Kapitel 42

Er hatte nicht wirklich viel geschlafen. Er hatte die meiste Zeit wachgelegen, war nicht mehr in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors gegangen, den er sowieso verabscheute, und wusste, er befand sich auf Kollisionskurs mit seiner Freundin, wenn er länger zögerte, wenn er sie länger warten ließ.

Wenn er sich nicht entschied, dann würde es alles schlecht ausgehen. Das Gespräch mit der kleinen Weasley war anders gelaufen, als er es sich vorgestellt hatte. Aber ja, er hatte darüber nachgedacht. Und vielleicht war ihm nicht jeder feindlich gesinnt.

Vielleicht nicht Potters Freundin.

Und er hasste es, zuzugeben, dass auch Pansys Worte Sinn ergaben. Er würde Hermine zwingen. Er würde sie zu etwas zwingen, was er nicht rückgängig machen konnte. Und er wusste nicht, ob er das wollte.

Er wusste nicht, wie viel Überwindung es ihn kostete, nachzugeben. Er wusste nicht, was es brauchte, damit sein Gewissen endlich ja sagen würde.

Er hatte keine Angst. Er hatte nie Angst, es bereitete ihm lediglich schlaflose Nächte.

Es war sein Stolz. Sein Stolz kam ihm ständig in den Weg. Und er wusste nicht, wie er rechtfertigen konnte, in Potters Haus zu wohnen. Mit Potter. Aber er musste es gar nicht rechtfertigen. Sein Vater war tot. Seiner Mutter dürfte es egal sein.

Und es lag an ihm.

Er schloss die Augen, denn er musste noch ein wenig schlafen. Morgen war die letzte Prüfung, und er war fast dankbar, dass sie alle ihren eigenen Gedanken nachhingen, in der letzten Woche, denn er hätte sich mit Hermine bestimmt schon mehrfach gestritten.

Es gab ihm die Zeit, die er brauchte, um nachzudenken.

Und er wusste nicht, ob sie ihm entgegenkommen würde, oder nur darauf wartete, dass er aufgab. Würde er? Würde er nachgeben, wenn sie ich weigerte? Wahrscheinlich, dachte er resignierend, denn sie gewann diese Spiele seit neuestem immer.

Er war sich nicht sicher, wie weit sie bereit war, zu gehen. Was sie tun würde. Wie wichtig er ihr wirklich war. Er wusste es nicht.

Machte er es davon abhängig? Dass er sich nicht sicher war, ob sie ihn wirklich liebte?

Er hatte keine Angst. Alles, aber keine Angst.

Er musste sich über diese Dinge Gedanken machen. Es ging um sein Leben.

Aber er liebte sie. Und wahrscheinlich war das alles, was zählte.

Er war es nur noch nicht gewöhnt, andere vor seine Bedürfnisse zu stellen, aber wahrscheinlich war es Zeit, dass er sich gewöhnte.

Er weigerte sich, Angst zu haben. Und damit fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Sie hatte nicht mehr mit Draco gesprochen, gestern. Aber jetzt standen sie in einer Schlange, um die Prüfung abzulegen. Ihre Gedanken kreisten um Abwehrbewegungen mit dem Zauberstab, offene Kreise, die richtigen Formeln und gleichzeitig um französische Wörter für ‚erschaffen'.

„Hi", raunte er hinter ihr, und sie begriff, er hatte sich vorgedrängelt. Sein warmer Atem, traf die Haut ihres Nackens, und sie schauderte.

„Hi", begrüßte sie ihn ebenfalls, und dann legten sich seine Hände tatsächlich auf ihre Hüfte. Ihr Herz machte einen Satz. „Draco!", rief sie heiser aus, und spürte, wie er kurz seine Lippen gegen die Haut ihres Halses presste. Ihre Wangen brannten vor Röte, und schon war seine Berührung verschwunden.

„Aufgeregt?", fragte sie ungeniert, und sie würde ihn einfach umbringen. Sie brauchte einen Moment, um ihr klopfendes Herz zu beruhigend, und wandte sich um.

„Ja", flüsterte sie und schüttelte den Kopf über seine Dreistigkeit.

„Tut mir leid, dass ich gestern nicht mehr vorbei gekommen bin", murmelte er, drehte den Zauberstab zwischen den Fingern, und vor ihr hatte Harry seine Prüfung beendet und Ron war nun an der Reihe. Sie hatte nicht mal zugesehen, ob Harry alles bestanden hatte. Er wartete schließlich am Rand des Raums, während Ron mit grimmigem Ausdruck begann, die Wasserwand aufzubauen, wie ihm aufgetragen wurde.

„Schon gut", sagte sie, und seine Nähe war wie immer toxisch.

„Ich… ich wollte dir sagen, ich habe mir Gedanken gemacht", fuhr er fort.

„Ich auch!", sagte sie hastig. Er sah sie an.

„Lass mich zuerst", bat er sie, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nein, Draco, ich möchte wirklich, dass du weißt, dass ich-"

„-Hermine, ich muss dir wirklich dringend etwas sagen", unterbrach er sie.

„Du verstehst nicht", sagte sie lächelnd. „Diese Sache mit Frankreich. Wenn du wirklich willst, dass-"

„AHHH!" Harrys Schrei unterbrach ihr Gespräch, und alle hoben die Köpfe. Ron hatte seine Wasserwand scheinbar auf Harry stürzen lassen, so sah es zumindest aus, auch wenn es keinen Sinn ergab.

Rons Atem ging schnell, während er Harry zornig fixiert hatte. Klatschnass stand Harry vor der tropfenden Wand, die Ron ebenfalls getroffen hatte.

„Mr Weasley!", brachte der Prüfer empört hervor. „Sie können doch den Zauber nicht so beenden! Es hätte sonst etwas passieren können!", rief er aus. „Das gibt einen Punkt Abzug", informierte ihn der kleine Mann streng.

„Ups. Mein Fehler", war Rons eisige Antwort, während Harry keuchend die Stirn in Falten legte. Die Prüfer besprachen sich knapp, und Ron wandte sich Harry zu. „Das war dafür, dass du es mir nicht gesagt hast!", knurrte er, und Hermines Mund schloss sich langsam.

Oh, richtig. Ginny wollte es ja Ron sagen. Hatte sie scheinbar auch. Harry schlotterte mittlerweile, wagte aber nicht, irgendetwas zu erwidern. Die Prüfer waren fertig.

„Mr Weasley, der Zauber war tadellos ausgeführt, aber die Gefährdung eines anderen Menschen kostet sie Eine Note. Erwartungen Übertroffen für Sie", kamen die Prüfer zu einem Schluss. Ron schien es egal zu sein, er schritt auf Harry zu, und dieser nahm schleunigst die Beine in die Hand und verließ vor Ron, tropfend den Raum.

Dann war sie an der Reihe.

Sie wandte sich hastig um, ehe sie zu den Prüfern ging.

„Draco, ich… komme mit dir. Wenn du nach Frankreich willst, komm ich mit", flüsterte sie lächelnd, und dann wandte sich glücklich um, um ihre Prüfungsaufgabe entgegen zu nehmen.

Sie sollte den Verschwindezauber ausführen, und das tat sie mit absoluter Überzeugung.

Ihr Herz klopfte schnell in ihrer Brust.

Hinter ihr stand Draco mit vor Verblüffung geöffnetem Mund.

Aber das bekam sie gar nicht mit.

Sie und Draco hatten sehr gut abgeschnitten bei der Prüfung, und sie konnte nicht glauben, dass das alles gewesen war. Sie war durch. Mehr oder weniger erfolgreich, aber sie war durch!

Sie waren runter zum Essen gegangen, und sie verwundert darüber, dass Draco sie gar nicht mehr auf Frankreich angesprochen hatte. Und sie war verwundert darüber, dass er sie tatsächlich stehen gelassen hatte, um mit Harry zu reden – der mittlerweile wieder trocken war. Auch Ron schien sich abgeregt zu haben.

Äußerst argwöhnisch beobachtete sie dieses Verhalten der Jungen. Sie drucksten sich vor der Großen Halle herum und sprach verhalten miteinander. Es war sowieso immer faszinierend zu beobachten, wie sie scheinbar miteinander sprachen, ohne sich gegenseitig umbringen zu wollen. Sie saß bereits am Tisch, und Ginny kam zu ihr.

„Hey, ich habe gehört, alles lief wunderbar?", erkundigte sie sich grinsend. „Abgesehen von Harrys Dusche?"

„Jaah", sagte Hermine lächelnd. „Ich nehme an, Ron hatte seine Gründe?", fragte sie, und Ginny verdrehte die Augen.

„Das kann man sehen, wie man will", bemerkte sie. „Aber er weiß es jetzt, und solange er es Mum nicht sagen muss, denke ich, wird er es verkraften", schloss sie achselzuckend. „Und?", ergänzte sie gespannt. Hermine sah sie an.

„Na ja, alles ist gut. Morgen ist der Ball. Ich bin ziemlich gespannt, ob die Vertrauensschüler alles geregelt kriegen", erwiderte Hermine, und Ginnys Stirn runzelte sich.

„Das meinte ich gar nicht", erwiderte sie. „Hast du nicht mit Draco gesprochen?", fragte sie jetzt.

„Doch. Heute Morgen", bestätigte Hermine. Ginny sah sie abwartend an.

„Und?", fragte sie.

„Und…" Hermine zögerte. Worauf wollte Ginny hinaus? Sollte Hermine es ihr sagen? Sie musste es ohnehin irgendwann sagen, überlegte sie. „Und… ich habe ihm gesagt, dass ich nach Frankreich mit ihm gehen, wenn er es will", schloss sie aufgeregt. Ginnys Augen weiteten sich verwirrt.

„Was?" Ehrliche Ratlosigkeit zeichnete Ginnys Züge. „Was meinst du damit?"

„Was meinst du damit, was ich damit meine? Also, Draco wollte nach Frankreich, weil-"

„-ich habe gestern Nachmittag mit ihm gesprochen", sagte Ginny verwirrt. Hermine runzelte die Stirn. Ginny sprach mit ihm? Seit wann das? „Oder… eigentlich hat er mit mir gesprochen", korrigierte sich Ginny nachdenklich und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Eigentlich ist es egal, wer mit wem gesprochen hat", schloss sie kurzerhand. „Jedenfalls denke ich nicht, dass Frankreich noch aktuell ist, Hermine", stellte sie klar.

Hermine sah sie an.

„Oh, deswegen hast du französisch gelernt, oder?", hakte Ginny plötzlich nach. Hermine nickte langsam, aber verstand noch immer nicht. „Aber… er hat mich gestern auf Grimmauld Place angesprochen", begann Ginny lächelnd. Hermines Mund öffnete sich. „Und… er will, dass wir zusammen wohnen. Und… Harry hat sein Ok gegeben. Also… muss keiner nach Frankreich", fasste Ginny strahlend zusammen.

Hermine starrte sie an.

„Was?", flüsterte sie. „Er hat…?" Ginny nickte nur. Hermines Blick wandte sich wieder um, und sie sah zu, wie Harry den Kopf schüttelte, wild gestikulierte, und Draco nachzudenken schien, ehe er wieder den Kopf schüttelte. „Entschuldige mich kurz", murmelte Hermine, ehe sie sich erhob. Sie überwand den Abstand mit federnden Schritten, fast lief sie bereits.

Sie unterbrach das Gespräch von Harry und Draco, und beide sahen sie an.

„Wieso… wieso willst du das tun?", flüsterte sie völlig perplex. Hatte er ihr nicht noch erzählt, dass es unmöglich war, dass das passierte? Wollte er ihr das heute Morgen sagen?

„Wieso willst du mit mir nach Frankreich?", stellte er ihr ruhig die Gegenfrage.

„Frankreich?", wiederholte Harry ungläubig, für den diese Information ebenfalls neu war.

„Weil…", begann sie, aber sie spürte bereits die Tränen hinter ihren Augen brennen. Und sie sah, wie er langsam die Mundwinkel hob. Er war so unglaublich schön. Er war so unglaublich blöd! Wieso hatte er ihr das nicht schon längst gesagt? „Du verrückter Idiot", murmelte Hermine kopfschüttelnd, konnte aber nicht aufhören zu lächeln.

„Selber", bekam sie seine raue Antwort, ehe er sie an sich zog.

„Oh bitte!", rief Harry angewidert und Hermine hörte, wie er schnellsten verschwand.

Glücklich ließ sie sich von ihm küssen. Sie hatte keine Ahnung, was seine Meinung geändert hatte, oder wer, aber sie war so unendlich dankbar. Und sie wusste, dass es wahrscheinlich egal wäre, wo sie wohnten. Und wenn sie in einem Iglu in der Antarktis wohnen würden, Hauptsache, sie wäre bei ihm.

Sie konnte nicht fassen, was aus ihm geworden war. Sie konnte nicht fassen, dass sie alle erwachsen geworden waren.

Und sie konnte nicht glauben, dass alles gut ausging. Zum ersten Mal machte es tatsächlich den Anschein, als wäre nicht alles zum Scheitern verdammt.

Sie löste sich von seinen Lippen und umarmte ihn heftig. Und es war ihr egal, wie viele Schüler zusahen, wie viele Schüler tuschelten und was alle anderen denken würden. Lächelnd schloss sie die Augen und genoss seine Nähe, genoss seinen Körper und seine Liebe durchflutete sie praktisch.

„Hast du Hunger?", fragte er sie schließlich, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nein", erwiderte sie nur.

„Nein?", wiederholte er, löste sich von ihr und betrachtete prüfend ihr Gesicht.

„Nein, wir können die Zeit bis zur Party anders nutzen", schlug sie ihm fast unschuldig vor. Aber ein Schatten legte sich über sein Gesicht. „Was?", fragte sie sanft. Er schüttelte knapp den Kopf.

„Ich… ich muss kurz was erledigen, ok?", sagte er, und ehe sie protestieren konnte, küsste er sie schnell auf die Lippen und entschuldigte sich mit einem schmalen Lächeln bei ihr.

Wo wollte er hin? Sie sah ihm nach. Sie hatte ein dumpfes Gefühl in der Magengegend.

„Hermine! Essen!", rief Harry eine Spur genervt. Und Hermine beschloss, es nicht zu hinterfragen. Sie mussten schließlich nicht ständig aneinander kleben. Richtig?