Es dauerte knapp eine halbe Stunde, bis die beiden im Hauptquartier ankamen. Weder Tony noch Ziva hatten in der Zeit ein Wort miteinander gewechselt.
Die beiden kamen nichtssagend im Büro an und nahmen jeder an seinem Schreibtisch Platz. Gibbs sah auf.
„Irgendwelche Ergebnisse?"
Tony nickte. „Wir haben in der Wohnung des Entführten Spuren gefunden. Zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich werde die Bilder sofort zu Abby schicken, zusammen mit dem..."
Ziva unterbrach ihn scharf. „...Rest des Films. Es befinden sich weitere Bilder darauf, unter anderem von der Kampfstelle. Das Opfer hat sich anscheinend gewehrt."
„Mehr habt ihr nicht?"
„Doch..."
„Nein!", fuhr Ziva Tony erneut dazwischen. „Das war alles. Dann sah sie zu ihrem Teamkollegen. „Kann ich dich für einen ganz kleinen Augenblick unter vier Augen sprechen?"
Tony nickte. Er war gespannt, warum Ziva den Anhänger vor Gibbs verheimlichte.
Die beiden verschwanden in eine einigermaßen ruhige Ecke.
„Was soll das?", fragte Tony gleich.
„Was soll was?"
„Der Anhänger. Warum hast du Gibbs nichts davon erzählt?"
Eine Weile sagte Ziva nichts. Tony wusste, dass irgendetwas sie dazu zwang, es nicht zu sagen. Er sah ihr in die Augen und startete einen neuen Versuch, diesmal sprach er mit einer leiseren, sanfteren Stimme. „Was ist los?"
Ziva schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht, Tony. Okay? Ich kann es ihm nicht zeigen. Und ich kann dir nicht davon erzählen. Noch nicht. Bitte versteh das."
„Aber es geht hier vielleicht um wichtige Hinweise die das Opfer retten könnten."
„Das mag sein. Aber bitte vertrau mir. Lass diesen Anhänger erst einmal im Verborgenen bleiben. Bitte, Tony."
Zivas Stimme war fast ein Flehen. So hatte er seine Freundin noch nie erlebt. Weder während der Arbeit noch im Privatleben.
Irgendetwas schien sie sehr mitzunehmen. „Okay.", sagte er. „Wie du willst."
„Danke.", flüsterte Ziva. Sie fiel ihm um den Hals und im ersten Moment dachte er, sie würde weinen. Dann wandte sie sich wieder von ihm ab und ging wieder zu ihrem Schreibtisch zurück.
„Okay. Tony, bring das Material nach unten zu Abby. Ziva, wir beide werden einem guten Bekannten von Rico Heyes einen Besuch abstatten. Er war der letzte, der ihn gesehen hatte, bevor er verschwand."
Fast gedankenverloren nickte Ziva. Sie stand auf.
Tony sah sich, während er in Richtung Fahrstuhl ging, noch einmal zu Ziva um. Sie wirkte vollkommen anders als noch vor ein paar Stunden. Angespannt. Fast ängstlich. Traurig. Tony machte sich Sorgen. Mit einem schlechten Gefühl im Bauch betätigte er den Knopf des Fahrstuhls und fuhr nach unten in die Kellerräume.
Dort hörte er schon von weitem die laute Musik, die aus dem Labor dröhnte, in dem Abby Tag für Tag arbeitete. Als er durch die Glastür trat, die den Flur von dem großen Raum trennte, sah er Abby vor ihrem PC hocken. Sie war damit beschäftigt, eines ihrer zahlreichen PC-Spiele auszuprobieren. Das tat sie immer, wenn sie genügend Zeit hatte oder gerade nichts los war. Tony kam auf sie zu und blieb ein paar Schritte hinter ihr stehen. Dann tippte er ihr leicht au f die Schulter. Abby erschrak und drehte sich hastig um.
„Oh, hey Tony.", sagte sie überrascht. Sie drehte sich schnell wieder um und drückte eine Tastenkombination auf ihrer Tastatur ein. Das Spiel verschwand vom Bildschirm, stattdessen erschien ein Bild von Gibbs auf dem Rechner.
Dann wandte sie sich erneut Tony zu. „Gibbs hat mir schon von dem neuen Fall erzählt. Was hast du?"
Als Tony nicht gleich zu sprechen anfing, legte Abby ihren Kopf leicht schief. „Was ist los?"
„Kannst du mir einen Gefallen tun?"
„Klar kann ich. Worum geht es?"
„Versprich mir vorher, dass du niemanden gegenüber etwas erwähnst. Wirklich niemandem."
Abby sah Tony verwirrt an. „Was ist passiert?"
„Versprich mir zuerst, dass du nichts..."
„Ja, ja, ich verspreche es ja. Nun komm endlich zur Sache."
Tony holte aus seiner Jackentasche ein kleines blaues Kästchen hervor. Genau das blaue Kästchen, was Ziva und er zuvor am Tatort gesichert hatten und was eigentlich in Zivas Besitz hätte sein sollen.
„Was ist das? Hast du eine Freundin und hast mir nichts davon gesagt?" Abby grinste.
„Ach Quatsch." Tony öffnete das Kästchen und holte die Kette mit dem Davidstern heraus. Davor hatte er sich Handschuhe übergezogen, um nicht seine eigenen Fingerabdrücke auf das Hinweisstück zu hinterlassen.
„Ist das nicht Ziva ihres?", fragte Abby.
Doch Tony schüttelte den Kopf. „Der Major hat es uns am Tatort gegeben. Er meinte, es wäre ein Hinweisstück. Sie haben es mitten auf dem Boden gefunden."
Abby nahm die Kette an sich. „Und was ist daran jetzt so geheimnisvoll?"
Erneut begann Tony herumzustammeln. „Nun ja...als Ziva es gesehen hat, ist sie...so anders geworden. Keine Ahnung. Sie wollte nicht, das Gibbs oder irgendjemand anderes davon erfährt und hat es bei sich behalten."
„Und jetzt hast du es? Hast du es ihr geklaut?"
„Ich habe es nicht geklaut. Ich habe es mir ausgeliehen. Außerdem ist es wichtiges Beweismaterial. Ich will wissen, ob Fingerabdrücke darauf sind. Und wenn ja, will ich wissen, wessen Fingerabdrücke."
„Und davon darf Gibbs nichts erfahren?"
„Niemand darf davon erfahren. Auch Ziva nicht. Sie dreht mir sonst den Hals um."
„Okay. Du willst also, dass ich herausfinde, wem das Teil gehört und da Ziva so merkwürdig darauf reagiert hat, hast du den Verdacht, dass sie etwas damit zu tun haben könnte? Verstehe ich das richtig?"
„Nein. Ich will nur wissen, warum in Gottes Namen sich Ziva so seltsam verhält. Sie hat seit dem wir dieses Teil unter Gewahrsam genommen haben, kein einziges Wort geredet. Sie hat starr geradeaus geblickt und gar nicht so wirklich realisiert, was Gibbs von ihr wollte. Irgendetwas scheint sie zu wissen. Und ich will wissen, was es ist."
„Bist du neuerdings ihr Babysitter?", fragte Abby erneut belustigend.
Tony erinnerte sich an das Gespräch zurück, welches er und Ziva heute im Auto hatten. Dass sie den anderen von ihrer Beziehung erzählen wollten. Vielleicht war Abby dafür die beste Person. Immerhin vertraute er ihr voll und ganz.
„Wir sind zusammen.", sagte er also kurz angebunden.
„Wer?", fragte Abby überrascht.
„Ich. Und Ziva. Wir sind zusammen."
Abby starrte Tony mit weit geöffneten Augen an. „Ist nicht wahr."
„Schon seit einigen Wochen. Wir wollten...es bloß nicht öffentlich vorführen, verstehst du? Gibbs hat so seine eigene Auffassung zwecks Romanzen am Arbeitsplatz."
Langsam verstand Abby, was Tonys wirkliches Problem war. „Du machst dir Sorgen um sie, nicht wahr? Du hast Angst, dass sie in der Sache mit drinnen stecken könnte."
Dieses Mal verneinte Tony nicht. Er tat gar nichts. Abby verstand sofort.
„In Ordnung. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Ich melde mich, sobald ich die Fingerabdrücke identifiziert habe."
„Danke.", sagte Tony und er klang fast ein wenig erleichtert. Er wollte schon gehen, als ihm einfiel, dass er ja noch die Fotos mit den Spuren hatte. „Hier. Die haben wir ebenfalls am Tatort gefunden. Gibbs sagt, du sollst herausfinden, zu wem sie gehören."
Abby nickte. Bevor sie sich umdrehte, hörte sie Tony noch einmal sagen: „Danke für dein Hilfe, Abbs."
Sie musste grinsen. „Kein Problem." Dann machte sie sich an die Arbeit. Sie ließ das Kästchen mit der Kette in ihrer Hosentasche verschwinden, damit es keiner in die Finger bekommen konnte. Dann machte sie sich daran, die Fußspuren zu untersuchen.
