War es ein Zufall? Schicksal? Oder ein Komplott? Oder hatte gar der Doktor selbst seine Finger im Spiel? Nachdem Rose sowieso zuhause in ihrem alten Bett nicht hatte schlafen können, wälzten sie diese Fragen die ganze Nacht über immer aufs Neue und drehte sich damit im Kreis. Sie würde den Doktor fragen müssen, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. Sie seufzte. Es wäre aber auch zu schön, um wahr zu sein! Ein Mann, halt: ein Mensch! wie der Doktor! Und zwar genau wie er. Nur ganz ohne Wibblewobble oder Timeywimey, einfach nur ein Kerl, der war wie er. Der Gedanke ging ihr durch Mark und Bein, bis tief in ihre Eingeweide spürte sie das Kribbeln.

Sein Anblick hatte sie sprachlos gemacht, sie schier betäubt, hatte zuerst an eine bloße Ähnlichkeit geglaubt. Doch er hätte ein absoluter Doppelgänger sein können, so wie vor einiger Zeit in dieser Parallelwelt, als sie Mickey und Ricky nebeneinander gesehen hatte. Und sie hatte auf der Stelle gespürt, dass es kein billiger Trick des Doktors war, dass er ihr irgendwie in Tarnung hinterherspionierte oder ähnliches. Dieser Smutty war nun mal einfach nur ein Typ, mit dem Gesicht des Timelords.

Die ganze Zeit über hatte sie Anzeichen dafür gesucht, dass er anders war als der Doktor, andere Augen, ein unterschiedlicher Blick, ein anderes Lächeln, alles, was veränderte Kleidung oder Frisur nicht ausradieren konnten. Und doch hatte sie fasziniert nur Übereinstimmungen finden können. Wobei sie irgendwie das Gefühl hatte, dass sie Smutty und den Doktor jederzeit hätte auseinanderhalten können - oder etwa nicht? Hm, schwer zu sagen. Auf alle Fälle beschloss sie, dem Rätsel um die Ähnlichkeit nachzugehen.

Nein, dem Doktor würde sie nichts von ihm erzählen, er sollte mal schön an seiner Tardis weiterschrauben. Rose schnaufte. Sicherlich machte er gerade eine seiner Nachtschichten. Sie selbst war so wach wie man es nur sein konnte. Spontan beschloss sie, dem Doktor einen Besuch abzustatten. Sie kam hoch, schmiss sich in ihre Klamotten, kämmte sich kurz und schlich dann aus der Wohnung ihrer Mutter.

Tatsächlich war Licht im Konsolenraum; der Timelord war am Fummeln und Basteln und blickte überhaupt nicht überrascht hoch. Im Gegenteil. "Rose, Sie kommen gerade recht: Stellen Sie doch bitte mal den Blauen Schubregulator auf Maximum, ja? Das ist der blaue Hebel - deswegen heißt er ja auch Blauer Schubregulator und nicht Grüner - gleich oberhalb der Quadrupolarbremse", als er ihre verwirrte Miene sah, setzte er erklärend hinzu, "Sie hatten den doch erst letzte Woche mit dem Vierphasentransmitter verwechselt, wissen Sie denn nicht mehr?!"

Seufzend gab er auf und kam aus seiner Rückenlage hoch, griff herüber und legte den Hebel selbst um. Er war tatsächlich blau, den hätte sie gar nicht verfehlen können, auch ohne weitere Beschreibungen von irgendwelchen Quantenbremsen oder was auch immer.

"Doktor, machen Sie mal Pause! Soll ich uns einen Tee machen?" Rose verschwand sofort in der Tardisküche, als der Doktor zustimmend nickte. Einige Minuten später kehrte sie mit zwei dampfenden Tassen zurück und sie setzten sich nebeneinander auf die Sitze, wie sie es so oft getan hatten. "Wie lange haben Sie jetzt bereits am Stück gearbeitet?"

"Kommt darauf an, welche Tageszeit wir haben." Er streckte sich wohlig aus und legte seine Füße übereinander gekreuzt mitten auf die Konsole, sämtliche gefährlichen Schalter und Knöpfe geflissentlich umgehend.

"Es ist mitten in der Nacht!"

"Sind Sie dann gar nicht müde? Ihr Menschen müsst doch normalerweise schlafen. Und das auch noch jede Nacht!" Obwohl dem Doktor dieser Umstand klar war, zog er Rose gerne bei jeder Gelegenheit damit auf, dass seine bivaskuläre Physiologie der ihrer menschlichen Spezies eindeutig überlegen war.

"Doktor? kann ich Sie mal was fragen?" Rose musste es wissen. "Sie hatten doch mal gesagt, wenn Sie regenerieren, dass es mit dem Gesicht wie im Lotto ist: Sie wissen nie, wie Sie als nächstes aussehen. Stimmt das? Oder hatten Sie eine Vorlage, ein Vorbild, an das Sie gedacht haben?" Sie lauerte förmlich auf seine Antwort.

Sein überraschter Blick zuckte kurz, bevor er sprach. "Sie waren dabei. Kann gut sein, dass die Tardis Ihre Gedanken angezapft hat, Rose, und eine Person aus Ihrem Umfeld ausgesucht hat, um Ihnen einen persönlichen Gefallen mit meinem Gesicht zu tun..." Er schnitt eine Grimasse, um ihr zu verdeutlichen, dass es auch schlimmer hätte kommen können. Sie musste gegen ihren Willen laut lachen.

Dann dachte sie darüber nach, was er gerade gesagt hatte. Bedeutete es etwa, dass ihr sein Gesicht irgendwo im Hinterkopf herumgeschwirrt war, als er regenerierte? Aber wie? Naja, immerhin lebte dieser Smutty in ihrer Nähe, doch sie konnte sich nicht bewusst daran erinnern, den Typen jemals gesehen zu haben. Beim ersten Anblick des frisch regenerierten Doktors kam ihr sein Gesicht auch nicht bekannt vor. Obwohl sie es jetzt sowieso nicht mehr sagen konnte, denn zwischenzeitlich war so viel passiert, hatte sie sein Gesicht so viele Male ausgiebig betrachtet, dass sie es mit geschlossenen Augen hätte nachzeichnen können.

"Hat Ihre Frage einen bestimmten Hintergrund, Rose?" Versonnen betrachtete er ihr nachdenkliches Gesicht.

"Nein nein, schon gut, war irgendwie nur so ein Gedanke. Hab heute jemanden gesehen, der Ihnen recht ähnlich sah, das ist alles." Sie biss sich auf die Lippen, so viel hatte sie ihm gar nicht verraten wollen. Er sah sie für einen Moment mit ausdrucksloser Miene an, dann schoss er plötzlich von seinem Sitz hoch und drückte ihr seine inzwischen leergetrunkene Teetasse in die Hand.

"Ich muss mal weitermachen", und so ganz nebenbei bemerkte er weiter, "wussten Sie eigentlich, dass es zu jedem menschlichen Wesen auf der Erde sieben exakte Doppelgänger gibt?"

Um ein neutrales Gesicht bemüht, murmelte Rose ein "oh das wusste ich wirklich noch nicht!" und brachte schnell die Tassen weg. Ihm war ihre Reaktion jedoch nicht entgangen, und er nahm seinen Phasenwandler sehr nachdenklich in die Hand, als er sich daran machte, an der Steuerung weiterzubasteln.


Das Gerät piepte und signalisierte, dass die Messung fertiggestellt war. Er blickte nachdenklich auf den Monitor, der lauter Kurven anzeigte, die er kurzerhand mit ein paar Klicks übereinanderlegte und auf Unterschiede hin untersuchte. Ah, die diversen Peaks stimmten jeweils überein! Das Bild einer jungen blonden Frau erschien vor seinen Augen, ganz unwillkürlich, und für einen Sekundenbruchteil wusste er, dass es die Frau war, die ihn schon immer in seinen Träumen heimgesucht hatte, jede Nacht. Dann war diese Erkenntnis wieder aus seinem Bewusstsein verschwunden.

Sein Mund verzog sich zu einem sinnlichen Lächeln, als er an seine gestrige Begegnung dachte. Faszinierend, die Kristallstruktur des Materials stimmte exakt überein, er konnte es also tatsächlich für seine weiteren Arbeiten weiterverwenden und brauchte nicht auf das lächerliche fertigproduzierte Zeugs zurückgreifen. Sie hatte so lebendige braune Augen, die golden aufgeleuchtet hatten, als sie ihre Schottlandreise erwähnte - er seufzte. Die Fertigware, die man im Laden kaufen konnte, taugte einfach nicht viel, denn er brauchte das Material in purem Zustand. Sie war es, das hatte er sofort gesehen, seine Traumfrau, die Frau fürs Leben...

Tztz, solch romantische Anwandlungen standen ihm nicht, ihm, dem rational denkenden Forschertypen! schalt er sich selbst. Außerdem lag noch ziemlich viel Denkarbeit vor ihm, er hatte sich gefälligst zu konzentrieren, wenn er in einem Monat die Ergebnisse auf dem Kongress präsentieren wollte! Er druckte die Grafik zur Sicherheit aus, eine Hardcopy war immer besser, außerdem konnte er die Ergebnisse der Messung dann den Kollegen zeigen, die ihm nicht hatten glauben wollen, dass er in der Lage war, den Stoff selbst herzustellen.

Wann er sie wohl anrufen konnte? Oder lieber eine SMS schreiben? Es sollte nicht zu aufdringlich wirken, aber trotzdem hatte er nicht vor, wertvolle Zeit zu verplempern, nur um irgendeinen Anschein zu wahren. Er war nicht der Typ für Spielchen, so wie die meisten Männer, die er kannte, die einen auf cool machten, nur um bloß keine Emotionen zu zeigen. Er war ein aufrichtiger Mensch, manchmal schonungslos ehrlich, aber er glaubte schon, dass er über genügend Diplomatie verfügte, um dabei nicht rücksichtslos zu wirken. Schließlich war er kein Teenie mehr, die Dreißig hatte er bereits hinter sich.

Was ihn zu seiner Unruhe zurückbrachte, die er in sich verspürt hatte, seit er sie gesehen hatte. Wie alt konnte sie sein? Neunzehn? Zwanzig? Man gerade volljährig, dem Aussehen nach, doch sie wirkte erwachsener, lebenserfahrener als andere Blondinen ihres Typs. Denn er musste sich eingestehen, dass er normalerweise um Frauen ihres Schlags einen großen Bogen machte, vor allem um die blutjungen Studentinnen, die ihn zuweilen anschmachteten. Was diese Rose so interessant machte, war ihre Lebenslust, ihr helles Lachen, ihr Interesse, das sie an seiner Person zeigte, ein echtes, tief empfundenes Interesse, nicht nur ein oberflächliches Abchecken seines Äußeren.

Er zückte automatisch sein Handy aus der Tasche und tippte auf ihren Namen. Halt! Was sollte er sagen? Sollte er zuerst etwas Smalltalk machen oder sie gleich nach einem Treffen fragen? Nervös steckte er es wieder weg.


Sie trafen sich zu Feierabend am Ende des Wohnblocks, an jener Straßenecke, an der sie sich tags zuvor verabschiedet hatten, und schlenderten gemeinsam ein wenig ziellos durch die Gegend. Aber es war ihnen egal, sie nahmen kaum wahr, wo sie sich gerade befanden, vielmehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Hauptsächlich erzählte er, Rose ließ ihn reden und machte hier und da ein paar Bemerkungen, ansonsten war sie mit der Rolle der Zuhörerin völlig zufrieden.

Smutty erzählte ein paar konfuse Storys aus seinem Alltag im Labor, wobei sie viel zu lachen hatten. Ab und zu warf er ihr einen Seitenblick zu, ängstlich darauf bedacht, sie nicht anzuöden, doch sie sah ihn jedesmal kokett an, nicht im geringsten gelangweilt. An einem Imbiss hielten sie kurz, nahmen sich die Pommes auf die Hand und spazierten weiter, dafür war die Abendluft viel zu schön.

Als er anfing, von seinen ausgefallenen Erlebnissen seiner Reisen und Konferenzbesuche zu erzählen, die er in den vergangenen paar Jahren in alle Teile der Welt unternommen hatte, stellte er überrascht fest, wie gut sie mitreden, sich völlig in ihn hineinversetzen konnte und immer wieder intelligente, pointierte Bemerkungen zu allem auf Lager hatte. Es kam ihm fast so vor, als ob auch sie ein ebensolch exotisches Forscherleben führte wie er, was er auf ihre Erfahrungen all ihrer Reisen zurückführte, und er war innerlich schwer beeindruckt. Nein, er war nicht nur beeindruckt, er schien zu fliegen, neben ihr.

Diesmal ließ er es sich nicht nehmen, sie bis vor die Haustür zu bringen, obwohl sie ihm versicherte, dass sie es durchaus alleine schaffte. Als sie an ihrem Wohnblock ankamen und an der dort geparkten Tardis vorbeischritten, warf Rose einen ängstlichen Blick darauf. Nicht dass ausgerechnet jetzt der Doktor vor die Tür trat - das wollte sie unbedingt vermeiden! Doch alles blieb ruhig, nur Smutty schaute die blaue Kiste komisch an.

"Was macht eigentlich so ein Museumsstück an einem Ort wie diesem? Das müsste doch schon eine Antiquität sein!" Zungenschnalzend schüttelte er mit dem Kopf, ging jedoch zu ihrer Erleichterung ohne Unterbrechung weiter, daran vorbei. Im Treppenhaus hielt er ihr jeweils höflich die Türen auf, bis sie vor der Wohnungstür angekommen waren und sie sich verabschieden wollten. Sie steckte den Schlüssel in die Haustür und drehte sich noch einmal kurz zu ihm um.

"Okay ich denke, ich sollte me-" seine Lippen verschlossen ihren Mund. Die Welt stand still, reduziert auf die Intimität des atemlosen Kusses. Rose hob die Hände gegen Smuttys Brust und spürte seinen Herzschlag unter ihren Fingerspitzen.

Und dann war der sinnliche Moment so plötzlich vorbei, wie er gekommen war, schlug um in angstvolle Scheu und ein Gefühl der Fremdheit. Sie schob ihn schnell von sich. "Ich...", setzte sie an. Nur für einen Sekundenbruchteil wagte sie es, ihn direkt anzuschauen und floh dann in die Wohnung.

Die Tür ließ sie hinter sich ins Schloss klicken und lehnte sich von innen dagegen, die Augen geschlossen. Unwillkürlich fuhr sie sich mit den Fingern an den offenen Mund und berührte ihre Lippen, genau dort waren seine soeben gewesen. Kaum konnte sie atmen, tastete mit ihrer Zungenspitze über ihre Fingerkuppen.

"Ach da bist du ja, Rose!" Die Stimme ihrer Mutter holte sie in die Wirklichkeit zurück. Jackie kam aus der Küche, zwei Tassen in der Hand balancierend, und nickte in Richtung Wohnzimmer. "Rate mal, wer uns besucht! Hab gerade Tee gemacht, wenn du auch willst, ist noch heißes Wasser da", und marschierte davon.

Rose folgte ihr in dunkler Vorahnung, und als sie ihn sah, den Doktor, krampfte sich in ihrem Inneren alles zusammen. Sie schaute zu Boden, während sie ein dünnes "hallo Doktor" zur Begrüßung murmelte, dann setzte sie sich in den Sessel, der am weitesten von ihm entfernt war, was nicht sehr weit war, denn das Wohnzimmer war nicht sehr geräumig.

"Wo warst du eigentlich bis eben?" fragte Jackie munter. Falsche Frage. Total nervös sprang Rose sofort wieder auf.

"Ich hol mir auch eben nen Tee. - Mum ich hatte dir doch erzählt, dass ich ...äh... ne alte Freundin wiedergetroffen hatte!" log sie und merkte, dass es nicht überzeugend klang. Sie rannte in die Küche und beruhigte sich erst einmal. Als sie das Wohnzimmer erneut betrat, war sie bereits gefasster.

Eigentlich wusste sie nicht was sie denken sollte. Gerade hatte sie sich dazu hinreißen lassen, genau das zu tun, was sie mit jenem Mann, der ihr jetzt gegenüber saß, schon immer hatte tun wollen. Noch immer sah sie sein Gesicht vor sich, wie er sich aus dem Kuss löste, weiche sinnliche Lippen, zu einem O geformt, seine Augen nur leicht geöffnet, der Blick verklärt, eine wirr abstehende Haarsträhne. Das gleiche Gesicht. Nun hatte sie ihren direkten Vergleich und sie war innerlich berührt. Er war das exakte Ebenbild, da täuschte sie sich bestimmt nicht!

Der Timelord saß da, von ihrem Anblick wie verzaubert. Rose sah liebreizender denn je aus, mit geröteten Wangen hatte sie ihn zuerst verlegen nur aus den Augenwinkeln angeschaut, und er hatte mit einem Male mit Bestimmtheit gewusst, dass sie gerade an jemand anderen dachte. Dafür kannte er sie einfach zu gut. Aber es ging tiefer, das spürte er. Er musste schlucken. Sie hatte diesem Jemand etwas geschenkt, das eigentlich ihm gehörte. Ihr Herz.

Und sie ließ ihn brennen, auf kleiner Flamme röstete sie ihn, denn mittlerweile schien sie sich gesammelt zu haben und schmachtete ihn nun voller Unschuld an, obwohl sie mit ihren Gedanken weit weg schien, und sie erschien ihm begehrenswerter als je zuvor.

"Na Doktor, haben Sie die Tardis wieder flott gekriegt?" fragte sie ihn leichthin und lächelte dabei betont fröhlich. Das Blut floss ihm heiß durch die Venen.

"Er hat mir eben bereits in aller Ausführlichkeit erklärt, was er denn so repariert hat!" schaltete sich ihre Mutter ein, und man sah ihr an, dass sie kein Wort davon verstanden hatte - und sie keine einzige Silbe mehr darüber hören wollte.

"Nun ja, eigentlich hab ich das meiste schon hinbekommen...", setzte er zögerlich an, wurde jedoch sogleich von Rose unterbrochen.

"Aber sagen Sie nicht, dass wir jetzt schon wieder los können?"

Ohnmächtig bemerkte er die Panik in ihrer Stimme, bei dem Gedanken, sie könnten sofort von diesem Ort verschwinden, und er konnte nichts dagegen tun, dass es ihn nicht kalt ließ. Dabei wollte er sich noch nicht einmal selbst eingestehen, dass sie die Flamme der Eifersucht in ihm entfacht hatte. Der Doktor beschloss, es nicht zu ignorieren, sondern ihrer neuen Leidenschaft auf den Grund zu gehen.