Kapitel 44
Er wusste nicht, was es war, aber musste heftig niesen und es brannte höllisch in seiner Kehle. Tränen traten in seine Augen.
„Verflucht!", röchelte er und blinzelte die Tränen heftig fort. Die Riese strahlte ihm entgegen.
„Habe ich selber gebrannt. Habe mich mal daran versucht. Ein wenig lasch, aber durchaus genießbar, nich'?", fragte er stolz, und Draco musste sich an der Tischkante festhalten. Neben ihm schlief eines von den Monstern, die sich der Riese hielt. Aber es hatte sich immerhin direkt neben seine Seite gelegt.
Aber Draco hatte Mühe, noch geradeaus zu gucken.
„Merlin", brachte er heiser hervor. „Was ist das?", wisperte er, denn seine Stimme hatte versagt.
„Feuerwhiskey, gemischt mit Hornblütenschnaps, Wichtelwasser und… äh… noch irgendetwas! Stinkmorchelsaft, und dazu eine gemörserte Chili-Schote!", zählte er begeistert auf. Draco hatte das Gefühl, ihm würden Rauchwolken aus der Nase kommen. „Oh, und ein Löffel Kröterspucke", ergänzte er trocken. Draco hob angewidert den Blick. „Nein!", lachte der Riese, als hätte er einen großartigen Scherz gemacht. „Das war Spaß!"
Langsam sah Draco wieder in Farbe, und blinzelte die letzten Tränen weg. „Vielleicht ist die Toleranz unterschiedlich", mutmaßte der Riese nachdenklich.
„Vielleicht", wiederholte Draco hustend, und endlich kam seine Stimme zurück.
„Also?", fragte der Riese langsam. „Was ist los?"
Draco antwortete, auf die Gefahr hin, dass ihn der Riese vielleicht sonst wirklich noch vergiften würde. Außerdem hatte er nichts mehr zu verlieren.
„Wir hatten eine Streit über… ich weiß es nicht", murmelte er achselzuckend. Er trank tatsächlich noch einen weiteren Schluck. Und dieses Mal musste er nur einmal niesen. Es wurde besser, stellte er fest. Und es schmeckte nicht einmal halb so schlecht, wie er beim ersten Schluck angenommen hatte. Der Riese schien begeistert, dass er noch einen Schluck probiert hatte.
„Es wird besser, mit jedem Schluck!", versprach der Riese heftig nickend. Draco merkte außerdem, es machte betrunkener mit jedem Schluck. Seine Zunge kam ihm jetzt schon ungewöhnlich träge vor.
„Sie will bei Potter einziehen", lallte Draco, ohne es verhindern zu können. „Mit… seiner Weasley", ergänzte er kopfschüttelnd, und wagte noch einen Schluck.
„Ihr wollt alle zusammen ziehen?", fragte der Riese zweifelnd.
„Verrückt, hm?", bestätigte Draco. „Und jetzt, wo Potter Vater wird, ist es nur noch komplizierter."
„Was?" Der Riese starrte ihn an. „Kann nicht sein!"
„Doch!" Draco leerte seinen Becher schließlich, musste kurz die Augen geschlossen halten, und als er sie wieder öffnete starrte ihn der Riese wissbegierig an. „Oh", ergänzte Draco jetzt ertappt, „das ist natürlich ein Geheimnis", schloss er eindringlich, während sich der Riese vor seinen Augen verdoppelte.
„Ich verrate nix", entfuhr es dem Riesen kopfschüttelnd. „Nee!", rief er schließlich begeistert. „Harry wird Papa!" Unterm dem massigen Bart, hoben sich die Mundwinkel des Riesen zu einem breiten Lächeln. „Hermine ist aber nicht…?"
„Nein!", rief Draco aus. „Merlin, nein!" Das wäre ja noch schöner! Er nahm an, der Riese wollte wissen, ob Hermine auch schwanger wäre! Das würden seine Nerven wunderbar verkraften können, nahm er an.
„Was ist das Problem?", wollten die mittlerweile vier Riesen vor ihm scheinbar verwirrt wissen.
„Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann", lallte Draco achselzuckend.
„Was?", lallte der Riese zurück, der bereits sein zweites Glas getrunken hatte, und Draco neu einschenkte.
„Na ja… mit Potter wohnen und all das. Wenn es nicht funktioniert, dann… wäre es besser, ich würde ihr nicht wehtun und… alleine bleiben", schloss Draco müde.
Die vier Riesen musterten ihn nachdenklich. „Also, ich weiß, dass viele Männer letztendlich alleine bleiben", begann der Riese, während seine drei Doppelgänger um ihn schwebten. Draco blinzelte heftig. „Dumbledore ist allein. Professor Snape ist allein, und…" Er zögerte etwas beschämt, „und ich bin allein." Draco sah die vier Riesen nicht mehr an, er starrte nur noch auf den Tisch. „Aber ich weiß auch, dass unser Körper vielleicht alleine geboren wird, aber unsere Seele nich', verstehst du?", erklärte er langsam. „Und vielleicht tut man alleine keinem weh, aber… man braucht immer irgendetwas", ergänzte der Riese mit einem massigen Achselzucken. „Ich habe meine Haustiere", deutete er liebevoll um sich, „aber Dumbledore und Professor Snape… ehrlich gesagt, weiß ich nich' wie sie damit umgehen. Oder ob sie das überhaupt tun." Draco hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen. Dumbledore? Dumbledore hatte seinen Vater nicht in den schönsten Farben beschrieben, oder sein Leben überhaupt. Es war kein gutes Leben gewesen, und soweit Draco wusste, hatte er niemanden.
Und Snape? Snape trauerte Potters Mutter hinterher seit? Schon immer. Draco schluckte schwer. „Man muss aufpassen, dass man mit sich selber nich' zu hart ist. Man gewöhnt sich an, genauso hart zu anderen zu sein, auch wenn sie es nich' verdienen." Draco hob den Blick, denn seltsamerweise rührten die Worte des Riesen etwas Verborgenes in ihm. „Weißt du, was ich meine?" Die vier Riesen wirkten nicht besonders überzeugt von den Worten, eher unsicher und beschämt.
Aber Draco nickte langsam. „Ja", sagte er tonlos, „ja, ich weiß", flüsterte er, und lächerlicherweise konnte er spüren, wie sich sein Brustkorb viel zu eng anfühlte. Als würde er tatsächlich in Erwägung ziehen, zu weinen. Der Riesen bemerkte es nicht, winkte schließlich lächelnd ab, und goss sich sein Glas neu ein.
„Das wird eine gute Zeit werden!", versprach die Stimme des Riesen zuversichtlich.
Was, wenn nicht, überlegte Draco kurz. Er… hatte die Worte des Riesen bereits fast vergessen, aber er wusste jetzt eine Sache. Er wollte nicht ohne sie sein. Seine Seele wollte nicht mehr ohne Granger sein. Denn er brauchte sie. So dringend, dass es unglaublich war.
„Ich vermisse sie", nuschelte Draco unglücklich. „Ichvermissesie…" Langsam sank sein Kopf tiefer, der schmutzigen Tischplatte entgegen. „Vermisse…Hermine…" Der Riese betrachtete liebevoll sein Getränk.
„Ich werde es ‚Hagrids Schluck' taufen!", beschloss er, während Draco immer weiter wegdriftete. Er war so unendlich müde… - so unendlich…
…-
„Hey." Eine massige Hand berührte ihn an der Schulter. „Junge, aufwachen!" Draco hatte das Gefühl einen kompletten Rückenkrampf zu haben. Stöhnend richtete er sich von der Tischplatte auf.
Bei Merlin, wo zur Hölle war er?!
Er erblickte den Riesen und zuckte zusammen. Er fluchte unterdrückt, so sehr hatte er sich erschrocken. Großer Merlin, wie war er hier gelandet?! Er sah sich um. Sonne fiel durch das schmierige Sprossenfenster in vereinzelten Strahlen auf den Boden der Hütte. Er gähnte, streckte seine schmerzenden Glieder, und sein Kopf dröhnte sehr leicht.
„Hast nicht lange ausgehalten", bemerkte der Riese als er ihm einen großen Eimer Tee vor die Nase stellte. Wahrscheinlich war es eine Riesentasse, nahm Draco müde an.
Draco konnte fast nicht glauben, dass er die Nacht beim Riesen verbracht hatte. Und dass dieser ihn innerhalb von fünf Minuten abgefüllt hatte!
‚Hagrids Schluck'…, erinnerte er sich an den Namen des Getränks. Dass Draco nicht lachte. ‚Hagrids Bärentöter' könnte er ihn nennen!
„Heute is' der Abschussball!", sagte der Riese fröhlich. „Freust du dich?" Dracos Mundwinkel sanken noch tiefer. So wie es aussah, hatte er zurzeit keine Partnerin. Das Gespräch gestern war nicht gut ausgegangen, glaubte er zumindest, in seinem Alkoholnebel. Aus den Augenwinkeln sah er eine dunkelbraune Scheußlichkeit an der Wand hängen. Mit viel Fantasie konnte es als Festumhang durchgehen. Aber dieses riesige Stück Stoff bereitete ihm noch mehr Kopfschmerzen. Er sollte dem Riesen einen neuen Festumhang kaufen, überlegte er dumpf und wandte den Blick wieder in seinen heißen Tee. Neben ihm lag das Herz aus Koboldsilber. Er trank einen heißen Schluck Earl Grey und betrachtete das Stück Silber schließlich in seiner Hand. Der Riese kam näher.
„Schick. Ist die Form zufällig?", fragte er knapp. Draco ruckte mit dem Kopf. Dann hob sich sein Blick. Er hatte eine Idee.
„Kann… kann ich Sie um einen Gefallen bitten, Hagrid?", fragte er schließlich, und der Riese bekam große Augen, ehe er über seinem Bart rot anlief.
„Ach, du musst mich nich' siezen, Junge", erwiderte er beschämt. „Schon gut. Einfach Hagrid", sagte er geschmeichelt.
„Es war… Professor Hagrid, oder?" Er sah, wie sich der Riese noch mehr geschmeichelt fühlte, wie seine massige Brust vor Stolz noch mehr anschwoll, und Draco sich ein Lächeln verkneifen musste. Fast war dieser riesenhafte Mann zu niedlich für einen Riesen.
„Ahhh", grunzte der Mann vor ihm. „Also was ist das für ein Gefallen, Malfoy?", wollte er kopfschüttelnd, mit immer noch roten Wangen wissen. Dracos Finger schlossen sich um das Herz, als er zu sprechen anfing.
Er brauchte einen Goldschmied. Am besten einen Koboldschmied. Und einen Zauberer, der Festumhänge in Riesengrößen schneidern konnte…
„Hermine, aufwachen", vernahm sie Ginnys sanfte Stimme. Und nach einer traumlosen Nacht tauchte ihr Kopf aus einem Kissen auf. Nicht ihr Kissen, stellte sie blinzelnd fest.
Nicht ihr Bett, fiel ihr als nächstes mit Schrecken auf.
Oh Merlin.
Ruckartig setzte sie sich auf, und wünschte, sie hätte es nicht getan. Bunte Punkte tanzten betrunken vor ihren Augen. Sie hatte zu viel getrunken. Anscheinend. Denn sie war auf der Couch im Gemeinschaftsraum eingeschlafen.
„Immerhin stehst du auf, im Gegensatz zu Ron", bemerkte Ginny belustig, die unangenehm munter und nüchtern war.
„Wa-was?", nuschelte Hermine rau.
„Ihr habt so viel Butterbier getrunken, dass ich schon dachte, ihr würdet noch nach Hogsmeade wollen, nachdem ein Kasten leer war", erklärte sie maßregelnd.
„Oh Gott…", murmelte Hermine, rieb sich über die verschlafenen Augen, und dann fiel ihr wieder ein, warum sie so viel getrunken hatte. Malfoy. Sie öffnete die Augen, und die Traurigkeit und Wut, die sie gestern mit Bier verdrängt hatte, war wieder da. Nur daneben hatte sie auch noch einen Kater.
„Alles ok?", fragte Ginny schließlich etwas mitfühlender. „Willst du jetzt darüber reden?"
Hermine nahm an, sie hatte sich gestern einfach in die Trinksucht gestürzt und nichts mehr erzählt. Sie erinnerte sich zumindest nicht.
„Nein", widersprach sie müde. „Ich will duschen. Und dann schlafen", ergänzte sie kopfschüttelnd.
„Ja, das wird nichts werden, Hermine. Heute ist dein Abschlussball. Und wir werden den Tag über brauchen, um uns fertig zu machen", erklärte Ginny, nicht ohne eine gewisse Aufregung. Natürlich ging Ginny mit Harry, also stand es außer Frage, dass auch Ginny sich würde fertig machen müssen. Aber jetzt fiel Hermine ein, dass sie sich gar keine Sorgen mehr um ein Kleid gemacht hatte.
Sie hatte ein Kleid dabei, von dem sie vor einigen Monaten noch geglaubt hatte, es wäre angemessen. Sie schluckte schwer. Aber war es nicht sowieso egal? Hatten sie und Draco nicht… gestern alles beendet? Tränen stiegen in ihre Augen. Sie erhob sich augenblicklich.
„Ich… gehe duschen", murmelte sie. Ginny sah ihr nach, Hermine spürte es. Sie würde es sich nicht erlauben, darüber nachzudenken, was für ein Arschloch er war. Was er alles zu ihr gesagt hatte! Dass es nicht funktionieren würde! Ja, aber vorher hatte er sie noch einmal schön ausgenutzt – zu seinem Vergnügen! Und Gott sei Dank hatte sie wegen des Biers das meiste wieder vergessen, was er ihr erzählt hatte.
Sie verzichtete darauf, ins Bad der Vertrauensschüler zu gehen. Sie wollte ihn auf keinen Fall treffen. Nirgendwo mehr. Sie würde nur noch weinen.
Sie war schon froh, jetzt weder Harry noch Ron, Rede und Antwort stehen zu müssen. Aus ihrem Schlafsaal holte sie sich ihre Kulturtasche, ihr Handtuch und ignorierte die aufgescheuchten Siebtklässlerinnen. Vertrauensschüler aus Gryffindor liefen ebenfalls in ihren Schlafsaal, um Panik zu verbreiten. Die Vertrauensschüler nahmen ebenfalls am Ball teil. Sie organisierten ihn schließlich.
Hermine ließ alle Deko-Fragen an sich abprallen, reagierte nicht auf ihren Namen oder auf den Vorwurf, dass sie sich als Schulsprecherin zu kümmern hatte. Sie würde duschen, bis ihre Haut aufgewärmt war, bis sie sich nicht mehr furchtbar fühlte und bis sie seinen Namen vergessen hatte. Und es war Lavender, die die unangenehme Frage stellte.
„Hey, sag mal, ist mit Draco Schluss?" Und sie klang… fröhlich? Schadenfroh? Verletzt? Alles gleichzeitig, und Hermine verzog gereizt den Mund.
„Halt deine Klappe, Lavender", ließ sich Hermine zu einer Antwort herab, und hasste ihre Mitschülerinnen, die alle bereits in die Gunst gekommen waren, Draco Malfoy nackt zu sehen.
Duschen, Hermine. Einfach duschen, befahl sie sich.
Aber selbst, als sie sich im Badezimmer eingeschlossen hatte, selbst als sie nackt unter dem heißen Wasserstrahl stand, der ihre Muskeln entspannte, selbst dann fühlte sie nichts weiter als Schmerz und Leere und ein schreckliches Gefühl in ihrem Innern.
Sie glaubte, Harry nichts von dem Streit gestern erzählt zu haben. Sie hatte nicht hören wollen, wie er ihr wieder und wieder vorhielt, dass er es von vornherein gewusst hatte.
Sie glaubte, dass sich Ron wieder mit Harry vertragen hatte.
Sie hatten ein Versöhnungsbier getrunken. Hermine nahm an, für Männer reichte das aus. Wo Frauen stundenlang diskutierten und alle Probleme akribisch kleinteilig aus der Welt schaffen mussten, reichte es für Männer, sich zu prügeln oder ein Bier zu trinken.
Sie konnte Männer nicht begreifen. Und sie wusste nicht, wie sie Draco noch mal unter die Augen treten sollte. Wieder sammelten sich die Tränen in ihren Augen und sie bekam keine Luft vor Traurigkeit.
Wofür sollte sie sich heute schick machen?
Und sie stellte entnervt fest, dass sie tatsächlich das Mädchen geworden war, was sie niemals hatte sein wollen. Nein, nicht nur, dass sie in Draco Malfoy verliebt war, sie fand es sogar wichtiger, dass sie sich mit ihm gestritten hatte, als dass sie ihren Abschluss feiern würde.
Sie würde sich schick machen, gerade weil er auf gar keinen Fall wichtiger sein konnte, als ihr Abschluss! Sie konnte es fast nicht glauben. Hut ab, dachte sie bitter, als sie an ihn dachte. Seine grauen Augen, seine hellen Haare, seine samtene Haut, die gerade Nase, die unglaublichen Lippen, die ihr schon beim Gedanken an ihn, die schamlose Röte in die Wangen trieben. Bemerkenswert, wie es dieser Mistkerl geschafft hatte, ihre Gedanken komplett einzunehmen. Ohne dass er es wusste. Sie wusste nicht, wie sie ihm hatte vollständig verfallen können. Er war gut. Wirklich gut darin, befand sie böse.
Und alles in ihr schmerzte. Denn er hatte gelogen. Er hatte sie angelogen.
Und sie befand sich zwischen zusammenbrechen und heulen oder trotzig sein und so tun, als wäre alles bestens. Sie wusste nur nicht, welcher Gemütszustand gewinnen würde. Es hing wohl davon ab, ob ihr Kleid ihr noch passen würde. Sie wusste nicht, ob sie über das Schuljahr noch zugenommen hatte.
Aber dann wäre es ganz einfach. Kein Kleid, kein Ball.
Völlig erschöpft schleppte er sich durch das Portraitloch.
„Weg", knurrte er die Erstklässler an, die auf der Couch saßen. Er schlurfte hinüber, während Goyle ihn entdeckte. Goyle trug bereits seinen halben Festtagsanzug. Scheinbar zog er ihn in Schichten an, denn bisher trug er nur die schwarze Hose. Darüber noch immer sein Schlafshirt.
„Mann, wo warst du?", fuhr er ihn an, aber Dracos Fokus war eher unscharf, als er ihn musterte. Er hatte keine Alkoholtoleranz mehr, ging ihm ironisch auf. Was hatte Granger nur aus ihm gemacht. Er war regelrecht handzahm geworden, stellte er dumpf fest. Und er war so erledigt. Der Riese hatte einen unglaublich schnellen Schritt drauf gehabt. Zu Fuß ins Dorf und zu Fuß zurück war wirklich nichts, was Dracos Körper heute besonders gut verkraften konnte.
Aber immerhin hatte er den Riesen überzeugen können, und vielleicht war es naiv, aber in Dracos Kopf war alles geregelt. Alles war ok. Da war nur die winzige kleine Sache mit Granger. Dass sie ihn wahrscheinlich hasste und all das. Dass sie ihn nie wieder sehen wollen würde. Dass er es versaut hatte.
Aber es ließ ihn erstaunlich kalt. Aber bei seinem Grat der Müdigkeit, verwunderte es ihn nicht wirklich. Er wollte nur noch schlafen. Und er musste einfach darauf hoffen, dass sie ihn liebte, und seine kleinen Ausraster als liebevolle Besonderheit an ihm betrachtete.
Ja, das war der Plan. Und sein Gehirn ließ keinen anderen Schluss zu, als dass sie ihm vergeben würde. Denn würde sie das nicht tun… würde es sich vom Turm stürzen. So viel stand fest.
„Nein", sagte er nur, wohlwissend, dass es keine Antwort auf Goyles Frage war.
„Bist du… betrunken?", entfuhr es Goyle verblüfft. „Du warst gestern nicht hier! Und geschlafen hast du hier auch nicht!"
Draco fiel vornüber auf die Couch des Gemeinschaftsraums, von der die Erstklässler ängstlich aufgesprungen waren. Goyle war gegangen, die Treppe zu den Schlafsälen hoch. Draco hörte dumpf, wie Goyle nach Pansy rief. Großartig.
Und es verging nicht viel Zeit, da hörte er Pansys unverkennbar zornige Schritte.
„Draco Malfoy!", fuhr sie ihn mit vollem Namen an.
„Hmmm", machte er in das Couchkissen und drehte sich schwerfällig auf den Rücken. „Du bist ein scheiß Idiot! Wo warst du? Was erlaubst du dir, abzuhauen? Kingston sagt, du wärst nach Hogsmeade verschwunden, gestern Nacht!" Draco blinzelte müde Pansy entgegen.
„Sicher. Ich hab dort die Nacht mit zwölf bärtigen Zwergen-Huren verbracht und mein Vermögen verspielt", frotzelte er, und Pansys Augen weiteten sich, als würde sie seine Worte für eine Sekunde in Erwägung ziehen. „Pansy, nerv mich jetzt nicht, ok?"
Aber das machte es nicht besser, denn Pansys Hände fanden den Weg auf ihre Hüften. „Draco Malfoy", begann sie wieder mit seinem vollen Namen, und er stöhnte auf, „glaub ja nicht, dass ich es dir durchgehen lasse, dass du dich wieder hängen lässt!"
„Pansy, du hast mir immer alles durchgehen lassen", korrigierte er sie gähnend.
„Jetzt nicht mehr!", sagte sie scharf.
„Nein?", wollte er belustigt wissen. „Hat die zukünftige Mrs Zabini auf einmal neue Weltvorstellungen?"
„Streit mit Granger, hm? War es unter ihrem Pantoffel zu unbequem, Draco?", erkundigte sich Pansy spöttisch, und Draco drehte den Kopf zur Seite, tiefer ins Kissen.
„Wie wäre es, wenn du deine Klappe halten würdest. Du findest bestimmt irgendetwas Belangloses zu tun, Pansy. Irgendein Nagel, der noch keine giftig rote Farbe hat. Irgendeine arme Haarsträhne, die deinem Zauberstab entkommen ist", knurrte er müde.
„Witzig, Draco. Ich hoffe, du verschläfst heute! Und dann musst du in deiner stinkenden, faltigen, alten Uniform auf den Ball gehen", erwiderte sie nur, aber Draco schloss bereits die Augen. „Und ich hoffe, Granger geht doch noch mit Kingston!", giftete Pansy abschließend, aber Draco würdigte das mit keiner Antwort mehr. Das sollte sie wagen. Er freute sich. Dann konnte er Kingston doch noch umbringen. Es war seltsam, wie die Dinge eine seltsame Perspektive annehmen konnte, wenn man genug Alkohol trank, um sich beschissen zu fühlen, und zu merken, dass man nur ein Mädchen wollte. Eins und sonst keines. Und wenn Potter sieben Zwillinge hätte, und Granger mit allen sieben zusammen ziehen wollen würde, würde Draco wahrscheinlich nicht mal großartig zögern, nur um bei ihr zu sein.
Er musste seiner Mutter schreiben. Er musste seine kurze Panik erklären und ihr eröffnen, dass er nicht nach Frankreich wollte. Nicht musste, denn Granger liebte ihn auch hier. Einfach so. Trotz seines Namens. Trotz seiner Launen. Trotzdem er ein Ekel war.
Zumindest hoffte er das. Nein, er war sich fast sicher. Außerdem hatte er ihr etwas mitgebracht. Mädchen liebten Geschenke. Das war doch immer so. Er würde mit ihr reden. Noch vor dem Ball. Aber erst mal würde er ganz kurz seine Augen ausruhen. Nur ganz kurz….
Keine Sekunde später war auf der Couch im Gemeinschaftsraum eingeschlafen.
…-
Und als er keine gefühlte Sekunde später aufwachte, war er allein. Er gähnte herzhaft, drehte sich noch einmal auf der Couch um, bevor er mit einem Ruck gerade saß.
Scheiße.
Hastig rieb er sich den Schlaf aus den Augen, blickte sich um und fragte sich, wo zur Hölle alle Leute abgeblieben waren. Pansy hatte ihn nicht mehr geweckt. Nein, er konnte sich gut vorstellen, dass sie allen anderen verboten hatte, ihn anzurühren, damit er verschlief. Er erhob sich eilig, denn er wollte duschen, wollte sich fertig machen, musste zu ihr.
„Scheiße!", entfuhr es ihm, als ihm die Wanduhr verriet, dass er bereits zu spät war. Halb sechs. Um sechs begann alles. Und er… trug die Sachen von gestern. „Fuck, fuck, fuck", fluchte er bei jedem Schritt und fühlte sich grenzenlos überfordert. Gähnend lief er nach oben, suchte seine Sachen zusammen und wusste, dass er es niemals pünktlich schaffen würde. Niemals.
„Wenn die Schulsprecher nach vorne komme würden?", rief Dumbledore vom Lehrertisch mit feierlicher Stimme, und Hermine hasste es, zuzugeben, dass sie wusste, dass er immer noch nicht hier war. Unschlüssig erhob sie sich, strich über das Kleid, was ihr noch passte, und sah sich um.
Die Augen ruhten auf ihr. Die Halle schimmerte in blauen Farben, und sie war vorhin beinahe überrascht gewesen, dass die Vertrauensschüler es tatsächlich geschafft hatten, mal zu gehorchen. Die Deko erstreckte sich in Lampions über die hohen Wände, blaue Blumen aus Glanzpapier, magisch verzaubert, bewegten sich auf den Tischen. Blumenbouquets in hohen Vasen häuften sich in blau und magenta, standen in den Ecken der Halle, vor den Fenstern, vor der aufgebauten Bar.
Dumbledore erlaubte den unteren Klassen bei der Rede dabei zu sein. Allerdings bekamen die Gemeinschaftsräume an diesem speziellen Abend das Essen von den Elfen gebracht. Die Halle gehörte heute Abend denen, die Abschluss feierten.
Gleich würden die Haustische verschwinden, und die Halle wäre ein riesiger Tanzsaal, mit vereinzelten runden Tischen. Hermine war gespannt auf die Platzkartenverteilung. Pansy war zuständig dafür gewesen, und Hermine ärgerte sich bereits, dass sie Pansy dafür eingeteilt hatte.
Ihr Kleid war schlicht. Es endete über ihren Knien, fiel bis zur Taille eng, und dann in fließendem Stoff zu ihren Knien. Es hatte keine Ärmel, und war ein hübsches Sommerkleid. Nicht wirklich ein Abschlussballkleid. Aber bei der Aufregung hatte sie dafür wirklich keine Zeit gehabt. Ihre Absätze waren nicht wirklich vorhanden. Denn sie konnte nicht gut auf ihnen laufen. Es waren eher Ballerinas, die sie trug, mit kleinen Absätzen, in beige.
Die Haare trug sie auf der rechten Seite lang und lockig, hatte sie aber von Ginny mit einer silbernen Spange auf der linken Seite zurückgesteckt bekommen, und auf der Seite sah man auch die langen silbernen Ohrringe funkeln, die sie heute trug. Ihr Makeup war dezent, aber heute war es vorhanden. Sie presste die Lippen aufeinander, verteilte den schimmernden Gloss und schritt dann zu Dumbledore nach vorne.
Es war dann, dass sie Schritte hörte.
Und fast war sie schockiert.
Er war da. Sie hatte nicht damit gerechnet, obwohl sie nicht wusste, warum. Er war Schulsprecher. Er war Schüler hier. Es war sein Abschluss, egal, wie er ihr gegenüber stand. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Er trug einen mitternachtschwarzen Anzug. Ein weißes Hemd, und eine schmale, schwarze Krawatte, die sie an ein Poster von den Beatles erinnerte, was bei ihren Eltern im Gästezimmer hing. Er wirkte englisch und schick, und sie fand es ungerecht, wie sein Anblick ihr den Atem verschlagen konnte.
Der Anzug saß perfekt, maßgeschneidert, nicht wie Rons abgetragenes Erbstück von George. Immerhin besaß Ron nicht mehr den alten Festumhang, dachte sie dumpf.
Er erreichte sie, hatte aufgeschlossen, und sein Duft streifte sie. Er roch unglaublich gut. Seine Haare lagen so anbetungswürdig, dass sie seine Frisur am liebsten zerstrubbelt hätte.
Und sein Blick glitt über ihre Erscheinung. Die grauen Augen wachsam und unlesbar.
Sie musste ihm einfach nur atemlos entgegengestarrt haben. Er bewegte eine Augenbraue in die Höhe, so dass auf seiner Stirn eine schmale Falte erschein. Dann ruckte er kaum merklich mit dem Kopf, bedeutete ihr, weiterzugehen.
Und endlich setzte sie sich in Bewegung, ignorierte ihn, so gut es eben ging und dann standen sie zusammen vorne. Vor dem Lehrertisch.
Es war der letzte Abend in der Großen Halle.
Und es überkam sie plötzlich. Sie hatte so viel Zeit damit verschwendet, sich zu ärgern, sich Sorgen zu machen, nachzudenken, Dinge zu bereuen, dass sie ganz vergessen hatte, sich damit abzufinden, dass sie Hogwarts verlassen würde.
Und nur am Rande ging ihr auf, dass sie sich nicht wirklich um großartige letzte Worte gekümmert hatte. Und während er neben ihr stand, lag ihr Gehirn ziemlich blank.
Aber sie räusperte sich. Das war ihr Moment. Und er würde ihn nicht zerstören können.
„Meine… lieben Mitschüler", begann sie, nervös, aufgeregt, mit bebender Stimme, „heute ist unser letzter Abend hier, auf Hogwarts. In unserem Zuhause." Andächtige Stille herrschte. „Es… es war mir gar nicht vollkommen bewusst", räumte sie entschuldigend ein. „Nach dem Krieg, dem Chaos, der Entführung, der Amnesie", zählte sie trocken auf und erntete Lacher von allen Haustischen. „Ich glaube, ich finde heute Abend nicht die richtigen Worte, um meine Dankbarkeit euch, der Schule und den Lehrern zum Ausdruck zu bringen", flüsterte sie und wischte sich präventiv die noch nicht vorhandenen Tränen von der Wange.
„Vielleicht kann ich aushelfen?", bot er neben ihr an. Am Slytherintisch wurde verhalten gelacht. Sie sah ihn nicht an, sie konnte nicht, aber er schien nicht auf ihre Bestätigung zu warten, denn er zog einen Zettel aus seiner Anzugtasche. Ihr Kiefer lockerte sich verblüfft. Er hatte eine Rede geschrieben? Das konnte nicht sein!
„Einige kennen mich vielleicht", begann er, äußerst charmant. Seine Stimme hatte einen samtenen Klang angenommen. „Ich bin Draco Malfoy, der andere Schulsprecher", stellte er sich mit lakonischer Ironie vor, und nun lachten einige Schüler mehr als nur die Slytherins.
„Ich wurde zum Schulsprecher ernannt, weil…" Er tat so als müsse er nachdenken, bis er schließlich die Achseln zuckte. Wieder lachten die Schüler auf. „Ich weiß es nicht", gab er ehrlich zu. „Ich nehme an, wegen der Noten, oder einfach aus Spaß, weil es wohl nichts kontroverseres gibt, als den Sohn eines Todessers neben eine Muggelgeborene zu stellen und zu warten, was passiert", fuhr er fort, während selbst der Gryffindortisch einige Lacher nicht unterdrücken konnte. Langsam hob sich ihr Blick. Unauffällig, so dass er es nicht bemerkte oder darauf reagierte.
„Ich mache gerne Partys", erklärte er jovial. Einige Slytherins reckten die Daumen in die Höhe. „Ich übertreibe gerne gewisse Dinge", fuhr er achselzuckend fort. „Es liegt vielleicht daran, dass mein Vater gestorben ist", schloss er ruhiger. Die Rede sank in seiner Hand. „Als Slytherin ist es manchmal schwer, sich auf andere einzulassen. Und mit andere, meine ich andere Häuser", ergänzte er mit vielsagend erhobener Augenbraue. Wieder lachten die Schüler auf. Hermine biss sich auf die Lippe und wandte den Blick ab. „Ich war bisher ein schlechter Schulsprecher", gab er zu. „Aber ich hatte Glück, dass ich dieses Amt nicht alleine belegt habe, sonst wäre eine Anarchie mit ziemlicher Sicherheit ausgebrochen", gab er zu bedenken, und jetzt nickten die Gryffindors.
Und sie spürte seinen Blick auf sich ruhen.
„Ich habe mich oft gefragt, was ich hier tue. Was ich hier soll. Was hier passieren könnte, was mich erkennen lässt, wovon andere so viel erzählt haben. Menschen, die einen ändern, Freunde, die man findet. Mein Vater hat gesagt, echte Freunde findet man nur in Slytherin, und selbst dort ist man allein." Und die Slytherins reagierten nicht. Sie buhten nicht, schüttelten nicht die Köpfe, sondern betrachteten ihn ernsthaft.
„Echte Freunde findet man in Gryffindor, in Hufflepuff, in Ravenclaw. In Slytherin findet man Feinde fürs Leben", erklärte er grinsend. „Aber ein guter Feind, kann einen guten Freund abgeben. Eventuell", ergänzte er, und Hermine sah, dass Harrys Mundwinkel sich tatsächlich hoben. Fast wäre ihr Mund aufgeklappt.
„Jedenfalls", fuhr Draco neben ihr fort, und sein Blick senkte sich wieder auf seinen Zettel, „habe ich hier gefunden, wonach alle suchen. Er sah sie an. „Hermine Granger ist stur, unverbesserlich, unglaublich anstrengend und zieht Punkte ab, für Dinge, die mir nicht einmal auffallen würden." Wieder lachten einige Schüler, und Hermines Mund öffnete sich perplex. Aber er hatte ihren Namen gesagt, und sie spürte die Röte in den Wangen. „Sie ist ernsthaft überrascht und tatsächlich persönlich verletzt, wenn ein Slytherin die Regeln bricht", ergänzte er, und diesmal lachte Pansy auf. „Tatsächlich sind auch wir ihre Schäfchen. Sie macht keinen Unterschied zwischen den Häusern. Sie ist genauso streng mit uns, wie mit den Gryffindors."
Und die Gryffindors nickten. Hermine biss zornig die Zähne zusammen. Allesamt Verräter!
„Ich habe keine Ahnung, wie ein Schulsprecher sein muss. Was ihn auszeichnet. Wie gut er mit den Schülern zurechtkommen muss, oder wie fair er zu sein hat. Aber ich kann annehmen, dass – wenn man nur halb so perfekt ist wie Hermine Granger neben mir – man einen guten Job leistet", schloss er achselzuckend. Noch mehr Röte stieg in ihre Wange und sie wünschte, er würde aufhören zu reden.
„Vielleicht werden wir Heiler im Mungo, Auroren in Potters Team", zählte er auf, „vielleicht werden wir Lehrer hier, magische Architekten oder schlichte Kesselflicker – oder, wenn man Syltherin ist, Teilhaber von irgendwelchen reichen Firmen", ergänzte er, während einige Slytherins zustimmend nickten. „Aber wir werden die Zeit hier nicht vergessen."
Dann drehte er seinen Zettel um, damit die Schüler ihn sehen konnten. „Dieser Zettel hier", begann er lächelnd, „ist übrigens leer. Ich hatte natürlich keine Zeit mehr, eine Rede zu schreiben, denn ich habe verschlafen", gab er achselzuckend zu, und die Schüler lachten erneut. „Aber auf die Illusion kommt es an", schloss er zwinkernd. Gott, er war so unglaublich arrogant. Aber Hermines Knie waren dennoch weich. Er steckte den leeren Zettel zurück in seine Anzugtasche.
„Man sollte nicht zu lange in der Vergangenheit leben", sagte er ruhig, und dann ergriff er ihre Hand. Sie war stocksteif vor Schreck, und die Schüler schienen allesamt die Luft anzuhalten. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Sie sah ihn nicht an, nahm gar nichts wahr, außer seine warmen Finger, die sich mit ihren verbanden, und sie konnte nichts tun, außer ihn gewähren zu lassen. Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. „Die Zukunft beginnt jetzt für uns, aber… lasst uns vorher noch feiern! Wir wünschen euch einen perfekten letzten Abend!", verkündete er laut, und die Schüler brachen in tosenden Applaus aus.
Sie spürte wie er sich näher zu ihr lehnte. „Wie war das?", flüsterte er neben ihrem Ohr. „Ok?", erkundigte er sich lächelnd neben ihr, und sie zwang sich zu einem teilnahmslosen Blick in seine grauen Augen. Aber es war unheimlich schwer, wenn sie ihm so nahe war, wenn er mal wieder so perfekt war! Aber sein Ausdruck wurde ernster. „Bist du noch sauer wegen gestern?", fragte er tatsächlich dreist, und sie entzog ihm ihre Hand zornig.
Um sie herum, wirkten die Zauber mittlerweile. Die Haustische verschwanden, irgendwann setzte die magische Musik ein, und die Schüler schwärmten durch die Halle. Die jüngeren Schüler mussten gehen, verabschiedeten sich lautstark, und die älteren begannen, Sektgläser zu verteilen.
„Denk ja nicht, dass ich auf deine Show reinfalle", zischte sie mit zitternder Stimme. Sie kannte ihn doch. Er konnte charmant sein, wenn er wollte.
„Meine Show?", wiederholte er unschuldig. Aber er kam näher. Sie musste ruhiger atmen. „Habe ich dir gesagt, wie unglaublich fantastisch du heute aussiehst?"
„Malfoy, lass es. Du hast gestern klar genug-"
„-es tut mir leid", unterbrach er sie. „Es ist schwer, mit dir mitzuhalten", erklärte er kopfschüttelnd. Ihre Stirn legte sich in ungläubige Falten. „Du hast vor gar nichts Angst", ergänzte er. „Nicht mal vor einer Zukunft mit mir. Ich habe Angst vor einer Zukunft mit mir."
Ihr Mund öffnete sich stumm. Was sollte sie dazu sagen. „Ich hoffe, du verzeihst mir, wenn ich Zweifel habe, wenn ich verrückt werde, wenn ich ein Arschloch bin, denn… ich liebe dich, Hermine Granger. Mehr als alles auf dieser Welt."
Und sie biss die Zähne fest zusammen, aber die Tränen rollten trotzdem über ihre Wange. Sofort folgte sein Daumen der ersten Träne, wischte sie liebevoll von ihrer Wange und griff in seine Anzugtasche, um eine schmale Silberkette hervorzuziehen.
„Was…?", begann sie, aber am Ende der Kette hing ein silbernes Herz. Es schimmerte im magischen Licht der Halle, und sie erkannte, es war das alte Schulsprecherabzeichen. Er musste es aufgehoben haben und… scheinbar hatte er es zu einer Kette gemacht. Oder machen lassen?! In der Mitte waren in Gold feine Zeichen eingesetzt. ‚D & H'
Es war wunderschön. Und sie konnte sich fast nicht vorstellen, dass er diesen Aufwand tatsächlich betrieben hatte. Für sie.
„Mein Herz ist deins. Wenn du es willst", ergänzte er lächelnd.
„Draco, du bist… so ein Idiot", schniefte sie, aber schon hatte er den Verschluss der Kette geöffnet und sie ihr um den Hals gelegt. Geschickt verschloss er die Kette, und das Herz hing angenehm kühl und schwer um ihren Hals. Sein Zeigefinger berührte sanft das Silber. Sie schüttelte immer noch den Kopf, auch als er seinen senkte.
Und unbemerkt von den übrigen Schülern, die lachten, an ihnen vorbei liefen, den letzten Abend feierten, legte er seine Lippen sanft auf ihren Mund. Ihre Augen schlossen sich augenblicklich, und all die Schwere, all die Trauer fiel von ihr ab. Sie atmete ihn ein, während tausend Schmetterlinge in ihrem Innern flatterten. Sie legte die Arme verlangend um seinen Hals, und er reagierte sofort, zog sie an sich, und seine Zunge glitt mühelos zwischen ihre Lippen.
Das Gefühl in ihrer Mitte war unerträglich leicht. Sie hatte alles um sich herum vergessen, spürte nur noch ihn.
„Hey", vernahm sie irgendwann neben sich Harrys Stimme. Erschrocken über sich selbst und ihre Unverfrorenheit, alles andere zu vergessen, löste sie sich von Dracos Lippen. Unwillig ließ er es zu. Beide wandten sie sich Harry zu. „Ich will das kurz machen", sagte Harry unwirsch. „Fang, Malfoy", sagte er knapp und warf Draco etwas Silbernes zu.
Draco fing es mit der rechten Hand, öffnete seine Faust und sein Blick ruhte auf einem Paar silberner Schlüssel. Dann hob sich sein Blick zu Harrys Gesicht.
„Man sollte nicht zu lange in der Vergangenheit leben", wiederholte Harry nun achselzuckend Dracos Worte. Dracos Mund öffnete sich tonlos. „Willkommen", schloss Harry schließlich, und Draco nickte nach einer stillen weiteren Sekunde.
„Wir sehen uns später, Hermine", wandte sich Harry an sie, und Hermine nickte, immer noch mit hochroten Wangen. Dracos Finger schlossen sich um die Schlüssel.
„Das ist es also", sagte Draco nun abwesend. „Unsere Zukunft." Fest hielt er die Schlüssel zum Grimmauld Place in seiner Faust, und Hermine ergriff seine andere Hand.
„Erst morgen", erwiderte sie lächelnd. „Ich liebe dich übrigens auch", ergänzte sie leiser. Sein Blick senkte sich auf ihr Gesicht, als sähe er sie zum ersten Mal. „Wir wäre es, wenn wir jetzt unseren Abschluss feiern?", schlug sie ihm sanft vor. Er wirkte ein wenig atemlos, hielt immer noch die Schlüssel in der Hand.
Und ihre Mundwinkel hoben sich unwillkürlich.
„Was?", fragte er etwas besorgt.
„Ich liebe dich", wiederholte sie ein wenig verblüfft, denn sie konnte es kaum glauben. Hier, in der Großen Halle, wo sie sich angefeindet hatten, wo sie an verschiedenen Tischen gesessen hatten, wo sie immer eine Gryffindor und ein Slytherin gewesen waren, standen sie nun, Hand in Hand, zusammen. An ihrem letzten Tag.
„Schockierend, hm?", wertete er ihre Überraschung mit erhobener Augenbraue. Aber auch er wirkte ehrfürchtiger als sonst. Und dann musste sie grinsen. Seine Mundwinkel hoben sich zeitgleich. Es spielte ein schneller, fröhlicher Song, wie er zu einem Abschluss passte.
„Hast du immer noch Angst?", wollte sie probehalber von ihm wissen. Kurz schien er nachzudenken.
„Du nicht?", wich er einer Antwort aus, und sie schüttelte langsam den Kopf.
„Nein", gestand sie lachend ein, und lächelnd fuhr er durch ihre Haare, griff sanft in ihren Nacken und senkte seine Lippen erneut auf ihre. Er sprach gegen ihre Lippen.
„Ich liebe dich, Hermine. Danke", flüsterte er, und küsste sie erneut. Ihre Augen schlossen sich glücklich, und sie nahm an, das Drama würde dennoch wahrscheinlich niemals aufhören. Aber… es war gar nicht so schlimm. Es hielt sie wachsam, ließ sie niemals vergessen, warum sie ihn liebte.
Und es war fast zu leicht, alles um sich herum zu vergessen.
Denn sie konnte es sehen.
Sie würden zusammen ziehen, mit Harry und Ginny.
Ginny würde runder werden, Harry würde bei den Auroren anfangen. Draco? Draco würde machen, was er machen wollte, vielleicht auch im Ministerium? Vielleicht wollte er ja ebenfalls Auror werden?
Und sie…? Sie wusste noch nicht, was sie wollte. Vielleicht ging sie zurück nach Hogwarts, arbeitete bei Gringotts, bei Flourish und Blotts! Sie würde etwas finden. Ron würde im Zauberscherzeladen anfangen.
Und dann käme das Baby. Sie würden ein Zimmer renovieren, ganz in blau, denn Hermine fühlte, dass Ginny einen Sohn bekommen würde. Harry würde ihn gerne James nennen, das wusste Hermine. Sie würden jeden Abend zusammen essen, würden Schichten einlegen, um Ginny zu entlasten, würden sich alle um das Baby kümmern.
Und sie und Draco würden sehen, wie es aufwächst. Sie würden Probleme haben, denn, wer hatte die nicht? Aber sie würden sie gemeinsam lösen können. Nach jedem Streit wäre es tausendmal schöner als zuvor.
Und dann… dann würde sie schwanger werden. Von ihm. Dann würden sie ausziehen, sich ein eigenes Häuschen suchen, irgendwo auf dem Land. Vielleicht wären sie dann schon verheiratet? Sie würden so glücklich sein. Hermine konnte es schon vor sich sehen.
Und sie konnte nicht fassen, wie sehr sie ihn liebte.
Er löste sich von ihr und blickte in ihre verträumten Augen hinab.
„An was denkst du?", wollte er rau von ihr wissen. Aber sie schüttelte lächelnd den Kopf. Es war nicht wichtig, es würde sowieso passieren. Sie musste es ihm gar nicht erst sagen. „Ich habe dich vermisst", raunte er in ihr Ohr, und Schauer erfassten sie. „Wie wäre es, wenn… wir diese Party schon ein wenig eher verlassen würden, um die Zukunft zu beginnen?", schlug er mit einem anzüglichen Lächeln vor, und sie konnte nicht einmal so tun, als würde sie es schockieren.
Denn es ging ihr wie ihm. Sie konnte gar nicht erwarten, dass alles in Erfüllung ging. Und sie sagte, was sie von jetzt an am liebsten immer auf seine Fragen antworten würde. Mit voller Liebe, aus tiefstem Herzen.
„Ja, Draco", erwiderte sie so glücklich, dass er wohl nicht an sich halten konnte und sie noch ein weiteres Mal küssen musste und an sich zog, ehe sie still und leise, unbemerkt und ohne jede Reue oder ein schlechtes Gewissen, die Große Halle Hand in Hand verließen.
Hermine wusste es mit Sicherheit. Wie es auch ausging – es würde ein wunderbares Abenteuer werden….
– The End –
