Kapitel 2
All is lost
~ Pansy ~
Ihre Arme waren kalt, als sie ihren Oberkörper selber umarmte, wie sie oben an der Balustrade stand. Wenn sie nach unten blickte, legten sich ihre langen Wimpern auf ihre hohen Wangenknochen. Sie war erste Wahl. Sie wusste, sie war so schön, wie eine erste Wahl nur sein konnte.
Sie war schön. Und stark. Und perfekt. Sie war Pansy Angeline Parkinson.
Aber egal, wie stark sie sich einzureden versuchte, zu sein – die Tatsache war, dass sie hier oben in der Dunkelheit, allein auf dem Treppenabsatz stand. Fest biss sie die geraden Zähne zusammen. Niemand konnte sie sehen. Aber niemand kam noch vorbei, um sie zu sehen.
Du bist doch eine dämliche Kuh, Pansy! Das ist so albern und dämlich. Geh einfach runter. Du wohnst hier. Und sie reden auch noch über dich. Du bist feige. Und so schwach!
Sie stand oben auf dem dunklen Treppenabsatz und wippte langsam nach vorne auf den sehr hohen Schuhen. Sie hatte festgestellt, dass sie zugenommen hatte. Sie hatte die Elfen wohl in den letzten Wochen öfters zu sich gerufen, als ihr bewusst gewesen war. Mit Eclairs, mit Buttertorten, mit allen Pralinen der Welt. Und sie wusste auch, warum.
Aber laut sagen würde sie es nicht. Verflucht noch mal! Sie wusste es sehr genau!
Sie hatte keinen Grund mehr, hauchdünn zu sein. Und es war nicht so, dass sie jetzt unangenehm fett war! Nein. Sie war nicht fett. Nur weil sie auf einmal anfing, tatsächlich etwas anderes als Gemüse zu essen, war sie nicht fett, wie ihre Mutter es nannte. Nein. Sie war normal. Aber das wusste niemand. Unbewusst wickelte sie eine Strähne des schwarzen Haares um den Finger, während sie lauschte und sich nicht wagte, zu bewegen. Sie biss hart auf ihre volle Unterlippe. Sie besaß Lippen, die Männern schlaflose Nächte brachten! Sie war die Königin von Slytherin gewesen. Wo war ihre Macht hin?
Sie stand hier oben in ihrem eigenen Haus wie ein Fremder. Unten war die Gesellschaft bereits bei den Cocktails angelangt, und sie war bestimmt schon seit zwanzig Minuten weg. Aber es war so grauenhaft. Sie wollte nicht dort unten stehen und sich von reichen Mittvierzigern begaffen lassen, als wäre sie ein Stück Fleisch. Als wäre sie zweite Wahl. Mangelware, als wäre sie nichts weiter als ein gewöhnliches Mädchen, ohne Aussichten. Und es war so ungerecht! Sie schnappte leise nach Luft, legte den Kopf fest in den Nacken, damit mögliche Tränen ja nicht ihr Makeup ruinieren konnten. Ihr Gesicht war auch ohne Makeup eines der schönsten Gesichter Londons, aber niemand sah es mehr!
Sie dachte schon wieder an Draco. Es war nie laut geäußert worden, aber ihr war völlig klar, dass sie ihn nicht mehr sehen würde. Sie atmete wieder langsam ein, damit sie bloß nicht schluchzen würde. Ihre Mutter hatte es nicht wortwörtlich gesagt, aber sie war jetzt kein Umgang mehr für die Malfoys. Sie war… eine Schande. Sie kam niemals in Frage einen Erstgeborenen zu heiraten. Sie würde nicht Draco heiraten dürfen, nicht Blaise – niemanden, den sie kannte. Brüder von anderen. Crabbes Bruder. Aber der war gerade mal zwölf. Und müsste sie erst mal warten, bis er zwanzig war… dann wäre sie schon fast dreißig! Dann würde er sie auch nicht mehr nehmen wollen!
Sie schluckte wieder die bitteren Tränen hinunter. Und dabei hatte sie bereits mit Draco geschlafen. Und mit Blaise. Und mit Marcus und mit so vielen anderen, überlegte sie bitter. Und sie kannte alle Tricks. Sie wäre eine perfekte Partie. Sie hatte eine schöne Erscheinung, war gebildet und höflich, würde sich ohne Probleme bereit erklären, ihre Gebärmutter manipulieren zu lassen, um einen schönen blonden Malfoy Erben zu gebären. Sie vermisste Draco. Natürlich wurde nie von Liebe gesprochen, und sie war zu abgebrüht, um überhaupt über Liebe nachzudenken – aber das, was sie mit Draco gehabt hatte, das grenzte an Liebe. Zumindest im äußersten Punkt.
Und die Vorstellung, dass eine kleine, reiche, zweitgeborene, dumme Schlampe Dracos Schwanz in ihren Mund nehmen würde, regte sie so sehr auf, dass sie nicht mehr atmen konnte.
Sie wusste, sie durfte nicht mehr an ihn denken. An niemanden mehr!
Sie hielt die Luft an, denn sonst würden sie die Gäste noch hören. Ihre Fingernägel schnitten in ihre Handflächen, so fest ballte sie die Finger zu Fäusten. Der Schmerz beruhigte sie etwas. Sie wusste nicht, wie sie Würde bewahren sollte.
Vor allem war ihr eines klar: Würde gehörte den Besiegten. Das hatte ihr Vater schon gesagt. Denn diejenigen, die gewonnen hatten, mussten nicht mit Würde gehen. Denn… es waren schließlich die Sieger. Und sie war es nicht gewöhnt, etwas nicht zu bekommen.
Sie wusste, ihr Vater verabscheute sie, aber sie hatte es noch nie so gespürt, wie in diesen letzten Wochen.
Er sah sie nicht mehr an. Und wenn, dann nur so, als wäre sie nichts wert. Als wäre sie eine Last, die ihm aufgebürgt worden war. Sie wusste, die Manipulation an ihrer Mutter war schief gelaufen. Als sie noch kleiner war, hatte ihre Mutter ihr erzählt, sie, Pansy, wäre eine so starke Persönlichkeit gewesen, eines von Merlins Wundern, das sich nicht einmal von einer Manipulation hätte unterdrücken lassen, und dass es Bestimmung gewesen war, dass sie als Mädchen und nicht als Junge zur Welt gekommen war.
Und jetzt würde es Pansy nicht mehr zugeben, aber… es war ihre Lieblingsgeschichte gewesen. Sie hatte sich gefühlt, wie ein so besonderer Mensch. Der beste von allen, weil sie die Magie, die nie versagte, überlistet hatte.
Mittlerweile war ihr von ihrem Vater beigebracht worden, sich zu schämen. Sie regelrecht selber dafür zu hassen, dass sie nicht als Junge geboren worden war. Und seit zehn Jahren hatte sie die Geschichte von Merlins Wunder nicht mehr gehört. Sie hatte nicht mehr gewagt, ihre Mutter noch einmal darauf anzusprechen. Hatte nicht gewagt, noch einmal laut zu denken, sie wäre ein Wunder. Sie glaubte nicht mehr daran, etwas Gutes zu sein.
Sie war ein genetischer Fehler. Ein magisches Missgeschick.
Und daran war nichts wunderliches mehr.
Sie war nichts Gutes. Und mittlerweile wäre sie nichts lieber als eine gute Sache. Wie wenig es den Erstgeborenen bedeutete, ein Wunschkind zu sein. Sie würde alles dafür geben, wenn ihr jemand mal nicht vorhalten würde, ein Fehler zu sein. Sie war ein Fluch, so sagte ihre Mutter. Erst vor ein paar Wochen hatte sie es gesagt.
Pansy spürte, wie sie wütend wurde. Ihre Mutter hätte ihr nie diesen Scheiß erzählen dürfen, sie sei ein Wunder gewesen. Das war sie zu keiner Zeit gewesen! Und ihre Mutter hatte es selber nicht geglaubt. Sie hätte es lieber gehabt, wenn sie von Anfang als das Schlechte bezeichnet worden wäre. Denn das war sie doch. Zumindest hier in diesem Haus, hier in London. Hier in ihrer Welt. Sie wusste auch nicht, ob es auch noch eine andere Welt gab.
Das würde es jetzt leichter machen. Dann müsste sie in schwachen Momenten nicht denken, sie wäre irgendwann mal erwünscht und richtig gewesen. Dass ihre Mutter ihr so etwas angetan hatte. Es war schlimmer als der lächerliche Gedanke, Draco Malfoy würde sie vielleicht doch lieben und alles zurücklassen, um sie zu bekommen, mit ihr abzuhauen und alle Traditionen in den Wind zu schlagen, weil es ihm egal war, zu welcher Zeit sie geboren ist.
Aber sie kannte ihn zu gut. Draco liebte gar nichts. Vielleicht nur sein Gold.
Mehr unbewusst zog sie den Bauch ein. Sie schüttelte die bösen Gedanken ab. Natürlich gelang es ihr nicht. Wie auch?
Und seit einer Woche kontrollierte ihre Mutter die Elfen, und kein einziger durfte ihr mehr irgendeine Speise auf das Zimmer bringen, die ihre Mutter nicht vorher kontrolliert hatte. Ihr blieb kein Ausweg. Und sie durfte nicht zunehmen, denn sonst würde sich kein Zauberer für sie entscheiden – und dann was? Wurde sie dann verstoßen? Wie Blaises Schwester? Oh, wie hatte sie sich über Teresa lustig gemacht, hatte sie Freak geschimpft und Abschaum, nur weil sie auf Frauen stand. Sie selber hatte schon Dreier gehabt, bei denen sie weitaus mehr getan hatte, als nur die Frau auf den Mund zu küssen.
Aber… damals war alles noch gut gewesen. Jetzt… war sie genauso ein Mädchen, über das die gesamte Reinblüterschaft sprach. Sie war auch eine Teresa Zabini, nur konnte sie nichts dafür! Sie hatte nichts getan, um diese Behandlung zu verdienen. Sie hatte keine Wahl, außer sich zu prostituieren vor alten Witwern, die sich die Lippen danach leckten eine zwanzigjährige Erbin zu heiraten, von der sie jeden Tag einen Blowjob verlangen konnten, weil sie laut Gesetz dazu berechtigt waren. Es waren schließlich Männer.
Sie hatte sich von Draco mit dem Imperius belegen lassen. Oft und gerne. Es gehörte mit zum Spiel. Zu einem von vielen ihrer versauten Spiele. Aber bei den alten Männern? Sie würde darum betteln, dass sie sie mit dem Imperius belegten, denn… sie war hart im nehmen, aber nicht blind!
Bei Draco oder Blaise hatte sie sich das romantisch vorgestellt, sogar spaßig. Bei einem fünfundvierzigjährigen Geschäftskollegen ihres Vaters, der sich mit seinem Vater die Mätressen teilte, da fand sie es eklig. Widerlich und erniedrigend. Sie hatte das nicht verdient! Sie war genauso schön und hatte immer noch denselben reichen Stammbaum, als wäre sie zweitgeboren. Sie begriff die Ungerechtigkeit nicht.
Und sie hatte nie gewusst, wie es sich tatsächlich anfühlte, von der Gesellschaft verurteilt zu werden, für etwas, wofür sie nichts konnte. Für etwas, was sie vor allem nicht einmal ändern konnte. Es war, als hätten ihre Eltern plötzlich entschieden, dass sie nicht mehr ihre Tochter war. Als wäre sie plötzlich… Abschaum, ein Schlammblut oder ein Werwolf. Ein Hauself in ihrem eigenen Haus. Plötzlich war sie nichts mehr wert. Und je mehr Tage vergingen, in denen sie keine Avancen ins Haus bekamen, kein armer Zauberer, der Mitleid mit ihr hatte, umso mehr spürte sie die Kälte ihrer Eltern ihr gegenüber.
Wahrscheinlich hoffte ihr Vater, dass sie von Zuhause abhauen würde, damit er sie öffentlich verstoßen konnte und ihr keinen Sickel mehr zahlen musste, wäre es erst so weit. Sie unterdrückte die Tränen des Selbstmitleids. Sie würde nicht abhauen, weil sie sich so sehr an den Reichtum gewöhnt hatte. Sie würde niemals Draco Malfoy heiraten, so wie sie es früher gewagt hatte, anzunehmen. Ihr Vater hoffte wahrscheinlich, dass sie sich bald am Balken im Dachboden erhängen würde, ging ihr bitter durch den Kopf.
„Pansy, Darling?" Die hohe Stimme ihrer Mutter klang gnadenlos. „Wie sollen dich die Gäste denn bitteschön sehen, wenn du dich versteckst? Komm sofort runter." Und sie wusste, ihre Mutter wollte nur sicher gehen, dass sie nicht heimlich aß. Pansy atmete langsam wieder aus. Aber sie wollte auch gar keine Zuneigung mehr. Nicht mal mehr von ihrer Mutter. Von niemanden mehr.
Sie ging eine Stufe tiefer. Wenn sie Glück hatte, musste sie nur siebenmal in der Woche Sex mit einem alten Sack haben. Noch war sie in der Blüte ihrer Schönheit. Im Glas der Trophäen betrachtete sie ihr Spiegelbild. Hinter dem Glas schimmelte ein Schrumpfkopf eines Hauselfen vor sich hin, während sie bemerkte, wie perfekt ihre Brüste waren. Ihr ganzer Körper war ein Traum. Wieso gewann sie mit ihrem Aussehen nicht mehr? Wann war sie, Pansy Parkinson, dazu übergegangen, irrelevant zu sein?
Sie nahm die nächste Stufe. Wenn Sie Glück hatte, konnte sie sich vor jedem Blowjob so betrinken, dass sie in ihrem betrunkenen Kopf Dracos Schwanz sah, und nicht einen alten, faltigen Penis.
Und noch eine Stufe, bis das Kerzenlicht den Saum ihres Kleides berührte. Wenn Sie Glück hatte, dann wollte sie keiner, und sie lebte einfach in Schande, aber zumindest allein in ihrem eigenen Haus. Sie fühlte sich leer. Und allein. Und vollkommen verlassen von allem, was einmal gut und richtig gewesen war.
„Darling?" Ihre Mutter schenkte ihr einen mahnenden Blick, stieß ihr die Hand in den Rücken und schob sie eilig wieder in den großen Salon. Die Männer warfen Blicke zur Tür, begutachteten ihren Körper, den sie in einem besonders engen Kleid präsentieren musste. Ihr Vater hatte es ihr befohlen, betrachtete sie selber wie ein Stück Vieh, das er möglichst schnell an den erstbesten loswerden musste. Ihr Blick ging starr geradeaus.
Die Damen auf den Portraits, über die sie sich immer heimlich lustig gemacht hatte, wirkten genauso abwesend und unnahbar, wie sie wohl gerade aussehen musste. Sie hatte den Portraits heimlich vorgeworfen, nicht dafür geschaffen zu sein, die Pflichten einer echten Reinblüterin zu tragen. Sie hatte sich vorgemacht, zu wissen, worauf es ankam. Sie hatte geglaubt, sie sei abgebrüht, kalt und berechnend. Ein Wunder.
Jetzt… fühlte sie sich den Damen viel näher. Waren sie vielleicht auch verhasste Töchter? Erstgeborene, die in eine lieblose, zweckmäßige Ehe gezwungen worden waren? Litten sie stumm? So wie sie? Mussten sie für dieses Portrait in ihrem Schmerz still stehen, während sie genau wussten, dass erst der Tod sie von ihrem bitteren Schicksal entlassen würde?
Sie schluckte erneut.
„Wenn du nicht lächelst, wird sich keiner interessieren", flüsterte ihre Mutter, mit falscher Fröhlichkeit, die beinahe eisig klang. Und mit aller Macht zog sie die Mundwinkel nach oben. Sie wusste nicht, ob es funktionierte. Aber sie wusste, es war unerheblich. Jeder Mann hier, mit Halbglatze und dickem Bauch, sah ihr überall hin. Nur nicht in ihr Gesicht. Sie starrten auf ihren Busen, ihren Po, ihre Beine – sie dachten nur daran, wie nett es wäre eine junge Frau zu besitzen, die ihnen nichts verweigern durfte.
Sie bereute den Tag, an dem sie Gregory im Gemeinschaftsraum ausgelacht hatte, weil er es gewagt hatte, ihr eine Valentinsrose zu schenken. Sie erinnerte sich, wie sie die Rose in das Feuer des Kamins geworfen hatte, damit sie vor seinen Augen verbrannte. Wie verletzt er ausgesehen hatte, weil sie ihm gesagt hatte, sie würde niemals einen so fetten und dummen Loser an ihren perfekten Körper ranlassen. Mittlerweile war sogar Gregory Goyle mehr als nur eine annehmbare Alternative. Aber er war ein erstgeborener Sohn und durfte nicht unter seinem Stand heiraten.
Und… sie war mittlerweile unter fast jedem Stand. Wäre es nicht ihr Leben und für immer ihr tragisches Schicksal, dann hätte sie wahrscheinlich gelacht.
Sie griff sich stattdessen ein Glas des siebenhundert Galleonen teuren Champagners, den ihr Vater extra bestellt hatte, und hoffte, der Alkohol wirkte schnell. Vor allem, weil sie ja nichts hatte essen dürfen, um in das Kleid zu passen.
„Wenn ich bitten darf", grinste sie ein Zauberer mit Hasenscharte an, und reichte ihr eine schwer beringte Hand. Sie konnte die Falten auf dem Handrücken kaum zählen. Wenn er schon auf der Hand so viele Falten hatte, dann würde sein Schwanz nicht anders aussehen, sagte sie sich verzweifelt und leerte eilig das Glas.
Bitte, bitte Alkohol, wirk doch und erlös mich von meinem Leid, flehte sie stumm und ergriff die kalte Hand des Mannes, der ihr eigener Vater hätte sein können. All die alten Witwer starrten sie, zogen sie mit den Blicken aus, und zum ersten Mal fühlte sie sich nicht wohl dabei, ihren Körper zu präsentieren.
Der Mann brachte sie nahe an sich. Sie roch sein Altherrenparfüm und schloss die Augen, als sie seine Hand auf ihrem Hintern spürte. Dieser Abend sollte vorbei gehen. Ihr Leben sollte endlich vorbeigehen.
Sie hatte doch schon längst aufgegeben.
