Sie waren Hals über Kopf den Gang entlang geflüchtet und hatten am Treppenaufgang gestoppt, doch nach oben konnten sie nicht, was bedeutete, sie mussten zur anderen Seite hin weiterlaufen. Johnny hatte ihn am Arm gefasst und ihn voller Nervosität zurückgehalten. Aber Rose hatte sie weitergescheucht.

"Ich bin da vorhin bereits ein kleines Stück langgelaufen, und der Doktor kennt den Weg ja auch!" ließ Rose sich hinter ihnen vernehmen.

Das irritierte ihn, während er Johnnys Hand von seinem Arm schüttelte und weiterlief. "Wieso denken Sie das, Rose?"

"Sie haben doch vorhin dort geparkt..."

Er überlegte fieberhaft, welcher wichtige Umstand ihm gerade entschlüpft war. Dabei war ihm das sonderbare Verhalten von Johnny nicht entgangen, er konnte es jedoch nicht so ganz in den Zusammenhang bringen, vor allem nach der kryptischen Bemerkung von Rose gerade eben. Apropos Rose: wieso war sie eigentlich plötzlich verstummt?

Der Doktor drehte sich in vollem Lauf zu ihr um und bemerkte, dass sie nicht mehr bei ihnen war. Abrupt blieb er stehen und stieß dabei fast mit Johnny zusammen, der ihm auf dem Fuße folgte.

"Was hat sie damit gemeint? Und was macht sie noch da hinten!" Er stöhnte, als ihm klar wurde, dass der Keller hinter ihnen voller Menschen war - und Rose wahrscheinlich mitten unter ihnen.

Johnny ignorierte untypischerweise die Frage nach Rose völlig und wippte von einem Fuß auf den anderen. "Lassen Sie uns hier einfach weg, ich hab ein ganz ungutes Gefühl!"

Moment mal! Rose hatte also gedacht, er sei vorhin mit der Tardis hier gewesen, denn sie hatte sie hier gesehen... und Johnny war nervös wie sonst was...

"Ha!" Das hieß, hier war definitiv ein Wahrnehmungsfilter am Werk. "Kommen Sie weiter, ich könnte wetten, dass wir gleich..." Aufgeregt zog er seinen Begleiter hinter sich her und als sie um die nächste Ecke bogen, gewahrte der Timelord die blaue Kiste - seine Tardis! Sie stand hinter diversen alten Schrankteilen und anderem Sperrmüll versteckt, voller Staub, der das Blau in einen Grauton verwandelt hatte. Man konnte ahnen, dass seit Jahren kein Mensch mehr hier gewesen war, um aufzuräumen und sauberzumachen.

Er begann wie wild, die alten Möbelstücke zur Seite zu schieben und wegzustoßen, während Johnny hinter ihm stehengeblieben war und völlig ungläubig auf die hölzerne Notrufzelle starrte. Die Geräusche und das Stimmengewirr wurden lauter, was den Doktor weiter antrieb, bis er die Tür erreicht hatte und seinen Schlüssel zückte. Mit einem hektischen Griff nach Johnnys Ärmel zog er ihn kurzerhand mit sich hinein und schloss die Tür gerade noch rechtzeitig, bevor einer der Verfolger sie entdecken konnte, und atmete dann tief ein und wieder aus. Wieder daheim! Oder doch nicht?

Eine gespenstische Stille umfing sie im ungewohnt dunklen Kontrollraum, jedoch war der Timelord kaum ein paar Schritte zur Konsole gelaufen, hörte er sie schnurren, ein seufzendes Aufflackern, fast wie eine schüchterne Begrüßung. Als er dann zart über ihre Korallenstreben in der Mitte strich, zuckte eine Überspannung durch den Raum und wie durch Zauberhand leuchtete ein Bereich nach dem anderen in einem güldenen Schein auf. Auch der Mittelteil der Konsole erwachte zum Leben und erstrahlte in einem hellen weißblauen Licht.

Der Doktor schaute in gewohntem Enthusiasmus zu Johnny herüber, der wie betäubt dastand. "Na - was sagen Sie?"

"Es... es ist... es ist fast so, als ob ich das hier kennen müsste!" Panik flackerte in seinem Blick auf, mit einer Hand klammerte er sich krampfhaft am Geländer fest. Doch der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu sammeln, denn als erstes hatte er die Gegend abzuscannen und zu schauen, was aus Rose geworden war. Sein Monitor zeigte jedoch keine Bewegung in ihrer Nähe an, was nur bedeuten konnte, dass sie Rose geschnappt hatten.

Ein Plan musste also her, sie da wieder wegzuholen. Und noch etwas musste dringend wiedergeholt werden, bevor der Master genügend Zeit und Gelegenheit hatte, sie sich anzueignen... er kratzte sich am Kopf - Koordination war jetzt alles! Die vordringliche Aufgabe lag allerdings dort drüben, und die verlangte ein gewisses Fingerspitzengefühl. Er warf einen unbehaglichen Blick hinüber zu seinem Begleiter, dann seufzte er.

Irgendwie hoffte er, das einigermaßen ohne Drama über die Bühne zu kriegen, doch er wusste, er konnte schwierig sein. "Manchmal sogar eine ausgewachsene Dramaqueen", murmelte er in sich hinein. Dann raffte er sich letztendlich auf, stellte die Zielkoordinaten ein, legte einen Hebel um und steuerte die Tardis in den Vortex.

Johnny krallte sich noch stärker am Geländer fest, als die Tardis anfing hin und her zu schaukeln. Das seufzende Geräusch erschütterte ihn in den Grundfesten, es schwindelte ihn und tausend Stimmen flüsterten ihm Dinge zu, die ihm völlig unbekannt waren und gleichzeitig doch so vertraut schienen.

Und dann stand der Doktor vor ihm, der Timelord, dieser Fremde in seinem braunen Mantel, mit seinem Gesicht und seiner Statur - ihm war, als sei er ER. Diese Erkenntnis entzog ihm den Boden unter seinen Füßen, benebelt blickte er ihm in die Augen, in seine eigenen Augen.

"Halten Sie durch, Johnny, es ist bald vorbei! Vertrauen Sie mir, bald wird alles gut!"

Was war bald vorbei - was wurde gut? Johnny kniff seine Augen zusammen und versuchte den Kopf freizuschütteln - es half nichts. Diese Stimmen hatten sich in seinem Hinterkopf wie festgebissen und der Frust der letzten Zeit stürzte auf ihn ein: die beruflichen Misserfolge liefen wie ein Film vor ihm ab und überschütteten ihn mit Vorwürfen, die Last des Versagens lag schwer auf ihm, doch am allerheftigsten brannte die Eifersucht, auf genau die Person, die ihm gerade gegenüber stand. Visionen von Rose raubten ihm die Sicht, Rose, wie er sie küsste, sie liebte, wie sie fröhlich lachte. Und dann der Anblick von ihr in den Armen des Anderen - es brannte, brannte heiß und verzehrte ihn.

Fast war er bereit, sich auf diesen Anderen zu stürzen, ihn zu vernichten, als die Tardis ganz plötzlich stillstand und er wieder seine Umgebung spüren konnte, was ihn ein wenig in die Realität zurückkehren ließ. Sein Gegenüber führte ihn ruhig und besonnen zur Tür zurück - er berührte ihn nur am äußeren Ärmel und zog ihn mit sich nach draußen. Sie standen in seiner Straße, schräg gegenüber seiner Wohnung, auf dem Gehweg.

"Johnny, kommen Sie, wir müssen gemeinsam etwas erledigen", sagte der Timelord und lenkte ihn zu seiner Wohnung hin. Er folgte wie ein Schlafwandler, schloss ohne Widerstand seine Haustür auf und ging hinein, gefolgt von dem Anderen.

"Holen Sie Ihre Uhr her", der Doktor hatte den Anstand, im Wohnzimmer auf seine Rückkehr zu warten, denn ins Schlafzimmer hätte er ihn nicht gelassen. Nicht dorthin. Dabei hinterfragte er gar nicht, wieso er eine Uhr holen sollte, die gar nicht da sein konnte, weil sie gestohlen war, sondern er ging einfach und tat es. Und sie lag an ihrem gewohnten Platz.

Als Johnny sie in die Hand nahm, zuckte er überrascht zusammen und hätte sie fast wieder von sich geworfen, da sie sich ganz heiß anfühlte. Es war, als riefe sie ihn, als würden die Stimmen in seinem Hinterkopf aus dieser Uhr herauskommen. Er ging zurück ins Wohnzimmer, jedoch nur zögerlich, weil er die Uhr nicht in die Nähe des Anderen lassen wollte. Etwas in seinem Inneren sagte ihm, dem Timelord nicht zu nahe zu kommen, doch irgendwie bezog er es auf seine Eifersucht. Rose war in seinen Gedanken präsent wie eh und je.

"Was ist mit Rose? Sie sagt, Sie sind kein Paar. Aber ist Ihnen eigentlich bewusst, dass sie Sie liebt? Und zwar so sehr, dass ich keine Chance bei ihr habe." Das Feuer brannte hell in ihm, und vor Frustration ballte er seine Hände zu Fäusten. Trostlos verschloss Johnny die Augen, und als er sie wieder öffnete, wurde sein lodernder Blick drohend. "Behandeln Sie sie gut, sonst werde ich Ihnen alle Knochen brechen!"

"Lassen Sie uns zurück in die Tardis gehen, dort ist es sicherer!" der Doktor schluckte und bemühte sich, zu ihm durchzudringen, doch alles, was er sagte, kam bei Johnny undeutlich an, wie ein leises Murmeln. Das Beste hoffend, hielt er zu dem völlig benommenen Menschen intuitiv eine gewisse Distanz, als sie die Wohnung verließen und zur Tardis zurückkehrten.

"Was hat es nun mit der Uhr auf sich? Was wissen Sie darüber?" Auch wenn ihm seine Sinne nicht richtig gehorchten und die Stimmen ihn benebelten, versuchte ein Rest seines Verstandes einen Sinn in allem zu erkennen. War er etwa der verschollene Sohn aus einem märchenhaften Land? Und hatte Rose damit irgendwie zu tun?

Der Doktor blickte ihm lange ins Gesicht, dann streckte er seine Arme aus und zeigte um sich herum. "Dies hier ist die Tardis. Es ist ein Raumschiff und auch eine Zeitmaschine. Deine Zeitmaschine! Denn du bist ein Timelord, so wie ich." Ein leises Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.

"Es wird nicht einfach für dich. Doch ich glaube, es ist das Beste, es jetzt zu beenden. Öffne deine Taschenuhr, dann wirst du alles erfahren. Ich werde dich für einen Augenblick alleine lassen, damit du dich vorbereiten kannst, bevor du die Uhr einfach öffnest. Viel Glück dabei!"

Bevor er Johnny im Kontrollraum zurückließ, lächelte er ihn noch einmal aufmunternd an und verschwand dann selbst in den hinteren Räumen der Tardis.


"Hey, ach hier bist du!" Der Timelord schaute in die Bibliothek und entdeckte sein Alter Ego in dem großen Ohrensessel, in ein Buch vertieft, das sich mit den technischen Details des Chamäleonbogens beschäftigte. Dieser sah auf und schenkte ihm einen langen und ernsthaft prüfenden Blick. Dann nickte er ihm zu.

"Ich sehe, du bist wohlauf!" Es sprach Neugier aus ihm, jedoch wagte er es nicht, ihn zu fragen, wie die Erfahrung gewesen war. Denn es war offensichtlich, dass es ihn zu viel gekostet hatte - abgesehen vom physischen Schmerz saß das Trauma tief. Eine Frage musste er dann aber doch stellen.

"Hat es sich am Ende ausgezahlt? Sich zum Menschen zu machen?"

"Ja", mehr wollte der Timelord zuerst nicht dazu sagen, doch dann setzte er hinzu, "es waren Dinge notwendig, die getan werden mussten. Du weißt, dass wir niemals wegsehen. Dass wir nicht weggehen, ohne uns bemüht zu haben, die Dinge in Ordnung zu bringen. Egal was es kostet."

Frustriert sah er zu Boden und schwieg. Zu viel Schmerz hatte er durchmachen müssen, das spürte der andere Timelord. Dann kam plötzlich Leben in die ältere Inkarnation.

"Was ist mit Rose? Ich hab den Faden verloren, wo ist sie abgeblieben?"

"Die Polizei hat sie sicherlich festgesetzt und dem Master übergeben. - Rose..." Er schaute seinem Gegenüber ins Gesicht. "Was... was wird aus ihr? Ich meine, später", der Andere nickte, wusste worauf sein jüngeres Selbst hinauswollte. Er schluckte, eigentlich wollte er ihm nicht zu viel verraten.

"Ich-Wir werden sie verlieren, in der Schlacht. Und du wirst es ihr nicht mehr sagen können." Er schaute wieder zu Boden, dann ihm offen ins Gesicht. "Tu es jetzt! Tu es wenigstens einmal, für uns beide. Auch wenn du alles hinterher vergessen haben wirst, werde ich die Gewissheit haben, dass es gesagt wurde!" Er räusperte sich bewegt, und sein jüngeres Ich wechselte taktvoll das Thema.

"Steckt wirklich der Master hinter allem?"

"Oh ja! Ich habe mit der gesamten Aktion versucht ihn aufzuhalten. Der Master ist Großbritanniens Verteidigungsminister und wird sogar später noch Premierminister. Und alles hat er einem satellitengestützten Mobiltelefonnetz zu verdanken. Du weißt, er verstand es schon immer, die Massen zu beeinflussen", er lächelte freudlos, "und diesmal hat er mich kalt erwischt. Ich brauchte unbedingt ein stabiles Tool, um ihm erfolgreich Widerstand leisten zu können, und das zu entwickeln, brauchte ich Zeit." Jetzt lachte er den anderen an, denn der Begriff Zeit war schon immer ein Gegenstand zahlloser Witze gewesen, die er mit sich selbst gemacht hatte. Dann wurde er wieder ernst.

"Ich weiß, ich hätte das Tabu nicht brechen sollen, unsere Zeitlinien längerfristig zu kreuzen, aber diesmal war es notwendig. - Am Besten setzt du mich bei unserem Freund Steve ab, dann kann ich mich um Rose kümmern. Und wenn der Master deine Tardis hat, ist es mehr als wahrscheinlich, dass er mich - also Johnny Smith - herholen lässt, um sich Einlass zu verschaffen. Rose und ich werden dort sein, und du fliegst meine Sexy in sich selbst hinein und parkst dort, dann kannst du uns wieder einsammeln, okay?"

Er fing an zu grinsen. "Ich seh schon, du hattest den gleichen Gedanken! Wie war das noch, was pflegen die Menschen zu sagen? Zwei Dumme, ein Gedanke!" Beide lachten herzlich miteinander und schritten zur Tat.


Das große Gerät zirpte und piepte, als es die nächsten Messungen ausführte, und Steve runzelte die Stirn, denn er konnte die angezeigten Werte nicht richtig interpretieren. Schade, dass Johnny nicht da war, der hätte das mit ihm ausdiskutieren können... Mal abgesehen davon, dass er sich eh nicht richtig konzentrieren konnte, denn dass die Drei jetzt gerade dort draußen von der Polizei gejagt wurden, war ziemlich aufwühlend. Jedoch musste er den Anschein geben, gerade seine Arbeit zu tun, um nicht aufzufallen, falls sie die Labore überprüfen würden.

Ein anderes Geräusch überlagerte plötzlich die gewohnte Melodie der SHRIMP-II, ein an- und abschwellendes Zirren in der Luft, und diverse Blätter Altpapier flatterten durch den Raum. Irritiert schaute er sich um, nur um eine große blaue Box, etwas größer als ein Kleiderschrank, in der hinteren Ecke des Labors aus dem Nichts auftauchen zu sehen.

Aus der sich öffnenden Tür trat Johnny heraus und griente ihn an, dann löste sich die Erscheinung auch schon wieder in Luft auf, während dieses Geräusch erneut erklang und ein Luftwirbel das Papier wieder fliegen ließ.

"Hey Steve! Alles klar bei dir?" Der Kollege war sprachlos und weiß wie die Wand.

Kaum hatte Johnny es ausgesprochen, ging die Labortür auf und Eileen betrat den Raum zusammen mit mehreren Polizisten. Sie zeigte mit dem Finger auf den Timelord.

"Der da, das ist John Smith!"