Kapitel 6

Geister

Der Raum schien kleiner und auf einmal war ihm heißer als zuvor.

„Gibt es ein Problem?", mischte er sich betont gleichmütig ein, und der Alkohol tränkte seine Stimme in sehr tiefe Farben. Sie erkannte ihn und schien ihn ungefähr genauso gerne zu sehen, wie Phineas Black.

„Diese Prostituierte behauptet, ich-"

„Sie meinen Ms Granger?", vergewisserte er sich laut, und wie ein Fisch schnappte Black ein paarmal nach Luft.

Granger?", wiederholte er und war damit ganz klar aus der Bahn geworfen. Und er schien abzuwägen, ob er ein Wort wie Schlammblut äußern konnte, oder ob die Geschichten über die Hexe Hermine Granger wirklich zutrafen, die sie als begabteste Hexe dieser Zeit betitelten.

„Ich brauche deine Hilfe nicht!", schaffte sie, unglaublich zornig zu sagen. Sie war also nicht betrunken. Fühlte er Bedauern oder Erleichterung? Er war sich nicht sicher. Wahrscheinlich war es besser, weil sie dann nicht so etwas Unsinniges tun würde, wie den Vorsitzenden ihrer Vereinigung vor das Ministeriumsgericht zu ziehen.

„Malfoy, sind Sie vertraut mit… dieser Frau?", fragte Black stattdessen, und Draco konnte nicht schnell genug den Kopf schütteln.

„Gewiss nicht. Ich verkehre nicht mit Menschen ihrer Schicht, Phineas. Das ist Ihnen doch hoffentlich klar", fügte er mit Nachdruck hinzu. Er konnte sich das Gesicht seiner Mutter ausmalen, würde Phineas Black das beim nächsten Treffen zum Besten geben.

„Schicht? Oh, du bist ein Arschloch, Malfoy. Und ich bin keine Prostituierte. Alleine für diese Äußerung könnte ich-"

„Aber das wirst du nicht!", befahl er mit Nachdruck und ergriff tatsächlich ihren Oberarm. Er zog sie mit sich, während ihn mehrere Gedanken überhäuften.

Sie ist Abschaum, Schlamm, verflucht, du wirst sterben, fasst du sie an! Sie ist unter deiner Würde! Schlamm überträgt sich! Ausschlag auf der Haut! Krankheiten…!

Es wunderte ihn nicht, dass nichts davon zutraf. Wie gesagt, Vorurteile wirkten eine bestimmte Zeitlang. Wenn sich ein Mädchen, das Abschaum war, auszog bis auf den BH und zeigte, dass sie zwar Abschaum, aber verflucht fantastischer Abschaum, war, verwischten manche Grenzen einfach.

„Lass mich bloß los, du-!"

Aber auf dem Flur hatte er ihren Arm bereits fahren lassen.

„Was wird das? Verfolgst du mich? Waren es dir ein paar Millionen zu wenig? Vielleicht ist es nicht unbedingt klug, dich mit dem Vorsitzenden unseres Clubs anzulegen!", fuhr er sie an, denn einen Skandal, in dem der Name Granger und der Name Malfoy vorkamen, waren das Aus für den Status.

„Vorsitzenden? Oh, ich dachte Voldemort sei tot", spuckte sie ihm entgegen und strich sich über die Schilffransen ihres Rocks, der mehr enthüllte als er verbarg. Hastig bedeckte Draco seine Augen mit seiner Hand, rieb sich seine Schläfen und musste noch eben verarbeiten, dass er tatsächlich aufgestanden, tatsächlich zu ihr gegangen und sie tatsächlich angefasst hatte! Ein Mädchen, dem er in seinem Leben nicht viel mehr Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, wie einer Bediensteten in seinem Haus.

Er! Angefasst! Sie!

„Witzig warst du noch nie", entgegnete er, ruhiger als zuvor. So. Nichts weiter war passiert. „Am besten geht ihr", fügte er hinzu.

„Wir haben genauso ein Recht hier zu sein, wie jeder andere, strunzdämliche Todesser, der hier sonst so rumläuft."

„Ach so, ich verstehe. Du willst unbedingt in Umgebung ehemaliger Todesser sein?", erwiderte er scharf und musterte sie.

„Solltest du nicht drinnen sitzen, deine Millionen zählen und deine Prinzessin unterdrücken? Ist das nicht das, was ihr tut? Gold zählen und Frauen unter eurer Würde behandeln?"

„Wir Todesser meinst du?", vergewisserte er sich harsch. Und sie nickte bitter.

„Ja. Ihr Todesser!"

Gut. Das lief ja wirklich ausgezeichnet. Dieser Tag würde als Höhepunkt seines Sommers in seinem imaginären Tagebuch auf Platz drei laden. Platz eins und zwei belegten Lucius' grandiose Momente des Versagens, wenn er es Narzissa heimzahlen wollte und am Ende doch als Verlierer dastand.

„Noch bin ich nicht verheiratet", erklärte er.

Was? Noch war er nicht verheiratet? Was sollte das jetzt rechtfertigen? Dass er Frauen nicht unter seiner Würde behandelte? Natürlich tat er das. Gerne und vielzählig.

„Gut für deine Frau. Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich bin hergekommen, um Spaß zu haben!", erklärte sie würdevoll. Ihre Brüste sahen verflucht fantastisch aus, in diesem Bikini. Rot stand ihr gut, scheiß Schlammblut.

„In einem Reinblüter-Club? Ich glaube, das ist eher dein Todesurteil, Granger."

„Nein, es ist deins!", gab sie zornig zurück und wollte in den Saal zurückgehen.

„Was?", fragte er tatsächlich, denn er glaubte, begriffen zu haben. Und dass er sich in den letzten Tagen Gedanken über genau diesen Punkt gemacht hatte, störte ihn jetzt. Sie hatte gefälligst ihre eigenen Sorgen zu meistern. Sie sollte sich nicht anmaßen, zu glauben, über ihn urteilen zu können!

Sie wandte sich ungeduldig wieder um – und schüttelte benommen den Kopf. Es war, als würde sie aufwachen. Und panisch schlug sie die Hand vor den Mund. Plötzlich war sie merklich still geworden. Und plötzlich schien sie den Wunsch zu verspüren, ihre Blöße zu bedecken. Sie überkreuzte die Arme, in einem armseligen Versuch, ihre Brüste zu bedecken. Es war ziemlich aussichtslos, denn das würde sie nicht schaffen.

„Geh. Einfach." Das waren die Worte, die jetzt recht karg ihren Mund verließen.

Drinnen hörte er die Mädchen lachen.

Wieso – Salazar noch mal – stand er hier draußen mit ihr?! Was war in den letzten fünf Minuten in ihn gefahren? Warum war er aufgestanden?

„Hör auf, mich anzustarren!", fuhr sie ihn an. Und das würde er verflucht gerne. Wirklich!

Und er entschied sich für die weiseste Entscheidung.

Er beherrschte sich. Alles weitere, was er hatte sagen wollen, was er hatte klar stellen wollen, was er eigentlich sagen wollte, damit sie sich wie Abschaum fühlte – der sie war -, ging unter.

Er wusste, jedes weitere Wort war gefährlich. Und nicht nur das. Jedes weitere Wort, wäre zu viel. Er heiratete bald. Er war erwachsen und hatte Pflichten zu übernehmen. Und jedes Wort, das er mit einem Schlammblut wechselte, war ein Wort zu viel. Er sah es als Waagschale. Und jedes ihrer Worte schien doppelt so viel zu wiegen wie seine.

Es war nicht so, dass er ihre Ansichten teilte. Sie waren hier keine Todesser. Sie waren lediglich noch traditionsbewusst. Und das nicht, weil sie an alte Ideologien des Blutes glaubten, sondern weil sie ihr Vermögen zu schützen hatten.

Es ging hier nicht mehr um Schulstreitereien. Und er wusste, seine Eltern konnten es nicht bewerkstelligen, sich zivilisiert zu verhalten. Aber einer musste es nun mal. Er musste es nun mal schaffen, keinen Skandal zu verursachen. Und nur, weil sie ihm keine Punkte mehr abziehen konnte, bedeutete es nicht, dass er alles sagen durfte. Das durfte er nämlich nicht mehr! Und jetzt wären seine Worte nicht nur in jugendlichem Hass getränkt – nein. Denn jetzt fand er seine schwierigen Grenzen, in denen er das Schlammblut mit etwas Attraktivem verband.

Und für ihn – anscheinend gerade für ihn – schien das eine besonders gefährliche Mischung zu sein.

Er hob also seine Mundwinkel. Er gönnte sich noch einen letzten Blick auf ihre gebräunte Haut, den flachen Bauch, die einladenden Rundungen, die seine Prinzessin hoffentlich auch aufweisen würde – und er hoffte auf das Beste. Er hielt nichts von Karma. Oder Schicksal.

Er könnte seiner Frau befehlen, ab und an mit ihm zu streiten. Es schien seine Geister zu erwecken.

Seine Geister. Nichts weiter.

Er atmete ruhig aus, als er ging. Schritt um Schritt in Richtung Ausgang. Sollte Blaise Lavender Brown vögeln. Salazar bewahre ihn davor, dass er auch so einen Fehler machen würde. Denn er jagte aus Spaß. Aus ehrlichem Spaß.

Er musste sagen, er hielt nichts von One-Night-Stands. Wenn er sich ein Mädchen suchte, dann für mehrere Runden. Und wenn sein trunkener Geist wohlwollend Grangers Kurven betrachtete, dann war das gefährlich genug.

Das war weit genug. Weiter als hierhin musste er wirklich nicht gehen.

Jeder weitere Schritt wäre absolut dumm. Lucius-dumm. Und diesen Fehler würde er von sich weisen. Seine Geister waren alarmbereit aufgewacht. Und jetzt war er unangenehm wach, ging ihm auf.

„Mir ist so schlecht", jammerte Ginny hilflos, während sie den Kopf auf Hermines Schreibtisch sinken ließ. „Dieses Zeug von Luna war nicht nur gut für die Stimmung, es hat den Alkohol komplett ausgeblendet. Sag mal, warst du wirklich mit Draco Malfoy weg?"

Hermine hob gereizt den Blick.

„Hast du nicht eigentlich zu arbeiten?", fuhr Hermine sie schärfer als beabsichtigt an.

„Au, nicht so laut. Du bist genauso gemein wie Harry."

„Das liegt vielleicht daran, dass ich nicht so viel getrunken, und mit ehemaligen Todessern Tango im Hula-Rock getanzt habe!"

„Einige waren sehr nett."

„Keiner war sehr nett!"

„Da frag mal Lavender", widersprach sie augenzwinkernd.

„Oh, richtig. Lavender hat Blaise Zabini in den Waschräumen geküsst. Sie ist doch wohl komplett bescheuert! Was denkt sie? Dass sie einen Reinblüter küsst und jetzt Chancen hat, dass er sie heiratet? Weiß sie nicht, dass er längst versprochen ist? Wieso hat sie das überhaupt gemacht?" Hermine konnte sich über diese Sache noch ihn hundert Jahren aufregen, das wusste sie.

„Lavender sagt, du hättest dasselbe auch getan", merkte Ginny an.

„Was? Mit wem? Mit Draco Malfoy? Aber Lavender war schon immer verrückt!", brauste sie auf.

„Du warst mit ihm draußen", beteuerte Ginny wieder.

„Oh, erzähl das bloß keinem! Und erzähl bloß keinem, dass wir tatsächlich in Hula-Röcken und BHs im Black Crown waren!", fuhr Hermine verzweifelt fort. „Ich fasse es nicht, dass du mich dazu überredet hast!"

„Was? Wieso? Es ist doch nichts passiert. Das hast du doch gerade gesagt!", beschwerte sich Ginny, die sich wieder den Kopf halten musste.

„Nein! Es ist genug passiert, Merlin noch mal! Ich habe Phineas Black II angeschrien! Ich habe ihm angedroht, Probleme im Ministerium zu bekommen."

„Ja und? Er war ein Schwein."

„Er bezahlt diese Abteilung hier!"

„Ja, aber doch nur, damit ihn niemand bemängeln kann", widersprach Ginny wehleidig.

„Ja und? Das ist egal!", schrie er Hermine, und Ginnys Kopf sank auf die Tischplatte zurück. „Mr Black zahlt die Hälfte meines Gehalts. Ich war froh, ihn bisher nie gesehen zu haben und innerhalb von fünf Minuten drohe ich ihm Strafverfolgung an!"

„Du weißt doch, wo du arbeitest! Du sagst doch selbst, hier laufen mehr Todesser als normale Menschen rum", murmelte Ginny gegen das Holz der Tischplatte.

„Ja, das sage ich dir! Doch nicht den Todessern, die hier sind! Wäre dieser dämliche Malfoy nicht gekommen – oh, und jetzt muss ich ihm auch noch dafür dankbar sein!"

Auch noch? Für was denn noch?", flüsterte Ginny tonlos.

„Was? Nein, ich meine… jetzt muss ich gerade ihm dafür dankbar sein."

„Na, vielleicht nicht. Vielleicht lässt dich Black ja feuern", lachte Ginny schmerzerfüllt.

„Ha ha. Witzig. Und Luna werde ich umbringen. Oder nein. George werde ich umbringen! Seine Hemmungen zu verlieren ist nichts Schönes!"

„Beruhige dich. Und hör auf zu schreien. Es ist nichts passiert. Wir haben alle überlebt. Was hast du jetzt auf dem Flur getan? Hätte mich ja nicht gewundert, hätte er das gleiche mit dir gemacht, wie Zabini mit Lavender. Sie schwört übrigens, es war der beste Kuss ihres Lebens", fügte Ginny hinzu und hob den Kopf langsam wieder.

„Ginny, Draco Malfoy nennt mich ein Schlammblut."

„Na und? Das tun doch alle diese möchte-gern-Bösewichte. Aber sobald sie einen hübschen Körper sehen, vergessen sie, dass sie eigentlich Vorurteile hatten." Ginny verzog den Mund, und langsam sank ihr Kopf wieder zurück. „Mir ist schlecht", erklärte sie schluchzend.

„Ja. Das geschieht dir auch recht!"

Malfoy hatte sie stehen gelassen. Er hatte gar nichts getan. Er hatte sie aufgehalten, sich um ihren Job zu faseln, und er hatte sie stehen gelassen.

Nachdem sie ihm einigen Stunden früher mehrere Millionen Galleonen weggenommen hatte.

Eigentlich… war er einer der netteren Menschen gestern gewesen. Einer der netteren unter hundert Teufeln! Aber eigentlich nahm sie auch an, dass ein Malfoy nichts aus einem positiven Anreiz heraus tat. Er war auch nur ein Teufel! Er war einer ihrer besonders schlechten Geister.

Aber die Chancen standen nicht unbedingt hoch, dass sie noch einmal in einem Hula-Rock und Unterwäsche in ihn hineinstolpern würde. Nein. Und sie glaubte auch nicht, dass sie halbnackt auch nur den kleinsten Effekt auf ihn gehabt hatte.

„Gutsaeraus", nuschelte Ginny unverständlich.

„Was?" Hermine betrachtete den Wust roter Haare auf ihrem Schreibtisch.

„Gut. Sah. Er. Aus", wiederholte Ginny lauter.

„Malfoy?", vergewisserte sich Hermine jetzt.

„Nein, Phineas Black. Sicher, Malfoy."

„Er ist ein Todesser, Ginny", berichtigte Hermine ihre Freundin konsterniert.

„Ich sage ja nicht, dass man ihn heiraten oder tolerieren muss. Ich sage nur, dass er gut aussah." Hermine beschloss, weiter zu arbeiten und nicht mehr über peinliche Abende und dumme Aktionen nachzudenken.