Er hatte es gewagt. Hatte sich wie in einem Traum zu ihr vorgebeugt und ihre Lippen erhascht, seine Arme um sie gelegt und aufgehört zu denken. Und für einen Moment war sie mit ihm im absoluten Einklang gewesen. Sie fühlte sich so richtig an, ihre Hände hatten zart auf seiner Brust geruht. Doch dann hatte sie wohl Angst bekommen und ihn von sich weg geschoben. War in ihre Wohnung geflohen und hatte ihn wie betäubt stehen lassen.

Trotzdem sie so schnell geflüchtet war, verspürte er eine Euphorie, als hätte er von einer verbotenen Köstlichkeit genascht - und irgendwie hatte er es ja auch. Wie beschwipst fühlte er sich. Johnny trat den Rückweg an und schwebte davon, nachdem er noch minutenlang auf die geschlossene Eingangstür gestarrt hatte, hinter der sie verschwunden war.

Hatte sie ihn abgewiesen? Nein - tief in sich drin hatte er ihre Zustimmung zu diesem Kuss spüren können, doch sie war wohl scheinbar über ihren eigenen Mut erschrocken. Denn es war dann doch etwas sehr gewagt gewesen von ihm, zu denken - auch nur zu hoffen - dass diese blutjunge Frau ernsthaft etwas mit ihm anfangen würde, egal wie gut sie sich auf Anhieb verstanden hatten.

Er kam wieder an dieser altmodischen Polizeinotrufzelle vorbei und fast war ihm, als hätte er tief aus ihrem Inneren ein Geräusch gehört. Ja, im Grunde war er wie diese blaue Box: schon in die Jahre gekommen und vor sich hin knarrend! Immerhin war er schon fast Mitte Dreißig, und somit ein alter Knacker für sie. Er blieb stehen und starrte den blauen Kasten gedankenverloren an. Echt merkwürdig, wer sowas hier verkommen ließ!

Er blickte sich um. Und das hier in dieser Gegend, ein heftiger Stilbruch, mitten vor dieser Betonfassade mit all dem Graffiti ringsherum... dort in der Nähe konnte er den verwaschenen Schriftzug "Bad Wolf" entziffern - doch wieso musste er dabei ausgerechnet an die goldenen Augen der blonden Frau denken, die er gerade geküsst hatte? Er seufzte tief auf, setzte sich wieder in Bewegung und machte sich auf den Heimweg.


Rose wollte noch nicht weg, und hatte vom Doktor die Zusicherung, dass aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Reparaturen alles noch mindestens eine Woche dauern würde. Sie hoffte, dass dies genug Zeit war, allem auf den Grund gehen zu können - unter anderem auch ihren Gefühlen. Zum ersten Mal ohne weitere Umarmung oder sonstige Berührung verließ sie den Doktor, sagte einfach nur dumpf "Gute Nacht" und verschwand in ihrem Zimmer. Sein intensiver Blick bohrte sich dabei in ihren Rücken wie eine heiße Nadel.

Nach einer weiteren schlaflosen Nacht war sie vollkommen fertig, fix und alle. Hin und hergerissen war sie, aufgerieben zwischen einer Welle von Glückshormonen, die ihr Körper ausschüttete, wenn sie auch nur an Johnny dachte, an seinen spontanen Kuss, seine ganze Art, und an die Tatsache, dass er ein Mensch war - greifbar, wirklich, hier und jetzt. Dass er ihr offen zeigte, dass er sie anziehend fand.

Und dem bitterbösen Gedanken, dass sie ihn doch nur deshalb so gut fand, gerade weil er ein Ebenbild des Doktors war - und es der Timelord war, den sie liebte, den sie begehrte. Es waren doch zwei völlig unterschiedliche Personen, zwei Seelen, und sie konnte ihn doch nicht einfach durchtauschen, nur weil es ihr besser in den Kram passte! Das wäre echter Betrug, und ihr schlechtes Gewissen verursachte ihr einige Übelkeit.

Sie wusste inzwischen, wie Smutty richtig hieß und kannte seine vollständige Adresse, von daher stattete sie ihm am nächsten Tag kurzerhand einen Besuch ab. Am Telefon hätte sie nicht gewusst, was sie sagen sollte, hätte nur dumm herumgedruckst. Als Rose vor seiner Tür stand und den Klingelknopf drückte, hoffte sie jedoch ganz plötzlich, dass er nicht da war. Ihr Herz war ihr in die Hose gerutscht und nervös strich sie sich die Haare zurecht.

Johnny riss die Tür auf und starrte sie an; er sah aus, als ob er gerade vorgehabt hatte, das Haus zu verlassen.

"Hallo", raunte er nur etwas atemlos.

"Hi-", auch ihr fiel nicht mehr ein und für ein paar Sekunden schauten sie sich nur stumm an. Dann öffnete er die Tür ein Stückchen weiter.

"Möchtest du reinkommen?" Er zögerte, dann setzte er hinzu: "Ich wollte allerdings gerade aufbrechen, ins Labor. - Wie wärs, möchtest du vielleicht mitkommen?" Sein Blick sprach Bände; schüchtern, sich nicht allzu viel erhoffend, und gleichzeitig flehend. Dem konnte sie sich nicht entziehen.

"Natürlich, gern." Rose lächelte. Ihre Antwort ließ ihn erstrahlen, wie ein Regenbogen nach einem heftigen Schauer.

"Moment..." Er holte Jacke und Umhängetasche und zog die Tür hinter sich zu.

Sie marschierten nebeneinander los und wie automatisch griff Rose nach seiner Hand. Erst als er sie überrascht ansah, bemerkte sie es und biss sich auf die Unterlippe - so weit war es bei ihr schon gekommen, dass sie auf ihn reagierte wie auf den Doktor! Mit dem Timelord hatte sie immer Händchen gehalten, ganz natürlich kam es ihr vor. Doch mit Smutty war es doch etwas anderes, denn letztendlich war dies eine Art Zugeständnis, dass sein Kuss am vergangenen Abend von ihr nicht ganz ohne Gefühle erwidert worden war.

Sie spürte sein inneres Aufjauchzen, die Wangen leicht gerötet, und er schritt unwillkürlich stärker aus, zog sie mit sich mit frischem Schwung. Etliche Meter hinter ihnen beschleunigte eine weitere Person ihren Schritt und ließ den Saum des Mantels schwingen.

Sie fuhren ein paar Stationen mit der Metro, stiegen dann an der Universität aus und er führte sie auf dem Campus zum Nebeneingang eines sehr alten Gebäudes. Innen ging es in den ersten Stock in eine Art größeren Arbeitsraum mit mehreren Schreibtischen, mit Büchern und dicken Gesteinsproben vollgestopften Regalen und diversen Steinen und Eimern voller Sand und Werkzeug, die auf dem Boden herumstanden.

Die ganze Zeit über hatte er ihre Hand nicht losgelassen, und als ihre Finger sich jetzt verschwitzt voneinander lösten, traf sich ganz kurz ihr Blick und sie gingen verlegen auseinander.

"Hey, wen haben wir denn da? Na Smutty, bist mal aus deinem Keller hervorgekrochen gekommen? - Übrigens, ich bin Steve." Ein jüngerer Typ, der an einem der Schreibtische saß, hatte von seiner Arbeit hochgeschaut und nickte nun Rose zu, nachdem er sie von oben bis unten betrachtet hatte. Dann grinste er plötzlich anzüglich und setzte hinzu: "Kommst du heute abend auch zur Erstsemester-Party? Und bringst noch jemanden mit?" Er zwinkerte Rose zu.

"Hey Steve - mal sehen." Johnny war sehr kurz angebunden. "Das ist Rose. - Rose, nimm ihn nicht ernst. Keiner tut das hier." Rose konnte nicht feststellen, ob das deren übliche Art war, miteinander umzugehen, jedenfalls beschloss sie, ihm ihrerseits nur stumm und unverbindlich zuzulächeln, mehr nicht.

Eine Frau im weißen Kittel betrat den Raum, etwa Ende Zwanzig, braunes lockiges Haar, Arbeitsmappe im Arm und in der anderen Hand einen großen Schlüsselbund. Ihre Augen leuchteten auf, als sie Johnnys ansichtig wurde, doch als sie Rose neben ihm sah, stutzte sie.

"Oh Johnny, hi! Schön dich zu sehen. Hab deine Auswertung auf dem Schreibtisch gesehen - das sieht ja toll aus!" Sie säuselte ihn an, ignorierte die Anwesenheit von Rose dabei total.

"Ja, nicht wahr? Und hast du gesehen, es gibt keinerlei Verunreinigungen im Material, ich bin so begeistert!" Glücklich strahlte er die Kollegin an, bemerkte ihr Verhalten scheinbar überhaupt nicht. "Und ich hab die Messung echt noch zweimal wiederholt, um sicher zu gehen!"

Als der Blick der Frau ein paar Mal zu Rose herüberflackerte, wachte Johnny aus seiner Begeisterung auf und räusperte sich. "Rose, das ist Eileen - Eileen, Rose! Wir sind Nachbarn, Rose und ich... naja, fast." Johnny schenkte Rose ein so glückliches Lächeln, dass Rose rot wurde. Ihr war vor allem nicht entgangen, dass diese Eileen nicht gerade erfreut über ihre Existenz war.

Rose blickte sich überall im Raum um und besah sich die vielen Regale. "Ist irgendwie gemütlich hier, obwohl es alles ziemlich viel Zeugs ist, das hier rumliegt. Und dann die Maschinen und all die Geräte nebenan. Passt irgendwie gar nicht zu der schönen Architektur, wenn man das Gebäude von außen sieht."

"Nun ja, auf Stilbrüche trifft man ja häufiger, denk mal an gestern abend", er schaute Rose an und wurde plötzlich rot, denn er musste mit einem Mal an ihren Kuss denken. Schnell wandte er sich stattdessen an seine Kollegin. "Stell dir vor, Eileen, dort wo ich wohne, im Powell Estate, mitten zwischen diesen Betonklötzen, steht eine wunderschöne altmodische Polizeinotrufzelle, eine aus den Sechzigern, so eine blaue, du kennst sie wahrscheinlich nur aus dem Museum. Steht da nur so rum", er drehte sich zu Rose zurück, "DAS nenne ich Stilbruch!"

Nervös trat Rose von einem Bein auf das andere, ihr war es gar nicht recht, dass Johnny ständig über die Tardis nachdachte. Nicht dass er noch auf die Idee kam, sie sich näher anzuschauen und dann auf den Doktor traf! Sie versuchte abzulenken.

"Du wolltest mir doch noch das Labor zeigen. Wo gehts denn da hin?" Sie klimperte ihn mit ihren langen Wimpern an - was diese Eileen konnte, dazu war sie schon lange in der Lage.

"Okay, klar, wenn es dich interessiert", er war eindeutig über ihre Neugier erfreut, "dann einfach mir nach. Hier entlang!" Er griff spontan wieder nach ihrer Hand und wandte sich zum gehen. Eileen starrte den beiden für eine Sekunde perplex nach, dann marschierte sie schnell hinter ihnen her, als wolle sie die Laborführung um nichts in der Welt verpassen.

"Wartet, ich komme mit!"

"Man sieht sich heute abend!" rief Steve ihnen hinterher, ohne noch einmal seinen Blick zu heben.

Zuerst ging es den Gang entlang, dann ein paar Stufen in den Keller. Am Eingang zum Treppenhaus war eine große Hinweistafel angebracht, mit Pfeil nach unten und dem Wort "Labor I-III" sowie Johnnys Namen, inklusive seines Doktortitels.

"Oooh, du hast sogar gleich drei eigene Labore, bin beeindruckt!" Rose schmunzelte angesichts seiner geschmeichelten Miene. Johnny hielt ihr höflich die Tür zum Kellergewölbe auf. Rose ging voraus und drehte sich automatisch im Gang nach rechts.

"Stopp, andere Richtung!" Er griente sie an, "dort landest du nur irgendwo bei den Geographen und anderen Geistis im Archiv. Komm hier links entlang!" Sein Tonfall war abfällig, da war er ganz der Techniker - die Forscher der geisteswissenschaftlichen Disziplinen waren in seinen Augen Lebewesen niederer Art.

Im Labor erstreckte sich vor Roses Augen ein mächtiger Apparat, der den gesamten Raum einnahm und ein riesiges Schaltpult an seinem Ende aufwies. Sie bemerkte seinen Blick, er schien ihr mit diesem Gerät imponieren zu wollen.

"Na was sagst du, Rose? Hat doch was von einem Raumschiff! Wie die Brücke der Enterprise, und ich bin Captain Picard!" Er pflanzte sich stolz auf den einen der beiden Drehstühle, die vor der Hauptkonsole standen, und klopfte mit seiner Hand auffordernd auf den anderen, damit sie sich zu ihm setzte. Eileen war währenddessen mit säuerlicher Miene im Hintergrund stehen geblieben.

"Naja, ja, sieht nach einem ziemlich komplexen Gerät aus, mit vielen Knöpfen", sie ließ ihren Blick wie eine Expertin über die Konsole schweifen, "aber Konsolen von Raumschiffen sehen schon noch ganz anders aus!" Sie schloss schnell ihren Mund, beinahe wäre ihr noch die Bemerkung entschlüpft, sie hätte da bereits so einige gesehen und selbst bedient. Sie schluckte einmal deutlich, dann konnte sie weitersprechen. "In Filmen sieht man ja immer diese fast wie Bügeleisen aussehenden Requisiten, wirklich schlecht gemacht, im Vergleich zu einer echten Konsole!" Upps, jetzt hatte sie doch zu viel gesagt.

Johnny starrte sie einen Moment an, dann fing er an zu lachen. "Ja da magst du Recht haben! - Komm, lass uns irgendwo einen Kaffee trinken gehen." Er war glücklich wie schon lange nicht mehr.


Eine Stimme raunte leise aber deutlich in das Mobiltelefon. "Das Codewort Blaue Box ist erwähnt worden. Standort Powell Estate-Häuser. ...Ja, wird gemacht! Verstanden und Ende."