Eigentlich wollte Rose sich gerade ein wenig aufbrezeln und zurechtmachen, denn Smutty hatte vor, sie zu acht Uhr abzuholen, zu der Erstsemester-Party seines Instituts. Doch dann hörte sie ein nur allzu vertrautes, stetig an- und abschwellendes Seufzen, und zwar direkt aus dem Wohnzimmer. Und kurz darauf Jackies meckernde Stimme.

Sie musste gegen ihren Willen grinsen, stellte sich das Szenario nebenan vor, Hauptakteure: ihre Mum und der Doktor. Armer Doktor! Es gab ihr einen Stich, dass sie einen leichten Widerwillen dagegen verspürte, ihn jetzt zu sehen. Normalerweise wäre sie aus dem Häuschen gewesen, sobald er auf der Bildfläche erschien, doch nicht heute abend. Sie wollte den Abend nur mit Smutty verbringen, er sollte die echte Chance bekommen, bei ihr Eindruck zu hinterlassen, ohne dass der Doktor dazwischenfunkte. Seufzend stand sie auf und ging ins Wohnzimmer.

"-als wenn Sie zu faul sind, einige Treppenstufen hochzulaufen, Doktor! Also ehrlich jetzt! Husch - parken Sie Ihre Kiste bitte woanders!" Jackie war ziemlich aufgebracht, denn der kräftige Luftzug hatte ihr alle Zeitschriften durcheinandergewirbelt.

Lässig lehnte der Timelord mit der Schulter an seiner Tardis, die Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben und ließ Jackie reden, völlig unbeeindruckt schaute er sie nur an. Dann sah er Rose in der Türschwelle stehen und in seinem Gesicht ging die Sonne auf. Rose musste unwillkürlich zurücklächeln und warf einen bedeutungsvollen Seitenblick auf ihre erboste Mum.

"Kommen Sie, Rose? Ich muss die Tardis mit ihrer neuen Steuerung noch Probefahren, bevor ich die letzten Einstellungen vornehmen kann..." er bemerkte ihr Zögern, "...oder haben Sie heute abend noch etwas vor? Wir können ja jederzeit rechtzeitig wieder hier sein, wenn Sie wollen!"

Er setzte seinen berühmten Hundeblick auf, dem Rose noch nie hatte widerstehen können, und kaum dass sie nickte, richtete er sich ruckartig auf und ergriff euphorisch ihre Hand. "Wie wär's mit einem Trip zu Elvis? Den muss man mal Mitte der Fünfziger erlebt haben - wir könnten einen Abstecher nach New York machen, zu den Ed Sullivan Fernsehstudios, in denen er einen furiosen Auftritt hatte!"

"Den würde ich auch mal gerne treffen! - Nein nein, war ein Scherz, ihr Pflaumen! Ich würde sowieso nicht freiwillig in dieses Ding steigen" Jackie musste bei dem entsetzten Blick anfangen zu lachen, den sie ihr beide sofort zugeworfen hatten. "Aber nachher bitte draußen parken, Doktor, hören Sie?!" rief Jackie ihnen noch seufzend hinterher.


Als Smutty an ihrer Haustür klingelte, öffnete Jackie und starrte ihn unverhohlen an.

"Wie sehen Sie denn jetzt schon wieder aus? Eben noch ne Elvis-Tolle und jetzt einen auf modern machen, Doktor? In solchen Klamotten hab ich Sie ja noch nie gesehen!"

Schnell zog Rose ihre Mutter in die Wohnung zurück und drängelte sich an ihr vorbei. "Äh wir gehen dann mal wieder, Mum!" und schob sich aus der Tür heraus und schloss sie schnell hinter sich. "Sorry, das war eben meine Mutter, sie redet manchmal wirres Zeug!" entschuldigte sie sich bei ihm.

Rose hatte noch immer ihren rosa Petticoat zu passenden Schuhen und ihre taubenblaue Lederjacke an, über einem pinken paillettenbesetzten Top, und ein breites rosa Haarband zierte ihren zusammengebundenen Blondschopf, alles im Style der Fünfziger Jahre. Er war sprachlos, denn sie sah atemberaubend aus!

"Kommst du? Äh du siehst mich so an - bin ich für die Party gut genug gekleidet? Oder sollte ich mir lieber ne Jeans anziehen?"

"N-nein du siehst toll aus! Ehrlich!" stotterte er und merkte, wie sich sein Gesicht mit verlegener Röte überzog. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle in Grund und Boden geküsst, doch er wollte nicht das Risiko eingehen, den Abend vorschnell in einem Desaster beendet zu sehen - denn wer wusste, wie sie reagieren würde...

Die Party war bereits im Gange, als sie eintrafen; auf der Tanzfläche wurde ordentlich zu Rockmusik abgetanzt, während die übrigen Gäste größtenteils mit einer Flasche Bier in der Hand am Rand standen und sich unterhielten, soweit es die Musik erlaubte. Die Traube an Studenten zog sich über den Vorraum bis hin vor das Gebäude und erzeugte ein lautes Stimmengewirr, das bis zur Straße reichte.

Neben den Neuen, also den Erstsemester-Studenten waren natürlich auch die Veteranen unter den Partygästen, Doktoranden und sogar diverse Professoren standen ungezwungen in Grüppchen zusammen und ließen sich ihr Bier schmecken. Smutty wurde mit großem Hallo begrüßt und Rose bemerkte viele neugierige Blicke in ihre Richtung.

"Hallöchen da seid ihr ja! Rose war der Name, hab ich Recht? Schicker Rock!" Der Kollege Steve aus dem Arbeitszimmer kam auf die beiden zu und drückte ihnen gleich jeweils ein Bier in die Hand. "Cheers!" Er stieß sogleich mit ihnen an und zwinkerte Rose zu, wie er es bereits am Nachmittag getan hatte.

Natürlich war auch Eileen zur Stelle, Smutty zu begrüßen, wobei sie Rose geflissentlich ignorierte. Sie quasselte ihn ziemlich voll mit irgendwelchen technischen Einzelheiten, die Smutty normalerweise sehr interessierten, nur an diesem Abend stand ihm so gar nicht der Sinn danach. Nach drei vergeblichen Versuchen ihrerseits, ihn in eine Diskussion über Fehlerbetrachtungen zu verstricken, war seine Geduld am Ende.

"Nun lass mal gut sein, Eileen. Ich möchte jetzt mein Bier trinken und Spaß haben und du solltest auch mal langsam herunterkommen!" Er drehte sich zu Rose und raunte ihr ins Ohr: "Ich hoffe dir ist es nicht zu langweilig mit uns Akademikern! Und wir sind normalerweise auch nicht so penetrant wie meine Kollegin hier", und lächelte sie nervös an.

Rose schaute ihm in die Augen, die Augen des Doktors, mit dem sie vor ein paar Stunden erst ein haariges Abenteuer durchgestanden hatte, mit dem sie mit Limo auf einem Straßenfest auf die Queen angestoßen hatte, und der jetzt einsam an seiner Tardis weiterschraubte. Das bisschen Alkohol, das im Bier war, stieg ihr bereits zu Kopf, und sie merkte, wie es ihr zu viel wurde - der Alkohol, die Müdigkeit, die Schuldgefühle. Unwillkürlich stiegen in ihr Tränen auf, die sie Smutty schlecht erklären konnte.

Sie murmelte nur eine Entschuldigung und drehte sich weg, vielleicht reichte ja auch etwas frische Luft aus, damit es ihr wieder besser ging. Als hätte Eileen nur darauf gewartet, verwickelte sie Smutty sofort wieder in ein Gespräch, das ihn erfolgreich ablenkte und ihn bei der Gruppe stehenbleiben ließ, anstatt Rose zu begleiten.

Eigentlich hatte sie ja im Stillen darauf gehofft, nicht alleine durch die Menge nach draußen zu gehen, aber sie machte das beste draus und stellte sich vor den Eingang des Hauses. Steve kam ihr hinterher und zückte eine Zigarette.

"Willste auch eine?" Sie schüttelte den Kopf, bedankte sich aber artig. Dieser Steve schien doch gar nicht so schlimm zu sein, wie sie anfangs gedacht hatte. Er rauchte still vor sich hin und betrachtete sie versonnen. Rose versuchte es ein wenig mit Smalltalk.

"Kennt ihr euch schon lange, Smutty und du?"

Er stieß einen Rauchschwaden aus, bevor er antwortete. "Och so drei Jahre, seit er hier am Institut ist", sinnierte er. "Und ihr?"

"Drei Tage", sie starrte in die Dunkelheit und setzte fast unhörbar hinzu, "und eigentlich schon immer."

"Wie romantisch", ließ sich Steve ebenso leise vernehmen. Nach einer weiteren Pause, in der sie schwiegen, meinte er dann ins Blaue hinein: "Du bist nicht wie die anderen Mädchen. Du passt zu ihm." Er sprach es aus wie eine Feststellung, das Ergebnis einer Studie.

"Ich hab mitbekommen, wie etliche hier darüber spekuliert haben, ob ich eine von den Erstsemester-Studentinnen sei, die Smutty aufgerissen habe", Rose grinste Steve amüsiert an.

"Die das sagen, haben keine Augen im Kopf", grinste er verschwörerisch zurück und steckte sich die nächste Zigarette an.

Nach einer Weile kam Smutty aus der Menge auf sie zu. Er nickte Steve kurz zu und trat dann nah an Rose heran. "Geht es dir gut?" fragte er sie besorgt. Sie nickte, jedoch war sie unendlich müde.

"Ich muss gehen, sonst schlafe ich noch im Stehen ein. Es tut mir Leid", sie lächelte entschuldigend.

Er legte stützend seinen Arm um sie und wandte sich zum Gehen. "Komm, ich bringe dich nach Hause", raunte er ihr zart ins Ohr.

Sein Arm hüllte sie ein, sie fühlte sich so sehr zu ihm hingezogen, dass sie wie auf einer Wolke schwebte. Als sie an einer Straßenkreuzung kurz stehenbleiben mussten, drehte sie ihr Gesicht zu ihm hin, hob das Kinn und schaute ihn an. Er konnte nicht anders und musste sie küssen, doch diesmal hatte sie es gewollt.

Nicht weit entfernt in der Dunkelheit stand der Timelord und betrachtete die Beiden stumm und mit geballten Fäusten. Doch er wusste, egal wie sehr es ihn auch verzehrte, dass er nichts tun konnte, außer den Dingen ihren Lauf zu lassen.


Sie erwachte in einem fremden Bett. Verwirrt schaute sie sich um und entdeckte dicht neben sich das schlafende Gesicht des Doktors - nein, vielmehr das von Johnny, verbesserte sie sich sofort. Die Erinnerung an letzte Nacht machte sie für einen kurzen Moment wieder atemlos. Sie waren nach ihrem Kuss in schweigsamer Eintracht zu ihm nach Hause gegangen und dort wild übereinander hergefallen.

Rose wurde es wieder ganz heiß bei dem Gedanken daran, wie sie sich intensiv geliebt und sich lauthals mit Kosenamen belegt hatten. Sie hatten sich Dinge zugeflüstert, die ihr im Nachhinein die Schamesröte ins Gesicht trieben. Nie im Leben hätte sie dies mit einem Fremden getan, jedoch hatten sich gestern für sie der Mensch Johnny und der Doktor miteinander vermischt, hatte sie im Grunde genommen mit dem Timelord geschlafen.

Ihr kam plötzlich ein verwirrender und auch irgendwie befreiender Gedanke. Konnte es denn sein, dass die Tardis tatsächlich ihr Gehirn angezapft hatte, als der Doktor am regenerieren war? Nur dass die Tardis nicht ihre damaligen Gedanken wahrgenommen und benutzt hatte, sondern ihre zukünftigen, ihre heutigen, und so dieses Gesicht, Johnnys Gesicht ausgesucht hatte? Dass es vielleicht Schicksal war, jenes Gesicht durch den Doktor lieben zu lernen, um später mit Johnny das Leben zu verbringen?

Der Timelord würde irgendwann wieder regenerieren und ein neues Gesicht annehmen, und damit sein langes Leben weiterleben. Rose nicht. Es war ihr klar, dass der Doktor keine Beziehung mit ihr eingegangen war, weil sie nur die Lebensspanne eines Menschen besaß und er sich selbst das Leid ersparen wollte, sie altern und letztendlich sterben zu sehen. So hatte er es bereits dutzende Male mit anderen Begleitern vor ihr durchgemacht und sie irgendwann irgendwo abgesetzt. Rose konnte da keine Ausnahme sein, auch wenn er manchmal das Gegenteil behauptete.

Neben ihr brummte es. Ein Arm kam herüber und tastete unter der Decke nach ihr, bis er gefunden hatte, was er suchte. Sie schnappte nach Luft, denn seine Hand war an der richtigen Stelle und liebkoste sie, dass sie schwach wurde. Sie drehte sich zu ihm um und sie liebten sich ein weiteres Mal.