Kapitel 1
Beherrschung
~ Draco ~
„Ja oder nein, Draco?" Ungeduldig hatte sein Vater eine Augenbraue gehoben. Langsam blieben die Spuren der Sorgenfalten auf seiner Stirn, auch wenn er sich entspannte, fiel ihm auf. Draco gefiel es, wenn ihm solche Dinge an seinem Vater auffielen. Es beruhigte ihn, dass auch der Teufel persönlich langsam alt wurde. Und in den eisig grauen Augen, die auch die seinen waren, sah er genau, dass es Lucius zuwider war, ihn als seinen einzigen Erben mit dem gesamten Vermögen zu beschenken zu müssen. Nach außen mimte Lucius den gleichgültigen, wohlhabenden Reinblüter, der er war. Aber im Innern gönnte er es ihm nicht.
Das war das Problem mit einem Erben, überlegte Draco. Meistens konnte man ihn sich nicht aussuchen. Und Lucius wusste, Draco plante nicht, ihn nach der Zeremonie noch viel länger als Oberhaupt zu akzeptieren. Jetzt tat er es, weil er es noch tun musste. Aber die Zeit verging angenehm rasant. Und Lucius Macht schwand mit jedem Tag.
Und jetzt waren die Blicke seiner Mutter, des Rechtsmagiers und des magisch-amtlichen Notars fest auf ihn geheftet. Er kannte sie alle in diesem Zimmer. Schon seit einiger Zeit waren dies die Menschen, die er am häufigsten sah. Seinen Berater beinahe noch öfter als seine Familie. Narzissa war seine Anwesenheit genauso unangenehm wie die seines Vaters. Ab und an traf sie sein Blick. Es war lange nicht mehr vorgekommen, dass sie alle drei tatsächlich in einem Zimmer saßen, ohne sich zu streiten. Oder überhaupt zu sprechen, fiel ihm auf.
Warum ihn seine Mutter nicht ausstehen konnte, wusste er auch. Jede Kandidatin hatte er bisher abgelehnt, und es bereitete ihm Vergnügen, Narzissa unterstellen zu können, ihr Geschmack wäre indiskutabel. Was er auch war. Sie hasste es, von den Männern dieses Hauses kritisiert zu werden. Salazar sei Dank, regierten die Männer aber diese Welt, und seine Mutter musste sich fügen.
Es klang alles besser, als es war. Auch wenn man meinen könnte, im Moment wäre er die Person der Macht, war es nicht unbedingt nur die Wahrheit. Macht hilet sich immer in Grenzen, wenn man selber in einem Käfig saß. Ein goldener, ohne Sorgen und ohne Fehler, aber dennoch ein Käfig. Er nahm an, deswegen war er auch etwas ungehalten heute. Läge es in seiner Natur, nervös zu werden, hätte er den Hauch von Hitze verspürt. Er war nicht nervös, aber es machte ihn reizbar, hier zu sitzen, darüber zu diskutieren, welchen Besitz er behalten oder veräußern wollte, wenn denn sein Vater erst verstorben war.
Er wusste, es ging nicht nur um das Ableben seines Vaters, was sich wahrscheinlich noch knappe vierzig Jahre hinziehen würde. Es ging darum, dass es immer die Möglichkeit gab, dass ein fleißiger Ministeriumsangestellter Lucius Malfoy nach Askaban bringen konnte, wenn er nur eifrig genug nach Beweisen suchte. Das wusste Lucius sehr genau. Und deshalb wurden jetzt übervorsintflutliche Entscheidungen getroffen. Draco kam es recht. Und auch die Aussicht auf Lucius in Askaban, gefiel ihm nicht allzu schlecht.
„Ja", sagte er schließlich. Der Anzug drückte ihm eng gegen die Schultern, weil er und Blaise in den letzten Monaten kaum etwas anderes getan hatten, als zu trainieren. Etwas anderes gab es auch in der Vorbereitungszeit der Zeremonie nicht zu tun.
„Also willst du das Landgut veräußern? Dann senken wir nämlich jetzt schon die Mengen an Gold, die wir zur Erhaltung des dreiundzwanzig Hektar großen Waldes aufwenden", bemerkte Lucius und hatte bereits die Feder gezückt. „Dann können Sie veranlassen, den Wald abzuholzen. Oder wir verkaufen doch an die Zauberstabbauer", wandte sich Lucius bereits an den Rechtsmagier neben sich.
„Hm… nein", entschied sich Draco eilig um. Lucius und der Notar warfen sich einen kurzen Blick zu. Lucius hasste es, wenn man sich Entscheidungen nicht sicher war.
„Du willst das Landhaus behalten? Es macht nur Sinn mit einer Familie, die dort auch Urlaub verbringt. Alleine zur Erhaltung wäre es unwirtschaftlich den Besitz in diesem Stil fortzuführen."
„Ich dachte, noch wären wir drei eine Familie, weil wir noch alle am Leben sind, Vater", erwiderte er gedehnt, und ärgerte seine Eltern nur zu gerne vor den anwesenden Beamten, die nun live miterlebten, wie wenig sie wirklich eine Familie waren. Fast unbewusst fuhren seine Hände hoch, um die Krawatte und den Kragen zu lockern. Er fing Narzissas abfälligen Blick auf und zwang sich, den Kragen in Ruhe zu lassen. Er würde auch seiner Mutter keine Angriffsfläche bieten. Das war nämlich der Fehler in diesem Haus. Aalglatt zu bleiben – das war die Kunst. Er würde nur höchstwahrscheinlich noch ersticken, bei diesem verflucht engen Hemd.
Lucius musterte ihn mahnend. Warum fanden eigentlich alle, verflucht noch mal, die Zeit, über den verdammten Besitz zu diskutieren, aber keiner schaffte es, ihm einen Termin beim Schneider zu besorgen?
„Draco, denkst du ein solches Vermögen vermehrt sich ohne Plan? Deine Hochzeit ist in zwei Monaten", fuhr er ohne Bedenken fort. „Das bedeutet… deine Familie könnte bereits nächstes Jahr dort die Ferien verbringen." Geschäftig bedeutete er dem Notar das Landgut zu behalten, den Wald so zu belassen, und Draco atmete langsam aus. Er hatte weder eine Familie, noch eine Verlobte. Und noch war das seine Vorstellung einer perfekten Zeit.
„Wen?", fragte er also nach einer Weile. Eine Frage, die er immer mal wieder in den Raum zu werfen wagte. Vor allem, wenn Narzissa es hören konnte. Er unterdrückte ein amüsiertes Grinsen, als er sah, wie ihre vollen Lippen eine Spur schmaler wurden. Es interessierte sowieso keinen der Beamten. Sie hatten alle ein bisschen Gold, was nicht der Rede wert war. Aber seine Mutter wollte niemals irgendwo auch nur den Hauch eines Zweifels erregen, sie wäre nicht vollkommen und perfekt. Narzissa sah ihn an, wie ein lästiges Schulprojekt, was ihr Schwierigkeiten bereitete. Ein letztes Geschäft, das erledigt werden musste.
„Was?" Lucius hatte irritiert den Blick behoben. „Machen wir weiter mit den Anlagen, Mr Wexford", ergänzte er eilig, bewusst betont, nicht darauf einzugehen. Aber Draco lehnte sich entspannt in den Hioppogreifledersessel zurück.
„Wen heirate ich?"
„Das ist noch nicht klar", mischte sich seine Mutter schließlich gepresst ein. „Und für dich ohne Belang", fügte sie hart hinzu. Das wusste er bereits. Merlin, es war ihm so egal, wen seine Mutter am Ende ausgesucht hatte. Was zählte war, dass er genau wusste, dass sie an ihre Grenzen gegangen war, damit er keinen Fehler finden konnte. Und sie hasste es. Er war wohl allen Maßstäben nach kein dankbarer Sohn. Aber zur Dnkabarkeit war er nicht erzogern worden. Muggel hatten ein Sprichwort. Er würde niemals zugeben, es zu kennen, würde es niemals zitieren, oder zugeben, dass Muggel gleichberechtigte Menschen waren, aber mit den Worten, wer Wind sät wird Sturm ernten, konnte er sich anfreunden.
Eine Eigenschaft, die er mit seiner Mutter gemein hatte, fiel ihm wieder einmal auf. Er verliebte sich nie. Genauso wenig wie sich seine Mutter nie verliebt hatte. Lucius war aus dem einen Grund so sauer auf Narzissa, weil er den Fehler begangen hatte, sein Herz auf sie zu setzen. Und alles, was Narzissa verspürte, war Unterwürfigkeit Lucius gegenüber. Gezwungene, Jahrhundert Jahre alte Unterwürfigkeit, geboren in alten Traditionen und unmöglich, ihnen zu entkommen. Fast bemitleidete er seinen Vater, wenn er ihn erwischte, wie er im Sessel in seinem Studierzimmer eingeschlafen war, betrunken und allein.
Und meist blieb er dort. Denn im Schlafzimmer war er nicht willkommen. So viel Macht er als Mann auch hatte, niemals würde er Narzissa mit dem Imperio belegen, damit sie ihn befriedigte, wie ein Mann es verdient hatte. So stark Lucius in vielerlei Hinsicht war – hier, in diesem Haus, hatte Narzissa eine Art von Macht, die ihr keiner nehmen konnte.
Draco war dankbar, die Fehler seiner Eltern vorgelebt zu bekommen, damit er sie ja nicht wiederholte.
Er wusste, es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er sich gewundert, ja, sich regelrecht nicht erklären können, wie eine Frau vor seinem Vater nicht freiwillig auf die Knie fallen konnte.
Er hatte seinen Vater so sehr idealisiert, dass ihm der Hauch von Schwäche entgangen war. Ihm war mittlerweile klar, dass das Aussehen seines Vaters ihm alle oberflächlichen Türen öffnete, dass niemand sein Wort anzweifelte, niemand widersprach, aber dass die Menschen, die innerlich kalt waren, sich nicht blenden lassen würden.
Dass er nun ein Abbild seines Vaters war, sagte ihm, dass es Menschen gab, die ihn eventuell nicht leiden konnten. Schon alleine zwei saßen in diesem Raum. Bei seinem Vater war es allerdings purer Neid. Bei seiner Mutter war es, dass er so aussah wie sein Vater.
So einfach war es.
„Du lernst die Dame noch rechtzeitig kennen", merkte sein Vater leiser an. Es war ihm anzuhören, wie egal ihm dieser Punkt auf Dracos Liste war. Lucius war abgestumpft. Und würde Narzissa sich jetzt zu einer Liebe bekennen, die sie noch nie gefühlt hatte, selbst dann würde Lucius sie nicht mehr anrühren wollen. Er war stolz. Dummheit und Stolz gingen stets nebeneinander, das wusste Draco. Er wusste, Stolz würde ihn in der Zukunft nicht immer aus jeder Lösung helfen, aber er war noch nicht in der Lage, ihn abzulegen. Noch schmeckte der Stolz viel zu gut.
„Wann?" Und es machte ihm Spaß, Lucius zu reizen. Immer wieder.
„Draco!", fuhr Lucius ihn harsch an. Härscher als zuvor. „Diese Sache hat hier keine Priorität. Ich habe dir gesagt, die arrangierte Hochzeit ist sicher. Der Vertrag ist aufgesetzt, bestätigt, und deine zukünftige Braut muss nur noch unterschreiben, die Urkunde beilegen, und diese lästige Sache ist aus der Welt."
„Wie war das mit der Urkunde?" Dünnes Eis. Die Worte waren seinem Vater und seiner Mutter ins Gesicht geschrieben. Dennoch konnte er dieses Mal das Grinsen kaum verhindern.
„Muss das sein?", zischte Narzissa. Lucius würdigte sie mit keiner Antwort. Stattdessen kassierte Draco einen so hasserfüllten Blick, dass sein Grinsen sehr kurz gefror.
„Die Urkunde, die bestätigt, dass sie reinblütig ist und dem magischen Zauber zustimmt, als erstes einen Erben zu bekommen." Draco wusste natürlich, was die Urkunde war. Er hatte sich eigentlich erhoffte, zumindest von dem Notar, einen skeptischen Blick zu bekommen. Aber anscheinend biss er auf Granit. Es war wohl Gang und Gäbe unter Menschen wie ihnen. Und er wusste, zu forcieren, dass Außenstehenden ihre Traditionen abartig fanden, deutete vielleicht daraufhin, dass er die Tradition auch abartig fand, aber im Endeffekt störte es ihn nur geringfügig.
„Das bedeutet-"
„Draco, ja oder nein?" Sie drehten sich immer im selben Kreis. Seit Wochen. Er provozierte, sein Vater reagierte, und Narzissa verfolgte es mit stoischer Gleichgültigkeit. Nur manchmal, da wagte sich auch seine Mutter einen Schritt weit in die Kälte hinaus.
„Draco." Sie sagte seinen Namen, als wäre er in Gift getränkt. Allerdings mit einem Lächeln. Es gefiel ihm. Seine Mundwinkel zuckten. „Sie wird die schönste Frau sein. Alle magischen Sprachen wird sie mit Leichtigkeit beherrschen. Sie hat den besten Abschluss, sie ist gesund und stark. Ausgebildet in der magischen Haushaltsführung, Delegation der Hauselfen und der Kindererziehung." Und jetzt lächelte Narzissa. „Sie wird zustimmen, ihre Gebärmutter manipulieren zu lassen, damit das Ei im Innern schon als Fehlbildung beginnt und einen männlichen Erben erzeugt." Dracos Lächeln schwand sehr langsam. „Sie wird diese Fehlbildung mit Respekt und Unterwürfigkeit zur Welt bringen, wird die Fehlbildung erziehen und ihr eine Ausbildung ermöglichen, die ihrem Stand entspricht. Und dann wird sie eine passende Partie für das zwanzigste Lebensjahr der Fehlbildung finden." Und er hielt tatsächlich die Luft an, als sich Narzissa entspannter zurücklehnte. „So wie ich es auch getan habe."
Lucius flache Hand knallte auf die Mahagoniplatte des Tisches. Dracos Mund war merklich trockener geworden. Nur für eine Sekunde. Manchmal fühlte es sich rau in seinem Innern an. Aber dann lächelte er für gewöhnlich, lächelte in den Schmerz hinein, der nicht wirklich da war. So wie jetzt auch. Und er ließ Narzissa hellgrüne Augen nicht aus seinem Blick. Miststück.
„Es reicht. Schluss mit dem Unsinn. Die Hochzeit ist keine Frage in der Planung. Du heiratest das Mädchen, was ausgesucht wird, und damit ist das Thema gegessen. Wichtig sind die Anlagegüter, Draco. Deine Aufmerksamkeit, bitte", fügte Lucius knurrend hinzu.
Fehlbildung. Eine neue Beleidigung seiner Mutter. Bitter. Oh, er würde bis zur passenden Gelegenheit warten, ihr vorzuwerfen, ihr Leben vergeudet zu haben, für einen Zauberer der sie in einen Krieg gezwungen hat, in dem sie ihre geliebte Schwester verloren hat. Er würde den rechten Moment abpassen, um es seiner Mutter heimzuzahlen.
Neun Monate. War er neun Monate in ihrem Bauch? Das musste eine echte Qual für sie gewesen sein, nahm er an. Gut so. Er wusste, als Reinblüter galt es, die Linie aufrecht zu erhalten. Und das ging nur mit einem männlichen Erben.
Die Gebärmutter nahm danach so großen Schaden, dass sie entweder gar keine Kinder mehr bekommen konnte oder gerade noch eines.
„Du willst das Landgut behalten?", wiederholte sein Vater, und riss Draco aus seinen Gedanken. Er brach den Blick zu Narzissa und wandte den Kopf.
„Nein", entschied er sich. Er hatte noch keine Frau. Noch keine Kinder. Und plante noch nicht, seine Ferien mit seiner Familie auf dem Landgut zu verbringen. Salazar, noch mal! Das Leben in geregelten Bahnen zu haben, gehörte mit zu den Dingen, die ihn nachts ruhig schlafen ließen, aber manchmal… manchmal wünschte er sich, dass nicht absolut alles völlig vorherbestimmt war. Manchmal nur ein kleines Abenteuer.
Fehlte nur noch, dass er unterschreiben musste, um sich mit dem Tag seines Todes einverstanden zu erklären. Dann wäre alles – wirklich alles – von seinem ersten bis zu seinem letzten Schrei geplant gewesen.
Er war ein kleines Rad in einem sehr großen Gefüge. Blaise heiratete bereits nächste Woche. Und hatte alles geplant. Er hatte bisher nicht einmal ein Interesse daran gehabt, seine zukünftige Frau zu sehen, obwohl schon feststand, wen er heiratete. Er wünschte Blaise keine Narzissa. Wirklich nicht. Solche Frauen waren schön anzusehen, abgerichtet, mechanisch, gezwungen mit dem Mann zu schlafen.
Eine Hexe, eigens für ihn zubereitet, so kam es ihm vor. Merlin, sogar der Sex war vertraglich geregelt. Der magische Ehevertrag hatte keine einzige Lücke. Eine Scheidung war nicht geplant. Niemals. Bei keiner Reinblütervereinbarung. Es hatte noch keine einzige Scheidung gegeben. Nicht einmal bei den Parkinsons, bei denen der Geburtenzauber schief gegangen war und Mrs Parkinson leider eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Und danach gar kein Kind mehr hatte bekommen können. Er wusste, der gute Mr Parkinson hatte alles versucht, aus der magischen Pflicht herauszukommen. Für Pansy blieb nur die Möglichkeit sehr reich zu heiraten, damit das Familienvermögen nicht flöten ging. Er wusste, zuerst war es geplant gewesen, dass er Blaises Schwester Teresa hatte heiraten sollen. Aber Teresa hatte leider der Familientradition widersprochen, indem sie auf einer Gesellschaft verkündet hatte, mit einer Frau zusammen zu leben.
Damit war sie verstoßen worden. Ihr Name war aus sämtlichen Familienbäumen, Familienbüchern und Testamenten gestrichen. Dabei hätte sie große Vorteile gehabt. Jetzt hatte sie gar nichts mehr. Nur ihre Freiheit. Und war es das, was man wollte? Mit Sicherheit nicht. Pansy war für ihn niemals in Frage gekommen. Eine erstgeborene Tochter war mindestens eine genauso große Schande wie eine lesbische, in der Reinblütergesellschaft.
Er hatte das schon in ihrem ersten Jahr auf Hogwarts gewusst.
Er hatte seinen Vater reden hören, hatte andere Väter reden hören. Hatte Pansy immer mit dem Blick angesehen, dass sie wohl oder übel zur öffentlichen Schande werden würde.
Mit ihr zu schlafen, das war kein Problem für ihn gewesen. Verflucht, das war absolutes Glück gewesen. Pansy war die perfekte Schlampe. Gefügig, willig und nicht schüchtern. Ganz und gar nicht.
Er bekam wohl eine zweitgeborene Tochter. Das war der Idealfall. Er wusste, Narzissa hatte kein zweites Kind bekommen, weil sie es nicht gewollt hatte. Das hätte nämlich erfordert von Lucius ein zweites Mal schwanger zu werden, und wie Draco vor zehn Jahren bei einer Unterhaltung, die nicht für seine Ohren bestimmt gewesen war, erfahren hatte, hätte Lucius sich eher seinen Penis abschneiden lassen, ehe er Narzissa noch einmal hätte schwängern müssen, und seine Mutter hätte sich auf dem Dachboden erhangen, hätte sie wirklich noch ein Kind von ihm bekommen müssen. Kurz betrachtete er sie wieder. Wie Lucius diese Frau lieben konnte, blieb ihm schleierhaft.
Niemand behauptete, dass magisch arrangierte Hochzeiten ein glückliches Unterfangen waren. Niemand tat das. Er nahm auch an, Liebe gehörte zu den Faktoren, die niemand berücksichtigen wollte, die aber dennoch in die Quere kamen. Nicht in seinem Fall, aber wahrscheinlich gab es Ausnahmen. Es schauderte ihn, dass er wohl tatsächlich eher wie seine Mutter war. Er hatte nie sein Vater werden wollen, aber dass er damit die andere Richtung einschlug, war ihm lange Zeit nicht klar gewesen.
Eigentlich sollte er rebellieren. Er sollte aufstehen, gehen und seiner verdammten Mutter erklären, dass er sich nicht darauf einlassen würde. Das wäre ein Spaß.
Und er wäre außerdem der einzige seiner gleichaltrigen reinblütigen Zeitgenossen, der sich gegen so etwas Banales wie einen Ehevertrag stellte. Niemand – absolut niemand – stellte den Sinn des Vertrags in Frage. Niemand dachte auch nur eine Sekunde lang nicht an das viele, viele Gold. Natürlich war das immer sein erster Gedanke. Aber er wusste, allein konnte er normal bleiben. Er konnte begreifen, dass alles in der Gesellschaft nur durch einen negativen Anreiz heraus geschah. Es war immer das Gold, die Macht, die Unterdrückung. Es gab nichts, was jemand tat, einfach nur, um es zu tun. Er begriff, dass man nicht die reiche Schicht vertreten konnte, ohne Opfer zu bringen. Und sein Opfer war eben ein kaltes Leben innerhalb von magisch rechtlichen Grenzen zu führen.
Und kalt war hier weit gefasst. Seine Frau durfte nicht widersprechen, sie hatte nicht zu arbeiten, es sei denn zu sozial gesellschaftlichem Vorteil, musste ihm gehorsam folgen und sich verhalten, wie ein gefügiger Diener. Die Gesetze bestanden seit über sechshundert Jahren und waren seitdem niemals verändert worden.
Und gerne übernahm er die Anlagen der Familie. Gerne arbeitete er dort, wo es für alle schlechtbezahlten die Hölle war und für ihn ein Ausflug in den Honigtopf. Das war kein Problem. Aber das, womit er in seiner Vergangenheit wirklich hatte beeindrucken können, war, dass er bekam, was immer er wollte. Aber bald hatte er, was auch immer er wollte. Dann gab es eigentlich nichts mehr, was man noch bekommen wollen würde.
Und nur das machte ihm manchmal Angst.
Ein Mann war ein Jäger. Es ging ihm nicht um die verfluchte Beute am Ende. Es ging ihm um die Jagd. Nur die Jagd. Und die wurde ihm jetzt abgenommen. Er hatte keine Wahl. Er hatte Vernunft. Das war alles. Und er war zwanzig. Blaise schien mittlerweile sein Alter komplett vergessen zu haben. Natürlich durfte sich der Mann so viele Mätressen halten, wie er es wünschte. Er durfte sie nur nicht schwängern. Das war der einzige Punkt. Der vielleicht wirklich einzige Punkt, um aus einer Hochzeit rauszukommen. Aber es passierte nie, dass eine Mätresse schwanger wurde. Sein Vater musste mittlerweile hunderte von ihnen haben. Versteckt und sicher behütet. Und keine war jemals schwanger zu ihnen ins Haus gekommen, um Gold einzuklagen. Aber die Verhütungszauber seines Vaters waren so sicher wie der Ehevertrag selbst. Und er wusste, Lucius fühlte nichts mehr. Bei keiner.
Er tat es, um den Schmerz zu betäuben. Er war ein armseliger Abklatsch eines Mannes, fand Draco. Lucius hatte seinen Blick aufgefangen.
„Du willst es also später veräußern? Bist du dir sicher?" Lucius behandelte auch diese Erinnerung als Investition. Draco nahm nicht an, dass sich Lucius überhaupt noch erinnern konnte, wie die Ferien auf dem Landgut überhaupt verlaufen waren.
„Ja, lass die Bäume fällen." Auch das war reine Rebellion. Eigentlich wollte er den Wald, in dem er Jahre seine Kindheit verbracht hatte, nicht fällen lassen. Aber irgendwas ritt ihn gerade. Salazar persönlich, nahm er an. Sein Vater zuckte nicht mal mit der Wimper und ließ seinen Wunsch eintragen. Er wurde als erwachsener, verantwortungsvoller Mensch getestet. Draco wusste, dies waren die letzten gemeinsamen Entscheidungen seiner Eltern. Sein Vater ging mit ihm das Vermögen durch und klärte ein für alle mal – und das letzte Mal – was er bekam und was nicht. Und seine Mutter hatte die allerletzte Aufgabe, eine Frau für ihn zu finden.
Er wusste nicht, was danach passierte. Schon jetzt lebte Lucius im Westflügel und seine Mutter im Ostflügel des Herrenhauses. Wenn sie wirklich aufeinander trafen, dann war es weniger ein Gespräch als eine lautstarke Auseinandersetzung, in der sie beide ausgezeichnet bewiesen, dass sie an die zweitausend hässliche Schimpfwörter beherrschten.
Er war nicht besonders emotional und war bereits jetzt gelangweilt. Aber ab und an kreuzte die absurde Vorstellung, alles aufzugeben, seinen rationalen Gedankengang. Und es war nicht so, dass es nicht anders ging. Immer wieder, wenn er sich dabei erwischte, darüber nachzudenken, ob dieses Leben vielleicht doch nichts für ihn war, schreckte ihn ein Beispiel besonders erfolgreich ab: Die Blutverräter-Weasleys. Er dachte gerne über dieses Beispiel nach, denn es brachte ihn immer wieder erfolgreich zur Vernunft.
Die Weasleys waren bekanntermaßen die einzige alte Zaubererfamilie, mit einem Stammbaum über Generationen – beinahe so viele wie seine Familie – die sich entschieden hatte, nicht so zu leben wie die anderen Reinblüter. Sie hatten ihr Familienvermögen vor Generationen aufgegeben, hatten sich aus sämtlichen Listen streichen lassen, ja, ihnen schien es egal zu sein, ob sie reich sein könnten. – Was sie natürlich hätten sein können!
Es war ihm unbegreiflich, wie es möglich war, so zu leben.
Natürlich waren sie entfernt verwandt. Über seine Mutter. Seine verfluchte Mutter, die alles Schlechte brachte. Aber darüber dachte er selten nach. Nie brachte er sich mit den Weasleys in Verbindung. Aber er bekam einen Ausblick auf das Leben, was er führen könnte, würde er sich entscheiden, das Vermögen zu verlassen, gegen die Ordnung zu verstoßen, die Reinblüterfrau nicht zu heiraten und nicht dem Befehl seines Vaters zu folgen, seinen Platz im Ministerium einzunehmen.
Und es machte ihm verfluchte Angst.
In der Zeitung hatte gestanden, dass der berühmte Potter die kleine Weasley heiraten würde. Es hatte bestimmt nicht in der Presse gestanden, weil die Weasleys so angesehene Persönlichkeiten waren. Oh nein. Potter bekam ohnehin alle Aufmerksamkeit. Reinblüter hatten nicht die Freiheit, sich einfach für etwas zu entscheiden. Für ihn, Draco, stand alles bereits seit seinem ersten Tag fest. Und dafür hasste er Potter.
Und er war manchmal in besonders schlecht gelaunten Stunden neidisch auf eine einzige Sache. Manchmal wünschte er sich – wie Potter – keine Eltern mehr zu haben. Er wünschte sich, ein einziges Mal eine einzige Entscheidung von Wichtigkeit und Bedeutung ganz alleine treffen zu können. Ohne sich zu versichern, wie viel Gold es ihn kosten würde oder welche Konsequenzen es in zehn Jahren nach sich zog.
Er wollte nicht an sein Portfolio denken, nicht an Gringotts, nicht an die Arbeit, das Ministerium, das Ansehen, die Zukunft.
Und er schämte sich täglich für diesen Wunsch, der ab und an mal an die Oberfläche drang. Denn sein Leben war gut. Es gab Zauberer, die würden töten für einen Tag in seinem Leben. Zauberer, die ihre eigene Familie, ohne zu zögern, zurücklassen würden. So wie er seine eigene. Jetzt gerade bekam er den Wunsch, die Krawatte von seinem Hals zu reißen und mit dem Diffindo alle Dokumente auf dem Tisch zu zerstören. Aber natürlich tat er es nicht. Natürlich beherrschte er sich, denn… das war es schließlich, was er sein ganzes Leben lang getan hatte. Er beherrschte sich. Und das würde er wohl bis zum Ende hin tun müssen.
„Wenn Sie uns alleine lassen würden?" Es war nicht wirklich eine Frage. Sein Vater besaß nicht das Maß an Höflichkeit, das es brauchte, um mit Menschen auf einer sozial kompetenten Ebene zu kommunizieren, denn er sah nicht einmal auf, als er sprach. Die Beamten beeilten sich, den Salon zu verlassen, der ab und an als Arbeitszimmer missbraucht wurde, weil weder sein Vater noch seine Mutter oft hier her kamen.
„Sprechen wir über nicht ganz so angenehme Dinge", begann er gereizt. Narzissa sah bereits aus dem Fenster.
„Warum erledigst du deine schmutzigen Angelegenheiten nicht einfach allein, Lucius?", bemerkte sie so konsterniert, dass Lucius sie gar nicht beachtete. Draco sah, wie Lucius seine Augen angestrengt vor sich auf den Tisch heftete.
„Draco, ich habe im Ministerium einiges zu erledigen, bevor du in vierzehn Tagen deinen Schreibtisch in Empfang nehmen kannst." Das war nett gesagt. Eigentlich musste er gar nicht auftauchen. Er musste nicht einmal anwesend sein, wenn sein Familienname in die Liste der Gehälter aufgenommen wurde. Er bekam Gold dafür, Draco Malfoy zu sein. Das war genau das, was er sich vorgestellt hatte. Er hatte keine Lust, überhaupt noch aufzutauchen. Aber ihm gefiel die Aufmerksamkeit.
„Wieso ist es so wichtig?"
„Weil es wichtig ist", erklärte sein Vater aggressiv. Natürlich. Lucius machte seinen Punkt als Arschloch. So hätte es Draco auch getan.
„Weil dein Vater illegale Dokumente nicht rechtzeitig entfernt hat", korrigierte seine Mutter kalt. Das hatte er sich schon gedacht.
„Halt deinen Mund", zischte sein Vater.
„Wie viele Stücke sind es?", unterbrach Draco, dem langsam die Geduld schwand. Vor allem kaute er tatsächlich noch an den Worten seiner Mutter.
„Nur eines. Und koste es, was es wolle, es wird in unserem Besitz bleiben!"
„Du bist selber schuld. Es wäre dir zu gönnen. Schon als der Vollzieher gekommen war, hat es an ein Wunder gegrenzt, dass du nicht sofort verhaftet worden bist!" Lucius hatte sich nach diesen Worten seine Frau erhoben, und Draco spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Er wusste nicht, was er dachte, was passieren würde. Dass Lucius Narzissa endlich mit einem Unverzeihlichen belegte? Dass er es ohne Zauberstab erledigte und Narzissa direkt ins Gesicht schlug? Dass er… - er wusste es nicht! Irgendwas Unüberlegtes tat. Und er wünschte es sich fast. Einmal sollten die Dinge außer Kontrolle geraten.
Aber das war ja der entscheidende Punkt: Beherrschung war alles.
Vor einigen Monaten hatte es das Ministerium tatsächlich durchgebracht, das Anwesen durchsuchen zu lassen. Und es wurden einige Stücke beschlagnahmt. Stücke, mit denen bezahlt werden sollte, was Lucius unter gar keinen Umständen aus Gringotts hatte holen wollen. Gebundenes Gold brachte mehr Profit.
Es war ein verflucht großer Streit gewesen, in dem seine Mutter Lucius beschuldigt hatte, ihre Erinnerungen einfach loszuwerden. Natürlich hatte sie am Ende kein Recht bekommen. Denn sie war nur Lucius' Frau. Immerhin einmal hatte sein Vater beweisen, dass er irgendwo doch noch Eier in der Hose hatte. Er persönlich nahm ja an, dass Weasley Senior damit zu schaffen hatte. Aber er hatte es nicht laut geäußert. Nicht, dass er Mitleid hatte, dass Lucius veranlassen würde, Arthur Weasley zu entlassen, aber… er wusste es nicht. Vielleicht war es wieder Rebellion…?
„Draco, du wirst zu der Versteigerung gehen, weil deine Mutter nicht über die nötigen Kompetenzen verfügt." Narzissa hatte sich jetzt auch erhoben.
„Oh, ich werde mitgehen. Dein Haus und deine Anwesenheit widern mich schon den Rest des Tages an!"
„Wie wäre es, wenn du deinen Mund halten würdest? Soweit ich weiß, stehst du immer noch unter mir!" Oh, das war ein Fehler. Lucius rettete sich immer damit, beweisen zu müssen, Macht zu haben. Macht, die er nur hatte, weil sie ihm das Gesetz zusprach. Das war schwach. Draco wusste, Narzissa hatte gewonnen. Und Lucius wusste es auch.
Er seufzte schließlich. Heute favorisierte er mit seinem Vater. Nur sehr knapp.
„Narzissa kann mich begleiten, Lucius. Ich nehme nicht an, dass es Schwierigkeiten geben sollte."
„Nein?" Lucius' Blick wurde eine Spur schärfer. „Beantworte keine Fragen, Draco. Ich habe keine Lust auf ein weiteres Verfahren. Und Narzissa, wenn ich nach Askaban gehen, werde ich dich mit mir nehmen."
„In deinen Träumen, Lucius", widersprach seine einst so schöne Mutter. Von ihrer Schönheit war nur noch ein letzter Glanz geblieben, der durch den Hass in ihrem Gesicht auf beide Männer in diesem Zimmer überlagert wurde.
„Nein. In meinen Träumen bin ich dich bereits losgeworden", knurrte Lucius. Gelogen. Fast hatte Draco Mitleid. Fast.
„Seltsam. In meinen Träumen haben dich die Dementoren bereits geküsst, und ich gelange in den Besitz deiner geliebten Wertanlagen." Narzissa hatte lächelnd das Zimmer verlassen. Lucius fuhr sich durch die langen Haare, schien sich wieder zu fassen, und Draco wusste, die Hölle würde losbrechen, wenn er das Stück nicht zurückbekommen würde. Und auch, wenn ihn seine Eltern nicht weiter interessierten, hatte er keine Lust wieder Mittelpunkt eines Streits zu werden, den niemand gewinnen konnte.
Askaban würde ihnen vielleicht allen gut tun. Aber nicht unbedingt sah das jeder ein. Er persönlich würde sich freiwillig von einem Dementoren küssen lassen, bevor er dreißig Jahre mit einer Frau leben musste, die sich nicht unterwerfen lassen wollte. Er wusste, wäre Narzissa seine Frau, würde er sie zwingen. Ohne Gnade.
„Du bist wirklich eine Blamage, Lucius", bemerkte er schließlich, als er sich erhob, um zu gehen. Er hatte noch besseres zu tun, als diesen Menschen hier zuzusehen, wie erbärmlich sie waren. Er hatte keine Angst vor seinem Vater. Er hatte nicht mal mehr den Hauch von Respekt vor seinem Vater. Aber Lucius bewies wieder einmal, dass er auch keinen Respekt vor seinem Sohn hatte. Er grinste freudlos und kalt.
„Und du bist mein Sohn. Und du wirst all das erleben. Und ich will sehen, wie lange du dich halten wirst." Ein bitterer Schlag. Schon wieder. Die größte Beleidigung war wohl, dass er auch so ein erbärmlicher Mann werden würde. Aber… das würde niemals passieren.
Ihm nicht. Er war besser als die anderen hier. Und er wusste es. Und Lucius wusste es auch.
Noch ein Gedanke, der eine Seite in ihm zum Vorschein brachte, die ihm manchmal Sorgen bereitete.
