Gibbs saß am Steuer und fuhr den Wagen zielgerichtet durch eine kleine Einbahnstraße hindurch. Das Autoradio spielte einen Song aus den 70er-Jahren.

Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß Ziva. Sie blickte nach draußen und klopfte mit ihrem rechten Zeigefinger auf ihren Oberschenkel. Sie war nervös.

Gibbs stellte das Radio etwas lauter, doch das bewirkte nur, dass auch Ziva mit dem Klopfen lauter wurde. Schließlich drehte sich Gibbs genervt zu ihr um. „Könntest du freundlicherweise damit aufhören?"

Erschrocken zuckte Ziva zusammen und legte ihre linke Hand auf die rechte. Sie starrte weiter nach draußen.
Für ein paar Minuten entspannte sich Gibbs, dann hörte er das Klopfen erneut. Er drehte sich wieder zu Ziva um. Sie klopfte wieder gegen ihr Bein. Dieses Mal war es Gibbs, der seine rechte Hand nach Ziva ausstreckte und damit ihre linke Hand festhielt. „Das nervt.", sagte er mit Nachdruck. Noch immer kam keinerlei Reaktion von der Agentin. Langsam bemerkte Gibbs, dass etwas nicht stimmte.

Er lenkte den Wagen rechts ran und hielt. Dann ließ er Zivas Hand los und sah sie eingehend an. Sie schien nicht einmal mitbekommen zu haben, dass er überhaupt angehalten war.

„Ziva!", sagte er mit einem Zischen, sodass diese erneut erschrak. Nun blickte sie direkt in sein Gesicht. Ihre Augen waren leer, fast starr und glasig. Ihr Gesicht war blass.

„Ist alles in Ordnung?"

Keine Antwort.

„Ziva!", sagte Gibbs, diesmal lauter und bestimmter.

„Was?" Ziva schien aus einer Starre zu erwachen. Sie sah von links nach rechts dann wieder zu Gibbs. „Sind wir da?"

„Nein. Was ist los mit dir?"

„Nichts. Wirklich.", log die Agentin. Doch sie war noch nicht lange genug im Team, um zu wissen, dass Gibbs immer merkte, wenn jemand log oder die Wahrheit sagte.

„und Unwirklich?", fragte er.

Ziva atmete tief ein und aus. Sie ließ sich gegen die Lehne fallen und legte den Kopf nach hinten.

Ich kann es ihm nicht sagen. Weder das eine, noch das andere. „Ich wüsste nicht einmal, wie ich es ihm sagen sollte."

„Was kannst du mir nicht sagen?", fragte Gibbs. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie den letzten Satz laut ausgesprochen hatte. Nun saß sie in der Falle.

Und wenn ich ihm nur die Sache mit Tony erzähle? Er muss von der Kette ja nichts erfahren.

Instinktiv griff sie in ihre Jackentasche. Doch da war nichts. Sie fasste hinein, doch außer der gähnenden Leere fühlte sie nichts. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass das Kästchen mit der Kette verschwunden war.

„Verdammt!" Hektisch schnallte sie sich ab, tastete ihre komplette Jacke ab und suchte dann sowohl unter dem Sitz noch zwischen den Ritzen. Doch das Kästchen war verschwunden. In Ziva schien Panik auszubrechen. Es durfte einfach nicht weg sein. Es war viel zu wichtig. Auch wenn sie nicht genau wusste, warum überhaupt.

Gibbs hatte die aufsteigende Nervosität bemerkt. Fragend sah er seine Kollegin an. „Ziva. Sag mir bitte, was los ist. Ich kann nicht mit jemanden zusammenarbeiten, der nicht voll und ganz bei der Sache ist."

„Es ist weg.", flüsterte Ziva, mehr zu sich selbst als zu Gibbs.

„Was ist weg?"

Ziva sah Gibbs an. Jetzt musste sie es ihm wohl oder übel sagen. „Die Kette. Ein blaues Kästchen mit einer Kette drinnen. Ich hatte sie bis eben noch in meiner Tasche."

„Ist das denn jetzt so wichtig? Du wirst sie irgendwo im Auto liegen haben. Wir können später danach suchen. Jetzt müssen wir diesen Typen finden und ihn vernehmen. Das ist wirklich wichtig."

„Diese Kette ist auch wichtig.", fauchte Ziva ihren Boss an. Wenige Sekunden später bemerkte sie ihre Unbeherrschtheit. Sie fühlte sich klein. Gibbs blick hielt dem von Ziva Stand.

Dann weitete Ziva ihre Augen. Ihr war ganz plötzlich bewusst geworden, wo die Kette war.

„Tony!", war das einzige, was sie zu sagen wusste.

„Tony?", fragte Gibbs. Langsam verstand er gar nichts mehr.

„Verdammt, was ist los mit dir? Könntest du mir freundlicherweise erklären, was hier vor sich geht?"

Doch anstatt eine Antwort zu bekommen, öffnete Ziva die Tür des Wagens, stieg in den immer heftiger werdenden Regen und knallte die Tür wieder zu. Dann rannte sie die Straße zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

„Ziva!", rief Gibbs ihr hinterher, doch sie war schon zu weit entfernt, um sein Rufen noch zu hören.

Die Nächte wurden länger. Es wurde früher dunkel und morgens spät hell. Auch jetzt, um sechs Uhr nachmittags, war es schon stockduster. Ziva war den ganzen Weg zurück gerannt. Sie wusste genau, wem sie das Vermissen ihres Fundstückes zu verdanken hatte. Sie war nur noch ein paar Häuserblocks von dem Hauptquartier entfernt. Ihre Schritte wurden schneller, als sie über die große, aber wenig befahrene Straße eilte.

Die Straßenlaternen leuchteten in einem schwachen Licht, die nur ein wenig die umliegende Gegend erhellten.

Es wurde kalt.

Das alles war viel zu plötzlich geschehen. Der Fall hörte sich anfangs viel zu simpel an. Entführung aus einem Appartement. Vorhandene Spuren. Sie war auf Abbys Testergebnisse gespannt.

Und dann hielt sie auf einmal diese Kette in den Händen. Die gleich Kette, die auch sie hatte. Ihre aus Gold, die andere aus reinem Silber. Sie kannte nur einen, der diese Kette in silberner Ausstattung hatte. Und dieser Jemand war schon seit längerem tot. Seit fast mehr als zwei Jahren. Seitdem hatte sich viel verändert. Sie hatte schon lange nicht mehr an ihn gedacht, doch heute, als sie diese Kette gesehen hatte, stiegen all die verdrängten Erinnerungen wieder auf.

Sie, Ziva David, Agentin des Mossad, hatte ihren Bruder umgebracht.

Die ganze Zeit hatte sie genau gewusst, wem die Kette mit dem silbernen Anhänger in Form eines Davidsterns gehörte. Es war die Kette ihres toten Halbbruders Ari. Sie konnte sich nur nicht erklären, wie sie an den Tatort einer Entführung geraten konnte.

Und nun hatte Tony diese Kette. Und wer weiß, wem sie dieses, für sie sehr wichtige Schmuckstück schon alles gezeigt hatte.

Gedanken wirrten in ihrem Kopf umher. Viel zu viele Gedanken.

Sie hatte ihren Bruder wirklich geliebt. Als sie zusammen beim Mossad waren, hatten sie noch eine gute Beziehung zueinander gehabt. Dann sollte sie im Auftrag des Mossad das NCIS infiltrieren. Zuerst schien alles glatt zu laufen. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, dem Kopf der Einheit, Gibbs, so sehr zu vertrauen. Nein, vertrauen war das falsche Wort. Auf jeden Fall hatte sie ihren Bruder verraten. Sie hätte ihn aus dem Hinterhalt erschossen, nachdem Ari seine Waffe auf Gibbs gezielt hatte. Allen hatte sie versucht vorzumachen, keine Gefühle mehr für ihre ehemalige Familie zu haben. Sie wollte sich nur als vollständiges Mitglied des NCIS fühlen. Seitdem sie mit Tony zusammen war, hatte sie allmählich ihre Vergangenheit vergessen. Bis jetzt, zu diesem Zeitpunkt.

Ihre Schritte verlangsamten sich. Sie hörte Schritte hinter sich. Eilige Schritte. Sie drehte sich um. Ziva hatte keine Angst. Das konnte sie sich nicht leisten. Nicht, nachdem sie seit ihrem 14 Lebensjahr bei den Mossad gewesen war. Sie hatte gelernt, zu erkennen, wann es Gefahr gab. Sie ließ ihre Hand langsam zu der Waffe gleiten, die sie an einem Gürtel um ihre Hose trug. Sie umfasste den Griff der Beretta so sehr, dass ihre Knochen zu sehen waren. Als sie merkte, dass die Schritte aufgehört hatten, ihr zu folgen, lockerte sie den Griff wieder etwas.

Erneut von Gedanken verfolgt achtete sie nicht mehr auf die Schritte, die sich ebenfalls wieder in Bewegung gesetzt hatten.

Und bevor sie sich versehen konnte, bekam sie einen harten Schlag auf den Kopf verpasst. Vor ihr verschwamm alles. Sie ging zu Boden und schmeckte noch ihr eigenes Blut, bevor sie die Besinnung verlor.