Kapitel 12

Freier Tag

Ihr fiel erst jetzt auf, dass er keine Anstalten machte, zu gehen. Und sie wusste nicht, was es bedeutete. Beinahe vorsichtig bewegte er sich in ihrem Haus. Oder dem Haus ihrer Eltern. Er lächelte manchmal, wenn er ein Bild näher in Augenschein nahm. Er hatte gesagt, ihm gefiel, dass sich die Leute nicht bewegten. Dann konnte man sie näher ins Auge fassen.

Ihr war das noch nicht aufgefallen. Sie versuchte das Haus mit seinen Augen zu sehen, aber sie scheiterte.

„Und? Keine Panik mehr?", fragte sie schließlich, damit sie nicht einfach schweigend am Esstisch saßen. Sein Blick war aus dem Fenster geglitten. Es war das Fenster zum Vorgarten, und die Straße lag nur wenige Meter entfernt, so dass er ständig sehen konnte, wenn ein Radfahrer oder ein Spaziergänger vorbei kam.

„Panik?", wiederholte er jetzt.

„Du weißt schon. Dein Sohn, deine Hochzeit…?", sagte sie unwirsch. Er nickte langsam.

„Jetzt gerade? Nein. Keine Panik." Sein Blick fiel auf die Standuhr in der Ecke. „Vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber nicht mal das wirklich." Sie folgte seinem Blick verwirrt.

„Hat das was mit der Uhrzeit zu tun?"

„Nun ja. Es ist zwölf. Das bedeutet, meine Vorbereitungsstunde hat jetzt angefangen." Sie sah ihn verwundert an.

„Vorbereitung? Auf was?"

„Aber, Ms Granger… darauf, ein Reinblüter zu sein, natürlich", erklärte er grinsend, mit wenig überzeugtem Ernst. Er war… anders, fiel ihr auf. Fast nett. Lag es daran, dass er in einem Muggelhaus war? Und nicht gehen wollte?

„Aha. Dafür brauchst du noch Stunden?" Sie wusste nicht, ob es witzig oder furchtbar war.

„Natürlich. Dominanz, Überlegenheit und Autorität lernt man schließlich nicht unterwegs auf der Straße", informierte er sie mit erhobenen Brauen.

„Nein, natürlich nicht." Er lehnte sich zurück und betrachtete sie.

„Du… arbeitest entweder sehr spät oder du hast verpasst, zu gehen", fiel ihm schließlich auf.

Sie hatte irgendwie gehofft, dass es nicht zur Sprache käme. Aber jetzt… war es anscheinend soweit.

„Ich… muss heute nicht arbeiten", erklärte sie knapp.

„Was? Du musst nicht arbeiten? Seit wann ist das bei dir etwas, was du musst? Du bist doch scheinbar nicht aufzuhalten, in deiner Abteilung. Zu viele böse Todesser laufen doch frei rum!" Er machte sich tatsächlich lustig. „Man müsste dich schon festbinden, damit du nicht gehst, oder? Kein Vertrauensschülertreffen verpasst. Keine andere Note als ein Ohnegleichen für Ms Granger", fuhr er grinsend fort.

„Und du willst nicht langsam gehen?", erwiderte sie böse. Sein Grinsen schwächte ab.

„Du hast dir frei genommen?", vergewisserte er sich jetzt und sein Blick durchleuchtete sie.

„Nein."

„Dann hast du freitags immer frei?", mutmaßte er und nippte an seinem dritten Tee.

Sie atmete gereizt aus, wandte den Blick ab, und nach einer Weile sah sie ihn wieder an.

„Ok, ich hab mir frei genommen." Sie hasste es, Dinge zugeben zu müssen, die sie nicht unbedingt zugeben musste. Und er wirkte ziemlich zufrieden.

„Für mich?", fragte er dreister weise, und ihr Mund öffnete sich.

„Nein!", widersprach sie heftig. „Malfoy, ich meine es ernst. Anscheinend geht es dir wieder gut. Und du musst zu deiner Reinblüter-Stunde und…"

„Und du hast Angst vor mir?", vermutete er, während er jetzt die Tasse leerte.

„Nein. Ich habe keine Angst. Ich denke nur… ich mag dich nicht. Und eigentlich sollten wir keine Zeit zusammen verbringen. Ich meine, das willst du doch auch nicht, richtig? Ein Todesser und ein Schlammblut? Das verringert bestimmt dein Vermögen, richtig?" Er lächelte wieder.

„Nein, tut es nicht. Es ist bereits so gut wie mein Vermögen. Absolut gar nichts kann passieren, damit ich arm werde." Er schien darüber nachzudenken, und es gefiel ihm wohl, dass er für immer reich sein würde. Sie mochte ihn nicht. Wieder mal nicht.

„Hast du eigentlich einen Freund?", fragte er schließlich, und ihr Mund öffnete sich überrascht.

„Was?" Sie starrte ihn an. „Das fragst du mich nicht wirklich, oder?"

„Ich nehme an, wenn ja, dann steht es nicht im Propheten. Meine ganze Lebensgeschichte kann man nachlesen. Also gibt es nichts, was du über mich nicht wissen könntest", erklärte er lapidar.

„Ich will auch gar nichts wissen, Malfoy! Und ich werde dir nichts über mich erzählen!", fuhr sie ihn an. Er lehnte sich wieder entspannt zurück.

„Du hast mich gestern mit in dein Haus genommen, nimmst dir den Tag für mich frei, willst mit aber keine Fragen beantworten?"

„Erst mal hab ich mir nicht für dich freigenommen, und dann haben wir nichts gemeinsam, und ich muss dir gar nichts beantworten!" Sie sah ihn entgeistert an. Was wollte er? Mit ihr sprechen? Wieso?!

„Jungfrau also?", vermutete er grinsend. Wieder öffnete sich ihr Mund. Diesmal mehr als schockiert. Sie erhob sich eilig.

„Du solltest gehen!", sagte sie also.

„War das ein Ja?", wollte er wissen und erhob sich immerhin.

„Was? Nein!"

„Also nein?", lachte er jetzt, und er verwirrte sie mehr, wenn er sie nicht beleidigte wie sonst, wenn er es tat.

„Nein, Malfoy! Hör auf, mir Fragen zu stellen. Unsere gemeinsame Zeit ist jetzt vorbei", erklärte sie und deutete auf den Flur.

„Hm. Du hast einen freien Tag – ich hab immer freie Tage", bemerkte er knapp.

„Malfoy, was soll das?" Er zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung. Muss alles immer einen Sinn bei dir ergeben?"

„Wenn es mit einem Todesser zusammenhängt, ja!", fuhr sie ihn an. Sie dachte kurz an gestern Abend, wo sie ihm sein teures Hemd ausgezogen hatte und feststellen musste, dass das Mal zur Hälfte einfach verschwunden war. Es war so, als würde die Vergangenheit sich auflösen, egal, wie genau sie ihr noch im Gedächtnis blieb. Sie konnte gar nichts dagegen tun, dass die Zeit alles verwischte.

„Wir arbeiten zusammen", sagte er schließlich.

„Nein. Wir arbeiten lediglich im Ministerium. Und du arbeitest sechs Stockwerke über mir. Das bedeutet, wir müssten uns in hundert Jahren nicht über den Weg laufen!" Sie begriff nicht, warum er sie nicht schon längst angeschrien hatte. Wieso er immer noch hier war!

Und sie wusste auch nicht, weshalb sie heute Morgen über Floh im Ministerium abgesagt hatte. „Und…", fuhr sie böse fort, „du musst nicht mal arbeiten! Du machst es aus Spaß!"

„Oh ja. Gold zu verschenken macht riesigen Spaß", entfuhr es ihm bitter.

„Was? Ihr seid alle selber schuld! Wenn ihr nicht ständig Menschen foltern und umbringen würdet, müsstet ihr kein kompliziertes Verschleierungssystem entwickeln, um unbeschadet rauszukommen!" Jetzt schien er kurz seine Gelassenheit zu verlieren.

„Ich will überhaupt nicht unbeschadet rauskommen!", wiederholte er böse. „Ich stehe für die Scheiße ein, ok?"

„Wieso?", wollte sie ungläubig wissen. Sie traute ihm nicht! Gar nicht! „Aus welchem Grund, Malfoy?"

„Oh, fick dich, Granger!", rief er plötzlich. „Weißt du was, es war eine blöde Idee herzukommen!", erklärte er.

„Du bist überhaupt nicht hergekommen. Ich habe dich mitgenommen!" Er wandte sich wieder um, als er schon gegangen war.

„Ja, das war auch eine ziemlich bescheuerte Idee von dir!", schnappte er. Entrüstet öffnete sich ihr Mund. „Was soll das überhaupt? Du scheinst mehr Freude dabei zu empfinden, mich anzuschreien und zu verurteilen als mir zu helfen. Das musst du ja im Licht des Tages unheimlich bereuen, richtig?", knurrte er und schritt in den anderen Flur.

„Wohin gehst du?", fuhr sie ihn an und kam hinter ihm her.

„So gern ich meinen Zauberstab hierlassen würde, um hier rauszukommen, kann ich es nicht!", rief er zornig und öffnete die falsche Tür. Er öffnete ihre Tür.

„Malfoy!", entfuhr es ihr böse. Schon stand er in ihrem Zimmer. Ein Moment, den sie nicht erleben wollte. Sie hatte ihn eingeholt. „Genug gesehen? Raus!", erklärte sie jetzt. Aber er sagte nichts mehr. Er betrachtete die Wand aus ihrer Kindheit, die sie noch nicht verändert hatte. Der goldene Gryffindorlöwe hing als Flagge an ihrer Pinnwand. Er betrat ihr Zimmer, ohne Aufforderung. Die sie ihm niemals erteilt hätte! „Malfoy!", wiederholte sie ärgerlich.

Seine Finger fuhren über ihren Schreibtisch, hoch zu der Pinnwand.

„ .R.", flüsterte er, und sie sah ihn grinsen, als sein Finger über den vergilbten Anstecker fuhr.

„Malfoy", wiederholte sie, nicht ganz so streng. Dann fuhr sein Zeigefinger über die gestreifte Krawatte. Gold und rot. Er nahm das silberne V in die Hand. Sie wusste, er hatte denselben Anstecker auch gehabt. Er grinste wieder. Seine Hand sank, als er ein Foto betrachtete. Sie und Ron und Harry im Schnee vor den Ländereien des Schlosses. Daneben ein Foto ihrer Eltern, vor den Toren von Hogwarts. Sie und Ginny in Hogsmeade vor dem Honigtopf.

Und ein Foto, wo sie gerade zehn Jahre alt war. Es waren ihre ersten Winterferien gewesen, nachdem sie in Hogwarts aufgenommen worden war. Und sie lächelte fröhlich in die Kamera. Dann schmunzelte er über eine Autogrammkarte von Gilderoy Lockhart, die an den Ecken schon fransig geworden war. Damals hatte sie wohl so etwas Ähnliches wie eine Verliebtheit für diesen Mann gehabt. Damals.

„Malfoy", sagte sie wieder, aber er bewegte sich nicht. Er hob die Hand und löste einen Pinn.

„Aufsatz über die Verwandlung zwischen Mensch und Tier – Fortgeschrittener Animagus", las er euphorisch. „Ohnegleichen, natürlich", fügte er hinzu, als er zur letzten Seite blätterte.

„Und? Welches Tier bist du?", erkundigte er sich.

„Man wird immer zu seinem Patronus", erklärte sie eine Spur bitter und vergaß, dass sie nicht hatte mit ihm sprechen wollen.

„Und deiner ist…?" Er grinste, als sie nichts sagte. „Also etwas unpassendes?" Er lachte jetzt.

„Oh, halt die Klappe!" Sie entzog ihm den Aufsatz.

„Rate meinen", verlangte er ruhig. Sie sah ihn an.

„Du bist ein Animagus? Die Prüfung erfordert-"

„Was? Was denkst du, was sie erfordert, was ich nicht besitze? Ich sagte dir schon, es gibt nichts, was ich nicht habe. Nichts, was ich nicht kann", erklärte er leise.

„Das stimmt nicht."

„Was kann ich nicht?", wollte er überlegen wissen. Gut, er konnte zaubern, Gold verdienen, eine Prinzessin heiraten. Er…. – Sie sah ihn schließlich an.

„Du kannst keine einzige Entscheidung für dich treffen. Du kannst nicht spontan sein und tun, was du tun möchtest."

„Ich bin nicht zur Vorbereitung gegangen!", sagte er eilig. Sie legte den Kopf schräg und hob eine Augenbraue, so wie es er manchmal tat.

„Oh wow. Na klar, das zählt jetzt als Maß für außerordentliche Spontanität, Malfoy", bemerkte sie knapp. Er schien verstimmt zu sein.

„Schade, dass du so ein dämliches, armes und unverbesserliches Schlammblut sein musst", informierte er sie kühl. „Ansonsten könnte es vielleicht sogar Spaß machen, Zeit mit dir zu verbringen."

„Ich kann darauf verzichten, dass du Spaß hast", gab sie wütend zurück. „Und es ist auch schade, dass du nicht damit umgehen kannst, dass ich Recht habe und dass dein Leben-"

„Was?", wollte er wieder wissen, als er plötzlich sehr nahe vor ihr stand. Sie legte den Kopf überrascht in den Nacken und hatte nur ihren Schreibtisch hinter sich.

„Mich… einzuschüchtern macht dich auch nicht besser, Malfoy", sagte sie jetzt stockend.

„Mein Leben ist perfekt!", verbesserte er sie eisig.

„Ja", gab sie überlegen zurück. „Deswegen verbringst du deinen Tag auch mit mir, richtig? Dem letzten Menschen auf der Welt, bei dem du sein willst. Gib es einfach zu. Dein Leben ist nicht so großartig, wenn du deine Zeit bei einem Schlammblut verbringst. Niemand kann dich leiden. Deine Freunde nicht. Deine Eltern wohl anscheinend erst recht nicht. Und mir kommt es so vor, als könntest du dich nicht mal selber besonders gut leiden!" Er sah sie wieder an. Ernst. Unbewegt. Er schien sie zu bewerten, ihre Worte zu beurteilen. Ihr Gesicht in seine Erinnerung zu brennen.

„Du irrst dich", sagte er nur.

„Ja? Dann geht es nicht nur darum, dich bis zu deinem eigenen Todesurteil abzulenken?" Und wieder kam es ihr so vor, als läge sie richtig. Als hätte sie ihn begriffen.

Und er lächelte schließlich wieder.

„Es ist nicht so, dass einer von uns eine Wahl hat. Wir fügen uns alle irgendwann unserem Schicksal. Ich glaube, auch du lenkst dich ab. Du verfolgst böse Magier, erlässt Strafen, die du am liebsten vor Jahren schon hättest erlassen wollen. Du hasst alle Reinblüter, weil sie eben das sind, was sie sind. Deine Freunde heiraten, und du wohnst noch Zuhause." Ihr Mund öffnete sich langsam. „Und es dauert eine Weile, aber dann siehst auch du, in deiner Schlammblut-Welt, dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann. Dass die Welt nicht voller unbegrenzter Möglichkeiten steckt, nur weil man doch kein langweiliges Muggelleben führen muss, weil man dank eines Gendefekts doch zaubern kann. Es sieht aus wie ein Märchenbuch für dich. Aber du spielst eben keine Hauptrolle in deinem langweiligen Märchen. Das wirst du begreifen, und dann wird es leichter, das zu tun, was ohnehin von dir erwartet wird."

Und völlig entrüstet schüttelte sie den Kopf.

„Und manche brauchen noch Jahre, um es zu begreifen", er nickte ihr zu, „manche müssen es schneller begreifen." Damit meinte er wohl sich selbst. Das war doch wohl das letzte!

„Du… du… du bist selber ein Gendefekt, du Arschloch!" Und hatte sie damit gerechnet, dass er sich streiten würde, dann hatte sie falsch gelegen.

„Ich weiß. Im Gegensatz zu dir, habe ich es aber schon begriffen, Granger."

„Ich bin kein Gendefekt, Malfoy", knurrte sie schließlich. „Ist dir vielleicht auch nur einmal der Gedanke gekommen, dass eure ganze Reinblüterscheiße kompletter Blödsinn ist? Dass ihr stolz auf genau die falschen Eigenschaften seid?" Sie konnte nicht fassen, dass sie sich in ihrem Zimmer mit Draco Malfoy darüber stritt, wer wo seinen Platz in der Gesellschaft hatte!

„Nein", erklärte er stolz. Und sie stieß ihm zornig vor die Brust.

„Nein?", wiederholte sie lachend. „Natürlich! Deswegen hast du gestern auch eine Panikattacke bekommen, richtig? Das war reine Bestätigung dafür, dass du vollkommen zufrieden bist, mit deinem Leben und deiner Zukunft und deinem geplanten Tod, nachdem dein Sohn seinen rechtmäßigen Platz im Beklopppten-Regime eingenommen hat!", fuhr sie ihn an.

„Granger", begann er drohend, aber sie schüttelte den Kopf.

„Und dafür, dass du die Schlammblüter-Welt hasst, hältst du dich ziemlich lange hier auf!"

„Du bist keine Jungfrau mehr, richtig?", riss er sie völlig aus ihren Bahnen, und sie starrte ihn wieder an.

„Malfoy, du-"

„Man merkt es. In Hogwarts habe ich es nicht bemerkt", fuhr er fort und betrachtete sie wieder.

„Es geht dich nichts an!", sagte sie fassungslos. Er schien wieder völlig vom Thema abzukommen.

„Überlegst du, wie es ist mit mir zu schlafen?", fragte er jetzt offen, und sie konnte nicht anders, als ihn völlig entgeistert anzustarren.

„Was?", piepste sie schockiert, und er hob eine Braue.

„Denkst du darüber nach?"

„Nein! Natürlich nicht! Warum sollte ich darüber nachdenken wollen? Weißt du, wer du bist?"

„Ja, sicher weiß ich das." Er sagte das, als wäre es das selbstverständlichste überhaupt.

„Dann… ist dir klar, weshalb ich niemals darüber nachdenken würde!"

„Ich denke darüber nach." Sie schüttelte nur wieder den Kopf.

„Nein. Nein, nein, nein!", sagte sie nur. „Wir reden darüber nicht! Du solltest darüber nicht reden. Bekommst du nicht lebenslange Haft oder einen Penisfluch verpasst, oder sowas?"

„Weil du ein Schlammblut bist?", wollte er amüsiert wissen. Und tatsächlich tat das Wort jetzt wieder weh. Sie wandte sich kopfschüttelnd ab und verließ ihr eigenes Zimmer, so wütend war sie. Er folgte ihr. Natürlich.

„Malfoy-"

„Hey!" Er hatte sie am Arm festgehalten. „Ich glaube, du reizt mich", sagte er schließlich.

„Was?", flüsterte sie völlig fassungslos und machte sich von ihm los. „Schön für dich."

„Granger, ich darf Mätressen haben", erklärte er.

„Malfoy, du scheinst nicht zu begreifen, dass das niemals eine Option sein wird."

„Warum nicht?" Er schien das wirklich diskutieren zu wollen. Er schien tatsächlich zu glauben, dass er jede haben könnte.

… Draco Malfoy wollte sie!

Sie schüttelte wieder den Kopf.

„Weil du verrückt bist", erklärte sie.

„Du siehst ziemlich akzeptabel aus. Du bist klug. Und klug genug, es niemandem zu sagen. Du dürftest nur nicht schwanger werden", fuhr er fort, während er sie immer noch abschätzend betrachtete, als suche er nach Fehlern.

„Draco!", schrie sie jetzt. „Das mag dir schwer fallen, aber: Ich will dich nicht. Wir werden niemals – niemals – miteinander schlafen!" Allein, dass sie die Worte überhaupt sagen musste.

„Es müsste natürlich irgendwo sein, wo niemand-" Sie hatte ihn am Kragen gepackt.

„Du hörst mir nicht zu!", schrie sie außer sich. „ICH WILL DICH NICHT!"

Und er runzelte langsam die Stirn.

„Was?", fragte er schließlich. „Was soll das heißen?"

Sie würde noch durchdrehen. „Das heißt, dass ich dich nicht will."

„Du willst mich nicht?" Er schien immer noch nicht zu verstehen. „Ich bin reich", sagte er, als wäre das das Problem gewesen.

„Was? Das ist mir egal. Du könntest König der Welt sein, und es wäre völlig gleichgültig. Du bist immer noch Draco Malfoy!" Langsam drangen ihre Worte wohl durch.

„Granger, ich habe dir gerade ein Angebot gemacht, das man niemals ausschlägt. Es ist eine Ehre, wenn-"

„Nein!", unterbrach sie ihn. „Malfoy, vergiss es. Es ist keine Ehre, es ist widerlich! Ich schlafe doch mit keinem Arschloch, dass mich Schlammblut nennt!"

„Aber… du bist doch ein Schlammblut? Das ist nicht zu ändern, aber ich würde darüber hinwegsehen", fuhr er gönnerhaft fort. Sie konnte es nicht fassen.

„Malfoy, noch einmal für den letzten Todesser: Du widerst mich an. Ich finde dich nicht attraktiv. Ich mag dich nicht. Du bist alles, was ich hasse, und mit noch so viel Gold, würde ich nicht mal meine Socken für dich ausziehen!" Er schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich muss das Wort beim Sex nicht sagen", erklärte er bereitwillig. Sie sah ihn wieder an.

„Hast du noch nie das Wort Nein gehört?", wagte sie zu fragen, und er runzelte die Stirn. Er legte den Kopf schräg.

„Du meinst das wirklich ernst? Ich gebe dir die Aussicht, mit mir zu schlafen, und du schlägst sie wirklich aus?" Jetzt schien er sich tatsächlich beleidigt zu fühlen. Er schien sie für verrückt zu halten.

„Malfoy, du glaubst doch nicht ernsthaft, ich würde mit einem Mann schlafen wollen, der so gut wie verheiratet ist? Du hast mich gerade konsequent beleidigt! Dir mag es Spaß machen, so einen Scheiß zu reden, für dich mag es Vorspiel sein, aber mich widert es an!"

„Es gibt Mätressenverträge. Ganz simple Sache. Du musst nur-"

„Malfoy!", rief sie wieder. „Du hörst-"

„Ich höre zu, verflucht. Ich verstehe nur das Problem nicht!", knurrte er. „Granger, das hier ist auch nicht unbedingt leicht für mich. Aber…" Er atmete plötzlich aus. Und schloss die Augen. „Ich denke… der Sex wäre verflucht grandios, ok?", sagte er jetzt.

„Wieso?", flüsterte sie völlig verständnislos. „Weil wir uns nicht verstehen? Weil ich dich nicht mag? Weil du dich vor mir ekelst?"

„Was?"

„Weil ich ein-"

„Oh, hör schon auf. Das sind Oberflächlichkeiten", erklärte er ungeduldig.

„Was? Was ist sonst zwischen uns?" Sie war nahe einem hysterischen Anfall. Was wollte er denn von ihr? Was hatte sie an der Beziehung zu Draco Malfoy falsch verstanden? Er hasste sie seit Jahren!

„Was denkst du? Dass ich nicht gut wäre? Glaub mir, ich bin ein Gott im Bett, ok? Ich verstehe nicht, weshalb-"

„- ich dich nicht will?" Sie war so froh – so, so froh – dass ihre Eltern schon weg waren. „Wirklich? Ich meine, im Ernst?"

„Weißt du, wie viele Frauen mir diesen Wunsch ausschlagen würden?"

„Wahrscheinlich-"

„Keine, Granger. Keine einzige."

„Dann sind sie alle dumm", erklärte sie ärgerlich. Ihr wurde klar, dass er das völlig ernst meinte. Anscheinend sagte niemand Nein. Zu nichts, was er sagte. „Was denkst du? Dass ich diese Sachen nur sage? Dass ich nicht völlig ernst meine, dass ich dich abscheulich finde?" Und sein verwirrter Blick reichte ihr aus. „Die Antwort ist Nein, Malfoy."

„Ok", sagte er und hob abwehrend die Hände. Er fuhr sich durch die hellen Haare und sah sie jetzt beinahe skeptisch an. Als wäre es immer nur darum gegangen, dass sie irgendwann mit ihm schlafen würde, und er nur noch den Punkt wählen musste!

„Heißt das… du magst mich? Das heißt es doch, oder? In eurer komischen Welt?", vergewisserte sie sich unsicher. Er grinste plötzlich.

„Unsere komische Welt? Granger, ich muss immer im Auge haben, dass ich heirate. Dass ich eine Menge Gold zu verwalten habe."

„Du heiratest", sagte sie mit einem Hauch Ehrfurcht.

„Ja. Ich kenne sie aber nicht. Das ist nur etwas, was ich tun muss."

„Ja, aber es ist wichtig. Das ist nicht einfach irgendein Vertragspunkt, den man abhaken muss. Das ist… wichtig. Das ist dann die Mutter deines Kindes. Und… sie opfert sich auch. Und… es ist schäbig, sie zu betrügen!" Und er lachte tatsächlich.

„Bei uns sieht man das anders", erklärte er.

„Nein! Wenn du nach Hause kommst, und sie weiß, dass du sie betrogen hast, denkst du, das gefällt ihr?" Und sie sah, er dachte nach.

„Granger, sie kennt mich nicht. Sie liebt mich nicht. Bei uns ist das alles ein Geschäft. Es gehört zum Deal." Sie schüttelte wieder den Kopf. „Um deine verfluchte Frage zu beantworten…", begann er wieder. „Ich mag dich nicht. Wenn man eben berücksichtig, wer du bist und was du für einen Blutstatus hast. Aber ich würde gerne mit dir schlafen."

„Hast du überhaupt schon mal etwas aus Liebe getan?" Sie wusste nicht, weshalb sie ihn das fragte. Er war mit Abstand der schönste Mann. Es war seltsam, dass jemand, der äußerlich alles vertreten konnte, was als Schönheitsideal galt, im Innern ein so schrecklicher Mensch war. Und er überlegte. Und er lächelte.

„Nein", gab er lachend zurück, als hätte sie einen besonders witzigen Scherz gemacht. Und auf einmal bekam sie Mitleid.

„Das tut mir leid", sagte sie leise. Sein Lachen klang langsam ab. Und langsam verschwand sein Grinsen, bis völlige Verständnislosigkeit in seinem Gesicht zurückblieb. „Es tut mir wirklich leid für dich", flüsterte sie.

„Keine große Sache", erklärte er, wirkte aber etwas verwirrt.

„Ich würde lieber sterben, als so zu leben."

„Wenn ich ein Schlammblut wäre, würde ich auch lieber sterben." Er versuchte wieder zu lächeln. Aber dieses Mal blieb die Beleidigung wirkungslos.

„Weißt du, wir sagen, die Hölle ist ein Ort ohne Hoffnung und ohne Liebe." Sie machte einen Schritt zu der Tür des Gästezimmers, wo sein Zauberstab lag. „Und so wenig ich dich besonders jetzt auch mag, ich wünsche dir wirklich, dass deine Frau dich liebt. Bedingungslos. Vielleicht wirst du dann doch noch ein besserer Mensch."

Sie wusste nicht, weshalb sie unbedingt wollte, dass er nicht völlig widerlich und kalt war. Wahrscheinlich weil… nein – sie wusste es nicht!

Vor allem grinste er schon wieder.

„Es war ein Angebot. Und… es ist dein Verlust. Schlammblut. Es gibt hundert andere Mätressen, die bereits in der Schlange stehen und warten." Sie nickte daraufhin. Angewidert und müde.

„Gut. Niemand hält dich auf."

Es war ein seltsamer Moment. Irgendwas ging ihn ihm vor, aber sie könnte nicht sagen, was. Ihr Herz schlug sehr schnell. Sie hatte das Gespräch gut gemeistert. Zumindest glaubte sie das. Vielleicht hatte er sich gehalten gefühlt, ihr irgendwelche Mätressenverträge anzubieten, weil sie ihn zu sich geholt hatte. Bedankte man sich so unter Todessern? Wahrscheinlich nicht. Bedankt hatte er sich auch nicht wirklich bei ihr.

Sie hätte ihn gestern auf der Straße liegen lassen sollen. Das wäre für alle einfacher gewesen.

Er ging ins Gästezimmer, kam nach ein paar Sekunden wieder raus und atmete aus. Er sah aus wie immer. Zumindest so, wie sie ihn kannte. Kalt. Groß. Unnahbar und gänzlich unbeeindruckt.

Allerdings sah er so aus, als würde er noch etwas sagen wollen. Aber er schien sich zu beherrschen. Wahrscheinlich würde sie ohnehin gleich aufwachen und feststellen, dass dieses Gespräch niemals stattgefunden hatte. Draco Malfoy hatte niemals Schwäche gezeigt, keine Panikattacke bekommen, sie hatte sich nicht geneigt gefühlt, ihm zu helfen, und er hatte ihr niemals vorgeschlagen, mit ihm zu schlafen, nur weil er sich von ihr gereizt fühlte. War das das äußerste Maß aller Gefühle, was ein Todesser fühlen konnte? Reiz? War das überhaupt etwas Positives?

Während ein düsterer Blick aus seinen grauen Augen endlose Bände sprach, verließ kein weiteres Wort mehr seine schönen Lippen. Ja, sie konnte sich denken, weshalb manche Mädchen niemals Nein sagen würden. Wahrscheinlich könnte Draco Malfoy einem wirklich gefährlich werden. Wenn sie wüsste, dass ihn überhaupt irgendein Gefühl beherrschte – so wie gestern Abend – dann konnte er sogar ihr gefährlich werden, nahm sie an. Sie hatte ihn schließlich aus Sorge mitgenommen, Merlin noch mal!

Aber solange er sich wieder nur um sich scherte, um sein Leben, um sein Verlangen – solange er sie beleidigte und für Dreck hielt – solange blieb er ungefährlich.

Er reizte sie nicht.