Kapitel 43
Er hatte Angst.
Jetzt hatte er Angst. Sie war so schleichend gekommen, und jetzt hatte sie ihn überrascht. Er hatte Angst davor, wie einfach es war.
Und gerade weil er Angst davor hatte, hatte er davon abgesehen, mit ihr in seinen Schlafsaal zu gehen, um festzustellen, wie einfach es wäre, mit ihr zu schlafen. Wie perfekt es sein würde, denn für gewöhnlich traute er dem Schein nicht.
Seitdem er mit Harry Potter tatsächlich darüber gesprochen hatte, eine Wand einzureißen und neue Wände hochzuziehen, um zwei abgetrennte Wohnungen aus dem Haus zu machen, hatte ihn diese Angst befallen.
Es ging zu leicht. Er war es nicht gewöhnt, dass Dinge funktionierten, wenn sie sollten.
Seine Ausrede war so lächerlich und fadenscheinig gewesen, aber sie vertraute ihm wohl genug. Und je länger sie ihn angesehen hatte, je länger er sie geküsst hatte, umso weniger hatte weggewollt, aber er konnte nicht. Er hatte nicht gekonnt.
Sein Herzschlag ging seit zwei Tagen schneller als sonst.
Er hatte Angst. Echte Angst.
Da. Er gab es zu.
Pansys Worte hatten etwas in ihm gelöst, von dem er nicht mal gewusst hatte, dass es vorhanden war. Er hatte niemals darüber nachgedacht, dass ihm etwas gehören könnte, was für immer seins sein sollte. Was ihn für immer lieben würde.
Und jetzt lief er panisch über die Ländereien von Hogwarts und hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Es war später Nachmittag, und hatte er sich eine Weile damit beschäftigen können, seine Sachen zu packen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung, so konnte er es jetzt nicht mehr.
Er war so verdammt erheblich. Und er wollte sie. Er liebte sie tatsächlich, so seltsam das auch war, und selbst Potter akzeptierte es. Selbst Potter ließ ihn unter Vorbehalt in sein Haus. Und er durfte das jetzt nicht versauen. Er durfte jetzt nicht panisch werden.
Aber er wusste nicht, ob es richtig war, was er tat. Er wusste, wenn er es jetzt versaute, wenn er jetzt auch nur einen falschen Schritt machte, dann könnte es sein, dass er alles verlieren würde.
Aber er wusste nicht, ob er es konnte. Gestern hatte er sich noch Broschüren von Villen in Frankreich angeguckt, heute diskutierte er, welche Renovierungsfirma er bestellen würde, um Potters Haus auf seinen Standard zu bringen! Es war verrückt!
Und sie! Sie liebte ihn einfach? Sie würde mit ihm nach Frankreich kommen, wenn er es wollte? Er wusste nicht, ob er erwartet hatte, dass sie niemals ja dazu sagen würde! Er wusste nicht, ob er sich unbewusst hatte selbst sabotieren wollen! Er wusste es nicht!
Er wusste nicht, weshalb er wie ein Wahnsinniger an seinem letzten Schultag draußen rumlief und Antworten suchte.
Denn er hatte seine Antwort.
Er hatte sie. Sie war alles, was er wollte. Er wusste das.
Und dennoch… und dennoch hatte Potter Recht, oder nicht?
Er war doch nicht gut genug! Wie konnte er sich einreden, dass er gut genug wäre? Dass es klappen würde, einfach so? Er vertraute sich nicht, er konnte sich nicht erklären, weshalb sie es tat? Weshalb sie kein Problem damit hatte, zu sagen, sie würde mit ihm nach Frankreich kommen, aber es ihn tausendfache Überredung kostete, zuzustimmen mit Potter zusammen zu wohnen, dem gekrönten Helden der Welt!
Sein Weg hatte ihn zum Tor geführt.
Und weil er zurzeit der Schulsprecher war, von dem Dumbledore immer geträumt hatte, hielt er sich an die Regeln. Er kannte die Passwörter, zog den scheiß Ravenclaws Punkte ab, wenn sie auch nur eine Minute zu spät die Flure durchstreiften, und er wusste die Losung der Tore.
Er schluckte schwer.
Er wusste die Losung. Er hatte keine Ahnung von kalten Füßen, aber er nahm an – dass es das war. Und er wusste, es war lächerlich. Denn kalte Füße waren das, was die Bräute an der Hochzeit bekamen. Bestimmt nicht Männer, die ihren Abschluss in der Tasche hatten und ihre Zukunft mit der Frau beginnen wollten, die sie liebten.
Still stand er vor den großen Toren. Er rührte sich nicht.
Er durfte nicht raus. Alles, was er tun musste, war, umzudrehen, und nicht rauszugehen. Er durfte nicht in alte Muster verfallen. Er durfte nicht.
Er würde zurückgehen. Er würde sie finden. Vielleicht würde er im Gemeinschaftsraum der Gryffindors feiern. Und sich dort nicht willkommen fühlen. Sich dort von Potter und Weasley durchleuchtet fühlen und sich die ganze Zeit über fragen, was in ihn gefahren war? Wie er glauben konnte, er hätte auch nur die geringste Chance.
Die geringste Chance, dazuzugehören.
Selbst wenn Pansy ihn an den Tisch dazu gesetzt hatte. Zu den Gryffindors. Er war keiner von ihnen.
Sie wäre mit ihm gekommen. Nach Frankreich. Nach nur einem Tag überlegen. Und er schaffte es nicht mal, einen einzigen Tag lang zu glauben, dass alles gut werden würde!
Er wusste vieles. Aber er wusste nicht, wie er diese Panik bekämpfen konnte. Er konnte es ihr nicht sagen, denn sie würde ihn dafür hassen, oder nicht? Ihn dafür hassen, dass er nicht war, wie Potter. Dass er nicht alles hinnahm, eine Lösung fand und sich abfand.
Er schloss die Augen und musste sich beruhigen.
Er durfte nicht gehen. Draco, du darfst nicht gehen. Nicht gehen.
Er musste es ihr beweisen. Aber er wusste nicht wie. Millionenmal besser. Sie war besser. Und er war nur ein Todesser. Wie weit war er gekommen, nur um kurz vor Schluss von seinen verdammten Zweifeln eingeholt zu werden? Was hatte er alles verlieren müssen, um hier zu stehen?
Es würde nicht funktionieren.
Auf einmal wusste er es. Er würde es versauen.
Wie sollte er so tun können, als wäre er besser als das?
Er hatte unmenschliche Angst. Und er hatte Angst, es ihr zu sagen, denn wenn sie es sah? Wenn sie sah, dass er nicht so sicher war, wie er immer vorgab zu sein? Wenn sie sah, dass er sich nicht um alles kümmern konnte? Dass er kein Held war?
Dann würde sie gehen. Und alles wäre dunkel.
Und was dachte er, wer er eigentlich war?
„Pavere!", sprach seine tonlose Stimme.
Und die Tore schwangen lautlos auf.
Draco wusste nicht, dass jemand sein Augenmerk auf ihn gerichtet hatte. Weit oben, aus den Fenstern der Bibliothek wurde er beobachtet.
Die Sonne war mittlerweile untergegangen. Und sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass er vorbeikommen würde. Jeder Gemeinschaftsraum feierte zwar getrennt den letzten Tag, aber er kam immer vorbei. Sie hatte sich gewundert. Darüber, dass er gesagt hatte, er hätte noch etwas zu erledigen, aber sie hatte angenommen, er würde später vorbeikommen.
Vielleicht sollte sie zu ihm gehen? Immerhin war er bisher jedes Mal zu ihr gekommen und sie niemals zu ihm. Zumindest nicht, ohne dass er sie vorher überreden musste. Sie biss sich auf die Unterlippe und wusste nicht, warum sie so ein komisches Gefühl hatte.
„Hermine?" Harry kam zu ihr, zwei Flaschen Butterbier in der Hand. „Du hast noch gar nichts getrunken. Lass uns anstoßen auf… na ja, den Abschluss und… die Zukunft", sagte er unschlüssig, aber er gab sich die Mühe, nicht zu pessimistisch zu klingen. Sie nahm ihm das Butterbier ab und wandte den Blick endlich vom Turmfenster in den Gemeinschaftsraum zurück.
„Harry, ich… muss kurz was erledigen", wich sie seinem Angebot lächelnd aus. Er runzelte die Stirn.
„Kannst du nicht eine Stunde ohne ihn existieren?", durchschaute Harry sie augenblicklich. Aber Hermine wurde nicht einmal mehr rot. Es gab für sie keine Ausreden mehr. Sie lächelte lediglich.
„Nein", antwortete sie einfach nur. Und zuerst dachte sie, Harry würde die Augen verdrehen, würde sie auslachen, aber er musterte sie nur.
„Ok", sagte er schließlich achselzuckend, „dann geh." Seine Stimme klang so neutral, fast schon gleichmütig. „Und lass mich bei Gelegenheit wissen, was so toll an ihm" rief er ihr nach, als sie sich beeilte die Treppen zu ihrem Schlafsaal hochzulaufen. Sie hatte gepackt, aber eine Sache hatte sie vorsorglich zur Seite gelegt. Sie lag auf ihrem Nachttisch und sie schloss die Faust um den kleinen, kühlen Gegenstand, ehe sie den Schlafsaal wieder verließ. Niemand beachtete sie, denn die meisten feierten ausgelassen, und sie schlüpfte nach draußen auf den Flur.
Sie kam schnell voran, denn es war niemand auf den Gängen, der sie aufhielt. Nach einigen Minuten hatten sie die Treppen überwunden und hatte den Flur zur Großen Halle erreicht. Hier putzten die Elfen, bereiteten bereits den Abschlussball für Morgen vor, und Hermines Herz klopfte in stiller Vorfreude, dass sie morgen ihren Abschlussball hatte und dort mit Draco hingehen würde. Aber sie hatte ein seltsames Gefühl. Irgendwo, tief in ihrem Innern.
Der Weg zu den Slytherins lag ebenfalls wie ausgestorben vor ihr, nur dass sie die Musik aus dem Gemeinschaftsraum deutlicher hörte, als bei den Gryffindors. Sie bemühte sich nicht, zu klopfen, sondern sprach das Passwort direkt und wurde von der warmen Luft und dem Geruch von härteren Sachen als Butterbier empfangen.
Sie erkannte Pansy und Blaise weiter hinten. Sie schob sich durch die Slytherins, die sie nicht wirklich mit freundlichen Blicken bedachten. Am wenigsten Caldon Kingston, an dem sie vorbei kam. Aber sie ignorierte ihn und sein unfreundliches Gesicht.
„Hey, Pansy", begrüßte sie Pansy, ohne viel Freundlichkeit.
„Granger", erwiderte Pansy lediglich, ein Glas roter Flüssigkeit in der Hand.
„Wo ist Draco?", fragte sie direkt, suchte kurz den Raum mit ihrem Blick ab, und Pansy hob eine Augenbraue.
„Bei euch?", entgegnete sie eindeutig entnervt, aber Hermine sah sie verblüfft an.
„Bei uns? Nein, ich habe ihn seit Stunden nicht mehr gesehen", sagte sie schließlich verwirrt.
„Ich auch nicht", bestätigte Pansy schließlich.
Er war nicht da. Das stellte Hermine nun fest. Weder bei den Gryffindors, noch bei den Slytherins. Aber wo sollte er sein? In der Bibliothek? Nach den Prüfungen? Vielleicht war er baden im Badezimmer der Vertrauensschüler? Aber – sie schämte sich fast für den Gedanken – wieso sollte er dort sein, ohne ihr Bescheid zu sagen?
„Ok", sagte Hermine nur. Wo war er? Sie nahm nicht an, dass er oben war. Was sollte er alleine in seinem Schlafsaal sitzen? Sie machte kehrt. Ihre Schritte waren langsam und ungewiss, denn sie hatte keine Ahnung, wo er sein könnte. War er bei Dumbledore? Oder bei Snape? Aber sie war auch Schulsprecherin, also wieso sollte er irgendwo sein, wo sie nicht war? Ihr Herz klopfte unruhig, und am liebsten wollte sie schreien.
Am Portraitloch angekommen, wurde sie aufgehalten.
„Ich weiß, wo er ist", sagte Caldon Kingston ruhig hinter ihr. Sie wandte sich langsam um.
„Woher solltest du das wissen?", wollte sie ungläubig von ihm wissen, denn sie konnte es sich nicht vorstellen. Draco hatte ihn geschlagen. Wieso sollte er ihr helfen?
„Glaub mir oder lass es bleiben", erwiderte er achselzuckend und wartete ein paar Sekunden, ehe er sich nickend abwandte.
„Ok, wo ist er?", gab ihre Sorge nach, und lächelnd wandte er sich wieder um.
„Folg mir", erwiderte er und verließ als erster den Gemeinschaftsraum. Sie folgte dem schlanken Slytherin unsicher. Sie glaubte eigentlich nicht, dass er wusste, wo Draco war. Sie verließen den langen Flur der Keller, um wieder nach oben zu gehen.
„Woher weißt du, wo er ist?", wollte sie schließlich wissen, als sie zu ihm aufschloss.
„Ich habe ihn gesehen", antwortete er schlicht.
„Und wieso sagst du es mir nicht einfach?", forderte sie schlecht gelaunt, denn sie hatte keine Lust, von Caldon hingehalten zu werden, aber er antwortete darauf nur mit einem vielsagenden Lächeln.
„Weil ich gerne dein Gesicht sehen möchte, wenn wir da sind", schloss er achselzuckend. Hermine runzelte die Stirn. Sie traute dem glatten Slytherin nicht. Kein Bisschen.
„Wenn das ein Trick sein soll-!"
„-kein Trick, verehrte Schulsprecherin. Es handelt sich nur um einen Schüler, der sich nicht an die Regeln hält", verkündete er, und stieß schließlich die Haupttore des Schlosses auf. Die Abendluft war warm, und er bedeutete ihr, vorzugehen.
„Wo… wo gehen wir hin?", wollte sie unsicher wissen, als Caldon vor ihr die Haupttreppe runterging. Gelassen, fast zu ruhig.
Er sprach eine Weile nicht. Immer wieder blickte sie sich zum Schloss um. Die Umgebung war noch zu erkennen, aber in spätestens einer halben Stunde, würde es dunkel werden, sie war sich sicher. Sie folgte ihm, weiter den Weg hinab. Den Weg zum Tor.
Sie ging ein kleines Stück hinter ihm, denn sie wollte nicht mit ihm reden. Dann erreichten sie das hohe schmiedeeiserne Tor. Er blieb stehen.
„Wir sind da", verkündete er lächelnd. Sie starrte auf die rostigen Gitterstäbe vor sich.
„Wo?"
„Vor dem Tor", schloss er offensichtlich. „Ich war meine Bücher abgeben, als ich ihn gesehen habe. Er war hier draußen und hat das Tor geöffnet. Ich nehme an, er betrinkt sich gerade im Dorf", ergänzte er lapidar. Hermines Mund öffnete sich langsam.
„Nein", sagte sie einfach nur.
„Du glaubst mir nicht?", vergewisserte sich der Slytherin mit den stechenden Augen vor ihr.
„Nein, ich glaube, das ist ein Trick von dir!", sagte sie böse.
„Ein Trick?", wiederholte er belustigt. „Wieso? Weil ich immer noch scharf darauf bin, mit dir zum Ball zu gehen? Glaub mir, daran habe ich kein Interesse mehr!", erwiderte er kalt. „Ich lasse mich nicht gerne schlagen, Hermine, glaub mir", erklärte er. Aber dann kam er näher. „Weißt du, eigentlich ist es praktisch, dass er verschwunden ist. Und es ist praktisch, dass ich weiß, dass er verschwunden ist", ergänzte er.
Ängstlich wich sie gegen die Stangen des Tors zurück.
„Ich habe einen Zauberstab!", drohte sie ihm jetzt. „Komm bloß nicht näher!"
„Weißt du, ich wäre eine wesentlich bessere Wahl gewesen als er", fuhr Kingston unbeeindruckt fort. „Ich breche immerhin nicht die Regeln. Ich verarsche dich nicht die ganze Zeit über. Aber du bist einfach nur genauso dumm, wie alle anderen Mädchen!" Seine Finger umschlossen die Gitterstäbe neben ihrem Kopf, während er den Kopf tiefer lehnte. Hermine überlegte, welchen Spruch sie ihm verpassen sollte. Sie war so wütend! Er war ein Arschloch!
„Rühr mich nicht an", spuckte sie ihm entgegen.
„Noch habe ich nichts getan", erklärte er kalt, bewegte sich aber kein Stück.
„Ist es nicht verflucht komisch, dass du immer dann auftauchst, wenn sie mal ein paar Minuten alleine ist?", schnarrte seine Stimme hinter Kingston gefährlich ruhig.
Draco! Kingston sprang wie gestochen von ihr zurück.
„Langsam habe ich die Schnauze wirklich voll davon", fuhr Draco böse fort, den Zauberstab bereits fluchsicher in der Hand.
„Ich habe gesehen, wie du gegangen bist!", schnappte Kingston wütend.
„Wirklich? Was tue ich dann hier, du mieses Schwein?", erkundigte sich Draco, und er schloss den Abstand. „Verpiss dich. Bevor ich dich wieder einmal in deine jämmerlichen Schranken weise. Ich habe heute nämlich keine Lust darauf, Arschloch", erklärte er. Und Kingston schien zu überlegen, schien es vielleicht drauf ankommen lassen zu wollen, entschied sich aber in der letzten Sekunde dagegen. Ehe er gehen konnte, hatte Draco seinen Arm umfasst. „Und rühr sie nicht an. Komm ihr nicht mehr zu nahe! Verflucht, wag es nicht mal mehr, sie überhaupt noch wahrzunehmen, hast du mich verstanden?", knurrte Draco so tief, dass Hermines Herz vor Angst schneller schlug.
Kingston entriss ihm seinen Arm und stürmte praktisch zurück zum Schloss. Dann waren sie allein. Und langsam beruhigte sie sich wieder. Der Zauberstab in seiner Hand sank. Er trug seine Uniform und fuhr sich jetzt müde über die Augen.
„Was… was tust du hier?", fragte sie endlich, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
„Wieso bist du ständig mit ihm unterwegs?", fragte er stattdessen und fixierte sie zornig.
„Ich…? Ich bin nie mit ihm unterwegs, Malfoy!", fuhr sie ihn an. „Er hat gesagt, er weiß, wo du bist, denn du bist derjenige, der heute einfach verschwunden ist!", ereiferte sie sich. „Und scheinbar hat er ja gewusst, wo du bist!" Dann weiteten sich ihre Augen. „Warst du… warst du draußen? Im Dorf?", fragte sie ungläubig, und er atmete langsam aus. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nein", sagte er, und sie wusste nicht, ob er log.
„Nein? Wieso bist du dann hier?", wiederholte sie ihre Frage.
„Ich… wollte gehen. Ich hatte das scheiß Tor offen und… - konnte nicht. Ich konnte nicht gehen, ich konnte nicht zurück. Ich konnte gar nichts mehr!", erwiderte er schließlich.
„Was?", flüstert sie verständnislos. „Was meinst du damit, du konntest gar nichts mehr?" Und langsam wurde es dunkler um sie herum. Er steckte den Zauberstab zurück und fuhr sich durch die Haare.
„Ich… keine Ahnung", sagte er schroff.
„Warum wolltest du gehen?", fragte sie jetzt vorsichtig, denn sie hatte Angst vor der Antwort.
„Keine Ahnung!", wiederholte er zorniger. „Und es ist egal, ich habe es nicht mal getan!", rechtfertigte er sich in einem angriffslustigen Ton. Sie kannte diesen Ton von ihm.
„Warum bist du so?", flüsterte sie, denn er machte ihr Angst.
„Warum?", wiederholte er und lachte freudlos auf. „Weil ich nicht anders kann, ok? Weil ich eben so bin!"
„Ich verstehe nicht", sagte sie widerwillig. „Ich dachte…" Aber sie hatte keine Ahnung, was sie dachte. Sie dachte, alles wäre gut? Alles wäre ok? Scheinbar… war es das nicht? Aber scheinbar wollte er nicht reden? Nicht mit ihr zumindest. Er wollte lieber… gehen. Sie standen voreinander, ohne zu reden. Er mied ihren Blick, unschlüssig und zornig. Beides zugleich.
„Geh", sagte er schließlich, „du verpasst deine fabelhafte Party", schloss er grimmig. Sie wollte nicht ohne ihn gehen. Sie wollte gar nichts ohne ihn machen. Sie dachte, er würde das ähnlich sehen.
„Was ist passiert?", fragte sie verzweifelt. „Was…?"
„Nichts ist passiert!", rief er zornig. „Es ist alles gut, verdammt", schnauzte er.
„Ja? Wieso stehst du dann hier draußen? Seit Stunden, wie es aussieht? Was wolltest du tun? Raus? Ins Dorf? Dich betrinken?", entfuhr es ihr böse, und er hob den Blick.
„Ja", erwiderte er nur. „Genau das. Einfach raus", wiederholte er tonlos. Und sie nickte langsam.
„Ok. Ich wusste nicht, dass du das so dringend willst. Dass du das brauchst", ergänzte sie, und fühlte sich so verloren. Sie wusste nicht mehr, was sie tun sollte.
„Tja, tut mir leid", sagte er achselzuckend.
„Wieso… wieso redest du nicht mit mir?", wollte sie verzweifelt von ihm wissen.
Er lachte wieder auf. „Und was soll ich sagen? Was soll ich verdammt noch mal sagen, Granger?", rief er wütend. „Dass ich Angst habe? Dass es mir eine scheiß Angst macht?"
„Was?", rief sie unter Tränen. „Was macht dir Angst?" Aber sie wollte es gar nicht wissen. Er deutete auf sie.
„Das! Wir! Das alles, Granger. Ich…" Wieder raufte er sich die Haare.
„Ich verstehe nicht", sagte sie wieder, schüttelte den Kopf, wischte sich eine Träne von der Wange, und wusste nicht, was sie tun sollte. „Ich… dachte, alles wäre gut? Du hast mit Harry gesprochen. Du wolltest… ins Haus ziehen. Und selbst wenn nicht, ich habe dir gesagt, ich komme mit dir. Also… was genau ist es, was so furchtbar beängstigend für dich ist?", wollte sie hilflos von ihm wissen, denn sie kam sich so dumm vor. So verloren und so dumm.
„Genau das, Granger. Ich kann… das nicht. Ich kann dir nicht versprechen, dass es funktionieren wird. Dass… dass ich funktionieren werde", schloss er, immer noch zornig mit ihr.
„Was?" Sie starrte ihn an. „Was soll das überhaupt heißen?"
„Es soll heißen, dass du dich nicht auf mich verlassen kannst!"
„Draco-"
„-nein, ich kann das nicht. Ich bin das nicht gewohnt, und es ist anstrengend, ok? Nicht auszurasten, wenn man ausrasten will, ist anstrengend, Harry nicht ins Gesicht zu schlagen, wenn er ein arroganter Wichser ist, ist anstrengend, so zu tun, als wäre die Zukunft einfach und durch Wände hochziehen zu bewältigen, ist verdammt noch mal anstrengend!", donnerte seine Stimme über das Gelände.
„Und jetzt?", flüsterte sie, denn sie wartete nur darauf, dass er es sagte. Dass er sagte, dass er es nicht konnte. Dass er sie nicht wollte. Dass er alles bereute, dass er zurück wollte. Dass er… einen Fehler gemacht hatte.
„Keine Ahnung", sagte er einfach nur. Sein Atem ging schwer, und wieder schloss er die Augen. Sie konnte nicht fassen, dass er das tat.
„Weißt du", begann sie eisig, „am besten überlegst du dir vorher, was du willst, bevor du mich anlügst, Malfoy", schloss sie. Ihr Herz brach in so viele Stücke, und sie fühlte sich verraten und belogen von ihm. Und sie hasste ihn jetzt gerade. Sie schloss den Abstand und drückte ihm den, mittlerweile warmen, Klumpen Metall in die Hand. „Ich wollte es dir schon längst gegeben haben", flüsterte sie. „Aber jetzt ist es egal. Wirf es weg oder mach sonst was damit", entfuhr es ihr verletzt und sie ließ ihn stehen, rannte den Weg zurück zum Schloss. Die Dunkelheit hatte sich über Hogwarts gelegt, wie ein dichter Schleier. Sie wischte sich erneut die Tränen von der Wange, und erreichte schluchzend das Schloss.
Was sollte sie jetzt tun? Wo sollte sie jetzt hin?
Sie wusste es nicht. Sie wusste es nicht mehr….
Unglücklich öffnete er die Hand. Er blickte hinab auf ein perfekt geformtes Herz aus Koboldsilber. Sein Mund öffnete sich perplex. Es waren die alten Schulsprecherabzeichen. Seines und ihres, verschmolzen für immer. Vielleicht war das Zufall. Aber es war… ein seltsamer Zufall. Seine Hand schloss sich um das Silber und er blickte in die Dunkelheit.
Er lehnte sich gegen das verschlossene Tor. Was hatte ihn annehmen lassen, dass sie es verstehen würde? Dass sie ihn trösten würde? Sie tröstete ihn nicht mehr. Die Zeiten waren vorbei. Und egal, ob er nun gegangen wäre oder eben nicht gegangen war – sie war sauer.
Was hatte er getan? Er hatte sie nicht angelogen. Wieso verstand sie nicht?
Er konnte es nicht völlig ruhig hinnehmen. So war er nicht.
Manchmal bekam er Panik. Und jetzt gerade wünschte er sich, er hätte sie nicht so angefahren. Jetzt gerade wünschte er sich, er könnte es zurücknehmen.
Sie hatte geweint, wegen ihm. Schon wieder wegen ihm.
Wieso machte er alles falsch?
„Na nu?"
Draco schrak zusammen, als der Riese aus dem Schatten der Dunkelheit trat. Der Saurüde an seiner Seite schnupperte laut. „Was tust du hier?" Missmutig sah ihn der Riese an. Und Dracos Blick fiel.
„Ich weiß es nicht", antwortete er müde.
„Nich'?", wiederholte der Riese verblüfft. „Solltest du nich'… im Schloss sein?" Unschlüssig betrachtete ihn der Riese. „Also eigentlich darf kein Schüler mehr raus. Auch nich' die Schulsprecher. Und… ich sollte dir Punkte abziehen und Dumbledore Bescheid sagen."
Draco hob den Blick. Der Riese verzog den breiten, bärtigen Mund. „Jetzt guck schon nich' so, Merlin noch mal", brummte er. „Hast du hier gerade so geschrien?", wollte der Riese misstrauisch wissen. Und Draco seufzte.
„Ja."
„Wieso?"
„Ich habe mich mit Hermine gestritten", räumte er zerknirscht ein, denn das hatte er wohl scheinbar wieder einmal. Es ging den Riesen zwar nichts an, aber mit wem zur Hölle sollte er reden?
„Hm, hm…", machte der Riese nachdenklich.
„Und dieses Mal…", begann Draco kopfschüttelnd, „habe ich es tatsächlich versaut."
„Hm", wiederholte der Riese ruppig. „Ich hab da was", schloss er. „Komm mit", forderte er Draco auf und machte Kehrt. Und Draco wollte nicht zurück ins Schloss. Hermine würde nicht mehr mit ihm sprechen, und jetzt gerade konnte sein Abend nicht schlimmer werden.
Er folgte also dem Riesen. Das Herz in seiner geballten Hand war mittlerweile heiß geworden.
