Der nächste Morgen war anders als alle anderen. Gibbs betrat das Büro, wie jeden Morgen mit einem Kaffee in der einen und einem Caf Pow! für Abby in der anderen Hand. Er sah Tony an seinem Schreibtisch sitzen.
Der Agent blätterte in der Akte des Falles Officer Rico Heyes.
Sein Blick wanderte automatisch zu Zivas Schreibtisch. Doch der war leer.
„Tony? Wo ist Ziva?"
„Keine Ahnung. Ich dachte, sie wäre heimgegangen, nachdem ihr diesen Typen befragt habt."
Gibbs stellte beide koffeinhaltige Getränke auf seinen Schreibtisch ab.
„Wir waren nicht gemeinsam unterwegs. Zumindest nicht lange. Sie ist aus dem Auto gestiegen und verschwunden. Bevor sie gegangen ist, hat sie deinen Namen gesagt. Ich dachte, sie wäre zu dir gegangen. Zumindest wollte sie irgendetwas von dir."
„Sie wollte irgendetwas von mir? Hat sie dir etwa was erzählt?"
Gibbs war verwirrt. „Erzählt? Nein. Nur, dass sie irgendetwas vermisst. Dann hat sie deinen Namen gesagt und ist davon gestürmt."
„Sie war nicht bei mir gewesen. Was hat sie vermisst?"
„Keine Ahnung. Irgendetwas, was in einem blauen Kästchen war."
Tony biss sich auf die Unterlippe.
„Weißt du etwas darüber?"
Tony antwortete nicht.
„DiNozzo!", sagte Gibbs etwas lauter. Tony fürchtete schon eine Standpauke. Er war gezwungen, es zu sagen.
„Wir haben in dem Appartement nicht nur die Fußabdrücke gefunden."
„Lass mich raten. Ihr habt auch ein blaues Kästchen gesichert. In dem was drinnen ist?"
„Eine Kette."
„Eine Kette.", sagte Gibbs und zog seine Augenbraue hoch.
„Abby hat sie im Moment. Sie untersucht sie nach Fingerabdrücken. Ich habe sie gestern darum gebeten."
„Warum hat Ziva danach gesucht?"
„Das würde ich auch gerne wissen. Als Major Brogan ihr die Schatulle gab, war sie auf einmal total anders. Sie hat das Ding mehrere Minuten lang angestarrt, dann ist sie einfach gegangen. Hat die Mission abgebrochen."
„Hast du die Kette gesehen?"
Tony nickte. „Sie sah genauso aus wie Zivas Kette. Ein Davidstern. Nur in einer silbernen Fassung."
Gibbs fuhr mit seiner Hand durch das Gesicht. Auch er wusste ganz genau, wem diese Kette gehörte. „Ari.", sagte er.
„Ari?" Tony sah fragend zu Gibbs.
„Das ist Aris Kette."
Bei dem Namen von Ari fröstelte es Tony. Böse Erinnerungen wurden wach. Der Tod von Kate Todd, seiner Kollegin. Er sah für einen kurzen Moment die Bilder von damals, wie sie auf dem Dach standen und der Schuss sie direkt in den Kopf traf. Er schüttelte den Gedanken sofort wieder ab.
„Was hat Ari mit der Sache zu tun?"
Gibbs erinnerte sich daran, dass er ja der einzige war, der damals, bei der Ermordung Aris, wirklich dabei gewesen war. Niemand wusste, wer Ari in Wirklichkeit war.
Langsam wurde es wohl Zeit, auszupacken. Zu der Runde gesellten sich nun auch Ducky, Abby und McGee, die sich schon seit längerem im Büro aufhielten.
„Ari war Zivas Halbbruder. Die beiden haben gemeinsam beim Mossad gedient."
Tony hatte zwar gehört, was Gibbs gesagt hatte, doch er wollte nicht wirklich daran glauben. Ziva war die Halbschwester dieses Bastards? Nein, dass konnte...wollte er nicht glauben.
Gibbs fuhr sich ein weiteres Mal mit der Hand über das Gesicht, bevor er fortfuhr. „Sie hat ihn damals umgebracht. In meinem Keller. Er hatte ein Attentat auf mich geplant. Sie ist ihm hinterherspioniert und kurz bevor er mich erschießen konnte, hatte Ziva drei Schüsse abgefeuert. Ari starb durch ihre Hand."
Tony verspürte Gefühle, die er nicht wirklich zuordnen konnte. Einerseits war da die Sache, dass sie die Halbschwester von Kates Mörder war. Andererseits empfand er Mitleid für sie, weil sie so lange etwas verdrängen musste und nun auf eine so brutale Art daran erinnert wurde.
Doch er entschied sich, das letztere viel ernster zu nehmen. Ziva konnte immerhin nichts dafür, dass Ari ihr Bruder gewesen war.
Abby und McGee warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Auch die beiden konnten es nicht glauben.
Lediglich Ducky blieb ruhig. Anscheinend hatte er auch von dieser Sache gewusst. Genau wie Jenny Shepard, die in diesem Moment die Treppen nach unten gerannt kam. Sie platzte genau in die Stille hinein. Tony, von heftigen Schuldgefühlen geplagt, realisierte sie erst sekundenspäter als die anderen Teammitglieder.
Direktor Shepard warf einen beunruhigten und besorgten Blick in die Runde. „Ich habe schlechte Neuigkeiten."
Alle wandten sich nun zu ihr um.
„Ich habe vorhin einen Anruf bekommen. Vom Washingtoner Memorial Hospital. Ziva wurde brutal zusammengeschlagen eingeliefert."
Schweigen. Besorgte Blicke. Tiefes Ein- und Ausatmen.
Dann donnerte eine Faust auf den Tisch. Alle drehten sich um. Bis auf Tony, dem die Faust, die nun auf dem Tisch ruhte, gehörte. Er starrte leichenblass zu Jenny, die ebenfalls besorgt dastand.
„Das ist nicht wahr, oder?"
„Tut mir Leid, ich fürchte doch. Sie ist soweit stabil."
„Ich fahre hin.", sagte Tony. „Jetzt!"
Diesmal war es Abby, die auf ihn zukam. „Tony!". Sie legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter, doch er schüttelte sie ab.
Dann sah er Gibbs aus wütenden Augen an. „Du hättest sie nicht gehen lassen dürfen. Du hättest sie zwingen sollen, bei dir zu bleiben. Sie war durcheinander. Verflucht noch mal!"
„Hey!", rief Abby. „Hör auf, Gibbs die Schuld dafür zu geben. Hättest du ihm gleich gesagt, was Sache wäre, dann würden wir jetzt nicht so hier stehen und Ziva wäre nicht im Krankenhaus."
„Ich hatte keine andere Wahl. Sie hat mich darum gebeten. Was hätte ich denn tun sollen? Unsere Beziehung aufs Spiel setzen?" Tony hatte die letzten Worte so laut ausgesprochen, dass jeder es hören konnte.
Und bevor jemand etwas sagen konnte, war Tony aus der Tür gerauscht. Er musste jetzt zu Ziva. Sich entschuldigen für seine Dummheit. Sein Drängen. Und all das eben. Er wollte einfach sichergehen, dass es ihr gut ging. Und er wollte wissen, was mit ihr geschehen war.
Er hastete den Gang des Krankenhauses entlang. An der Rezeption blieb er stehen, atmete einige Male tief ein und aus, bevor er auf die Stationsklingel draufhaute. Viermal. Dann endlich kam eine Schwester.
„Ziva David. Sie wurde hier eingeliefert. Ich weiß nicht genau wann. Wo ist sie?"
Die Frau sah langsam in ihrem Rechner nach. Tony lief nervös an der Theke auf und ab.
Dann endlich sprach die Schwester. „Noch auf der Intensiv. Dort können sie ohne ärztliche Erlaubnis nicht rein. Sie müssen auf den behandelnden Arzt warten."
„Und wann kommt der?"
Die Schwester zuckte mit den Schultern. „Kann ich Ihnen leider nicht sagen. Nehmen Sie einfach noch Platz, er wird Sie dann direkt ansprechen, sobald er da ist."
Die Schwester verschwand wieder. Stattdessen tauchten die anderen an seiner Seite auf. Gibbs, Abby, McGee, Ducky und Jenny. Alle standen sie nun hinter Tony, der hart atmend an der Rezeption stand.
Niemand sagte ein Wort. Das ganze Krankenhaus lag in Schweigen. Es kam allen wie eine Ewigkeit vor, bis der Arzt kam, doch es waren gerade einmal zehn Minuten. Der Mann war sehr groß, hatte braunes Haar und einen Schnauzer. Er schüttelte allen die Hand, bevor er anfing zu sprechen.
„Sie sind wegen Ziva David hier, habe ich Recht? Sie sind vom Naval Criminal Investigative Service."
Gibbs nickte mit dem Kopf. „Wie geht es ihr?", fragte er mit einer ruhigen Stimme.
„Sie wurde gestern gegen Mitternacht eingeliefert. Ihr Zustand war zu diesem Zeitpunkt sehr schlecht. Ihr Körper zeigt mehrere Verletzungen durch Hiebe und Schläge auf. Ihre Nase sowie der rechte Wangenknochen sind gebrochen. Und sie..." Der Arzt hielt einen Moment inne.
„Ja?" Tony sah den behandelnden Arzt herausfordernd an.
„Sie zeigt Spuren einer Vergewaltigung auf."
Tony wurde übel. Er hielt sich an der Theke fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Sind Sie sich sicher?"
„Ja. Wir haben die Untersuchungsergebnisse schon zugeschickt bekommen. Es tut mir Leid."
„Ja. Es tut allen Leid, ich weiß. Kann ich sie sehen? Für einen kurzen Moment?"
Der Arzt überlegte einen Moment, dann nickte er. Tony rauschte ohne ein weiteres Wort zu sagen an dem Arzt vorbei und betrat das abgedunkelte Zimmer, in dem ein rhythmisches Piepen zu hören war. Ansonsten herrschte Stille.
In der Mitte des Zimmers konnte er ein Bett erkennen. Darin lag Ziva, seine Ziva, übersät mit blauen Flecken und einigen Platzwunden. Es war ein übler Anblick.
Er ging ganz leise auf sie zu und zog den Stuhl, der neben dem Bett stand, zu sich, um sich hinzusetzen.
Eine Weile sagte er gar nichts. Ihm gingen die Worte des Arztes nicht aus dem Kopf. Vergewaltigt. Nein, nicht sie.
Nach einer Weile des Schweigens beugte er sich zu ihr vor und begann zu reden.
„Hey, ich bin's, Tony." Dann machte er wieder eine Pause.
Er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Ihm gingen in diesem Moment viel zu viele Gedanken im Kopf umher, die er nicht so einfach ordnen konnte.
„Wie konnte das nur passieren?", fragte er und es klang, als war es ein Vorwurf an Ziva gerichtet.
Er griff nach ihrer rechten Hand, die ruhig neben ihrem Körper lag und an deren Arm sich mehrere Schläuche befanden.
Er drückte sie ein klein wenig, nicht zu fest. Nach einer Weile ließ er seinen Kopf auf die Kante des Bettes sinken. „Ich bringe diesen Mistkerl um, das schwöre ich dir."
Er blieb eine ganze Zeit in dieser Position. Er wollte jetzt nicht weggehen und sie hier alleine lassen. Er hatte sie schon einmal im Stich gelassen und nun sah er, was dabei geschehen war. Ein weiteres Mal würde das nicht passieren.
Er achtete schon gar nicht mehr wirklich auf das, was um ihn herum geschah sondern war mit seinen Gedanken ganz woanders. Doch dann spürte er einen leichten Händedruck. Beinahe hätte er es nicht gemerkt doch als sich der Griff immer mehr verstärkte, sah er auf. Ziva blickte ihn aus glasigen Augen an.
Ein Gefühl von Glück stieg in ihm auf. „Hey.", sagte er leise und starrte ihr in die Augen.
„Was ist passiert?", fragte sie leise, so leise, dass nur Tony sie verstehen konnte.
„Ich weiß es selbst noch nicht genau. Anscheinend wurdest du angefallen. Kannst du dich nicht daran erinnern?"
Ziva schüttelte den Kopf und verzog dabei schmerzerfüllt ihr Gesicht.
„Ich hab mir so wahnsinnige Sorgen gemacht.", sagte er nun und griff noch ein wenig fester Zivas Hand.
Von Ziva kam keine Antwort.
„Das hätte alles nicht passieren dürfen. Hätte ich gewusst, was es mit dieser Kette auf sich hat, dann hätte ich dich damit in Ruhe gelassen. Es ist alles nur meine Schuld."
„Du weißt es?" Zivas Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen. Sie fuhr sich mit der linken Hand über den Kopf und zuckte erneut vor Schmerzen zusammen.
„Gibbs hat es und erzählt. Warum hast du es mir nicht gesagt?"
„Was hätte ich dir denn deiner Meinung nach sagen sollen? Hey Tony, der Typ, der Kate ungebracht hat, ist zufälligerweise mein Halbbruder?" Ihre Stimme erhöhte sich um ein paar Oktaven, doch sackte schließlich wieder ab.
Tony wusste, dass sie Recht hatte.
Im Moment war es für ihn nur am Wichtigsten, dass es Ziva gut ging.
„Ich hole schnell einen Arzt, ja?"
Ziva nickte und schloss dann die Augen, um die aufsteigenden Tränen zu verdrängen. Tony stand auf und verließ das Zimmer.
Sofort kamen Gibbs und die anderen auf ihn zu. „Wie geht es ihr?"
„Sie ist gerade eben aufgewacht. Ich sollte vielleicht dem Arzt Bescheid sagen."
„Gott sei Dank. Hast du ihr irgendetwas von der Vergewaltigung erzählt?", fragte Ducky mit einer väterlich besorgten Stimme.
Tony schüttelte den Kopf.
Der Arzt, der hinter ihnen aufgetaucht war, meinte mit einer ziemlich lauten Stimme: „Es wäre besser, wenn Sie es vorerst auch nicht erwähnen. Noch ist sie nicht ganz stabil. Würde sie jetzt damit konfrontiert werden, könnte sie womöglich eine Art Schock erleiden."
„Sie ist wach. Ich würde gerne bei ihr bleiben."
Der Arzt dachte einen Moment angestrengt nach. Dann antwortete er: „Gut. Nur setzten Sie Miss David keinem Stress aus. Die kleinste Aufregung könnte ihren Zustand rapide verändern."
Tony nickte. Er wandte sich den anderen zu. Gibbs verstand sofort. „Wir kümmern uns um den Fall. Bleib ruhig hier. Ruf uns, falls irgendetwas passiert."
Es folgte eine kurze Umarmung von Abby. „Sag ihr schöne Grüße von mir, ja?"
Dann verließen sie das Krankenhaus. Auf der ganzen Fahrt zum Hauptquartier fiel kein einziges Wort.
Doch schließlich sprach Gibbs doch. „Wir müssen diesen Kerl in die Finger bekommen."
