nur. Pansy schien darüber kurz nachzudenken.
„Ich verstehe immer noch nicht, weshalb du weg willst", sagte sie ungläubig. Draco hob den Blick.
„Was habe ich hier noch?", wollte er nun von ihr wissen.
„Du hast uns", sagte sie sofort.
„Ich bitte dich", erwiderte er abschätzend. „Wenn du Mrs Zabini bist, ständig im Club rumhängst, glaubst du ehrlich, ich würde Zeit mit euch verbringen?" Kurz wirkte sie verletzt. Aber nur kurz. Denn… Pansy war nie verletzt. Nicht wirklich. Nie durch seine Worte.
„Nein, du würdest lieber alleine in Frankreich wohnen. Granger sagt niemals Ja zu diesem Plan", antworteten Pansy felsenfest überzeugt.
„Nein, Granger will in Potters Haus ziehen. Mit Potter und der kleinen Weasley", gab er bitter zurück. Und Pansy lächelte leicht, ehe sie sich ihm ganz zuwandte.
„Ich finde es nur passend, vor allem nachdem ich für die Tischkarten für den Ball verantwortlich bin und mir die Freiheit genommen habe, dich an ihren Tisch zu setzen. Ich dachte, es macht mehr Sinn. Denn… du bist anders geworden", informierte sie ihn. Und es klang fast wie eine Beleidigung, fand er. Er hatte sich nicht verändert! Er war immer noch er selbst!
An den Gryffindortisch? Er konnte schon den Gemeinschaftsraum nicht leiden, und Pansy setzte ihn an deren Tisch?! Ehe er etwas entsprechend Beleidigendes erwidern konnte, hatte ihr Blick eine seltsame Note angenommen. Eine Note, die er an Pansy nicht kannte, denn Ernsthaftigkeit und Problembewusstsein gehörten selten zu Pansys Stärken. Und er hatte eigentlich erwartet, dass sie ihn unterstützte. Nicht, dass sie ihn noch praktisch in Potters Ecke schob. Dass sie sich lustig machte, über die Idee, mit Potter zusammen zu wohnen. Aber Pansy tat etwas anderes. Sie schien seine Gedanken zu erraten, die verdammte Schlange.
„Weißt du, Draco, ob du nach Frankreich ziehst oder nach Peking – wenn du ihre Freunde nicht akzeptierst und ihre Wünsche ignorierst, dann wirst du immer meilenweit von ihr entfernt sein. Ob du dich mit ihr in einem Raum befindest, oder hundert Länder weit entfernt bist", schloss sie mit einem eindeutigen Blick. „Und selbst wenn sie mit dir geht, wirst du immer wissen, dass sie das nur getan hat, weil du ihr keine Wahl gelassen hast." Ihr Blick war so widerlich selbstgerecht, dass er kotzen könnte. „Und dann wäre sie dein kleines Weib, was doch zuhause sitzen würde, oder nicht? Denn das wäre doch die Konsequenz, nicht wahr?"
Kurz öffnete sich sein Mund.
Nein. Nein, das war nicht der Fall. Und Pansy war ein dummes Miststück! Er beharrte nicht auf die Tradition. Ihm so etwas zu unterstellen, war einfach nur… es war einfach nur… falsch. Pansy lag falsch. Natürlich würde sie es so auslegen, aber es ging nicht um Granger. Nein! Es ging um… es ging – um ihn. Fast resignierend erkannte er diesen Gedanken.
Es ging um ihn. Und fast begriff er, dass er egoistisch war. Dass er tatsächlich im Begriff war, absolut selbstsüchtig zu handeln. Aber nur fast.
Denn er war Draco Malfoy.
„Weißt du was?", fuhr er sie an und erhob sich übergangslos. „Seitdem du in Blaise verliebt bist, bist du einfach nur noch ätzend geworden", knurrte er und verließ den Gemeinschaftsraum, ohne Pansy noch einmal anzusehen. Seit wann maß sie sich an, absolut alles zu wissen? Dämliche Syltherin-Ziege.
