Das Licht flackerte mehrmals, bevor es die große Scheune erhellte.

Er hing kopfüber an einem Haken von der Decke wie ein Schwein in einem Schlachthaus. Seine Füße waren mit einem Seil gefesselt, die Arme auf den Rücken gebunden.

Er blutete aus einer Wunde an seiner Stirn, die kleine, schwarze Pfützen auf dem Holzfußboden hinterlassen hatte.

Außerhalb der Hütte heulte der Wind durch die Bäume.

Will näherte sich dem schwingenden, zugeschnürten, menschlichen Paket ohne Eile und wusste, dass Hannibal ihn nicht aus den Augen ließ, stets nur zwei Schritte entfernt war, immer hinter ihm, wie ein Geist.

Wie obskur, beinah surreal dieses Bild wirkte, zwischen all seinen Alltagsgegenständen, die er hier aufbewahrte.

Neben seiner Werkbank, wo noch der kleine Bootsmotor lag, den er noch nicht fertig repariert hatte.

Neben den Regalen, die mit Konserven aller Art gefüllt waren.

Neben den Werkzeugkisten, seiner Anglerausrüstung, der Tiefkühltruhe.

Will erlaubte sich, den Blick aus den aufgerissenen Augen zu erwidern, die ihn aufmerksam musterten, ließ sich dabei von den Emotionen überschwemmen, badete in einem Sumpf aus Verständnislosigkeit, Panik und blanker Angst.

Will konnte sich selbst durch diese Augen sehen – eine neue Gleichung, die es zu lösen galt in diesem Wirrwarr aus Rätseln, wie er hier gelandet war und warum.

Dumpfe Geräusche quollen aus dem Tuch, das im Mund des Mannes steckte, als er versuchte zu sprechen. Er sah jung aus in seiner Furcht, jünger als Will ihn in Erinnerung hatte.

Aber an was konnte er sich erinnern?

blaue Basecap

getönte Pilotenbrille

Sedan

Nichts davon war vorhanden.

Obwohl Will keine Sekunde daran zweifelte, das Hannibal ihm den richtigen Mann gebracht hatte, musste er sich selbst überzeugen.

Als Will nach dem Kopf griff, der vor ihm schwebte, traf ihn der bejammernswerte Gestank wie ein Faustschlag in die Magengrube.

Er blinzelte aufsteigende Tränen fort und atmete flach aus dem Mund, widerstand dem Drang, sich die Hand vors Gesicht zu halten, als er sich dem Mann weiter näherte.

Die Jeans war dunkel und schmutzig, nicht nur von Schweiß, Blut und Schmutz, sondern auch von seinen eigenen Exkrementen.

Wills Finger gruben sich unwillkürlich härter über die Kopfhaut des jungen Mannes, bis er ein Haarbüschel zusammen hatte, es festzog, um das Schwingen des Körpers zum stillstand zu zwingen.

„Weißt du, wer ich bin?"

Ein hektisches Kopfschütteln, ein erbärmliches Wimmern – „Umpf, umpf, umpf!" – das man großzügig als ein Nein auslegen könnte.

Sein Blick sprang hin und her zwischen Will und Hannibal, der hinter ihm aufragte wie die Statue eines Todesgottes.

Vor ihm hatte er Angst, das war nicht zu übersehen.

Nach einer Pause, in der Will verschiedene Möglichkeiten abwägte, zog er ein Jagdmesser aus seiner Jackentasche, das er für gewöhnlich zum Töten und Ausweiden von Fischen benutzte.

„Ich werde dir jetzt den Knebel abnehmen", sagte Will und hielt dem Mann das Messer so dicht vor die Nase, dass er es an schielte. „Und ich möchte, dass du ruhig bleibst. Kannst du das?"

Ein Nicken, die Augen wurden groß und hoffnungsvoll.

„Wenn du anfängst zu schreien, oder sonst irgendwelche Dummheiten machst, schneide ich dir damit die Kehle durch. Hast du verstanden?"

Wimmern und Nicken wechselten sich eifrig ab. Immer wieder glitt der panische Blick an seiner Schulter vorbei – hoch zu Hannibal.

„Du sagst kein Wort, es sei denn, ich frage dich etwas."

Diesmal wartete Will nicht auf das Nicken und griff nach dem Tuch, womit Hannibal ihm das Maul zugestopft hatte. Ein Spucken und Würgen folgte, als er gierig nach Luft schnappte.

„Bitte, ich -"

Die Faust flog ohne Zögern, traf den Mann mitten aufs Nasenbein, und wenn Will nicht alles täuschte, hörte er ein Knacken, aber lauter war der Schmerzensschrei, den er mit einem erbarmungslosen Griff um den Kiefer erstickte.

„Hab ich dich was gefragt?"

Es herrschte Stille.

Bis auf die keuchenden Versuche zu Luft zu kommen, hörte Will gar nichts. Das, und den pfeifenden Wind vor der Tür.

Er ließ sich noch ein bisschen Zeit, bevor er die Hand von dem Mund entfernte, wischte sich den Speichel und das Blut an der Hose ab.

„Wie heißt du?"

„Frank", sagte der Mann und sein Tonfall klang leicht nasal, wie Will mit Zufriedenheit feststellte. „Frank Underwood."

„Hallo Frank, ich bin Will. Meinen Psychiater hast du ja bereits kennengelernt."

Keine Antwort, nur zusammengepresste Lippen und der Blick, der wie ein aufgescheuchtes Hühnchen immer wieder zwischen Will und Hannibal hin und her flog.

Wut und Angst, keine gute Kombination. Er würde diese Sache schnell zu Ende bringen müssen.

„Weißt du, warum du hier bist, Frank?"

„Geht's um das Geld? Ich hab eurem Boss gesagt, dass ich es nicht habe, ehrlich, Mann!"

Schulden? Drogen? Womöglich beides, dachte Will, als er Frank betrachtete. Der war sicher kein Dealer, zumindest wenn er nach dem Auto ging, das Frank an dem Tag gefahren hatte. Nur ein kleiner Fisch, der die Hosen voll hatte.

„Was ist mit dem Wagen passiert?"

Franks Augen wurden groß. „Den musste ich in die Werkstatt bringen, weil mir irgend so ein Mistvieh von Köter die Motorhaube komplett zerbeult hat!"

Schlafwandlerische Ruhe breitete sich in Will Grahams Körper aus. Hinter sich hörte er das Rascheln von Stoff, als Hannibal neben ihn trat und leise schnaubte.

Will machte sich nicht die Mühe, schnitt das Seil, an dem Frank hing, einfach mit einigen Hieben durch, sodass dieser unsanft mit einem Ächzen auf den Boden fiel.

Will ignorierte Franks panisches Gebrabbel, als er ihm die Fesseln mit dem Messer löste, doch er bemerkte durchaus den interessierten Blick von Hannibal.

„Lauf", flüsterte Will.

„Wirklich?" sagte Frank, der sich die Handgelenke und die Oberarme abwechselnd rieb.

„Bevor ich es mir anders überlege", antwortete Will und trat zurück.

Frank kam unbeholfen auf die Beine, wechselte unsichere Blicke, öffnete den Mund und entschloss sich dann doch nichts mehr zu sagen, als er linkisch an Will und Hannibal vorbei humpelte.

Erst langsam, und als er merkte, dass niemand versuchte, ihn in letzter Sekunde aufzuhalten, immer schneller.

Er stieß die Tür auf und eine Schneewehe flog durch den Spalt, verschluckte seine Gestalt bald ganz, als er sich immer weiter entfernte.

Will sah ihm nicht nach.

Hannibal brach das Schweigen, das ihn begleitet hatte, seit sie Wills Haus verlassen hatten.

„Auch wenn ich deine Entscheidung respektiere, ist es mir nicht möglich mit den Konsequenzen zu leben, die sie nach sich ziehen könnte."

Will legte den Kopf in den Nacken, atmete ein, tief durch die Nase und schloss die Augen. Er lächelte leicht.

„Du hast ihn mir zum Geschenk gemacht."

„Und du hast es abgelehnt."

Keine Änderung des Tonfalls, kein Vorwurf, nicht mal Groll. Aber nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass unter der Oberfläche der schwache, dumpfe Glanz seiner Enttäuschung zum Vorschein kam.

Will kostete den Moment aus, nur ein wenig länger, bevor er Gnade walten ließ und wenigstens endlich Hannibals Blick erwiderte, indem er den Kopf leicht zur Seite neigte.

„Ich hab ihn nicht gehen lassen", sagte er schließlich. „Ich gebe ihm einen Vorsprung."

Es war dunkel, viel zu dunkel für die Uhrzeit, doch das Licht der Sonne wurde vollständig verschluckt durch die grauen Schneewolken am Horizont.

Der Wind war hier draußen alles, was er hören konnte, ein hohes, lautes Pfeifen, das in seinem Trommelfell vibrierte.

Will lief durch den Schnee, der ihm an manchen Stellen bereits bis zu den Knöcheln reichte, ohne Hast und Eile. Er war vorsichtig, denn er wusste, dass ein falscher Schritt unter diesen Umständen möglicherweise fatale Auswirkungen haben könnte.

Der Wald war tückisch, schon bei klarem Wetter, und obwohl er sich anmaßte, jede Steigung und jedes Tal zu kennen, hütete er sich, sein Glück herauszufordern, wenn er am Ende dabei mit einem gebrochenen Bein dafür bezahlen musste.

Im besten Falle.

Will spürte, dass er nicht allein war.

Da war zum einen natürlich der Mann, den er verfolgte.

Frank war verletzt und in Panik in einer fremden Umgebung. Er war nicht weit. Die meisten seiner Spuren verwehte der Wind, oder fraß der Schnee, aber Will brauchte diese Hinweise nicht, um zu wissen, wohin seine Reise ging.

Es gab hier nur eine begrenzte Anzahl von Wegen, denen man folgen konnte und sie alle führten zum Fluss.

Dort würde er ihn kriegen.

Irgendwo weiter hinter ihm war Hannibal.

Wenn Will jetzt einen Blick zurück über die Schulter werfen würde, wäre niemand zu sehen. Und doch war er da. Nah. Will wusste das und er wusste auch, dass Hannibal sich nicht zeigen würde, solange Will es nicht ausdrücklich wünschte.

Gut.

Winstons Schatten begleitete jeden seiner Schritte.

Er trabte aufmerksam neben Will, Augen wie glühende Kohlen, ein konstantes Knurren in der Kehle.

Will ertappte sich dabei, wie er beruhigende Worte murmelte, ein „Sch" hier, ein „ruhig" da, bevor ihm klar wurde, wie unsinnig das war.

Und er trotzdem nicht damit aufhören konnte.

Durch das tobende Schneegestöber hinweg war jetzt der Fluss zu hören – ein reißender Strom, dessen Pegel kontinuierlich anstieg.

Nur noch wenige Meter bis zum Ufer. Von hier aus ging es nur noch bergab.

Etwas traf Wills Schienbein, unter stechenden Schmerzen brach sein Knie ein und im selben Moment stürzte sich Frank Underwood aus dem Unterholz mit einem animalischen Schrei auf ihn.

Die Wucht der Kollision stieß ihn zu Boden, doch er packte Frank am Oberarm und zog ihn mit sich.

Sie fielen gemeinsam die Böschung hinunter, in einer kuriosen Umarmung, überschlugen sich dabei mehrmals, bevor sie endgültig landeten – Will voran mit dem Gesicht im Schnee.

Diesem war es auch zu verdanken, dass sie den Sturz weitestgehend unbeschadet überstanden hatten, nichtsdestotrotz bestand Wills gesamte fühlbare Welt nach dem Aufprall aus Schmerzen, die in seinem Kopf explodierten, Sterne vor seinen Augen tanzen ließen.

Als er sich halb besinnungslos umdrehte, beugte sich Frank mit einem breiten, blutigen Grinsen bereits über ihn, blies ihm stinkenden Atem ins Gesicht.

Franks Lippen bewegten sich, doch Will konnte nicht verstehen, was er sagte. Er sah nur den Stein in seiner Hand.

Der erste Schlag traf Will auf den Kopf, eine dumpfe Schmerzwolke zurücklassend. Augenblicklich spürte er warme Nässe auf seiner Schläfe, die der Wind schnell abkühlte.

Er sah ein triumphierendes Funkeln in Franks Augen, als er zum zweiten Schlag ausholte. Will riss den Arm hoch, blockte den Angriff und der Stein entglitt Franks Fingern.

Noch während Frank den Verlust seiner Waffe betrauerte, zog Will sein Knie an und rammte es mit all seiner verbliebenen Kraft in die Hoden des jungen Mannes.

Mit einem markerschütternden Schrei sackte Frank auf ihm zusammen. Will zog die Ellenbogen hoch und stieß ihn zur Seite, kroch unter seinem Körper hervor, rollte sich von ihm fort.

Will gönnte sich und seiner Lunge ein paar Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen. Er kam auf die Beine, ungelenk, betrachtete den Stein, der außerhalb Franks Reichweite lag und ließ ihn letztlich liegen.

Ein Griff an seine Brusttasche, eine Vergewisserung und er lächelte, als er den Griff seines Messers spürte.

Er packte Frank, der immer noch jammernd am Boden lag, am Kragen seiner Jacke und drehte ihn auf den Rücken.

„Ich weiß, wer du bist!" sagte Frank und lachte, erstaunlich unbeeindruckt von der Klinge, die vor seinem Gesicht schwebte. „Ich hab dich erkannt! Ich weiß, wer du bist!"

Mit distanzierter Fassungslosigkeit betrachtete Frank, wie das Messer die Stoffe seiner Jacke und seines Hemdes zerschnitt, um schließlich sanft, fast schmerzfrei und nicht sehr tief in sein Fleisch einzudringen.

Will blieb ruhig, als Frank mit dem Lachen aufhörte und das Schreien begann. Mit seinem Körpergewicht hielt er Frank am Boden, die linke Hand schloss sich um den Hals, während sich die rechte Hand mit Hilfe des Messers weiter Zugang verschaffte.

Es war nicht einfach und es dauerte lange, bis alles Leben aus ihm herausgequetscht war, bis die Augen trüb wurden und rot und blutunterlaufen, bis die Beine nicht mehr strampelten, die Arme nicht mehr zuckten, jetzt nutzlos zur Seite in den Schnee fielen.

Will blieb ruhig, er war außer Atem, aber ruhig, als er Franks Rippen brach, wobei er mit der Hand abrutschte und sich verletzte, was er erst viel später merken würde. Er würde Schmerzen haben im ganzen Körper, ob dieser enormen Anstrengungen, die er auf sich nahm, um an Franks Herz zu gelangen.

Oh, er hatte sich nie so lebendig gefühlt.

Der Wind hatte nachgelassen, der Schneefall zugenommen – große, dicke Flocken, die ihm in den Wimpern hängen blieben.

Er konnte nur ahnen, wie er in Hannibals Augen aussehen mochte. Er wusste nur, dass seine Arme bis zu den Ellenbogen rot vom Blut waren und er danach stinken musste.

Nach Blut, Eingeweiden und Tod.

Der Doktor verzog keine Miene, als er ihn erblickte, nur seine Nasenflügel bebten. Wenn ihm kalt war, so ließ sich das vielleicht nur daran erkennen, dass er seine Hände in den Manteltaschen vergraben hatte.

„Du hast auf mich gewartet."

„Selbstverständlich, Will."

Selbstverständlich, hallte es in seinem Kopf von allen Wänden wider.

Will stoppte zwei Schritte vor Hannibal. Er trug Franks Herz in seiner linken Hand, welches jetzt, anders als in seiner Fantasie, natürlich nicht mehr warm war und pulsierte, was es aber vor wenigen Minuten noch getan hatte.

Hannibal bedachte das Organ in seiner Hand mit einem respektvollen Blick.

„Ich habe uns Abendessen besorgt", sagte Will.

Noch bevor Hannibal etwas erwidern konnte, überwand Will die Distanz zwischen ihnen, hob die rechte Hand und breitete seine Finger über Hannibals Wange aus, hinterließ blutige Spuren auf der Stirn, unter dem Auge, entlang des Nasenbeins.

Auf den Lippen.

Auf den Lippen, die von einer warmen Zunge geteilt wurden und nun über seine Fingerspitzen leckte.

Will zuckte zusammen, als ein warmer Schauer durch seinen Körper fuhr. Er spürte Hannibals Blick, wie Scheinwerfer im Dunkeln, die nur auf ihn gerichtet waren.

Will sah überall hin, nur nicht in seine Augen.

„Bring mich zu dir", sagte Will und entzog seine Hand. „Ich habe Hunger."