"Doktor, was machen Sie hier!"
Rose sprühte vor unterdrückter Wut, und es war ihr egal, ob es die anderen mitbekamen. Er jedoch schaute sie durchdringend an, dann wandte er sich an die Studenten und an Eileen.
"Entschuldigen Sie bitte, ich muss da etwas wichtiges klären! - Bitte mach doch für mich weiter, ja? Ich weiß du kannst das!"
Er nickte seiner vermeintlichen Kollegin ermunternd zu, welche zuerst empört auffahren wollte, doch er ignorierte ihr Gehabe und verließ dann das Labor, Rose am Arm mit sich ziehend. Er schaute sie ernst an, als sie in den Gang hinaus traten und die Tür hinter sich zu zogen.
"Kommen Sie, es ist wichtig! Zeigen Sie mir, wo er seinen Schreibtisch hat!" Er wollte sie dazu bringen, ihm voraus zu gehen, doch sie blieb stur stehen, wo sie waren.
"Doktor! Sie schleichen mir nach! Und dann spielen Sie auch noch vor den anderen Theater! Ich bin wirklich enttäuscht von Ihnen!" Ihr Zorn war noch lange nicht verraucht. Dann blickte sie plötzlich hoch. "Sie scheinen ja bereits alles zu wissen, wenn Sie vor den Studenten und Kollegen schon vorgeben, Johnny zu sein."
Sein Gesicht war eine feste Fassade, wie immer undurchdringlich, doch Rose meinte ein Grollen in seinem Inneren zu spüren. Seine Augen verrieten ihn, tief in ihm brodelte die Eifersucht. Ihre Wangen brannten.
"Sie haben uns zusammen gesehen, nicht wahr? Johnny und mich", flüsterte sie und fragte sich plötzlich, ob sie vor ihm Angst haben sollte. Denn sie wusste, dass man einen Timelord nicht erzürnen durfte. Auch sie nicht. Denn wie weit würde er gehen, wenn die Eifersucht ihn im Griff hatte?
Doch nun musste sie zuerst etwas anderes zur Sprache bringen! Sie schluckte ein paar Mal.
"Ich muss Ihnen etwas erzählen, das unheimlich wichtig ist, Doktor! Es geht um Smutty, also ich meine um Johnny Smith. Er... er sieht aus wie Sie. Wirklich haargenau so. Das kann einfach kein Zufall sein. Und dann ist da noch dieses Erbstück von seinem Vater...", sie machte eine Pause, wusste nicht, wie sie es anders formulieren konnte. "Doktor, kann es sein, dass er Ihr Sohn ist?"
Der Doktor war perplex. "Wie kommen Sie denn darauf, Rose?"
"Dieses Erbstück, das er bei sich zuhause hat, so eine Uhr, hat gallifreyische Schriftzeichen als Ornamente, eindeutig! Ich hab sie mir genau angeschaut, ich kann mich da nicht irren!"
Er hakte nochmal nach. "Eine Uhr? Vielleicht eine Taschenuhr? Und sie funktioniert gar nicht, ist geschlossen?"
Sie nickte und musste erneut schlucken, denn es schien ihm tatsächlich etwas zu sagen, eine tiefere Bedeutung zu haben. Er kratzte sich hinter den Ohren, wie er es immer machte, wenn er ganz scharf nachdachte. Dann sprudelte alles weitere aus ihr heraus.
"Wenn er diese Uhr von seinem Vater hat, der ein Timelord ist, und die Tardis sein Gesicht aus meinem Kopf aus der Zukunft, also dem Jetzt genommen hat, als Sie regenerierten, dann muss das doch bedeuten, dass da ein Zusammenhang ist, und das kann ja nur heißen, dass Sie dieser Timelord sind!"
Der Doktor nickte ernst zu ihrer Theorie, was aber nicht hieß, dass sie richtig war - er zeigte nur an, dass er ihrem Gedankengang folgen konnte.
"Und da ist noch etwas. Er sagte mir, seine Mutter hat ihm erzählt, sein Vater sei ein Sternenwanderer gewesen. Und ich... ich sähe seiner Mutter ähnlich." Ihre Stimme brach und sie wandte sich ab, er sollte ihre Tränen nicht sehen.
Und dann hatte sie noch einen viel entsetzlicheren Gedanken. Was wäre, wenn sie von Smutty selbst schwanger war? Sie waren in der letzten Nacht nicht gerade vorsichtig gewesen. Was war, wenn der Doktor sie vor lauter Eifersucht verstieß und irgendwo aussetzte? Rose stand wie unter Schock. Irgendwann murmelte sie fast unhörbar: "Würden Sie sowas tun? Könnten Sie mir das antun, mich schwanger in der Vergangenheit absetzen?"
"Rose..." Noch nie hatte seine Stimme so weich geklungen. Sie fing an zu schluchzen und warf sich ihm in die Arme. Einen Augenblick lang hielt er sie so, dann beruhigte sie sich allmählich und schaute zu ihm auf, als er sie an den Schultern fasste. Der Timelord blickte ihr tief in die verweinten Augen.
"Ich verspreche Ihnen, alles wird gut! Vertrauen Sie mir!" Dann schaute er sich um. "Wir müssen unbedingt mehr herausfinden. Bitte Rose, lassen Sie ihre Gefühle mal kurz beiseite und zeigen mir seinen Schreibtisch, ja? Ich möchte wissen, woran er eigentlich forscht."
Einen Moment später standen beide im leeren Arbeitszimmer und der Doktor, der wieder seine Brille auf der Nase hatte, scannte durch Johnnys Unterlagen, schaute sich Ausdrucke von Grafiken an und guckte durch die Manuskripte von Fachartikeln, auf denen sein Name stand.
"Faszinierend, Rose! Ein neues filterndes Material, das Funkwellen unterschiedlicher Frequenzen absorbiert. Muss ein Mehrschichtsilikat sein, also eine Keramik im weitesten Sinne... quasi wie so eine Art Elektrosmog-Filter ...oh!" Der Ausruf klang, als sei er auf etwas Ungewöhnliches gestoßen. Schnell blätterte er ein paar handschriftliche Notizen durch und schaute dann auf die im Regal nebenan aufgestapelten Probenfläschchen.
"Gefördert wird das gesamte Projekt durch das Torchwood-Institut. Hm, hab ich das nicht schon einmal gehört? Sagt Ihnen der Name was?"
Unbemerkt ließ er ein paar handschriftliche Notizen in seiner Tasche verschwinden.
Rose hatte sich in der Zwischenzeit ein wenig abseits auf einen der Stühle gesetzt und beobachtete das Treiben des Doktors derweil. Ihre Gedanken kreisten um nichts anderes als um die Tatsache, dass die beiden Männer in irgendeiner Form miteinander verbunden waren. Waren sie Vater und Sohn? Oder waren Vater und Sohn identisch, hatte Johnny seinen eigenen Sohn, also sich selbst gezeugt? Sie verzog in bitterer Ironie das Gesicht, typisch Paradoxon - sowas konnte auch nur einem Timelord passieren! Ihre Hand war unbewusst zu ihrem Bauch gewandert und legte sich jetzt ruhig auf ihren Unterleib. Ab wann würde sie etwas fühlen können?
Als der Doktor die letzten Worte sprach, hatte er dabei zu Rose hingesehen und ihre Geste registriert. Er ließ alle Sachen fahren und ging zu ihr hin.
"Nein, denken Sie nicht an so etwas!" Er nahm ihre Hand vom Bauch herunter und führte sie an seine Lippen. "Rose, was auch immer hier gespielt wird und sich herausstellt, ich werde Sie nicht einfach im Stich lassen und irgendwo absetzen!"
Dann zog er sie vom Stuhl hoch und fuhr fort: "Kommen Sie, Sie müssen jetzt Johnny irgendwie ablenken. Er sollte sich jetzt gerade nicht in diesem Institut aufhalten, das wäre schlecht", er sah sich mit einem Male nervös um, "am besten rufen Sie ihn an, treffen ihn woanders und gehen mit ihm irgendwo hin spazieren oder was auch immer!"
"Und Sie?" Rose ließ sich vom Doktor zum Ausgang führen.
"Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen beziehungsweise in Erfahrung zu bringen!"
"Musst du eigentlich gar nicht arbeiten?" Johnny kam in das Bistro, zu dem sie ihn herbestellt hatte, und schnupperte. "Ist der Mittagstisch hier gut? Soll ich dir was mitbestellen? Vielleicht vorweg erst was zu trinken?"
"Huch, so viele Fragen auf einmal! - Ja, der Mittagstisch ist meist recht lecker, zumindest war er früher mal so", sie versuchte ihre gemischten Gefühle unter Verschluss zu halten und mimte die fröhliche. "Danke, ich hab gerade bereits für mich bestellt - hab einen Bärenhunger, sorry, konnte nicht warten!"
Nachdem auch Johnny für sich bestellt und für beide je ein Glas Cola an den Tisch geholt hatte, fragte er noch einmal nach: "Und was ist jetzt mit deiner Arbeit?" Er griff über den Tisch, nahm ihre Hand und setzte einen Kuss in ihre Handfläche. Dann hielt er sie sich an die Wange.
"Ich hab gerade Urlaub für ein paar Tage." Rose konnte sich kaum auf ihn konzentrieren, alles was sie spüren konnte, war seine Berührung an ihrer Hand. Genauso hatte der Doktor vorhin ihre Hand genommen.
"Erzähl mir doch mal, wem assistierst du eigentlich auf deinen Reisen? - Ich möchte alles wissen!" Während er ihr verliebt in die Augen schaute, knabberte er weiter an ihren Fingern.
"Er ist... ach er ist nicht wichtig! Halt ein Typ, der eine Begleitung braucht, mehr nicht." Lächelnd wollte sie die Umstände kleinreden, jedoch gelang es ihr nicht. Sie hörte sich selbst die Worte aussprechen und bemerkte, dass sie das Gegenteil von dem sagte, was sie eigentlich gemeint hatte. Und wie es bei ihm ankommen würde. Er schaute sie irritiert an und räusperte sich unsicher.
"Ein Typ? Was für ein Typ? Und muss ich da was über euch wissen?" Sein Blick fing an, sie zu durchbohren. Dass er die Augen des Doktors hatte, machte die Sache noch tausendmal schlimmer. Rose bekam Panik. Sie hatte sich in Johnny verliebt. Doch eigentlich liebte sie den Doktor. Das machte all ihre Worte zu einer einzigen großen Lüge. Und was Rose letztendlich den Rest gab, war noch immer dieser Gedanke, sie könnte seine Mutter sein, auf diese paradoxe Art, die das Reisen mit einem Timelord mit sich bringen konnte.
Das Schweigen zog sich in die Länge und irgendwann ließ er ihre Hand los. Sie plumpste hart auf die Tischplatte, doch war sie völlig gefühllos und Rose zuckte nicht einmal. Ihr war so elendig zumute, wollte weinen, aber sie durfte es nicht, hohl murmelte sie ihm ein "es tut mir so Leid" zu.
Verdrossen und mit steinerner Miene stopfte er sein Essen in sich hinein, das in der Zwischenzeit an ihre Plätze gebracht worden war. Sie stocherte nur ein wenig in ihrer Mahlzeit, dann schob sie sie von sich. Letztendlich öffnete sie doch noch ihren Mund, etwas abgehackt presste sie heraus:
"Nein, es ist nichts zwischen ihm und mir, das musst du mir glauben." Dann stand sie auf und ging davon.
