Kapitel 9

Lust & Last

Im Flur lehnte er an der Wand. Sein Puls brach Rekorde. Gut, er hatte jeden Test verloren. Weshalb er sie beleidigt hatte? Keine Ahnung. Es war ein Hochgefühl gewesen. Jedes seiner Worte war ihm immer schneller über die Lippen gekommen. Er hatte sehen wollen, wie sie ihn immer mehr verabscheute! Hatte sich nicht aufhalten können!

Und es war ein verdammter Fehler gewesen. Und er hatte noch weiter machen wollen! Selbst als sie ihren verdammten Zauberstab auf ihn gerichtet hatte! Selbst dann! Er hatte fast schon seine Erektion gespürt, Salazar noch mal!

Er war krank. Sie hatte recht. Er war völlig wahnsinnig geworden! Es war so, als wäre es dringend notwendig gewesen, dass er weiter gesprochen hatte, dass er sie provoziert hatte. Hätte sie ihn doch verflucht! Hätte sie doch! Von keinem sonst konnte er hier Ungehorsam erwarten! Nicht von seinen Angestellten, nicht von seiner Zukünftigen Frau, nicht von seinen Vorgesetzen! Anscheinend aber von Granger.

Und das war wieder einmal der Punkt, wo es gefährlich wurde!

Er durfte – er durfte – kein Schlammblut beleidigen! Es bedeutete ihm nicht mal etwas. Dass es ihr so viel ausmachte, das war der verdammte Kick gewesen! Potter gesehen zu haben, gehört zu haben, wie sich Granger über seine Zeremonie aufregte, das hatte auch nicht gerade zu seiner Ruhe beigetragen. Er hasste Potter. Er hasste die Reinblüter so wie Granger sie hasste, nur aus anderen Gründen. Granger war neidisch. Und es machte ihn unglaublich an, ihren Hass zu spüren.

Und das war schlecht. Das war Lucius. Er war Lucius. Manchmal. Nur bereitete es ihm Vergnügen. Er rief es hervor. Diesen Blick voller Abscheu. Diesen Blick voller Ekel und Hass. Sie fühlte es so stark, dass er Hermine „das Gehirn" Granger dazu bringen konnte, ihre Rationalität aufzugeben, um den Zauberstab zu ziehen.

Fuck! Er hätte sich niemals so gehen lassen dürfen! Was war aus seinem Plan geworden, gar nichts zu sagen?

Der hatte sich schon zerschlagen, als er Lucius zugestimmt hatte, den Scheck zu überbringen. Er musste sich nicht selber belügen, um das herauszufinden. So hatte er seit Jahren nicht gefühlt. Es war verflucht aufregend, fast befreiend, gewesen. Das war etwas, was er niemals hätte vorher planen können.

Das einzige, was ihn störte, war, dass er jetzt noch wusste, wie sie ausgesehen hatte. Was sie angehabt hatte, und wie ihre Haare über ihre Schulter geflogen sind, als sie den Zauberstab gezogen hatte. Er war schon öfter von ihr bedroht worden.

Damals hatte er es… lächerlich gefunden. Arrogant und vielleicht sexy von ihr. Vielleicht. Aber es hatte nie die Wirkung gehabt, die es jetzt auf ihn hatte. Es war… toxisch.

Und absolut tödlich, bedachte er, wer er war und was er zu tun hatte.

Ok. Er würde keine albernen Spiele mehr spielen. Schon gar nicht mehr mit dem verdammten Feuer!

Und er hatte schon keine Lust mehr, seinen Arbeitsplatz anzusehen. Er kannte ihn. Er wollte gehen. Er war zu aufgewühlt. Er hatte dringende Lust auf Sex. Jetzt!

„Mr Malfoy?"

Fuck.

„Großartig, Sie hier zu sehen! Sie kommen bestimmt, um Ihr Büro einzurichten. Alle Ideen können Sie direkt an Ihre Sekretärin weitergeben. Was machen Sie hier in dieser Abteilung?" Er hatte den Namen des Zauberers vergessen. Aber er hatte eine Sekretärin? War sie unter Umständen zwanzig, brünett und willig? Dann würde er vielleicht doch noch ein, zwei Minuten bleiben….

„Ich hatte geschäftlich hier zu tun", wich er der Frage aus. „Ich habe auch nicht viel Zeit. Wo ist diese Sekretärin. Ich habe tatsächlich einige Ideen", erklärte er vage, richtete den Umhang und folgte dem Zauberer, der eifrig weiter nach oben deutete.

Ja, seine Ideen waren eher weniger einer dekorativen Natur. Es sei denn, es wäre dekorativ, seine Sekretärin nackt auf seinen Schreibtisch zu werfen.

Sie fuhren nach oben. Je höher das Stockwerk, umso mehr Gehalt am Ende des Monats. Das war es, was er wusste. Das einzige, was er wissen musste. Der Fahrstuhl hielt eine Etage unter seiner. Eine Frau trat ein. Eine Frau, die er seit zwei Jahren nicht mehr wirklich gesehen hatte. Ihre Schuhe waren schwarz und hoch. Die Naht ihrer Strumpfhose saß hinten. Das Kleid, was sie trug hätte eines der Kleider aus der Garderobe seiner Mutter sein können. Zu schade, dass das nicht seine Sekretärin war.

Pansy trug einen weitkrempigen Hut. Er war ebenfalls schwarz. Ein weißes Band aus Seide war um den Rand gewickelt, ehe er in die weite Krempe fiel. Ihre Haare waren lang geworden, stellte er fest. Fast so lang wie Grangers fielen sie über Pansys Rücken. Nur ohne jede Locke. Ohne jeden Makel. Das Kleid war hoch geschlossen, war aber von Schulter zu Schulter aufgeschnitten, so dass keine Träger zu erkennen waren. Er wusste aber, Pansy war noch nie eine Frau gewesen, die BHs besonders praktisch oder schick gefunden hatte.

Ihre Brüste waren groß genug. Groß genug, wie Grangers.

Salazar, verflucht! Hör auf, Draco!

Noch hatte Pansy ihn nicht erkannt. Ihr Blick war auf ihre Hände gerichtet, die ihre weißen Seidenhandschuhe kneteten. Anscheinend war sie wütend. Sie war alleine unterwegs. Das war wohl schon zu viel für sie. Sie sah schön aus, aber Pansy war auch nie hässlich gewesen. Wenn Draco richtig schätzte, hatte sie etwas um die Hüften zugenommen. Es sah nicht schlecht aus.

„Hallo Pansy", begrüßte er sie schließlich, als der Fahrstuhl schon wieder begonnen hatte, hoch zu fahren. Sie hob erschrocken den Blick. Ihre feindliche Fassade fiel in der Sekunde, als sie ihn erkannte.

„Draco!", rief sie tonlos. Der Zauberer, der ihn führte warf Pansy einen anerkennenden, eher scheuen Blick zu. „Du hier?", fügte sie hinzu und reichte ihm ihre Hand. Pansy hatte noch nie viel davon gehalten, darauf zu warten, dass ihr jemand die Tür offen hielt, ihr einen Gefallen tat oder von sich aus ihre Hand nahm. Pansy war schnell, vorlaut und furchtlos. Und das hatte sie damals zu seiner Königin gemacht. Die Zeiten änderten sich schnell, stellte er fest.

„Ich sehe mich um. Schließlich werde ich hier arbeiten. Was tust du hier? Allein?" Es klang wie Salz in einer Suppe der Beleidigungen. Aber sie würde es ihm nicht übel nehmen. Er wusste so viel.

„Namensabteilung"

„Dann steigen Sie mit uns zusammen aus", unterbrach der Zauberer ihn, ehe er etwas sagen konnte. Es war unschwer zu erkennen, dass er Pansy leiden konnte. Aber sie war auch nichts Unbekömmliches fürs Auge. Ganz und gar nicht. Sie war nur eben… eine Schande. Das war alles.

„Für was?" Draco konnte ahnen, für was. Aber er wollte es hören.

„Damit ich den Namen meines Ehemannes annehmen kann", erklärte sie offen. Zum Teil, weil sie nie Angst hatte. Zum Teil, weil sie immer noch hochnäsig genug war, nicht mit einem armen Assistenten anzubandeln.

Die Türen öffneten sich.

„Danke, von hier aus schaffe ich es allein", erklärte Draco. Der Zauberer wirkte enttäuscht. Sehr enttäuscht, ließ sie aber allein. „Muss demütigend sein", fuhr er langsam fort, grub die Hände in die Taschen seines Umhangs und ließ sie nicht aus den Augen. Sie lächelte kühl.

„So ist es eben." Draco wusste nicht, was konkret anders war. Aber irgendetwas war anders.

„Du wirst Potter heißen", fuhr er grinsend fort.

„Nein. Ich werde Rackharrow-Potter heißen. Mit Glück", fügte sie hinzu. Draco gefiel nicht wie sie sprach. Und ihm gefiel erst recht nicht, dass sie es als Glück bezeichnete Potter zu heißen!

„Ich habe deinen Neffen gerade sogar getroffen. Er sah… abgerissen aus."

„Ich bezweifel, dass Harry Potter als Leiter der Aurorenabteilung jemals abgerissen aussehen könnte", wagte sie zu sagen und schritt weiter den Flur entlang.

„Was? Sicher, wenn man auf verbrannte Umhänge und Narben steht, sicher."

„Ja. Wer tut das nicht?"

„Was ist los?" Er hatte sie am Arm festgehalten. Sie sah ihn nicht an, löste ihren Arm sanft, aber bestimmt aus seinem Griff und hob sehr anmutig den Blick. Anmutiger als er es ihr jemals zugetraut hatte.

„Draco, ich habe einen Termin. Und ich möchte ungern zu spät kommen. Die Einladungen sollten unterwegs sein, und du solltest sie bis zum Ende der Woche erhalten haben. Ich heirate später als du. Also, vielleicht schaffst du es, vorbeizuschauen." Sein Mund klappte langsam auf. Pansy gab ihm den Laufpass? Pansy schob ihn ab? Pansy? Pansy, die ihn immer vergötterte hatte? Den Boden angebetet hatte, auf dem er jeden seiner Schritte tat? Die Pansy, wies ihn ab? Ließ ihn stehen? Um zu betteln, Potter zu heißen?

Er hasste es – und ja…

Er hatte es fast vergessen. Er heiratete ja. Fuck. Wieso hatte er das wieder verdrängt?

Und plötzlich begriff er, weshalb Pansy anders war. Sie war nicht anders. Sie hatte sich lediglich gefügt. Wie alle seine Freunde.

„Pansy, wir-"

„Ich muss wirklich gehen", erklärte sie nun ziemlich hastig. „Es war sehr schön, dich gesehen zu haben. Grüß die anderen. Du siehst sie wahrscheinlich bei den Vorbereitungsstunden?"

„Ja, ich-"

„Wiedersehen, Draco." Sie hatte sich abgewandt, ehe er noch überhaupt einen Satz beenden konnte. Seine Hoffnungen auf einen schnellen Blowjob zerschlugen sich in derselben Sekunde. Er starrte ihr nach. Seiner Pansy, die auf einmal… schreckliche Ähnlichkeiten mit ihrer Mutter entwickelt hatte. Mit seiner Mutter. Mit allen Müttern, die er aus der Gesellschaft kannte.

Er fuhr sich durch die wilden Haare, die er sich wohl in den letzten fünf Minuten zu oft gerauft hatte. Was war nur los mit allen? Er wandte sich um und erschrak sich beinahe.

Lord Draco L. Malfoy

Das Lord erschrak ihn nicht besonders. Alle in der Abteilungen trugen diesen Titel. Er war Ziel der Abschlussprüfung gewesen, die er im Sommer abgelegt hatte. Es war sozusagen seine Berufsbezeichnung. Sein Büro war natürlich leer. Wer sollte sonst dort sein. Die Tür war lediglich angelehnt.

Und als er den weiten Raum betrat sank seine Laune noch um ein weiteres Stück.

Fuck, fuck, fuck.

„Kann ich Ihnen helfen?", erkundigte sich eine Frau, die eine blickdichte Strumpfhose, flache Pumps, eine Strickjacke, eine Hornbrille und einen Dutt trug. Oh, und sie war ungefähr hundertundfünf!

„Nein. Ich bin Draco Malfoy. Und bisher habe ich nie Hilfe gebraucht", fügte er hinzu, betrachtete den dunklen Schreibtisch und wusste nicht einmal, wofür er einen Schreibtisch brauchte. Seine Sekretärin war eine Schildkröte

„Mein Name ist Cadogan. Isabel Cadogan. Ich werde Ihre Sekretärin sein, Mr Malfoy. In dieser Abteilung bin ich unter mehreren Lords tätig", fuhr sie mit Reibeisenstimme fort. Und das bezweifelte Draco doch sehr stark. Diese Frau war bestimmt noch unter überhaupt keinem Mann tätig gewesen!

„Miss oder Misses?", fragte er deshalb. Und tatsächlich lächelte die Frau. Sie deutete mit dieser Geste eine Schönheit an, die wohl aber leider schon seit Jahrzehnten vergangen sein musste, fiel ihm auf. Ihre einst wohl dunklen Haare waren überwiegend mit Grau durchzogen. Und sie wirkte unheimlich streng. Selbst, wenn sie lächelte.

„Dasselbe hat mich Ihr Vater schon gefragt, als er hier angefangen hat", bemerkte seine Sekretärin. „Und ja. Miss Cadogan", bestätigte sie. Das war also auch die Sekretärin seines Vaters gewesen. Großartig. „Ich bin sicher, wir werden uns gut verstehen, Mr Malfoy." Er wusste nicht, ob das stimmte. „Ein paar Dinge vorweg", fuhr sie geschäftiger fort. Er ging zu seinem Schreibtisch und versuchte sich damit abzufinden, dass er wohl heute keinen Sex im Ministerium bekommen würde.

„Ich weiß, Sie sind Reinblüter und erwarten eine besondere Behandlung." Er hatte keine Lust auf eine weitere Ansprache. Er setzte sich auf den Ledersessel und legte die Beine vor sich auf den Schreibtisch. „Bei mir gibt es keine Sonderbehandlung, Mr Malfoy. Wenn Sie Kaffee möchten, werden Sie ihn sich selber kochen. Wenn Sie einen Fall bearbeiten wollen, bearbeiten Sie ihn selber. Wenn Ihnen das zu viel ist, werden Sie das tun, was Ihr Vater getan hat und eher einen stillen Posten beziehen. Ich werde Ihnen nichts hinterher tragen.

Ich dulde keine Beleidigungen gegen Muggel oder andere."

Er fühlte sich eigentümlich an die Schulzeit erinnert. „Und machen Sie Kratzer auf Ihren Tisch, werden Sie sie selbst entfernen. Entweder, Sie fügen sich diesen Bedingungen, oder Sie gehen den Weg Ihres Vaters."

„Wer bezahlt Sie?", fragte er also ruhiger.

„Das Ministerium, Mr Malfoy." Er lächelte jetzt.

„Und wer denken Sie, bezahlt das Ministerium?", fuhr er weiter fort und lehnte sich zurück.

„Möchten Sie, dass ich sage: Sie, Sir?", vergewisserte sie sich, und kurz runzelte sich seine Stirn. „Ich weiß, Sie haben allesamt Probleme mit Disziplin und Gehorsam. Ich bin allerdings nicht ihre Sklavin, Mr Malfoy. Ich habe Rechte. Und das wichtige ist, ich kenne alle meine Rechte." Er war nicht in der Stimmung, zu verhandeln oder weiter zu streiten.

„Anscheinend haben Sie Ihre Erfahrungen gemacht", bemerkte er bitter. Sie lächelte wieder recht geheimnisvoll. Er glaubte auch, eine andere Person als diese kalte, bittere, befehlsgewohnte Person, würde nicht lange in so einer Abteilung aushalten. Und er war absolut überzeugt von sich und seiner Zukunft. Also tat er, was er tun musste, um offensichtliche Fehler zu vermeiden. Es war ein weiterer Test. Er verstand.

„Ich kenne Menschen wie Sie." Und diese Aussage hasste er mehr als alles andere.

„Nein, ich glaube nicht. Sie kennen mich nicht. Sie haben noch nie jemanden wie mich kennen gelernt." Sie lächelte immer noch.

„Schulsprecher, Jahrgangsbester, zukünftig reichster Mann der Stadt? Von sich überzeugt und weltgewandt? Mit der Überzeugung, jede Hürde zu nehmen und so erfolgreich zu sein, dass niemand wagt, sich gegen ihn zu stellen? Glauben Sie mir, Mr Malfoy, ich kenne Sie bereits."

„Ich bin nicht mein Vater." Er fühlte sich gehalten, diese Worte laut zu sagen. Er wusste nicht, warum. Er wusste nicht, warum er nicht das Bedürfnis verspürte, diese Person zu feuern. Ob es hier überhaupt jemand verspürte? Seine Fehler vorgehalten zu bekommen, wenn sie im Club waren, als Masse, das war einfach. Dann brach man einen Streit vom Zaun, drohte rechtliche Verfolgung an und betrank sich haltlos. Aber allein, in seinem Büro, wo niemand sonst hören konnte, was vor sich ging, machten manche Sachen Sinn.

„Wenn Sie das sagen."

Und unwillig nahm er die Füße vom Tisch. Widerwillig setzte er sich gerade hin.

„Was haben Sie für mich?" Und darauf schien sie nicht vorbereitet gewesen zu sein.

„Für… Sie?", wiederholte sie etwas aus der Bahn geworfen.

„Meine Name steht doch bestimmt nicht nur aus Prestigegründen auf der hübschen goldenen Plakette an der Tür, oder Miss Cadogan?", verlangte er höflich zu wissen und lächelte auch. „Mir scheint, Sie erledigen hier viel zu viel. Also… was kann ich tun? Oder verweigern Sie auch diesen Arbeitsschritt?" Er legte den Ring ab, zog die Handschuhe und danach den Umhang aus.

Sie sah ihn an. „Sie wollen… arbeiten?", vergewisserte sie sich. „Sie stehen noch nicht einmal offiziell auf der Gehaltsliste, Mr Malfoy. Erst nach der Hochzeit können Sie-"

„Miss Cadogan, mein Name steht an der Tür. Das Gehalt ist… eine nette, kleine Zusatzsumme im Jahr, auf die ich nicht angewiesen bin. Entweder ich gehe jetzt und komme nicht mehr wieder, denn bei allem Respekt, Sie machen es hier nicht schmackhaft für niemanden – oder…" Er zeigte ihr all seine weißen Zähne, „Sie geben mir Arbeit."

Und sie schien seine Herausforderung anzunehmen.

„Gern, Mr Malfoy", sagte sie, ging zu einem silbernen Aktenschrank und tippte mit dem Zauberstab gegen das Schloss. Draco wusste nicht einmal genau, was er überhaupt zu tun hatte. Er wusste, es hatte etwas mit Gold zu tun. Etwas mit Macht. Etwas… - was machte sein Vater noch mal beruflich?!

Gespannt wartete er, zeigte seine Neugierde aber nicht. Lucius würde ihn umbringen, würde er erfahren, dass Draco tatsächlich am Schreibtisch saß, um mit der gemeinen Bevölkerung zu arbeiten! Er wusste selber nicht, was in ihn gefahren war!

Die Akte, die seine Sekretärin hervorzog wirkte alt. Und sie war dick.

„Was ist das? Eine Prüfung?", erkundigte er sich bitter, als er die erste Seite aufschlug. Das Datum lag einige Jahre zurück, fiel ihm auf. Sie antwortete nicht.

„Wenn Sie mich entschuldigen, Sir", fügte sie hinzu und ließ ihn allein. Er grub die Zähne in die Unterlippe, als er die erste Zeile las.

Im Namen des Ministeriums für Hexerei und Zauberei, des ehrenwerten Ministers Duffy, ergeht folgende Schrift: Weasley v. Lestrange

Sein Mund verzog sich kurz. Das hatte diese verdammte Schildkröte doch mit voller Absicht getan. Seine Augen überflogen die Punkte. Es war ein Dokument über den Mord an seiner Tante. Anscheinend ging es bei diesen Akten um Fällen von Todessern gegen Gewaltakte.

Und was jetzt? Anscheinend musste er das tun, was er gelernt hatte. Schadenskontrolle, hatten sie in seiner Ausbildung genannt. Gezuckert hatten sie diese Erklärung!

Falls sie jemals in die Entscheidungsmacht darüber kämen, wie ein Fall in den Akten zu bewerten sein sollte, bei dem es um Strafe, Gold oder Verfolgung ging, waren sie in der überlegenerem Position als Nachfahre oder Berechtigter zu entscheiden, was geschehen sollte.

Eigentlich saß er hier, um den Reinblütern den Weg einfacher zu machen. Er durfte die Scheiße aus dem Weg räumen, an der alle Todesser selber schuld gewesen waren. Würde er entscheiden, den Weasleys eine Klage einzuräumen, dann würde er gleichzeitig darauf abstellen müssen, dass seine Tante eine Todesserin gewesen war, die Longbottoms fürs Leben ruiniert hatte und zahllos viele Schlammblüter und Zauberer umgebracht hatte.

Es lief darauf hinaus, dass niemand wegen irgendwas verfolgt wurde, er als ausgebildeter Reinblüter eine Erklärung dazu abgab, warum manche Menschen nicht mit Strafe belastet werden sollten, und dann wäre die Sache vorbei.

Nur weil seine Tante bereits seit einigen Jahren tot war, bedeutete es nicht, dass die Familie nicht an Konsequenzen zu leiden hatte. Eigentlich… eigentlich müsste er einsehen, dass seine Tante ein verdammtes Miststück gewesen war, und ihre Familie durchaus verdiente, die Last und die Schulden daran zu tragen, dass sie ein schlechter Mensch gewesen war.

Aber das war wohl der entscheidende Punkt: Er musste nicht.

Er konnte… den Mord an seiner Tante sogar gegen die Weasleys gelten lassen.

Was würde Lucius tun?

Lucius würde den Rechtsmagiern Bescheid geben, eine große Sache im Ministerium anzetteln, damit Molly Weasley vorgeladen, bestraft und für eine Sonderstrafe nach Askaban kommen würde. Notwehr, Berechtigung und das gute Recht völlig außer Acht gelassen. Das war die Magie eines Reinblüters im Ministerium.

Ja. Das würde Lucius tun.

Er holte seine Reisefeder aus dem Umhang. Seine Mundwinkel zuckten kurz, als er zum ersten Mal in seinem Büro etwas tatsächlich Erhebliches tat….