Kapitel 7

From Boys to Men

„Dominanz. Überlegenheit. Autorität."

Nach einem lauten Knall erschienen die Wörter an der Marmorplatte an der Wand. Bedrohlich schimmerten die grünen Worte nun vor ihnen. Die jungen Männer sahen sich alle knapp an. Draco hatte sich zurückgelehnt. Blaise ließ seine Feder vor sich schweben.

„Meine Herren, das sind die wichtigen Punkte. Das sind die einzigen Punkte, die für Sie überhaupt von Wichtigkeit sind. Sie sind die neue Generation. Sie haben jetzt die Macht." Wenn Draco noch einmal so eine Stunde über sich ergehen lassen musste, würde er einschlafen.

Und Goyle neben ihm schrieb fleißig mit.

„Gregory, du wirst nicht geprüft. Du bist reich, schon vergessen?", murmelte er, aber Goyle wandte nicht den Blick von der Marmorplatte, als birge sie noch irgendwelche weiteren Wahrheiten. Wenn sie überhaupt so etwas tat.

Es herrschte andächtige Stille. Jedenfalls nahm das wohl der Mann vor ihnen an. Draco hielt die Stille eher für schläfrig. Mit einer Bewegung hatte sich der Mann zu ihm umgewandt.

„Mr Malfoy", begann er gedehnt, wütend, dass Draco ihn gestört hatte. Er wusste, die Kommission würde es direkt an seine Eltern weiterleiten, fiele er hier unangenehm auf. Nicht, dass es ihn störte, aber eigentlich wollte er mit seinen Eltern nicht mehr als nötig sprechen. „Sagen Sie, haben Sie sich schon ein passendes Bekenntnis überlegt?", erkundigte sich der Mann, der sich Duke van Dyle nannte. Gut, er war ein Duke. Aber ein Duke eines winzig kleinen Besitzes, hätte ebenso gut ein Bauer sein können, fand Draco.

Und Salazar, nein, er hatte noch kein Bekenntnis. Das war noch so eine Sache. Nicht nur, dass eine überreiche Zeremonie erfolgen musste, um das reine Blut zu zelebrieren, nein. Dazu musste jeder neue Anwärter der Vereinigung ein Bekenntnis ablegen. Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern, gegenüber der Kommission, der Vereinigung, der Tradition. Und er nahm grimmig an, dass Goyle bereits Seiten verfasst hatte, um seiner Familie zu danken.

Ihn persönlich befielen Beklemmungen, wenn er daran dachte, dass seine beiden Eltern zusammen in einem Saal sitzen würden, und er ihnen vor versammelter Gesellschaft Dank zu zollen hatte. Er war Schulsprecher gewesen. Er hatte keine Angst vor Hunderten von Leuten zu sprechen. Könnte er seine Eltern beleidigen und der Vereinigung vorwerfen, altmodisch und lächerlich zu sein, dann würde er Spaß dabei empfinden. Aber so?

Es war nur wieder ein weiterer Zwang.

„Nein, Sir", rief er ungeniert durch den Raum, den das Vereinigungshaus stellte. Das Vereinigungshaus zeigte Ähnlichkeiten zum Black Crown, nur dass es hier bedauerlicherweise keinen Alkohol gab, der es erträglich machen würde. Zumindest gab es keinen Alkohol, wenn die Vorbereitungsstunden gehalten wurden.

„Nun, ich bin sicher, bei Ihrer Geschichte und Verbindungen und den Möglichkeiten, die sich Ihnen nun auftun, werden Sie eine Menge Dinge finden, für die Sie Dankbarkeit zeigen können, nicht wahr?" Der Duke sah es wohl als unglaublich Beleidigung an, dass er noch kein Bekenntnis verfasst hatte. Er wusste nicht mal, zu was er sich bekennen sollte!

„Sicher", gab Draco zurück und verzichtete auf das gebotene Sir.

Ein Fehler.

„Sagen Sie, Mr Malfoy, weshalb ist Dominanz so wichtig?" Draco stöhnte innerlich auf. Blaise neben ihm versteckte sein feixendes Gesicht, und Goyle setzte die Feder auf das Pergament, um mitzuschreiben. Draco verdrehte die Augen.

„Dominanz bedeutet Macht. Die reinblütige Gesellschaft demonstriert Dominanz im Angesicht des Besitzes und ihrer Stellung. Ohne Dominanz verlieren wir die Position, die uns in der Gesellschaft jede Tür offen stehen lässt", erklärte er indigniert und zitierte damit eine Passage aus dem heiligen Reinblüter Gesetz, das unerklärlicherweise nur noch hier ans Tageslicht gezerrt wurde. Goyle schrieb so hastig mit, als bekäme er es bezahlt.

„Fahren wir fort", bemerkte der Duke. Er war eine Spur ärgerlich. Draco hatte leider seine Frage beantworten können. Er wusste, er verhielt sich nicht unbedingt dankbar, dabei sollte er es unbedingt sein.

„Gregory, sind da nackte Hexen auf deinem Pergament?", bemerkte Draco spöttisch, und jetzt hob Goyle tatsächlich den Blick. Verwirrt sah er ihn an und blickte dann wieder auf sein Pergament. Verblüfft schüttelte er den Kopf.

„Was? Nein, wieso?", flüsterte er jetzt. Ein Hauch tiefer Röte zierte seine ohnehin roten Wangen.

„Weil ich noch nie jemanden so gebannt auf ein Blatt Pergament habe starren sehen", erwiderte Draco grinsend. Und nach einer kleinen Weile begriff Goyle. Er verzog den Mund und lachte nicht. Wahrscheinlich beging Draco nämlich Gesellschaftsbeleidigung, weil er nicht still war und jedem Wort gebannt lauschte.

Und wieder erntete er einen bösen Blick.

„Mr Malfoy", knurrte der Duke wieder. Und dieses Mal war Blaise mehr als amüsiert und tarnte sein Lachen als Husten, als der Duke näher kam.

„Sir?", erwiderte Draco und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

„Wie wäre es, wenn Sie uns an Ihren spannenden Bemerkungen teilhaben lassen würden. Sie scheinen ein reges Mitteilungsbedürfnis zu haben." Oh, nur zu gerne würde er das tun!

„Ich habe Mr Goyle hier darauf hingewiesen, dass die Vereinigung bereits vor sechshundert Jahren die drei goldenen Prinzipien entworfen hatte", erklärte er grinsend.

„Das haben Sie?", vergewisserte sich der Duke, und alle wussten, dass er das wohl nicht getan hatte. Der Duke mit eingeschlossen.

„Oh ja, Sir", betonte Draco fröhlich. Blaise täuschte einen weiteren Hustenanfall vor.

„Mr Zabini, würden Sie sich wohler fühlen, wenn ich einen Reizstopp-Zauber ausführen würde?" Blaise riss sich zusammen, räusperte sich ein letztes Mal und schüttelte den Kopf.

„Nein, Duke van Dyle", erklärte er ernst.

„Dann fahren wir fort. Keine Unterbrechengen mehr!", fügte er streng hinzu. „Mr Malfoy", ergänzte er lauter.

„Oh nein, Sir. Bestimmt nicht", bestätigte Draco nickend. Er würde noch einschlafen. Das Licht fiel dämmrig durch die schweren Brokatvorhänge. Das Parkett glänzte und das Mosaik im Holz zeigte die blühende Rose, das Zeichen der Vereinigung der Reinblüter. Bücherregale reihten sich an den Wänden, und hätten sie solche bequemen Sessel in Hogwarts gehabt, dann wäre der Unterricht gemütlicher gewesen, überlegte er.

Neben ihm räusperte sie Goyle sehr leise. Er wandte den Blick. Goyle deutete auf einen zusammengefalteten Zettel vor ihm. Mit erhobener Braue faltete Draco ihn unauffällig auseinander. Und es überraschte ihn, dass Goyle überhaupt noch irgendwas Vereinigungsunabhängiges schreiben konnte.

Wie geht es Pansy?

Als ob er es wüsste! Er hatte keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, seit ihrem Abschluss. Das war eine Weile her. Vielleicht hatte er sie letztes Jahr gesehen, auf irgendeiner Feier der Reinblüter. Er zuckte also offensichtlich die Achseln. Goyle sah ihn an wie ein geprügelter Hund. Draco unterdrückte ein gereiztes Stöhnen, strich sich die Haare zurück und griff einfach nach Blaises Feder, die immer noch ein Stück über dem schwarzen Mahagonitisch schwebte.

Nicht mit ihr gesprochen.

Er schob Goyle den Zettel zu. Hastig schrieb dieser zurück. Draco am sich vor wie in Verwandlung.

Hat sie jemanden?

Draco schrieb nur zu gern zurück, denn diese Neuigkeiten waren verflucht bittersüß.

Demetrius Rackharrow-Potter.

Hiernach stand Goyles Mund offen. Draco nickte.

„Ist das nicht verflucht genial? Ich bin sicher, Potter freut sich darüber, eine neue Stieftante zu bekommen", erklärte er grinsend.

„Mr Malfoy!", dröhnte die Stimme des Dukes erneut zu ihnen hinüber. Und dieses Mal verschluckte sich Blaise an seinem Lachen. Goyle lief knallrot an und beugte sich tief über seine Aufzeichnungen. „Sie werden jetzt nach vorne komme und den Vortrag über die Wichtigkeit der Wahrung des Blutstatus halten! Na los, kommen Sie!"

Jetzt bekam er den Ärger, den Goyle verdiente. Das würde er ihm noch vorhalten. Seufzend erhob er sich. Das würde jetzt lustig werden….

„Du solltest deine Haare schneiden lassen. Sie werden furchtbar lang, und du siehst schon genauso aus, wie dein Vater!" Und bei Merlin, er wusste, das war kein Kompliment! Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, strich die Strähnen zurück und mochte, dass seine Haare ihm in die Augen fielen, wenn er sie nach vorne schüttelte. Schon alleine, weil es Narzissa nervte.

„Und wie schwer ist es, einmal nicht aus der Reihe zu fallen, Draco? Könntest du nicht wenigstens ein einziges Mal tun, was von dir verlangt wird, ohne einen Aufstand anzuzetteln?" Narzissa betrachtete ihn missgünstig. Draco zerschnitt das Steak gereizt. Weshalb seine Mutter überhaupt mit an einem Tisch saß, war ihm unerklärlich.

„Wieso lässt du ihn nicht einfach in Ruhe? Haben die Elfen heute frei, oder weshalb hast du das unbeständige Bedürfnis deinen Teil meines Hauses zu verlassen?" Lucius war ebenfalls in den Esssalon gekommen und legte Draco einen Brief neben den Teller.

Was war das hier? King's Cross? Er warf seine Gabel zornig auf den Teller.

„Dein Haus? Es ist immer dein Haus, dein Eigentum, deins, deins, deins!", schrie Narzissa. „Dein Sohn hat sich wieder einmal ungebührlich in der Zeremonie-Vorbereitung verhalten! Es wäre wirklich beruhigend, wenn zumindest ein einziges Mal einer der Malfoy Männer kein verfluchtes Gespött aus sich machen würde!", fügte sie zornig hinzu und verließ das Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten. Lucius schüttelte knapp den Kopf, als wäre Narzissa gerade nur eine Erscheinung gewesen und nicht weiter von Wichtigkeit.

„Draco, du-"

„Nein. Ich muss gar nichts! Denkst du wirklich diese Sache ist einfach vorbei? Denkst du, mir ist nicht völlig klar, dass du mich und Narzissa auf Grundeis hast laufen lassen?"

„Draco, ich bitte dich!"

„Nein! Was auch immer es ist, du kannst es selber lösen!" Er nahm die Gabel wieder in die Hand, ohne überhaupt noch Hunger zu verspüren.

„Gringotts stellt einen solch großen Betrag nicht den Kobolden zur Verfügung. Es gab wohl Probleme früher", erklärte er, als hätte Draco nichts gesagt. „Der Scheck muss persönlich übergeben werden", fuhr er fort.

„Weißt du, du hast einige Nerven, das von mir-"

„Du hast doch die Sache mit Ms Granger verhandelt. Es geht nur noch um den lächerlichen Scheck. Du willst doch deinen vollen Erbteil, oder irre ich mich?" Draco hätte kotzen können.

„Du willst mich wirklich erpressen?"

Aber eigentlich war er schon so gut wie überzeugt. Wusste Salazar, wieso! Sein Vater zog den Scheck aus dem Umschlag.

„Bring ihn in die Abteilung. Und dann verschwindest du wieder. Sprich mit keinem, leg dich nicht mit Granger an – und verflucht noch mal, werd erwachsen und bring diese Vorbereitung mit Würde hinter dich! Ich habe es schließlich auch geschafft", fügte sein Vater hinzu. „Ich habe keine Lust, Narzissa wieder Vorlagen zu bieten, nur weil du dich wie ein kleiner Junge benimmst!" Sein Vater war erbärmlich. Aber er war genauso erbärmlich. Sein Hunger war komplett verschwunden, als er den Scheck betrachtete, den er nun ins Ministerium bringen sollte.

„Das sollte ein guter Test für dich sein", erklärte sein Vater.

„Test?", fragte Draco tatsächlich, denn er hatte kurz vergessen, dass er seinen Vater eigentlich für zu erbärmlich hielt, um mit ihm zu sprechen.

„Phineas hat mich im Club darauf angesprochen, dass du mit Ms Granger im Flur verschwunden bist." Fuck. Alle wussten immer verdammt noch mal alles, in ihrer dämlichen Gesellschaft! Es würde ihn nicht wundern, würden sie alle magisch überwacht werden.

„Das ist Unsinn!", begann er aufgebracht.

„Natürlich ist es das. Und wenn du schon im Ministerium bist, sieh dich an deinem Arbeitsplatz um. Es zeugt von Respekt und Höflichkeit es zu tun." Damit verschwand sein Vater. Draco hasste es, wenn Lucius das letzte Wort behielt.

Vielleicht war es sowas wie ein Test. Aber das musste es nicht sein. Er musste nicht mit ihr sprechen. Es war nicht nötig und nicht angebracht. Aber es war mal etwas Abwechslung in seinem Alltag. Mit dem Duke zu streiten, mit seinen Eltern zu streiten, die Elfen anzuschreien – das war alles schön und gut.

Aber außenstehende – nicht Reinblüter – zu treffen, das war etwas Aufregendes. Es war erfrischend. Und manchmal beneidete er all die, die nicht unter dem Zwang lebten, eine scheiß Zeremonie über sich ergehen zu lassen.

Er plante ein sensationelles Bekenntnis, in dem er seinen Eltern wirklich sagen würde, was er von ihnen hielt. Das wäre wenigstens mal etwas Originelles.

Und auch seinen Arbeitsplatz anzusehen war so… geplant. Organisiert. Es gab keine Überraschungen. Er kannte das Ministerium. Er kannte seine Aufgaben. Er hatte eine Ausbildung hierfür gemacht. Er wusste, worum es ging. Es war mehr eine Beaufsichtigende Tätigkeit. Er musste gar nichts machen, was er nicht wollte. Er konnte sich so viele Assistenten besorgen, wie er wollte, die seine Aufgaben erledigten.

Aber schön. Er würde sich sein verdammtes Büro angucken. Er würde Granger den verdammten Scheck bringen.

Er würde den Teufel tun, und Lucius das Vergnügen bereiten, auch nur irgendeinen Test zu versagen. Er würde seinen Eltern zeigen, um wie viel besser er war als sie. Seine Eltern waren nur erbärmlich. Er hörte Türen schlagen. Dann schrie seine Mutter. Dann sein Vater.

Er fragte sich, wann er eine Familie haben würde. Es lohnte sich nur deshalb, weil er dann seine Ferien weit weg von diesen erbärmlichen Personen verbringen konnte.

Am besten das ganze Jahr über. Oh ja! Das wäre eine gute Vorstellung.